Kunst, Spektakel und Revolution http://spektakel.blogsport.de Veranstaltungsreihe zum Verhältnis von Ästhetik und Gesellschaftskritik Sun, 14 Apr 2019 13:20:40 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en »Der ganze Südosten ist unser Hinterland« http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/der-ganze-suedosten-ist-unser-hinterland/ http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/der-ganze-suedosten-ist-unser-hinterland/#comments Sun, 10 Mar 2019 18:44:49 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/der-ganze-suedosten-ist-unser-hinterland/ — 150 Jahre deutscher Politik
gegen einen jugoslawischen Staat

Do 11.04.2019 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Seit Beginn der deutschen Nationalökonomie wurde Südosteuropa als abhängiges Ergänzungsgebiet eines großdeutschen Reiches verplant. Bereits in den Debatten der Frankfurter Paulskirchenversammlung von 1848 wurde die Verhinderung eines eigenständigen, wirtschaftlich starken jugo-(das heißt süd-)slawischen Staates als zentrales Ziel deutscher Politik propagiert. Im August 1914 zogen deutsche und österreichische Soldaten mit der Parole „Serbien muss sterbien“ in den Ersten Weltkrieg. Nach der Kriegsniederlage des wilhelminischen Kaiserreiches erfolgte die Gründung Jugoslawiens nicht zuletzt als Widerstandsakt gegen den „deutschen Drang nach Osten“. Doch die deutschen Bombenangriffe auf Belgrad im April 1941 führten zur Zerschlagung des ersten jugoslawischen Staates. Nach der Rückeroberung Belgrads durch die Tito-Partisanen und die Rote Armee und dem Sieg der Alliierten über den Nationalsozialismus erfolgte die zweite Gründung Jugoslawiens als Sozialistische und Föderalistische Republik. Die Wiedervereinigung und die Wirtschaftskrise Jugoslawiens in den 1980er Jahren ermöglichte der Regierung unter Kohl und Genscher ein Anknüpfen an die Pläne des Kaiserreiches und des Nationalsozialismus. Die von ihr durchgesetzte staatliche Separierung Sloweniens und Kroatiens bedeutete die zweite Zerschlagung Jugoslawiens und hatte den Bosnien-Krieg von 1992-95 und den Kosovokrieg von 1999 zur Folge.

Klaus Thörner ist Autor des Buches »Der ganze Südosten ist unser Hinterland. Deutsche Südosteuropapläne von 1840 bis 1945« (ça ira, 2008).

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»We have built cities for you« http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/we-have-built-cities-for-you/ http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/we-have-built-cities-for-you/#comments Sun, 10 Mar 2019 18:42:42 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/we-have-built-cities-for-you/ — Widersprüche des jugoslawischen Sozialismus

Fr 26.04.2018 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Der Sammelband »We have built cities for you« [Link] ist aus der Zusammenarbeit einer Gruppe von Künstler*innen und Wissenschaftler*innen aus allen Republiken des ehemaligen Jugoslawiens entstanden und versucht, die Komplexität und Widersprüche des sozialistischen Jugoslawiens in seiner finalen Phase zu reflektieren. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht das Thema Arbeit. Die 1980er waren in Jugoslawien von massiven Streiks und Reformen im Bereich der Arbeit geprägt. Im Vortrag sollen aber auch Parallelen zwischen dem Jugoslawien der 80er-Jahre und aktuellen Entwicklungen in der Europäischen Union angesprochen werden. Damals wie heute haben wirtschaftliche Krisen zum Erstarken nationalistischer Kräfte geführt.

Mag.a Lidija Krienzer-Radojević ist Kulturanthropologin. Sie hat am Institut für Zeitgenössische Kunst der TU Graz gelehrt und war bis 2014 Mitarbeiterin der Universität Ljubljana. Sie ist Geschäftsführerin der IG Kultur Steiermark. Ihr Forschungsinteresse bezieht sich auf die soziale Integration der kapitalistischen Verhältnisse in das gesellschaftliche Leben.

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Jugoslawien http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/jugoslawien/ http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/jugoslawien/#comments Sun, 10 Mar 2019 18:38:49 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/jugoslawien/ — das Ende des deutschen Pazifismus

Do 09.05.2018 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

In der Linken wurde der Zerfall Jugoslawiens als Manipulation von außen interpretiert: Die ethnischen Gruppen seien von einem wiedervereinten Nazideutschland gezielt in den Bürgerkrieg gehetzt worden, um den letzten sozialistischen Staat in Europa zu zerschlagen. Unter dem Einfluss von Journalisten wie Jürgen Elsässer, Peter Handkte, Herman L. Gremliza, Georg Fülberth und dem internationalen „Künstlerappell“ wurde primär Slobodan Milošević als Opfer westlicher Verschwörung gezeichnet und rationale Erwägungen der NATO und Russlands zur Intervention im zerfallenen Jugoslawien in Abrede gestellt.

Diese linke Perspektive auf ein Jugoslawien als utopischen, sozialistischen Antagonisten des Westens war bereit, die kritischen Stimmen, die Krisen in der jugoslawischen Gesellschaft und Titos Misswirtschaft zu ignorieren. Die NATO gegen den Sozialismus und Deutschland gegen Serbien – diese Lesart bot sowohl linkspazifistischen und sowjettreuen Linken als auch der antideutschen Linken einen Mythos an, der mit der Realität der Jugoslawienkriege und dem internationalen Kontext wenig zu tun hatte.

Die 1990er waren geprägt von scheiternden oder zu kurz geratenen Interventionen: der mit Saddam Husseins Machterhalt endende zweite Golfkrieg, der Somalia-Schock, der Genozid in Rwanda, das Massaker von Srebrenica. Rufe nach der „responsibility to protect“ stellten auch Deutschland in die Pflicht an der Verhinderung von genozidaler Gewalt mitzuwirken. Der Bruch mit dem Pazifismus konnte unter den Begleitumständen nur defizitär stattfinden, war aber aus linker, interventionistischer Perspektive ein Fortschritt, der mit dem späteren, populistischen Backlash zur „Friedensmacht Deutschland“ widerrufen wurde und in der christkonservativen Ära mit einem ostentativen Nichtinterventionismus in Syrien und einer gleichzeitigen Abschottung Europas bis tief in den afrikanischen Kontinent hinein ein deprimierendes Ende fand. Gerade deshalb bleibt von Bedeutung, vergangene Interventionen zu untersuchen und in Kontrast zum aktuellen Isolationismus zu setzen.

Felix Riedel ist kritischer Ethnologe und Autor zahlreicher Debattenbeiträge. www.felixriedel.net

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»Die Ethnisierung des Sozialen« http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/die-ethnisierung-des-sozialen/ http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/die-ethnisierung-des-sozialen/#comments Sun, 10 Mar 2019 18:36:48 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/die-ethnisierung-des-sozialen/ Wochenendworkshop zu den jugoslawischen Zerfallskriegen

07. – 09.06.2019 – Marienstraße 19 [M18], Weimar

Im Jahr 1999 führte die Bundesrepublik Deutschland zum ersten mal seit 1945 wieder Krieg – im Verbund mit der NATO wurde Jugoslawien bombardiert und eine Teilung in Einzelstaaten forciert. Dem vorangegangen waren immer wieder aufflammende Bürgerkriege in Jugoslawien seit 1991. Die Vorgänge während der jugoslawischen Zerfallskriege und des Kosovo-Krieges 1999 sind kleinteilig und kompliziert. Eine linke geschichtspolitische Auseinandersetzung mit diesen Ereignissen macht oft halt vor deren Komplexität. Wir wollen im Workshop versuchen, uns den Vorgängen in den jugoslawischen Zerfallskriegen (1991-1999) anzunähern und uns gemeinsam ein Verständnis zu erarbeiten. Dabei wollen wir folgenden Fragen nachgehen: Inwiefern bargen die politischen und sozialen Widersprüche des sozialistischen Jugoslawien Konfliktkonstellationen, die schließlich auch zu Separationsbewegungen führten? Welche Rolle haben dabei außenpolitische und innenpolitische Faktoren, aber auch die Einflusssphären von Ost und West gespielt? Warum wurden ethnische Bezugspunkte in diesen Konflikten so stark? Welche Konfliktparteien waren daran mit welchen Interessen beteiligt? Der Workshop soll auch eine Kritik des Nationalismus beinhalten und der Frage nachgehen, warum und in welcher Weise sich soziale Konflikte in nationalistische Kämpfe und ethnische Zuschreibungen übersetzen. Wir werden all diese Fragen nicht erschöpfend beantworten können – aber schon eine gemeinsame Schärfung der Fragen selbst trägt zu einer gegenseitigen (Selbst-)Bildung bei.

Die Teilnahme ist auf eine Gruppe von 12 Personen beschränkt und wird quotiert bemessen. Wir bitten um eine Anmeldung an biko[at]arranca[dot]de bis spätestens zum 24.05.2019. Ein gemeinsames Frühstück wird organisiert, mittags und abends ist Selbstverpflegung. Übernachtungsplätze in Weimar können wir organisieren – bitte gebt bei der Anmeldung an, ob ihr eine Übernachtung benötigt.

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»Die Balkanisierung Jugoslawiens« http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/die-balkanisierung-jugoslawiens/ http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/die-balkanisierung-jugoslawiens/#comments Sun, 10 Mar 2019 18:27:20 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/die-balkanisierung-jugoslawiens/ Deutschland, die Zerschlagung Jugoslawiens
und der Kosowokrieg

Di 11.06.2019 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Jugoslawien ist in den 1990er Jahren das erste große Exerzierfeld der neuen deutschen Außen- und Militärpolitik gewesen. Die Bundesrepublik hat die Aufspaltung des Landes von Anfang an forciert und sie auch militärisch begleitet, 1999 dann sogar mit dem ersten großen Kampfeinsatz der Bundeswehr im Rahmen der Bombardierung Serbiens. Die Zerschlagung Jugoslawiens hat in mehrfacher Hinsicht deutschen Staatsinteressen gedient. Am Überfall auf das Land im Jahr 1999 hat die Bundesrepublik sich unter Bruch des Völkerrechts beteiligt – und damit klargestellt, dass sie sich bei der Durchsetzung ihrer Interessen im Zweifelsfall um das internationale Recht nicht schert. Die Kriege haben dazu beigetragen, die Südosteuropa-Politik der EU auf die deutsche Linie festzulegen; nicht umsonst ist um 2000 herum immer wieder von „europäischen Einigungskriegen“ die Rede gewesen. Weite Teile der Region leiden bis heute unter den Folgen der Kriege.

Jörg Kronauer schreibt immer wieder Analysen zur deutschen Außenpolitik, u.a. für konkret und Jungle World. Er ist Redaktionsmitglied bei German Foreign Policy.

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Ikonoklastische Aufführungen http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/ikonoklastische-auffuehrungen/ http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/ikonoklastische-auffuehrungen/#comments Sun, 10 Mar 2019 18:24:39 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/ikonoklastische-auffuehrungen/ — De/Konstruktion von Staatsymbolen in post-jugoslawischer Kunst seit 1989

Do 27.06.2019 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Der Begriff ikonoklastische Aufführungen wird hier in seiner doppelten und widersprüchlichen Bedeutung artikuliert. Als Legitimationsprinzip des Nationalstaats und als ästhetische Strategie, die sich gegen die politisch-ideologischen Dispositive des Staats wendet und dabei irritierende Bild- bzw. Handlungsszenarien entwickelt. Der Zusammenbruch Jugoslawiens manifestierte sich, unter anderem, als Zerstörung von Kulturerbe, wobei besonders die sozialistischen Monumente attackiert wurden. Mit Hinblick auf künstlerische Aufführungen, die sich der Hegemonie des Nationalismus widersetzen, analysiert der Vortrag die performative Dekonstruktion von Ikonen, Symbolen und Bildern der neugegründeten Staaten. Damit soll argumentiert werden, dass ikonoklastische Aufführungen eine dezidiert politische Wirkung erzeugen und somit als Instrumente emanzipatorischer, ästhetischer Praxis figurieren könnten.

Andrej Mirčev ist Theaterwissenschaftler, Dramaturg und bildender Künstler. In seiner künstlerisch-wissenschaftlichen Arbeit erforscht er unterschiedliche Konstellationen zwischen Aufführung, Bild, Archiv und Raum.

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Satan Panonski http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/satan-panonski/ http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/satan-panonski/#comments Sun, 10 Mar 2019 18:23:22 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/satan-panonski/ — Widersprüche des Jugopunk

Do 11.07.2019 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Vortrag mit filmischen Musikbeispielen: Satan Panonski war ein Punksänger aus der Stadt Vinkovci in Jugoslawien. Er geriet 1981, nachdem er jemanden nach einem Konzert (in Notwehr?) erstochen hatte in Haft, später in die Psychiatrie. Dank einer Ärztin konnte er aus der Psychiatrie in Popovača bei Zagreb heraus wieder Konzerte geben, zuerst mit seiner Band Pogreb X und dann mit verschiedenen Musikern unter seinem Pseudonym Satan Panonski. Erst Ende der 80er kam es zu Kassettenveröffentlichungen und einer Schallplatte auf dem Label Slušaj najglasnije! Auf den Konzerten ritzte er sich auf, blutete, fügte sich Brandwunden zu … thematisierte Homosexualität und »sexuelle Atonalität«, trug selbstgestaltete Gewänder und viel Makeup … Als der Kroatienkrieg 1991 ausbrach trat Satan Panonski der nun entstehenden kroatischen Armee bei und kämpfte in der Gegend um Vinkovci und Vukovar, machte sich auch mitschuldig. Auf dem Tape »Kako Je Panker Branio Hrvatsku (How a Punk defended Croatia)« wurden posthum Lieder mit kroatisch-nationalistischen Liedtexten veröffentlicht. 1992 starb er unter ungeklärten Umständen im Heimaturlaub. Eine Annäherung auf Umwegen.

Sakerdon Michajlovič lebt und – arbeitet nicht – (in Leipzig) und existiert womöglich nur in der »alten Frau« von Daniil Charms auf Seite 7. Er hat Interesse an Radio, Büchern, Comics, Punk.

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Geburt einer Nation http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/geburt-einer-nation/ http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/geburt-einer-nation/#comments Sun, 10 Mar 2019 18:19:39 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/geburt-einer-nation/ — Laibach und die Neue Slowenische Kunst

Do 18.07.2019 — 20:00 Uhr — ACC Galerie Weimar

Wie keine andere Band hat »Laibach« (benannt nach dem deutschen Namen der slowenischen Hauptstadt Ljubljana) den Zerfall Jugoslawiens mit popkulturellen Mitteln antizipiert und kommentiert. Dabei sind Laibach nie eindeutig, ihr radikaler Angriff auf die Sinne wie gesellschaftliche Sinnkonstrukte kommt in Form von Überaffirmation und Ambivalenz daher – sie spielen mit den Symbolen des Totalitarismus und des Krieges. Im widersprüchlichen und mit Zitaten gespickten Gesamtkunstwerkkonzept der Band spielt der Bezug auf die künstlerische Avantgarde eine wichtige Rolle. Deren Anspruch auf einen ganzheitlichen Gestaltungsanspruch setzte Laibach mit der 1984 erfolgten Gründung der »Neuen Slowenischen Kunst« um, einem interdisziplinären Künstlerkollektiv, das sich staatsähnlich gab und Anfang der Neunziger sogar einen eigenen Staat ausrief, den ohne Raum auskommenden und allen offenen „NSK state in time“. Eine Utopie angesichts der von ihnen prophezeiten blutigen Nationenbildung auf dem nun ex-jugoslawischen Grund? Alexander Pehlemann, selbst involviert in die Aktivitäten von NSK Lipsk, schildert die extrem ereignisreiche Geschichte des Projekts und stellt dabei einige seiner Manifestationen näher dar.

Alexander Pehlemann ist Autor, Kurator, DJ (Al-Haca Sound System), Kompiler, Journalist und Netzwerker. Seit 1993 ist er Herausgeber des »Zonic«, Magazin bzw. Almanach für »Kulturelle Randstandsblicke & Involvierungsmomente«.

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http://spektakel.blogsport.de/2018/04/24/379/ http://spektakel.blogsport.de/2018/04/24/379/#comments Tue, 24 Apr 2018 15:31:12 +0000 Administrator Editorisches http://spektakel.blogsport.de/2018/04/24/379/ In der Text-Rubrik haben wir soeben die verschriftlichte Version des Vortrags von Wolfgang Seidel – »Beat und Gammler, Konsum und Verweigerung. Jugend in Westdeutschland« – veröffentlicht. In unserer Radio-Rubrik stehen außerdem erste Interviews und Vortragsmitschnitte aus diesem Jahr zur Verfügung.

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Wolfgang Seidel: Die langen 60er http://spektakel.blogsport.de/2018/04/24/wolfgang-seidel-die-langen-60er/ http://spektakel.blogsport.de/2018/04/24/wolfgang-seidel-die-langen-60er/#comments Tue, 24 Apr 2018 15:23:48 +0000 Administrator Text http://spektakel.blogsport.de/2018/04/24/wolfgang-seidel-die-langen-60er/ Beat und Gammler, Konsum und Verweigerung — Jugend in Westdeutschland

Wir veröffentlichen hier eine verschriftlichte Version des Vortrags, den Wolfgang Seidel am 05.04.2018 in Weimar gehalten hat. Der Audiomitschnitt des Vortrags kann hier nachgehört werden.

Kaum ist das Luther-Jahr vorbei, wird dieses Jahr 1968 als nächste historische Wegmarke gefeiert. Dabei kommt 68 oder »die 68er« untrennbar verbunden mit den Begriffen Studentenbewegung oder Studentenrevolte daher. Diese Studenten sollen, so der Tenor des Jubiläumsjahres, zwar nicht ihre sozialistischen Träume verwirklicht haben – aber sie hätten eine Kulturrevolution vollbracht, die gescheiterte bürgerliche Revolution von 1848 vollendet, das Land demokratisiert und entnazifiert. Kurz: sie das moderne Deutschland geschaffen, das mit moralischem Überlegenheitsanspruch in der Welt auftreten darf.

Dazu eine Binsenweisheit: Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Aus den Studenten von damals sind die Professoren, Journalisten, Autoren von heute geworden, die die Geschichtsschreibung bestimmen. Tatsächlich war die Zahl der Studenten gering. In den 1960ern machten nicht einmal 10% eines Jahrgangs Abitur und entstammten meist dem Bürgertum. Davon waren nur wenige Teil des linken Spektrums, das heute als »die 68er« erscheint. Im Medien-Zeitalter hängt die Diskurshoheit ganz wesentlich davon ab, wer die einprägsamsten Bilder produziert. Im Jubiläumsjahr werden wir durch alle Medien hindurch eine Wiederholungsschleife erleben mit Bildern von untergehakt unter roten Fahnen voranstürmenden Demonstranten, der von einem Polizisten erschossene Benno Ohnesorg und Uschi Obermaier mit dem Joint in der Hand. Bei dieser doppelt gefilterten Geschichtsschreibung fällt sehr viel unter den Tisch wie die Rolle junger Arbeiter und Lehrlinge oder die Rolle der Frauen, von der meist nur der Minirock geblieben ist.

Die bundesrepublikanische Gesellschaft hatte sich zwar vom Anfang der 60er zum Anfang der 70er erheblich und sichtbar verändert, aber es waren Veränderungen, die womöglich auch ohne Mitwirkung der sogenannten Studentenbewegung eingetreten wären als Folge der Weiterentwicklung der Produktivkräfte und den daraus folgenden Veränderungen der Arbeitswelt. Studenten machten damals ein relativ schmales Segment der Gesellschaft aus. Politische Wirkungskraft konnten sie nur entfalten zusammen mit anderen. In Frankreich wurde die Lage für die Regierung De Gaulle erst in dem Moment brenzlig, als die Arbeiter bei Renault in den Streik traten. Eine Allianz, die nicht lange hielt. In Deutschland kam es nicht einmal zu dieser zeitlich begrenzten Koalition. Und was wurde aus der martialischen Revolutions-Rhetorik der studentischen Linken? Ein Teil dieser Linken machte sich auf den langen Marsch durch die Institutionen. Ein Ergebnis ist die erste liberale Demokratie in Deutschland mit einem deutlichen Zugewinn an individueller Freiheit. Aber auch die Hartz-Gesetzgebung ist ein Produkt eben dieser Generation und zugleich – das könnte man als provokante These aufstellen – die Rache der ehemaligen Studentenrevoluzzer an einer Arbeiterklasse, die sich nicht von ihnen zur Revolution führen lassen wollte.

In einem im Kursbuch 1968 veröffentlichten »Gespräch über die Zukunft« zwischen Hans Magnus Enzensberger, Rudi Dutschke, Bernd Rabehl und Christian Semler träumen sich diese »Studentenführer« ihre Räterepublik West-Berlin. Die hat ein Problem: »Wir haben in Berlin den irrsinnigen Zustand einer rasch anwachsenden Veralterung. Wie kann man das Alter produktiv machen?«. Was tun, mit alten Proleten? Denn: »Wenn man die Leute auf den Bänken sitzen sieht, dann bekommt man ein Grausen, wenn man bedenkt, sie warten nur darauf, bis sie irgendwann einmal sterben (…) sie sitzen schon als Leichen dort auf der Bank.« Was also tun mit diesen proletarischen Zombies? »Die Alten müssen wieder hinein in die Zirkulationssphäre, aber auch in die Produktionssphäre, und zwar in ihre ehemaligen Werkstätten; wie viele alte Leute sehen wir, die morgens noch den alten Gang gehen, den sie fünfzig Jahre lang gemacht haben, dann aber vor dem Tor Stehen bleiben und wieder zurückgehen. Diese Fabrik ist ein Teil ihres Lebens, und dann dürfen sie plötzlich nicht mehr hinein.« Denen kann geholfen werden: »Die Alten müssen mit dem Lebensprozeß der Fabrik Tag für Tag verbunden sein. (…) Die Alten gewinnen auch plötzlich im Rätesystem eine ganz subversive Bedeutung, weil sie nämlich nicht mehr ihre Arbeitskraft verkaufen, aber trotzdem im Betrieb drin sind. Ihre Arbeitszeit steht nicht mehr unter dem Druck, sie erzeugt zwar objektiv Mehrwert, aber der Arbeitsprozeß schlägt sich nicht mehr subjektiv in derselben Weise nieder wie beim Lohnarbeiter. Die Alten sind gewissermaßen eine ständige Fabrikbesetzung, und es wäre tatsächlich zu erwägen, ob nicht Leute in der Fabrik wohnen sollen.«

Das klingt wie eine Vorwegnahme der aktuellen Debatten über den demographischen Wandel und die angeblich alternativlose Rente mit 70. An einer Stelle halten die revolutionären Träumer sich, ohne es zu merken, den Spiegel vor: »Enzensberger: Ich glaube, um eine genaue Betrachtung der sogenannten neuen Mittelklassen kommt man nicht herum. Ich meine damit das Angestelltenmilieu, das sehr differenziert ist, das anfängt bei kleinen Beamten, Angestellten und hinaufreicht bis zu den hochbezahlten Wissenschaftlern.« Rabehls Antwort: »Revolutionär werden diese Leute nie; viel eher werden sie Zyniker«. Bernd Rabehl wurde noch mehr als ein Zyniker. Wie Horst Mahler und so manch anderer 68er bog er irgendwann scharf rechts ab. Die anderen Beteiligten wurden zur Gründergeneration der Grünen.

Waren diese Herren denn »die 68er«? Es gibt doch noch die andere Erzählung von Joint, Love-In und Jimi Hendrix. Dabei wird allerdings auch ordentlich übertrieben. Kaum eine Doku über diese Jahre kommt ohne die immer gleichen Bilder von Tänzern beim Open Air-Konzert aus, psychedelischen Lightshows oder die immer wiederkehrende Szene von Frauen, denen man Blümchen auf die nackte Brust malt. Dieses mediale Bild wird längst für bare Münze genommen. Aber es gab das hedonistische »68«. Woodstock, »Tune in, drop out“ und »Sex, Drugs and Rock & Roll«. All das begann schon vor 1968. Deshalb ist der im Englischen statt »68er« übliche Terminus: »the long sixties« wesentlich besser geeignet. Statt eines singulären Ereignisses beschreibt er eine gesellschaftliche Entwicklung und umfasst die Zeitspanne von Mitte der 50er bis Mitte der 70er. Mitte der 50er endete die Rationierung von Lebensmitteln in Grossbritannien, der Nachkriegsboom begann mit einer Arbeitslosenquote von unter 1% und Richard Hamilton etablierte mit der Ausstellung »This is Tomorrow« den Begriff Pop Art. Ein paar junge Leute trafen sich in Liverpool, um eine Band zu gründen und in der Carnaby Street eröffnete die erste Boutique. Was folgte, waren die – so ein anderer Begriff – »Swinging Sixties«. 1974 sah dann die erste heftige Nachkriegsrezession, steigende Arbeitslosigkeit, Streiks. Die Schlussfanfare spielten 1976 die Sex Pistols mit »Anarchy in the UK«. Dann kam Margaret Thatcher.

Für die Bundesrepublik kann man eine ähnliche Chronologie aufmachen. Von den Protesten gegen die Wiederbewaffnung oder einer Gesetzesänderung, die Frauen das Ergreifen eines Berufes ohne Erlaubnis des Ehemannes ermöglichte. Es folgten Rock & Roll-Krawalle als erstes jugendliches Aufbegehren und die Ostermarschbewegung. Die übernahm von der britischen Bewegung für Nuclear Disarmament das Peace-Zeichen. Es stellt die Buchstaben N und D im Flaggenalphabet der Seefahrt dar. In Deutschland wurde es allerdings als Runensymbol gedeutet. Die Kampagne gegen die atomare Rüstung, ausgelöst in Westdeutschlands durch Adenauers Forderung nach nuklearen Sprengköpfen für die im Aufbau befindliche Bundeswehr, brachte es 1958 auf ihrem Höhepunkt auf über eine Million Teilnehmer, getragen durch ein breites Bündnis aus SPD, Gewerkschaften und Kirchen – eine Massenbasis, von der die 68er nur träumen konnten. Lediglich im Kampf gegen die Notstandsgesetze gelang es ihnen, ein breites Bündnis zu schaffen. Dessen Höhepunkt war im Mai 68 der Sternmarsch nach Bonn mit mehreren 10.000 Teilnehmern.

1960 kam die Antibabypille 1962, fand mit dem »Festival für neueste Musik« in Wiesbaden die erste große Fluxus-Veranstaltung statt und in München entbrannten die Schwabinger Krawalle wegen ein paar auf der Strasse Gitarre spielenden Jugendlichen. Arbeiter und Angestellte erfreuten sich immer kürzerer Arbeitszeiten, eines freien Wochenendes und zum ersten mal Urlaub im Ausland nicht nur für die gehobenen Stände. Die 5-Tage-Woche erkämpften die Gewerkschaften. Das freie Wochenende bedeutete nicht nur mehr Freizeit. Es war ein Vorgeschmack auf ein Leben, das nicht nur malochen bedeutete und hat damit wahrscheinlich mehr Nachdenken über »entfremdete Arbeit« bewirkt als die gesamte Textproduktion des SDS. Manchen Jüngeren waren fünf Tage Arbeit immer noch zuviel. Die Gammler, jugendliche, meist proletarische Aussteiger, erhitzten Mitte der 60er die Gemüter wegen ihrer langen Haare, dem Peace-Zeichen auf ihren Parkas, ihrer Liebe zum Blues und vor allem ihrer Verweigerung der protestantischen Arbeitsethik. Die Gammlerbewegung, die ihren Höhepunkt etwas 1966 hatte, ist aber, genau wie die ein paar Jahre früher stattfindenden Rock & Roll Krawalle, aus der Geschichtsschreibung weitgehend herausgefallen, da sie kaum literarische Zeugnisse hinterlassen hat und kein geschlossenes Programm. Vorbilder waren die amerikanischen Beatniks. Man las die Geschichten von Jack Kerouac oder Allen Ginsberg. Musikalisch nahmen Gammler, was sie vorfanden und ihrer Vorstellung von persönlicher Freiheit entsprach. Man hörte Dylan oder spielte selber auf der akustischen Gitarre, die man mit sich herumtragen konnte. Beliebt waren auch die härteren Bands der britischen Blues-Szene wie die Pretty Things. Hubert Fichte hat diese Szene in seinem Roman »Die Palette« porträtiert. Auch wenn es den Gammlern, die oft Dropouts aus Arbeiterfamilien waren, um persönliche Freiheit ging, spielte sich ihr Protest scheinbar in einem vorpolitischen Raum ab. Die Abweichung von der Norm liess aber die mühsam unter einer formaldemokratischen Decke gehaltene braune Ideologie der keine Abweichung duldenden Volksgemeinschaft hochkochen. Gammler wurden von ordentlichen Deutschen ins Arbeitslager gewünscht – keine leicht zu nehmende Drohung. Die kam von Leuten, die zwei Jahrzehnte vorher ernst gemacht hatten. Es sind dieselben Konfliktlinien, die gemeinhin mit 68 verbunden werden – aber ein paar Jahre vorher, was der Rede von den »long sixties« entspricht. Die Gammler gingen dann 1968 zu einem großen Teil in der neuen Protestbewegung auf. Die wohl bekannteste Biografie, die das spiegelt, ist die von Bommi Baumann. Dessen Weg führte von einer Lehre als Betonbauer zu den Gammlern, der Teilnahme an den Krawallen nach dem Rolling Stones-Konzert in der Westberliner Waldbühne, zur militanten »Bewegung 2. Juni«.

Von »den 68ern« zu reden würde auch heissen, dass damals eine klassenlose Gesellschaft Einzug gehalten hätte. Einfach so. Der Traum von der Woodstock-Generation. Alle gleich bekifft im bunten Fummel, tanzend zur gleichen Musik. Das ist doch eigentlich nichts Schlechtes. Aber da ist man schon bei den Widersprüchen. Das war überhaupt nicht, was die sogenannten »Studentenführer« wie Dutschke wollten. Ausgerechnet das, was für angenehme Erinnerungen taugen würde, war für ihn und seine Genossen »Konsumterror«. Oberflächlich betrachtet schien das allerdings nicht so völlig falsch zu sein mit der klassenlosen Gesellschaft. Es machte das Wort von der »nivellierten Mittelstandsgesellschaft« die Runde. Der Lebensstandard von Arbeitern und Angestellten stieg spürbar. Die Entwicklung neuer Technologien schuf Aufstiegschancen. Die lange Nachkriegskonjunktur machte Arbeitskräfte zur Mangelware, die sich entsprechend teuer verkaufen konnte. Dazu gehörte allerdings auch, dass man die unteren Ränge mit Gastarbeitern füllte, die die Drecksarbeit übernahmen. Die Politik folgte einer Art Klassenkompromiss nach keynesianischem Muster. Die Entwicklung der Produktivkräfte brauchte nicht nur qualifiziertes Personal für die Produktion, sie brauchte auch Konsumenten. Zur ökonomischen kam die politische Motivation, die Produzenten am entstandenen Reichtum teilhaben zu lassen. An der Nahtstelle der Blöcke galt es im Kalten Krieg zu beweisen, welches System das bessere ist.

Der Terminus Nivellierte Mittelschicht funktionierte in den 60ern mit allgemeiner Zustimmung der Beteiligten. Wer mochte schon als »rich kid« identifiziert werden, das seine gewagten Sprünge im bekifften Hippiehimmel oder Parolen wie das zweideutige »Sieg im Volkskrieg« grölend, mit dem sicheren Netz des elterlichen Erbes unter sich vollführt? Umgekehrt wollten die Angehörigen der Arbeiterklasse den Konnotationen von Schmutz, Schweiß, Grobheit und kultureller Enge entfliehen. Sie taten das mit einigem Eifer, weswegen auch hier der englische Begriff treffender ist: aspiring working class. Das lässt sich am besten mit ehrgeizig übersetzen. Und ehrgeizig war man. Man bildete sich weiter, besuchte die Abendschule, holte das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nach. Und was man selber nicht schaffte, sollten die Kinder erreichen. Die sollten es besser haben und der Weg dahin hieß Bildung. Das galt auch für einen großen Teil der seit Anfang der 60er zugewanderten Migranten. Niemand diskutierte oder finanzierte Integration. Das besorgten die Betroffenen selber – auch hier in der Überzeugung, dass es die Kinder durch Bildung besser haben sollen. Für das lange Jahrzehnt von Elvis Presley, den Beatles bis zu Punk gaben Künstler aus der aspiring working class den kulturellen Takt vor. Bis mit den sich verschlechternden ökonomischen Bedingungen die alte Oberschicht zum Gegenschlag ausholte.

John Lennon hatte das schon Anfang der 70er geahnt, als er in seinem Song »Working Class Hero« diese Zeilen sang: »wenn du ungebildet bist, verachten sie dich, bist du klug, hassen sie dich«. Denn dann bist du Konkurrenz. Nicht gerade für die Oberschicht. Aber für die Mittelschicht, die im Bioladen einkauft und den Nachwuchs auf die Waldorfschule schickt. Nicht nur, weil es gesünder ist oder das Lernen dort mehr Spaß macht. Vor allem auch, um eine Grenze zu ziehen zu denen da unten und deren Blagen. Die mediale Erfindung der »Unterschicht«, der Verwandlung der Arbeiterklasse in eine Karikatur aus falscher Ernährung und schlechtem Geschmack ist dabei das Mittel zur moralischen Rechtfertigung für die seit den 1990ern fortschreitende Spaltung der Gesellschaft.

Zu den Gewinnern der gesellschaftlichen Veränderungen über das lange Jahrzehnt der 60er gehörten die Frauen. Damals befand sich die avancierteste Technik, über die man individuell verfügen konnte jenseits von Militär oder Fabrik, in den Händen von Frauen. Wenn damals irgendwo im deutschen Haushalt die Moderne einzog, dann war es zuerst die Küche. Während im Wohn- und Schlafzimmer die Herrschaft des Biedermeiers ungebrochen weiterging, strahlten in der Küche Chrom und Glas. Bauknecht wusste, so der Werbeslogan, was Frauen wünschen: technischen Fortschritt und modernes Design. Das wichtigste Produkt dieser oft wie aus den Laboren der NASA aussehende Geräte war Freizeit – Zeit, über die frau frei verfügen konnte.

Dass Role Model für die neue Weiblichkeit wurde ab 1965 von Diana Rigg als Mrs. Emma Peel (den Mister Peel sah man nie) in der britischen Fernsehserie The Avangers verkörpert – kühl, geistreich, immer nach der neuesten Mode gekleidet und gleichermassen bewandert in Karate und Atomphysik. Ihre Gegner waren bevorzugt degenerierte Aristokraten, holzköpfige Militärs oder gierige Geschäftemacher. In der Folge »A Touch of Brimstone« befördert sie einen adligen Bösewicht, der die Demokratie durch die Herrschaft einer aristokratischen Möchtegern-Elite ablösen möchte, mit einem eleganten Karate-Tritt durch ein Loch im Fussboden in die unten vorbeifliessende Themse. Ein wahrhaft freudianisches Ende.

Die gesellschaftliche Praxis in Westdeutschland hing solchen Utopien allerdings hinterher. Ende der 60er heirateten die meisten Frauen mit 20 – 23 Jahren um danach Hausfrauen zu werden, Kinder zu betreuen und ihren Ehemännern nach des Tages Arbeit ein gemütliches Heim zu bieten. Ausbildung und Beruf wurden mehrheitlich als Durchgangsstationen gesehen, in denen frau sich die Aussteuer verdiente und etwas zur Einrichtung des neugegründeten Haushalts beisteuerte. Mit dem ersten Kind war dann Schluss. Das galt auch für Studentinnen, die ohnehin in der Minderheit, oft ihr Studium abbrachen, wenn das erste Kind kam. Ihre Partner kamen nie auf diese Idee – auch nicht die linken Revoluzzer. Während die ihre immer abgehobeneren Theoriedebatten führten, machten die Frauen den Abwasch oder bestenfalls Sekretärinnendienste. Bis es 1968 bei einem SDS-Kongress zum Aufstand kam mit Tomatenwürfen der SDS-Frauen auf das ausschliesslich männlich besetzte Podium. Für die Männer waren die Forderungen der Feministinnen nur sogenannte Nebenwidersprüche, die sich nach der Weltrevolution von selber lösen würden. Die Frauen sahen das praktischer und gründeten die Kinderladenbewegung, um sich von der vereinzelnden Rolle als Hausmütterchen zu befreien. Es wurde eine Debatte begonnen, die weit über die linken Studenten hinaus Wirkung hatte. Immer mehr Frauen nahmen ihr Leben in die eigenen Hände, die Scheidungsrate stieg und über 70% der Scheidungen in den 1970ern fanden auf Initiative der Frauen statt.

Die 68er sind irgendwann bescheiden geworden. Aus der Weltrevolution wurde nichts, der Sieg des Vietcong brachte über eine Million Bootsflüchtlinge, das Ende des Schah-Regimes brachte Chomeini an die Macht. Da wollte man als Trostpreis wenigstens in Deutschland eine Kulturrevolution vollbracht haben. Das ist nicht falsch, dabei wird aber der Anteil, den die aus den Debatten der langen 60er hervorgegangene feministischen Bewegung hat, weitgehend ignoriert. Bei den Namen, die als Macher der Geschichte aufgezählt werden, ist keine Frau dabei. Wenn es ein weibliches Bild gibt, dann ist es Uschi Obermaier als 68er Pin Up. Dabei hatte der männliche Teil der 68er sich alsbald in hermetische K-Gruppen zurückgezogen, wo sie die Solidarität mit immer kleineren nationalen Befreiungsbewegungen hochleben liessen oder ganz in Verschwörungstheorien abglitten, wo sie hinter jedem umgefallenen Sack Reis wahlweise die CIA, den Mossad oder beide vermuteten.

Unter dem Widerspruch zwischen autoritärer patriarchalischer Ideologie und den Versprechungen und Möglichkeiten der Moderne litten vor allem Jugendliche. Sie waren in der Situation von Kindern, die sich an der Schaufensterscheibe die Nasen plattdrückten und all die bunten Verheißungen anstarrten. Von Jugendlichen wurde vor allem eines verlangt: den Mund zu halten und sich reibungslos an die Disziplin von Schule, Fabrik und seit 1955 wieder Militär anzupassen. Wer etwas Fernseharchäologie betreibt und sich die pseudodokumentarischen, mit viel Lokalkolorit gedrehten Krimiserien wie Stahlnetz aus den frühen 1960ern anschaut, wird darin eines nicht finden: Jugendliche. Es gibt Kinder und es gibt unfertige, meist unbeholfene junge Erwachsene. Jugend als eine immer länger werdende, selbstständige Lebensphase mit eigenem kulturellen Ausdruck war noch nicht erfunden. Wenn Jugendliche auftauchen, dann als delinquente Halbstarke, also schon fast als eigener Straftatbestand. Die sind gekennzeichnet durch unsoldatische Körperhaltung, Konsumlust und vor allem durch patzige Antworten, mit denen sie die Autoritäten herausfordern. Ein weiteres wiederkehrendes Merkmal ist die Verwendung von Anglizismen in Musik, Kleidung und Sprache, fast so, als wären sie die zweite Welle der GIs, die das Besatzungsregime in Schulen und Familien tragen.

Als man im SDS noch gemeinsam mit Walter Ulbricht und dem reaktionären Bürgertum Rock & Roll für »ausländisches Jäh Jäh« und amerikanischen Schund hielt (wo sollte Schund auch sonst herkommen?), hatten Teile vor allem der Arbeiterjugend genau dort ihr Utopia entdeckt. Undiszipliniert, aufregend, erotisch – bloß keine antimoderne Romantik. Diese Musik wurde mit den modernsten Mitteln der Technik gemacht und verbreitert und klang wie nichts, das es vorher gegeben hatte. Und am allerwenigsten deutsch. Rechte wie linke Reaktionäre beklagten unisono die angebliche Konsumgier der Jugendlichen, etwas was vor allem beim jungen Proleten als unerhört, als Verstoß gegen die Klassenordnung empfunden wurde. Der hatte zu arbeiten und ansonsten die Klappe zu halten. Was die Reaktionäre und Hüter von Enthaltsamkeit und militärischer Disziplin gar nicht oder nur als Bedrohung verstanden: es handelte sich eben nicht um blossen Konsum sondern um eine aktive Aneignung – von der Gründung der eigenen Band (Mitte der 60er schwappte eine Welle frisch gegründeter Beat-Bands vor allem über das Ruhrgebiet), über Mode zur entmilitarisierten Körpersprache, Rolf Dieter Brinkmann steuerte dazu von den amerikanischen Beats inspirierte Gedichte bei gegen das bedeutungsschwangere Geraune deutscher Dichter und Denker.

Für das Bürgertum war die kulturelle Amerikanisierung ein Graus. Ihnen ging mit dem Verlust der kulturellen Hegemonie auch ein Teil der Legitimation ihres Herrschaftsanspruchs verloren. Besiegt ausgerechnet von den Amis, die statt Kultur angeblich nur Urwaldmusik und Kaugummi haben. In den 1950ern gab es tatsächlich Überlegungen, sich mit »Kulturpaketen« bei den Amerikanern für die Care-Pakete zu bedanken, mit denen die USA die Deutschen nach dem Krieg mit Lebensmitteln versorgt hatten. So bekam Rock & Roll, anfangs ein hauptsächlich proletarisches Vergnügen, eine politische Dimension. Bei den ersten Rock & Roll-Krawallen 1958 anlässlich der Tournee von Bill Haley, war unter den verhafteten Jugendlichen, die sich nach einer nur 15-minütigen Show der Band abreagieren mussten, nur ein Gymnasiast. Alle anderen waren Arbeiter oder Lehrlinge. Als Jerry Lee Lewis 1962 im Starclub seine „Great Balls of Fire“ in das Klavier hämmerte, schrieb das Hamburger Abendblatt naserümpfend, »Die jungen Leute, zum Teil sehr jung, sind Maschinenarbeiter, Anlernlinge, Industrie-Lehrlinge, Hafenarbeiter, einfach, anspruchslos, stark.« Es dauerte eine Weile, bis der bürgerliche Nachwuchs auf den Geschmack der verbotenen Früchte kam und sich an Orte wie den Starclub wagte.

Als Jugendlicher war man einer permanenten Kontrolle unterworfen und eigentlich nur unverdächtig, wenn man unsichtbar blieb. »Solange du die Beine unter meinen Tisch steckst …« war einer der Sprüche, mit denen der Nachwuchs diszipliniert wurde. Der war besonders wirkungsvoll bei Schülern und Studenten, die über kein eigenes Einkommen verfügten. Wer eine berufliche Ausbildung machte, hatte es auch nicht viel besser, denn »Lehrjahre sind keine Herrenjahre«. Die meisten Lehrlinge waren in kleinen Betrieben beschäftigt, wo sie vor allem eines waren: billige Arbeitskräfte. Der Ausbildungsstandard war dürftig, wenn man nicht das Glück hatte, eine Lehrstelle in einem Großbetrieb mit eigener Lehrwerkstatt gefunden zu haben. Es gab nur ein minimales Lehrgeld, das oft bei den Eltern bis auf ein kärgliches Taschengeld abgeliefert werden musste. Wer nicht spurte, bekam zu hören »dann kommst du ins Heim«. Das war keine leere Drohung. Die härteste Maßnahme zur Disziplinierung war die Einweisung in ein Erziehungsheim. Dort wurden bis Anfang der 1970er Kinder und Jugendliche mit körperlicher Gewalt diszipliniert, eingesperrt und zu unbezahlter Zwangsarbeit herangezogen. Zu der Ausbeutung als billigste Arbeitskräfte kamen noch die zahlreichen Fälle sadistischer Gewalt und sexuellen Missbrauchs.

Ein Weg für Schüler und Lehrlinge, beengten Wohnverhältnissen, der sozialen Kontrolle und Disziplinierung zu entkommen, war der Kampf um selbstverwaltete Jugendzentren. An eine eigene Wohnung war nicht zu denken. Nicht nur aus finanziellen Gründen. Man hätte auch keinen Vermieter gefunden. Besonders drückend war die Situation von Jugendlichen in kleinen Städten, wo man sich nur misstrauisch von Polizei und Bürgern beäugt im Sommer in Parks und auf öffentlichen Plätzen treffen konnte. Selbst wenn es ein Angebot an kommerziellen Veranstaltungsorten gegeben hätte – mit einem schmalen Taschengeld wäre das nicht zu finanzieren gewesen. Anfang der 70er war diese Situation unerträglich geworden und die Jugendlichen begannen sich zu organisieren und leerstehende Fabriken oder städtische Räume zu besetzen um darin selbstverwaltete Jugendzentren einzurichten. Anfang der 70er gab es über 150 dieser Hausbesetzungen. Die Behörden reagierten anfänglich mit Polizeieinsätzen. Später änderte sich die Strategie und die Jugendzentren wurden akzeptiert und längerfristig professionalisiert. Trotz der grossen Zahl beteiligter Jugendlicher und obwohl einige dieser Zentren heute noch existieren, ist diese Bewegung in der von den studentischen 68ern dominierten Geschichtsschreibung weitgehend untergegangen. Vielleicht weil diese Jugendlichen, statt sich auf die Weltrevolution vorzubereiten, lieber abhängen und Musik hören wollten.

Für Lehrlinge und Schüler waren Rainer Langhans und Fritz Teufel die Helden. Hatten die doch vor Gericht mit ihrem Kommentar zum sich Erheben der Angeklagten die Hohlheit der Rituale der Herrschaft entlarvt – »Wenn‘s der Wahrheitsfindung dient«. Das waren Unterwerfungsgesten die auch Schülern und Lehrlingen abverlangt wurden. Die Attraktivität der Kommune, also eines Lebens ohne permanente Disziplinierung, brauchte man den in engen Arbeiterwohnungen unter ständiger Überwachung Aufgewachsenen auch nicht erklären. Das verstanden die sofort. Rudi Dutschke bewunderte man für das rhetorische Talent, mit dem er die Autoritäten herausforderte, ohne allzuviel vom Gesagten zu verstehen. Er machte sichtbar, dass die gesellschaftliche Stellung seiner Kontrahenten allzuoft nur auf Status und Herkunft beruhte und nicht auf Leistung. Und auch nicht auf Moral, denn der Status wurde bei vielen unbeschadet vom Nationalsozialismus in die Bundesrepublik getragen. Dutschkes Debattenbeiträge wurden als mehr empfunden, als der Satz von dem berühmten Transparent »Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren«. Stattdessen war Dutschke das Kind aus dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern, das mit dem Finger zeigt und ruft »der ist ja nackt!«. Dennoch dämmerten es einigen, dass sie Zeuge eines innerbürgerlichen Fraktionskampfes waren um Macht, Pfründe und Nachfolge, bei dem die unteren Stände nicht viel zu gewinnen haben. Nur ein paar Brosamen, die zu ihnen herunterfallen, wenn sie als Verbündete oder Drohkulisse gebraucht werden. Inzwischen sind die Brosamen wieder eingesammelt und etliche Kämpfer gegen den Muff haben sich nach kurzem Auslüften die Talare selber angezogen.

Im Kampf gegen autoritäre Strukturen und eine repressive Sexualmoral fanden sich Schüler, Lehrlinge und Studenten in derselben Position. Das galt auch für die, die man die Generation Twen nennen könnte – nach der ersten, modernen Lifestyle-Zeitschrift der Bundesrepublik, die ab 1960 erschien. Die Zielgruppe waren junge, hedonistische und konsumorientierte Erwachsene, die an Musik, Kunst und Mode interessiert waren. Die sprach man mit einem modernem Layout und aufwendigen Fotostrecken an. Politisch würde man die Position der Zeitschrift als linksliberal verorten. Diesen Gruppen war gemeinsam, dass sie unter dem Mief und den repressiven Moralvorstellungen litten. Das war ja nicht nur ein atmosphärisches oder kulturelles Problem. Diese Moralvorstellungen waren in Gesetze gegossen: §218 – Abtreibung, §175 – Homosexualität, §180 – Kuppelei. Dieser Paragraf stellte unter Strafe, wenn ein bei seinen Eltern lebendes, volljähriges Kind über Nacht Besuch hatte. Auch auf der materiellen Seite wollte man seinen Anteil am Kuchen. Nachdem die Nachkriegsnot überwunden war, erschien das »Gürtel enger schnallen« angesichts der rasant gewachsenen Produktivkräfte nur noch anachronistisch.

Wenn es gegen diese Verhältnisse ging, zogen alle diese verschiedenen unter dem Begriff 68er subsumierten Gruppen ein paar Jahre am selben Strang. Wenn Lehrlinge forderten, nicht mehr geschlagen zu werden, dafür aber ordentlich ausgebildet und bezahlt, war das für die radikalen Studenten letzten Endes nur Reformismus. Für die Lehrlinge war Amerika ein Sehnsuchtsort mit Rock & Roll, Blue Jeans, Surfbrett und Führerschein mit 16. Die linksradikalen Studenten dagegen machten die Gleichung auf: USA = SA = SS. Das hatte wenig mit der Realität zu tun aber viel mit dem Bedürfnis nach Entschuldung und Wiedergutwerdung eines Bürgertums, das in großen Teilen die Funktionselite des III. Reiches gestellt hatte. Der euphemistisch zum Antizionismus umetikettierte Antisemitismus hatte die gleiche Funktion. Und spätestens mit der RAF enden für die Bundesrepublik die »langen 60er«. Es dauerte dann noch ein paar Jahre, dann konnten die K-Gruppen-Mitglieder ihre Liebe zu nationalen Befreiungsbewegungen in die Liebe zur deutschen Nation transferieren. Dass Ende der 60er die Arbeiterklasse auf Distanz blieb zu diesen Revoluzzern, zeigte sich als richtige Einschätzung. Die Arbeiterklasse weiß, was es bedeutet, wenn der Chef sagt »wir« müssen uns anstrengen. Auch wenn 68 die Schröders, Fischers und Trittins vom Chef-Sein noch ein paar Jahre träumen mussten. Die Liste der ehemaligen K-Gruppen-Mitglieder, die es so noch zu etwas gebracht haben, wenn nicht ohnehin ein reichliches Erbe ihren Lebensweg geglättet hat, ist lang. Als Beispiel sei hier nur Joscha Schmierer genannt, der es vom Zentralsekretär des KBW (Kommunistischer Bund Westdeutschland) und nach einem Solidaritätsbesuch bei Pol Pot in Kambodscha unter Joseph Fischer zum Mitarbeiter im Planungsstab des Auswärtigen Amtes brachte. Nicht nur Horst Mahler bog irgendwann scharf rechts ab und tauschte die Weltrevolution gegen die Nation. Das aktuelle Beispiel ist Jürgen Elsässer. Für einen echten 68er ein bisschen zu jung, aber wie die Grünen Jürgen Trittin und Angelika Beer ehemaliges Mitglied des maoistischen KB (Kommunistischer Bund) und heute einer der umtriebigsten Propagandisten der Neuen Rechten.

Jetzt treten die 68er nach und nach ab. Ein bisschen Schulterklopfen sei ihnen mit den eben erwähnten Ausnahmen noch gegönnt für ihre Leistungen: Unisex-Toilette, Ehe für alle und Gendergerechte Sprache. Leider hat letztere den Pay-Gap für Frauen und deren erhöhtes Armutsrisiko nicht verhindert. Auch der Kampf um die Frauenquote bei DAX-Vorständen dürfte der alleinerziehenden Aldi-Kassiererin egal sein. Aber wer wird schon so kleinlich sein und deswegen den 68ern die Geburtstagsparty vermiesen. Das Land ist doch viel toleranter geworden. Auch wenn die Toleranz vielleicht nur Laissez Faire ist und die Entwicklung von Parallelgesellschaften ermöglicht hat, die eben dieser Toleranz gefährlich zu werden drohen.

Vielleicht reicht der Blick in die Statistik, um die Erfolge der 68er zu messen: im frühen 19. Jahrhundert verfügten 10% der Bevölkerung über 80% bis 90% des Vermögens. In den Nachkriegsjahren, als die 68er ihren Weg begannen, sank dieser Wert auf 45%. Das war der Anlass, von der nivellierten Mittelstandsgesellschaft zu reden. Heute liegt der Vermögensanteil des reichsten Dezils bei 70%. Tendenz steigend. Dem steht am anderen Ende der Gesellschaft eine steigende Anzahl von Menschen in Leiharbeit und prekären Beschäftigungsverhältnissen, ein wachsender Niedriglohnsektor und die Rückkehr der Dienstbotengesellschaft gegenüber. Das soll keine Schuldzuweisung an die 68er sein, zeigt aber, dass die offenbar bei ihrer Kulturrevolution ein paar Dinge übersehen haben. Und ganz unbeteiligt sind sie nicht. Die sich verschärfende soziale Spaltung der Gesellschaft wird von Soziologen wie Sighard Neckel als als Neofeudalismus bezeichnet. So wie der alte Feudalismus sein Personal für Unterhaltung und Ideologieproduktion hatte, hat auch der neue Feudalismus seine »chattering class«, seine die Talkshows bevölkernde plappernde Klasse. Mit der Regierungsübernahme durch Rot-Grün, als der Marsch durch die Institutionen an sein Ziel gekommen war, stiegen die Ausgaben der Bundesregierung für die Eigenwerbung drastisch an. Der Medienbereich dehnte sich gewaltig aus. Da fand so mancher Alt-68er ein nettes Auskommen.

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»Geht doch arbeiten!« http://spektakel.blogsport.de/2018/03/08/geht-doch-arbeiten/ http://spektakel.blogsport.de/2018/03/08/geht-doch-arbeiten/#comments Thu, 08 Mar 2018 09:41:37 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2018/03/08/geht-doch-arbeiten/ Nicht-Arbeit und soziale Diskriminierung
vom ›Halbstarken‹ bis zum ›Gammler‹

Do 22.03.2018 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Ab den 50er Jahren treten in der BRD verschiedene Sozialtypen ins Zentrum von gesellschaftlichen Debatten – etwa Eckensteher, Halbstarke, Langhaarige oder Gammler. An diesen Figuren verdichteten sich auf je unterschiedliche Weise Diskurse über jugendliches Verhalten, Männlichkeit und Weiblichkeit, die Nutzung des öffentlichen Raumes und die Zuständigkeit des Staats. Zentral war dabei auch die tatsächliche oder unterstellte Verweigerung der (Lohn-)Arbeit. Die gegen Abweichler*innen in Stellung gebrachte Nützlichkeitsideologie wurde von Denormalisierungsängsten grundiert und mobilisierte neue Regierungstechnologien, führte aber langfristig zu veränderten Rollenbildern. Bodo Mrozek (Historiker am Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam) geht auf diese Debatten und auf Selbstbeschreibung und Fremdzuschreibung dieser Jugendlichen ein.

Foto von Claus Bach:  Frauenplan Weimar 1976
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Vor ’68 http://spektakel.blogsport.de/2018/03/07/vor-68/ http://spektakel.blogsport.de/2018/03/07/vor-68/#comments Wed, 07 Mar 2018 09:41:47 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2018/03/07/vor-68/ Beat und Gammler, Konsum und Verweigerung
Jugend in Westdeutschland

Do 05.04.2018 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Kaum ist das Luther-Jahr vorbei, wird dieses Jahr 1968 als historische Wegmarke gefeiert. Dabei kommt 68 oder „die 68er“ untrennbar angekettet daher an die Begriffe Studentenbewegung oder Studentenrevolte. Die sollen, so der Tenor des Jubiläumsjahres, zwar nicht ihre sozialistischen Träume verwirklicht haben. Aber sie hätten eine Kulturrevolution vollbracht, die gescheiterte bürgerliche Revolution von 1848 vollendet, das Land demokratisiert und entnazifiert – also das moderne Deutschland geschaffen, das mit moralischem Überlegenheitsanspruch in der Welt auftreten darf.

Dazu eine Binsenweisheit: Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Aus den Studenten von damals sind die Professoren, Journalisten, Autoren von heute geworden, die die Geschichtsschreibung bestimmen. Tatsächlich war die Zahl der Studenten gering. In den 1960ern machten nicht einmal 10% eines Jahrgangs Abitur. Davon waren nur wenige Teil des linken Spektrums, das heute als „die 68er“ erscheint. Dementsprechend begrenzt war ihre politische Wirkmacht. In Frankreich wurden die Studentenproteste erst dann für die Regierung De Gaulles bedenklich, als die Arbeiter von Renault die Fabriken besetzten. Der nicht studentische Teil des Protestes gegen die alten, autoritären Strukturen wie die Lehrlingsbewegung ist heute aber weitgehend vergessen.

Im Medien-Zeitalter hängt die Diskurshoheit ganz wesentlich davon ab, wer die einprägsamsten Bilder produziert. Im Jubiläumsjahr werden wir durch alle Medien hindurch eine Wiederholungsschleife erleben mit Bildern von untergehakt unter roten Fahnen voranstürmenden Demonstranten, der von einem Polizisten erschossene Benno Ohnesorg, oder den nackt posierenden Mitgliedern der Kommune und Uschi Obermaier mit dem Joint in der Hand. Bei dieser doppelt gefilterten Geschichtsschreibung fällt sehr viel unter den Tisch wie die Rolle junger Arbeiter und Lehrlinge oder die Rolle der Frauen.

Auch die Fixierung auf die Jahreszahl 68 ist fraglich. Die meisten Veränderungen, die das Land in dem Jahrzehnt von 1960 bis 1970 erfuhr, waren nicht das Ergebnis singulärer Ereignisse oder der Taten heldenhafter Revolutionäre sondern Prozesse, die sich auch ohne die Studentenbewegung auf Grund ökonomischer Entwicklungen und des Generationenwechsels vollzogen hätten. Das fing lange vor 68 an mit den Halbstarkenkrawallen, den Ostermärschen, der Beat-Musik oder den Gammlern, zumeist proletarischen Aussteigern, die die Gemüter der Spießer Mitte der 60er erregten. Man könnte die Frage stellen, ob nicht die von den Gewerkschaften durchgesetzte 5-Tage-Woche mehr für die kulturelle Veränderung getan hat, als die gesamte Textproduktion des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes.

Die 5-Tage-Woche war das Ergebnis des nach dem Krieg notwendig gewordenen Kompromisses zwischen Kapital und Arbeit und des Nachkriegsbooms. Freizeit ist auch ein Vorgeschmack auf Freiheit. Durch die gestiegenen Einkommen und das Mehr an Freizeit wurde erst so etwas wie eine Jugend- oder Popkultur möglich. Die ist zwar durchaus ambivalent in ihrer Mischung aus Freiheitsversprechen und Konsumismus. Für die Ideologen der Studentenbewegung aber war sie vor allem eines: angepasst. Die bogen sich das falsch verstandene Wort von der Kulturindustrie zurecht, indem sie es mit dem bürgerlichen antimodernen und antiwestlichen Kulturchauvinismus vermählten. Der Arbeiter, der endlich mehr wollte als nur malochen, war für sie der vom Konsum verblödete „eindimensionale Mensch“, weswegen sie sich ihr „revolutionäres Subjekt“ lieber in einer romantisierten Ferne bei nationalen Befreiungsbewegungen der Dritten Welt suchten. Man könnte die provokante Frage stellen, ob es eine gerade Linie gibt von der, trotz aller sozialistischer Rhetorik, Verachtung des Arbeiters hin zur Agenda 2010. Die haben die 68er ausgeheckt, die es beim Marsch durch die Institutionen an die Spitze geschafft hatten.

Wolfgang Seidel ist Musiker und Autor. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern von Ton Steine Scherben. 2016 veröffentlichte er im Ventil-Verlag das Buch „Wir müssen hier raus! Krautrock, Free Beat, ­Reeducation“.

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Post ´68 http://spektakel.blogsport.de/2018/03/05/post-68/ http://spektakel.blogsport.de/2018/03/05/post-68/#comments Mon, 05 Mar 2018 09:41:51 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2018/03/05/post-68/ Politik und Psychedelic: Ostblock-Popkultur zwischen
Nonkonformismus und “Normalisierung” 1968 – 1978

Do 26.04.2018 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Das Jahr 1968 war weltweit ein Aufbruch in vehementer Ablehnung der Verhältnisse, oft getragen vom Nonkonformismus der Hippie-Bewegung, die sich schnell auch in den Ländern des Warschauer Pakts etablierte. Deren „Love, Peace & Happiness“ wurde dort wegen der transportierten radikal-demokratischen, sexuell libertären, pazifistischen oder spirituellen Ideen schnell zur Provokation, auf die repressiv reagiert wurde. Am extremsten in der ČSSR nach dem Einmarsch des Warschauer Pakts im August 1968, der den „Prager Frühling“ beendete und die sogenannte „Normalisierung“ auslöste. Aber die Saat der Subkultur konnte nicht komplett unterdrückt werden, zumal das System sich im Widerspruch bewegte, den antikapitalistischen Jugend-Bewegungen des Westens wie der Dritten Welt aufgeschlossen gegenüber wirken zu wollen. Parallel entwickelten sich so auch Tendenzen der Tolerierung und sogar Förderung, die mit Einhegung und Reglementierung einhergingen, jedoch auch zu einer einzigartigen Phase gegenseitigen kulturellen Austauschs führte. Die mehrmedial unterfütterte Präsentation von „Post ´68“ wird daher nicht nur die jugendkulturelle und künstlerische Opposition betrachten, sondern zugleich das widerspruchsreiche Einsickern ihrer Ästhetik, in dessen Vor- und oft auch Rückbewegungen. Dabei geht es quer durch den gesamten Ostblock mit den jeweiligen Landesbedingungen sowie einmal durch die Dekade 1968-1978, an deren Ende mit Punk ganz neue radikale Ansätze kamen. An dem mit der Charta 77, gegründet in Reaktion auf die Unterdrückung künstlerischen Ausdrucks, sowie in Polen mit dem Komitee zur Verteidigung der Arbeiter zudem auch zwei politische Gruppen existierten, die den Beginn des Wegs zum Systemkollaps von 1989 markierten.

Alexander Pehlemann ist Autor, Kurator, DJ (Al-Haca Sound System), Kompiler, Journalist und Netzwerker. Seit 1993 ist er Herausgeber des »Zonic«, Magazin bzw. Almanach für »Kulturelle Randstandsblicke & Involvierungsmomente«.

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Der Beginn einer Epoche? http://spektakel.blogsport.de/2018/03/04/der-beginn-einer-epoche/ http://spektakel.blogsport.de/2018/03/04/der-beginn-einer-epoche/#comments Sun, 04 Mar 2018 09:41:59 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2018/03/04/der-beginn-einer-epoche/ Eine kurze Geschichte von Detournement
und Récupération des Mai ’68

Do 24.05.2018 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Sie haben „Deutschland wahlweise gründlich zivilisiert“ oder „an die Wand gefahren“: DIE 68er, vor dreißig, vierzig Jahren von den Punks noch als jener kumpelige Führungsnachwuchs gehasst, der nun die Zwänge im mitbestimmbaren Gewand exekutierte; Modernisierungsadel, Minister, Avantgarde für jeden Scheiß; in der Toskana, in Rente, verarmt – oder auch schon längst tot, verzweifelt daran, dass alles so weiterging. Aber auch in Italien, England, Mexiko, Japan oder den USA, ganz besonders aber Frankreich hat sich ein spektakuläres Bild von 68 in den Gencode nationaler Modernisierungserzählungen eingefressen, das vom allgegenwärtigen rechtsnationalistischen Backlash vehement bekämpft, inzwischen mit seinen Protagonisten von der Bühne abtritt. Was bleibt? Global scheint von der mit 68 konnotierten Erinnerung kaum mehr anderes kenntlich als die Modernisierung des Antisemitismus und des Antiamerikanismus. Das Projekt des Antiimperialismus und Kulturrelativismus, um 68 so gründlich modernisiert, hat sich im Islamismus wiedergefunden oder im Staat als letztlicher Appellationsinstanz.

Wars das? Dann wären alle jene massenhaft in den 60er Jahren weltweit manifest gewordenen Sehnsüchte und Hoffnungen nichts weiter als notwendiges Vorspiel zum gegenwärtigen dystopischen Resultat gewesen, jenes spektakulären Monologs des Weltzustands, der von sich nichts anderes mehr zu sagen weiß als: Es ist.

Wie aber die Arbeit der Widersprüche in der wechselhaften Epoche um dieses zum spektakulären Bild geronnenen Jahres 68 herum vor sich ging, wie ein Bewusstsein der Möglichkeiten über die Wiederaufnahme revolutionärer Kritik sich bildete und wieder verfiel, soll an einer der damals bewusstesten Assoziationen und ihrem Vorgehen namentlich in Frankreich dargestellt werden: der Situationistischen Internationale.

Erwartet werden darf eine kurze Geschichte von Detournement und Récupération im Mai ’68 – anlässlich des Jubiläums multimedial dargeboten durch Teile des Autor_en*kollektief Biene Baumeister Zwi Negator.

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Zur Geschichte eines Bruchs http://spektakel.blogsport.de/2018/03/03/zur-geschichte-eines-bruchs/ http://spektakel.blogsport.de/2018/03/03/zur-geschichte-eines-bruchs/#comments Sat, 03 Mar 2018 09:42:11 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2018/03/03/zur-geschichte-eines-bruchs/ Wochenend-Workshop zur ’68er-Revolte

25.05. – 27.05.2018 – Haus der Studierenden, M18

Die Ereignisse in Frankreich haben eine Bedeutung, die die Grenzen des modernen Frankreichs weit überschreitet. Sie werden in der Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen tiefen Einschnitt hinterlassen. Die französische bürgerliche Gesellschaft ist in ihren Grundfesten erschüttert worden. Wie auch immer der gegenwärtige Kampf ausgehen wird – die politische Landschaft der westlichen kapitalistischen Gesellschaft wird nie mehr dieselbe sein. Eine ganze Epoche findet hier ihr Ende: die Epoche, während der man mit scheinbarer Berechtigung sagen konnte, dass „so etwas hier hicht passieren könne“. Eine andere Epoche beginnt: die, in der die Menschen wissen, dass die Revolution unter den Bedingungen des modernen bürokratischen Kapitalismus möglich ist.

Mit diesen Worten beginnt Maurice Brinton seinen Bericht über die Ereignisse des Mai 1968 in Frankreich. Für ihn markierten die Mai-Ereignisse einen Bruch, nach dem es nie wieder so sein würde wie bisher. Er hat mit dieser Diagnose Recht behalten: 1968 ist der Kulminationspunkt von entscheidenden Veränderungen innerhalb des Kapitalismus. Aber der Kapitalismus selbst ist geblieben. Wenn die Menschen um das Jahr 1968 herum die Möglichkeit der Revolution wieder entdeckt haben, so wurde diese Möglichkeit doch nicht verwirklicht. Wir leben heute mit den Folgen dieses Scheiterns. Ein Teil dieses Scheiterns besteht darin, dass die damals entdeckte Möglichkeit wieder vergessen worden ist, dass es heute wieder zum Common Sense gehört, dass „so etwas hier nicht passieren kann“. Allein aus diesem Grund lohnt es sich, sich an die Ereignisse um das Jahr 1968 zu erinnern und dabei vielleicht etwas von jener Möglichkeit zu retten. Diese Erinnerungsarbeit muss ihre Aufmerksamkeit einerseits auf jene Bruchlinien richten, die von Begierden, Hoffnungen, Wissen und Möglichkeiten zeugen, die nicht in der Herrschaftsgeschichte aufgegangen sind. Andererseits darf sie sich keine Illusionen machen – es kommt auch auf eine kritische Aufarbeitung der Bewegungsverläufe an, die von 1968 ausgehen, und es gibt ein begründetes Misstrauen gegenüber einer allzu geraden „linkspolitischen“ Traditionsbildung.

Aspekte dessen wollen wir uns zusammen im Wochenend-Workshop erarbeiten. Dabei wollen wir uns mit den Ereignissen im Mai 1968 in Frankreich, mit dem spezifischen Bewegungsverlauf in Italien, mit 1968 in der DDR und im Ostblock und mit dem „proletarischen 1968″ beschäftigen. Die Zahl der Teilnehmer*innen ist begrenzt. Wir bitten um eine Voranmeldung über biko[at]arranca.de – weitere Informationen über den genaueren Ablauf und Literaturgrundlagen schicken wir euch dann zu.

Der Workshop wird unterstützt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen.

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Das Unvorstellbare ist nicht das Unmögliche http://spektakel.blogsport.de/2018/03/02/das-unvorstellbare-ist-nicht-das-unmoegliche/ http://spektakel.blogsport.de/2018/03/02/das-unvorstellbare-ist-nicht-das-unmoegliche/#comments Fri, 02 Mar 2018 09:42:40 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2018/03/02/das-unvorstellbare-ist-nicht-das-unmoegliche/ Herrschaftskritik und Literatur in der Zeitschrift
‚Die Schwarze Botin‘

Do 07.06.2018 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

In Mitten der Revolte von 1968 und des Auflösungsprozesses des SDS nahm die Frauenbewegung mit der Gründung sozialistischer Frauengruppen wie dem Aktionsrat zur Befreiung der Frau und dem Frankfurter Weiberrat ihren Anfang. Das Ziel der Linken, alle Verhältnisse umzuwälzen, in denen der Mensch ein geknechtetes Wesen ist, verfolgte die Frauenbewegung konsequent: Kein Verhältnis – auch nicht das hierarchische Geschlechterverhältnis – sollte so bleiben wie es war. Bis Mitte der 1970er Jahre gründeten sich zahlreiche Frauenzentren und Frauengesundheitszentren, Selbsterfahrungsgruppen und Zeitschriften, die autonom von den gemischtgeschlechtlichen Gruppen der Linken, den Parteien und Gewerkschaften agierten. Sie waren die Orte, an denen eine gemeinsame Sprache gesucht und Erfahrungen geteilt, Begriffe und Theorien entwickelt und diskutiert wurden. Als Organe der Selbstverständigung und Kommunikation gründeten sich 1976/77 drei der wichtigen überregionalen Zeitschriften der autonomen Frauenbewegung, wenn auch mit unterschiedlichen Zielen: Courage. Berliner Frauenzeitung, Emma und Die Schwarze Botin.

Herausgeberin der Schwarzen Botin war die Historikerin Brigitte Classen. In der Redaktion arbeiteten neben Classen in unterschiedlicher Besetzung die Journalistin und spätere Schriftstellerin Gabriele Goettle, die Juristin Branka Wehowski, die Schriftstellerin Elfriede Jelinek und die Übersetzerin Marie-Simone Rollin mit. Ab 1983 war die Architektin Marina Auder Verlegerin der Zeitschrift. Bis zur letzte Ausgabe 1987 erschien die Schwarze Botin einunddreißig Mal in einer Auflage zwischen 3000 und 5000 Exemplaren. Die Zeitschrift versammelt wissenschaftliche Aufsätze, Essays, literarische Texte und Gedichte, Collagen, Glossen und satirische Kommentare. Sie lässt sich nicht eindeutig zuordnen: Sie ist weder ein wissenschaftliches Journal im akademischen Sinne, noch eine reine Literaturzeitschrift, noch ist sie eine Szene-Zeitschrift der Frauenbewegung, in der Informationen über Frauenzentren und Frauenfeste veröffentlicht werden, wie es in anderen Zeitschriften der autonomen Frauenbewegung der Fall war. Eindeutig aber ist die Zeitschrift in ihrem Anspruch, der „kritischen Auseinandersetzung mit feministischer Theorie und Praxis einerseits und der Zerstörung patriarchalischen Selbstverständnisses andererseits“ (Die Schwarze Botin) dienen zu wollen. Feministische Ideologiekritik war für die Zeitschrift die Kritik des gesellschaftlichen Bewusstseins und damit auch die (Selbst)Kritik des feministischen Bewusstseins. Was die Zeitschrift zu einem ungewöhnlichen Zeugnis ihrer Zeit macht, ist jedoch weniger die feministische Kritik des Feminismus als vielmehr die Mittel und der Modus der Kritik: Die Ideologiekritik der Schwarzen Botin vereinte provokative Satire und das Beharren auf der Negativität der Kritik.

Katharina Lux wird in ihrem Vortrag das bis heute Bestechende sowie die Begrenztheit der feministischen Ideologiekritik der Schwarzen Botin diskutieren.

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»Züri brännt« http://spektakel.blogsport.de/2018/02/28/zueri-braennt/ http://spektakel.blogsport.de/2018/02/28/zueri-braennt/#comments Wed, 28 Feb 2018 09:42:50 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2018/02/28/zueri-braennt/ Über die Jugendrevolten der ’70er
und ’80er Jahre in der Schweiz

Do 21.06.2018 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Am 30. Oktober 1970 eröffnete der Zürcher Stadtrat in einem Luftschutzkeller den Lindenhof-Bunker. Es sollte ein Autonomes Jugendzentrum sein. Der Bunker wird in der Folge rege frequentiert. Bereits Ende Dezember wird die, inzwischen besetzte, Autonome Republik Bunker durch die Polizei geräumt. Wenig später entsteht dort die Tiefgarage Urania. Hätte der Stadtrat (Exekutive) geahnt, was diese Schließung bewirken wird, er hätte wohl auf die Eröffnung des Zentrums oder auf die Schließung verzichtet.

Auf jeden Fall haben die 68-er Unruhen das Leben zumindest in Zürich, wenn nicht in der ganzen Schweiz, verändert. Die Jugend war nicht mehr bereit, alles als göttlich gegebene Ordnung hinzunehmen. In den 70er Jahren war natürlich die Anti-AKW Bewegung im Brennpunkt. Neben dem Dauerbrenner um den Kampf für autonome Räume, alternative Lebensformen und gegen die totale Kommerzialisierung des Lebensraumes.

Die 8oer Jahre waren geprägt von der Radikalisierung der Jugend: Nach Jahrzehntelangem Kampf um selbstverwaltete Räume, war die Jugend nicht mehr bereit, es bei friedlichen Protesten zu belassen. Dass die Repression in der Schweiz extreme Ausmaße annahm, dürfte immer noch – oder wieder, überraschen.

Die zweite Hälfte des Jahrzehnts war geprägt von einer kulturellen Entwicklung und dem Versuch, das von der Jugendbewegung erreichte nicht wieder zu verlieren. Die Wohnungsnot wurde immer drängender, die Gentrifizierung forderte ihre Opfer: Die Drogenszene nahm gigantische Ausmaße an und Zürich wurde zum Zentrum der europäischen Hausbesetzerszene.

Der Fotograf Miklós Klaus Rózsa hat viele der damaligen Ereignisse dokumentiert. Als Fotograf geriet er damals selbst ins Visier der staatlichen Behörden. Im Vortrag wird er von einigen dieser Ereignisse berichten.

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Staatenlos http://spektakel.blogsport.de/2018/02/27/staatenlos/ http://spektakel.blogsport.de/2018/02/27/staatenlos/#comments Tue, 27 Feb 2018 09:42:54 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2018/02/27/staatenlos/ Klaus Rózsa, Fotograf – ein Film von Erich Schmid

Gösgen 1977: Mit Tränengas gegen AKW-Gegner (Foto: Klaus Rózsa)

Filmvorführung mit Publikumsgespräch am 22.06.2018
19:00 Uhr im Lichthauskino im Straßenbahndepot Weimar

Klaus Rózsa, ein bekannter, politisch engagierter Fotograf, lebte jahrzehntelang staatenlos in Zürich. Alle seine Einbürgerungsgesuche, drei an der Zahl, wurden aus politischen Gründen abgelehnt. Er behindere die Arbeit der Polizei, weil er deren Übergriffe fotografiere, so heisst es in den Staatsschutzakten. Gezeichnet vom Schicksal seines jüdischen Vaters, der die Konzentrationslager von Auschwitz und Dachau überlebte, bekämpft Klaus Rózsa das Unrecht im Staat. Bei den Jugendunruhen der 80er Jahre griff er zum Megaphon und fotografierte gleichzeitig die Auseinandersetzungen auf der Strasse. Später kämpfte er für die Medienfreiheit in der Schweiz und wurde trotz seiner Stellung als Gewerkschaftspräsident und Mitglied des Presserats so oft von der Polizei schikaniert, misshandelt und zusammengeschlagen, dass er 2008 nach Budapest auswanderte. Von dort war er 1956 zweijährig mit den Eltern und seiner Schwester Olga in die Schweiz geflüchtet. Doch in Ungarn wurden derweil Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus salonfähig. Dagegen demonstriert Klaus erneut und tritt in Budapest an der Seite von Bundeskanzler Gerhard Schröder auf. Schulklassen aus der Schweiz erklärt er, wer Carl Lutz gewesen war, der lange Zeit verfemte Schweizer Konsul, der im Zweiten Weltkrieg 60 000 ungarischen Juden das Leben gerettet hatte. Am Budapester Denkmal für ihn trifft Klaus dessen Tochter Agnes Hirschi, die sich seit Jahren für die Ehre und das Andenken ihres Vaters einsetzt.

Zum Filmtrailer

Foto von Miklós Klaus Rózsa: Anti-AKW-Proteste Gösgen 1977
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Destruction of the RSG-6 http://spektakel.blogsport.de/2018/02/01/destruction-of-the-rsg-6-2/ http://spektakel.blogsport.de/2018/02/01/destruction-of-the-rsg-6-2/#comments Thu, 01 Feb 2018 09:45:13 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2018/02/01/destruction-of-the-rsg-6-2/

Eine Ausstellung in Odense (DK), die Situationistische Internationale, die Anwendung und Kritik der Kunst

Vortrag von Lukas Holfeld am 19.02.2018
20:00 Uhr in der ACC Galerie Weimar

Im April 1963 veröffentlichte die britische Aktivisten-Gruppe Spies for Peace die Existenz eines geheimen Atomschutzbunker-Systems, das ausschließlich für Mitglieder der britischen Regierung reserviert war: Die „Regional Seats of Government“ (RSG’s). Mitglieder der Gruppe selbst waren in den RSG-6 in Reading eingebrochen und hatten dort die Pläne der übrigen Bunker gefunden. Die Gruppe veröffentlichte ihre Funde in einer Broschüre, die weltweit für Aufmerksamkeit sorgte und einen enormen Mobilisierungsschub für die außer-parlamentarische Abrüstungs-Bewegung nach sich zog. Im Juni 1963 eröffnete die Situationistische Internationale in Odense (Dänemark) eine Ausstellung, die mit dem Titel „Destruction of RSG-6″ überschrieben war. Offensichtlich nahm die marxistische, post-surrealistische Gruppe Bezug auf die Funde in Reading. Aber nicht nur das: Die Galerie zeigte den Stand einer Kritik der Kunst, die die S.I. in den Jahren zuvor erarbeitet hatte.

Der Vortrag erzählt die Geschichte der Ausstellung „Destruction of RSG-6″. Dabei werden Fotos von der Ausstellung gezeigt. Zugleich sollen Ansätze der kritischen Theorie der Situationistischen Internationale eingeführt werden.

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Destruction of the RSG-6

Über eine Ausstellung in Odense (DK), die Situationisten, die Anwendung und Kritik der Kunst
Vortrag von Lukas Holfeld am 19. Februar 2018
20:00 Uhr in der ACC Galerie Weimar


Das Leben ändern,
die Welt verändern!

Veranstaltungsreihe über einige Aspekte der ’68er-Revolte

Normalisierung und Nicht-Arbeit:
Hippies und Gammler in den 60er Jahren
Vortrag von Bodo Mrozek
Do 22.03.2018 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar
Beat und Gammler:
Konsum und Verweigerung
Jugend in Westdeutschland

Vortrag von Wolfgang Seidel
Do 05.04.2018 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar
Politik und Psychedelic:
Ostblock-Popkultur zwischen Nonkonformismus
und “Normalisierung” 1968 – 1978

Vortrag von Alexander Pehlemann
Do. 26.04.2018 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar
Der Beginn einer Epoche?
Eine kurze Geschichte von Detournement
und Récupération des Mai ’68

Vortrag von Biene Baumeister Zwi Negator
Do. 24.05.2017 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar
Zur Geschichte eines Bruchs:
Wochenend-Workshop zur 68er-Revolte
25.05. – 27.05.2018 – M18 (Marienstraße 18, Weimar)
Wir bitten um Anmeldung unter: biko[at]arranca.de
Das Unvorstellbare ist nicht das Unmögliche:
Herrschaftskritik und Literatur
in der Zeitschrift ‚Die Schwarze Botin‘

Vortrag von Katharina Lux
Do 07.06.2018 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar
Züri brännt:
Über die Jugendrevolten der ’70er
und ’80er Jahre in der Schweiz

Vortrag von Miklós Klaus Rózsa
Do 21.06.2018 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar
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http://spektakel.blogsport.de/2018/01/19/364/ http://spektakel.blogsport.de/2018/01/19/364/#comments Fri, 19 Jan 2018 11:19:06 +0000 Administrator Editorisches http://spektakel.blogsport.de/2018/01/19/364/ In der Text-Rubrik ist soeben der Text Die Wut im Bauch – Surrealismus überall von Alexander Emanuely erschienen: Lesen.

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Die Wut im Bauch http://spektakel.blogsport.de/2018/01/19/die-wut-im-bauch/ http://spektakel.blogsport.de/2018/01/19/die-wut-im-bauch/#comments Fri, 19 Jan 2018 10:28:05 +0000 Administrator Text http://spektakel.blogsport.de/2018/01/19/die-wut-im-bauch/ Surrealismus überall

Leider ist das Archiv der Wiener Zeitschrift Context XXI nicht mehr online. Damit ist das Archiv einer Zeitschrift verschwunden, die eine Zeit lang ein wichtiges Medium gesellschaftskritischer Debatten gewesen ist. Wir dokumentieren im Folgenden einen dreiteiligen Artikel von Alexander Emanuely über den Surrealismus, der damals in Context XXI erschienen ist. Wir empfehlen als ergänzende Lektüre „Der radioaktive Kadaver – Eine Geschichte des Surrealismus“ von R.G. Dupuis und „Surrealismus und Sexualität – Inszenierung der Weiblichkeit“ von Xaviére Gauthier. Außerdem verweisen wir auf den jüngst erschienenen zweiten Band es Buches „AVANTGARDE“ von Alexander Emanuely, in dem es ebenfalls u.a. um den Surrealismus geht. Einen weiteren Text über Surrealismus hat er in der KSR N°1 veröffentlicht.

Teil 1 – Kein Glied bleibt unzerissen

Der surrealistischen Explosion folgen, in sie hinein rauschen, sich von aufgebrachten Phantomen ganz in grün, wie sie in ihren Cafés in Paris saßen und herumstritten, einfangen lassen, sich dabei wundern und begeistern; das war mein erster Schritt in eine neue, alte Welt, mein Wiederfinden einer kindhaften Hysterie, die mit geschlossenen Augen mehr sieht, als alle Fernsehkameras der Welt. Die Entdeckung erfolgte willkürlich, ich stolperte über Rimbaud, Sade, über die Chansons von Léo Ferré, schließlich und plötzlich über die Surrealisten selbst, zuerst Louis Aragon, weil seine Gedichte vertont worden waren, dann Paul Eluard und seine Hauptstadt des Leidens, schließlich über André Breton, den Papst, der gleichzeitig Bewunderung und Erstaunen erweckte. Ich war damals 15 oder 16 Jahre alt, die öffentliche Bibliothek, in der ich mich durchfraß, hatte ihre Bücher im Keller lagern, der dortige Sauerstoffmangel ließ mich nicht selten einschlafen und das finden, was der einzige Ort der Freiheit zu sein scheint; den Traum. Alles andere ist Hölle. Sade beschrieb diese Hölle, wie er sie sich vorstellen könnte, Primo Levi beschrieb sie, wie er sie erlebt hat. Das, was die Menschen mit viel Mühe produziert hatten, war das Grauen, welches sie natürlich selbst nicht mehr als solches wahrhaben wollten und sogar schafften romantisch zu verklären, als Kulisse des Fortschritts darstellend, der es schlußendlich doch noch zu irgend etwas bringen würde. Die Ruinen malen, noch einmal und immer wieder aufzeigen, zu was der Mensch, ohne es merken zu wollen, fähig ist. Im Bücherkeller, aufgeblättert und dämmernd vor meinen Augen, klebten die Surrealisten, die grün angezogenen Phantome, mit viel Tinte und Farbe die Bruchstücke der Welt, die einer Revolution bedarf, zusammen.

Zuerst und immer die Revolution!

Die Revolution der Surrealisten brachte sich in Manifesten zum Ausdruck, die nicht nur in den eigenen Publikationen, wie LA RÉVOLUTION SURRÉALISTE publiziert wurden, sondern auch in anderen, meist linken Zeitschriften. Der Aufruf Zuerst und immer die Revolution! erschien 1925 sogar in der Humanité, der zentralen Publikation der KPF und drückt auf den Punkt gebracht und zu einer Zeit, da alle Surrealisten scheinbar noch einer Meinung waren, die revolutionäre Zielsetzung der Bewegung aus: „Wir sind ganz gewiß Barbaren, da uns eine bestimmte Form von Zivilisation anekelt.“ Nämlich jene Zivilisation, die die „Menschenwürde auf die Stufe eines Tauschwerts“ herabzieht, jene Zivilisation, die den Geist „in den viehischsten und unphilosophischsten Begriff“ der „Idee des Vaterlandes“ zu zwängen versucht, jene Zivilisation, die sich auf der „Sklaverei der Arbeit“ aufbaut. „Wir akzeptieren die Gesetze der Ökonomie und des Tauschhandels nicht, wir akzeptieren nicht die Sklaverei der Arbeit, und auf einem noch weitläufigeren Gebiet erklären wir uns als im Aufstand gegen die Geschichte befindlich. Die Geschichte wird von Gesetzen gesteuert, deren Voraussetzung die Trägheit der Einzelnen ist […]“

Der Surrealismus kannte keine Dogmen, sondern war wie ein Spinnennetz aus diversen Herangehensweisen und Ideen, die alle nach der absoluten, reinen Revolte – einem reinen Mittel, um es mit Walter Benjamin zu sagen – suchten, gesponnen. Die Verwandtschaft mit dem Dadaismus, vor allem darin, daß die Kunst jede Art von Ordnung, sei sie bürgerlich oder sonst irgendeine, zerstören muß, liegt auf der Hand, auch waren viele Surrealisten Dadaisten gewesen und George Grosz schrieb 1925 über einen Besuch in Paris: „In Wahrheit richtet sich die französische Kulturproduktion wie bei uns nach den Bedürfnissen der bürgerlichen Interessen. Dessen sind sich die Pariser Künstler bis auf verschwindende Ausnahmen (Gruppe Clarté) ebensowenig bewußt, wie ihre deutschen Kollegen.“ Die Gruppe Clarté (übers. Klarheit, auch der Name einer Zeitschrift, welche Pierre Naville viele Jahre lang leitete), die erwähnte verschwindende Ausnahme war natürlich niemand anderer als die Surrealisten. Der Unterschied zwischen Dadaismus und Surrealismus war jedoch genauso groß, wie der zwischen Nihilismus und Anarchismus. Die einen versuchten ausschließlich mit der Verzerrung der Realität alle Grenzen, bzw. alles zu sprengen, die anderen versuchten es mit der Schaffung neuer Modelle, die mit Hilfe gewaltiger, romantischer Worte Zündstoff abgeben sollten.

Eines der Modelle hieß Freud, der seinerseits jedoch nie verstanden hatte, warum ihn ein Haufen verrückter Pariser so oft, und irgendwie nicht ganz verstehend, zitierte. Er antwortete André Breton, daß er sich geschmeichelt fühle, so hochgelobt zu werden, jedoch nicht ganz genau wisse, was die Surrealisten von ihm wollen, hätten sie ihm doch nicht einmal erklären können, was Surrealismus eigentlich ist, und überhaupt läge die Welt der Kunst so weit von seiner entfernt … Doch zentral für Traumrealisierung war die Traumdeutung und die hatte Sigmund Freud in die Welt gerufen. Für die Surrealisten hatte Sigmund Freud die Welt der Träume rehabilitiert, die Welt, in der alles liegt und brodelt.

Dichtung, Liebe, Freiheit

Ganz in grün gekleidet, brach André Breton nach dem Ersten Weltkrieg seinen Medizinerberuf ab und in den Surrealismus auf. Er hatte, im Gegensatz zu Guillaume Apollinaire, dem Wortschöpfer der Begriffe Surrealismus und Kubismus, Dichter mit Neigungen zur Megalomanie, welcher eine Kugel auf den Kopf bekommen hatte und die letzten Tage seines Lebens mit einem Turban in den Schützengräben herum gelaufen war, den Krieg physisch unbeschadet überstanden. Vier Jahre Krieg, in denen Morden Pflicht ist und das Sterben neben Frühstück und zwei Litern Wein (die tägliche Ration für einen Soldaten der französischen Armee in Verdun) Hauptnahrung, hat einige dazu bewogen, andere Konsequenzen zu ziehen, als sich einem Veteranenverein anzuschließen. Vier Jahre rational organisiertes Massenmorden, vier Jahre absoluter Zivilisationsgenuß. Die Konsequenzen, die Breton, im Gegensatz zu seinen Überlebenskollegen, aus der Tatsache, daß die Gesellschaft für die er in die Welt und in den Produktionswahn geworfen worden war, ihn mit ein paar anderen Millionen in die Hölle geschickt hatte, zog, hießen Surrealismus und grüner Anzug. Das Programm hieß Dichtung, Liebe, Freiheit, die Waffe war der Traum, denn die Tat soll die Schwester des Traums sein. „Es geht darum, die Menschenrechte neu auszurufen“, hieß es 1924 auf der Titelseite der ersten Nummer der RÉVOLUTION SURRÉALISTE, was nicht ganz im Sinne der Aufklärung gemeint war, sondern viel mehr bedeutete, daß dem Menschen die absolute Freiheit gebührt, jene der Phantasie und des Traums, daß er das Recht auf die Realisierung seiner Phantasien und Träume hat, daß das neue Menschenrecht grenzenlos und somit alles andere als Recht ist, sondern Basis einer absoluten Freiheit des Individuums den Anderen und sich selbst gegenüber. Freiheit ist nicht das, was man als Ziel erreichen kann oder erst erfinden und aufbauen muß, Freiheit ist eine fundamentale Gegebenheit der menschlichen Existenz, sie gibt es entweder ganz oder gar nicht. Auch als das Verwenden der Worte Dichtung, Liebe, und Freiheit im Zusammenhang mit Revolution etwas lächerlich schien, schwülstig und überholt romantisch, hielt Breton daran fest. 1962 bekräftigte er noch einmal in einem Interview, daß er nie aufgehört hat, die Dichtung, die Liebe und die Kunst als zentral für seinen Freiheitskampf zu sehen, „einzig durch sie wird der Mensch wieder Vertrauen gewinnen können, wird das Denken wieder die Weite finden.“ Die Liebe: die verrückte Liebe, weil sie der absolute Mythos ist, in den mensch verfallen kann, wie in Trance, auch kann er sie gleichzeitig leicht als Schönstes im Leben betrachten; die Dichtung: weil sie nur in Trance geschrieben werden kann, in einem Zustand des äußersten in sich Wühlens und gleichzeitigen Explodierens. „Es gibt keine Lösung außerhalb der Liebe.“ schrieb Breton.

Der organisierte Pessimismus

Pierre Naville, sah das etwas anders, und hatte als Antwort auf die Hölle, auf die Realität: den Pessimismus. Alle nennenswerten Institutionen, die sich der Mensch für eine bessere Welt ausgedacht hat, wie Humanismus, Freundschaft, Nächstenliebe, Verständigung scheinen niemals die Effektivität erreichen zu können, wie ein saftige Gewinne abwerfender Konzern oder ein schwere Bomben abwerfendes Flugzeug. Der Surrealismus hat den Pessimismus zu organisieren, ihn täglich bis zur Revolution voran zu treiben, bis zur endgültigen Überspannung, die dann alles zerreißt. Es muß alles aufgezeigt werden, was in der Welt existiert, nicht in einer linearen Dokumentation, sondern in Montagen und Collages, die Dinge der Welt mit Dingen des eigenen Bewußtseins vermischen und dabei Assoziationen schaffen, welche den Voyeuren und Bürgern einen Schock über ihre eigene Existenz einjagen, einfach indem sie ihnen einen Spiegel als nature morte vorhalten, in der sie und ihre Welt Protagonisten sind, zusammen mit etwas bekannt Unbekannten, etwas, das mitten drinnen lauert, ganz offensichtlich und das gewohnte Bild zerstört; die Madonna, die ihr Kind verhaut; das Auge, welches durchschnitten wird; die Zukunft, die nie ist; ein Frauenrücken als Cello, ein von Pfeilen durchbohrter Vogel; englische Beamte, die wie Regen tropfen; Lavaströme, in denen Skelette flanieren; Fische so groß wie Akte; mit Schmetterlingen verklebte Augen und Mundhöhlen; eine Lokomotive, die aus dem Kamin kommt; in Liebe abgebissene Finger; der Schatten von jemandem, der nicht zu sehen ist, von etwas, das mangelt … Es galt, die erste Spannung hin zur Überspannung zu schaffen. Kein Glied sollte unzerrissen bleiben.

Naville brach bald mit den Surrealisten, mit Breton zugunsten eines politischen Engagements, das konkretere Züge, als die Suche nach dem verlorenen Traum hatte. Durch ihn waren Breton, Eluard, Aragon und viele andere Mitte, Ende der 20er Jahre der Kommunistischen Partei Frankreichs beigetreten, zu einem Augenblick, da er rausgeworfen wurde, da er seine Sympathien für Trotzki und seine Aversion zu Stalin zu offenkundig gezeigt hatte. Einzig Breton von den drei oben genannten, sollte ihm das einige Jahre später nachmachen. Seine Schrift: La révolution et les intellectuels übte auf Walter Benjamin eine nachhaltige Bezauberung aus.

Die mythische Wut

Antonin Artaud, welcher das Theater an das Grauen der Zeit anpaßte, machte die Annäherungen hin zum Parteipolitischen als einer der Wenigen nicht mit. Er konzentrierte seine Verrückung auf das, was die Ausgangsposition des Surrealismus war, auf das, was Breton kurzfristig vergessen zu haben schien und versetzte sich in eine Ekstase, die ihn zu einem Zeitpunkt, da die Welt zum industriellen Massenmord überging, ins Irrenhaus brachte. Kurz vor dem 2. Weltkrieg veröffentlichte er noch ein Buch, welches, trotzdem er schon längst aus der surrealistischen Bewegung ausgeschlossen worden war, erwähnt werden muß: Das Theater und sein Double. „Dieser Titel gibt Aufschluß über alle Double des Theaters, die ich seit vielen Jahren gefunden habe: Die Metaphysik, die Pest, die Grausamkeit, das Energie-Potential, das die Mythen macht. Die Menschen verkörpern sie nicht mehr, so verkörpert sie das Theater.“

Artaud betonte den religiös-mythischen Charakter, den er in den Kampf gegen die bürgerliche Ordnung aufbringen wollte. Schon 1926 schrieb Artaud, daß es bei Theater nicht darum geht „Stücke zu spielen, sondern dahin zu gelangen, daß alles, was dunkel im Geist ist, was vergraben und verhüllt ist, sich in einer Art materieller, realer Projektion äußert.“ Die Faszination für die außereuropäischen Kulturen und Zivilisationen bringt ihm die Inspiration. Die Möglichkeit sich in Ekstase zu versetzen und damit etwas zu ändern, zumindest im nächsten Umfeld, ist im modernen Europa vielleicht etwas neues, jedoch nicht anderswo. Was bei André Breton und Antonin Artaud noch als Verklärung der „primitiven“ Kulturen und Zivilisationen gilt, bekam beim Dichter Michel Leiris schon nachvollziehbarere Züge, als er quer durch Afrika reiste und sich einweihen ließ, zumindest so weit es ging, in die nach außen hin scheinbar ausschließlich religiös motivierten Kulte, welche jedoch näher betrachtet ganz andere, konkrete Aufgaben des Alltags und zwischenmenschlicher Beziehungen zu lösen hatten. Artauds Theater wollte sich zivilisieren lassen, durch das, was es in der schönen, neuen Welt nicht mehr gab und um seine Esoterik zu entschlüsseln, genügt nur die Wut und das Entsetzen. Seine erste Theatergruppe nannte Artaud bezeichnenderweise Théatre Alfred Jarry.

Der 1926 fast vergessene Jarry übte mit seinem König Ubu und der ‚Pataphysik‘ einen großen Einfluß auf die Surrealisten aus. Jarry hatte es geschafft dem Herrschaftssystem und der Gesellschaft einen grotesk beängstigenden Spiegel vorzuhalten, indem er einen Idealherrscher, einen wennschon-dennschon Herrscher und die geheim-irre Weltverschwörungsgesellschaft der ‚Pataphysiker erfand, der zwangsweise alle Menschen angehören. Genauso wie es ein ‚pataphysisches Collège‘ gab, gab es auch bei den Surrealisten wissenschaftliche Institute, es gab ein historisches Institut, dessen Leitung Artaud zeitweise übernomnmen hatte, es gab ein Briefeschreiber-Institut, welches die einseitige Korrespondenz mit dem Papst, dem Dalai Lama, den Rektoren der europäischen Universitäten, Mr. Keller, den besten Aufnahmeprüfling an der Militärakademie Saint-Cyr, aufnahmen und vor allem das Zentralinstitut für surrealistische Forschung.

Teil 2 – Das Unsichtbare ist die Wirklichkeit

„Die Welt verändern“, hat Marx gesagt; „das Leben ändern“, hat Rimbaud gesagt: Diese beiden Losungen sind für uns eine einzige.
André Breton, 1935.

Die große Verweigerung

Metro – Boulot – Metro – Dodo – Metro – Boulot -…, das heißt soviel wie U-Bahn, Arbeit, U-Bahn, Schlaf, U-Bahn, Arbeit, … und reimt sich auch im Französischen, was natürlich das Sich-merken des Spruchs erleichtert. In Frankreich ist dieses Sprüchlein sehr geläufig, es umschreibt auch nichts anderes, als die Realität der kapitalistischen Produktionsweise und Sozialisationsform, die jede/r, nicht nur in Frankreich, kennt und die scheinbar ausweglos das Leben des Menschen bestimmt. Abgemüht im Käfig zur Zwangsabmüdung rasen, um danach müde zurück, nach Hause zu pendeln, um sich dort verdienterweise etwas zu entmüden, darauf hin zu schlafen, wieder produktiv zu sein, am Fließband der Fließbänder. Prinzipiell hat jeder Mensch auf diese Art konditioniert zu sein und nichts Abnormales an dieser lebenslangen Schleife zu finden, die meist im schulreifen Alter anfängt und mit der Pensionierung aufhört (bezieht sich natürlich nur auf eine Minderheit von Menschen auf dieser Welt, da den meisten weder der Luxus einer Kindheit oder einer Greisenhaftigkeit gegönnt ist). Alles, was die Surrealisten entwarfen, erfanden, erträumten und lautstark in ihren kleinen Kreisen und manchmal auf größeren Festen ausschrien, galt, diese Konditionierung, zunächst im kleinen und um einer Revolution Willen, schließlich im großen Stil, zu zerstören, galt, der großen Müdigkeit eine große Verweigerung entgegenzustellen.

Die Methoden, die große Verweigerung zu realisieren, basierten einerseits darauf, den Abstieg in sich selbst, in das, was in der Psychoanalyse als Unbewußtes definiert wird, zu vollziehen, andererseits die daraus gewonnenen neuen Realitäten, mit Hilfe der Kunst, zu vergegenwärtigen und zu materialisieren. Die Surrealisten bildeten die Avantgarde, die diese Methoden an sich auszuprobieren und zu gestalten hatte, damit alle, selbst die konditioniertesten Spießer, sie schließlich zu ihrer eigenen Befreiung übernehmen und anwenden würden können. Es galt, in die Mauer ein Loch zu schlagen, die das alltäglich Normale, das System, die Gesellschaft vor einer kritischen Aussicht Aufgewiegelter zu schützen hat. Ein kleines Loch würde genügen, um die Aussicht gewähren zu lassen, in das, was wirklich möglich ist, was Wirklichkeit ist, hinter- und oberhalb der Mauernrealität. Dieser Spalt sollte reichen, damit die Menschen schockiert sind und genug von ihrer Konditionierung, ihrem herkömmlichen Leben haben. Eine Revolution zur Befreiung des Individuums würde beginnen, nicht jene der Gewehre und Barrikaden, sondern jene, die aus der Vermengung von Phantasie mit dem organisch Erfaßbaren heraus springt. Die Methoden, welche die Surrealisten sich ausdachten, um den Abstieg in den Spalt zu schaffen, waren die kindhafte Bewunderung des Wunderbaren, die Verrücktheit, der Wahn, der Humor, der Traum, das Anwenden der Techniken des automatischen Schreibens, das Schöpfen „erlesener Leichname“ und das in die Welt setzen der daraus entstehenden surrealistischen Gegenstände, Gegenstände, deren Form der Inhalt ist.

Die Bewunderung des Wunderbaren ist nichts anderes, als es wie ein Kind überall vorfinden zu können, in jeder Situation, in jedem Element des Alltags. Es sind die Phantasiebilder, welche außerhalb der Einsicht in sich selbst, außerhalb des Traums herumspuken, die Wahrnehmung unerklärlicher Erscheinungen, seien das nun Gruselgeschichten oder verrückte, vergeisterte Andere, die sich ihre Wege durch den Tag bahnen, wie André Bretons Nadja. Breton hatte Nadja, die aus dem gleichnamigen Buch schwirrt, nicht erfunden, sondern war ihr, samt den wundersamen Zufällen, die sie und ihre Begegnung begleiteten, was er alles minutiös beschreibt, beim Flanieren begegnet. Diese Suche nach dem Wunderbaren scheint weniger mit Revolution zu tun zu haben, als mit den literarischen Überresten der Romantik, die am Kreuzweg der Bezauberung, des Schlafes und des Alkohols liegen. Romantik war in diesem Fall jedoch nicht nur die der Dichter wie Gérard de Nerval, sondern auch die Romantik E.T.A. Hoffmanns und Edgar Allan Poes, die schwarze Romantik der Geister- und Vampirgeschichten. Die Freude und Offenheit für das Ungewöhnliche, der Wille, die Kontrolle über die Vernunft durch das Ungewöhnliche zu verlieren, war ideal als Vorstufe zum nächsten Schritt: zum Wahnsinn.

Die Welt des sogenannten Geisteskranken ist die sichtbarste Gegenwelt zum bekämpfenden Alltag der bürgerlichen Gesellschaft, die natürlichste Utopie. Doch nicht nur das, sie bietet auch eine große Möglichkeit zur besseren Kenntnis seiner selbst, denn wie schon Freud wußte, wissen Verrückte mehr über innere Wirklichkeiten und können Unergründbares entdecken und aufzeigen. Zwei Zugänge zum Wahn wurden ins Auge gefaßt, denn es galt, diesen Zustand für sich in Anspruch zu nehmen, ihn dank seiner bewußtseinserweiternden Funktionen als Instrument zu verwenden. Der erste Zugang war die Nachstellung der Verrücktheit. Im simulierten Zustand des Wahns, im Rausch sollte eine Neuschaffung des Geisteszustandes erreicht werden. Dieser Zustand wurde sogar als neue Form der Poesie verstanden. Der zweite Zugang war die kritische Paranoia, welche Salvador Dali oft für sich in Anspruch nahm und definierte. Sie sollte die Wirklichkeit dermaßen vom Imaginären abhängig machen, daß die daraus gewonnene neue Realität von keiner anderen in Frage gestellt werden kann. Die aus Verfolgungswahn, aus erfundener Beweisführung und aus Analyse entstehende, verwirrend klare Kritik an der Gesellschaft sollte helfen, endgültig die Realität zu diskreditieren. Im Wahn wurde eine hochentwickelte Verhaltensform erkannt, und alle Aktionen basierten auf dem Wunsch, sich einem Wahnsinn zu unterwerfen, ohne dabei bleibende Störungen zu bekommen, die den freien Willen beeinträchtigen könnten. Individuellen Wahn auf Wunsch statt kollektiven Wahn auf Befehl.

Der Zufluchtsort, der den freien Willen am effektivsten vor bleibenden Schäden des Eigenwahns, aber natürlich auch vor dem des kollektiven Wahns schützt, ist der Humor. Da der Humor alles in die Lächerlichkeit zieht, ist keine bleibende Identifikation möglich, sei es jene mit der eigenen Verrückung oder jene mit dem Trubel der Welt. Der Humor, der Akt des Lachens ist geistiger Ungehorsam, ist Weigerung, sich den gesellschaftlichen Vorurteilen zu beugen, ist Distanzierung und eine essentielle Vorstufe zur neuen Realität, zur sich immer erneuernden Realität des freien Individuums. Antonin Artaud sah im Humor den Weg zur Freilegung der instinktiven Kräfte des Menschen und entdeckte diese Freilegung in Filmen wie Animal Crackers von den Marx Brothers. Den Humor als „überlegene Revolte des Geistes“ zu sehen, wie es André Breton formulierte, lag ganz in der Tradition des schwarzen Humors von Dada und der ‚Pataphysik‘. Neben diesen bekannten Vorbildern gab es da auch Jacques Vaché, den Breton im Lazarett während des Ersten Weltkrieges kennen gelernt hatte. Dieser hatte den Humor, den „Umor“ zur inneren Desertion verwendet und Breton in langen Gesprächen gezeigt, welche Rache der Geist an der Materie, das Begehren an der Macht nehmen kann. Alles wird zum Messer ohne Klinge, dem der Griff fehlt.

Im nächsten und letzten Teil dieser Serie wird erzählt, wie es dazu kam, daß André Breton Ilja Ehrenburg eine Ohrfeige verpaßte und was Herbert Marcuse von all dem und von der revolutionären Kraft der Liebe hielt. Auch wird dort Platz finden, was für diese Nummer angekündigt war und aus Platzmangel keinen Platz mehr gefunden hatte: die Beschreibung des automatischen Schreibens und anderer kindhaft revolutionärer Tätigkeiten und Schlüssel auf der Suche nach dem Gold der Zeit.

Ein gut zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe passender Brief der Surrealisten aus dem Jahr 1925:

Brief an die Rektoren der europäischen Universitäten

Werter Herr Rektor,

in der engen Zisterne, die Sie „Denken“ nennen, verfaulen die Strahlen des Geistes wie Stroh.

Genug der Sprachspielerein, der syntaktischen Mätzchen, der Formulierungskunststückchen, jetzt muß das Große Gesetz des Herzens gefunden werden, das Gesetz, das nicht ein Gesetz, nicht ein Kerker ist, sondern ein Wegweiser für den in seinem eigenen Labyrinth verirrten Geist. Weiter entfernt als alles, woran die Wissenschaft je wird rühren können, dort wo die Lichtkegel der Vernunft an den Wolken zerschellen, existiert dieses Labyrinth als zentraler Punkt, in dem alle Kräfte des Seins, die äußersten Aderungen des Geistes zusammenlaufen. In diesem Gewirr aus sich ständig bewegenden, immerfort versetzten Mauern, jenseits aller bekannten Denkformen, rührt sich unser Geist und lauscht auf seine geheimsten, spontansten Regungen, auf jene, die Offenbarungscharakter besitzen und von anderswoher zu stammen, vom Himmel gefallen zu sein scheinen.

Doch das Geschlecht der Propheten ist ausgestorben. Langsam erstarrt Europa zum Kristall, wird unter den Binden seiner Grenzen, seiner Fabriken, seiner Tribunale, seiner Universitäten allmählich zur Mumie. Der gefrorene Geist knirscht zwischen den mineralischen Buchdeckeln, die sich immer enger um ihn schließen. Schuld daran haben Ihre verschimmelten Systeme. Ihre Zwei-plus-zwei-gleich-vier-Logik, Schuld daran haben Sie, die Rektoren, gefangen im Netz der Syllogismen. Sie produzieren Ingenieure, Juristen, Ärzte, denen die wahren Geheimnisse des Körpers, die kosmischen Gesetze des Seins verborgen bleiben, Scheingelehrte, die außerhalb des Irdischen blind sind, Philosophen, die sich anmaßen, den Geist noch einmal hervorzubringen. Der kleinste Akt spontaner Erfindung ist eine komplexere, offenbarungsträchtigere Welt als jede beliebige Metaphysik.

Lassen Sie uns doch in Ruhe, meine Herren, Sie sind ja nur Usurpatoren. Wer gibt Ihnen das Recht, das Denkvermögen zu kanalisieren, Geisteszeugnisse auszustellen?

Vom Geist verstehen Sie nichts, Sie haben keine Ahnung von seinen verborgensten und essentiellsten Verästelungen, von jenen fossilen Spuren, die unseren eigenen Quellen so nahe sind, von jenen Fährten, die wir bisweilen auf den dunkelsten Ablagerungen unserer Gehirne aufzuspüren vermögen.

Gerade im Namen Ihrer Logik sagen wir Ihnen: Das Leben stinkt, meine Herren. Sehen Sie sich doch einen Augenblick ins Gesicht, betrachten Sie Ihre Hervorbringungen. Durch das Sieb Ihrer Diplome preßt sich eine abgezehrte, verlorene Jugend. Sie sind die Plage einer Welt, meine Herren, und das geschieht dieser Welt nur recht, doch sie sollten sich etwas weniger an der Spitze der Menschheit wähnen.

Teil 3 – Es lebe die Langeweile, Es lebe die Leidenschaft

„Alle triumphierenden Ideen sind zum Scheitern verurteilt.“
André Breton

Politik der Ohrfeige

Im Sommer 1935 traf Ilja Ehrenburg, Schriftsteller und sowjetischer Doyen des sozialistischen Realismus, auf einer Straße in Paris eine Ohrfeige André Bretons. Die Aufregung Bretons hatte ihren Grund, nämlich folgende Ausführungen Ehrenburgs über die Surrealisten in seinem Buch Mit den Augen eines Schriftstellers aus der UDSSR: „Die Surrealisten wollen zwar von Hegel als auch von Marx als auch von der Revolution etwas wissen, doch was sie ablehnen, ist arbeiten. Sie haben so ihre Beschäftigungen. Zum Beispiel erforschen sie die Päderastie und die Träume […] Der eine von ihnen befleißigt sich, eine Erbschaft, der andere, die Mitgift seiner Frau durchzubringen […] Angefangen haben sie mit obszönen Wörtern. Die am wenigsten Gewitzten unter ihnen geben zu, daß ihr ganzes Programm darin besteht, Mädchen zu küssen. Die sich ein wenig auskennen, begreifen, daß man damit nicht sehr weit kommt. Frauen, das ist für sie Konformismus. Sie vertreten ein anderes Programm: Onanie, Päderastie, Fetischismus, Exhibitionismus und sogar Sodomie. Doch selbst mit so etwas läßt sich in Paris nur schwer jemand hinter dem Ofen hervorlocken. Also […] kommt Freud zu Hilfe […]“ (Es brennt! Pamphlete der Surrealisten, 1998, S. 100)

Als Folge für die dem sowjetischen Nationalromancier verpaßte rote Wange und den ihm eingejagten Schrecken, durfte Breton bei einem internationalen Kongreß „zur Rettung der Kultur“, welcher von einem der KP nahestehenden Schriftstellerverband organisiert worden war, nicht auftreten. Paul Eluard vertrat seinen Freund Breton und hielt dessen Rede „Als die Surrealisten noch Recht hatten“, ganz am Ende der Sitzung, um Mitternacht, als die Delegierten schon aufbrachen und die OrganisatorInnen darauf drängten, endlich aufzuhören, weil bald das Licht abzudrehen sei. Das Licht ging schließlich mit einer heftigen Kritik an Stalin, dem „allmächtigen Führer, unter dem dieses Regime regelrecht zur Negation dessen wird, was es sein sollte und was es einmal gewesen ist…“ (ebenda, S.117), aus. Die gemeinsame Reise von surrealistischer Bewegung und KP war mit einem Schlag und der Kritik an den beginnenden Moskauer Prozessen zu Ende. Eine Zeit lang fühlte sich André Breton von Trotsky angezogen, mit dem er in Mexiko auch einen gemeinsamen Text über die Autonomie der Kunst verfaßte, doch ziemlich bald näherte sich Breton seinen libertären (frz. für freiheitlichen) Ursprüngen und fand sich im schwarzen Spiegel des Anarchismus wieder, frei nach Léo Ferré: „Marx war ein Hippie“

Die einfachste surrealistische Tat…

Trotzdem sie André Breton verteilt hat, kann die Ohrfeige aus dem Jahr 1935 nicht als surrealistischer Akt der Gewalt gesehen werden, sie hatte nämlich ein Ziel: die Wange Ehrenburgs. Wenn Gewalt, dann ziellose, also sinnlose, nicht zu vollbringende. Nur so findet die Sinnlosigkeit von Gewalt an sich ihren Ausdruck, indem sie sich als sinnlos und ziellos einprägt, alles andere wäre reale und manifeste Gewalt.

Im Zweiten Surrealistischen Manifest von André Breton 1930 kann etwas nachgelesen werden, das in seiner Provokation genau das ausdrückt: „Die einfachste surrealistische Tat besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings, solange man kann, in die Menge zu schießen.“ (Bürger, Peter. Ursprung des postmodernen Denkens. S. 26). Auf den ersten Blick und überflogen könnte ähnliches von einem Futuristen wie Marinetti oder sonst einem Faschisten geschrieben worden sein. Doch die Gewalt der Schwarz- und Braunhemden war nicht ziellos, wenn auch willkürlich, war nicht Ausdruck größter Verzweiflung, sondern Programm, um ein Ziel, um die Macht zu erreichen. Die absolute Revolte, die Bretons Satz ausspricht, richtet sich nicht gegen bestimmbare Mißstände der bürgerlichen Gesellschaft, sondern gegen das Leben an sich, gegen die „conditions dérisoires, ici-bas.“, die unzumutbaren Zustände hier unten. Der revolvige Satz bringt die existentielle Verzweiflung, die dunkle Seite des Begehrens und die daraus resultierende Todessehnsucht zum Ausdruck. Die blinde Gewalt, welche Breton beschreibt, ist jene eines verzweifelten Individuums, das seine Ausweglosigkeit entdeckt, die Ausweglosigkeit aus der bestimmenden Fremdbestimmung durch Ideen oder Andere zu entkommen. Die reale, gewollte Gewalt in der Gesellschaft, ist jene, die die Schrauben festigt, die besser locker bleiben sollten, denn erst durch diese Festigung taucht ein fester Wille mit einem noch festeren Ziel und vielen tragischen Folgen auf. Den Massenmord an anderen vollbrachten immer nur Menschen, die ihre Taten in Einklang mit irgendwelchen Zielen bringen konnten, wie einen Feind zu vernichten oder die Welt zu retten. Kein Surrealist wurde je Revolverheld, kein Surrealist wollte je Welt oder Leben retten… Es galt einfach, sich allen Zielen zu verweigern, die angestrebte Revolution als Verweigerung aller Ziele zu setzen. Nur das Individuum, mit sich selbst, ist einer solchen Weigerung fähig, wenn es nichts mehr tut, was außerhalb seiner eigenen Triebe, seines eigenen Willens steht, wenn es die eigene Verzweiflung in der Welt aus Poesie, Liebe und Freiheit austobt.

Aus der scheinbaren Unrealisierbarkeit einer gelebten Verweigerung, richteten Surrealisten, wie René Crevel, den Revolver höchstens gegen sich selbst. Crevel kündigte seine Tat als Notwendigkeit an, um endlich etwas zu tun, auf das nur er Einfluß hat, das nicht in Zusammenhang mit irgend etwas, irgendwem anderen und einer Akzeptanz steht. „Das Leben, welches ich akzeptiert habe, ist das schlimmste Argument gegen mich selbst.“

Liebe, Freiheit und Poesie – In Luis Buñuels Film: Das Goldene Zeitalter aus dem Jahr 1930, wird genau diese destabilisierende Kraft ausgetobter, zielloser Gefühle illustriert. Der Protagonist des Films ist aufs leidenschaftlichste in eine Frau vernarrt, die nicht minder leidenschaftlich für ihn empfindet. Jeder Moment, jeder Ort wird genützt, um sich dieser Leidenschaft hinzugeben. Nach Erregung öffentlichen Ärgernisses wird er verhaftet. Was die Polizisten nicht wissen, ist, daß er selbst Beamter mit speziellen Vollmachten ist. Nachdem er sich eine Zeit lang geduldig und gelangweilt durch die Stadt zerren läßt und auf jeder Seidenstrumpfwerbung seine Geleidenschaftete sieht, reißt er sich los und zeigt den verdutzten Polizisten seine Spezialausweise, die ihn immun vor jedem Zugriff anderer Beamten machen. Er ist wieder frei und sprengt gleich ein mondänes Fest. Danach beißen sich die zwei wiedergefundenen Liebenden glückselig Finger und Zehen ab. Die Revolte des Beamten, die ganz im Sinne der surrealistischen Revolte ist, drückt sich dadurch aus, daß er seinen sentimentalen und triebhaften Grundbedürfnissen, koste es, was es wolle, folgt. Inzwischen geht der Staat zugrunde, eine Revolution bricht aus, der Innenminister ruft mitten im Geküsse an und erschießt sich, nach einer Tirade voller Vorwürfe gegen den wild gewordenen Beamten noch während des Telephonats. Nichts ist wichtiger als die spontane und leidenschaftliche Liebe, schon gar kein Staat oder Gott oder sonst jemand außerhalb des Ichs. Mitten im ganzen Trara spielt ein Orchester den Liebestod aus Tristan und Isolde (dem Liebespaar, das nicht nur für eine spontane Leidenschaft alle sozialen Bindungen, Ritter- und Königinnenkarriere zerstört, sondern auch noch aus einem Mißverständnis heraus stirbt, den Liebestod eben). Spontane Liebe auch bei Buñuel: denn nachdem der Protagonist von dem Gespräch zu seiner Geliebten zurück kommt, brennt diese mit dem greisen Dirigenten des Wagner spielenden Orchesters durch, was natürlich den Wildgewordenen die wirklich fast wichtigste Erfahrung des Surrealismus vergegenwärtigt: die Verzweiflung.

Die Moral der Geschichte, des Surrealismus ist, mit Breton ausgedrückt: „Gänzlich unfähig, mich abzufinden mit dem mir zugefallenen Schicksal, in meinem Wertgefühl zutiefst verletzt durch den Mangel an Gerechtigkeit, den in meinen Augen die Erbsünde keinesfalls entschuldigt, hüte ich mich davor, mein Dasein den hienieden für jedes Dasein geltenden lächerlichen Existenzbedingungen anzupassen.“ Vor lauter Wut zündet der Verlassene Held Bunuels einen Weihnachtsbaum an und wirft ihn aus dem Fenster.

Der Film blieb nicht ohne Folgen – Gezielte und manifeste Gewalt und echte Revolver folgten einen Tag nach der Uraufführung, als Schlägertrupps der Patriotischen und der Antijüdischen Liga das Kino stürmten und es verwüsteten. Zwei Tage später war der Film verboten und bis in die 90er Jahre nicht zu sehen.

Die komplizierteste surrealistische Tat…

Die gleichen Schlägertrupps sollten bald ganz Europa regieren und mit einer Gewalt überziehen, die sich selbst als Ziel nahm. Mord und Totschlag sind unter den Nazis und ihren Kollaborateuren Gesetz und Religion gewesen. Louis Aragon fand in dieser Zeit, als Haß gepredigt und Gewalt, sowie das Gruppen- und Wir-Gefühl zelebriert wurde, Worte und Gedichte, die in Folge vielleicht am eindrucksvollsten Menschen (unter anderem mich) in ihrer Verweigerung prägten. In seinem Essay Kunst und Politik im totalitären Zeitalter – Einige Bemerkungen zu Aragon (Marcuse, Herbert. Nachgelassene Schriften. Kunst und Befreiung, 2000, S. 47-71), beschreibt Herbert Marcuse die von Aragon kreierte Gegenwelt. Anstatt als Resistancekämpfer, der er war, über seine Heldentaten und die seiner KameradInnen zu poetisieren, widmete Aragon ganze Gedichtbände seiner Frau Elsa. Einer heißt Elsa, ein anderer Die Hände Elsas, Die Augen Elsas… Indem Aragon das Schöne, nämlich Elsa und seine Liebe zu ihr darstellt, stellt er gleichzeitig die Zerstörung dieser Liebe und jeder ähnlichen Welt und jedes ähnlichen Gefühls durch die Realität, die damals Nationalsozialismus und Krieg hieß, dar. Als einzige Lösung überhaupt und immer war in Folge: diese Realität zerstören zu müssen, und zwar durch eine, durch die Gegen- und Eigenrealität. Haß durch Liebe, die Gewalt durch sanfte Zuneigung und das Wir-Gefühl durch die Leidenschaft für einen Menschen ersetzen, in ihrer Intimität war die Verweigerung, die Surrealität vollkommen. Und nicht nur im Gedicht, sondern im Leben, sei es noch so höllisch wie das während der Nazizeit, griff diese Intimität um sich. Das mag sich zwar sehr romantisch anhören, doch verweigert diese Haltung des Individuums konsequent jedes weitere Verwirklichen der Wirklichkeit in seinem Bereich. „Oh meine Liebe, oh meine Liebe, du allein bist für mich in dieser Stunde trauriger Abenddämmerung“ (Louis Aragon).

Wider die Anpassung

Doch zurück zu den Anfängen des Surrealismus und dem Punkt, als die Suche nach dem Gold der Zeit angefangen hat. Eine zentrale Bedingung der Gesellschaft und der mit ihr verbundenen Verzweiflung zu entkommen, ist die Langeweile. Erst diese ermöglicht nämlich aufzubrechen und im ziellosen Herumirren durch den Alltag, die Ereignisse, Objekte und Menschen zu finden, die das neue, das eigene Universum bilden. Die Langeweile ist die wundersame Flamme, die endlich Licht auf einen selbst, auf die Mitwelt wirft. Breton und Nadja ist langweilig, deswegen durchstreifen sie Paris, wo andere arbeiten und jahrelang nichts anderes als die gleiche Routine wiederholen. Es durchstreifen Feen und Männchen in Grün Städte und Passagen wie Kinder eine zu entdeckende Welt durchstreifen, hintergedankenlos, dem irgendwas entgegen. Cafés und Bahnhöfe sind Ausgangspunkte und Orte, wo sich die Eingeweihten finden, um ihre dekonstruktiven Spiele zu spielen: das automatische Schreiben und das Entwerfen Erlesener Leichname.

Das Basteln Erlesener Leichname war als Bruch mit dem kodifizierten Geist und den eingeprägten Assoziationen ins Leben gerufen worden. Durch dieses Basteln soll der innere Reichtum der SpielerInnen ermessen werden, indem das Unbewußte durch Methoden eines Gesellschaftsspieles fixiert wird. Mehrere Personen schieben sich nach und nach ein Blatt Papier zu und beschreiben oder bezeichnen es sukzessiv, ohne zu wissen, was der andere geschrieben oder gezeichnet hat. Beim Entfalten des Papiers entstehen Dialoge und Wesen ohne jeden Wirklichkeitsgehalt, bzw. mit einem neuen Wirklichkeitsgehalt, mit jenem ahnungslosen der Beteiligten. Der erste Satz des ersten Spieles lautete „Der erlesene Leichnam“, alle anderen Sätze, die auf diesen folgten und folgen sind Assoziationen aus der Unendlichkeit des Zufalls, sind universelle Sätze. Durch dieses und andere Spiele entwickelte sich in der Gruppe keine Identität oder kein Zwang zur Gemeinschaft, es entwickelte sich viel mehr eine kommunikative Reibfläche verschiedener Vasen, die sich gegenseitig auffüllten und entleerten, auffüllten und entleerten…

Das Automatische Schreiben war von ähnlicher Qualität und gleichzeitig die ursprünglichste Methode, das erste Spiel der Surrealisten, wenngleich auch nicht von ihnen erfunden, da es schon längst im Barock kursierende Salonunterhaltung gewesen war. Der eigenen Definition Bretons zufolge, ist Automatismus Synonym von Surrealismus. Unkritisches, unreflektiertes und hemmungsloses Niederschreiben von Wortfolgen soll das Aufzeichnen der Botschaften aus der eigenen Traum- und Wahnwelt ermöglichen. Daß dabei trotzdem die Gesetze der Syntax eingehalten werden, ist darauf zurückzuführen, daß Breton bestimmte, daß der Inhalt, die produzierten Bilder als Ausdruck des Automatismus zu erkennen seien, was bei einem wort- und satzzerstörenden Gestammel à la Dada nicht möglich gewesen wäre. Spiel und Ernst waren gleichgesetzt, Literatur wurde zur Lebenspraxis, zur Entdeckungsreise mit anderen und in diese, mit dem und in das verschüttetste Ich. Das automatische Schreiben soll die letzten Bindungen zur Realität, zum Geist lösen, soll die Hingabe an den Kurzschluß sein, der den Menschen von etwas Stärkerem als mensch selbst überwältigen läßt und aus der Realität schleudert. 10 Stunden pausenlos auf ein Blatt schreiben und das einige Wochen lang, wenn auch in einer unbedingt gemütlichen Atmosphäre, wie bretonisch empfohlen – Mensch ist dann ein anderer Mensch.

Eine gewollte, aber ganz andere, in den Stundenplan des Leben eingreifende Wirkung hatten diese Spiele allenfalls: sie waren jeder der Norm entsprechenden Tätigkeit fast zur Gänze entzogen, vor allem aber zeitintensiv. Somit wurden alle beteiligten Spieler durch ihr Verhalten nutzlose Mitglieder der Gesellschaft – Bravo! Dutzende Menschen schlossen sich selbst aus, schafften es, durch ihren eigenen Ausschluß den Beweis dafür zu erbringen, daß nicht nur das surrealistische Bewußtsein, sondern auch die surrealistische Tat die Gesellschaft auflöst.

Warum? – Darum!

Zum Schluß eine kurze Frage auf eine kurze Frage, nämlich auf jene, was diese Auseinandersetzung mit dem vor 80 Jahren manifestierten Surrealismus soll, geschehen eigentlich genug aktuelle Explosionen und schrieb doch Adorno nachvollziehbar nach dem Zweiten Weltkrieg: „Nach der europäischen Katastrophe sind die surrealistischen Schocks kraftlos geworden.“ (Adorno, T.W., Noten zur Literatur, 1981, S. 102). Doch wenn der Anfang des surrealistischen Abenteuers nicht das Erstaunen vor dem Reichtum der Erscheinungswelt, sondern ein Zustand der Niedergeschlagenheit war, ist dann die Voraussetzung für dieses Abenteuers nicht immer gegeben, kann dann nicht immer verstört und gestört werden, und zwar nicht im Sinne der Realität, sondern im Sinne der Hoffnung, des Traums und der Schamesröte provozierenden Gefühle?

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http://spektakel.blogsport.de/2017/08/06/360/ http://spektakel.blogsport.de/2017/08/06/360/#comments Sun, 06 Aug 2017 13:12:41 +0000 Administrator Editorisches http://spektakel.blogsport.de/2017/08/06/360/ Die Abläufe des polizeilichen Handelns während des G20-Gipfels und die darauf folgenden „Debatten“ in der Öffentlichkeit waren in ihrem Grundmuster schon vorher bekannt – insbesondere in Hamburg. Wenn etwas davon zu lernen ist, dann vor allem über die Entwicklung der bundesdeutschen Innenpolitik. Es steht der Handlungsspielraum für all jene auf dem Spiel, die sich nicht mit der immer weitergehenden kapitalistischen Zurichtung unserer Lebensverhältnisse abgeben wollen. Ein Teil der notwendigen Reflexion darauf ist der Text „Polizei und Ausnahmezustand“ von Olga Montseny, erschienen in der fünften Ausgabe von „Kunst, Spektakel & Revolution“. Ausgangspunkt dieser Reflexion sind damals ebenfalls Ereignisse in Hamburg gewesen: Die Zerschlagung der Flora-Demo im Dezember 2013 und die in der Folgezeit eingeführten Hamburger Gefahrengebiete. Der Text ist nun online zu lesen: hier.

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Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/selbstkritik-eines-buergerlichen-hundes/ http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/selbstkritik-eines-buergerlichen-hundes/#comments Mon, 31 Jul 2017 13:56:53 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/selbstkritik-eines-buergerlichen-hundes/ Film von Julian Radlmaier
mit einer Einführung von Jakob Hayner

Fr 15.09.2017 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar – Trailer

Ein bürgerlicher Windhund gesteht, wie er vom Filmemacher zum Vierbeiner wurde: Weil er gerade keine Förderung bekommt, sieht JULIAN sich gezwungen, einen Job als Erntehelfer anzunehmen. Als er der jungen Kanadierin CAMILLE weismacht, es handele sich dabei um die Recherche für einen kommunistischen Märchenfilm, in dem sie die Hauptrolle spielen soll, will sie ihn begleiten und Julian spinnt romantische Fantasien. So landen die beiden in der trügerischen Idylle einer ausbeuterischen Apfelplantage. Während Julian unter der körperlichen Arbeit leidet und sich vor den merkwürdigen Zimmergenossen in den Containerbaracken fürchtet, stürzt sich Camille enthusiastisch in die vermeintliche Recherche und freundet sich mit HONG und SANCHO an, zwei wundergläubige Proletarier auf der Suche nach dem Glück. Für Julian wird es zunehmend schwieriger, den kommunistischen Filmemacher zu performen, außerdem kommt ihm ein Vorzeigearbeiter mit amerikanischen Träumen in die Quere, ein stummer Mönch mit magischen Kräften und einem Sprung in der Schüssel tritt auf, die Plantagenbesitzerin wird versehentlich getötet und eine versuchte Revolution endet in Ratlosigkeit. Da kommen die Spatzen in den Bäumen mit einem unerhörten Plan…

Julian Radlmaier studierte Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin und arbeitete in dieser Zeit als persönlicher Assistent von Werner Schroeter. Zudem gab er verschiedene Übersetzungen von filmtheoretischen Schriften des französischen Philosophen Jacques Rancière heraus. »Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes« ist sein Abschlussfilm. Jakob Hayner schreibt für zahlreiche Zeitschriften (u.a. Jungle World und Konkret) und ist Redakteur der Zeitschrift »Theater der Zeit«. Für die Jungle World hat er ein Interview mit Julian Radlmaier über dessen neuen Film geführt. Jakob Hayner gehört zum Redaktions-Kreis von Kunst, Spektakel & Revolution.

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Vom prophetischen Schrecken der Revolution http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/vom-prophetischen-schrecken-der-revolution/ http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/vom-prophetischen-schrecken-der-revolution/#comments Mon, 31 Jul 2017 13:56:45 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/vom-prophetischen-schrecken-der-revolution/ Über Kafkas »Der Prozess«

Nikolai Bersarin – Do 21.09.2017 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Als Franz Kafka am 13. August 1912, bei Max Brod zu Gast, seine spätere Verlobte Felice Bauer traf, sah es zunächst nicht nach dem Beginn einer großen Liebe aus. »Knochiges leeres Gesicht, das seine Leere offen trug«, notierte Kafka eine Woche nach dieser Begegnung in sein Tagebuch. Doch aus dieser Liaison ging einer der gewaltigsten Romane der Literatur hervor. Die (vermeintliche) Leere dieses Gesichts wurde in gewaltiger Prosa ausgeschrieben. Wieweit sich in diesem Kontext Biographie und Schreiben verschränken, soll jedoch nur am Rande Thema des Vortrags sein. Vielmehr geht es darum, mit Kafkas »Prozess« die besonderen Züge seiner Literatur darzustellen – nämlich eine Revolution der Poetik und des Schreiben. Das noch junge Medium Film hielt genauso in den Roman Einzug wie Photographie und Theater. Mit Adorno kann man bei Kafkas Prosa von Gesten aus Begriffen sprechen. Das Spezifische dieser Prosa wird Thema des Vortags sein: sowohl die Form des Fragments, die Verquickung von Biographischem und Fiktion und ebenso, dass jene Revolution, die gesellschaftlich bereits in der Luft lag, sich auch in der Literatur ausbreitete und die Avantgarden erfasste, soll anhand von Kafkas »Prozess« gezeigt werden. Worauf wir bei der Lektüre Kafkas stoßen, ist eine Revolution des Schreibens und Erzählens. Ein neuer Realismus konstituierte diese Literatur. Ein Realismus, der den Schrecken des Jahrhunderts wie auch die Fragilität von Subjektivität prophetisch vorwegnahm und in literarische Bilder bannte.

Bersarin, Jahrgang 1964, studierte Philosophie, Soziologie, Germanistik und nebenher Kunstgeschichte. Er lebt und arbeitet in Berlin, ist tätig im Verlagswesen und beschäftigt sich mit der Philosophie und Ästhetik der Moderne sowie der Postmoderne. Insbesondere die Philosophie Kants, Hegels, Adornos und Benjamins wie auch Positionen des Französischen Poststrukturalismus gehören zu seinem Arbeitsfeld. Er betreibt den Blog »Aisthesis« und macht Fotos, die er zuweilen hier zeigt. In KSR N°3 schrieb er »Über die Geschmacksbildung in der Kunst«. In KSR N°4 schrieb er über »Hölderlin in der geschichtsphilosophischen Perspektive von Georg Lukács und Theodor W. Adorno«.

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Ein Riss ist in der Welt http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/ein-riss-ist-in-der-welt/ http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/ein-riss-ist-in-der-welt/#comments Mon, 31 Jul 2017 13:56:24 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/ein-riss-ist-in-der-welt/ Über Romantik und Revolution

Jörg Finkenberger – Do 28.09.2017 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Die Romantik, die erste moderne Avantgardebewegung, gilt zu Unrecht als prinzipiell rückwärtsgewandt. In den Ländern, in denen sie zuerst entsteht, Deutschland und England, kann sie viel genauer beschrieben werden, wenn man sie unter dem Blickwinkel ihrer kritischen Sympathie mit der französischen Revolution betrachtet, auf derem Höhepunkt sie entsteht. Die revolutionären Sympathien der frühen Romantiker sind nicht individuelle Zufälle, sondern reichen ins Innerste der Neuen Schule. Sie nimmt die epochale Erschütterung nicht nur von aussen auf, um sie zu verarbeiten, sondern betrachtet sich selbst, ihre Philosophie, Kunst und Wissenschaft als integralen Bestandteil eines revolutionären Programms, das beitragen soll, die Revolution vor ihrem Versagen zu retten, indem sie über ihre Beschränkung hinaustreibt. In diesen Kreisen wird das Problem der Erneuerung, man könnte fast sagen: der Gründung einer Gesellschaft radikaler betrachtet als jemals vorher, und lange nachher. Wie und warum es dazu kam, dass dieses Bild unter der Restaurationszeit sich verdunkelte, obwohl die Impulse dieser revolutionären Avantgardebewegung bis zu uns sich messbar fortsetzen, das versucht der Referent zu zeigen, erst mit gemischten Ausführungen über die Erkenntnistheorie, Poetologie, Politik, Philologie und Erotik der Romantiker, dann mit einigen biographischen und historischen Bemerkungen, zuletzt unter Rückgriff auf das Bild des »Risses in der Welt«, das sich durch die ganze romantische Schule und alle spätere Moderne zieht, und welcher Riss, wie zu zeigen sein wird, derselbe Riss ist wie in Brechts »Lied vom Klassenfeind«.

Jörg Finkenberger ist Mitherausgeber der Zeitschrift »Das große Thier« und widmet sich in seinen Texten u.a. der Kritik des Staats (siehe: »Staat oder Revolution. Kritik des Staates anhand der Rechtslehre Carl Schmitts«, ça ira Verlag 2015). In KSR N°4 schrieb er unter dem Titel »Ein Riss ist in der Welt« einen Text über die Romantik. In KSR N°5 schrieb er einen Text über die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.

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Ein Blick zurück http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/ein-blick-zurueck/ http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/ein-blick-zurueck/#comments Mon, 31 Jul 2017 13:56:09 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/ein-blick-zurueck/ Über die feministische Utopie, eine Geschichte zu haben

Workshop mit Johanna Krümpelbeck und Pia Marzell (AK Unbehagen) – Sa 07.10.2017 – 14:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Dass sich die Emanzipation der Frau nicht automatisch aus ihrer ökonomischen Gleichstellung ergeben würde, war für Lenin und viele seiner männlichen Genossen undenkbar. Die russische Revolution war vor allem als Emanzipation des männlichen Subjekts gedacht worden, das »Private« blieb das Problem der Frauen. Wir werfen einen Blick zurück und sehen uns Emanzipationsentwürfe an, die Privatsphäre, Sexualität, psychische Strukturen und kulturelle Aspekte nicht ausklammern, sondern sich dezidiert mit ihnen beschäftigen. Auch Christa Wolf denkt in ihrer Neuerzählung des Kassandra-Mythos über die Abspaltung des Weiblichen aus der Öffentlichkeit nach und lässt ihre Figur über die Folgen dieser Trennung reflektieren. Ausgehend davon wollen wir mit euch darüber diskutieren, wie eine Utopie ohne getrennte Sphären aussehen könnte und darüber nachdenken, ob nicht schon in dem (Um)Erzählen einer Geschichte etwas revolutionäres aufscheint. Wir freuen uns auf euch!

Johanna Krümpelbeck und Pia Marzell vom AK.Unbehagen.

Begrenzte TeilnehmerInnenzahl! Wir bitten um Anmeldung über unser Kontaktformular.

AK Unbehagen ist ein Lesekreis in Leipzig, der sich mit feministischer Theorie und Literatur auseinandersetzt. Angesichts einer sehr brüchigen feministischen Geschichtsschreibung geht es dem AK insbesondere darum einige Standpunkte und Sichtweisen zum »weiblichen Subjekt« zusammenzutragen.

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»… versunken im Schlamm des Trauerbachs« http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/versunken-im-schlamm-des-trauerbachs/ http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/versunken-im-schlamm-des-trauerbachs/#comments Mon, 31 Jul 2017 13:55:52 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/versunken-im-schlamm-des-trauerbachs/ »Linke Melancholie« und revolutionäre ästhetische Praxis

Antje Géra – Do 12.10.2017 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

ACHTUNG! Der Vortrag muss aus gesundheitlichen Gründen leider verschoben werden. Wir informieren euch an dieser Stelle, sobald es einen neuen Termin gibt.

»Linke Melancholie« ist eine Diagnose, die gerade in Krisenzeiten emanzipatorischer Praxen schnell zur Hand ist. In Berufung auf das von Walter Benjamin in den 1930er Jahren geprägte Schlagwort erklingen Klagen über einen Mangel an »Aktivismus«, den Rückzug aus gesellschaftlichen Gefechten »der Straße« in Selbstbespiegelungsdiskurse, »passives Lesekreisen« und (pop-)kulturelle Jammertäler. Was sich der Umwälzung verschrieben habe, sei durch eine Rückwärtsgewandtheit bestimmt, die sich in nostalgischem Schwelgen in überholten Traditionen und melodramatischem Suhlen in Niederlagen emanzipatorischer Bewegungen äußere. Von einer »wirklichen Bewegung« keine Spur – nur unwirksamer Stillstand und eine einzige Misere aus Pessimismus, Nihilismus und Utopieverlust. Als Hauptübel wird ein ästhetischer Eskapismus identifiziert, der zu »politischer Handlungsunfähigkeit« führe. Gemeinsam ist diesen Kritiken die Forderung nach einer politischen Praxis, welche die Melancholie überwinde und die Kunst in den Dienst eines politischen Aktivismus stelle.

Anliegen des Vortrages wird nicht sein, über die Angemessenheit der zeitdiagnostischen Momente dieser Auffassungen Urteil zu sprechen. Vielmehr wird dem Verdacht nachgegangen, dass sie nicht nur mit einem unterkomplexen Verständnis von Melancholie operieren, sondern zudem phantasmatische Erzählungen über die Wirksamkeit politischen Widerstandes und instrumentelle Modellierungen des Verhältnisses von Kunst und Politik produzieren. Dabei wird sich gerade in einer Kontextualisierung der Benjamin’schen Bezugnahme auf Melancholie im Allgemeinen und auf »linke Melancholie« im Besonderen eine andere Tradition des Melancholie-Topos ausweisen lassen. Diese Tradition führt von Karl Marx über Walter Benjamin, Guy Debord und Peter Weiss hin zu Mark Fisher und aktuellen feministischen Konzeptionen von Melancholie als Widerstand. Indem in dieser Tradition die Auseinandersetzung mit melancholischen Ausdrucksformen eine tragende Rolle in selbstkritischen Reflexionen politischer Praxen spielt, deutet sich an, inwiefern »linke Melancholie ein unverzichtbares Moment einer Auffassung von Widerstand sein könnte, welches diesen radikal als politisch-ästhetische Praxis versteht.

Antje Géra forscht zu einer kritischen Theorie der Bildlichkeit, melancholischer Kritik und einem philosophischen Begriff von Widerstand. Gemeinsam mit anderen Mitarbeiterinnen etabliert sie feministische Lehre und Forschung am Institut für Philosophie Hildesheim. Sie lebt in Hamburg.

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Reconstructed Line #3 http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/reconstructed-line-3/ http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/reconstructed-line-3/#comments Mon, 31 Jul 2017 13:55:35 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/reconstructed-line-3/ Formulierung, Evaluation [convulsions], vorprogrammiertes Drama

Till Gathmann – Do 19.10.2017 – 20:00 Uhr
Geschwister-Scholl-Straße 11
(Atelier, Fakultät Gestaltung der Bauhaus Universität Weimar)

Die Vorstellung, dass die Linie ein bewegter Punkt sei, entspringt den kunsttheoretischen Schriften von Paul Klee. Mit ihrer Dynamik, die sich auf einer passiven Fläche entfaltet, öffnet die Linie ein Spannungsfeld zwischen dem affektiven, denkenden und handelnden Subjekt.

Till Gathmann geht der Frage, wie sich in der Zeichnung Somatisches und Psychisches formulieren, in Form von kleinen Zeichnungen nach, die schriftähnlich aus einer fortlaufenden Linie entstehen. In Reconstructed Line wird eine dieser Zeichnungen in genauer Beschreibung ihres Verlaufs rekonstruiert. Indem die Performance eine Übersetzung der Zeichnung – welche Körperspannung in Geste und Spiel verwandelt – in Text vollzieht und zum Gegenstand ihrer Handlungen macht, tangiert sie auch ein eminent politisches Problem: Die Frage der Affekte und der Spontanität im politischen Denken und Handeln, ihrer Wiederholungen, ihrer Triebgrundlage, der Erinnerbarkeit und der Konfrontation mit dem Zufall. Ist die Arbeit mit der Zeichnung eine Erinnerung an eine frühere Empfindung, so kann sie die spontane Kraft unmöglich wiedererlangen, von der die Linie anfangs angetrieben war. Was die Mühe der Rekonstruktion hervorbringt, verwandelt Spur in Material.

Till Gathmann ist Künstler, Buchgestalter und Autor. In seinen künstlerischen Arbeiten setzt er sich mit der Politik der Form auseinander, die zwischen Konzeptkunst, Fragen des Ausdrucks und psychoanalytischer Modelle verhandelt wird. Auch die Auseinandersetzung mit faschistischer Ästhetik ist ein wiederkehrendes Motiv. In der Ausgabe #1 der Zeitschrift Sans Phrase schrieb er über den Konzeptkünstler Sol Lewitt (»Object of Importance but Little Value – Analer Charakter und Werkkrise«). In der Ausgabe #3 derselben Zeitschrift schrieb er über »Der Fall Beuys. Analer Charakter und Werkkrise: Bundesrepublik Deutschland«.

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Von der künstlerischen Komposition zur ästhetischen Abstraktion http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/von-der-kuenstlerischen-komposition-zur-aesthetischen-abstraktion/ http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/von-der-kuenstlerischen-komposition-zur-aesthetischen-abstraktion/#comments Mon, 31 Jul 2017 13:55:15 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/von-der-kuenstlerischen-komposition-zur-aesthetischen-abstraktion/ Ästhetische Revolutionen zu Zeiten der Oktoberrevolution

Kerstin Stakemeier – Do 09.11.2016 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Als noch nicht sonderlich lange existierende moderne Verengung zuvor wesentlich weiter gefasster ästhetischer Produktionsformen auf einen industriell ausgeschlossenen Zweig gesellschaftlicher Folgenlosigkeit ist die Kunst ein Kapitalisierungseffekt. Und damit wären ihre Arbeitsformen ebenso wie die aller anderen modernen, industrialisierten Formen zu revolutionieren. Eben dies versuchte der russische Proletkult, eine Organisation die sich kurz vor der Oktoberrevolution in Leningrad gründete, und in den folgenden Jahren Studios in Fabriken ebenso wie an der Front eröffnete, mit dem Ziel eine allgemeine künstlerische Produktion zu eröffnen. Damit stand er, ebenso wie diejenigen die außerhalb Russlands an seine Programme anknüpften, wie etwa der von Karel Teige in Prag mitbegründete Poetismus oder Lu Märtens in Berlin verfasste Theorie des »Wesens und Veränderung der Formen (und Künste)«, im direkten Gegensatz zur Kunst- und Kulturpolitik des »orthodoxen Marxismus«. Im Vortrag soll es darum gehen diese Position nicht nur als vergangenen ästhetischen Radikalismus vorzustellen, sondern auch zu fragen warum sich die bürgerlich-kapitalistische ästhetische Beschränkung mit dem Namen Kunst sich bis heute so großer Beliebtheit erfreut.

Kerstin Stakemeier lehrt Kunsttheorie- und vermittlung an der Akademie der bildenden Künste Nürnberg. Sie forscht zur Kunstgeschichte, insbesondere deren radikalen Strängen. Sie ist immer wieder an Ausstellungsprojekten beteiligt, so etwa Aktualisierungsraum oder Klassensprachen. Für die Realism Working Group schrieb sie mit Johannes Raether über »Die Art of Falling Apart – über den Realismus der Romantik«. In KSR N°1 schrieb sie über »Künstlerische Produktion und Kunstproduktion – Polytechnik und Realismus in der frühen Sowjetunion«.

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KSR N°6 Release in Weimar http://spektakel.blogsport.de/2017/05/30/ksr-n6-release-in-weimar/ http://spektakel.blogsport.de/2017/05/30/ksr-n6-release-in-weimar/#comments Tue, 30 May 2017 14:55:18 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2017/05/30/ksr-n6-release-in-weimar/

15.06.2017 – Heftvorstellung und Vortrag – ACC Galerie Weimar

In linken Debatten über Ästhetik standen sich oftmals zwei Positionen gegenüber: Auf der einen Seite der Realismus, der die Forderung erhebt, die wichtigsten Tendenzen und Konfliktlinien der Wirklichkeit in der Kunst zur Darstellung zu bringen. Auf der anderen Seite der Avantgardismus, der die Totalität des klassischen Kunstwerks zerstört und tendenziell mit den künstlerischen Mitteln selbst unmittelbar in die Wirklichkeit eingreifen möchte.

In den Realismusdebatten der 1930er Jahre gab es jedoch eine Position, die diese Gegenüberstellung durcheinander brachte: jene Bertolt Brechts. Der wollte sich als Realist verstanden wissen und hat trotzdem im Feld der Avantgarde gewirkt. Der Modellcharakter war für ihn eine zentrale ästhetische Strategie.

Im Vortrag wollen Thomas Zimmermann und Lukas Holfeld die sechste Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution vorstellen und einige Thesen über Avantgarde und Realismus vortragen.

    Beginn: 20:00 Uhr
    Eintritt: 2 € (erm. 1 €)
    Ort: ACC Galerie Weimar, Burgplatz 1
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KSR N°6 ist erschienen http://spektakel.blogsport.de/2017/05/26/ksr-n6-ist-erschienen/ http://spektakel.blogsport.de/2017/05/26/ksr-n6-ist-erschienen/#comments Fri, 26 May 2017 13:13:16 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2017/05/26/ksr-n6-ist-erschienen/ Nach unserer Release-Veranstaltung am 24.05.2017 in Halle liegt nun die sechste Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution der Öffentlichkeit vor. Das Heft trägt den Untertitel Theater Realität Realismus und basiert auf einer Tagung, die im Sommer 2016 in Berlin stattgefunden hat. Das Heft umfasst 64 Seiten und enthält 9 Texte. Dabei dreht sich alles um das Theater: Dramenform, Realismus, Avantgarde, Bertolt Brecht, Peter Hacks und Heiner Müller kommen darin vor. Einen Einblick in das Inhaltsverzeichnis und eine Leseprobe findet ihr hier. Das Heft kann über das Kontaktformular bestellt werden.

Den ersten hundert Bestellungen wird ein Plakat beiliegen, das eine typographische Gestaltung eines Brecht-Zitats enthält. – Nur solange der Vorrat reicht.

In den nächsten Wochen werden wir weitere Heftvorstellungen in verschiedenen Städten organisieren. Außerdem arbeiten wir schon an der lang versprochenen „schwarzen“ Ausgabe.

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Release: KSR N°6 http://spektakel.blogsport.de/2017/04/29/release-ksr-n6/ http://spektakel.blogsport.de/2017/04/29/release-ksr-n6/#comments Sat, 29 Apr 2017 15:49:06 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2017/04/29/release-ksr-n6/ Wir freuen uns, im Mai die sechste Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution vorstellen zu können. Das Heft trägt den Untertitel Theater, Realität, Realismus und setzt sich in neun Texten mit den Realismus-Debatten im Bezug auf das Theater und das Drama auseinander.

Das besondere Interesse, welches die Kunstform Theater auf sich zieht, liegt in ihrem öffentlichen Charakter begründet. In der griechischen Antike entwickelte es sich mit der Polis der attischen Demokratie. Die öffentliche, durch Kunst verhandelte Sache macht den Grundzug des Theaters aus — über das elisabethanische und bürgerliche bis hin zum epischen Theater. Die Bretter, die die Welt bedeuten, stellen die gesellschaftliche Ordnung in Frage, indem sie künstlerisch zur Darstellung kommt. Insoweit war für das Theater die Frage, welche Welt da eigentlich auf welche Weise bedeutet werden soll, schon immer von Interesse. Die Frage nach der Realität und dem Realismus ist dem Theater in gewisser Weise inhärent, jedoch sind die Diskussionen um den Begriff des Realismus spezifisch modern und haben mit der bürgerlichen Autonomie der Kunst ihre Substanz gewonnen. Die Freisetzung der Kunst und der Künstler im Kapitalismus haben die Frage bedingt, was mit Kunst bedeutet und bezweckt werden kann und soll. Auf die kapitalistische Veränderung der Welt zu reflektieren, ist Anliegen einer Debatte um den Begriff des Realismus.

Der Begriff des Realismus stellt die Frage nach dem Zusammenhang von Kunst und Gesellschaft. Seit seinem Aufkommen ist er ein kritischer Begriff. Besonders interessant wird er aber erst im Zuge der kommunistischen Debatten der zwanziger und dreißiger Jahre. Der Realismus ist der Begriff, der es ermöglicht, die lebendige Dialektik der Kunstwerke im Zusammenhang mit ihren gesellschaftlichen und historischen Voraussetzungen und Wirkungen zu betrachten. Der Realismus ist, entgegen den über ihn kursierenden Vorurteilen, kein Naturalismus. Im Gegenteil ist er die Kritik des Naturalismus. Der Naturalismus ist der Positivismus in der Kunst, der annimmt, dass die Kunst zur Realität in abbildender Weise sich verhält. Aber damals wie heute hat man die Realität weder mit einem Blechnapf oder Experten des Alltags auf der Bühne. Die Wirklichkeit will ja begriffen werden, nicht abgebildet. Der Realismus ergreift Partei für ein dialektisches und ästhetisches Begreifen der Wirklichkeit durch die Kunst, also für die Poesie. Der Realismus ist darüber hinaus auch parteiisch, er ist eine Kritik der Verödung der Welt durch den Kapitalismus. Diese Kritik äußert die Kunst allerdings, indem sie besser als die Welt ist, in ihrer Form schon Utopie einer künftigen, von kapitalistischer Produktionsweise befreiten Gesellschaft ist. Ein neuer Realismus wäre ein Vorschlag für das Theater, der eigenen Mittel bewusst an der ästhetischen Utopie zu arbeiten, die auf vermittelte Weise auf die politische Utopie verweist.

Wir freuen uns, das Heft im Operncafé der Oper Halle (Saale) vorstellen zu können:

In einer linken Tradition des Theaters scheinen sich das avantgardistische, später postdramatische Theater auf der einen Seite und das realistische Drama gegenüberzustehen. Doch handelt es sich dabei wirklich um eine Opposition? Die beiden Redakteure Jakob Hayner (Theater der Zeit) und Lukas Holfeld (Radio Corax) stellen das Heft vor und diskutieren einige Thesen zum Verhältnis von Realismus und Avantgarde.

    ■ Datum: 24.05.2017
    ■ Beginn: 20:00 Uhr
    ■ Ort: Operncafé der Oper Halle (Universitätsring 24)
    ■ Eintritt frei
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DITTERICH VON EULER-DONNERSPERG http://spektakel.blogsport.de/2017/04/05/ditterich-von-euler-donnersperg/ http://spektakel.blogsport.de/2017/04/05/ditterich-von-euler-donnersperg/#comments Wed, 05 Apr 2017 17:55:01 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2017/04/05/ditterich-von-euler-donnersperg/

WALTER ULBRICHT SCHALLFOLIEN, Hamburg

Elektronik. Lesung

HALLE (SAALE)

SCHIEFES HAUS

Der Hellseher begibt sich zum Ufer des Flusses, schließt die Augen und spricht: Ich sehe Wasser, viel Wasser. (KLOPSTOCK)

Auf die Frage nach einem Ankündigungstext schrieb uns Herr Euler-Donnersperg:

»Ich hasse mittlerweile lange Ankündigungstexte. Jeder schreibt sowas und brüstet sich mit allerlei Angaben (vor allem Prominamen). Über die Zeit ist sowas völlig gleichförmig geworden. Ich hasse das. Einfach kurz angeben: „Der alte graue Knurhahn von der Waterkant knarzt und knurrt seine lustigen und weniger lustigen Weisen..“ (oder so ähnlich).

GLÜCKAUF!«

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http://spektakel.blogsport.de/2017/03/21/337/ http://spektakel.blogsport.de/2017/03/21/337/#comments Tue, 21 Mar 2017 21:09:19 +0000 Administrator Editorisches http://spektakel.blogsport.de/2017/03/21/337/ Gerade eben haben wir in der Text-Rubrik das Interview gespiegelt, das der Club Communism im Jahr 2014 mit Kunst, Spektakel & Revolution geführt hat: Lesen.

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Dinge aufspüren, die nicht an der Oberfläche liegen http://spektakel.blogsport.de/2017/03/21/dinge-aufspueren-die-nicht-an-der-oberflaeche-liegen/ http://spektakel.blogsport.de/2017/03/21/dinge-aufspueren-die-nicht-an-der-oberflaeche-liegen/#comments Tue, 21 Mar 2017 19:53:38 +0000 Administrator Text http://spektakel.blogsport.de/2017/03/21/dinge-aufspueren-die-nicht-an-der-oberflaeche-liegen/ Interview des Club Communism mit KSR

Spiegelung des Interviews, das 2014 zuerst hier veröffentlicht wurde.

Club Communism: „Kunst Spektakel Revolution“ besteht zum einen in einer Reihe aus Vorträgen und ist zum anderen Titel einer Publikation, die thematisch an die Reihe gekoppelt ist. Nachdem die ersten zwei Broschüren sich mit den Avantgarde-Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts auseinandergesetzt haben, ist vor kurzem die dritte Broschüre erschienen, die sich mit den fünf Sinnen beschäftigt und dabei eher Ästhetik-theoretisch bzw. -kritisch vorgeht; alles in allem betreibt ihr eine Auseinandersetzung mit und um Kunst. Warum, sprich: Was erhofft ihr euch von dieser Auseinandersetzung?

Kunst Spektakel Revolution: Zunächst würde ich „Kunst, Spektakel, Revolution“ als Teil eines Selbstbildungsprozesses beschreiben – es geht darum Möglichkeiten herzustellen, um sich Geschichte und Objektivationen der Kultur aneignen zu können und dabei in Gebiete vorzustoßen, die weder im akademischen Betrieb noch in der linken Szene und Subkultur üblicherweise eine umfassende Bearbeitung finden. Mir persönlich geht es darum, jenseits üblicher Konventionen einen dauerhaften Diskussions- und Erkenntnisprozess herzustellen, der vielleicht perspektivisch in eine Art kollektive Forschungsarbeit münden kann, die von einem Interesse nach universeller Emanzipation geleitet ist. Sowohl das Veranstaltungsprogramm, als auch die Publikation der Broschüren sind in dem Sinne als eine Vorarbeit zu verstehen, die Material für eine solche Auseinandersetzung liefern sollen. Der Fokus auf Kunst und Ästhetik ist in diesem Zusammenhang meines Erachtens deshalb interessant, weil er auf ein Verhältnis von gesellschaftlicher Produktion, Subjektivierung, Bedürfnis, Sinnlichkeit und Alltagsleben verweist. Die ästhetische Vergegenständlichung ist ja eine Form der Weltaneigung und -bearbeitung, die jenseits der wissenschaftlichen Weltaneignung und der alltagssprachlichen Verkehrsformen einen Anspruch auf Wahrheit erhebt. Will man sich dementsprechend historische und gegenwärtige Werke aneignen, ohne in bloßes Gefallen oder Intuition abzugleiten, muss man sich damit auseinandersetzen, unter welchen historischen Bedingungen, mit welchen subjektiven und objektiven Voraussetzungen, jeweils spezifische ästhetische Formen entstehen, wie sie sich einzelnen AutorInnen vielleicht sogar aufdrängen und wie sie für Andere verstehbar werden und aufgegriffen werden können. Gleichzeitig muss man sich fragen, wie es überhaupt möglich ist, sich selbst zu diesen Werken in Beziehung zu setzen – das heißt: was ist den Werken selbst mitgegeben, dass ich sie gegenwärtig überhaupt verstehen kann? Denn die Art und Weise, wie dieses Verstehen stattfindet, ist ja selbst in einem historischen Wandel begriffen. Benjamin spricht in seinen Geschichtsthesen von „feinen und spirituellen“ Dingen, die historisch umkämpft sind, worunter meines Erachtens die Kunstwerke zu rechnen sind, die wie „Blumen ihr Haupt zur Sonne wenden“1. Der gegenwärtige Ort des Eingedenkens in die Werke, dies meint Benjamin damit, lässt diese nicht fixiert und statisch bleiben, sondern fördert an ihnen zutage, was in ihnen sicher schon angelegt war, was sich aber auf spezifische Weise erst in einer gegenwärtigen Konstellation entpuppt. Gleichzeitig ist es nicht willkürlich, was sich an die historischen Zeugnisse der Kultur herantragen lässt, es muss eine Verbindung zwischen dem in den Werken Gemeinten und uns geben. Benjamin spricht von einem Kontinuum der Unterdrückung, der die Unterdrückten in einen fortwährenden Kampf hineinzwingt. Das versagte Glück, die Potentialität menschlicher Kultur unter Bedingungen, welche diese zur Unkultur werden lässt, die Enteignung der Lebensmittel und die Entfremdung vom eigenen Lebensprozess – das sind die Bedingungen, welche die Vergangenheit der Unterdrückten und unsere Gegenwart miteinander verbinden und die zentral sind für eine gegenwartsbezogene Aneignung historischer Werke. Um noch einmal kurz zu machen, was ich meine: KSR will von einer Auseinandersetzung mit Kunstgeschichte mehr als eine soziohistorische Katalogisierung einerseits oder eine Verwendung im Sinne von AgitProp andererseits, sondern begreift die Kunstwerke als Zeugnisse von Kultur und Barbarei gleichermaßen, will sie dem herrschenden Konformismus entwinden und aktualisieren und erhofft sich hierüber einen Zugang zu verborgenen Potentialen, die den herrschenden Verhältnissen entspringen, aber über diese hinausweisen. Das besondere und Interessante an der Sphäre der Kunst besteht darin, dass in ihr (etwa im Gegensatz zur Wissenschaft) Sinnlichkeit, historische Erfahrung und Reflexion in besonderem Maße miteinander verquickt sind. Vielleicht lässt sich auch sagen, dass die Kunst (wenn sie gut ist) der Versuch sein kann, an die Stelle der Pseudokommunikation eine Verständigung über das wirklich Erlebte zu setzen – ein Potential, das stirbt, sobald sich die Formen gesetzt haben und von den herrschaftlichen Institutionen (insbesondere vom Kunstbetrieb) absorbiert werden. Das Gesagte mag erstmal ziemlich abstrakt klingen – konkret muss es an den jeweiligen Gegenständen werden.

CC: Könnt ihr an einem Beispiel skizzieren, wie dieses Entwinden und Aktualisieren, wie dieser Zugriff auf verborgene Potenziale am konkreten Gegenstand in eurer Arbeit aussieht?

KSR: Im letzten Themenblock haben wir uns mit verschiedenen Dichtern des 19. Jahrhunderts auseinandergesetzt, um zum einen erstmal historisch nachzuvollziehen, welche Tendenzen in der Dichtung dieser Zeit zum Ausdruck kamen (besonders im Bezug auf die revolutionären Bestrebungen im 19. Jahrhundert) und zum anderen eben auch zu schauen, was dort vorhanden ist, das immer noch aktuell ist oder aktualisiert werden kann. Um ein Beispiel zu nennen – mir schien eine Szene aus Hölderlins Roman „Hyperion“ besonders aktuell. In einer Passage des Romans, im 7. Brief, streiten sich die beiden jungen Revolutionäre Hyperion und Alabanda darüber, wie sie sich in ihrem Vorhaben, die Verhältnisse umzuwälzen und umfassend zu erneuern, zum Staat verhalten sollen. Alabanda steht dabei für die jakobinische Linke, die den Staat für ein adäquates Instrument hält, um die Menschen für eine neue Gesellschaft zu erziehen. Hyperion hingegen beharrt darauf, dass die Veränderung von den Menschen selbst ausgehen muss und der Staat jede lebendige Bestrebung der Emanzipation erstickt. Während die beiden über diese Fragen streiten, betreten dann, als kämen sie aus dem Nichts, einige Mitglieder eines Geheimbundes den Raum und es stellt sich heraus, dass Alabanda ebenfalls ein Mitglied dieses „Bundes der Nemesis“ ist. Hölderlin beschreibt die Mitglieder dieses Rachebundes, so würde ich es interpretieren, als „versteinerte Revolutionäre“: „es war, als stünde man vor der Allwissenheit; man hätte gezweifelt, ob dies die Außenseite wäre von bedürftigen Naturen, hätte nicht hie und da der getötete Affekt seine Spuren zurückgelassen.“ Die Beschreibung der Physiognomien dieser Revolutionäre, der Affekttötung, die in ihren Gesichtern sichtbar ist, und ihrer Reden, ist meines Erachtens eine scharfsinnige Studie darüber, was passiert, wenn Menschen sich einmal in einer revolutionären Situation zu bewähren hatten, dann jedoch die Chance verpasst wurde und es den Revolutionären nicht gelang, sich neu auf die veränderte Situation einzustellen. Der revolutionäre Kampf hat von ihnen notwendig einen gewissen Grad an innerer Verhärtung abverlangt, die sie nach ihrer Niederlage nicht wieder ablegen konnten. Auf diese Weise erstarrt, bleibt auch ihre Haltung zur Welt schematisch und sie müssen sich kontrafaktisch einreden, dass die objektive Entwicklung der Welt auf ihrer Seite ist. Sie haben dafür die Hoffnung aufgegeben, selbst die Früchte ihrer Taten zu ernten, womit die Revolution nunmehr zu einer bloßen Haltung verkommen ist, mit der sie jeden verachten, der nicht zu ihrer Sekte gehört. Ich glaube, dass man heute noch vor diesem Bild der versteinerten Revolutionäre erschrecken kann, weil man sich möglicherweise selbst darin wiedererkennt. In ihrer Marginalisierung sind die verbliebenen Revolutionäre (die sich mal näher an der Linken bewegen, mal weiter von ihr entfernt sind) heute oftmals ebenso versteinert und ihr Zugang zur Welt ist oft ebenso schematisch, wie es Hyperion anhand des Bundes der Nemesis beschrieben hat – mit dem erschreckenden Unterschied, dass die Verhärtung heute weitergegeben wird, ohne dass dem wirkliche Kämpfe vorangegangen wären. Ich glaube, dass es heute notwendig ist, diese Verhärtung zu überwinden, die Versteinerungen abzuschlagen, damit die Revolution nicht nur eine Phrase bleibt. Ich glaube, dass das ein gutes Beispiel ist, wie aus der Vergangenheit ein sehr aktuelles Motiv in unsere gegenwärtigen Auseinandersetzungen hineinblitzt – der Autor hat etwas Zukünftiges antizipiert, ohne dass er es explizit hätte wissen können.

CC: Mit Benjamin habt ihr vorhin ja schon einen wichtigen Referenzautoren der Reihe genannt, außer ihm sind – neben Marx – vor allem Adorno und die Situationistische Internationale Referenzen. Wieso bezieht ihr euch gerade auf sie und welches kritische Potenzial haben ihre Analysen von vor mittlerweile ja 40 bis 90 Jahren heute überhaupt noch?

KSR: Diese Autoren sind allesamt Teil derjenigen Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt – also des Kommunismus im weiteren Sinne – bzw. haben auf verschiedene Weise daran gearbeitet, dieser Bewegung zu einem theoretischen Ausdruck zu verhelfen. Wenn man sich selbst in dieser Tradition verortet, die sich keineswegs geradlinig und ohne Brüche fortsetzt, kommt man meines Erachtens nicht umhin, sich die Texte dieser Autoren anzueignen, schon allein deswegen, weil die eigenen Intentionen und Ansprüche nicht vom Himmel gefallen sind, sondern in einem geschichtlichen Kontext stehen. Darüber hinaus haben sie alle an einer kritischen Theorie der Ästhetik gearbeitet – Marx, wenn auch eher randständig, so doch über sein ganzes Leben hinweg, für Adorno, Benjamin und die S.I. war es ein zentrales Thema – und sind schon allein deswegen interessant für eine Veranstaltungsreihe, die sich mit Ästhetik und Gesellschaftskritik auseinandersetzt. So relevant die Frage nach den theoretischen Referenzpunkten ist – es gibt ja keine unbefleckte theoretische Auseinandersetzung, die aus sich selbst heraus einen unmittelbaren Zugang zur Welt findet – so sehr lenkt mich die Beantwortung dieser Frage auf ein anderes Problem: dass sich nicht nur in der Akademie Theoriebildung oftmals in Rezeptionsgeschichte erschöpft. Gerade in der akademischen Linken habe ich oftmals den Eindruck, dass es zyklische Schübe von Theoriemoden gibt, bei denen man sich jeweils an bestimmten AutorInnen festklammert, wobei der Gegenstand einer möglichen Erkenntnis aber oft unberührt bleibt, bis die jeweiligen AutorInnen totrezipiert sind. Adorno, Benjamin und vor allem die S.I. wollten dem entgegen aber angewendet werden und deshalb halte ich die Frage für relevanter, was man selbst eigentlich herausfinden will. Ich finde es beispielsweise eine unglaublich wichtige und interessante Frage, auch für das Gebiet der Ästhetik, wie sich durch gegenwärtige Formen von Ausbeutung, Ausprägungen der Kulturindustrie, Neuerungen im Städtebau und dementsprechender Strukturierungen des Alltagslebens, eine veränderte Zusammensetzung des menschlichen Sinnesapparats und Triebstruktur entwickelt (was ja auch Teil der Fragestellung der letzten KSR-Broschüre war). László Moholy-Nagy – um mal jemanden zu nennen, der sowohl Theoretiker als auch Kunstproduzent war und im Kanon linker Theoriereferenzen kaum auftaucht – hat in diesem Sinne ein Forschungsprogramm aufgestellt, das fragt, auf welche Weise die technischen Reproduktionsmittel auf das menschliche Subjekt als potentiellem Produzenten einwirken2. Ein ähnliches Programm wäre heute unglaublich wichtig, weil man darüber auf die Produktivkraft des Subjekts und seine objektiven Bedingungen stößt, die beide Voraussetzung revolutionärer Tätigkeit sind. In einer solchen Forschungsarbeit würde man wiederum bei Adorno, Benjamin und der S.I. entscheidende Hinweise finden, die aber zu aktualisieren wären und daher einen Abgleich mit den jüngsten Prozessen der Weltgeschichte erfordern. Dass dies kaum geschieht, hängt sicherlich damit zusammen, dass es um die Bedingungen außerakademischen Forschens ziemlich schlecht bestellt ist und man kaum Mittel dazu in der Hand hat – diesen Missstand kann eine Veranstaltungs- und Publikationsreihe wohl kaum beheben. Aber ich hoffe irgendwie, dass die Reihe Material und Anregung geben kann, einen solchen Faden wieder aufzunehmen.

CC: Solches Material oder solche Anregung für eine Aktualisierung benötigen, wie ihr sagt, einen Abgleich an „den jüngsten Prozessen der Weltgeschichte“, und dennoch setzt ihr euch zentral mit Kunst aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert auseinander. Hat das einen Grund, etwa darin, dass eurer Meinung nach an aktueller Kunst oder Kulturindustrie diese Auseinandersetzung nicht leistbar ist?

KSR: Erstmal habt ihr Recht darin feszustellen, dass sich die KSR-Reihe bisher größtenteils (bis auf einige Ausnahmen) mit historischen Werken auseinandergesetzt hat, deren Entstehung fünfzig bis 200 Jahre zurückliegt. Ich hoffe aber, dass die bisherige Ausrichtung der Reihe dabei nicht so wirkt wie der verbrämte Dichter Greene, der in Virginia Woolfs Roman „Orlando“ auftritt und von dem es dort heißt: „So sehr es ihn auch schmerze, dies zu sagen – denn er liebe die Literatur wie sein Leben –, er könne in der Gegenwart nichts Gutes sehen und habe keine Hoffnung für die Zukunft. Hier schenkte er sich ein Glas Wein ein.“ Das Glas Wein verweist darauf, dass ihm seine eigene Diagnose nicht gerade Angst macht, sondern ihm recht eigentlich ziemlich behaglich ist: „je mehr er seine eigene Zeit abkanzelte, desto selbstgefälliger wurde er.“ Die Kunstgeschichte hat freilich nicht am Anfang des 20. Jahrhunderts aufgehört und es wäre eine ähnliche Versteinerung, wie sie Hyperions Revolutionären widerfahren ist, wenn man heute im Vorhinein die Augen vor allem verschließen würde, was Kunst heißt, mit der sicheren Gewissheit, dass das alles kulturindustrieller Müll ist und nichts weiter. Und genausowenig geht es darum, die vergangene bürgerliche Kunstepoche zu idealisieren, als wäre sie nicht Teil dessen, was zu überwinden ist. Dennoch geht es darum, sich den Unterschied zu vergegenwärtigen: Es ist ein Fakt, dass die bürgerlichen Kunstwerke und die Subjektivierungsprozesse, die mit ihrer Hervorbringung und Aneignung verbunden gewesen sind, mehr waren als eine bloße Verdoppelung der schlechten Verhältnisse, dass sie in ihrem Scheincharakter – dessen Hervorbringung auch im 19. Jahrhundert auf dem Elend der Massen basierte – auch über diese hinaus wiesen und Mittel zu ihrer Infragestellung waren oder hervorgebracht haben, während die Kulturindustrie heute in ihrer Systematik nur Weltflucht ohne Transzendenz anzubieten hat. Gerade deshalb sollte eine Kritik der Kulturindustrie keine behagliche Selbstvergewisserung sein, wie sie von der Figur Greene repräsentiert wird – die Langeweile der Kulturindustrie ist unerträglich und ein Grund zur Rebellion gegen diese Verhältnisse. Mehr noch: die Kulturindustrie hat die Unterscheidung zwischen „klassischer“ bzw. ernster Kunst und trivialer Unterhaltung selbst eingeebnet – Rihanna und die Indieband lassen sich genauso konsumieren wie Beethoven und Gustav Mahler, ein Unterschied besteht dabei höchstens in der Art und Weise des Distinktionsgewinns. Das heißt nun aber nicht, dass man sich nicht mit klassischer Musik auseinandersetzen soll oder dass eine Auseinandersetzung mit der Kulturindustrie und ihren Produkten nicht leistbar wäre. Es ist möglich und notwendig, herauszufinden, was an den historischen Werken unabgegolten ist, auch oder gerade weil sie unmenschlichen Verhältnissen entsprangen. Und es ist möglich, eine Kritik der Kulturindustrie zu formulieren, und über sie darauf zu stoßen, was aktuell Subjektivierung bedeutet und auf welchen aktuellen Bewegungstendenzen, Gesetzmäßigkeiten und Zwängen sie basiert.

Wenn man davon ausgeht, dass die Kulturindustrie den Unterschied von trivialer Unterhaltung und „klassischer“ Kunst selbst einebnet und darin beide um ihre spezifischen Versprechen bringt, dann lässt sich folglich keine Aussage darüber treffen, wo die Möglichkeit ästhetischer Erfahrung besser möglich ist: im Konzertsaal oder beim Serien schauen. Sie ist in beiden Fällen gleich schlecht und gleich gut möglich und auch letzteres kann sinnvoll sein. KSR ist gewissermaßen von den Avantgarden ausgehend rückwärts gegangen. Vielleicht findet demnächst in diesem Rahmen aber auch eine Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst und Kulturindustrie statt.

Ich hatte vorhin schon gesagt, dass mein Anspruch an KSR wäre, dass die hier geführten Diskussionen möglicherweise eine umfassendere Forschungsarbeit vorbereiten können. Vielleicht ist es ein Aspekt dieses Vorbereitungs-Charakters, dass man erst einmal versucht, die Geschichte aufzuarbeiten. Ich finde, dass die Antideutschen Kommunisten Berlin diese Notwendigkeit einer Aneignung der Geschichte (im Bezug auf die bürgerliche Kunst und die Texte der Aufklärung) einmal in einer sehr guten Formulierung begründet haben: „Es muss ein Blick geübt werden, der die Geschichte in der Vorgeschichte zu erkennen vermag. Man bekäme dadurch ein Bewusstsein der gesellschaftlichen Agonie, welche aus sich selbst heraus gerade nicht begreifbar und fühlbar ist. Das aktuelle Grauen in dem der Vergangenheit spiegeln zu lassen macht dieses erfahrbar. Die von der Aufklärung einmal formulierten Sehnsüchte nach Befreiung tun ihr übriges hinzu, den jetzigen Zustand wirklich zu verneinen, weil dann neben der allgemeinen tristesse auch die verpassten Möglichkeiten der ins Unermessliche gesteigerten Naturbeherrschung ins Bewusstsein kämen und damit wohl auch ein Gefühl davon erzeugt würde, was es heißt, eine geschundene Kreatur zu sein. Etwa so, wie eine nicht erwiderte Liebe den ganzen Charakter durcheinander wirft, obwohl im Leben des Liebenden sich de facto nichts geändert hat – es ist nur eine neue Möglichkeit aufgetaucht, von der vorher höchstens eine Ahnung existierte. Man sähe sich so gezwungen, ein handelndes Subjekt zu werden, wobei dessen Scheitern zunächst im Vordergrund stünde.“3

CC: Den Rahmen dieser Aufarbeitung stellt der Name der Veranstaltungsreihe, „Kunst Spektakel Revolution“, in dem diese drei Begriffe zunächst recht unvermittelt nebeneinander stehen. Wie würdet ihr das Verhältnis dieser drei Begriffe zueinander bestimmen und was bedeutet dieses Verhältnis für eure Arbeit?

KSR: So unvermittelt wie diese drei Begriffe nebeneinander stehen, so unvermittelt und eher intuitiv war damals, 2009, die Entscheidung für diesen Titel. Ich glaube, dass es eine kleine Entwendung des Titels des Büchleins „Spektakel, Kunst, Gesellschaft“ war, das 2006 im Verbrecherverlag erschienen ist und eine Wiener Tagung über die Situationistische Internationale dokumentiert hat. Die Beiträge dieses Bändchens hatten mich damals sehr inspiriert und ich hatte das Bedürfnis daran anzuknüpfen, gleichzeitig war ich mir gewiss darüber, dass, wenn die Situationisten denn über Gesellschaft sprachen, es ihnen nur um eine Revolutionierung dieser Gesellschaft gehen konnte. Heute denke ich, dass der Titel immer noch treffend ist und wesentliche Aspekte der inhaltlichen Ausrichtung der Reihe aufführt.

Über die Kunst als ziemlich interessanten Teil der menschlichen Wesenskräfte und deren Veräußerung im Produktionsprozess haben wir ja schon ein bisschen gesprochen und es ist klar, dass es um eine kritische Aneignung von Kunstgeschichte geht. Das Schlagwort Spektakel verweist auf die Situationistische Internationale und auf Guy Debord und auf deren Kritik des Kapitalismus als einer Gesellschaft des Spektakels. Mit der historischen Ausdifferenzierung der Konsumsphäre, der Freizeit- und Kulturindustrie und einer umfassenden Neugestaltung der Metropolen, hatten es die marxistischen TheoretikerInnen nach dem zweiten Weltkrieg mit einer einschneidenden Änderung innerhalb des Kapitalismus zu tun und nicht viele haben es geschafft, diese Änderung theoretisch einzuholen – neben dem Frankfurter Institut für Sozialforschung, war die Situationistische Internationale ein Zusammenhang, dem dies am versiertesten gelungen ist. Sie sahen sich mit einer umfassenden Ästhetisierung des ganzen Alltagslebens konfrontiert – und das ist entscheidend, denn es geht mehr als um eine Konsumkritik –, die tendenziell alle Bereiche des Lebensprozesses, bis in die privatesten Winkel hinein, mit Bildern besetzt. Bilder, die deswegen spektakulär sind, weil sie zwar aus dem Lebensprozess herkommen, aber dessen Widersprüche stillstellen und die Betrachter dieser Bilder in eine passive Zuschauerrolle hineinzwingen. Die Ideologie, die der Kapitalismus hervorbringt, nimmt hier einen bildhaften Charakter an, der sich uns als Vorstellung, als Rollenbild, als Bild des Lebens selbst aufzwingt, darin fortwährend neue Bedürfnisse herstellt, diese aber niemals befriedigen kann, uns in eine fragmentierte Wirklichkeit hineinstellt und darin potentiell einen Zugang zur objektiven Wirklichkeit als Ganzer unmöglich macht. Der Begriff des Spektakels hat mehrere Konnotationen und ist darin sehr komplex – er berührt die Bereiche der Psychologie, von Warenform, Verdinglichung und Entfremdung, sowie Ideologie und falschem Bewusstsein, aber auch bestimmte Modifizierungen von Geschichtlichkeit und Räumlichkeit. (Am Rande der Veranstaltungsreihe und nach dem Impuls einer Veranstaltung über das „Geschlecht des Situationismus“ in Leipzig, ist übrigens ein überregionaler Lesekreis entstanden, der sich inzwischen über einen längeren Zeitraum hinweg mit der Lektüre der „Gesellschaft des Spektakels“ beschäftigt und damit intensiver herausarbeitet, worum es beim Begriff des Spektakels geht, als ich dies hier nur mit einigen Andeutungen tun kann.) Interessant für unseren Zusammenhang ist dabei, dass für die Situationisten auch eine Auseinandersetzung mit Kunst zentral war. Das hat damit zu tun, dass viele Gründungsmitglieder der S.I. zwischen den beiden Weltkriegen erlebt oder zumindest einen sehr starken Eindruck davon direkt überliefert bekommen hatten, wie sich in den Avantgardebewegungen eine praktisch-experimentelle Bearbeitung des Zusammenhangs von Ästhetik und gesellschaftlicher Produktion zugespitzt hatte. Der Zerfall der modernen Kunst hatte in diesem Gebiet zentrale Entwicklungsmomente der Moderne freigesetzt, konzentriert und zur Explosion gebracht. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren nicht nur zahlreiche Zusammenhänge, in denen dieses Experimentieren stattgefunden hatte, umgebracht oder zerschlagen und traumatisiert, sondern mit der rasanten Entwicklung der Kulturindustrie, wurden Formelemente der Avantgarde in die ideologischen Staatsapparate hineinkatapultiert. Dass dies eine große Bedeutung für die gesellschaftliche Entwicklung hatte, mag uns aus deutscher Perspektive nicht unmittelbar einleuchten – ich glaube, dass die Integration der Avantgarden in Frankreich und vielen anderen europäischen Ländern eine viel größere Rolle für die Neukonstituierung und ideologische Legitimierung der jeweiligen Nationen gespielt hat, als dies in Deutschland der Fall war. Um wieder näher zur Reihe „Kunst, Spektakel, Revolution“ zu kommen: unter dieser historischen Voraussetzung hatten die Situationisten eine Auseinandersetzung mit den Widersprüchen der Kunst als „Nord-West-Passage“ der Revolution für sich erkannt und es ging ihnen dabei vor allem um die Aufhebung der Kunst! Wenn von der Aufhebung der Kunst die Rede ist, kommt aus einer bestimmten Richtung oft der Vorwurf: es ist ja typisch, dass, wenn „Linksradikale“ mal über Kunst reden, dass sie die Kunst dann gleich wieder wegschaffen wollen. Der Vorwurf trifft auch teilweise, weil Kunst für viele Linke tatsächlich eher ein Ekel-Thema ist, doch das widerspricht dem Anspruch der KSR-Reihe, die ja gerade zeigen will, dass es sinnvoll ist, sich mit Kunstgeschichte eingehender zu beschäftigen. Aber ich denke, dass es deswegen sinnvoll ist, noch kurz etwas darüber zu sagen, was Aufhebung der Kunst im situationistischen Sinne überhaupt meint. Die Formel von der Aufhebung der Kunst ist dem Marxschen Anspruch auf eine Aufhebung der Philosophie entnommen. Marx konstatiert in seiner Einleitung zur Kritik des Hegelschen Staatsrechts, dass Deutschland in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf allen Gebieten mit Rückständigkeit glänzt – außer auf dem Gebiet der Philosophie. Während in Deutschland keine revolutionäre Klasse oder Partei in Sicht sei, hätte auf dem Gebiet der Philosophie (nach Hegel, Feuerbach und im Kreis der Linkshegelianer) eine geistige Revolution stattgefunden, die alle Widersprüche bis zum Bersten in sich konzentriert. An diesem Punkt angelangt und in Erwartung einer Erhebung des Proletariats als derjenigen Klasse, die nichts zu verlieren hat, weil sie nichts besitzt, schrie nun für Marx alles nach einer Verwirklichung der Philosophie. Und das heißt zweierlei: einerseits tritt mit der Relevanz des Proletatrisierungsprozesses als zentralem Problem der Gegenwart, auch in die Philosophie das Prinzip der Wirklichkeit ein – mit dem historischen Materialismus, den Marx nun zu entwickeln begann, wird die Frage nach der materiellen Reproduktion auch für alle theoretischen Fragen entscheidend. Auf der anderen Seite musste die Wirklichkeit philosophisch werden – und das heißt nichts anderes, als dass die Revolution, die vorher nur auf dem Gebiet der Philosophie stattgefunden hatte, jetzt auch die deutsche Wirklichkeit ergreifen musste. Den Junghegelianern, von denen sich Marx abgrenzte, warf er nun aber vor, dass sie die Philosophie verwirklichen wollten, ohne sich mit den Fragen der Revolutionierung der Wirklichkeit abzugeben und gelangte damit zu einem der markantesten Sätze dieses Textes: „Die Philosophie kann sich nicht verwirklichen ohne die Aufhebung des Proletariats, das Proletariat kann sich nicht aufheben ohne die Verwirklichung der Philosophie.“4 Eine ähnliche Konstellation, wenn auch unter gänzlich anderem Vorzeichen, fanden dann, nach dem zweiten Weltkrieg und im Laufe der ’50er und ’60er Jahre, die Situationisten vor. Das revolutionäre Projekt des 20. Jahrhundert war zerschlagen und auf ganzer Linie gescheitert – vielleicht kann man sagen, dass sich nun die deutsche Misere verallgemeinert hatte. Kurz zuvor war aber etwas geschehen, was sich mit dem Prozess der Philosophie, den Marx vor Augen hatte, vergleichen lässt, nämlich auf dem Gebiet der Kunst: Mit den Avantgardebewegungen war zum einen die Wirklichkeit immer radikaler in die Kunst eingedrungen, was beinahe zu einer Sprengung der Kunst als Institution geführt hatte – es ist nur ein Aspekt davon benannt, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Dadaisten Gegenstände aus der alltäglichen Wirklichkeit entweder höhnisch zur Kunst erklärten oder Alltagsgegenstände verfremdeten oder in einen anderen Zusammenhang hineinmontierten. Auf der anderen Seite wollte die Kunst selbst zu einem Prinzip der Wirklichkeit werden, oder mit Marx gesprochen, es war eine Intention der Avantgarden (besonders der Konstruktivisten) gewesen, die Gesetze der Schönheit auf ihrem modernsten Stand zum Prinzip der gesellschaftlichen Produktion zu machen. Also auch hier eine Tendenz der „Verwirklichung“ im doppelten Sinne – die Wirklichkeit dringt in die Kunst ein und die Kunst will zum Prinzip der Wirklichkeit werden. Aber durch die bestehengebliebene Trennung der Avantgardisten von der Weltbewegung der proletarischen Revolution einerseits und durch den Abbruch des revolutionären Projekts durch den Nationalsozialismus und den zweiten Weltkrieg andererseits, war auch diese Tendenz abgebrochen. Wenn sich die Situationisten nun auf dem Gebiet der Kunst erneut mit den Fragen der Revolution beschäftigen wollten, dann konnten sie nicht anders, als sich an den alten Avantgarden und ihrem jeweiligen Stand abzuarbeiten. In diesem Kontext ist eine der Schlüsselstellen des Kultur-Kapitels in der „Gesellschaft des Spektakels“ von Guy Debord zu verstehen: „Der Dadaismus wollte die Kunst wegschaffen, ohne sie zu verwirklichen; und der Surrealismus wollte die Kunst verwirklichen, ohne sie wegzuschaffen. Die seitdem von den Situationisten erarbeitete Position hat gezeigt, daß die Wegschaffung und die Verwirklichung der Kunst die unzertrennlichen Aspekte ein und derselben Aufhebung der Kunst sind.“5 Der Anspruch der Aufhebung der Kunst enthält also einerseits einen Anspruch auf ein Wegschaffen der Kunst, weil die vorhandenen Formen der Kunst durch die Wirklichkeit tendenziell unmöglich gemacht werden, wie sie selbst zunehmend Schranken eines Fortschritts auf ihrem eigenen Gebiet wurden, zum anderen enthält er den Anspruch auf eine Bewahrung und Verwirklichung derjenigen Prinzipien der Kunst, die von selbst über sie hinausdrängen und sich Geltung verschaffen wollen – und es ist dies im situationistischen Sinne vor Allem die Poesie als die verallgemeinerte, wirkliche Kommunikation über das Erlebte.

Bleibt das Stichwort der Revolution. Zum einen würde ich sagen, dass, wer sich nicht mit dem historischen Lauf der Dinge abgegeben hat und an ein Ende der Geschichte glaubt, notwendig am Gedanken und Vorhaben der Revolution festhalten muss. Die kapitalistische Vergesellschaftung ist nur revolutionär zu überwinden. „Solange die Kämpfe nur in den Bahnen von Staat, Recht und Politik verlaufen, bleiben sie notwendig beschränkt und führen niemals heraus aus der Klassengesellschaft. Die erhofften staatlichen Reformen erweisen bereits in der nächsten Krise ihre geringe Halbwertszeit“ – so hat es die Leipziger Translib in ihrem kürzlich veröffentlichten Kritikprogramm ausgedrückt.6 Viele Zeichen sprechen heute dafür, dass eine revolutionäre Perspektive momentan verstellt ist, viele Zeichen sagen das Gegenteil und zeigen an, dass sich einiges im Umbruch befindet – wir wären blöd, wenn wir in dieser Situation nicht zumindest mit einer revolutionären Selbstverständigung beginnen würden, auch wenn das meistens erst einmal Theoriearbeit bedeutet. Darüber hinaus gibt es natürlich auch eine direkte inhaltliche Verbindung zu den beiden anderen Schlagwörtern. Ich denke, dass ästhetische Theorie und Revolutionstheorie historisch notwendig miteinander verknüpft sind. Dies lässt sich an Friedrich Schiller zeigen, der mit den „Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen“ eines der wichtigsten Dokumente über das bürgerliche Verständnis von Ästhetik hinterlassen hat. Diese Briefe haben von Anfang an einen revolutionstheoretischen Bezug – denn dass Schiller die Kunst und das Schöne als Werkzeug zur Heilung der menschlichen Entzweiungen einsetzen möchte, ist Resultat einer Auswertung der französischen Revolution. Diese versuchte Schiller als den Versuch eines Übergangs vom Naturstaat zum Vernunftstaat zu erfassen – das Ancien Regime identifizierte er mit dem Naturstaat, als gewachsen aus den Entgegensetzungen der menschlichen Naturen, der sich positiv und unhinterfragbar gesetzt hat. Schiller hat die revolutionäre Überwindung des Naturstaats zunächst befürwortet; er war lange Zeit ein Anhänger der französischen Revolution. In deren Verlauf ist Schiller jedoch – und das lässt sich aus Briefen und seiner damaligen Zeitungslektüre rekonstruieren – unglaublich davor erschrocken, welche Gewaltpotentiale eine Revolution freisetzen kann und dies nicht bloß auf Seiten der Konterrevolution, sondern auch auf Seiten der Revolutionäre selbst. Schiller spukte damals besonders ein Bild im Kopf herum, dass während eines Aufstandes in der französischen Provinz ein paar wildgewordene Frauen einen Bürger wie Hyänen zerfetzt hätten. Das war dem Guten zu viel. Er hat dabei natürlich nicht gesehen, dass die revolutionären Tendenzen und sozialen Konflikte jener Zeit im Ancien Regime selbst gegärt hatten und die Gewalt nicht einfach ein Resultat der versuchten Beseitigung des Regimes war. Jedenfalls hat er sich dann gesagt, dass, wenn die Beseitigung des Naturstaates so etwas Grauenhaftes zutage fördert, er dann wohl doch seine Berechtigung hatte, indem er diese Kräfte gefesselt hielt. Sich dennoch mit dem Status Quo nicht zufrieden gebend, sah sich Schiller nun auf der Suche nach einer Möglichkeit, einen Übergang von Naturstaat zum Vernunftstaat zu finden, der keine blutrünstigen Hyänen zutage fördert und dadurch auch die Nachteile beider Staatsprinzipien überwinden zu können – diese Möglichkeit sah Schiller nun im Kunstschönen als „Freiheit in der Erscheinung“. Man muss also erstmal konstatieren – mit Schiller sind die Bürger vor den Konsequenzen ihrer eigenen Revolution erschrocken und haben sie deshalb mit der Kunst vertauscht. Praktisch sah das so aus, dass Schiller dann von der Idee des aufgeklärten Monarchen schwärmte und den Hof mit den Prinzipien der Freiheit bekannt machen wollte. Mit Schiller wird klar, dass die Kunst für das Bürgertum stets eine Kompensationsrolle gespielt hat – als ursprünglich revolutionäre Klasse zur herrschenden und besitzenden Klasse geworden, soll für sie die Kunst ein Ort sein, in der die nicht vollendete und verratene Revolution aufbewahrt bleiben soll und alle damit verbundenen Widersprüche und Konflikte eine sublimierte Bearbeitung finden sollen. Der Roman ist das Medium, in dem dies vor allem stattfindet. Seit Schiller ist, darauf wollte ich hinaus, die Ästhetik zutiefst verbunden mit der ausgebliebenen, verhinderten, verratenen, verstellten Revolution. Die Ästhetik ist dieses Problem nie losgeworden und jede ihrer modernen Spielarten muss auf irgend eine Weise Stellung dazu beziehen.

CC: Bei Schiller findet sich also als politische Praxis die Aufklärung der Herrschenden, die schon damals scheitern musste. Welches Verständnis von politischer Praxis dagegen habt ihr und wie verknüpft ihr sie mit eurem Programm? Auf den ersten Blick setzt ihr euch eher mit Themen auseinander, die für eine politische Praxis schwer anschlussfähig sind.

KSR: Diese Frage ist die schwierigste von allen. Erstmal muss ich natürlich sagen, dass es kein politisches Programm gibt, das wir anbieten könnten. Kunst, Spektakel, Revolution beschäftigt sich sicher erstmal mit Themen, bei denen es momentan schwer vorstellbar ist, dass aus ihnen eine unmittelbare Aktion folgen soll. Im Bildungskollektiv, das der organisatorische Hintergrund dieser Reihe ist, stellt sich das etwas anders dar, es gibt hier eine sehr große Bandbreite an Themen, die wir bearbeiten und viele, die an einer politischen Praxis viel näher dran sind als KSR. Aber auch das Bildungskollektiv könnte, so wie ich es sehe, keine eindeutige Antwort geben nach dem Motto: das verstehen wir unter politischer Praxis, daraus folgen die und die Handlungsperspektiven und diese und jene Konsequenzen. Ich sehe es erstmal als Teil einer politischen Organisierung, Bildung zu organisieren, zu versuchen gemeinsam die Welt zu verstehen und die Möglichkeiten von Veränderungen aufzuspüren, sich darin gegenseitig zu radikalisieren und zu versuchen, das Niveau zu heben. Die historische Arbeiterbewegung hat sich, bevor überhaupt jemand ahnen konnte, dass sie eine der relevantesten gesellschaftlichen Kräfte des 19. und 20. Jahrhunderts werden würde, in ihrem Beginn zunächst in Bildungsvereinen organisiert. Und ich finde das ist erstmal nicht von der Hand zu weisen, dass so etwas unglaublich sinnvoll ist, wenn man Bildung in einem umfassenderen Sinne versteht – nicht als die sozialpädagogische Bildung Anderer, denen man etwas beizubringen hat, sondern als revolutionäre Selbstbildung, die perspektivisch mehr umfasst als Theorie, nämlich den Versuch einer widerständigen Subjektivierung. Wenn das mit einbezogen wird, dann scheint mir in diesem Zusammenhang auch eine Auseinandersetzung mit Ästhetik sinnvoll zu sein – denn es geht bei ihr oft darum, Dinge aufzuspüren, die nicht manifest an der Oberfläche zutage liegen. In Zeiten, in denen die Aufmerksamkeit oftmals nur an das bewegte Bild gekoppelt ist, es aber gerade notwendig wäre, das nicht Manifeste und nicht vordergründig Vorhandene – revolutionäre Tendenzen, verborgene Möglichkeiten – aufzuspüren, erzeugt eine solche Auseinandersetzung vielleicht auch eine Fähigkeit das zu lesen, was unter der Oberfläche der Bilder verborgen ist. Vielleicht. Ich finde, dass die Linke allzuoft meint, ein politisches Programm gefunden zu haben, das dann für die nächsten paar Jahre als ultimative Handlungsoption verkauft wird. Beispielsweise fällt mir am Ums-Ganze-Bündnis auf, dass hier gerade die Option des Klassenkampfes wiederentdeckt wird. Das ist sicher nicht das Schlechteste. Aber indem hier ein Feld neu entdeckt wird, schießt man sich gleichzeitig auf ganz wenige Gedanken und vermeintliche Handlungsmöglichkeiten fest und alles, was man vorher gemeint hat, mal gelernt zu haben, ist wieder verschwunden. So ist dann auch alles verschwunden, was man an solchen Gruppen vielleicht mal interessant fand. Es ist vorprogrammiert, dass in spätestens einem Jahrzehnt in diesen Gruppen auch vom Klassenkampf nichts mehr übrig ist und man sich dann, vielleicht nach ein, zwei Spaltungen, wieder auf etwas völlig Neues eingeschossen hat, das man dann aber ebenso borniert beackert. Demgegenüber scheint mir der Gedanke einer umfassenden Selbstbildung gleichzeitig offener und radikaler zu sein. Gleichzeitig verspüre ich selbst das Bedürfnis, die Sterilität der Seminarraum-Linken zu verlassen und die Fragen prä-revolutionärer Praxis offensiv anzugehen. Es müsste eine viel offenere Diskussion über die isolierten und alltäglichen Praxisformen geben, die ohnehin stattfinden, die aber nicht in eine Beziehung zueinander treten. Solche und ähnliche Fragen werden gerade in der Erfurter Zeitschrift „Lirabelle“ in einer Theorie-Praxis-Debatte diskutiert – ich bin vom weiteren Verlauf gespannt. Wie auch immer – ich hoffe, dass so eine Veranstaltungsreihe Teil einer Vorbereitung zur Aktion sein kann, die jene Situation herstellt, die jede Umkehr unmöglich macht. Wahrscheinlich wird uns die Wirklichkeit aber noch mit ganz anderen Fragen konfrontieren, als die, die wir gerade stellen und versuchen zu bearbeiten.

Bevor wir jetzt melancholisch werden, wollte ich euch auch noch eine Frage stellen. Ihr nennt euch „Club Communism“. Habt ihr euch mit einer bestimmten Intention als „Klub“ benannt? Ich musste irgendwie an die Klubs denken, die nach 1878 von der deutschen Arbeiterbewegung im Exil in London und in den USA errichtet wurden. Weil es in London ab einem gewissen Punkt verboten war, sich in öffentlichen Bars und Kneipen politisch zu organisieren und die Ausschankgesetze in England ohnehin seit jeher ziemlich streng waren, haben sich die Exilanten (meist die radikaleren und revolutionären Teile der Arbeiterbewegung) in Klubs organisiert, die in diesem halböffentlichen Raum zum einen die Möglichkeit zum Ausschank sicherstellten und es der Bewegung zum anderen erlaubte, sich zu versammeln und zu organisieren, Reden zu halten und sich gegenseitig zu bilden. Natürlich denkt man aber auch an die verschiedenen bürgerlichen Klubs während der französischen Revolution…

CC: Die Assoziationen sind nicht verkehrt und haben bei unserer Namenswahl sicherlich eine Rolle gespielt. Auch uns ging und geht es zunächst einmal um einen Rahmen der politischen Diskussion und der wechselseitigen Bildung zu ermöglichen. Uns also ein stückweit aus unserer Vereinzelung zu lösen, in der wir uns durchaus auch innerhalb der Linken, innerhalb unserer sonstigen politischen Aktivität oder unseren Freund_innenkreisen befinden, insofern dort die unserer Meinung nach nötige, gründliche Diskussion keinen Platz findet und Kritik kein kollektiver Prozess wird. Die halböffentliche Situation eines Klubs, der weder einfach Freund_innenkreis noch Organisation ist, schien uns da eine vielleicht angemessene Form zu sein. Anders als in London zwingt uns aber nicht die Repression, sondern unsere eigene Ohnmacht zu dieser Zwischenform. Die wirkliche Bewegung, nach der wir uns benennen, sehen wir derzeit nicht, schwerer wiegt aber, dass die Voraussetzungen, aus der sich ihre Bedingungen ergeben, unser Meinung nach schlechtere sind, als Marx es noch angenommen hat. Wir sind also weniger ob der offenliegenden Möglichkeit, als ob der drängenden Notwendigkeit des Kommunismus zueinander gekommen. Der Klub ist somit für uns ein Ort der Selbstverständigung, aber auch der Stützpunkt für die Verständigung mit anderen.

KSR: Danke für das Gespräch.

  1. Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte, in: ders.: Gesammelte Schriften, Erster Band, Zweiter Teil, Frankfurt a.M. 1974, S. 694. [zurück]
  2. László Moholy-Nagy: Produktion--Reproduktion. [zurück]
  3. Antideutsche Kommunisten Berlin – Scheinrevolutionärer Quietismus oder spießiges Bildungsbürgertum. [zurück]
  4. Karl Marx – Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. [zurück]
  5. Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels, Berlin 1996, S. 164f. [zurück]
  6. Koalitionspapier – Umrisse des Kritikprogramms der translib. [zurück]
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Destruction of the RSG-6 http://spektakel.blogsport.de/2017/03/05/destruction-of-the-rsg-6/ http://spektakel.blogsport.de/2017/03/05/destruction-of-the-rsg-6/#comments Sun, 05 Mar 2017 12:27:22 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2017/03/05/destruction-of-the-rsg-6/

KSR-Heftvorstellungen in Wolfsberg und Wien

Im April 1963 veröffentlichte die britische Aktivisten-Gruppe „Spies for Peace“ die Existenz eines geheimen Atomschutzbunker-Systems, das ausschließlich für Mitglieder der britischen Regierung reserviert war: Die „Regional Seats of Government“ (RSG). Mitglieder der Gruppe selbst waren in den RSG-6 in Reading eingebrochen und hatten dort die Pläne der übrigen Bunker gefunden. Die Gruppe veröffentlichte ihre Funde in einer Broschüre, die weltweit für Aufmerksamkeit sorgte und einen enormen Mobilisierungsschub für die außer-parlamentarische Abrüstungs-Bewegung nach sich zog. Im Juni 1963 eröffnete die Situationistische Internationale in Odense (Dänemark) eine Ausstellung, die mit dem Titel „Destruction of RSG-6″ überschrieben war. Offensichtlich nahm die marxistische, post-surrealistische Gruppe Bezug auf die Funde in Reading. Aber nicht nur das: Die Galerie zeigte den Stand einer Kritik der Kunst, die die S.I. in den Jahren zuvor erarbeitet hatte.

Der Vortrag gibt einen Einblick in die fünfte Ausgabe der Zeitschrift „Kunst, Spektakel & Revolution“ und erzählt die Geschichte der Ausstellung „Destruction of RSG-6″. Dabei werden Fotos von der Ausstellung gezeigt. Zugleich sollen Ansätze der kritischen Theorie der Situationistischen Internationale eingeführt werden. Die Ausgaben 3-5 von KSR können beim Vortrag erworben werden.

    Wolfsberg (Kärnten): Fr. 10.03.17, Container 25, Hattendorf 25a, 18 Uhr

    Wien: Mo. 13.03.17, ada, Wattgasse 16/6, 19 Uhr

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Grenzsteine — Zur Kritik der Gewalt http://spektakel.blogsport.de/2017/02/25/grenzsteine-zur-kritik-der-gewalt/ http://spektakel.blogsport.de/2017/02/25/grenzsteine-zur-kritik-der-gewalt/#comments Sat, 25 Feb 2017 14:58:07 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2017/02/25/grenzsteine-zur-kritik-der-gewalt/ Buchvorstellung in Halle (Saale) — Do 02.03.17

Buchvorstellung mit Jakob Hayner und Arne Kellermann

Angesichts der Zustände, welche die globale kapitalistische Ökonomie hervorbringt, scheint im Moment nichts zur Aufhebung zum Besseren zu drängen. Weder Freihandel noch Protektionsmus lösen irgendeine Krise; sie sind jeweils der Versuch, die je eigene Nationalökonomie auf Kosten anderer durchzubringen – koste es, was es wolle. Krieg und Kriegswirtschaft sind auch heute probates Mittel in weltweiten Machtkämpfen die eigenen Pfründe zu sichern und gegenüber den Ansprüchen anderer zu verteidigen. Dass die von den Produktionsmitteln getrennten verelendeten Massen bei dieser Entwicklung unter die Räder kommen, ist die Konsequenz. Wer kann, flüchtet in die wohlhabenderen Weltgegenden, trotz derer sich zunehmend brutalisierenden Abschottungsversuche. Jeder für sich selbst – und alle gegen alle. Die Konkurrenz ist der gewaltvolle Kern kapitalistischer Vergesellschaftung. Solche Gewalt findet keine Grenze, sie ist im Kapitalismus nur insoweit eingehegt, dass sie den Verwertungsinteressen dient. Wird unklar, wie die Verwertung überhaupt noch am Laufen zu halten ist, bricht die Gewalt an die gesellschaftliche Oberfläche durch.

Die Gewalt kapitalistischer Vergesellschaftung affiziert die bürgerliche Gesellschaft im Gesamten. Sich den Gegenständen zu widmen, die noch das subjektive Interesse wecken können, heißt eben auch, der Gewalt der gesellschaftlichen Grundlage nachzuspüren. Theorie, als Reflexion der Welt in ihrer historischen Gewordenheit und Veränderbarkeit, kann sich dagegen nicht blind machen. Der Band »Grenzsteine. Beiträge zur Kritik der Gewalt« entwirft in einer Reihe von Aufsätzen eine globale Perspektive kritischer Theorie. Es soll der Zusammenhang der Gegenwart – das Verhängnis der Vorgeschichte – erhellt werden, indem gefragt wird, was der gewaltsame Zerfall von Gesellschaften weltweit und das Schwinden von Fortschrittsutopien für kritische Gesellschaftstheorie bedeuten. Bei der Buchvorstellung sind einige der Herausgeber und Autoren anwesend. Sie stellen den Band und einzelne Beiträge vor und laden zur Diskussion ein.

»Grenzsteine. Beiträge zur Kritik der Gewalt« wurde bei edition text+kritik veröffentlicht. Die Buchvorstellung ist eine Veranstaltung im Rahmen des Alternativen Vorlesungsverzeichnisses ALV.

■ Datum: 02. März 2017
■ Beginn: 19:00 Uhr
■ Ort: HaSi (Hafenstraße 7)

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http://spektakel.blogsport.de/2017/01/08/329/ http://spektakel.blogsport.de/2017/01/08/329/#comments Sun, 08 Jan 2017 15:43:53 +0000 Administrator Editorisches http://spektakel.blogsport.de/2017/01/08/329/ Unter Broschur kann nun das Inhaltsverzeichnis der nächsten KSR-Ausgabe eingesehen werden, die noch Anfang dieses Jahres erscheinen wird. Themenschwerpunkt: Theater und Realismus.

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Theorie und Gewalt in Weimar http://spektakel.blogsport.de/2016/12/16/theorie-und-gewalt-in-weimar/ http://spektakel.blogsport.de/2016/12/16/theorie-und-gewalt-in-weimar/#comments Fri, 16 Dec 2016 12:01:33 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2016/12/16/theorie-und-gewalt-in-weimar/ Heftvorstellung zu KSR N°5 – 26.01.17

Nach einiger Zeit wird Kunst, Spektakel & Revolution wieder einmal in der ACC Galerie in Weimar zu Gast sein. Dabei wollen wir einige Gedanken aus der fünften KSR-Ausgabe zur Diskussion stellen und weiter führen. Wir wollen einen Fokus auf den Ausnahmezustand und Polizeigewalt werfen. Insbesondere soll dabei ein Fall von Polizeigewalt besprochen werden, der sich im April 2012 in Weimar ereignete (bekannt geworden als der Fall „Weimar im April“). Dies verknüpft mit einigen Gedanken zur gesellschaftlichen Natur der Polizeigewalt.

Es gibt keine Herrschaft ohne Gewalt. Die Gewalt sachlich vermittelter Herrschaft ist in den Institutionen verborgen und vollzieht sich als stummer Zwang der Verhältnisse. Offen zutage tritt sie in der Peripherie, an den Grenzen, gegenüber «beschwerdearmen Bevölkerungsgruppen» und im Ausnahmezustand. Sichtbar wird sie auch in der Deformierung der (post)modernen Subjekte. Herrschaft zwingt ihren Gegnern die Frage der Gewalt auf — ist sie einmal in der Welt, muss mit ihr umgegangen werden. Die äußeren Bedingungen und die Wahl der Mittel entscheiden darüber, ob die Revolution ihr (im zweifachen Sinne) erliegt. Die im Sommer erschienene fünfte Ausgabe der Broschürenreihe Kunst, Spektakel & Revolution beschäftigt sich auf verschiedenen Ebenen mit der Gewalt der Verhältnisse. Wir wollen einen Einblick in das Heft geben.

■ Datum: 26. Januar 2017
■ Beginn: 20:00 Uhr
■ Eintritt: 2 €, erm. 1 €
■ Ort: ACC Galerie Weimar (Burgplatz 1-2)

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Destruction of the RSG-6 http://spektakel.blogsport.de/2016/10/23/destruction-of-rsg-6/ http://spektakel.blogsport.de/2016/10/23/destruction-of-rsg-6/#comments Sun, 23 Oct 2016 19:52:33 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2016/10/23/destruction-of-rsg-6/ KSR°5 Heftvorstellungen
in Halle, Erfurt und Chemnitz

Do 10. November | Hafenstraße 7 (Halle/Saale) | 19 Uhr
Fr 18. November | Offene Arbeit, Allerheiligenstr. 9 (Erfurt) | 20 Uhr
Fr 2. Dezember | Lesecafé Odradek, Leipziger Str. 3 (Chemnitz) | N.N.

Destruction of the RSG-6

Oder: Wie man die Kunst mit den Mitteln der Kunst zerstört

Im April 1963 veröffentlichte die britische Aktivisten-Gruppe „Spies for Peace“ die Existenz eines geheimen Atomschutzbunker-Systems, das ausschließlich für Mitglieder der britischen Regierung reserviert war: Die „Regional Seats of Government“ (RSG). Mitglieder der Gruppe selbst waren in den RSG-6 in Reading eingebrochen und hatten dort die Pläne der übrigen Bunker gefunden. Die Gruppe veröffentlichte ihre Funde in einer Broschüre, die weltweit für Aufmerksamkeit sorgte und einen enormen Mobilisierungsschub für die außer-parlamentarische Abrüstungs-Bewegung nach sich zog. Im Juni 1963 eröffnete die Situationistische Internationale eine Ausstellung, die mit dem Titel „Destruction of RSG-6″ überschrieben war. Offensichtlich nahm die marxistische, post-surrealistische Gruppe Bezug auf die Funde in Reading. Aber nicht nur das: Die Galerie zeigte den Stand einer Kritik der Kunst, die die S.I. in den Jahren zuvor erarbeitet hatte.

Der Vortrag gibt einen Einblick in die fünfte Ausgabe der Zeitschrift „Kunst, Spektakel & Revolution“ und erzählt die Geschichte der Ausstellung „Destruction of RSG-6″. Dabei werden Fotos von der Ausstellung gezeigt. Zugleich sollen Ansätze der kritischen Theorie der Situationistischen Internationale eingeführt werden. Die Ausgaben 3-5 von KSR können beim Vortrag erworben werden.

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KSR#5 – Heftvorstellung in Hamburg http://spektakel.blogsport.de/2016/08/16/ksr5-heftvorstellung-in-hamburg/ http://spektakel.blogsport.de/2016/08/16/ksr5-heftvorstellung-in-hamburg/#comments Tue, 16 Aug 2016 12:24:14 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2016/08/16/ksr5-heftvorstellung-in-hamburg/ Wir freuen uns, die fünfte Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution in Hamburg vorstellen zu können:

    ■ Datum: Do 25.08.2016
    ■ Ort: Freies Sender Kombinat FSK, Valentinskamp 34a (Gängeviertel)
    ■ Beginn: 20:00 Uhr
    www.katzenberg-verlag.de

Als Herr Keuner weggegangen war, fragten ihn seine Schüler nach seinem Rückgrat. Herr Keuner antwortete: ›Ich habe kein Rückgrat zum Zerschlagen. Gerade ich muss länger leben als die Gewalt.‹

Es gibt keine Herrschaft ohne Gewalt. Die Gewalt sachlich vermittelter Herrschaft ist in den Institutionen verborgen und vollzieht sich als stummer Zwang der Verhältnisse. Offen zutage tritt sie in der Peripherie, an den Grenzen, gegenüber „beschwerdearmen Bevölkerungsgruppen“ und im Ausnahmezustand. Sichtbar wird sie auch in der Deformierung der (post)modernen Subjekte. Herrschaft zwingt ihren Gegnern die Frage der Gewalt auf – ist sie einmal in der Welt, muss mit ihr umgegangen werden. Die äußeren Bedingungen und die Wahl der Mittel entscheiden darüber, ob die Revolution ihr (im doppelten Sinne) erliegt. Die im Sommer erschienene fünfte Ausgabe der Broschüren-Reihe „Kunst, Spektakel & Revolution“ beschäftigt sich auf verschiedenen Ebenen mit der Gewalt der Verhältnisse. Wir wollen in Hamburg einen Einblick in das Heft geben – dazu sind Mitherausgeber Lukas Holfeld und der Autor Roger Behrens im FSK im Gängeviertel zu Gast. Die Veranstaltung findet statt im Rahmen des siebten Geburtstag des Gängeviertels.

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KSR N°5 ist erschienen http://spektakel.blogsport.de/2016/08/16/ksr-n5-ist-erschienen/ http://spektakel.blogsport.de/2016/08/16/ksr-n5-ist-erschienen/#comments Tue, 16 Aug 2016 09:04:26 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2016/08/16/ksr-n5-ist-erschienen/ Ende Juli konnten wir in Berlin die fünfte Ausgabe der Broschüren-Reihe Kunst, Spektakel & Revolution präsentieren. Das Heft kann nun über das Kontaktformular bestellt werden. Es enthält zehn Texte, die sich überwiegend mit der Kritik der Gewalt beschäftigen. Das Inhaltsverzeichnis und eine Leseprobe können hier eingesehen werden.

  • Interview zur aktuellen Ausgabe mit einem Redaktionsmitglied:

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Werbung:

Wir freuen uns über jede Erwähnung, Besprechung oder Bewerbung der Broschüre. Falls ihr in einer Zeitschriftenredaktion arbeitet, eine Schülerzeitung herausgebt, ein Fanzine macht oder einen Blog betreibt, könnt ihr diese Banner platzieren:

Hinweis: Die SpenderInnen und Spender, die die Finanzierung der KSR#5 unterstützt haben, bekommen in Kürze ein Exemplar zugeschickt.

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KSR N° 5 – Heftvorstellung http://spektakel.blogsport.de/2016/07/11/ksr-n-5-heftvorstellung/ http://spektakel.blogsport.de/2016/07/11/ksr-n-5-heftvorstellung/#comments Mon, 11 Jul 2016 10:10:57 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2016/07/11/ksr-n-5-heftvorstellung/ Nach langem Warten ist es endlich soweit: Wir freuen uns, am 24. Juli in Berlin die fünfte Ausgabe der Broschüren-Reihe Kunst, Spektakel & Revolution vorstellen zu können.

    ■ Datum: So 24.07.2016
    ■ Ort: Laidak, Boddinstraße 42/43 (Neukoelln / Berlin)
    ■ Beginn: 20:00 Uhr

Es gibt keine Herrschaft ohne Gewalt. Die Gewalt sachlich vermittelter Herrschaft ist in den Institutionen verborgen und vollzieht sich als stummer Zwang der Verhältnisse. Offen zutage tritt sie in der Peripherie, an den Grenzen, gegenüber „beschwerdearmen Bevölkerungsgruppen“ und im Ausnahmezustand. Sichtbar wird sie auch in der Deformierung der (post)modernen Subjekte. Herrschaft zwingt ihren Gegnern die Frage der Gewalt auf – ist sie einmal in der Welt, muss mit ihr umgegangen werden. Die äußeren Bedingungen und die Wahl der Mittel entscheiden darüber, ob die Revolution ihr (im doppelten Sinne) erliegt. Die im Juli erscheinende fünfte Ausgabe der Broschüren-Reihe „Kunst, Spektakel & Revolution“ beschäftigt sich auf verschiedenen Ebenen mit der Gewalt der Verhältnisse. Wir wollen im Laidak gemeinsam mit mehreren Autoren einen Einblick in das Heft geben.

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Theater – Realität – Realismus http://spektakel.blogsport.de/2016/06/14/theater-realitaet-realismus/ http://spektakel.blogsport.de/2016/06/14/theater-realitaet-realismus/#comments Tue, 14 Jun 2016 09:08:45 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2016/06/14/theater-realitaet-realismus/

Kommunismus ist, wenn Shakespeare verstanden wird.
[Peter Hacks]

Am 22. und 23. Juli 2016 werden in Berlin Anhänger von Peter Hacks und Heiner Müller aufeinandertreffen. Gemeinsamer Bezugspunkt wird dabei der Dramatiker Bertolt Brecht sein und es wird gestritten werden über die Frage, was ein realistisches Theater sein könnte. Es wird dabei kein gutes Haar am Gegenwartstheater bleiben – dafür könnte die DDR und ihr Theater eine Kontrastfolie bieten, um den Schmach der wiedervereinigten Gegenwart noch schmachvoller zu machen. Wir laden ein zur heiteren Diskussion:

Das Verhältnis von Theater und Politik wird gegenwärtig diskutiert. Soll sich Theater engagieren? Soll es reflektieren? Oder ist die Frage schon falsch gestellt? In den Widersprüchen des eigenen Engagements verfangen hat sich eine Idee des Theaters, die Authentizität und Partizipation als Schlüsselbegriffe neuer Ästhetik wie sozialer Praxis etabliert hat. Diese Form des Bühnenengagements verbleibt ästhetisch allzuoft im Reportagenhaften. Die reklamierte Innovation verbleibt auf der Ebene technischer Effekte. Können so wirklich neue Wirkungen erzielt werden? Und hat nicht die performative Wende des Theaters mit der performativen Wende in den kapitalistischen Zentren die Aktivierung der Arbeitskraft und ihrer kreativen Reserven gemeinsam? Eine Rückkehr zum bürgerlichen Ästhetizismus kann es nicht geben; die historische Erfahrung des 20. Jahrhunderts hat den schönen Schein der Kunst nicht unberührt gelassen. Die Frage allerdings lautet: Wie ist ästhetische Verbindlichkeit möglich? Der Begriff des Realismus, der in der Debatte um Kunst und Politik im 20. Jahrhundert eine zentrale Stellung einnahm, scheint am Beginn des 21. Jahrhunderts vergessen. Doch in letzter Zeit wird wieder über (neuen) Realismus diskutiert. Kann es einen Realismus geben, der nicht die Unterordnung der Kunst unter Politik meint, wie es die historisch erfolgte Ideologisierung des Begriffs nahelegen mag? Und wie könnte ein Realismus beschaffen sein, der als vielfältige Methode auf die Ermöglichung einer gemeinsamen Erfahrung der Realität durch Kunst zielt, also im Theater eine Haltung des Publikums zur Bühnenkunst ermöglicht, die als Erfahrung der Subjekte ebenfalls für politische Situationen verbindlich sein kann? Realismus ist ein dialektischer Begriff, der seine Spannung zwischen Kunst und Wirklichkeit unter Beachtung ihrer Gemeinsamkeiten und Unterschiede, ihrer vermittelten Wirkungen aufeinander, hat. Das Symposium »Theater Realität Realismus« widmet sich der Geschichte, der Gegenwart und dem Begriff des Realismus in Bezug auf das Theater. Die historischen Konstellationen des Begriffes sollen untersucht, seine gegenwärtige Bedeutung diskutiert und seine theoretischen Implikationen erörtert werden.

■ Datum: 22./23. Juĺi 2016
■ Ort: Institut für deutsche Literatur / Dorotheenstraße 24 (Berlin)
Link zum Programm

Interview mit Jakob Hayner (Mitorganisator des Symposiums)

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Weiterführende Informationen

Text zur Realismusdebatte in den 30′er Jahren (KSR#2)
Realismus! Online Magazin (Texte der Realism Working Group / FFM)

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Der Widerspruch der Kunst. Buchvorstellung http://spektakel.blogsport.de/2016/04/06/buchvorstellung-der-widerspruch-der-kunst/ http://spektakel.blogsport.de/2016/04/06/buchvorstellung-der-widerspruch-der-kunst/#comments Wed, 06 Apr 2016 08:50:01 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2016/04/06/buchvorstellung-der-widerspruch-der-kunst/ Anfang des Jahres ist das Buch »Der Widerspruch der Kunst« erschienen, das zahlreiche Beiträge über die Verwandtschaft von Kunst und Gesellschaftskritik enthält (siehe hier). Nun laden Herausgeber und Autoren zu einer Buchvorstellung nach Leipzig. In der Ankündigung heißt es:

Ist Kunst von Gebrauchsprodukten, Kitsch und Reklame nicht mehr zu unterscheiden oder kann sie immer auch ein „Anderes“ gegenüber der Gesellschaft darstellen? Den Umgang mit den Widersprüchen, denen die Kunst unausweichlich ausgesetzt ist, untersuchen elf Beiträge des Sammelbandes „Der Widerspruch der Kunst“ (Frank&Timme, 2016) und geben dabei Auskunft über das Verhältnis von Kunst und Gesellschaftskritik in der Kulturindustrie. Wir möchten an diesem Abend das Buch vorstellen und einige der darin formulierten Gedanken zur Diskussion stellen.

■ Datum: 28.04.2016
■ Ort: Cineding Leipzig (Karl-Heine-Str. 83)
■ Beginn: 20:00 Uhr

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Zum 145. Geburtstag der Pariser Commune http://spektakel.blogsport.de/2016/02/28/zum-145-geburtstag-der-pariser-commune/ http://spektakel.blogsport.de/2016/02/28/zum-145-geburtstag-der-pariser-commune/#comments Sun, 28 Feb 2016 17:37:59 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2016/02/28/zum-145-geburtstag-der-pariser-commune/ Vortrag, literarische Soundschnipsel, Bilder und Arbeiterliederinterpretationen zur Feier des Tages
    Datum: Freitag, 18.03.2016
    Ort: Kater Blau / Holzmarktstr. 25
    Beginn: 20:00 Uhr
    Kosten: 2 €

Am 18. März 1871 machte die Pariser Stadtbevölkerung ernst: Die Nationalgarde und die Arbeiterschaft erhoben sich und widersetzten sich dem Willen der Herrschenden. Die alte Regierung floh nach Versailles. Auf dem Rathaus von Paris wurde die rote Fahne der Revolution gehisst. Nach dem siegreichen Kampf übernahm in der Stadt das Zentralkomitee der Nationalgarde die Macht und schrieb Wahlen für die Pariser Commune aus. Am 26. März 1871 wurden in den 20 Bezirken der französischen Hauptstadt 86 Stadträte gewählt. In einer feierlichen Kundgebung übernahm dieser Rat der Commune zwei Tage später offiziell die Regierungsgewalt.

Den Märzereignissen vorangegangen waren zahlreiche Streiks und Klassenkämpfe im ganzen Land, das gerade erst in die Industrialisierung eingetreten war. Der Kaiser war übermütig in den deutsch-französischen Krieg eingetreten – und unterlag. Die bürgerliche Übergangsregierung wollte Paris den Preußen übergeben und ihm seine verwaltungsrechtliche Eigenständigkeit nehmen, sodass konservative Landstriche über eine moderne Metropole geherrscht hätten. Dies konnten und wollten die Pariser Arbeiterinnen und Arbeiter nicht hinnehmen – sie bewaffneten sich, riefen die Commune aus, praktizierten die Selbstverwaltung in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens und forderten die soziale Republik. Die Commune hatte nur drei Monate Bestand. Danach wurde sie in einem Massaker von der Versailler Bürgerregierung niedergeschlagen. Die Pariser Commune blieb ein Fanal für die junge revolutionäre Arbeiterbewegung, und sie steht seither für den Versuch, das Leben in die eigene Hand zu nehmen.

Im Vortrag von Lukas Holfeld (Bildungskollektiv) sollen die Ereignisse von 1871 (teils erzählerisch) rekonstruiert werden. Das tippel orchestra interpretiert Arbeiterlieder zur Feier des Tages, denn wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten! (Eine Veranstaltung der Jungen Panke.)

Weiteres Material zum Thema:

Jutta Ditfurth: Anmerkungen zur Pariser Commune von 1871

Antje Schrupp: Über die Frauen der Pariser Kommune, Elisabeth Dmitrieff und die »Union des Femmes«

Guy Debord, Attila Kotanyi, Raoul Vaneigem: Über die Pariser Kommune

Helmut Bock: Kritische Anmerkung zu Marxens Einschätzung der Pariser Commune (Helle Panke)

➳ In der vierten Ausgabe der KSR-Broschur ist ein ausführlicher Text über die Pariser Commune enthalten. Die Ausgabe kann nach wie vor bestellt werden.

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Jutta Ditfurth: Anmerkungen zur Pariser Commune http://spektakel.blogsport.de/2016/02/28/jutta-ditfurth-anmerkungen-zur-pariser-commune/ http://spektakel.blogsport.de/2016/02/28/jutta-ditfurth-anmerkungen-zur-pariser-commune/#comments Sun, 28 Feb 2016 16:45:28 +0000 Administrator Text http://spektakel.blogsport.de/2016/02/28/jutta-ditfurth-anmerkungen-zur-pariser-commune/ [Zur Ergänzung des in der vierten KSR-Ausgabe erschienenen Artikels über die Pariser Commune von 1871 dokumentieren wir hier einen älteren Text von Jutta Ditfurth. Wir halten ihn für eine brauchbare, prägnante Zusammenfassung der Geschehnisse, des Charakters und der Bedeutung der Pariser Commune. Er erschien ursprünglich in der Ausgabe 17/1994 der Zeitschrift ÖkoLinX.]

Anmerkungen zur Pariser Commune von 1871

Am Ende des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 gelang es den ArbeiterInnen, HandwerkerInnen und kleinen Leuten für eine kurze Zeit, die bürgerliche Staatsmacht in Paris aus den Angeln zu heben. Die Pariser Commune dauerte vom 18. März bis zum 28. Mai 1871.

… nicht mehr wie bisher die bürokratisch militärische Maschinerie aus einer Hand in die andre zu übertragen, sondern sie zu zerbrechen, und dies ist die Vorbedingung jeder wirklichen Volksrevolution auf dem Kontinent.

[Karl Marx, der durch die Pariser Commune seine Meinung über den Umgang mit dem Staat veränderte.]

Im Juli 1870 hatte der Krieg zwischen dem Norddeutschen Bund unter militärischer Führung Preußens und Frankreich auf französischem Boden begonnen. Sie kämpften um die Hegemonie in Europa. Am 4. September 1870, zwei Tage nach der französischen Teilkapitulation bei Sedan (wo Bismarck französische Kriegsgefangene einkassierte, die er acht Monate später an den französischen Ministerpräsidenten Thiers zur Niederschlagung der Pariser Commune zurückgeben würde), riefen ArbeiterInnen in Paris die Republik aus. Sie stürzten die Regierung Bonapartes.

Die französischen Gegner der Republik, versammelt in der »Regierung der nationalen Verteidigung«, schlossen am 28. Januar 1871 einen vorläufigen Friedensvertrag mit dem preußischen Gegner, um die drohende Gefahr einer Revolution im Land abzuwehren. Bismarcks Ziel war erreicht: Die Vereinigung Deutschlands von oben unter der Führung Preußens, der preußische König Wilhelm wurde deutscher Kaiser. Im endgültigen Friedensvertrag, der am 10. Mai 1871 in Frankfurt unterzeichnet werden sollte, verlor Frankreich Elsaß und Lothringen und verpflichtete sich zur Zahlung von fünf Milliarden Francs. Zwischen »Friedensvertrag« und »Friedensvertrag« lag die Pariser Commune. Das Massaker an den CommunardInnen markiert symbolträchtig und zukunftsweisend den Anfang des deutschen Nationalstaates.

Die Staatsschulden Frankreichs waren enorm und der preußische Sieger verlangte fünf Milliarden Francs zu fünf Prozent Zinsen. Marx, der krank in London lebte und jede einzelne Nachricht aus Paris auswertete, kommentierte: »Nur durch gewaltsamen Sturz der Republik konnten die Aneigner des Reichtums hoffen, die Kosten eines von ihnen selbst herbeigeführten Krieges auf die Schultern der Hervorbringer dieses Reichtums zu wälzen«. Mit Gesetzen über Zahlung von Wechseln und Mieten drohte die Regierung die ArbeiterInnen, KleinbürgerInnen, Handel und Kleinindustrie in den Ruin zu stürzen.

Neben der furchtbaren Armut (nicht nur) in Paris war das Versprechen der Republik ein Motiv für die Ausrufung der Commune: Seit 1789, seit nun fast 100 Jahren, waren, weil die Herrschenden sie zum Kampf brauchten, auch den Proletariern, Handwerkern, den sogenannten kleinen Leuten demokratische Rechte und Freiheiten versprochen worden, was sich in der Forderung nach »Republik« und »Demokratie« spiegelte. Wieder war jetzt, am 18. März 1871, eine Republik bedroht, von innen.

Die Herrschenden hatten ein Problem: Paris, immerhin die Hauptstadt Frankreichs, war im Krieg gegen die Preußen nicht zu verteidigen gewesen, ohne seine Arbeiterklasse zu bewaffnen. Aber: Ein Sieg des proletarischen Paris über den preußischen Gegner wäre auch ein Sieg der französischen ArbeiterInnen über Staat und das Kapital (gewesen). Nach dem vorläufigen Friedensvertrag bedeutete Paris in Waffen für die Bourgeoisie die Gefahr einer Revolution.

Rätestruktur und bewaffnete Macht: Die Nationalgarde von Paris

Zur Verteidigung gegen die Preußen hatten die PariserInnen ihre eigene, hauptsächlich aus Arbeitern bestehende Nationalgarde aufgebaut. Es waren Männer aus allen Stadtteilen und Bezirken von Paris, die ihre Gewehre und Geschütze selbst gekauft und bezahlt hatten. Die französische Regierung verlangte nun, um Paris zu entwaffnen und die (immer noch deklarierte) Republik in ganz Frankreich zu beseitigen, die Ablieferung dieser Waffen. (Die bürgerliche bis royalistische Nationalversammlung war als Affront gegen die Republik bereits nach Versailles ausgelagert worden.) Aber Paris weigerte sich, die Waffen abzugeben und reorganisierte die Nationalgarde: Hunderttausende im Volk verankerte, loyale Kämpfer, 215 von 266 Bataillonen.

Für die Struktur der Pariser Commune war die Struktur der Nationalgarde ausschlaggebend: Jede Ebene der Nationalgarde hatte in den Stadtvierteln ihre Vertreter für die nächst höhere Ebene selbst und direkt gewählt, bis zum Zentralkomitee. Das erste Dekret der neu gewählten Commune war kurz darauf folgerichtig, das stehende Heer durch die Nationalgarde des Volkes zu ersetzen.

Der Funke

Am 18. März 1871, frühmorgens, es ist noch dunkel, marschieren 6.000 Regierungssoldaten durch Paris, um der Nationalgarde die Kanonen zu stehlen. Frauen alarmieren die StadtbewohnerInnen, es kommt zu militanten Auseinandersetzungen mit den Regierungstruppen: die Bevölkerung, selbstverständlich auch die Frauen, verteidigt ihre Waffen.

Die Schlüsselszene: Versailles‘ General Lecomte befielt seinen Soldaten viermal, in die Menge zu feuern, stattdessen drehen die Soldaten die Gewehre um und erschießen den General und später einen zweiten, General Clement Thomas, den Schlächter der Juni-Revolution von 1848. Die übrigen gefangenen Offiziere werden, Augenzeugenberichten zufolge, fair behandelt.

Erste Phase und erste Fehler

Doe RevolutionärInnen besetzen noch am selben Tag Stadthaus, Polizeipräfektur und Ministerien. Die Regierung flieht nach Versaille. Das Volk von Paris nimmt sich die Macht und das »Zentralkomitee der republikanischen Föderation der Nationalgarde« ist seine provisorische Regierung. Das Komitee wird seine Macht, vorübergehend (zu früh, wie Marx später kritisiert) zugunsten des gewählten Communerates, kurz Commune genannt, niederlegen. Das Zentralkomotee:

»Wir maßen uns nicht an, an die Stelle derjenigen zu treten, die der Atem des Volkes hinweggefegt hat. Bereitet also sogleich die Kommunalwahlen vor und führt sie durch, und laßt uns die einzige Belohnung zuteil werden, die wir uns je gewünscht haben: Euch die wahrhafte Republik errichten zu sehen«, es gehe den Menschen jetzt darum: »die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten in ihre eigenen Hände (zu) nehmen«.

Die Commune begeht ihren entscheidenden Fehler: Sie zieht nicht nach Versailles, um die geflohne Regierung zu besiegen.

Die Wahlen zum Commune-Rat

Am Tag vor der Wahl erläßt das Zentralkomitee der Nationalgarde jenen legendären Aufruf zur Communewahl:

Bürger! Vergeßt keinen Augenblick, daß nur diejenigen Männer Euch am besten dienen werden, welche Ihr aus Eurer Mitte erwählt; denn diese teilen mit Euch dasselbe Leben und die gleichen Leiden. Mißtraut ebenso den Ehrgeizigen wie den Emporkömmlingen. Die einen wie die anderen werden bei ihren Handlungen nur vom Eigennutz gelenkt und halten sich zu guter Letzt stets für unersetzlich. Mißtraut den Schwätzern, sie sind unfähig zu handeln und werden einer Ansprache, einem rednerischen Erfolg oder geistreichen Worte alles andere opfern. Meidet ferner die großen Günstlinge des Glücks. Denn gar zu selten ist der Reiche geneigt, den Arbeiter als seinen Bruder zu betrachten. Suchet vielmehr Männer von aufrichtiger Überzeugung, entschlossene, tätige Männer des Volkes von geradem Sinne und erprobter Ernsthaftigkeit. – Gebt denjenigen den Vorzug, welche nicht um Eure Wahlstimme buhlen; denn das wahre Verdienst ist bescheiden. Es ist die Sache der Wähler, ihre Männer zu kennen, und letztere dürfen sich nicht hervordrängen. Solltet Ihr auf diese Betrachtungen einigen Wert legen, so sind wir fest überzeugt, daß es Euch gelingen wird, die wahre Volksvertretung einzusetzen und Bevollmächtigte zu finden, welche sich niemals als Eure Herren aufspielen werden.

Die Wahlen sind geheim und für Sonntag, den 26. März angesetzt. Jeder Stadtbezirk wählt auf Listen für je 20.000 Einwohner einen Gemeinderat (1.799.980 EinwohnerInnen). Insgesamt gab es 107 gewählte Communemitglieder. Die Gegner der Commune können sich in Paris organisieren und an der Wahl beteiligen. Die Commune läßt noch vier Tage vorhjer eine Demonstration der Anhänger Versailles durch Paris zu, die dann das Hauptquartier der Nationalgarde angreift und einige Nationalgardisten und ein Mitglied des Zentralcomitees tötet. Die Nationalgarde schießt zurück.

Das Wahlergebnis: Die Internationale ist mit 17 Mitgliedern vertreten, das Zentralkomitee der Nationalgarde mit 13, die Blanquisten entsenden sieben Vertreter, die radikale Presse und die revolutionäre Partei neun Vertreter, die bürgerlichen Clubs 21 und die gemäßigte oder bourgeoise Partei 15.

Die Mitglieder der bourgeoisen Partei legen sofort ihr Mandat nieder, es gab Nachwahlen. In den ersten 10 Apriltagen folgten 6 weitere Austritte, allesamt von Anhängern Gambettas, der sich vom Linken zum Anhänger der opportunistischen Strömung gemausert hat. Die Internationalisten werfen ihnen Fahnenflucht vor. Wären diese sechs linken Communeräte geblieben, hätte es etwa ab April sehr oft linke Abstimmungsmehrheiten gegeben. Eine linke Mehrheit hätte bei etlichen, schicksalshaften Entscheidungen unschätzbare Folgen gehabt. Ansonsten stimmten meistens etwa 21 bis 23 Räte mit der sozialistischen Minderheit. Zu dieser Minderheit gehörten 15 der 17 Internationalisten, zwei von ihnen gingen zur Mehrheit über, und etwa sechs Vertreter anderer Fraktionen schlossen sich den Internationalisten an. Am 16. Mai erklärt die sozialistische Minderheit ihren Austritt aus der Commune, fand sich aber zur letzten Sitzung des Rates am 21. Mai noch einmal fast vollständig ein.

Spannungen zwischen dem Zentralkomitee, der Nationalgarde und der Commune

Das Zentralkomitee hatte sich nach der Communewahl am 26. März zunächst aufgelöst, trat aber bald wieder zusammen. Einige Zeit gab es ein »gewisses Spannungsverhältnis«, gelegentlich auch offene Rivalitäten, zwischen Zentralkomitee und Communerat. Es gab bis zuletzt nur unpräzise abgegrenzte Befugnisse. Am 19. Mai, nur neunTage vor dem Ende der Commune, feiern Communerat und Zentralkomitee, ihre Aussöhnung. Auszug aus einem gemeinsamen Anschlag an das »Volk von Paris« und an die »Nationalgarde!«: Die beiden Träger der Commune halten es für notwendig, »Gerüchten über Mißhelligkeiten … ein für allemal durch eine Art öffentlichen Vertrags zunichte« zu machen.

Die Pariser Commune als Rätedemokratie: Politische und soziale Maßnahmen

Marx schrieb über die politische Struktur:

Die Kommune bildete sich aus den durch allgemeines Stimmrecht in den verschiedenen Bezirken von Paris gewählten Stadträten. Sie waren verantwortlich und jederzeit absetzbar. Ihre Mehrzahl bestand selbstredend aus Arbeitern oder anerkannten Vertretern der Arbeiter-klasse. Die Kommune sollte nicht eine parlamentarische, sondern eine arbeitende Körperschaft sein, vollziehend und gesetzgebend zu gleicher Zeit. Die Polizei, bisher das Werkzeug der Staatsregierung, wurde sofort aller ihrer politischen Eigenschaften entkleidet und in das verant-wortliche und jederzeit absetzbare Werkzeug der Kommune verwandelt. Ebenso die Beamten aller anderen Verwaltungszweige. Von den Mitgliedern der Kommune an abwärts, musste der öffentliche Dienst für Arbeiterlohn besorgt werden. Die erworbenen Anrechte und die Repräsentationsgelder der hohen Staatswürdenträger verschwanden mit diesen Würdenträgern selbst. Die öffentlichen Ämter hörten auf, das Privateigentum der Handlanger der Zentralregierung zu sein. Nicht nur die städtische Verwaltung, sondern auch die ganze, bisher durch den Staat ausgeübte Initiative wurde in die Hände der Kommune gelegt.

Die Commune sagt:

Die Stadt muß ebenso wie die Nation ihre Versammlung haben, die ohne Unterschied Munizipalversammlung oder Gemeindeversammlung oder Commune heißt.

Diese Commune

  • soll abrufbar sein, die Bürger ständig nach ihrem Willen befragen, ihre Mitglieder sollen jederzeit öffentlicher Kritik ausgesetzt und rechenschaftspflichtig sein;
  • will die autonome Entscheidung über ihren Haushalt und die Steuern;
  • will der Stadt eine nationale Miliz geben, die die Bürger gegen die Regierung verteidigt, anstelle eines stehenden Heeres, das die Regierung gegen die Bürger verteidigt;
  • verlangt die Abschaffung der politischen Polizei;
  • die Nationalgarde soll das Recht behalten, ihre Leitung selbst zu wählen.

Das Gehalt der Angestellten in der gesamten Communeverwaltung wird auf höchstens 6.000 Francs im Jahr begrenzt. Die Communemitglieder bekommen 15 Francs am Tag, soviel, wie ein »fleißiger Arbeiter in einem guten Beruf« verdient.

Gearbeitet wird in dieser revolutionären Situation fast rund um die Uhr: Zweimal täglich Sitzung, um zwei Uhr und abends bis spät in die Nacht hinein, kurze Essenspausen. Jeder gehört einer Kommission an, die die Arbeit eines Ministeriums zu dirigieren hatte und mit der Verwaltung einer dieser Abteilungen beauftragt war:

Außerdem waren wir Maires Standesbeamte und sollten unsere verschiedenen Arrondissements verwalten. Viele von uns hatten ein Commando in der Nationalgarde, und es gab vielleicht nicht einen unter uns, der nicht alle paar Augenblicke zu den Vorposten oder in die Festung eilen mußte, um die Kämpfenden zu ermuntern, ihre Beschwerden anzuhören, Streitigkeiten zu schlichten oder die militärische Lage mit eigenen Augen zu beurteilen. Jeder von uns hatte also unter diesen schrecklichen Bedingungen, da der kleinste Irrtum, der kleinste falsche Schritt alles in Frage stellen konnte, tausend verschiedene Aufgaben, die für acht bis zehn Menschen ausgereicht hätten, zu übernehmen und ordentlich durchzuführen. Wir schliefen nicht. ich kann mich nicht erinnern, daß ich mich in diesen zwei Monaten auch nur zehnmal ausgezogen und geschlafen hätte. (Communarde Arnould)

Am 29. März werden aus dem Plenum Komitees für Unterricht, Arbeit, Finanzen, Wohlfahrt, Nationalgarde, Polizei usw. gewählt. Über Reformen in der Produktion, der Schulbildung, den Finanzen und beim kommunalen Eigentum will die kommune von un an die EinwohnerInnen von Paris selbst entscheiden lassen, nicht mehr die nationale Regierung.

Politische Gefangene werden freigelassen. Als die Commune erfährt, daß die Versailler Regierung neben der alten eine neue, schneller arbeitende Guillotine in Auftrag gegeben und bereits im voraus bezahlt hatte, läßt sie die beiden »Schandwerke« am 6. April, um 10 uhr, öffentlich auf der Place de la Mairie verbrennen, »zum Zwecke der Reinigung des Stadtbezirks und der Einsegnung der neuen Freiheit.«

Am 16. Mai beobachten 25.000 Menschen wie die kaiserliche Säule auf dem Vendôme-Platz umgestürzt wird: »ein Symbol viehischer Gewalt und falschen Ruhmes, eine Bekräftigung des Militarismus, eine Verneinung des internationalen Rechts, ein dem Besiegten durch die Siger zugefügter Schimpf, ein fortwährender Mordanschlag auf einen der drei großen Grundsätze der französischen Republik, die Verbrüderung«. Die Versailler Offiziere schäumen vor Wut über die Zerstärung »dieses Denkmals der Siege unserer Väter über das verbündete Europa«.

Die Commune verteilt eine Million Francs an die Ärmsten. Sie verbietet die Versteigerung nicht eingelöster Pfänder in Leihhäusern, später verfügt sie die kostenlose Rückgabe aller verpfändeten Alltagsgüter mit einem Wert von weniger als 20 Francs. Sie schafft, mitten im Bürgerkrieg, die Nachtarbeit für Bäckergesellen ab. Arbeitgeber dürfen den Angestellten oder ArbeiterInnen keine Geldstrafen mehr vom Lohn abziehen. Alle seit dem 18. März diktierten Geldstrafen und Lohnabzüge werden rückgängig gemacht.

Am 30. März 1871 veröffentlicht die Kommune das Dekret über die Mieten: In fünf Artikeln wird sämtlichen Mietern, auch von möbilierten Zimmern, die Zahlung der Mieten für Oktober 1870, Januar und April 1871 erlassen. Bereits gezahlte Mieten werden in Zukunft angerechnet. MieterInnen erhalten für sechs Monate ein einseitiges Kündigungsrecht. Bereits ausgesprochene Kündigungen von Seiten der Vermieter können auf Wunsch der Mieter um drei Monate hinausgeschoben werden: »Die Bevölkerung von Paris, die zu neunzehn Zwanzigsteln aus Mietern besteht, ist von diesem ersten, so klaren, so einfachen und radikalen Dekret begeistert.« (Elie Reclus)

Kooperative Arbeiterassoziationen und die Bank von Frankreich

Im Bereich einer sozialistischen Umgestaltung der Industrie gelangt die Commune in den wenigen Wochen ihres Bestehens nicht über Ansätze hinaus. Viele Fabriken liegen von ihren Besitzern und Leitern verlassen in den Stadtmauern. Das verschärft Arbeitslosigkeit und Not. Die Kommune setzt spät, erst am 16. April, einen Untersuchungsausschuß ein, der die ungenutzten Anlagen inventarisiert und die Bedingungen für eine sofortige Wiederinbetriebnahme erfaßt. Die Betriebe werden von kooperativen Arbeiterassoziationen geführt. Ein Schiedsgericht soll im Fall der Rückkehr der ehemaligen Besitzer die Bedingungen für die Abtretung der Fabriken einschließlich möglicher Entschädigungen festlegen. Durch Agenten Versailles werden immer wieder Fabriken in die Luft gesprengt, um die Versorgung von Paris zu zerstören.

Ein weiterer schwerer Fehler ist, daß die Commune die Bank von Frankreich unangetastet läßt. Die bewaffnete Besetzung der Bank, die Unterbindung aller Finanztransaktionen zugunsten Versailles‘ und die Nutzung ver Finanzen zur Unterstützung der Kommune, hätten die Niederlage – vielleicht – abwenden können. Wegen dieser Schwäche der Commune konnte die Bank innerhalb von zwei Monaten 257.790.000 Francs für den Kampf gegen die Commune an Thiers auszahlen, während die Commune nach zähen Verhandlungen nur 16.000.000 Francs von der Bank erhielt.

Freie Bildung, freie Universitäten, kein Einmaleins vom Heiligen Stuhl

Als die Professoren der Hochschule für Medizin ihre Posten verlassen und die Vorlesungen eingestellt werden, richtet die Commune im April eine Kommission ein zur Gründung freier Universitäten. Die Commune will ein kommunales, kostenloses Bildungswesen. Zu dieser Neuordnung des Bildungssektors gehört auch die, mitten im Bürgerkrieg vorgenommene, Trennung von Kirche und Staat:

Die Commune von Paris, in Erwägung, daß der erste Grundsatz der französischen Republik die Freiheit ist, in Erwägung, daß die Gewissensfreiheit die erste aller Freiheiten ist, in Erwägung, daß das Kultusbudget diesem Grundsatz widerspricht, da es einen Teil der Bürger entgegen seinem eigentlichen Glauben besteuert, in Erwägung schließlich, daß die Geistlichkeit an den Verbrechen der Monarchie gegen die Freiheit mitschuldig war, verordnet die Commune die Trennung von Kirche und Staat, die Abschaffung des Kultusbudgets und die Enteignung des Kirchenbesitzes.

Victor Henri, später deportiert, sagt:

Unser ewiger Glaube ist, daß Christus in einem Stall geboren wurde und daß daher der einzige Schatz, den Nôtre Dame in ihrer Kammer besitzen soll, ein Strohbündel ist.

Der Besitz Thiers wird beschlagnahmt, sein Haus dem Erdboden gleichgemacht (Beschluß des Wohlfahrtsausschusses vom 11. Mai). Im Sitzungsprotokoll des Kommunerates findet sich eine Debatte über die »Sammlung antiker Bronze des Angeklagten Thiers«. Als Teil der »Geschichte der Menschheit« ins Museuem, lautet ein Vorschlag. »Wir sind keine Barbaren«, argumentiert Courbet gegen die Alternative, die teueren Stücke einzuschmelzen. Mitten im Bürgerkrieg leistet sich die Commune den Luxus einer fünfköpfigen Kommission, die den immensen Wert der Schätze Thiers schätzen und ihre Zukunft klären soll.

Männer-Commune & kämpfende Frauen

Frauen haben im Paris der Commune weder ein aktives noch ein passives Stimmrecht. Nie zuvor kämpften die Frauen von Paris in so großer Zahl, sie kämpften auch bewaffnet. Nie zuvpr wurden so viele Frauen vom Gegner so gezielt ermordet. In vielen Augenzeugenberichten finden sich erstaunte wie verächtliche Berichte über die »kämpfenden Weiber. Jelisaweta Tomanowskaja, 20 Jahre, russische Revolutionärin im Exil, gründet am 11. April den »Frauenbund zur Verteidigung von Paris«, dem rund 4.000 Frauen angehören. In einem Brief schreibt sie:

Wir mobilisieren alle Frauen von Paris, ich mache öffentliche Versammlungen. In allen Arrondissements haben wir in den Mairies Frauenkomitees gebildet, außerdem noch ein Zentralkomitee … Wenn die Commune siegt, wird unsere politische Organisation zu einer soliden, und wir werden Sektionen der Internationale gründen … Unsere Versammlung wurde von 3.000 bis 4.000 besucht.

Die Commune sichert, während die Kämpfe vor den Toren der Stadt heftiger werden, die Existenz der (auch nicht verheirateten) Lebensgefährtinnen gefallener Communarden und Communardinnen durch eine Grundrente. Die Commune habe durch diese »wenigen Worte für die Befreiung der Frau, für ihre Würde mehr getan … als alle die Moralisten und Gesetzgeber der Vergangenheit.« Sie habe die Frau damit »auf die Stufe völliger bürgerlicher Gleichheit mit dem Mann« gestellt und so »einen tödlichen Hieb gegen das religiös monarchistische Eheinstitut (geführt), wie wir sie in der modernen Gesellschaft vor uns haben«, schreibt ein Zeitgenosse.

Internationalistisches Selbstverständnis

Die Commune hat ein internationalistisches Selbstverständnis. Leo Frankel, ein Ungar und einer der Organisatoren der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA) in Frankreich, wird am 31. März 1871 Arbeits- und Industrieminister: »in Erwägung, daß die Fahne der Kommune die Fahne der Weltrepublik ist und daß Ausländer zugelassen werden«. Einen Monat später verkündet ein Erlaß den besonderen Schutz des Eigentums von Ausländern. »Noch nie (war) eine Regierung in Paris so … höflich gegenüber Ausländern«, notiert Marx in London.

Die Pariser Commune und Frankreich

Die Commune will Vorbild und nicht dogmatisches Schema für die anderen französischen Städte und Gemeinden sein, die ihre eigene Form, ihr eigene spezifische Gestalt finden sollen, in der sich dann selbstbestimmtes Leben und befreite Arbeit entwickeln können. Die Landgemeinden in den Bezirken sollen Abgeordnete in die Bezirksversammlung der Bezirkshauptstadt senden und diese wiederum Abgeordnete in die nationale Delegation nach Paris. Was an Entscheidungen für die Zentralregierung übrigbleibt, soll an kommunale, das heißt, streng verantwortliche Beamte übertragen werden. Die Commune vernichtet die Staatsmacht. Selbstregierung und nicht Herrschaft ist ihr Prinzip.

In vielen Städten Frankreichs entstehen Communen, keine überlebt so lange (kurz genug) wie die Pariser. Die geflüchtete Regierung verbietet in ganz Frankreich die freie Meinungsäußerung. Äußerungen zugunsten der Commune von Paris sind verboten, Repression und Spionage versuchen Nachrichten und Zeitungen aus Paris zu verhindern. Thiers versucht Frankreich gegen Paris aufzuhetzen: die Commune verzögere den Abzug der deutschen Armee. Aber die Commune hat die Friedenspräliminarien angenommen und Preußen hat Paris seine Neutralität erklärt (vorerst).

Konflikte innerhalb der Commune und die Installation des Wohlfahrtsausschusses

Über die Frage, ob die Nationalgarde nach Versailles marschieren soll, gibt es in der Commune heftige Auseinandersetzungen. Die Befürworter weisen darauf hin, daß die Nationalregierung sämtliche Rechte mißachtet, Paris von der Nachrichtenverbindung abschneidet und versucht, die Stadt auszuhungern. Die Regierung in Versailles müsse angegriffen werden, bevor sie alle Kräfte voll gegen Paris mobilisiert habe. Aber es setzen sich die Mitglieder der Commune mehrheitlich durch, die meinen, ein militärischer Angriff schade dem Ansehen der Commune. Und das, obwohl in jedem Augenblick ihrer Existenz über der Commune die Bedrohung durch Versailles schwebt. Am 30. März und am 1. April kommt es im Westen der Stadt zu ersten militärischen Auseinandersetzungen mit Versailler Truppen. Nachdem die Versailler die Commune-Bewegung im übrigen Frankreich zerschlagen und sich mit Preußen verständigt haben, ist es zu spät: Paris wird umzingelt.

Um mit der kritischer werdenden Situation fertig zu werden, setzt die Commune-Mehrheit am 1. Mai in Kampfabstimmungen den Wohlfahrtsausschuß durch, fünf Mitglieder, die in Einzelabstimmung nominiert werden. Er erhält weitreichende Vollmachten über alle Arbeitsgruppen und Unterausschüsse und ist nur der Commune gegenüber verantwortlich. Bei der Nominierung der fünf Ausschußmitglieder wurden nur 37 Stimmen abgegeben, weil 25 Ratsmitglieder aus Protest die Stimmabgabe verweigerten. Der Sitzungsbericht wird erst veröffentlicht, nachdem die Minderheit heftig gegen seine Geheimhaltung protestiert hat.

Am 5. Mai verbietet der Sicherheitszuständige der Commune, Courbet, sieben Zeitungen, weil es dem allgemeinen Moralempfinden zuwider laufe, »diejenigen durch diese Blätter ständig verleumden und beleidigen zu lassen, die unsere Rechte verteidigen, die ihr Leben hingeben für die Freiheiten der Kommune und ganz Frankreichs«.

Der Wohlfahrtsausschuss schränkt die Pressefreiheit weiter ein. Alle Artikel müssen nun wieder von ihrem Verfasser unterschrieben werden. Zehn Zeitungen werden verboten, neue dürfen vor dem Ende des Krieges nicht mehr erscheinen. Im Fall des Zuwiderhandelns werden auch die Drucker als Komplizen verfolgt und ihre Druckerpressen versiegelt.

Unter dem gewaltigen Außendruck werden die Auseinandersetzungen auch innerhalb der Kompanien der Nationalgarde heftiger. Es gibt Offiziere, die Commandos niederlegen und sich beschweren: »… fühle mich außerstande, länger die Verantwortlichkeit eines Kommandos zu tragen, wo jedermann berät und wo niemand gehorche.« Schlechte Organisation, lautet eine verbreitete Klage: Die Kommune würde ständig beraten, aber selten beschließen.

Brutalisierung der RevolutionätInnen durch militärischen Kampf?

Von Anfang an machen Gegner der Pariser Commune den Versuch, ihr Bestialität zuzuschreiben. Tatsache ist, daß sich die Commune unendlich geduldig zeigt. Der Tod der Generäle Lecomte und Thomas wird der Commune als grauenhafter Mord angekreidet. Lecomte wird von seinen Soldaten erschossen, als er ihnen zum vierten mal befiehlt, in die Menge zu schießen. General Clement Thomas ist als Schlächter der Juni-Revolution von 1848 berüchtigt.

Die Versailler Regierung erschießt gefangene (und zum Teil gefesselte) Communarden. Augenzeugen und Gefangene sagen später aus: Die Commune behandelt ihre Kriegsgefangenen human. Nach etlichen Massakern der Regierungstruppen verabschiedet die Commune ein Geiselgesetz, indem sie androht für den Fall der weiteren Erschießung von Gefangenen durch Versailles nach dem Prinzip Aug‘ um Aug‘ zu verfahren. Obwohl dieses Gesetz nur Anwendung finden kann, wenn die Versailler sich inhuman verhalten, wird dieser Beschluß von den Gegnern der Commune als »scheußlichste Verletzung der Menschenrechte« hingestellt. Die Commune wendet das Gesetz kein einziges Mal an. Nach kurzem Zögern fühlt sich Versailles ermutigt, weiter zu töten.

Der Pakt der Herrschenden gegen die Revolution

Die Lage für die Versailler Regierung ist zunächst bedrohlich. Im ganzen Land wird versucht, Communen nach Pariser Vorbild zu gründen. Thiers Apell an die Provinzen, ihm Truppen gegen paris zur Hilfe zu senden, stößt dort auf offene Weigerung. Es erreichen so viele Delegationen und Schreiben Versailles, die die Anerkennung der Republik, die Bestätigung der kommunalen Freiheiten und die Auflösung der Nationalversammlung, deren Mandat längst erloschen sei, verlangen, daß Präsident Thiers seinen Justizminister Dufaure veranlaßt, den Staatsanwälten in einem Rundschreiben vom 23. April zu befehlen, »den Ruf nach Versöhnung« künftig als ein Verbrechen zu ahnden. Die Gemeinderatswahlen, zu deren Festsetzung sich Thiers gezwungen sieht, nehmen ihm die letzte politische Legitimation: von 700.000 Gemeinderäten erhält die Rechte weniger als 8.000 Mandate. Zudem bedrohten die neu gewählten Gemeinderäte die »usurpatorische Versammlung« von Versailles mit einer eigenen Nationalversammlung in Bourdeuax.

Aufgrund der harten Situation der französischen Bauern, ist Marx sicher, daß drei Monate freien Verkehrs zwischen dem kommunalen Paris und den Provinzen einen allgemeinen Bauernaufstand zustande brächte. Die Großgrundbesitzer und ihre politische Vertretung in Versailles wissen das und umgeben Paris mit einer Polizeiblockade.

In der Hoffnung, die Niederschlagung des Aufstandes zu beschleunigen, haben die Deutschen ihren französischen Kriegsgegnern auf Seiten der Versailler viele Rechte zurückgegeben: sie dürfen wieder selbst Steuern eintreiben. Post und Telegraphenamt sind wieder in ihrer Verfügung. Die französischen Regierungstruppen werden von 40.000 auf 100.000 Mann erweitert. General Moltke: »Wir sind zur Hilfeleistung bereit, aber wir müssen darum angegangen werden und für Europa bedürfen wir darüber schwarz auf weiß.« Der deutsche General von Papen schreibt am 26. April nach Berlin: »Es (ist) himmlisch, daß sie nun selbst das heilige Paris zu bombardieren anfingen.«

Am 18. Mai wurde der Friedensvertrag mit Preußen von der Nationalversammlung in Versailles bestätigt. Bismarck darf nun mit Zustimmung Versailles die Pariser Forts solange besetzt halten, bis er mit dem Stand der Dinge zufrieden ist.

Preußen, das kein Interesse hat, daß sich die Revolution nach Deutschland ausbreitet und deshalb der herrschenden Klasse Frankreichs auch mit Fristverlängerungen bei der Kriegsentschädigung entgegenkommt, wird zum Schiedsrichter über die inneren Angelegenheiten Frankreichs. Bismarck entläßt sogar vorzeitig französische Kriegsgefangene, um Versailles Truppen gegen Paris zu stärken.

Marx:

Daß nach dem gewaltigsten Kreig der neuern Zeit die siegreiche und die besiegte Armee sich verbünden zum gemeinsamen Abschlachten des Proletariats – ein so unerhörtes Ereignis beweist, … die vollständige Zerbröckelung der alten Bourgeoisiegesellschaft … Die Klassenherrschaft ist nicht länger imstande sich unter der nationalen Uniform zu verstecken; die nationalen Regierungen sind eins gegenüber dem Proletariat!

Auflösung des Communerates

Am 21. Mai 1871 dringen die ersten Versailler Truppen in die Stadt. Der Communerat erfährt die Nachricht, die Sitzung löst sich auf, der Rat wird nicht mehr tagen. Viel zu spät werden im Kriegsministerium jene militärisch strategischen Punkte diskutiert, die sechs Wochen lang außer Acht gelassen wurden.

Die Schlacht in Paris beginnt: Zehntausende, Frauen, Männer und Kinder kämpfen an den Barrikaden »mit so ungeheurer Wut, daß an einer Stelle zwanzigtausend Regierungssoldaten volle drei Stunden benötigen, um den von einigen Dutzend Menschen verteidigten Damm auf dem Montmartre zu erobern«. Im folgenden Massaker durch die Versailler Truppen stirbt die Commune, während in New York, wie in vielen Städten der Welt in diesen Wochen, Massenversammlungen von ArbeiterInnen ihre Solidarität demonstrieren. Die Jagd der Nationalregierung auf flüchtende Communarden beginnt. In London bereiten Marx, Engels und andere SympathisantInnen der Pariser Commune Fluchtquartiere vor.

Schlussfolgerungen

Marx änderte aufgrund der Lehre der Pariser Commune einen Grundgedanken des Kommunistischen Manifestes, in dem der Staat als neutrale Institution und Hebel revolutionärer Veränderung beschrieben wurde. Am 12. April 1871 schreibt er an Louis Kugelmann in Hannover:

Wenn Du das letzte Kapitel meines ›Achtzehnten Brumaire‹ nachsiehst, wirst Du finden, daß ich als nächsten Versuch der französischen Revolution ausspreche, nicht mehr wie bisher die bürokratisch-militärische Maschinerie aus einer Hand in die andre zu übertragen, sondern sie zu zerbrechen, und dies ist die Vorbedingung jeder wirklichen Volksrevolution auf dem Kontinent. Dies ist auch der Versuch unsrer heroischen Pariser Parteigenossen. Welche Elastizität, welche historische Initiative, welche Aufopfrungsfähigkeit in diesen Parisern! Nach sechsmonatlicher Aushungerung und Verruinierung durch innern Verrat noch mehr als durch den auswärtigen Feind, erheben sie sich, unter preußischen Bajonetten, als ob nie ein Krieg zwischen Frankreich und Deutschland existiert habe und der Feind nicht noch vor den Toren von Paris stehe! Die Geschichte hat kein ähnliches Beispiel ähnlicher Größe! Wenn sie unterliegen, so ist nichts daran schuld als ihre ›Gutmütigkeit‹. Es galt, gleich nach Versailles zu marschieren, nachdem erst Vinoy, dann der reaktionäre Teil der Pariser Nationalgarde selbst das Feld geräumt hatte. Der richtige Moment wurde versäumt aus Gewissensskrupel. Man wollte den Bürgerkrieg nicht eröffnen, als ob der mischievous avorton (boshafte Zwerg) Thiers den Bürgerkrieg nicht mit seinem Entwaffnungsversuch von Paris bereits eröffnet gehabt hätte! Zweiter Fehler: Das Zentralkomitee gab seine Macht zu früh auf, um der Kommune Platz zu machen. Wieder aus zu ›ehrenhafter‹ Skrupulosität! Wie dem auch sei, diese jetzige Erhebung von Paris – wenn auch unterliegend vor den Wölfen, Schweinen und gemeinen Hunden der alten Gesellschaft – ist die glorreichste Tat unsrer Partei seit der Pariser Juni-Insurrektion. Man vergleiche mit diesen Himmelsstürmern von Paris die Himmelsklaven des deutsch-preußischen heiligen römischen Reichs mit seinen posthumen Maskeraden, duftend nach Kaserne, Kirche, Krautjunkertum und vor allem Philistertum.

Noch im Herbst 1870 hatten Marx und Engels die Pariser Arbeiter vor dem Aufstand gegen die neue bürgerliche Regierung gewarnt. Die Arbeiter hätten es nicht nur mit der bourgeoisen Regierung zu tun, sondern auch mit den preußischen Eroberern, die jederzeit bereit seien, zugunsten der herrschenden Klasse einzugreifen. Später verteidigte Marx die Pariser Commune gegen ihre zahlreichen Kritiker, die natürlich alles besser gemacht hätten: »Die Weltgeschichte wäre allerdings sehr bequem zu machen, wenn der Kampf nur unter der Bedingung unfehlbar günstiger Chancen aufgenommen werden würde.« (Das sollten sich die »reinen IdeologInnen« sonstwohin schreiben).

Die Lehren der Commune gingen in die Kämpfe der meisten nachfolgenden revolutionären Bewegungen, nicht nur in Europa, ein. Eine Bewertung der Commune muß berücksichtigen, daß wir über einige Faktoren nur unzureichende Kenntnisse haben: So ist aufgrund der Quellenlage etwa die Stärke der einzelnen linken Organisationen in Paris vor der Commune unbekannt. Aus den Wahlergebnissen zum Commune-Rat läßt sich eine linke Mehrheit zusammenaddieren, allerdings umfaßt diese ein breites Spektrum mit vielfältigen Differenzen in Fragen der Taktik und des militärischen Agierens, sowie des ökonomischen und politischen Neuanfangs. In der Tradition des Marxismus-Leninismus und des Stalinismus wird daraus fälschlicherweise abgeleitet, daß das Fehlen einer leninistischen Kaderpartei entscheidend für die Niederlage gewesen sei.

Es gibt eine Reihe von Situationen, die die Commune nicht ausgenutzt hat: Den Angriff auf die Regierung im März oder eine Besetzung der französischen Bank etwa. Die Commune handelte, das belegen ihr Name und die sehr rasch getroffenen sozialen Maßnahmen, in ener revolutionären Tradition von 1789ff. Sie war eingekreist und auf sich alleine gestellt und schuf trotzdem etwas Neues und Bleibendes: eine Rätedemokratie als revolutionäres politisches Instrument und praktische Alternative zum Staatsapparat.

Literatur und Quellen:

  • Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, Adresse des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation, Berlin 1891, 3. Auflage, in: MEW Bd. 17, Berlin (DDR) 1962
  • Prosper Lissagaray, Geschichte der Commune von 1871, edition suhrkamp, Frankfurt 1971
  • Pariser Commune 1871, Bd. 1., Texte von Bakunin, Kropotkin und Lavrov; und Bd. 2 Texte von marx, Engels, Lenin und Trotzki, rororo Klassiker, Reinbek bei Hamburg 1971
  • P.L. Lavrov, Die Pariser Commune vom 18. März 1871, Rotbuch 25, Berlin 1971
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Liebe FreundInnen und Bekannte,
liebe LeserInnen der Publikations-Reihe Kunst, Spektakel & Revolution,

wir haben uns erlaubt, uns an Sie bzw. an euch zu wenden, mit der Bitte, dem Bildungskollektiv Geldspenden zukommen zu lassen, damit wir den Druck der fünften Ausgabe unserer Publikationsreihe »Kunst, Spektakel und Revolution« finanzieren können. Der Spendenaufruf hat folgenden Hintergrund:

Seit 2009 ist die Veranstaltungsreihe »Kunst, Spektakel und Revolution« ein fester Bestandteil des Veranstaltungs-Programms des Bildungskollektivs. In fünf Veranstaltungsblöcken und zahlreichen einzelnen Workshops, Vorträgen und Lesungen haben wir uns im Rahmen dieser Reihe mit dem Verhältnis von Ästhetik und Gesellschaftskritik, sowie der Beziehung zwischen Kunst, Kulturindustrie und Revolution auseinandergesetzt. Parallel dazu haben wir unter dem selben Titel bereits vier Magazine herausgegeben, in denen die damit verbundenen Diskussionen dokumentiert wurden.

Bereits seit einiger Zeit sind wir mit der Redaktions-Arbeit an der fünften Ausgabe des KSR-Magazins beschäftigt. Die Arbeit am Layout dieser Ausgabe ist bereits nahezu abgeschlossen. Leider ist diesmal die Finanzierung des Drucks nach wie vor offen. Nachdem wir bereits eine Förderungs-Zusage erhalten hatten, ist uns die Finanzierung vollständig weggebrochen. Als kleiner Verein sind wir immer auf Spenden angewiesen sind, um unsere Bildungsarbeit machen zu können. Da es immer schwierig ist, an offizielle Förder-Mittel heranzukommen, ohne sich inhaltlich verbiegen zu müssen, wollen wir euch bitten, euch zu überlegen, dem Bildungskollektiv eine Spende zukommen zu lassen. Dabei sind Beträge in jeder Höhe willkommen.

Damit ihr einen Eindruck bekommt, worum es in der fünften Ausgabe gehen wird, erhaltet ihr untenstehend den Einleitungs-Text zu dieser Ausgabe und das Inhaltsverzeichnis. Untenstehend ist außerdem ein Verzeichnis der bisherigen KSR-Publikationen zu finden.

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Editorial zur fünften Ausgabe von »Kunst, Spektakel & Revolution«

Ihr haltet die fünfte Ausgabe der Broschüren-Reihe Kunst, Spektakel & Revolution in den Händen. Während die bisherigen Ausgaben inhaltlich an die Themen-Blöcke der gleichnamigen Veranstaltungsreihe in Weimar gebunden waren, sind die Beiträge dieser Nummer unabhängig von den Weimarer Veranstaltungen entstanden. Für KSR#5 hat sich eine dreiköpfige Redaktionsgruppe gebildet, die 11 Texte von verschiedenen AutorInnen aus verschiedenen Städten (Berlin, Weimar, Würzburg, Freiburg, Hamburg, Halle und Kopenhagen) zusammengesammelt hat. Dabei sind diese Texte durchaus ebenfalls im Zusammenhang mit verschiedenen Veranstaltungen und dort geführten Diskussionen entstanden. Wer die Veranstaltungsreihe »Nackte Gewalt – Die Übermacht der Verhältnisse und die Sprachlosigkeit der Kritik« (nacktegewalt.blogsport.de) oder die Konferenz »Kritische Theorie – Eine Erinnerung an die Zukunft« (kritischetheorie.org), die beide 2013 in Berlin stattgefunden haben, mitverfolgt hat, wird einzelne Beiträge oder Themen wiedererkennen. Die Broschüre ist gegenüber diesen Veranstaltungen dennoch eine eigenständige Publikation. Sie bildet die genannten Veranstaltungen nicht ab und enthält weitere Texte, die in anderen Zusammenhängen und durch andere Impulse entstanden sind. Der Redaktionsgruppe war es wichtig, die Fäden längerfristig geführter Diskussionen in den eigenen Zusammenhängen aufzugreifen und durch die so angeregte Textproduktion eine gewisse Kontinuität zu erreichen und verschiedene Resultate öffentlich zu machen.

Thematisch lassen sich in dieser Ausgabe drei Schwerpunkte ausmachen: Es geht einerseits zentral um eine Reflexion auf die Gewalttätigkeit der Verhältnisse, in denen wir heute gezwungen sind zu leben und es geht andererseits um den gegenwärtigen Zustand der kritischen Theorie und um den Versuch, das Projekt der kritischen Theorie eigenständig fortzuführen. Nur zwei Texte, in denen es in einem Fall um den Begriff der Kulturindustrie und im anderen Fall um einen historischen Versuch einer immanenten Kritik der Kunst geht, greifen das Themenspektrum der bisherigen KSR-Ausgaben am ehesten auf. Darin wird deutlich, dass diese Ausgabe sich von den bisherigen unterscheidet. Der kunstgeschichtliche Rahmen – der zwar vorher schon nicht streng festgelegt, aber doch thematisch bestimmend war – wurde weitestgehend verlassen. Der Titel Kunst, Spektakel und Revolution ist insofern immer noch zutreffend, dass es um Kultur im weitesten Sinne, um eine Kritik der spektakulären Warengesellschaft und um einige revolutionstheoretische Überlegungen geht. Die Beiträge verbindet der Wille zur Erarbeitung einer umfassenden Kritik der Gegenwart und das Bewusstsein, dass man sich dabei kaum auf gegenwärtig vorhandene Theorieströmungen stützen kann, sondern sich auf das eigene selbsttätige Denken verlassen muss. Dass dabei auch recht unterschiedliche Positionen zusammen kommen, ist durch die andere Notwendigkeit gerechtfertigt, dass man seinem eigenen Denken stets auch misstrauen muss – insbesondere wenn man an der um sich greifenden Vereinzelung und Unverbindlichkeit immer mal wieder irre zu werden droht. Wir denken, dass die Zusammenstellung andererseits von selber zeigt, dass hier AutorInnen zusammengebracht wurden, die einiges gemeinsam haben. Dies ist eine Basis dafür, weiter zu machen – im Streit miteinander (im doppelten Sinne).

Wir danken den AutorInnen und den KünstlerInnen, die die Collagen zu dieser Ausgabe beigetragen haben.

Die nächste Ausgabe von Kunst, Spektakel und Revolution wird sich wieder am letzten Block der Veranstaltungsreihe orientieren und widmet sich dem Thema „Dunkelheit und Schwarz in der Kultur“. Infos über die Veranstaltungs- und Publikationstätigkeit findet ihr unter: spektakel.blogsport.de

Inhaltsverzeichnis

    1. Jörg Finkenberger – Die Ordnung herrscht in Berlin – Die Ermordung Rosa Luxemburgs

    2. Olga Montseny – Polizei und Ausnahmezustand

    3. Arne Kellermann – ad Neoliberalismus

    4. Susann Ofenmüller – Dem Schmerz ein Menschenopfer – Die Gewalt im Begriff der Postmoderne

    5. Roger Behrens – Zur Kritik der Gewalt (Fragmente)

    6. David Ricard – Idyllium (Idyllium des Dorfes / Idyllium der Stadt)

    7. Julian Kuppe – Ohnmacht und Inszenierung

    8. L&M – Wer nicht wütend ist, kann nicht denken – Thesen zum Vorrang der Praxis

    9. Jakob Hayner – Thesen zur Kulturindustrie – Was ist eigentlich Kulturindustrie? Thesen über Missverständnisse

    10. Mikkel Bolt-Rassmussen – Acting in Culture While being against all Culture – Die Situationisten und die Ausstellung »Destruction of RSG-6«

Bisher im Rahmen von KSR erschienen

KSR#1 – Thema: Avantgarden und Ästhetik des 20. Jahrhunderts
KSR#2 – Thema: Vor der Avantgarde / Nach der Avantgarde
KSR#3 – Thema: Die fünf menschlichen Sinne
KSR#4 – Thema: Poesie und Revolution im 19. Jahrhundert

Die Ausgaben KSR#1 und KSR#2 sind leider vergriffen – ihr Inhalt steht vollständig auf dem Blog zur Reihe (spektakel.blogsport.de) zur Verfügung. KSR#3 und KSR#4 können nach wie vor unter biko@arranca.de bestellt werden. Lese-Proben finden sich unter: http://spektakel.blogsport.de/broschur/

Die KSR-Broschüren erscheinen im Katzenberg-Verlag: www.katzenberg-verlag.de

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Avantgarde (Rezension) http://spektakel.blogsport.de/2016/02/07/avantgarde/ http://spektakel.blogsport.de/2016/02/07/avantgarde/#comments Sun, 07 Feb 2016 11:37:12 +0000 Administrator Text http://spektakel.blogsport.de/2016/02/07/avantgarde/ Von den anarchistischen Anfängen bis Dada
oder: wider eine begriffliche Beliebigkeit

Kurz vor dem Jahreswechsel ist ein weiterer Band der theorie.org-Reihe des Schmetterlingsverlags erschienen, der den schlichten Titel „Avantgarde“ trägt. Das Buch von Alexander Emanuely will einführen in die Geschichte derjenigen künstlerischen Bewegungen, welche die Institution der Kunst aus der Kunst heraus angreifen wollten, um die künstlerischen Tätigkeiten dem Vorhaben der Revolutionierung des ganzen Lebens zuzuführen. Mit der Avantgarde sollten der Fortschritt innerhalb der Kunst und der soziale Fortschritt keine getrennten Wege mehr gehen – was in der Konsequenz die Aufhebung der Trennung von Kunst und Leben, die Aufgabe der Kunst als spezialisierter Tätigkeit erforderte. Alexander Emanuely entwirft in seinem Buch nun keine Theorie der Avantgarde – die er streng auf Dadaismus, Surrealismus, Lettrismus und die Situationisten beschränkt wissen will – und auch keine Geschichte jener Bewegungen. Vielmehr spürt er untergründigen Verbindungen nach, die die Akteure der Avantgarde miteinander verband. Ein Beispiel:

Im Sommer 1898 schreibt Léon Blum in der Zeitschrift „Revue Blanche“ – herausgegeben von dem Anarchisten Félix Fénéon, den Emanuely als einen der wichtigsten Wegbereiter der Avantgarde einführt – eine heftige Anklage gegen die „abscheulichen Gesetze“. Diese Notstandsgesetze (ähnlich wie die preußischen Sozialistengesetze, bloß auf die Anarchisten bezogen) waren in Frankreich eingeführt worden, nachdem der Anarchist Auguste Vaillant eine Bombe in die französische Nationalversammlung geworfen hatte. Im Januar 1932 schreibt der Surrealist Louis Aragon ein Loblied auf die Rote Armee, in der er zur Erschießung einiger sozialdemokratischer Politiker aufruft – unter ihnen Léon Blum, der mittlerweile Vorsitzender der Sozialisten geworden ist. Dieses Gedicht hat zur Folge, dass die „abscheulichen Gesetze“ gegen Louis Aragon angewendet werden, der nur knapp fünf Jahren Haft entkommt. Kurze Zeit später schreibt Aragon – der mittlerweile zum sozialistischen Realismus konvertiert ist – einen Roman, indem er eine Schimpftirade auf jenen Auguste Vaillant loslässt, der damals die Bombe ins Pariser Parlament geworfen hatte. Er hätte der Arbeiterbewegung die „abscheulichen Gesetze“ eingebrockt und überhaupt würde Aragon sich nicht wundern, wenn so einer wie Vaillant in Wahrheit im Auftrag der Geheimpolizei gehandelt hätte. Agents Provocateurs und V-Männer hatte es in der anarchistischen Szene jener Zeit tatsächlich gegeben – unter ihnen Louis Andrieux, der uneheliche Vater von Louis Aragon.

Schon allein aus diesem einzelnen Ausschnitt wird deutlich, dass die Geschichte der Avantgarde aus einem Geflecht von Verbindungen und Schicksalen besteht, die kaum an der Oberfläche zutage liegen – und dass es sich um eine Geschichte handelt, die man kaum linear erzählen kann. Alexander Emanuely erzählt diese Geschichte, indem er sie durch zahlreiche Annekdoten einkreist – immer wieder ausschweift, um dann wieder zu zentralen Figuren der Avantgarde zurückzukehren. Trotz seines Annekdotenreichtums wirkt das Buch dennoch an keiner Stelle kalauerhaft. Die Ernsthaftigkeit der Bemühung geht an keiner Stelle verloren, stets hat man das Gefühl, Relevantes zu erfahren.

Besonders verdienstvoll an dem Buch ist, dass Emanuely einen großen Schwerpunkt auf die Verwurzelung der Avantgarde in der anarchistischen Bewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts legt, die in der etablierten Avantgarde-Forschung kaum eine Rolle spielt. Weiterhin widmet sich Emanuely Figuren, die für die Avantgarde zentral gewesen sind, die aber sonst eher als randständig wahrgenommen werden: neben dem oben bereits genannten Félix Fénéon etwa Alfred Jarry, Arthur Cravan, Jules Vallés, Guillaume Apollinaire und weitere. Wertvoll ist das Buch außerdem dahingehend, dass Emanuely aus zahlreichen bisher unübersetzten französisch-sprachigen Quellen zitiert, wofür er die entsprechenden Zitate jeweils selbst übersetzt hat.

Das Buch ist keine Theorie der Avantgarde und keine lineare Geschichte der Avantgarde. Es ist vielmehr eine Verortung, eine Geografie der Avantgarde, wie Emanuely im Nachwort selbst schreibt (und tatsächlich ließe sich anhand Emanuelys Buch eine Kartografie der Avantgarde anfertigen). Diejenigen, die sich bisher kaum mit dem Thema beschäftigt haben, mag es neugierig machen, um die Spuren weiter zu verfolgen, was sich hinter dem Versuch der Avantgarde verbarg – diejenigen, die sich bereits mit Avantgarde beschäftigt haben, erhalten ein verdichtetes Bild der untergründigen Verbindungen und Verstrickungen zwischen ihren Akteuren. Der vorliegende erste Band reicht von den anarchistischen Anfängen bis zum Dadaismus – noch im Frühjahr wird der zweite Band erscheinen, der dann den Surrealismus, den Lettrismus und die Situationisten behandeln wird.

 
Texte von Alexander Emanuely bei KSR:

Surrealismus und Revolution – Ein historisch-assoziativer Rückblick auf den Surrealismus mit einem Augenzwinkern als Ausblick (KSR#1)

Enjolras – oder die Attacken der Louise Michel (KSR#4)

 
Interview mit Alexander Emanuely (Radio Corax):

 
Weiteres Material zum Thema:

Thesen zur Avantgarde

Thesen zur Kunst

Alexander Emanuely: »Man reiche mir einen anderen Kosmos, oder ich krepiere!« Über Einstein, Surrealismus, Schreie und Cravan

Anselm Jappe: Waren die Situationisten die letzte Avantgarde?

Anselm Jappe: Sic transit gloria artis. Theorien über das Ende der Kunst bei Theodor W. Adorno und Guy Debord

Biene Baumeister Zwi Negator: Ihre eigene Situation ist paradox – Die Situationistische Internationale (1957 – 1972) und das Verschwinden von Kunst – Politik – Avantgarde (KSR#1)

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