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Franz Hahn: Kleine Abhandlung über Mahler

Der komponierende Weltgeist1

Es soll hier einmal um das Werk von Gustav Mahler gehen, der unbestritten zu den revolutionärsten Tonsetzern gehört, die bislang gearbeitet haben. Es ist allerdings allgemein sehr schwer, sich über Musik zu verständigen. Die einzelnen Werke sind relativ unbekannt, das Gehör ist sehr schlecht ausgebildet, die Geduld fehlt und es existiert eigentlich keinerlei Sprache, die die der Musik innewohnenden Qualitäten und Dynamiken in einer Weise beschreibt, die allgemein verständlich ist und auch noch ihren Gegenstand trifft. Entweder man bleibt auf der Ebene der Musikwissenschaft und analysiert ein Werk nach seiner Form, Harmonie, Melodik, Rhythmik, Klangfarbe etc. oder aber man beschreibt es durch ein implizites Programm und versucht so, seine Geschichte zu erzählen. (mehr…)

Franz Hahn: Über die Zauberflöte

Und noch einmal wollen wir im Vorfeld der Veröffentlichung der dritten KSR-Broschüre ein kleines Bonbon veröffentlichen, das ebenfalls im weiteren Sinne auf Inhalte des Heftes verweist. Im Folgenden könnt ihr einen Text von Franz Hahn über Mozarts Zauberflöte lesen – er ist ursprünglich in der 3. Ausgabe (2006) vom Magazin erschienen (auf der Homepage des Magazins können alle alten Ausgaben nach wie vor bestellt werden). In der KSR-Broschur No.3 wird ein Text von Martin Dornis über Ludwig van Beethoven und Gustav Mahler erscheinen.

Rezension

Wie oft kann man nicht z.B. das Gerede hören, der Text der Zauberflöte sei gar jämmerlich, und doch gehört dieses Machwerk zu den lobenswerten Opernbüchern. Das Reich der Nacht, die Königin, das Sonnenreich, die Mysterien, Einweihungen, die Weisheit, Liebe, die Prüfungen und dabei die Art einer mittelmäßigen Moral, die in ihrer Allgemeinheit vortrefflich ist, — das alles, bei der Tiefe, der bezaubernden Lieblichkeit und Seele der Musik, weitet und erfüllt die Phantasie und erwärmt das Herz.
[Georg Wilhelm Friedrich Hegel]

Der berühmte Ägyptologe Jan Assmann aus Heidelberg hat ein Buch über die Zauberflöte geschrieben, aus dem zu berichten lohnt. (mehr…)

Jakob Hayner: Eine Geschichte der Genussmittel

Als eine weitere thematische Vorschau auf die in Kürze erscheinende dritte KSR-Broschüre, veröffentlichen wir an dieser Stelle einen Text über die Geschichte der Genussmittel. Jakob Hayner hat für KSR das 1983 erschienene Buch „Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft“ von Wolfgang Schivelbusch rezensiert. Es handelt von einem wichtigen Aspekt der Arbeit jener Weltgeschichte, in der die Sinne sich als menschliche Wesenskräfte bestätigen, teils erst ausbilden, teils erst erzeugen. In der näheren Zukunft werden wir an dieser Stelle weitere Rezensionen von vergriffenen und vergessenen Büchern veröffentlichen, auf die es einen erneuten Blick zu werfen gilt. (mehr…)

Notizen zu einer Theorie des Geruchssinns

Um die Wartezeit auf das Erscheinen der dritten KSR-Broschüre zu verkürzen, veröffentlichen wir an dieser Stelle eine Vorschau auf das Thema des Heftes. Im folgenden lest ihr das Ergebnis einer kollektiven Nachbereitung des Seminars »Das Riechen – Über die Gefahr sich im Anderen zu verlieren« mit Micha Böhme, das am 10.07.2011 im Rahmen der Reihe »Kunst, Spektakel & Revolution« stattgefunden hat. Von Micha Böhme wird im Heft der Text »Von Lust und Gefahr, sich im Anderen zu verlieren – Ein Essay übers Riechen als dem wohl geächtetsten aller Sinne« erscheinen. (mehr…)

Das Verstummen der Theorie

Hochverehrtes Publikum, liebe Gäste, Fans und Freunde. Am vergangenen Donnerstag, dem 23.08.2012, ist mit einem gut besuchten Vortrag und einem wunderschönen Abend der diesjährige Themenblock der Veranstaltungsreihe Kunst, Spektakel & Revolution zu Ende gegangen. Wie immer ist nach einem solchen Abschluss nicht klar, ob und wie es mit der Reihe weiter geht. In irgend einer Form wird bald sicherlich etwas Neues aus der ACC Galerie zu hören sein – haltet Augen und Ohren offen! Bis dahin könnt ihr euch auf folgende Ereignisse freuen:

  • Am 28.10.2012 ist Jan Sieber noch einmal im GOLEM in Hamburg zu Gast, wo er ebenfalls über Allegorie und Revolte bei Baudelaire und Blanqui referieren wird. Wer in Hamburg wohnt oder dort eine große Schwester hat, sollte sich das nicht entgehen lassen. Bis Dezember werden auch weitere KSR-Veranstaltungen im Golem stattfinden. Weitere Infos hierzu findet ihr auf der Homepage vom Golem.
  • In Kürze sind nunmehr alle Beiträge der KSR-Broschur No.2 online verfügbar. Sobald die letzten beiden Texte online lesbar sind, werden wir auch eine PDF-Version der Broschüre hochladen, sodass auch diejenigen, die nicht in den Genuss kommen konnten ein gedrucktes Exemplar zu erhalten, die Gestaltungskünste von Schroeter & Berger bewundern können.
  • Die Audio- und Videomitschnitte der Vorträge aus dem letzten Themenblock befinden sich in Bearbeitung und werden in Kürze Stück für Stück in der Rubrik Radio zur Verfügung gestellt.
  • Und last but not least befinden wir uns gerade im Endspurt zur Erstellung der KSR-Broschur No.3. Eine Vorschau auf den Inhalt des Heftes findet ihr hier. Das Heft erscheint im Oktober – sobald der genaue Druck-Termin bekannt ist, wird eine Release-Party angesetzt und der Termin über Flyer und Wandanschläge bekannt gegeben.

Sie verstummt also doch nicht ganz, die Theorie.

Rachmuth Brahmschneider: Erfahrung der verräumlichten Zeit

Zum Aspekt der Verzeitlichung bei Friedrich Hölderlin

Das Ereignis des Jarhunderts:
Sie können alles von mir haben!
Denn ich bin ohnehin zerteilt
weil man auf der Strecke bleibt
wenn man zu lang bei sich verweilt
[Schachtelmund: Das Ereignis des Jahrhunderts]

Mit der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise und dem Aufstieg der bürgerlichen Gesellschaft verändern sich nicht nur die Beziehung der Menschen zur Natur und die darin möglichen Beziehungen der Menschen untereinander, sondern damit zusammenhängend auch die Subjektivität und der Sinnesapparat der Menschen, mit denen diese ein Bewusstsein der objektiven Wirklichkeit haben können. Diese Veränderung betrifft auch und insbesondere die Wahrnehmung von Zeit, die in der modernen Vergesellschaftungsform auf spezifische Weise zentral wird. Der Historiker Rainhart Koselleck konstatiert, dass sich in der Sattelzeit um 1800 in der westlichen Kultur die Erfahrung und Wahrnehmung von Zeit grundlegend ändern: während sich bisher die Zukunftserwartung der Menschen aus der Erfahrung der Vergangenheit speiste und damit von der Vorstellung einer sich zyklisch bewegenden Zeit »gerahmt« war, überschreitet nun der »Erwartungshorizont« den »Erfahrungsraum«. Weil Vergangenheit und Zukunft somit auseinandertreten, entsteht nicht nur ein Bewusstsein von Geschichte überhaupt, sondern die Zukunft wird im Bewusstsein der Menschen nun selbst offen, kontingent. Diese neue Konstellation von Erfahrung und Erwartung ist dabei höchst problematisch: die Erwartung des Neuen in einer ungewissen, offenen Zukunft bedeutet eine enorme Unsicherheit und erfordert Bewältigungsstrategien – denn der Zyklus des Mythos, der die Unsicherheiten der Zukunft bisher in die Erzählungen und in die gesellschaftliche Praxis integrieren konnte, ist nun entzaubert.

Ich möchte im ersten Teil dieses Textes herausstellen, inwiefern die gesamtgesellschaftliche Entwicklung mit der Herausbildung des Kapitalismus einen spezifischen Umgang mit Zeit und ein besonderes Bewusstsein von Geschichte und Zeitlichkeit bedingt. Hierzu möchte ich zunächst mit Karl Marx, Georg Lukács und Moishe Postone eine grundlegende materialistische Erklärung dieses Zusammenhangs darlegen, um diese dann mit Hilfe von Pierre Bourdieu, Reinhard Koselleck und Guy Debord in Hinblick auf die historische Entwicklung dieses Zeitverhältnisses zu konkretisieren. Im zweiten Teil möchte ich zeigen, wie Friedrich Hölderlin, dessen Umfeld und Lebenswelt sich von einer entfremdeten Geschichte ergriffen sahen, das Phänomen der Verzeitlichung aller gesellschaftlichen Bereiche in seine eigene geschichtsphilosophische Konzeption aufnimmt. Dies soll vor dem Hintergrund der spezifischen Bedingungen geschehen, in denen Hölderlin als ein Dichter und Intellektueller im Deutschland des frühen 19. Jahrhunderts denkend tätig war. Zuletzt soll ein skizzenhafter Ausblick gegeben werden, inwiefern die Erfahrung einer von den Menschen entfremdeten Geschichte sich über Hölderlins Dichtkunst hinaus in der Geschichte der Literatur aufzeigen lässt. (mehr…)

Spektakelbuchkurs Nr. 4

Überregionales Lese-Wochenende – 13.-15.04.2012 – M 18, Weimar

Wir laden ein zum gemeinsamen Lektüre-Wochenende zur »Gesellschaft des Spektakels« von Guy Debord. An drei Tagen wollen wir uns gemeinsam die beiden Kapitel »Die spektakuläre Zeit« und »Die Raumordnung« erschließen, in denen Debord grundlegende Aspekte des modernen Alltagslebens und der Urbanität analysiert und kritisiert. Das Seminar ist Teil eines losen überregionalen Lesekreises, der sich in bisher 3 Treffen den ersten fünf Kapiteln der Gesellschaft des Spektakels gewidmet hat – NeueinsteigerInnen sind herzlich willkommen; die Lektüre der vorangegangenen Kapitel erleichtert den Einstieg im Seminar.

Das Seminar beginnt am Freitag den 13.04.2012 um 11:00 Uhr – für alle, die schon am Abend zuvor anreisen wollen, organisieren wir am Donnerstag den 12.04. einen gemeinsamen Filmabend (Treffpunkt ab 19:00 Uhr). Das ganze findet in der Marienstraße 18 (siehe Google-Maps) im Sitzungssaal statt. Falls wir Übernachtungsplätze organisieren sollen, bitten wir um eine kurze Kontaktaufnahme.

Material zum Seminar:

Reader zum Seminar
Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels
Einführendes zur Situationistischen Internationale (Audio)
■ Raoul Vaneigem: Basisbanalitäten – Teil 1 | Teil 2
Spektakel, Kunst, Gesellschaft (Grigat, Biene Baumeister Zwi Negator u.a.)

Das Seminar wird unterstützt vom Jugendbildungsnetzwerk der Rosa Luxemburg Stiftung.

Regression des Hörens – Zweiter Teil

Modelle einer kritischen Theorie der Musik

Wochenendseminar mit Martin Dornis – 02./03.06.2012 – M 18, Weimar

Eine materialistische Gesellschaftslehre hat ihr Zentrum in einer Kritik der Musik. Es geht dabei nicht um die Anwendung materialistischer Postulate auf das Gebiet der Musik, sondern darum, diese Kritik aus einer Auseinandersetzung mit der Musik zu entfalten. Die entscheidenden theoretischen Zusammenhänge dazu sind bereits von Horkheimer und Adorno in der »Dialektik der Aufklärung« formuliert. Mit der Etablierung der Herrschaft von Menschen über Menschen und der Ausbeutung von Menschen durch Menschen wird einerseits der verzaubernde, an Befreiung und Versöhnung erinnerde »Klang der Sirenen« aus der gesellschaftlichen Praxis verbannt und dabei die Kunst im allgemeinen, die Musik im speziellen zu einer autonomen, von der Praxis getrennten und gerade dadurch mit ihr verbundenen Sphäre begründet. Die Herausbildung einer autonomen Musik ist in einem das Aussprechen der Herrschaft wie die Kritik an ihr. In der Geschichte der Musik spiegelt sich die Geschichte der Menschheit, verstanden als eine Dialektik der Aufklärung. Paradigmatisch formulierte diesen Zusammenhang der Musikphilosoph und Komponist neuer, radikaler Musik Dieter Schnebel: »Was zu sehen ist, liegt zutage. Das Ohr ist das Organ der Nacht. Hören geschieht im Ablauf der Zeit, ist vergänglich.« Das sinnlich-praktische Verhältnis des Menschen zur Natur bricht unter den Bedingungen von Herrschaft und Ausbeutung in Sehen und Hören auseinander. Während sich im Sehen im alltäglichen, wissenschaftlichen und künstlerischen Umgang mit der Gesellschaft, die heute immer auch Natur ist und der Natur, die heute stets auch Gesellschaft ist, das Moment der Verdinglichung auskristallisiert, kommt im Hören das von der gesellschaftlichen Praxis abgeschobene zum Ausdruck. Die Musik wird damit zum Kulminationspunkt sowohl von Momenten der Befreiung der Menschheit vom universellen Bann des Werts, eines »Eingedenkens der Natur im Subjekt« als auch der regressiven Verschmelzung der Menschen mit der von ihnen selbst geschaffenen Herrschaft im Spätkapitalismus und besonders im Nazifaschismus. Dies ist Grund genug für die Auseinandersetzung mit einer kritischen Theorie der Musik und des Hörens. Im Seminar sollen Texte der Musikphilosophie Adornos diskutiert und anhand der Beschäftigung mit Musikstücken nachvollzogen werden.

Das Seminar ist die Fortsetzung des Musik-Seminars vom letzten Jahr – die Teilnahme am ersten Teil ist dabei keine Voraussetzung für die Teilnahme am 02.06.2012. Wir bitten um eine kurze Anmeldung über das Kontaktformular – die genauen Anfangszeiten, Infos zur Anreise sowie einen Seminar-Reader schicken wir euch nach Anmeldung zu. Falls ihr von außerhalb kommt, können wir uns gern um Übernachtungsmöglichkeiten kümmern – bitte nehmt hierzu kurz Kontakt zu uns auf.

Das Seminar wird unterstützt vom Jugendbildungsnetzwerk der Rosa Luxemburg Stiftung.

Friedrich Hölderlin

und das Werden im Vergehen

Vortrag mit Bersarin – Do 07.06.2012 – ACC, 20:00 Uhr

Friedrich Hölderlin – der Dichter der Deutschen. Diese Lesart mögen etwa sein Gedicht »Der Ister«, welches den Unterlauf der Donau besingt, oder die Hymne »Der Rhein« auf einen ersten Blick nahelegen: Hölderlin, der Dichter der Heimat und zugleich des Griechentums. Solche Sicht zeigt sich etwa in Heideggers Hölderlinlektüren. Hölderlin transformiert sich unter diesem Blick in die Innerlichkeit und die lyrische Gestimmtheit. So wird Hölderlin zum Dichter des Seins umfunktionalisiert – und das ist nicht sehr weit entfernt von des Deutschen Michels Schlafmütze. Was bei einer solch reduzierten Sicht jedoch unter den Tisch fällt, ist der Aspekt des Politischen in der Dichtung Hölderlins, denn es gibt auch jenen anderen Hölderlin, und das wird gerne verschwiegen: den Hölderlin, welcher sich für die Französische Revolution und deren Forderungen nach Gleichheit und Freiheit begeisterte. Das Verrätselte seiner Sprache, etwa in den oben genannten Gedichten, mag über den Aspekt des Politischen in seiner Dichtung hinwegtäuschen. Insbesondere während seiner Zeit im Tübinger Stift entstanden jedoch Gedichte, die sich ganz explizit auf diese Revolution bezogen und den Sturz der Tyrannen besangen. Es brach mit der Französischen Revolution, aber auch mit den Umstürzen in der Philosophie – paradigmatisch dafür: die drei Kantischen Kritiken, sowie die Philosophie Fichtes – eine neue Zeit heran. Dieses Neue registrierte Hölderlin hellsichtig und brachte es vermittels der Dichtung in eine sprachliche Gestalt.

Gegen solche reduzierte und entschärfende Lesart Hölderlins, wie sie etwa die hermeneutische Schule oder Heidegger betrieben, soll zunächst Georg Lukács‘ Aufsatz »Hölderlins Hyperion« in die Lektüre gebracht werden, in welchem gezeigt wird, daß Hölderlins Dichtung und insbesondere sein Roman »Hyperion« diese Revolution mit den Mitteln poetischen Schreibens in eine Form der Darstellung bringen, in welcher der Gehalt von Begriffen wie Gleichheit und Freiheit entfaltet wird. Im Zuge dessen entwickelt sich die Utopie einer freiheitlich organisierten Gesellschaft in Hölderlins Text jedoch aporetisch, weil das, was ihm in Anlehnung an das Griechentum und die Feste Griechenlands vorschwebt, in Deutschland bzw. dem Flickenteppich der Fürstentümer und Königreiche, nicht einzulösen ist. Erst spätere Dichter wie Shelley konnten, so Lukács, die Sphären von gesellschaftlichem Sein und kritischem Bewußtsein, das praktisch zu werden vermag, vermitteln – etwa in der Figur seines Prometheus. Hölderlins Sprache sucht deshalb die Zuflucht beim Mythos und teils auch im Mystischen, denn ihm stehen nicht die Mittel und Möglichkeiten bereit, den Prozeß der Überwindung bzw. der Aufhebung der feudalen und weiterhin dann der bürgerlichen Gesellschaft in die poetische Reflexion zu bringen. Diese Aporie der Hölderlinschen Dichtung und zugleich ihre Tragweite macht Lukács einsichtig. Die Stoßrichtung von Lukács‘ Lektüre ist eine geschichtsphilosophische Interpretation Hölderlins.

Vor dem Hintergrund dieser geschichtsphilosophischen Perspektivierung möchte ich zu Adornos Hölderlin-Essay »Parataxis« überleiten (und möglicherweise, sofern die Zeit es zuläßt, auch Peter Szondis Hölderlinstudien streifen), um gleichsam einen Gegenpol zum Text von Lukács zu schaffen. Bedingt ist dieser Bruch und die Verschiebung der Akzente in der Interpretation Hölderlins vor allem durch die geschichtlichen Veränderungen: Konnte Lukács in den 30er Jahren auf ein Proletariat als historisches Subjekt rekurrieren, das Geschichte zu ändern vermag, so ist dies in der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule nicht mehr umstandslos möglich. Im Zeichen von Faschismus, Stalinismus und einem entfesselten Kapitalismus wird das kritische Bewußtsein aufgerieben.

Was Lukács bei Hölderlin geschichtsphilosophisch an die Realität von Gesellschaft bindet, das wird bei Adorno zu einer Reflexion auf die Sprache selbst. Diese Verschiebung in der Hölderlin-Interpretation hin zur Sprache als kritischer Instanz sowie das Verhältnis von Subjekt und Natur gilt es als Prozeß nachzuzeichnen.

Die Aporien und die Ausweichbewegungen Hölderlins hin zu einer schwarz verhängten Utopie sind in der Tat einem materialen und gesellschaftlichen Moment geschuldet, welches sich als Misere in der Geschichte potenzierte, und von der Gegenwart und der Ästhetik Adornos her gedacht, nurmehr im Diskurs des Ästhetischen und in der Reflexion kritischer Philosophie erfahrbar zu machen ist – nicht anders eigentlich als zu Hölderlins Zeit. Allerdings: Im Schatten von Auschwitz und der Möglichkeit der universalen Vernichtung der Menschheit durch den Menschen selbst, wirft sich die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von Utopie und von verändernder, eingreifender Praxis überhaupt auf. Im Zusammenhang mit Adorno und insbesondere seinem Satz, dass nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, barbarisch sei, wie er dies in seinem Aufsatz »Kulturkritik und Gesellschaft« formulierte und später dann in seiner »Negativen Dialektik« revidierte, möchte ich kurz die Dichtung Paul Celans streifen. Celan selbst bezog sich dabei vielfach auf Hölderlin, insbesondere über jene Form von Sprache, welche an die Grenze ihres Ausdrucks, an die Grenze des Verstummens gerät und zugleich in die Musik übergleitet. Aus dieser Konstellation heraus soll eine Möglichkeit poetischen Sprechens nach Auschwitz bzw. im Zeichen von Katastrophenerfahrungen entfaltet werden.

Bersarin, Jahrgang 1964, studierte Philosophie, Soziologie, Germanistik und nebenher Kunstgeschichte. Er lebt und arbeitet in Berlin, ist tätig im Verlagswesen und beschäftigt sich mit der Philosophie und Ästhetik der Moderne sowie der Postmoderne. Insbesondere die Philosophie Kants, Hegels, Adornos und Benjamins wie auch Positionen des Französischen Poststrukturalismus gehören zu seinem Arbeitsfeld. Er betreibt den Blog »Aisthesis« (bersarin.wordpress.com) und macht Fotos, die er zuweilen hier zeigt: proteusphotographie.wordpress.com.

Heinrich Heine

und der Präcommunismus

Vortragsgespräch mit Klaus Briegleb Do 05.07.2012 – ACC, 20:00 Uhr

Achtung: Der Termin musste aus gesundheitlichen Gründen verschoben werden und findet jetzt statt am:

- Fr 13.07.2012 – ACC, 20:00 Uhr

»Wie kein anderer deutscher Schriftsteller war Heinrich Heine dazu prädestiniert, ein Grenzgänger zu werden, wurde er doch auf der Grenze zweier Jahrhunderte und zweier Welten geboren und wuchs zwischen zwei Kulturen und Religionen auf. Wie kein anderer fühlte er sich gezwungen, Grenzen zu passieren, zu verletzen und einzureißen. Blieb sein Leben durch Überqueren geographischer, politischer und religiöser Grenzen geprägt, so sein Werk durch Versetzen ästhetischer, intellektueller und schließlich existentieller Marksteine.« [Gerhard Höhn]

»Der ›zynische Materialismus‹ Heines leistet dies: Er spaltet in der Erinnerung die falschen Vereinheitlichungen im revolutionären Denken wieder auf und stellt die gespannten Beziehungen des Intellektuellen zur Geschichte genauer auf die wirkliche Wirklichkeit menschlicher Alltagserfahrung ein. Heine zudem spricht als Künstler, als das Genie eines ästhetischen Materialismus, der die Tröstungen der Schönheit für das wirkliche Leben der Menschen auch dann noch bereit hält, wenn sie von der Schwelle des Grabes herüber sprechen muß, das ihr in der modernen Menschheit geschaufelt wird. Hier wird nun die politische Dimension von Schönheit und Trost erkennbar. Marx weiß, daß Heine einer der frühen großen deutschen Kritiker der Entfremdung des Menschen von sich selbst unter den Bedingungen einer kapitalistischen Gesellschaft ist. Welchen Preis der Dichter für seine Kritik zu zahlen hatte, weiß Marx auch. Er kannte inzwischen selber die, wie Heine das nennt, ›schreckliche Krankheit des Exils, die Armut‹.« [Klaus Briegleb]

»Unbestritten ist Heines Literatur ›die eines Aufbegehrens gegen Überkommenes‹ ist kritischer Widerspruch gegen ›die bestehende Ordnung.‹ Insofern dieser Widerspruch der universal-revolutionären Ordnung Vollendung des mit 1789 begonnenen Umsturzes gewidmet ist und Heines Schriften daher unter dem Titel ›Revolutionsliteratur‹ subsumiert werden können, lassen sie sich in mancher Hinsicht als ›Wörterbuch der Revolution‹ untersuchen.« [Jutta Nickel]

»Nach dem zerstörungsbedingten Rückzug Gottes aus der Welt liegt sie dem Dichter Heine als zertrümmerte, geistlose, konsonantische Buchstabenfolge vor Augen; sie ist allegorisches Stückwerk, in dem durch die Arbeit des philosophisch geschulten Dichters der Gottesname in das ›Jetzt‹ seiner Erkennbarkeit ein- und so Gott aus seinem anfänglich abstrakten Sein heraustritt und in menschlicher Geschichte ›zum Bewußtsein seiner selbst [kommt]‹.« [Jutta Nickel]

»In seiner Aversion gegen revolutionäre Reinheit und Strenge meldet sich Mißtrauen gegen das Muffige und Asketische an, dessen Spur bereits manchen frühen sozialistischen Dokumenten nicht fehlt und weit später verhängnisvollen Entwicklungen zugute kam. Heine der Individualist, der es so sehr war, daß er sogar aus Hegel nur Individualismus heraushörte, hat doch dem individualistischen Begriff der Innerlichkeit nicht sich gebeugt. Seine Idee sinnlicher Erfüllung begreift die Erfüllung im Auswendigen mit ein, eine Gesellschaft ohne Zwang und Versagung. […] Heines Gedichte waren prompte Mittler zwischen der Kunst und der sinnverlassenen Alltäglichkeit. […] Die sich selbst widerspiegelnde und damit wiederum sich selbst kritisierende Willfährigkeit seiner Gedichte demonstriert, daß die Befreiung des Geistes keine Befreiung der Menschen war und darum auch keine des Geistes. […] Sein Wort steht stellvertretend ein für ihr Wort: es gibt keine Heimat mehr als eine Welt, in der keiner mehr ausgestoßen wäre, die der real befreiten Menschheit. Die Wunde Heine wird sich schließen erst in einer Gesellschaft, welche die Versöhnung vollbrachte.« [Theodor W. Adorno]

Im Gespräch mit Klaus Briegleb (Literaturhistoriker, Heine-Forscher und Herausgeber der sämtlichen Schriften Heines im Deutschen Taschenbuch Verlag) wollen wir uns einige Aspekte des Werks und Lebens von Heinrich Heine erschließen und über die Aktualität seiner Schriften diskutieren.

Lautréamont

und das Programm einer neuen Dichtung

Vortrag mit Stefan Hackländer – Do 12.07.2012 – ACC, 20:00 Uhr

»In einer verdrängenden Sozialordnung, die die Gleichsetzung von normal, gesellschaftlich nützlich und gut fordert, müssen die Manifestationen der Lust um ihrer selbst willen als ›Blumen des Bösen‹ erscheinen. In Herausforderung einer Gesellschaftsordnung, der die Sexualität als Mittel zu einem nützlichen Zweck dient, verteidigen die Perversionen die Sexualität als Zweck an sich; sie stellen sich damit außerhalb des Herrschaftgebietes des Leistungsprinzips und bedrohen es in seinen Grundfesten. Sie stiften libidinöse Beziehungen, die die Gesellschaft verdammen muß, da sie eben den Zivilisationsprozeß bedrohen, der den Organismus zu einem Arbeitsinstrument umgebildet hat. Sie sind das Symbol dessen, was unterdrückt werden mußte, damit die Verdrängung siegen und die immer wirksamere Beherrschung von Mensch und Natur durchsetzen konnte – ein Symbol der zerstörerischen Identität von Freiheit und Glück.« [Herbert Marcuse]

»Die Gesänge des Maldoror« des geheimnisvollen Autoren Lautréamont (1846 – 1870) gehören zu den schönsten, gleichwohl schrecklichsten und verstörendsten ›Romanen‹ der literarischen Moderne – eine Blume des Bösen, die hier in ungestümer, in ihrer Bestialität dennoch sublimer Weise aus der Verdrängung hervorbricht. Den Gesängen folgen die Poésies, die das Vorwort der »Gesänge des Guten« werden sollen – sie sind mit Hilfe der Entwendung anderer Gedichte und Werke geschrieben und loben das Gute des Menschen. Diese Dialektik wiederholt sich wenig später in der wirklichen Geschichte in umgekehrter Reihenfolge: als Aneignungsbewegung der Pariser Commune und deren blutiger Niederschlagung im Jahr 1871. Stefan Hackländer (Student der Germanistik und Philosophie sowie Gitarrist in einer Blackmetal-Band) spricht über Aspekte der Schriften von Lautréamont und wie dieser – in Entsprechung zu Arthur Rimbaud und Charles Baudelaire – das Programm einer neuen Dichtung begründete.

Arthur Rimbaud

die Niederschlagung der Commune und das Verstummen der Poesie

Vortrag mit Helmut Dahmer – Do 09.08.2012 – ACC, 20:00 Uhr

»Rimbaud war Rebell. Einer, der seine eher sanftmütige Natur gegen Erniedrigung und Depravation panzerte. Der auf Veränderung für sich und andere aus war und nach dem Geheimnis suchte, ›das Leben ändern‹. Der wußte, als er es für sich gefunden hatte, daß er damit zu einer ›ernsten Gefahr in der Gesellschaft‹ werden konnte. Sie hat ihm seine Anmaßung bis heute nicht verziehen, diese Gesellschaft der Bourgeoisie. […] Rimbaud kann indes nicht anders denn als Zeitgenosse der Pariser Commune die ein ›neuer Ausgangspunkt von welthistorischer Wichtigkeit‹ (Marx) war, gelesen werden. Der Aufstand der Pariser Communarden und ihre Niederlage sind die geschichtliche Grunderfahrung, deren Spuren das gesamte Werk auf eine nicht auf der flachen Hand liegende Weise durchziehen. Dieses Werk des frühreifen Dichters, Musterschüler seiner Klasse und brillanter Kenner der klassischen Rhetorik, ist in nur fünf Jahren zwischen 1870 und 1875 entstanden. Im Alter von fünfzehn bis neunzehn Jahren erarbeitete Rimbaud seine Dichtungen, die nicht nur der französischen Poesie ganz neue Möglichkeiten erschließen sollten, sondern die ›eine kopernikanische Wende der modernen Dichtung‹ (Werner Krauss) überhaupt einleiten.« [Karlheinz Barck]

»Arthur Rimbaud und zwei seiner Zeitgenossen – der zehn Jahre ältere Nietzsche und der anderthalb Jahre jüngere Freud – haben zur Entzauberung (oder Depossedierung) des Ichs in besonderer Weise beigetragen, indem sie in seinem Inneren selbst ein Anderes, ein Nicht-Ich kenntlich machten.« [Helmut Dahmer]

Nachdem Arthur Rimbaud eine »objektive« Dichtung begründet und einige der unkonventionellsten Gedichte und Prosa-Stücke der Moderne geschrieben hatte, brach er abrupt mit der Dichtung und begann, als Abenteurer und scharfsichtiger Beobachter durch die Welt zu reisen, bevor er als (Waffen-)Händler und Geograph von Aden und Harar aus in (damals) unerforschtes Gebiet (Ogaden) vordrang. Helmut Dahmer (Soziologe und Herausgeber einer Sammlung von Trotzki-Schriften) beschäftigt sich mit Psychoanalyse und Kritischer Theorie und spricht über einige Aspekte des Lebens und Werks von Arthur Rimbaud.

Zur Geschichte der Pariser Commune von 1871

Filmabend & Seminar

Filmabend und Wochenendseminar 10.-12.08.2012

»Freilich hat die revolutionäre Partei in Frankreich, bei ihrem Erwachen angegriffen, unorganisiert, durch verschiedene Elemente gehemmt, zu einem militärischen Kampf gezwungen, weder ihre Ideen noch ihre Legionen entfalten vermocht, und die Revolutionäre sind nicht so thöricht, in dieser Episode, wie gigantisch sie auch sei, die ganze Revolution zu sehen. Dieser Kampf ist nur ein Vorspiel, ein ›Vorpostengefecht‹, wie Bebel sagte. Aber die revolutionäre Partei in Frankreich hat ein unvergeßliches Beispiel der Initiative, der Kühnheit und des Muthes hinterlassen. Wenn sie nicht gesiegt hat, so hat sie doch wenigstens den Weg gezeigt. Mehr noch; sie tritt die chauvinistischen Traditionen, die sich in den Sozialismus eingeschlichen hatten, mit Füßen, sie setzt nicht einen thörichten Stolz darein, ihre Fehler zu leugnen. Sie enthüllt sie vielmehr, damit sie der Zukunft der Lehre dienen, damit der Sohn nicht den Weg des Vaters aufs Neue zu machen habe.« [Prosper-Olivier Lissagaray]

»Die Kommune von 1871 konnte nichts anderes sein als ein erster schwacher Versuch… Wenn wir uns ausschließlich an die wirklichen und greifbaren Taten der Kommune halten würden, dann müssten wir sagen, daß dieser Gedanke nicht umfassend genug war… Wenn wir uns dagegen an den revolutionären Geist halten, an die Tendenzen, welche sich zur Geltung zu bringen strebten und keine Zeit hatten Tatsachen zu werden, weil sie schon in der Knospe unter Bergen von Leichen erstickt wurde – dann werden wir die ganze Tragweite jener Erhebung und die Sympathien verstehen, welche sie den Arbeiterklassen … einflößt.« [Pjetr Kropotkin]

»Das bloße Bestehn der Kommune führte, als etwas Selbstverständliches, die lokale Selbstregierung mit sich, aber nun nicht mehr als Gegengewicht gegen die, jetzt überflüssig gemachte, Staatsmacht. […] Die Kommune machte das Stichwort aller Bourgeoisrevolutionen – wohlfeile Regierung – zur Wahrheit, indem sie die beiden größten Ausgabequellen, die Armee und das Beamtentum, aufhob. Ihr bloßes Bestehn setzte das Nichtbestehn der Monarchie voraus, die, wenigstens in Europa, der regelrechte Ballast und der unentbehrliche Deckmantel der Klassenherrschaft ist. Sie verschaffte der Republik die Grundlage wirklich demokratischer Einrichtungen. Aber weder „wohlfeile Regierung“ noch die „wahre Republik“ war ihr Endziel; beide ergaben sich nebenbei und von selbst.« [Karl Marx]

Nicht einem vermeintlichen Fortschritt in die Zukunft anzuhängen, sondern die Vergangenheit zu rächen – dies ist, was Walter Benjamin als Imperativ revolutionären Geschichtsbewusstseins formuliert. Aus diesem Grund lohnt es, sich mit der Pariser Commune von 1871 zu beschäftigen und in ihr nach Unabgegoltenem zu suchen. In dieser ersten großen proletarischen Erhebung kulminierten auch zahlreiche Momente der Moderne. Gegen die Heroisierung der Commune durch die KP-Ideologen und Staatssozialisten wollen wir in einem Wochenendseminar die Ereignisse der Pariser Commune rekonstruieren und uns mit ihrer Behandlung in den Texten von Marx, den Anarchisten und Rätekommunisten, sowie den Situationisten auseinandersetzen – nicht im Sinne einer problemlosen Anknüpfung und Fortführung jener Tendenz, sondern als kritische Aneignung einer selbst problematisch gewordenen Revolutionsgeschichte. Weitere Informationen über Inhalt und Ablauf des Seminars folgen in Kürze.

Allegorie und Revolte bei Baudelaire und Blanqui

Walter Benjamins Zeugen der Urgeschichte des 19. Jahrhunderts

Vortrag mit Jan Sieber – Do 23.08.2012 – ACC, 20:00 Uhr

»Man befand sich gleichsam in einer Kapelle, die dem orthodoxen Ritus der Konspiration gewidmet war. Die Türen standen jedermann offen, aber man kam nur wieder, wenn man Adept war. Nach dem verdrießlichen Defilee der Unterdrückten erhob sich der Priester dieser Stätte. Sein Vorwand war, die Beschwerden seines Klienten zu resümieren, des Volks, das von dem halbend Dutzend anmaßender und gereizter Dummköpfe, die man eben gehört hatte, repräsentiert wurde. In Wirklichkeit setzte er die Lage auseinander. Sein Äußeres war distinguiert, seine Kleidung tadellos; sein Kopf war feingebildet; sein Ausdruck still; nur ein unheilverkündender, wilder Blitz fuhr manchmal durch seine Augen.« [J.-J. Weiss über Blanqui]

»Der bedeutendste der Pariser Barrikadenchefs, Blanqui, saß damals [zur Zeit der Pariser Commune] in seinem letzten Gefängnis, dem Fort du Taureau. In ihm und seinen Genossen sah Marx in seinem Rückblick auf die Junirevolution ›die wirklichen Führer der proletarischen Partei‹. Man kann sich von dem revolutionären Prestige, das Blanqui damals besessen und bis zu seinem Tode bewahrt hat schwerlich einen zu hohen Begriff machen. Vor Lenin gab es keinen, der im Proletariat deutlichere Züge gehabt hätte. Sie haben sich auch Baudelaire eingeprägt. Es gibt ein Blatt von ihm, das neben andern improvisierten Zeichnungen den Kopf von Blanqui aufweist.« [Walter Benjamin]

Charles Baudelaire holt das Alltägliche, den Lärm der Straße, die permanente Anwesenheit der Masse in den Großstädten, das Triviale, das Geschäft der Lohnarbeit und den Schock in die Dichtung hinein. In der warenproduzierenden Moderne – die mit der Abschaffung der Erzählung und der Einführung der Information als Stückware die Möglichkeit von Erfahrung untergräbt – widmet sich Baudelaire einem melancholischen Realismus, der die permanente Anspannung der in ihr lebenden Subjekte mimetisch reproduziert und damit gleichzeitig bricht. Indem er das Schock-Erlebnis, dem die Großstadtbewohner ständig ausgesetzt sind, künstlich überhöht und als dichterisches Fragment eine Form gibt, ringt er ihm die Möglichkeit von Erfahrung ab. Er setzt nicht das Authentische gegen die Blasiertheit, sondern pariert Entfremdung mit Entfremdung. Walter Benjamin hat Charles Baudelaire mit dem Barrikadenkämpfer Louis-Auguste Blanqui verglichen: Beide rechnet er dem Milieu der Bohème zu. Das Blitzen, das während seiner Reden in den Augen Blanquis erscheint, findet Benjamin in den Gedichten Baudelaires wieder.

Für Walter Benjamin sind August Blanqui und Charles Baudelaire, Zeugen – ersterer, als »der bedeutendste der Pariser Barrikadenchefs« der französischen Junirevolution von 1848, Zeuge jener untergründigen und eigentlichen Geschichte, die die Geschichte der Verlierer, der Unterdrückten, der Sklaven und – in ihrer modernen Erscheinung – des Proletariats ist; letzterer, als größter französischer Dichter der Moderne, Zeuge des Verfalls der Erfahrung im Zeitalter des Hochkapitalismus. Nicht nur ihre Zeitgenossenschaft, Baudelaires Beteilung an der von Blanqui gegründeten Gruppe Société républicaine centrale oder ihr beider Kampf auf den Pariser Barrikaden verbindet sie. Für Benjamin ist ihre tiefere Verwandtschaft eine charakterliche Haltung gegenüber der modernen Welt: »der Rätselkram der Allegorie beim einen, die Geheimniskrämerei des Verschwörers beim anderen.« Blanqui und Baudelaire verkörpern jeweils eine Seite desselben: Allegorie und Verschwörung, geschichtliche Erfahrung und revolutionäre Praxis. »Blanquis Tat ist die Schwester von Baudelaires Traum gewesen. Beide sind ineinander verschlungen. Es sind die ineinander verschlungenen Hände auf einem Stein, unter dem Napoleon III. die Hoffnungen der Junikämpfer begraben hatte.« Wenn für Benjamin Geschichtsschreibung heißt, die Geschichte gegen den Strich zu bürsten, dann bedeutet dies, die Geschichte der Moderne, verdichtet in der von Paris, der Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, und der Kultur des französischen Second Empire von den Barrikaden des Pariser Proletariats her, der Niederlage der Pariser Kommune und der Repression der Arbeiterbewegung in den darauf folgenden Jahrzehnten zu lesen. Der Vortrag wird die Konstallation zwischen Blanqui und Baudelaire in Benjamins Passagen-Werk sowie ihren Einfluss auf Benjamins Geschichtsbegriff verfolgen.

Jan Sieber, studierte in Bremen, Lüneburg und London Kunst- und Kulturwissenschaften sowie Philosophie; momentan wissenschaftlicher Mitarbeiter und Promovent an der UdK Berlin; Mitglied der Gruppe und Mitherausgeber der gleichnamigen Zeitschrift Anthropology+Materialism; Mitglied von Berlin Group for Radical Thinking.

Kerstin Stakemeier – Konstruktivismus und (Re)Produktion

László Moholy-Nagy und der revolutionäre Konstruktivismus

[Dieser Text erschien ursprünglich als Beilage zur Neuauflage und Verfilmung des Typoskripts »Dynamik der Großstadt« von Moholy-Nagy durch Schroeter und Berger.]

»Vor der visuellen Kunst eröffnen sich eben im Moment des Begrabens ihrer etablierten Formen, deren Abgesang wir […] erlebten, außerordentlich weite Horizonte, und ich lade den Leser ein […] an der ›Taufe‹ der neuen Formen und des neuen Inhalts in der Kunst teilzunehmen. Diese neue Formen tragen den Namen ›Kunst in der Produktion‹ oder ›Produktionsmeisterschaft‹. Der ›Inhalt‹ wird hier zu Nützlichkeit und Zweckmäßigkeit des Produkts, zur tektonischen Qualität, die die Form und Konstruktion des Produkts bedingt und seine soziale Stimmung und Funktion belegt. […] Das soziale Problem der freuen Arbeit wird gelöst durch die Annäherung jeglicher Arbeit an die Arbeit des Künstlers«1

Der Produktivist Nikolaij Tarabukin zeichnete in seinem Traktat »Von der Staffelei zur Maschine« (1925) die Möglichkeiten nach, die sich auf einer Auflösung der künstlerischen in die allgemeine Produktion ergeben würden. Diese Mechanisierung der künstlerischen Produktionsmittel bedeutete angesichts der sozialistischen Revolution, in deren Rahmen Tarabukin schrieb, die künstlerischen Produktionsmittel auf die Höhe der allgemeinen Reproduktionstechnik zu bringen.2 Mit der künstlerischen Ausnutzung von Fotografie und Film sah er in der Geschichte der Kunst erstmals die Möglichkeit, sich von der Herrschaft des Naturalismus durch die Malerei loszusagen. Tarabukin und andere Produktivisten – wie Boris Arvatov, Vladimir Tatlin oder Alexander Rodchenko – hatten es sich zur Aufgabe gemacht, die vormals ›bloß‹ künstlerische Produktuion in die Gebrauchswertproduktion zu überführen, um damit die Kunst nicht nur aus ihrer bürgerlichen Folgenlosigkeit, sondern auch die Arbeit der Gebrauchswertproduzenten aus ihrer nur mechanischen Wiederholung zu befreien. Im Zeichen der Revolution sollten Kunst- und Massenproduktion nicht länger getrennt sein, sondern zu einer allseitigen Erweiterung der menschlichen Möglichkeiten dienen, zu einer Freisetzung der individuellen Vermögen, die nicht länger von der bürgerlich-kapitalistischen Professionalisierung und ihrer industriell verwalteten Arbeitsteilung eingeschränkt sein sollten. Das bedeutete für die Kunst eine Erweiterung nicht nur ihrer Produktionsmittel, sondern auch ihres verantwortlichen Umgangs mit ihnen und ihre Erweiterung in den industriellen Produktionsbereich.

1929 formuliert László Moholy-Nagy in seiner Schrift »Von Material zu Architektur« die Grundlage seines Lehrprogramms aus eben diesem Verhältnis von Kunst und Produktion:

»Der Revolutionär sollte sich immer darüber im Klaren sein, dass der Klassenkampf sich letztenendes nicht vom Kapital, noch von den Produktionsmitteln handelt, sondern vom Recht des Individuums auf eine ausfüllende Tätigkeit, ein Lebenswerk das inneren Bedürfnissen entspricht, […] und einer wirklichen Freisetzung menschlicher Kräfte.«3 (mehr…)

KSR#2 ist erschienen

Die zweite Broschüre zur Veranstaltungsreihe Kunst, Spektakel & Revolution ist erschienen und kann ab sofort über das Kontaktformular bezogen werden. Das fünfzig-seitige Heft enthält sieben Texte und eine Beilage – weitere Informationen, die Einleitung und eine Leseprobe gibt es hier.

Auch im Jahr 2012 wird die Reihe, nunmehr in einem vierten Teil, eine Fortsetzung finden. Wir werden uns mit dem Schicksal von Künstler_innen, Avantgardist_innen und Intellektuellen zwischen den beiden Weltkriegen auseinandersetzen und auf welche Weise Nationalsozialismus und zweiter Weltkrieg ihr Wirken beeinflusst haben. Insbesondere wollen wir uns die Frage stellen, wie sich die Perspektive auf Autonomie und Aufhebung der Kunst nach 1945 verschoben hat. Weitere Informationen hierzu wird es Anfang des Jahres 2012 an dieser Stelle geben. Bis dahin weisen wir auf den Vortrag von Wolfgang Bock über László Moholy-Nagy am 19.01.2012 hin.

Release Broschur: Kunst, Spektakel und Revolution #2

Präsentation unserer zweiten Broschüre und Vortrag zu den Konstitutionsbedingungen und der Beschaffenheit revolutionärer Subjektivität

Mittwoch 21.12.2011 – 18:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Im Jahr 2009 begann die Veranstaltungsreihe »Kunst, Spektakel und Revolution« als eine Zusammenarbeit zwischen der ACC Galerie Weimar und dem Bildungskollektiv Erfurt. Seither fanden in diesem Rahmen ca. 25 Veranstaltungen statt, die sich auf unterschiedliche Weise mit dem Verhältnis von Ästhetik und Gesellschaftskritik auseinandergesetzt haben. Nachdem wir im Rahmen der Reihe Anfang 2010 bereits eine Publikation mit Texten zum Thema herausgegeben haben, freuen wir uns am 21.12.2011 nun unsere zweite Broschüre präsentieren zu können. Sie enthält sieben Textbeiträge von Tilman Reitz, Christopher Zwi, R.G. Dupius, Clemens Bach, Björn Öllers, Jan C. Watzlawik, Kerstin Stakemeier, Roger Behrens und Magnus Klaue zu den Themen »Charles Fourier und die Avantgarden«, »Lautreamont & Detournement«, »Dandy & Paradoxie«, »Krise und Zerfall des Liberalismus bei Charles Dickens«, »Die Expressionismusdebatte in ihrer Zeit«, »Die Sicherheitsnadel als Gegen-, Wider- und Umstand« und »Die postmoderne Empfindsamkeit«. Um den Abend inhaltlich zu gestalten und noch einmal die Revolution im Titel unserer Veranstaltungsreihe zu unterstreichen, haben wir zwei Menschen von der AG Gesellschaftskritik aus Dresden eingeladen, die über »Proletarität und Revolutionstheorie« referieren werden.

Ankündigungstext zum Vortrag

Das »Proletariat« hat als Chiffre eine lange, unrühmliche Karriere hinter sich. Im »traditionellen Arbeiterbewegungsmarxismus« mit dem historischen Phänotypen des Proleten identifiziert, welcher qua seiner Stellung im Produktionsprozess und seiner moralisch verstandenen Knechtung revolutionäres Bewusstseins spontaneistisch im Klassenkampf entwickeln müsse, oder per se rebellisch jenseits der Fetischisierungen, Mystifizierungen und Naturalisierungen der kapitalistischen Verkehrsformen stünde, hat sich spiegelverkehrt dazu das Gros der Marxisten und Linken enttäuscht vom Proletariat verabschiedet, nachdem dieses nicht seinem »geschichtlichen Beruf« (Marx) nachgekommen ist, sondern sich stattdessen ganz im Gegenteil als das erwiesen hat, als was es im kapitalistischen Produktions und – Verwertungsprozess gesetzt ist: variabler Teil des Kapitals. Seit dem Untergang des sogenannten »Realsozialismus«, sowie der »prolet-arischen« (Franz Neumann) Konterrevolution des Nationalsozialismus und der Shoa schwankt die westliche Linke allgemein und die deutsche insbesondere zwischen einer abgeschmackten Neuauflage der positiven Revolutionstheorie des Traditionsmarxismus, der (wertkritischen) Soziologisierung des Proletariats, einer Ausweitung des »utopische Bilderverbot(s) auch auf die Frage nach dem revolutionären Subjekt« (Ingo Elbe) und dem postmodernistischen »Abschied vom (revolutionären) Subjekt«. Während sich die fortschreitende Akkumulation des Kapitals weiterhin über die extensiv wie intensiv akkumulierende Proletarisierung eines Großteils der Menschheit vollzieht, ist der Begriff von der »Daseinsform, Existenzbestimmung« (Marx) der Proletarität und den Möglichkeiten ihrer Aufhebung in der Dimension revolutionärer Theorie und Praxis verschüttet. Gegen die Arbeitertümelei des Proletkults einerseits und die ihr aufsitzende Abkehr vom Proletariat andererseits wäre Proletarität nicht als Antwort auf die Scheinfrage zu begreifen, ob das Proletariat bereits das revolutionäre Subjekt sei, sondern als eine Voraussetzung des dynamischen Prozesses seiner Subjekt- und Bewusstwerdung zu rekonstruieren, die eine kommunistische Revolution realistisch möglich und denkbar macht. Nur in einer nüchternen Bestimmung der Bedingungen, objektiven Möglichkeiten und Tendenzen einer kommunistischer Vergesellschaftung lassen sich die Formen und der Inhalt revolutionärer Subjektivität als der »Klasse des Bewusstseins« (Lukács) konkretisieren, die sich auf der Höhe der modernen Vergesellschaftung wissenschaftlich über ihre Lebensverhältnisse klar wird und sie praktisch umwälzt. Der Zusammenhang des Proletariats mit einer kommunistischen Revolutionstheorie wäre also in dem konkreten Beantwortungsprozess der Frage zu erschließen, wie diese Revolution beschaffen, was ihre Voraussetzungen, Mittel und Ziele sein könnten.

László Moholy-Nagy

und die Rettung der Objekte durch Licht

Vortrag von Wolfgang Bock – 19.01.2012 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Der ungarische kubistische Maler, Photograph und Designer Lászlo Moholy-Nagy gilt als einer der wichtigsten Vertreter des Bauhauses. Walter Gropius holt ihn 1923 als Lehrer nach Weimar. Er wird Nachfolger von Johannes Ittten, übernimmt als Meister die Metallwerkstatt und ist verantwortlich für die Materiallehre im berühmten Vorkurs. Er beginnt, ebenfalls mit Gropius, die Arbeit an den Bauhausbüchern, deren Typographie er stilbildend prägt. In Weimar lernt er photographieren und Moholy-Nagy gilt neben Man Ray als einer der »Erfinder« des Photogramms. Sein Beitrag für die Moderne ist kaum zu überschätzen.

Moholy-Nagy betrachtete als Konstruktivist die Möglichkeiten der menschlichen Wahrnehmung als »funktionale Entwicklung der einzelnen Apparate der Sinneswahrnehmung«; ihrer spezifischen Vorgehensweise stellt er die Logik der Maschinentechnik gegenüber und will beide als fortgeschrittensten Ausdruck des Gestaltungsvermögens verstehen. Dieser Zusammenhang ist politisch motiviert. Wie der junge Marx erkennt er in der Entwicklung der Produktivkräfte eine wichtige Bedingung für gesellschaftliche Entwicklung. Als jüdischer ungarischer Anarchist unterstützt Moholy-Nagy die Budapester Räterepublik, geht dann nach deren Fall nach Wien und Berlin. Die politische Dimension geht bei Moholy-Nagy ein in einen spezifischen Begriff von Material und Licht.

Wolfgang Bock schildert die Anfänge seiner Arbeit in Weimar und würdigt seine späteren Arbeiten für eine kritische Ästhetik und Medienwissenschaft.

Wolfgang Bock, geboren 1957, studierte Biologie, Psychologie, Literaturwissenschaft und Pädagogik an der Universität Bremen. Von 1990 bis 2000 lehrte er dort Germanistik, Psychologie, Pädagogik, Kunst und Kulturwissenschaft sowie Arbeits- und Gesundheitswissenschaften. Von 2001-2006 unterrichtete er Theorie und Geschichte der Visuellen Kommunikation an der Bauhaus-Universität Weimar. 2007 bis 2011 war er Gastprofessor an der Bundesuniversität des Staates Rio de Janeiro (Unirio) und an anderen Universitäten in Brasilien, unter anderem auch am Design-Institut ESDI der UERJ. Ab 2012 ist er Professor für deutsche Literatur und Sprache an der Bundesuniversität von Rio de Janeiro (UFRJ). Publikationen über Design, Neue Mythologie, Kritische Theorie, Postmoderne, Rechtsradikalismus, Bildungstheorie und Neue Medien. Sein jüngstes Buch: »Vom Blickwispern der Dinge. Sprache, Erinnerung und Ästhetik bei Walter Benjamin.« Vorlesungen in Rio de Janeiro 2007, Würzburg: K&N 2010. Er war von 2001-2006 Herausgeber des Jahrbuches der Fakultät Gestaltung an der Bauhaus Universität Weimar und ist Mitherausgeber der »Zeitschrift für Kritische Theorie« im Zu Klampen Verlag, Lüneburg (zusammen mit Sven Kramer und Gerhard Schweppenhäuser).

Regression des Hörens

Modelle einer kritischen Theorie der Musik

Tagesseminar mit Martin Dornis – 23.10.2011, ACC Galerie Weimar, Burplatz 1-2 – Beginn: 11:00 Uhr

Eine materialistische Gesellschaftslehre hat ihr Zentrum in einer Kritik der Musik. Es geht dabei nicht um die Anwendung materialistischer Postulate auf das Gebiet der Musik, sondern darum, diese Kritik aus einer Auseinandersetzung mit der Musik zu entfalten. Die entscheidenden theoretischen Zusammenhänge dazu sind bereits von Horkheimer und Adorno in der »Dialektik der Aufklärung« formuliert. Mit der Etablierung der Herrschaft von Menschen über Menschen und der Ausbeutung von Menschen durch Menschen wird einerseits der verzaubernde, an Befreiung und Versöhnung erinnerde »Klang der Sirenen« aus der gesellschaftlichen Praxis verbannt und dabei die Kunst im allgemeinen, die Musik im speziellen zu einer autonomen, von der Praxis getrennten und gerade dadurch mit ihr verbundenen Sphäre begründet. Die Herausbildung einer autonomen Musik ist in einem das Aussprechen der Herrschaft wie die Kritik an ihr. In der Geschichte der Musik spiegelt sich die Geschichte der Menschheit, verstanden als eine Dialektik der Aufklärung. Paradigmatisch formulierte diesen Zusammenhang der Musikphilosoph und Komponist neuer, radikaler Musik Dieter Schnebel: »Was zu sehen ist, liegt zutage. Das Ohr ist das Organ der Nacht. Hören geschieht im Ablauf der Zeit, ist vergänglich.« Das sinnlich-praktische Verhältnis des Menschen zur Natur bricht unter den Bedingungen von Herrschaft und Ausbeutung in Sehen und Hören auseinander. Während sich im Sehen im alltäglichen, wissenschaftlichen und künstlerischen Umgang mit der Gesellschaft, die heute immer auch Natur ist und der Natur, die heute stets auch Gesellschaft ist, das Moment der Verdinglichung auskristallisiert, kommt im Hören das von der gesellschaftlichen Praxis abgeschobene zum Ausdruck. Die Musik wird damit zum Kulminationspunkt sowohl von Momenten der Befreiung der Menschheit vom universellen Bann des Werts, eines »Eingedenkens der Natur im Subjekt« als auch der regressiven Verschmelzung der Menschen mit der von ihnen selbst geschaffenen Herrschaft im Spätkapitalismus und besonders im Nazifaschismus. Dies ist Grund genug für die Auseinandersetzung mit einer kritischen Theorie der Musik und des Hörens. Im Seminar sollen Texte der Musikphilosophie Adornos diskutiert und anhand der Beschäftigung mit Musikstücken nachvollzogen werden.

  • wir bitten um eine kurze Anmeldung über das Kontaktformular
  • neben dem TeilnehmerInnenbeitrag (3 € / 2 € ermäßigt) solltet ihr eine Spende für das Mittagessen und Getränke bereithalten
  • falls ihr von außerhalb kommt, können wir uns gern um Übernachtungsmöglichkeiten kümmern – bitte nehmt hierzu kurz Kontakt zu uns auf
  • das Seminar ist organisiert als eine Kooperation von Bildungskollektiv BiKo e.V., ACC Galerie Weimar und Arbeit und Leben Erfurt
  • Zur Theorie einer materialistischen Imageologie

    Bildlichkeit und Sehen in der Gesellschaft des Spektakels

    Christopher Zwi – 27.10.2011, 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar, Burgplatz 1

    In der Mitte des finsteren 20.Jahrhunderts forschte die kritische Theorie Adornos und Horkheimers nach den Ursachen für den gesellschaftlichen Bann der Verblendung. Die »Dialektik der Aufklärung« schliesst in dem letzten philosophischen Fragment »Zur Genese der Dummheit« mit einem Bild für »alles Lebendige«: »Das Fühlhorn der Schnecke ›mit dem tastenden Gesicht‹« steht hier zugleich als Wahrzeichen der menschlichen Intelligenz und des ihr einmal zugefügten Schmerzes einer Verletzung der sinnlich-neugierigen Entdeckungslust. Die gewaltsam beendete Einheit von Tasten, Riechen und Sehen mittels dieses Organs wird zum Urbild des Wundmals, wo die Lust an der sinnlich-praktischen Tätigkeit und am theoretischen Sinn durch gesellschaftliche Eigentumsschranken, Klassenverhältnisse und Machtinteressen zerstört wird. Die zurückbleibende Narbe markiert zweierlei: zum einen den in der Gattungsgeschichte geborgenen Erfahrungsreichtum, zum anderen das Umschlagen von Geschichte in einen verdinglichten Prozess, der sich gegen die Möglichkeiten des gesellschaftlichen Individuums richtet. An diesem wunden Punkt schlagen Wissbegierde und Neugier in Dummheit, Idiosynkrasie, Bosheit und Fanatismus um – in die verheerenden, mörderischen Folgen der Verblendung.

    Die Geschichte dieser Verheerung ist ein Prozess der Ausdifferenzierung und der Verarmung der Sinne zugleich: die anderen menschlichen Sinne werden vom Gesichtssinn getrennt, das Gesicht wird auf das Sehen eingeschränkt und der Sehsinn wird durch die gesellschaftlichen Verhältnisse selbst noch verblendet. So reproduziert sich diese Gesellschaft als Ganzes blind, sie verbietet es sich selbst, ihre Form vernünftig zu reflektieren und in der Undurchsichtigkeit aller Verhältnisse und Beziehungen fixiert sie ihre Mitglieder in der Haltung der bloßen, ohnmächtigen Kontemplation. Das scheinbare Schicksal dieser widersprüchlichen Gesellschaftsform der Trennungen wurde in dem Vierteljahrhundert nach Erscheinen der »Dialektik der Aufklärung« zum Leitthema der kritischen Theorie der Situationisten. Die Situationistische Internationale (1957-1972) entwickelte erstmals eine communistische Kritik der »Gesellschaft des Spektakels«: in ihr spiegelt sich die wirkliche Welt des materiellen Lebensprozesses als »der getreue Widerschein der Produktion der Dinge« und als Selbstzweck der Produktion von Waren-Bildern und Bilder-Waren. Das Spektakel als Ganzes ist »das Kapital, das einen derartigen Akkumulationsgrad erreicht hat, dass es Bild wird«. Das bloße Anblicken des Erlebten im ununterbrochenen Bilderlauf des Nichtlebens und der normierten herrschenden Modell-Bedürfnisse verdinglicht und entfremdet die Geschichte – gerade auch die der Entwicklung der menschlichen Sinne – den Produzierenden und Konsumierenden. Es enteignet sie ihrer Gesten und Gestaltungsmöglichkeiten, verblendet ihre Wahrnehmung der historisch-materiellen Realität und macht sie dumm und stumm. So, wie die sogenannte Kommunikationsgesellschaft »das Gegenteil des Dialogs« zwischen den gezwungenermaßen assoziierten und fremdbestimmt arbeitenden Menschen ist, so ist die Gesellschaft der Zuschauenden tendenziell die der Blinden.

    »Das Spektakel als Tendenz, durch verschiedene spezialisierte Vermittlungen die nicht mehr unmittelbar greifbare Welt zur Schau zu stellen, findet normalerweise im Sehen den bevorzugten menschlichen Sinn, der zu anderen Zeiten der Tastsinn war; der abstrakteste und mystifizierbarste Sinn entspricht der verallgemeinerten Abstraktion der heutigen Gesellschaft.« Die kapitalistische »Realabstraktion« drückt sich in einer Ideologie und Praxis der Menschen aus, die »das konkrete Leben aller … zu einem spekulativen Universum degradiert hat«. Die situationistische Kritik versucht durch ihre Wendung zur Praxis die philosophische Kurzsichtigkeit der europäischen Dialektik zu überwinden, die »in einem von den Kategorien des Sehens beherrschten Begreifen der Tätigkeit bestand«. Das dialektische Denken soll jedoch das Erbe dieser isolierten Reflexionstätigkeit aufheben und nicht hinterschreiten – dieser Anspruch ist dem Begriff des Spektakels eingeschrieben: Nicht nur ist speculum das lateinische Wort für Spiegel, sondern auch die »gespenstische Gegenständlichkeit« und das »sinnlich Übersinnliche« – das die Wert- und Warenform kennzeichnet – wird mit »Spektakel« bewusst evoziert. Als den wesentlichen Vorgang des Warenfetischismus bezeichnet Marx die Tätigkeit des wider- bzw. zurück-Spiegelns.

    Wir müssen deshalb bei einer erneuten Überprüfung der situationistischen Spektakeltheorie vor allem nach dem kritischen Gehalt dieser besonderen Form von »Bild« fragen – dem Spiegel-Bild. Wie verhält sich die sinnliche Wahrnehmung und Tätigkeit der Menschen in der modernen Gesellschaft zum Sehen ihres gegenständlichen Wesens und zu dessen Darstellen im Spiegeln, im mimetischen Bilden? »Die Bildung der 5 Sinne ist eine Arbeit der ganzen bisherigen Weltgeschichte.« (Marx) Doch in ihrem bisherigen Resultat hat sich »das Prinzip des Warenfetischismus … absolut im Spektakel vollendet, worin die sinnliche Welt durch eine über ihr schwebende Auswahl von Bildern ersetzt wird, die sich zugleich als das Sinnliche schlechthin hat anerkennen lassen.« Wie hängt die gesellschaftliche Privilegierung und Bornierung des Seh-Sinnes mit der Verfinsterung der Geschichte zusammen? Wie, warum und wodurch entsteht gesellschaftliche Verblendung, und wie kann auch aus der Blindheit heraus die sinnlich menschliche Tätigkeit praktisch und theoretisch re-organisiert werden? Mit der Begründung der Kritik der »Gesellschaft des Spektakels« stellt sich materialistisch historisch die Aufgabe, Sehvermögen und Blindheit in ihrer Funktion bei der Bildung aller Sinne dialektisch auseinander zu erklären, um »die Gesellschaft des Bildes in ihrer ganzen Tiefe zu begreifen. Die Wahrheit dieser Gesellschaft ist nichts anderes als die Negation dieser Gesellschaft.«

    Roger Behrens: Schöner wohnen nach der Stadt

    Drei Reflexionen über das richtige Leben im falschen

    [Zuerst veröffentlicht in der Zeitschrift Florida – Beiträge für das Leben nach der Stadt]

    Asyl für Obdachlose

    »Ich höre schon
    des Dorfs Getümmel,
    Hier ist des Volkes
    wahrer Himmel,
    Zufrieden jauchzet
    groß und klein:
    Hier bin ich Mensch,
    hier darf ich’s sein!«

    Goethe, ›Faust I‹

    Der berühmte Schlusssatz des Osterspaziergangs ist auch als »Wallsticker« bzw. »Wandtattoo«, Größe 25 × 50 cm, zu kaufen …

    »Es gibt kein richtiges Leben im falschen.«1 – Das falsche Leben, in dem es kein richtiges gibt, hat einen Ort: es ist die Wohnung, die moderne Behausung, die Stadt. Adorno beschließt mit diesem, mittlerweile als Leitspruch kritischer Theorie akzeptieren Satz einen Aphorismus aus den ›Minima Moralia‹, der sich auf das Alltagsleben und seinen »Schauplatz« richtet: »Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen«,2 heißt es beinahe lapidar, und Adorno fährt in seiner »Reflexion aus dem beschädigten Leben« fort: »Die traditionellen Wohnungen, in denen wir groß geworden sind, haben etwas Unerträgliches angenommen: jeder Zug des Behagens darin ist mit Verrat an der Erkenntnis, jede Spur der Geborgenheit mit der muffigen Interessengemeinschaft der Familie bezahlt. Die neusachlichen, die tabula rasa gemacht haben, sind von Sachverständigen für Banausen angefertigte Etuis, oder Fabrikstätten, die sich in die Konsumsphäre verirrt haben, ohne alle Beziehung zum Bewohner: noch der Sehnsucht nach unabhängiger Existenz, die es ohnehin nicht mehr gibt, schlagen sie ins Gesicht.«3

    Auch das gehört zu den Widersprüchen der Stadt als soziales Verhältnis: dass Wohnen nicht auf die Wohnung begrenzt bleibt, und der Mensch auch außerhalb der Wohnung in der Stadt wohnt. Den Hinweis darauf gibt Adorno mit seinem Aphorismus durch den Titel: ›Asyl für Obdachlose‹ lautet die Überschrift, die er sich von seinem Freund und Lehrer Siegfried Kracauer geborgt hat. Kracauer hat die Formulierung für einen seiner Essays über ›Die Angestellten‹ gewählt, mit Anspielung auf Georg Lukács’ ›Theorie des Romans‹4. Obdachlosigkeit erscheint als originäres Phänomen des Stadtlebens, betrifft die »Masse der Angestellten«, von der Kracauer handelt, inmitten des städtisch-konsumistischen Wohlstands der fordistischen Gesellschaft der Goldenen Zwanziger. Diese Masse lebt geistig auf der Straße, denn »das Haus der bürgerlichen Begriffe und Gefühle, das sie bewohnt hat, ist eingestürzt.«5 Unter ihrem »Zuhause ist übrigens außer der Wohnung auch der Alltag zu verstehen, den die Inserate der Angestellten-Zeitschriften umreißen.«6vUnterschlupf finden sie in den Architekturen, die es ihnen erlauben, »im Glanz und in der Zerstreuung zu leben«.7 Dazu gehören die Kaufhäuser und die »gigantischen Lokale« (»Asyle im wörtlichen Sinne«), schließlich alle Angebote des städtischen Freizeitvergnügens, zuletzt der Lunapark8: »Unter dem Druck der herrschenden Gesellschaft werden sie zu Obdachlosenasylen in übertragenem Sinn. Außer ihrem eigentlichen Zweck erhalten sie noch den andern, die Angestellten an den der Oberschicht erwünschten Ort zu bannen und sie von kritischen Fragen abzulenken, zu denen sie im übrigen ja auch kaum einen starken Zug verspüren.«9 (mehr…)

    Silke Kapp – Abenteuer der Körper in ungemütlichen Städten

    [Zuerst veröffentlicht in der Zeitschrift Florida – Beiträge für das Leben nach der Stadt]

    Sieht man sich die Architekturtheorie der letzten Jahrhunderte an, scheinen zwei Merkmale recht deutlich: erstens, dass die Beziehung von Dingen und Räumen zum menschlichen Körper immer stärker durch technische Normen – der Mechanik, der Ergonomie oder der Hygiene – bestimmt wurde; und zweitens, dass die Erweiterungen dieser Perspektive sich fast ausschließlich auf die visuelle Erfahrung beziehen. Sowohl die alte Konsonanz zwischen den Maßen des Körpers, den Maßen des Kosmos und denen der Architektur wurde vergessen, als auch das Bewusstsein, dass Architektur den menschlichen Körper anders ansprechen kann als durch jenen Zustand, den wir als ›bequem‹ empfinden. Diese Rückbildung der körperlichen Dimension wird durch eine wachsende Emphase der intellektuellen Dimension wettgemacht: Sinn, Inhalt und sogar ästhetische Erfahrung einer immer bequemeren, angepassteren, zweckmäßigeren Architektur richten sich an den Intellekt, vermittelt durchs Auge. Die Tendenz steht einer philosophischen Ästhetik nahe, die vom Leib abstrahiert, sich auf »interesseloses Wohlgefallen« (Kant) konzentriert und »kulinarischen Genuss« (Adorno) ausschließt. Aus dieser Perspektive erscheint die neuere Rede von der Immaterialität und der Virtualisierung nur als der Höhepunkt eines langen Prozesses.

    Ziel dieses Textes ist zunächst eine Reflexion über die architektonischen Voraussetzungen der Zweckmäßigkeit, der Bequemlichkeit, der Anpassung. Brennpunkt ist dabei die Möglichkeit der Unruhe, der Disharmonie, die Möglichkeit eines Auswegs aus der Lethargie, der Betäubung, der Apathie im Bezug auf architektonischen und städtischen Raum. Als Beispiel sollen uns schließlich einige Aspekte der Geschichte und der heutigen Situation der brasilianischen Großstadt Belo Horizonte dienen. (mehr…)

    Nach Großstadt und Geistesleben

    Ästhetische Ideologie, Urbanität und Sinnlichkeit

    Roger Behrens – 18. August, 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar, Burgplatz 1

    Das bürgerliche Zeitalter manifestiert sich um neunzehnhundert in den modernen Großstädten, in den Metropolen der Industrie, des Handels und des Verkehrs. Georg Simmel hat mit seinem Essay ›Die Großstädte und das Geistesleben‹ (1903) versucht, dem in Hinblick auf einige soziologische wie psychologische Charakteristika Ausdruck zu geben: Urbanismus ist nicht nur der architektonisch umbaute Raum namens »Stadt«, sondern die ästhetische Formierung einer Lebensweise. Mit den zwanziger und dreißiger Jahren zeigt sich schließlich, inwiefern Großstadt und Kapitalismus über die Industrie hinaus in der Konsumgesellschaft verschmelzen: zeitgleich zu Clement Greenbergs ›Avantgarde und Kitsch‹ und Walter Benjamins Kunstwerkaufsatz – in dem die These einer Ästhetisierung der Politik entfaltet wird – beschreibt Louis Wirth ›Urbanismus als Lebensweise‹.

    Tatsächlich offenbart sich aber erst in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts das vollendete Spektakel dieses Urbanismus: Stadt als Zentrum einer alle Lebensbereiche durchdringende Kommodifizierung, als permanente Rückkopplung zwischen Politik und Ästhetik. Gleichwohl sedimentierten sich damit im Gefüge der Stadt Widersprüche, die nunmehr die Urbanität selbst infrage zu stellen scheinen: Die Städte, von denen noch vor wenigen Jahrzehnten behauptet wurde, dass sie für die Ewigkeit einer fortwährenden Moderne gebaut wurden, sind nicht nur unmodern geworden oder versuchen ihre postmoderne Wiedergeburt in einer zweiten Moderne zu inszenieren, sondern sie verschwinden; und mit ihnen beinahe alles, was die Menschen einst als Stadtmenschen auszeichnete, der Alltag in den Straßen, das Wohnen, das Flanieren und Spazieren, also die Stadt als Erfahrungsraum, als Ort des Feierns und als Spielplatz. Die Stadt wird posturban.

    Zur Physiolgie des Riechens

    Zur Vorbereitung auf das Tagesseminar „Das Riechen“ mit Micha Böhme am 10.07.2011 stellen wir im Folgenden einige Texte zur Physiologie des Riechens zur Verfügung.

    Die Physiologie des Riechens

    Quelle: weinkenner.de

    Immer der Nase nach

    Ein großer Teil dessen, was der Mensch zu schmecken glaubt, riecht er in Wirklichkeit. Das gilt auch für den Wein. Um seine Geheimnisse zu entschlüsseln, ist vor allem ein guter Geruchssinn nötig. Die Nase ist eines der entwickeltsten Sinnesorgane des Menschen.

    Duft des Weins

    Der Duft des Weins geht von den flüchtigen Substanzen aus. Sie machen den größten Teil seiner Aromen aus. Chemisch sind die flüchtigen Substanzen an Alkohole, Aldehyde, Ester, Säuren oder andere Kohlenwasserstoffverbindungen gebunden. Je mehr Kohlenstoffatome sie enthalten, desto intensiver ist der Duft. Die stärksten Düfte gehen von den Estern aus. Sie sind die flüchtigsten aller Verbindungen, flüchtiger noch als die Aldehyde, die ihrerseits aber stärker duften als die Alkohole. Am wenigsten flüchtig sind die Säuren.

    Das Riechorgan

    Die Riechzone des Menschen liegt in einer kleinen Seitenkammer der oberen Nasenhöhle. Der Luftstrom beim Einatmen berührt die Riechzone nicht direkt. Allerdings werden Luftwirbel in diese Seitenkammer getragen, die dann die Duftempfindungen auslösen. Die Geruchsrezeptoren selbst befinden sich auf einer Fläche, die nicht größer als eineinhalb Quadratzentimeter ist, der Riechschleimhaut. Sie ist mit einem feuchten Film überzogen, so dass die Duftmoleküle, die sie berühren, auf ihr gelöst werden. Nur in flüssigem Zustand können Gerüche wahrgenommen werden. Die Nasenlöcher mit der ebenfalls feuchten Nasenscheidewand haben dagegen keine Riechfunktion. Sie dienen lediglich dazu, die inhalierte Luft zu filtern, zu erwärmen und zu befeuchten. Da sich die Seitenkammer mit der Riechschleimhaut zum Rachenraum hin öffnet, werden die Geruchsrezeptoren beim Ausatmen stärker gereizt als beim Einatmen. Das ist der Grund, weshalb ein Wein nach dem Schlucken oft so lange nachklingt. (mehr…)

    Das Riechen

    Tagesseminar mit Micha Böhme – 10.07.2011 – ACC Galerie Weimar

    Seit Marx wissen wir, dass Natur, und somit auch die menschlichen Sinne nicht ein für alle mal gegeben sind, sondern geschichtlicher Wandlung unterliegen. Bekanntlich ist das Verzehren eines gebratenen (und daher duftenden!) Rindfleisch-Steaks etwas anderes als das rohe Verschlingen des Fleischstückes vor der Nutzbarmachung des Feuers für den Menschen.

    Das Riechen – so die These – wurde in der neueren menschlichen Geschichte sowohl unterdrückt als auch verfeinert. Zunächst war es jener Sinn, der, die sich zivilisierenden Menschen, am stärksten ans Animalische gemahnte und darum starker Disziplinierung unterzogen wurde. Der aufrechte Mensch sollte sich so vom schnüffelnden Tier unterscheiden. Ohne Zweifel nahm die Bedeutung des Riechens in der menschlichen Geschichte immer mehr ab. Dem entgegen steht aber auch eine Verfeinerung des Geruchssinns. Die Menschen erfanden Duftwässerchen, entwickelten die Parfümerie zur Kunst, sie laben sich am Geruch von Blüten, schnuppern am Wein und lieben die edlen Düfte wohlbereiteter Speisen.

    Horkheimer und Adorno verfassen mit der „Dialektik der Aufklärung“ eine kritische Geschichte menschlicher Zivilisation. Während Aufklärung Glück für alle bringen sollte, strahlt die Erde mit dem Sieg der Aufklärung im „triumphalen Unheil“. Alles was an Natur und Tier im Menschen gemahnt war der Aufklärung verdächtig. Die kalte Sonne der Vernunft sollte über der Menschheit strahlen. Das Sinnliche wurde unterworfen und reglementiert – insbesondere das Sehen der Vernunft unterworfen. Wie verhält sich dazu nun das Riechen? Spricht Kant in der „Kritik der reinen Vernunft“ von der Schematisierung und Kategorisierung des Sinnlichen hin zu vernünftiger Erkenntnis, so ist dabei wohl kaum an Gerüche zu denken – auch widersprechen sie ohnehin dem kantischen Postulat der Schematisierung des Sinnlichen in Raum und Zeit schon vor der kategorialen Verarbeitung. Dass das Subjekt, um identisch zu sein, das Naturhafte austilgte, dürfte sich sich in besonderer Weise am Riechen darlegen lassen. Vor diesem Hintergrund wäre die Dialektik der Aufklärung im Fokus des Riechens zu lesen. Das betrifft auch die Konzeption einer möglichen Befreiung der Menschheit von Herrschaft und Ausbeutung. Um einen „positiven Begriff von Aufklärung“ vorzubereiten, sprechen Horkheimer und Adorno von der Notwendigkeit eines „Eingedenkens der Natur im Subjekt“. Der Mensch soll Subjekt sein können, ohne seine Natur, ohne seine Triebe unterdrücken zu müssen. Welche Rolle also könnte das Riechen im Kommunismus spielen?

    Anhand einer Interpretation der Irrfahrt des Odysseus auf dem ägäischen Meere beschreiben Horkheimer und Adorno die Konfrontation des werdenden Subjekts mit den Gewalten und Verlockungen der Natur: „Furchtbares musste die Menschheit sich antun, bevor das männliche, identische Selbst entstand und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt.“ Die Gefährten des Odysseus werden in Hausschweine verwandelt, weil sie nicht Mannes genug waren, den Verlockungen des Sinnlichen zu widerstehen. Das mit seiner Nase im Schlamm wühlende Schwein ist nun allerdings Sinnbild des riechenden Wesens. Es muss eine Sehnsucht nach dem unreglementierten Schnüffeln geben, das sich die zivilisierten Menschen versagen müssen.

    Am Ende ihres Siegeszugs durch die Geschichte der Menschheit schlägt die Aufklärung in Mythologie zurück. Im Faschismus werden die unterdrückten Gelüste der Menschheit wieder zugelassen. Aber im Dienste der Herrschaft. Und das trifft nun in besonders starkem Ausmaß das Riechen. Am deutschen Antisemitismus wird die kulturhistorische Bedeutung des Riechens in drastischer und durchschlagender Weise offenbar. Die Antisemiten erlauben sich das verpönte Riechen – allerdings um es vollends auszumerzen. Das Riechen, einst zu Zwecken der Unterdrückung verdrängt, wird wieder zugelassen im Dienste der Unterdrückung. Den Juden wird unterstellt, das zu tun, was sich die „zivilisierten“ Menschen stets und ständig zu versagen haben: nach Herzenslust zu schnüffeln. Die Antisemiten imitieren das Schnüffeln der Juden und betätigen sich selbst als Schnüffelnde um die angeblich stinkenden Juden aufzuspüren. Im Kampf gegen die jüdische Bedrohung gestatten sich die Deutschen das Schnüffeln um die Schnüffelnden zu jagen. Dabei wird die Ausschaltung des Riechens gegründete Herrschaft ein weiteres Mal zementiert. An dem Punkt, an dem diese Herrschaft nicht mehr nötig wäre, wird sie mit Gewalt zusammengehalten und aufrechterhalten.

    Diesen und ähnlichen Gedanken soll im Seminar nachgegangen werden. Wir bitten um eine kurze Anmeldung über das Kontaktformular (hier).

  • Flyer zum Seminar: Vorderseite | Innenseite
  • das Seminar beginnt um 11:00 Uhr und wird mit Pausen ungefähr 6 Stunden dauern
  • zur Vorbereitung auf das Seminar finder ihr hier eine kleine Textsammlung zur Physiologie des Riechens → inzwischen gibt es auch einen Reader zum Seminar
  • neben dem TeilnehmerInnenbeitrag (3 € / 2 € ermäßigt) solltet ihr eine Spende für das Mittagessen bereithalten
  • falls ihr von außerhalb kommt, können wir uns gern um Übernachtungsmöglichkeit kümmern – bitte nehmt hierzu kurz Kontakt zu uns auf
  • Quelle des Fotos

    Fat is a feminist Issue

    oder: ein guter Grund, Susie Orbach und die zweite Frauenbewegung in Ehren zu halten

    [Eine materialistische Beschäftigung mit Sinnlichkeit muss eine Auseinandersetzung mit dem Körper – dem individuellen und gesellschaftlichen Körperverhältnis – sein. Da sich wiederum das Verhältnis zum eigenen Körper für Männer und Frauen in unserer Gesellschaft höchst unterschiedlich darstellt, muss eine ästhetisch-aisthetische Analyse des Körpers mit feministischer Gesellschaftskritik in Verbindung treten. Wir veröffentlichen daher an dieser Stelle, mit freundlicher Genehmigung der Autorinnen (die am 19.05.2011 im Rahmen der KSR-Reihe selbst referieren werden), den Artikel „FAT IS A FEMINIST ISSUE“, der ursprünglich in der zweiten Ausgabe der feministischen Zeitschrift „Outside the Box“ veröffentlicht wurde.]

    [Text als PDF lesen, Text hören]

    Das gesellschaftlich vorherrschende Schönheitsideal ist scheiße, darüber sind sich alle einig. Demzufolge dürfte es der näheren Betrachtung nicht – oder?
    Bodies – Schlachtfelder der Schönheit, das neue Buch der Psychotherapeutin Susie Orbach, macht das Ausmaß deutlich, das der Körperfetisch gegenwärtig erreicht hat, und führt die Notwendigkeit vor Augen, eine Debatte darüber zu forcieren. Obwohl es sich in gesellschaftskritischen Kreisen um eine Binsenweisheit handelt, dass der Körper als Arbeits- und Freizeitobjekt eine wichtige Rolle im Vergesellschaftungsprozess innehat, stehen einem beim Lesen doch regelmäßig die Haare zu Berge: Die Hälfte der jungen Koreanerinnen unterzieht sich einer Augenoperation, die das Lid westlichen Standards anpasst; ein US-Amerikaner / eine US-Amerikanerin gibt durchschnittlich fast 2$ am Tag für Diätprodukte aus; und mit 160 Milliarden Dollar Jahresumsatz schaffte es die Schönheitsindustrie 2005 immerhin auf ein Drittel des Umsatzes der Stahlindustrie. Dieses wirtschaftliche Wachstum wäre an sich nicht sehr erstaunlich, hat das Kapital doch immer großen Erfindungsreichtum bewiesen, was die Erschaffung profitabler Konsumbedürfnisse angeht. Aber diese Entwicklung ist in einem besonderen Zusammenhang zu sehen: als Ausdruck einer Vermittlung des spätkapitalistischen Subjekts zu seinem Körper, die immer konfuser und bewusstloser anmutet. Deswegen möchten wir im Folgenden Orbachs Buch besprechen – um einige Aspekte daraus für eine linke, feministische Gesellschaftskritik fruchtbar zu machen sowie Lücken in der linken Debatte aufzuzeigen. (mehr…)

    Bersarin: Kunst und Geschmack

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    Zuerst veröffentlicht auf: bersarin.wordpress.com [Teil I, Teil II, Teil III, Teil IV, Teil V, Teil VI]

    I.

    Wer im Internet Bücher zum Thema Geschmack sucht, etwa bei „Buchhandel.de“, und diesen Begriff als Stichwort eingibt, der findet an oberer Stelle zunächst eine Vielzahl von Büchern, die sich vornehmlich der Kochkunst widmen. „Geschmack der Heimat“, „Geschmack pur“, „Geschmack verbindet. Zeitgemäße österreichische Küche mit Sojasauce“. Aber auch Bücher wie „Geschmack in der Unternehmenskultur“ oder „Abwechselung im Geschmack Raumbildung und Pflanzenverwendung beim Stadtparkentwurf“ gibt es. Vereinzelt tauchen sogar Titel auf, die der Ästhetik näherkommen.

    Geschmack, so könnte man zunächst meinen, ist eine extrem subjektive Angelegenheit. Kochgeschmack, Musikgeschmack, Geschmack in der Bekleidung, Geschmack beim Sex, Geschmack bei der Objektwahl (all you need is love, so könnte man zunächst meinen, doch ist das nur eine notwendige, jedoch keine hinreichende Bedingung), sehr guter Geschmack und ein 190er SL, Geschmack und Konservatismus, Geschmack und Kunst, Geschmack des Geschmacks. Man hat ihn oder man hat ihn nicht. Selbst ein schlechter Geschmack kann sich zuweilen in guten Geschmack verkehren, was etwa am Phänomen des Trash oder in Susan Sonntags Aufsatz zur Camp-Ästhetik sich zeigt.

    Eine Definition vom Geschmack zu liefern, dürfte kaum möglich sein, zu vielfältig ist dieser Begriff konnotiert, und die Spanne reicht vom unmittelbaren Sinnengeschmack bis hin zum komplexen Reflexionsgeschmack artifizieller Ästhetiken. Auch eine umfassende historisch-systematische Sichtung des Begriffs sprengte den Rahmen eines Blogs: Wer es im Groben nachlesen möchte, der kann das Lexikon „Ästhetische Grundbegriffe“ sichten.

    Ich könnte sicherlich die verschiedenen Positionen von den Französischen Salons des 18. Jahrhunderts über die empirische Philosophie Großbritanniens bis hin zum Deutschen Rationalismus in der Konstellation Leibniz, Wolff, Baumgarten darstellen, das bedürfte allerdings eines eigenen Seminars. Ich möchte hier aber vielmehr einige mir interessant oder besser wesentlich erscheinende Aspekt herausgreifen und den Geschmack als ästhetisch relevante Kategorie zwar nicht unbedingt verteidigen, es sollte jedoch geprüft werden, ob Geschmack sich für eine kritische Ästhetik, zumindest in einer kleinen Dosierung doch fruchtbar machen läßt. Denn womöglich überlebt das Kunstwerk einzig noch in einer autonomen Ästhetik.
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    »Es rette uns die Kunst!?«

    Lukas Holfeld – 31.03.2011 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

    Von René Descartes bis Immanuel Kant hat sich in der bürgerlichen Philosophie ein Denken durchgesetzt, welches Geist und Sinnlichkeit nur in absoluter Entgegensetzung auffassen kann: geistige Erkenntnis hat sinnlicher Evidenz zu misstrauen, Vernunft besteht in der Beherrschung jeder sinnlichen Natur. Doch die bürgerliche Philosophie reflektiert bald selbst, dass mit der Herabsetzung der Sinnlichkeit etwas nicht in Ordnung ist: Friedrich Schiller fasst in den „Briefen zur ästhetischen Erziehung des Menschen“ die Ästhetik als eine philosophische Disziplin, in der sich Sinnlichkeit und geistige Erkenntnis nicht gegenseitig zu zerstören trachten. Kunst ermöglicht hier einen entsprechenden Erfahrungsraum, in dem Sinn und Verstand spielerisch ineinander greifen. Von dieser Erfahrung und dem Ideal der Kunst ergriffen soll die Menschheit in ein besseres Zeitalter gelangen – so marschierten die deutschen Soldaten mit Goethe und Schiller im Handgepäck in den ersten Weltkrieg. Die Avantgardisten antworteten mit dem Vorhaben, die Kunst zerstören zu wollen. Der Vortrag möchte anhand dieser Geschichte der Kunst einige Überlegungen zum Verhältnis von Kunst, Kritik und Sinnlichkeit anstellen.

    Lukas Holfeld ist aktiv im Bildungskollektiv.

    Kunst und Geschmack

    Bersarin – Do, 21.04.2011 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

    Der Begriff „Geschmack“ lässt sich in mehrfacher Wortbedeutung verstehen: einmal als Geschmack, welcher auf der unmittelbar sinnlichen Ebene funktioniert – also innerhalb unserer fünf Sinne in der Weise des Schmeckens als passives Vermögen – und als Geschmack in der Bedeutung der stil- und empfindungssicheren Beurteilung bzw. der distinktiven Wertung von aisthetischen und lebensweltlich begegnenden Gegenständen. Hier fungiert Geschmack als aktives Vermögen. Dabei fallen Kunstwerke als spezielle Objekte unter die zweite Bedeutung von Geschmack. Philosophie, Soziologie und die Ästhetik beschäftigen sich in der Regel mit diesem zweiten Aspekt, der dem Geschmack zugrunde liegt. Die Felder reichen vom Kantischen Geschmacksurteil, der Analyse subjektiver Empfindungen bzw. der Idiosynkrasien über den Dandy- und Bohème-Begriff des 19. Jahrhunderts, der Ästhetik Adornos, deren Fokus auf dem Kunstwerk selbst liegt, bis hin zur Konzeption Bourdieus, in welcher der Geschmack als Phänomen der sozialen Ab- und Ausgrenzung interpretiert wird.

    Zunächst soll im historischen Rückgriff die Bedeutung aufgezeigt und ein skizzenhafter Überblick zum Geschmack sowie dem ihm innewohnenden emanzipatorischen Potential gegeben werden, das diesem Begriff in der sich entfaltenden bürgerlichen Gesellschaft des 18. und 19. Jahrhunderts zugrunde liegt. Geschmack konzipierte sich im 18./19. Jahrhundert als eine Möglichkeit von (bürgerlicher) Autonomie jenseits feudaler Fesseln und Reglementierungen und ist als Form der bürgerlichen Selbstvergewisserung auch parallel zum ästhetischen Moment zentrale Kategorie. Es kam diesem Begriff ein objektiver Gehalt zu, der sich unter spätmodernen bzw. -kapitalistischen Bedingungen kaum noch revitalisieren lässt und dort lediglich subjektiv konnotiert ist: Jenes „De gustibus non est disputandum“ gibt mittlerweile die (auch ästhetische) Ideologie des herabgesunkenen Bürgertums ab. Dieser verschüttete objektive Gehalt soll in seinen Grundzügen dargestellt werden, um von dort zur Gesellschaftstheorie sowie zur Ästhetik Adornos überzuleiten. In seiner Ästhetik erfährt der Geschmacksbegriff eine grundsätzliche Kritik, welche einerseits geschichtsphilosophisch, andererseits aber immanent ästhetisch motiviert ist.

    Nachdem diese Kritik Adornos kurz dargestellt wurde, soll anhand seiner Ästhetik sowie der Gesellschaftskritik zur sinnlichen Komponente des Geschmacks als Schmecken übergeleitet werden. Dass diese erste Bedeutung des Geschmacksbegriffs genauso ein Feld für die Philosophie und Ästhetik abgeben kann – und dies jenseits der Restaurantkritik oder einer schlechten Unmittelbarkeit –, zeigt etwa Prousts „Recherche“: Im Moment des Schmeckens, nachdem der Protagonist jene legendäre Madeleine in den Lindenblütentee tauchte und das Gebäck verspeiste, geschieht jener Vorgang, welcher mit dem Begriff der memoire involontaire verbunden ist. Im Schmecken, im Moment unmittelbarer Sinnlichkeit evoziert sich ein Anderes. In diesem Zusammenhang möchte ich Aspekte aus Detlev Claussens Aufsatz „Kleine Frankfurter Schule des Essens und Trinkens“ aufgreifen und die darin entfalteten Ansätze von Geschmack und Kritischer Theorie in den Zusammenhang mit Adornos „Meditationen zur Metaphysik“ bringen. Denn auch in jenem letzten Teil der „Negativen Dialektik“ geht es um ein sinnliches Moment der Philosophie. Diesem kann zwar innerhalb einer Theorie kein Prius eingeräumt werden, da dialektisches Denken sich nicht auf eine Seite der Opposition schlägt, doch ist es im Rahmen von Kritischer Theorie auch nicht auszuscheiden. „Nur im ungeschminkt materialistischen Motiv überlebt Moral“, so schreibt Adorno in den „Meditationen“. Dieser Satz lässt sich zugleich im Hinblick auf die Philosophie insgesamt ergänzen, ohne dabei jedoch eine Philosophie der reinen Sinnlichkeit zu kultivieren. Es soll aufgezeigt werden, dass Adornos Philosophie jenes vielfach aus dem Kanon der Philosophie abgesonderte Moment der Sinnlichkeit durchaus aufnimmt. Dies zeigt sich neben den „Meditationen“ auch in seinen „Minima Moralia“ , sowie über die Begriffe des Impulses oder des Somatischen, um dadurch eine Passage hin zu einer Theorie unreglementierter Erfahrung zu öffnen.

    Bersarin, Jahrgang 1964, hat Philosophie, Soziologie, Germanistik und nebenher Kunstgeschichte studiert, er betreibt den Blog AISTHESIS und macht Fotos: Proteus Image.

    Der (post-)moderne Körper

    - Ort der gelebten Möglichkeiten?

    Katja und Korinna – 19.05.2011 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

    Die Entwicklung des bürgerlichen Subjekts war notwendig verbunden mit der Spaltung des Menschen in Geist und Körper. Die Herrschaft des sich autonom dünkenden Geistes über den Körper bedeutete seitdem, immer einen Teil der körperlichen Bedürfnisse zu verleugnen. Unterdessen zeichnet sich der gegenwärtige Trend eher durch eine tiefe Sorge um den Körper aus. Er ist zu einem Ort der unendlichen Gestaltung avanciert, in dem sich Bilder von Ästhetik, Fitness und Selbstkompetenz vereinen sollen. Dies scheint jedoch zunächst weniger ein Zeichen von Autonomie zu sein als vielmehr der Gewalt gesellschaftlicher Zwänge geschuldet, von denen vor allem Frauen betroffen sind. Diese äußern sich nicht zuletzt darin, dass der Körper zum bevorzugten Austragungsort innerer Konflikte geworden ist. Spiegelt der destruktive Umgang mit dem Körper einerseits die leidvollen Konflikte des Subjekts mit der Gesellschaft wider, so bleibt ebenso zu fragen, welches emanzipatorische Potential sich im Körperkult ausdrückt. Steckt im Bedürfnis nach der Umgestaltung des eigenen Körpers womöglich ebenso die Anklage gegen das schlechte Bestehende wie der verborgene Wunsch der individuellen Emanzipation? Eine feministische, emanzipatorische Kritik am Körper hieße eine bewusste Reflexion auf dieses Verhältnis von Wünschen und Zwängen, dem versucht wird, nachzuspüren.

    Katja und Korinna
    leben in Leipzig. In der letzten Ausgabe der „Outside the Box Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik“ schrieben sie über die feministische Kritik des postmodernen Körperverhältnisses (Link zur Audio-Version des Artikels).

    »Unsereiner Kriegsundführerkinder«

    Fr. 03.12.2010 – Heike Schmitz liest aus „Unsereiner Kriegsund- führerkinder“ – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar – Eintritt: 2 € | erm. 1 €

    In ihrem Roman „unsereiner Kriegsundführerkinder“ erzählt Heike Schmitz von einer Kontinuität des Nationalsozialismus, die als Haltung, Ich-Zurichtung, Wir-Halluzination und Trauma über die Generationen hinweg weiter gegeben wurde. Die Wiederkehr des Verdrängten äußert sich in diesem Roman, der weniger Erzählung, viel mehr Traumbild ist, in einer rasanten Geschwindigkeit der Sprache – es ist zum einen das leere Vorwärts des Wiederaufbaus, zum Anderen das plötzliche, blitzhafte Aufbrechen von Erinnerungen; eine traumartige Gleichzeitigkeit von Stillstand und Raserei: „Es bedurfte eines Erzähler-Ichs, das, alle Distanz preisgebend, die geahnte Kontinuität zwischen NS-Zeit und Nachkriegszeit verkörperte in einer halluzinatorisch an eine stillgestellte Gegenwart gebannten Gestalt, die sich restlos und bedingungslos mit der Bewegung identifizierte, in die ihre Eltern als Kinder hineingestellt worden waren, und die diese wie ihre Generationsgenossen bruchlos in die Zeit danach hinübergenommen hatten, so den Wiederaufbau meisternd, Erfolge auf Erfolge häufend, dabei letztlich ziellos handelnd – reine Bewegung des zerstörenden Wiederaufbaus und der aufbauenden Zerstörung“ (Peter Bürger).

    Heike Schmitz ist zur Zeit Stipendiatin des Weimarer Friedrich-Nietzsche-Kollegs und arbeitet dort zu Elisabeth Förster-Nietzsche.

    »Es rette uns die Kunst!?«

    Zum Verhältnis von Kunst und Kritik zwischen Autonomie und Aufhebung – Vortrag von Lukas (BiKo) am Mittwoch dem 15.12.2010, um 20:00 Uhr
    – [Achtung: die Veranstaltung findet nicht wie fälschlicherweise angekündigt um 20:00 Uhr statt, sondern bereits um 19:00 Uhr!] im Filler (Schillerstraße 44, Erfurt) – Auftaktveranstaltung zur Veranstaltungs- reihe „Kunst und Kritik“ der Falken Erfurt

    Die jüngere kritische Soziologie (Boltanski, Schultheis etc.), die darum bemüht ist, die Bedingungen von Kritik neu zu reflektieren, konstatiert in der historischen Rekonstruktion gesellschaftskritischer Bewegungen einen Gegensatz: „Sozialkritik vs. Künstlerkritik“. Während die Künstlerkritik, aus einem Bohéme-Milieu stammend, selbst in der bürgerlichen Gesellschaft verankert ist, jedoch Lohnarbeit verachtet, zweckfreie Tätigkeit propagiert und auf das Individuum setzt, geht es der Sozialkritik um Arbeitskämpfe, kollektive Errungenschaften und materielle Absicherung und ihr erscheint die Individualität der Künstlerkritik als bürgerliches Privileg. So plausibel diese Beschreibung auf den ersten Blick sein mag – die Soziologen reproduzieren hier eine verkehrte Trennung, die in der Geschichte bereits mit den Avantgardebewegungen überwunden werden sollte. Im Vortrag soll nachverfolgt werden wie sich das Verhältnis von Kunst und Kritik darstellt, seitdem sich erstere in der bürgerlichen Gesellschaft als autonome Sphäre herausgebildet hatte. Wichtige Eckpunkte sollen dabei die historischen Avantgardebewegungen und der Geschichtsbruch Auschwitz sein, nachdem sich die Frage nach einer Aufhebung der Kunst völlig neu stellt.

    W. Morgenröthe – Fragmente und Aphorismen

    Bruchstücke einer beschädigten Wirklichkeit

    [Text als PDF lesen]

    Wer die Wahrheit übers unmittelbare Leben erfahren will, muß dessen entfremdeter Gestalt nachforschen, den objektiven Mächten, die die individuelle Existenz bis ins Verborgenste bestimmen.

    Der Philosoph Theodor W. Adorno stellt in seinem Werk Minima Moralia die Frage, wie man heute unter all den Umständen ein gutes Leben führen kann. Dass es kein richtiges Leben im falschen gibt, hat sich als häufig zitierte Antwort verbreitet. Was Adorno aber auch fragt, jedoch nicht explizit, ist: Wie soll man heute über das Leben – respektive: Die Wirklichkeit – schreiben? Welche Form der Kunst beinhaltet Wahrheit oder Erkenntnis? Minima Moralia ist eine Sammlung von Aphorismen, die den Untertitel Reflexionen aus dem beschädigten Leben trägt. Adorno scheint also der Überzeugung zu sein, dass die literarische Form des Aphorismus oder des Fragments – kurz: bruchstückhafter Prosa – eine sinnvolle Form der Annäherung an die Wirklichkeit ist. Über das beschädigte Leben kann man nur noch in Versatzstücken schreiben. Jedoch bezeichnet Adorno die „Lehre vom richtigen Leben“ als „traurige Wissenschaft“. Traurige Wissenschaft? (mehr…)

    Über den Umgang mit den Avantgardebewegungen

    Prof. Dr. Peter Bürger – Do 07.10.2010 – 20:00 Uhr, im Monami Weimar

    „In Jeder Epoche muß versucht werden, die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen.“ Benjamins Satz aus seinen Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ gilt auch für die Avantgardebewegungen. Ausgehend von einer Kritik an neuerdings zu beobachtenden Tendenzen, die Unterscheidung zwischen Avantgarde und künstlerischer Moderne einzuebnen, sollen im Anschluß an Benjamins Überlegungen zum „Augenblick der Erkennbarkeit“ eines geschichtlichen Phänomens angestellt und auf die historischen Avantgardebewegungen bezogen werden. Daraus wird sich die Überlegenheit des in der „Theorie der Avantgarde“ entwickelten spezifischen Avantgarde-Begriffs gegenüber einer unspezifischen Begriffsverwendung ergeben, die Avantgarde mit künstlerischer Moderne gleichsetzt. Im Anschluß daran soll der Frage nachgegangen werden, wie heute mit den Avantgarden umzugehen wäre.

    Peter Bürger, Jahrgang 1936, hat bis Ende 1998 an der Universität Bremen Literaturwissenschaft und ästhetische Theorie gelehrt. Geprägt von der Frankfurter Schule, hat er in mehreren Arbeiten die Umrisse einer Ästhetik nach Adorno skizziert – zuletzt in Das Altern der Moderne (Suhrkamp 2001). Daneben hat er sich seit dem Ende der 80er Jahre der zeitdiagnostischen Lektüre postmoderner Philosophie zugewandt – zuletzt in Ursprung des postmodernen Denkens (Velbrück Wiss. 2000). Im Jahre 2007 erschien im Suhrkamp Verlag seine Studie über den engagierten Intellektuellen: Sartre. Eine Philosophie des Als-ob.

    Veranstaltungsort: Jungend- und Kulturzentrum Mon Ami, Goetheplatz 11
    Eintritt: 3 €, ermäßigt 2 €, mit Tafelpass 1 €

    Diese Veranstaltung wird unterstützt von: Buchhandlung „Die Eule“, StuKo der Bauhaus Uni Weimar, Rosa Luxemburg Stiftung Thüringen, Jugend- und Kulturzentrum Mon Ami

    Block 2.2 beendet ■

    Mit der Veranstaltung „SARKASMEN“ am 17.06.2010 ist der Block 2.2 der Veranstaltungsreihe „Kunst | Spektakel | Revolution“ (‚Wir lesen und schreiben als Konstrukteure') zu Ende gegangen. Der Block 2.3 ist für den Oktober 2010 angesetzt. Folgende Veranstaltungen sind geplant:

    Block 3 • Herbst 2010

    Theorie der Avantgarde

    Zur Aktualität einer Kritik der historischen Avantgarde

    Vernunft und Subversion

    Zur Erbschaft von Surrealismus und Kritischer Theorie

    Fetisch und Spektakel

    Seminar zur Spektakel-Theorie

     
    Die genauen Termine werden an dieser Stelle in Kürze bekannt gegeben. In der Zwischenzeit werden im Radio die Mitschnitt der letzten Vorträge bereitgestellt werden.
     
      
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
      
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     

    Lautreamont & Detournement

    Lautreamonts Plagiatkunst als Destruktionsmodell der Moderne

    Vortrag von R.G. Dupuis (K’s Kriegstheater) und Zwi (BBZN) in Weimar am 22.4.2010

    1. Teil – Einleitung

    Über Lautreamont ist vieles geschrieben worden, über diesen „Erzengel, Sprengstoffattentäter und Totengräber der Literatur“(Graqc). Generationen von Experten sind jedem einzelnen Satz seines rätselhaften Werks nachgestiegen und haben viele Bücher mit ihren Entdeckungen gefüllt. Man weiß heute, dass er eine Vorlesung über „das Problem des Bösen“ gehört, wo er gewohnt und dass er klaviergespielt hat. Und dergleichen Einzelheiten mehr.

    Wir werden hier nur einiges davon aufgreifen, aber hauptsächlich wollen wir uns darauf konzentrieren, eine Theorie seiner Technik der Entwendung zumindest zu skizzieren, die er selbst noch als Plagiat bezeichnet. Dazu ist seit 50 Jahren kaum noch etwas nennenswertes gesagt worden, trotzdem Lautreamont diese Technik bereits im 19ten Jahrhundert zu heute noch atemberaubender Meisterschaft entwickelt hat. Er ist auf diesem Weg so weit vorangeschritten, dass er selbst von seinen offensten Bewunderern noch unverstanden bleibt. Gleichwohl ist diese Technik verbreiteter ist als je. Z.B. in der Werbung oder auch in der gegenwärtigen Kunschtproduktion. Auf deutsch könnte man Detournement als Zweckentfremdung oder Entwendung übersetzen. Wir werden beide Übersetzungen manchmal verwenden, gemeint ist dann immer das Détournement, wie wir es im folgenden darzustellen versuchen. (mehr…)

    »Wir lesen und schreiben als Konstrukteure«

    Einleitung zum Block 2.2 der Veranstaltungsreihe „Kunst/Spektakel/Revolution“, am 15.04.2010, ACC Galerie Weimar

    Bertolt Brecht hatte in seinen Polemiken gegen Georg Lukács 1938 gegen dessen Auffassung von Realismus geschrieben: „Wir verwandeln uns in Kritiker und lesen als Konstrukteure.1 Brecht entgegnete Lukács in seinen Glossen, die er während der Expressionismusdebatte (1936-38) formuliert, aber nicht veröffentlicht hatte, dass die sinnvolle Auseinandersetzung mit den realistischen Romanen des 19. Jahrhunderts (also unter anderem mit Balzac und Tolstoi), nicht dazu führen darf, dass man in einen verkehrten Respekt vor den historischen Werken verfällt und die alte Form – in diesem Fall die klassisch realistische – als eine unzeitgemäße Form übernimmt. Brechts Haltung zu diesen „alten Werken“ hat er dann folgendermaßen ausgedrückt: „Das Neue muß das Alte überwinden, aber es muß das Alte überwunden in sich haben, es ‚aufheben‘. Man muß erkennen, daß es jetzt ein neues Lernen gibt, ein kritisches Lernen, ein umformendes, revolutionäres Lernen. Es gibt Neues, aber es entsteht im Kampf mit dem Alten, nicht ohne es, nicht in der freien Luft.“ Während Lukacs also die Form des realistischen Romans des 19. Jahrhunderts als einzig realistische und damit sozialistische Literatur empfiehlt, ist Brecht weitaus respektloser und der Kampf mit dem Alten bedeutet auch, dass Dinge aus ihrem Zusammenhang gelöst und in einen neuen Zusammenhang gestellt werden, und das erlaubt Brecht dann eben auch die Methoden der Montage und der Verfremdung anzuwenden. Er spottet dann auch gegen Lukacs, Ziegler u.a., dass sie Angst davor haben, dass hier jemand die alten Werke „zersebeln“ will und meint spöttisch: „den Werken geschieht da gar nichts.(mehr…)

    Brimboria – Aufforderung zur Kritik

    In Leipzig hat sich im letzten Jahr ein „unbegrenztes Großprojekt zur Erforschung, Förderung und Verbreitung subversiver Protestformen“ gegründet – das „Brimboria Institut“, welches mit einem Webblog (www.brimboria.net) in die Öffentlichkeit getreten ist und neben verschiedenen inhaltlichen Veranstaltungen in wenigen Tagen einen Kongress zur subversiven Strategie des Fake ausrichten wird. Aufgrund „ihrer Funktion als Schnittstelle zwischen Kunst und Politik“ interessiert sich das Institut nach eigenen Angaben besonders für eine „künstlerisch-subversive Methodik“. Wie eine solche Methodik aussehen soll und wie das Verhältnis zwischen Kunst, Politik und Theorie zu begreifen wäre, haben wir Max vom Brimboria Institut gefragt.
     
    Wie kam es zu der Idee das Brimboria Institut zu gründen und was erhofft ihr euch von einer solchen Organisation? Wie begreift ihr dabei eure eigene Rolle und wen wollt ihr mit euren Aktivitäten erreichen?
     
    Bisher haben wir an verschiedenen Projekten innerhalb politischer und/oder kultureller Bildung gearbeitet. Die Idee dieses Zusammenschlusses diente also zunächst für uns als Sammelbecken von Ideen und Erfahrungen aus diesen Projekten – was erstmal wie eine übliche Selbsthilfegruppe, zusammengewürfelt aus verschiedenen FreiberuflerInnen, klingen mag. Tatsächlich sollte aber aus dieser Praxiserfahrung, unseren eigenen Aktivitäten und Erfahrungen in der subversiven Kunstszene und der Rezeption von Kritischer Theorie etwas Neues entstehen. Dies mündete Mitte 2009 in der Gründung des Brimboria Instituts. (mehr…)

    Utopie, Spiel, Menschenmaschine

    Charles Fourier und die surrealistische Avantgarde

    Tilman Reitz – Do 15.04.2010 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

    Eine Gesellschaft, die auf dem Spiel- oder Formtrieb aufbaut, hätte vermutlich starke zeremonielle, von ‚Sinn’ entlastete, aber strukturell gestaltete Anteile. Charles Fourier hat dieses Motiv in seiner frühsozialistischen Utopie konsequent durchgeführt: Er arrangiert Produktionsweisen, soziale Rangordnungen, Wohn- und Geschlechterverhältnisse so, dass ein Maximum künstlicher Ordnung höchste Abwechslung für die Beteiligten verspricht. Seine formalen Muster entnimmt Fourier Mythologie, Mathematik und Militär – die zentrale Produktionseinheit des ‚Palanstère’ leitet sich von der Phalanx, der antiken Schlachtreihe her – sein Formungsgegenstand sind die menschlichen Leidenschaften – die er selbst vorrangig als Triebe zu Spiel und Variation begreift. Die Ergebnisse lassen wenig von den gewohnten, bürgerlichen oder auch nur ‚realistischen’ Prinzipien von Vergesellschaftung übrig: Alle Arbeit soll attraktiv, die Konkurrenz ästhetisch, das Geschlechtsleben polymorph werden. Man muss sich daher kaum über das Interesse der Surrealisten an Fourier wundern. Neben seiner Fusionierung von Kunst und Leben dürfte für sie nicht zuletzt sein technischer, konstruktivistischer Umgang mit dem Begehren anziehend gewesen sein, der zwischen Befreiungsversprechen und planerischer Grausamkeit oszilliert (Benjamin und Barthes ziehen denn auch vergleichend de Sade heran). Fouriers Utopie kann als Traum wie als Alptraum erscheinen. Im Vortrag wird es darum gehen, was die anti-naturalistische, anti-bürgerliche und kunstkritische Avantgarde konkret mit Fourier anfangen konnte oder könnte – und wie seine eigenen Impulse zwischen der sozialtechnischen Tradition, der neuen Warenästhetik und dem utopischen Horizont des 19. Jahrhundert verortet sind.

    Tilman Reitz schrieb über Ideologiekritik im historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus, promovierte zu „Bürgerlichkeit als Haltung“ und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

    Lautreamont & Detournement

    Lautreamonts Plagiatkunst als Destruktionsmodell der Moderne

    Christopher Zwi & R.G. Dupius – Do 22.04.2010 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

    Unter der bekannten Geschichte Europas läuft eine unterirdische. Sie besteht im Schicksal der durch die Zivilisation entstellten menschlichen Triebe und Leidenschaften. Lautreamont verschafft in seiner Dichtung dieser Geschichte Gehör. Er ist der Dichter der Muskeln und des Schreis. In seinen „Chants de Maldoror“ führt er – so kann man sagen – sein Unbewusstes gegen die herrschenden Ideen vom Guten ins Feld, indem er als erster mit dem automatischen Schreiben experimentiert. Sichtbar wird dabei das unfassbar Böse, das der bürgerliche Fortschritt mitproduziert. Von dieser Dialektik des Guten und Bösen fasziniert – letzteres ist nichts anderes als das negative Prinzip, das jedes Behagen im Bestehenden zerstören will – und von der Wirkung seiner Maldoror-Experimente enttäuscht, wird er wenig später zum Erfinder des Detournement.

    Das Detournement ist kein einfaches Plagiat sondern Methode. Es ist die bewusste Zweckentfremdung gegebener kultureller Formen. Lautreamont plagiierte etwa die Moralismen bestimmter französischer Aufklärer um sie ad absurdum zu führen.

    Aber diese Negation der bürgerlichen Vorstellung vom Wahren, Schönen und Guten ist seit langem passé. Der Grund dafür ist einfach die Überreife der Bedingungen einer absoluten Umgestaltung der modernen Welt und die Antizipierbarkeit dieser Umgestaltung in den vielen gescheiterten Versuchen, die bereits dazu unternommen wurden. Die bornierte Konzentration auf die Kunstsphäre ist gemessen daran langweilig, also konterrevolutionär. Deshalb gilt es diesen Zerstörungsprozess nunmehr bis zur Negation der Negation weiterzutreiben. (mehr…)

    Realismus, Antifaschismus, Expressionismus

    Die Expressionismus-Debatte und das Konzept des Realismus

    Kerstin Stakemeier und Roger Behrens – Do 13.05.2010 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

    Der Streit um den Realismus setzte sich seit seinem ersten Auftreten in Frankreich und Russland Mitte des 19. Jahrhunderts fort; schließlich ging es um den künstlerischen Anspruch auf die Realität. Nach dem I. internationalen Schriftstellerkongresses in Paris 1935 konkretisierte sich die so genannte Realismusdebatte als Streit um die Strategie der Volksfront gegen den Faschismus in Europa. Wo Lenin und Stalin ihn lediglich zur revolutionären Linie erhoben hatten, um die Eigenständigkeit der Künste gegenüber der Partei einzuschränken, debattierten zwischen 1936 und 1938 Ernst Bloch, Anna Seghers, Georg Lukacs in der Zeitschrift ›Das Wort‹ das Problem, wie die Kunst das Reale fassen könne. Eine Paralleldebatte entwickelte sich in Paris. Hier ging es um den Realismus der bildenden Künste, und hier mischten sich unter anderem Le Corbusier und Fernand Legér ein.
    Es ging um die Frage nach Funktion der revolutionären Kunst, darum, wie sie die Realität fassen könne, sie erkennbar mache ohne sie dabei zu affirmieren. Und während Lukács und Brecht auf unterschiedlichen Wegen nach einem sozialistischen Realismus suchten, stellte Bloch den Expressionismus als einzig denkbaren Realismus im Angesicht der faschistischen Bedrohung dar. Und auch wenn die eigentliche Realismusdebatte bereits wenige Jahre später beendet war, und sich von nun an fast ausschließlich in staatsimmanenten Debatten der realsozialistischen Länder niederschlug, setzt sie sich thematisch in der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts fort. Beim frühen Godard, bei der Pop Art oder in den Diskussionen über den Status der Populärkultur – immer geht es um die Frage nach dem Verhältnis der Kunst bzw. Künste zur Gesellschaft und das Problem, in welcher Weise Kunst überhaupt gesellschaftliche Wirklichkeit zu erfassen vermag.
    Für eine Kunst, die ihre gesellschaftliche Funktion und Bedingtheit reflektiert, ist die in der Realismusdebatte behandelte Thematik zu aktualisieren. Dies auch deshalb, weil es in den letzten Jahren immer mehr Ausstellungen und Projekte gegeben hat, die versuchten das Thema des Realismus bloß als einfache figurative Selbstbespiegelung der Gegenwart zu besetzen. Gegen diese Besetzung soll aus historischer und gegenwärtiger Perspektive diskutiert werden.

    Kerstin Stakemeier arbeitet zur Frage des Realismus in der Gegenwartskunst sowie zum Künstler als Amateur und veröffentlicht regelmässig zum Verhältnis von Kunst und Politik. Sie ist aktiv in der antinationalen Künstler_innenorganisation Rosa Perutz. Roger Behrens ist Philosoph und Sozialwissenschaftler. Seine Arbeitsgebiete sind die kritische Theorie der Gesellschaft sowie die Philosophie und Ästhetik der Moderne und Postmoderne. Er publizierte zahlreiche Bücher und schreibt regelmäßig für die Jungle World.

    SARKASMEN

    Überlegungen zum poetischen Interventionismus in Paul Celans Spätwerk

    Magnus Klaue – Do 17.06.2010 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

    Daß Paul Celans Lyrik entgegen verbreiteten Klischees über deren vermeintliche Hermetik ihrer Formgestalt nach als ‚engagierte Dichtung‘ verstanden werden muß, ist spätestens seit Ende der siebziger Jahre zunehmend ins Bewußtsein der akademischen Forschung, aber auch der feuilletonistischen Rezeption seines Werks getreten. Nolens volens haben die dezidiert politischen Interpretationen von Celans Lyrik seiner Vereinnahmung als ‚Dichter des Holocaust‘ durch diverse derridistisch-heideggerianische Gedächtnisexperten womöglich sogar vorgearbeitet. Im Mittelpunkt solchen Interesses stehen indes die Lyrikbände aus Celans mittlerer Schaffensperiode, v.a. „Sprachgitter“ und „Die Niemandsrose“. Der Vortrag möchte demgegenüber der Frage nachgehen, inwiefern Celans späte Gedichte, die sich sowohl in ihrer Entstehungsweise wie in ihrer immanenten Formsprache deutlich von den früheren unterscheiden, sich bereits als Reaktion auf verschiedene Weisen der politischen Vereinnahmung seines Werks deuten lassen. Die spezifische Form des Engagements, wie sie seinen früheren Dichtungen immanent ist, wird dabei zugespitzt in einem polemischen Interventionismus, der in bislang ungekannter Weise auf ‚pragmatische‘ Formen wie Sentenz und Epigramm zurückgreift, zugleich aber jede Art politischer ‚Gebrauchsdichtung‘, wie sie zur gleichen Zeit etwa von Enzensberger vertreten wurde, scharf zurückweist. Für die besondere Formsprache, die durch die Verschränkung von Elementen ‚eingreifender‘ und ‚absoluter‘ Dichtung im Spätwerk entsteht, schlägt der Vortrag den Begriff des Sarkasmus vor.

    Im Mittelpunkt stehen Gedichte aus den Bänden „Fadensonnen“, „Lichtzwang“ und „Schneepart“. Die Gedichte werden in Kopie zur Verfügung gestellt.

    Magnus Klaue hat Germanistik, Philosophie und Filmwissenschaft studiert, an der FU Berlin gelehrt und über Else Lasker-Schüler promoviert. Derzeit arbeitet er an einem Forschungsprojekt zum Begriff der Idiosynkrasie und schreibt für zahlreiche Zeitschriften.

    Biene Baumeister: Was heißt „politische Kunst“?

    Manuskript des Vortragssegments Baumeister (Weimar, 18.06.2009)

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    Bevor wir uns der Kritik der Situationistischen Internationale hinsichtlich »Kunst« und »Politik« zuwenden, möchte ich fragen, was mit der Wortverbindung »politische Kunst« oder »kritische Kunst« angezeigt sein kann. Dabei möchte ich mich aber nicht auf unmittelbare Definitionsversuche bezüglich »der Kunst«, »der Politik«, »des Politischen« oder »der Kritik« einlassen, weil diese nämlich selbst politisch umstritten sind und insofern selbst der Form des Politischen unterworfen sind. Vielmehr möchte ich fragen, ob es sich überhaupt von vornherein vornehmen lässt, »Politik zu machen«, »Kunst zu betreiben« oder einen »kritischen Standpunkt« einzunehmen, in dem Sinne, dass damit verstanden wird, dass die Tätigkeiten, die damit benannt sind, die Eigenschaften haben, »politisch«, »künstlerisch« oder »kritisch zu sein«. Kann ein solches Vornehmen mehr bedeuten, als ein bloßes Versprechen oder ein suggestives Selbstversprechen (bzw. eine Selbstversicherung), dessen Einlösung aber völlig offen scheint? Ist es nicht vielmehr so – und das wage ich mit guten Gründen zu behaupten –, dass wir immer nur im Nachhinein sagen können, ob eine Tätigkeit, ein Werk oder ein Ereignis auch wirklich politisch, künstlerisch oder kritisch gewesen ist? Und selbst diese nachträglichen Bestimmungen oder die Frage, ob sie auch wirklich zutreffend sind, fallen wiederum in den Bereich des politischen »Handgemenges«. D.h.: Politik, Kunst und Kritik sind als Titel für Bestimmungen zu verstehen, die ihrerseits umkämpft sind, die immer wieder aufs Neue in der politischen Form des diskursiven, kommunikativen oder wirklichen »Handgemenges« ausgehandelt werden (ähnlich wie übrigens auch: das Vernünftige, das Schöne, das Gute, das Gerechte oder das Wahre). Auch dann, wenn wir »Kunst« und »Politik« kritisieren, werden wir dieses »Handgemenge«, die politische Form, nicht los; eine solche Kritik vollzieht sich immer im Modus des Politischen. (mehr…)

    Broschüre „Kunst | Spektakel | Revolution“ erschienen

    Nachdem der erste Block des zweiten Teils der Veranstaltungsreihe „Kunst | Spektakel | Revolution“ zu Ende gegangen ist, hat das Bildungskollektiv nun eine Broschüre herausgegeben, welche die Vorträge der ersten Veranstaltungsreihe dokumentiert. Die Broschüre kann über das Bildungskollektiv bezogen werden und die einzelnen Beiträge stehen in der Kategorie „Broschur“ zur Verfügung.

    Im April wird der zweite Teil der Veranstaltungsreihe fortgesetzt:

    Block 2 • April – Juni 2010

    Das große Spiel und travail attractif

    Charles Fourier und sein Vermächtnis für die Avantgarde
    Tilman Reitz • 15.04.2010

    Lautreamont & Detournement

    Lautreamonts Plagiatkunst als Destruktionsmodell der Moderne
    Christopher Zwi & R.G. Dupuis • 22.04.2010

    Realismus, Antifaschismus, Expressionismus

    Die Expressionismus-Debatte und das Konzept des Realismus
    Kerstin Stakemeyer & Roger Behrens • 13.05.2010

    SARKASMEN

    Überlegungen zum poetischen Interventionismus in Paul Celans Spätwerk
    Magnus Klaue • 17.06.2010

     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     

    Jules Francois Dupius: Der Radioaktive Kadaver

    Surrealismus und Situationistische Internationale werden oft in einem Atemzug genannt – in der prosituationistischen Rekuperation verschwinden die doch so frappanten Unterschiede und Abgrenzungen zwischen beiden Gruppierungen. Um nicht den Eindruck aufkommen zu lassen, in der theoretischen Auseinandersetzung im Nachhinein beide Strömungen miteinander versöhnen zu wollen, sei an dieser Stelle der Text „Der Radioaktive Kadaver – eine Geschichte des Surrealismus“ wieder veröffentlicht, den Raoul Vaneigem im Auftrag der S.I. geschrieben hatte. Die Wiederveröffentlichung geschieht mit freundlicher Genehmigung des Verlags Edition Nautilus. Die noch unvollständige html-Version wird Stück für Stück ergänzt.

    eine Geschichte des Surrealismus

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    1. KAPITEL

    GESCHICHTE UND SURREALISMUS

    l. DIE KRISE DER KULTUR

    Getrennte Erkenntnis, Trennung der Kenntnisse und Kenntnis der Trennungen

    Der Surrealismus gehört zu einer der Endphasen der Krise der Kultur.
    Unter den einheitlichen Regimes – für die das bekannteste Beispiel die Monarchie von Gottes Gnaden ist – verdeckt die vereinheitlichende Macht des Mythos die Trennung zwischen Kultur und gesellschaftlichem Leben. Genau wie der Bauer, erleben der Bourgeois, die Besitzer der Macht und der König, der Künstler, der Schriftsteller, der Gelehrte und der Philosoph ihre Widersprüche innerhalb einer hierarchischen Struktur, die vom Gipfel bis zum Grund das wesentlich unabänderliche Werk eines Gottes ist.
    Je wichtiger die Handels- und Fabrikbourgeoisie wird, und je stärker sie die menschlichen Beziehungen auf die rationelle Weise des Tausches, gemäß der meßbaren Macht des Geldes und innerhalb der mechanischen Gewißheit des Konkreten organisiert, desto schneller geht die Entheiligung vor sich und löst die bisher vorhandenen, idyllischen Beziehungen vom Herrn zum Sklaven auf. Die Wirklichkeit des Klassenkampfes kommt mit derselben Brutalität wie der plötzlich in den Mittelpunkt alIer Gedanken gestellte Wirtschaftssektor an die Oberfläche der Geschichte. (mehr…)

    Punk, paradox.

    Von der Kritik der Warengesellschaft zur Ware der Kritikgesellschaft

    Jan C. Watzlawik – Fr 29.01.2010

    Punk ist immer wieder eine „Herausforderung für die Hegemonie“ (Dick Hebdige). Er ist Katalysator diverser dissidenter Handlungstaktiken der künstlerischen Avantgarden des 20. Jahrhunderts und weist ein breites Repertoire an Protestpraktiken gegen die bestehenden Verhältnisse auf. Besonders deutlich wird dies in den kulturellen Materialisationen punktypischer Körper- und Kleidungsästhetik. Sie künden von der Subversion alltäglicher Symbole und Sachen und sind somit verobjektivierte Kritik an der Warengesellschaft.

    Die Untersuchung der materiellen Kultur des Punk zeigt jedoch mehr: Der gesellschaftliche und individuelle Abgesang des „no future“ ist zugleich überlebens- und integrationsfähige Strategie. Die Zukunftslosigkeit zeigt sich als Zukunftsentwurf. Die Bewegung, im Sinne einer sozialen Avantgarde und somit als Motor der Masse, ist selbst treibende Kraft einer Rekuperation. Der symbolische Protest des Punk findet ebenso Niederschlag in Läden und auf Laufstegen – als Ware der Kritikgesellschaft.

    Punk entpuppt sich als Bewegung im paradoxen Zustand gleichzeitiger gesellschaftlicher Gegnerschaft und Teilhabe. Der symbolische Protest bedeutet keinen Umsturz, sondern aktive Emanzipation mit Beeinflussungen der Mode und des Konsums.

    Jan C. Watzlawik ist wissenschaftlicher Angestellter am Institut für Kunst und Materielle Kultur der Technischen Universität Dortmund. Er forscht zu Mode-, Protest- und Konsumkulturen.

    Verführerische Kälte

    Über die Ästhetik des Dandyismus und ihre postmoderne Abschaffung

    Magnus Klaue – Do 04.02.2010

    Seit einigen Jahren hat sich mit den sogenannten Emos eine neue Jugendkultur etabliert, über deren kulturrevolutionären Charakter spätestens seit Martin Büssers Emo-Sammelband Einigkeit besteht. Diese Einigkeit möchte der Vortrag in Frage stellen, indem die Emo-Kultur bezogen wird auf den Dandyismuskult der Jahrhundertwende, von dem sie wesentliche Attribute borgt, den sie jedoch zugleich um seine Radikalität bringt. Zelebrierte der Dandyismus, ebenso wie seine ‚feminine‘ Variante, die Vampmode, eine paradoxe Einheit von Kälte und Verführung und einen Fetischismus der Maskerade, betreibt die Emo-Kultur die Sentimentalisierung des Dandys. Ruft der Dandyismus die Dialektik von Distanz und Nähe ins Gedächtnis, indem er die auf die Spitze getriebene Entfremdung als Voraussetzung der Befreiung begreift, möchten die kathartischen Selbstverwundungen und -entblößungen der Emos Entfremdung tilgen zugunsten einer neuen, postmodernen Empfindsamkeit. Anhand einiger Texten von Charles Baudelaire, Oscar Wilde, Georg Simmel u.a. soll der kritische Gehalt der dandytypischen ‚Blasiertheit‘ (Simmel) erarbeitet werden, der von den Emos preisgegeben wird. Außerdem wird es um den Bedeutungswandel gehen, dem die Mode vom Dandy bis zum Emo unterliegt.

    Magnus Klaue hat Germanistik, Philosophie und Filmwissenschaft studiert, an der FU Berlin gelehrt und über Else Lasker-Schüler promoviert. Derzeit arbeitet er an einem Forschungsprojekt zum Begriff der Idiosynkrasie und schreibt für zahlreiche Zeitschriften (u.a. Jungle World, Extrablatt, Konkret, Freitag und Bahamas).

    Spannung, Leistung, Widerstand.

    Zum Magnetbanduntergrund in der DDR

    Alexander Pehlemann – Do 11.02.2010

    Alexander Pehlemann, Mitherausgeber von „Spannung.Leistung. Widerstand. Magnetbanduntergrund DDR 1979 – 1990“, einem Buch-Spezial des Kulturmagazins ZONIC, stellt mittels Musik, Filmen, Lesungs-, Konzert- oder Performance-Mitschnitten die sich über die Achtziger Jahre entwickelnde Post Punk Szene der DDR mit ihrer spezifischen Wechselwirkung von Literatur, Film, Kunst und Musik vor und erläutert künstlerische wie gesellschaftliche Zusammenhänge.

    Der alte Osten war eine Transformationsgesellschaft. Aus nichts wurde wenig, aber immer wurden alle Pläne übererfüllt. Kultur war da der Transmissionsriemen, der die Nischen weitete. Nach Punk, Anfang der Achtziger, machten sich einige Sound-Enthusiasten auf, neue Wege übers Land zu gehen und begab sich in synergetisch-synästhetisch Wechselwirkungs-Prozesse voller Ungewißheit. Von Staat und Gesellschaft hatte dieser Teil der subkulturellen Szene sich innerlich längst verabschiedet, wie auch von deren reformatorisch-politischen Oppositionsbewegungen. Die Grundhaltung war un- oder antipolitisch, ironische Distanz hielt Einzug. Das Buch „Spannung. Leistung. Widerstand.“ präsentiert diese Keller- und Wohnzimmer-Avantgarde der DDR, die sich sowohl aus der jungen Punkszene rekrutierte als auch bildende Künstler und Lyriker involvierte, mit zahlreichen Texten und Interviews. Sowie aus Hunderten alter Kassettenaufnahmen sorgfältig ausgewählte Stücke, deren stilistische Bandbreite vom Avant Punk über intellektuell kühle New Wave bis zu elektronischen Experimenten oder Dub reicht. Entstanden ohne ökonomische Zweckausrichtung und Produktbewusstsein, als Kommunikationsmittel oder kreativer Existenzbeweis. Ein freies Agieren über die Stil-, Genre- und Subszenengrenzen hinweg kennzeichnete das Geschehen und die dokumentierten Sounds sind oft genug Resultate jener Wechselwirkungen. Bedingt durch die Enge im das Ganze so vielfach begrenzenden und bedrohenden System DDR. Untergründige Gegenströmungen, die auch heute noch durch Charme und Widerborstigkeit zu beeindrucken wissen und von einem randständigen Lebensgefühl in der DDR künden, das abseits der gesellschaftlichen Normierung als Vorbote des Systemzusammenbruchs ein Existenzrecht als kreatives Individuum einforderte und deren Spuren in der Musik von so unterschiedlichen Protagonisten wie Tarwater, To Rococo Rot, Carsten Nicolai und seinem Elektroniklabel Raster-Noton bis hin zu Rammstein hörbar sind.

    Alexander Pehlemann: 1969 in Berlin geboren. 1990 – 1997 Studium Kunstgeschichte/Geschichte in Greifswald. Seit 1993 Herausgeber des Magazins „ZONIC – Kulturelle Randstandsblicke & Involvierungs-momente“. 1993 Gründung des Al-Haca Soundsystem, seit 2006 solo als Selecta PEhLE aktiv. Journalist, Booker, Kulturnetzwerker und Mitglied des Künstlerkollektivs Underwater Agents. 2006 Herausgeber des Zonic-Spezials „Spannung. Leistung. Widerstand. Magnetbanduntergrund DDR 1979 – 1990“ (Zonic/ Verbrecher Verlag/ ZickZack). 2009 Compiler von „Polska Rootz. Beats, Dubs, Mixes & Future Folk from Poland“ (Eastblok Music).

    Esther Leslie: Walter Benjamin, Politics, Aesthetics

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    Who was Walter Benjamin?

    On 15 July 1892 Walter Benjamin was born to a well-heeled assimilated Jewish family in the capital of the Prussian Reich, Berlin. On 26 September 1940 he took his life while interrupted in his escape from Nazi Germany by way of Occupied France. Unable to cross from France into Spain because he had no visa – ill and threatened with hand-over to the Gestapo, to face certain incarceration as a Marxist and a Jew, he chose suicide. In the intervening years between these two dates he had lived in Weimar Berlin and in Paris, witness to much political turmoil and technological and social change. He made his fairly meagre money as a freelance writer selling literary criticism, historical analyses of culture and everyday life, interpretations of new technological cultural forms such as film and photography, he had written on theories of language, and delivered the radio lectures for children. The topics that attracted Benjamin are diverse: literature of the baroque, Romantic and modern periods, the philosophy of history, the social dynamics of technology, nineteenth century Paris, fascism and militarism, the city, capitalist time, childhood, memory, art and photography. Given his own precarious freelance existence, one of Benjamin’s key concerns was with the changing status of the intellectual, writer and artist over the period of capitalist industrialization. He tracked, for example, the changing fortunes of the avant-garde in nineteenth century France. He wanted to understand the ways in which artists are skewered by the contradictions of capital. In his studies of Charles Baudelaire, for example, he notes how the failure of social revolution in the late 19th century, and the inescapable law of the market, bred a hardened hoard of knowledge-workers condemned to enter the market place. This intelligentsia thought that they came only to observe it – but, in reality, it was, says Benjamin, to find a buyer. This set off all manner of responses: competition, manifestoism, nihilistic rebellion, court jestering, hackery, ideologueism. Benjamin diagnosed the situation of cultural workers that preceded him, always keen to assess their class and political positions. (mehr…)

    Roger Behrens: Kritik, Wahrheitsgehalt, Erkenntnischarakter

    Anmerkungen zu Adorno und Kunst

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    »Aufgabe von Kunst heute ist es, Chaos in die Ordnung zu bringen. Künstlerische Produktivität ist das Vermögen der Willkür im Unwillkürlichen«, schreibt Theodor W. Adorno im 142. Aphorismus seiner ›Minima Moralia‹. Das korrespondiert durchaus mit den künstlerischen Bewegungen des zwanzigsten Jahrhunderts, die allerdings – und das ist bemerkenswert – in der kritischen Theorie Adornos keineswegs auch nur annähernd in der Weise berücksichtigt werden, wie man es bei jemand vermuten sollte, der immerhin die letzte große, moderne Ästhetik verfasst hat, nämlich die ›Ästhetische Theorie‹, die posthum erschien (Adorno, 1903 geboren, stirbt 1969; die ›Ästhetische Theorie‹ wird 1970 als Band 7 – und damit erster Band – der ›Gesammelten Schriften‹ herausgegeben).

    Die »Kunst heute«, von der Adorno spricht, scheint vielmehr bloß Erinnerung an die der Kunst des neunzehnten Jahrhunderts zu sein; im zwanzigsten Jahrhundert, so der drastische Befund, unterliegt Kunst als kritische Instanz der ökonomischen Verwertungslogik, ist vollkommen in die »verwaltete Welt« integriert. (mehr…)