Kunst, Spektakel und Revolution http://spektakel.blogsport.de Veranstaltungsreihe zum Verhältnis von Ästhetik und Gesellschaftskritik Thu, 06 Aug 2020 10:40:35 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en http://spektakel.blogsport.de/2020/08/06/424/ http://spektakel.blogsport.de/2020/08/06/424/#comments Thu, 06 Aug 2020 10:40:35 +0000 Administrator Editorisches http://spektakel.blogsport.de/2020/08/06/424/ Die heutige Veranstaltung „Lu Märten — ›Die Künstlerin‹ (1919)“ wird parallel als Online-Konferenz übertragen. Den Konferenzlink findet ihr hier.

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http://spektakel.blogsport.de/2020/05/18/419/ http://spektakel.blogsport.de/2020/05/18/419/#comments Mon, 18 May 2020 11:34:21 +0000 Administrator Editorisches http://spektakel.blogsport.de/2020/05/18/419/ Die ersten Vorträge der diesjährigen KSR-Reihe können inzwischen hier nachgehört werden. Der Vortrag von Michaela Ott steht außerdem als Textversion zur Verfügung.

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Michaela Ott: Revolutionsversuche in Gesellschaft und Kunst http://spektakel.blogsport.de/2020/05/15/michaela-ott-revolutionsversuche-in-gesellschaft-und-kunst/ http://spektakel.blogsport.de/2020/05/15/michaela-ott-revolutionsversuche-in-gesellschaft-und-kunst/#comments Fri, 15 May 2020 11:27:45 +0000 Administrator Text http://spektakel.blogsport.de/2020/05/15/michaela-ott-revolutionsversuche-in-gesellschaft-und-kunst/ Wir dokumentieren hier den Vortragstext von Michaela Ott, „Revolutionsversuche in Gesellschaft und Kunst: Anarchismus, Bauhaus, Dada“. Der Vortrag wurde am 07.05.2020 in der ACC Galerie Weimar gehalten (nachzuhören hier). Unter dem gleichen Titel hatte Michaela Ott bereits auf dem Symposion zum 100. Jahrestag des „deutschen Frühlings“ referiert. Wir stellen dem Vortragstext eine Liste mit Radiobeiträgen und Literaturhinweisen zum Thema voran:

Novemberrevolution

Gustav Landauer

Bauhaus

DADA

Literatur

Bernd Langer: Die Flamme der Revolution. Deutschland 1918/19, UNRAST Verlag 2018.

Richard Müller: Eine Geschichte der Novemberrevolution, Die Buchmacherei 2017.

Hans Manfred Bock: Syndikalismus und Linkskommunismus von 1918 bis 1923, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1993. (online)

Bernd Hüttner, Georg Leidenberger (Hrsg.): 100 Jahre Bauhaus: Vielfalt, Konflikt und Wirkung, METROPOL 2019.

100 Jahre Revolutionsversuche in Gesellschaft und Kunst: Anarchismus, Bauhaus, Dada

Der Publizist Theodor Wollf schreibt im Berliner Tageblatt am 10.November 1918: „Die größte aller Revolutionen hat wie ein plötzlich losbrechender Sturmwind das kaiserliche Regime (…) gestürzt. Man kann sie die größte aller Revolutionen nennen, weil niemals eine so fest gebaute, mit so soliden Mauern umgebene Bastille so in einem Anlauf genommen worden ist. Es gab noch vor einer Woche einen militärischen und zivilen Verwaltungsapparat, der so verzweigt, so ineinander verfädelt, so tief eingewurzelt war, dass er über den Wechsel der Zeiten hinaus seine Herrschaft gesichert zu haben schien (…). Gestern Nachmittag existierte nichts mehr davon“ (Berliner Tageblatt, 10.11.1918, zit v. Wolfgang Niess: die Revolution von 1918/19, Berlin/Boston, 2013, 77).

1918 sind es bekanntlich zunächst Matrosen, Rüstungsarbeiter und Soldaten, die diese erste partiell gelingende deutsche Revolution in Gang setzen, wörtlich, Befehle verweigernd, sich zusammenrottend und in eine andere Richtung marschierend als angeordnet, von verschiedenen Werften aus, in verschiedenen Städten, in unterschiedlicher Gesinnung, zunächst im Widerstand gegen die Fortsetzung des Kriegs, in zwangsläufiger Verweigerung der Befehle von Kaiser und Militärs, in noch undeutlichem Wissen darum, was da wie nicht weitergehen kann. Die Gesamtbewegung erfolgt, das lässt sich im Nachhinein gut rekonstruieren, als überraschend rasanter Affizierungsprozess: Die Revolution der Kieler Matrosen greift auf Hamburg über, wo ebenfalls Matrosen in den Streik treten und die Bewegung um sich greift. In Köln stellen sich die beiden sozialistischen Parteien, die Mehrheitssozialisten und USPD, gemeinsam an ihre Spitze. In München versammeln sich Massen zu einer Demonstration für den Frieden auf der Theresienwiese. Der Journalist und führende Sozialist Kurt Eisner fordert als erster den Rücktritt des Kaisers und die demokratische Umwälzung des Militär- und Staatsapparats, soziale Reformen und die Einsetzung von Arbeiter- und Soldatenräten nach dem russischen Modell; es gelingt ihm, die Soldaten auf seine Seite zu ziehen. In der Nacht vom 8. November 1918 ruft Eisner, noch vor Scheidemann und Liebknecht in Berlin, den Freistaat Bayern aus und erklärte König Ludwig III., das Wittelsbacher Königshaus für abgesetzt. Von der Versammlung der Arbeiter- und Soldatenräte wird er zum bayrischen Ministerpräsidenten gewählt. Die USPD erleidet jedoch bei der Landtagswahl Anfang 1919 eine schwere Niederlage und erhält nur 2,5 Prozent der Stimmen. Auf dem Weg zur konstituierenden Sitzung des Landtags, auf der er seinen Rücktritt bekannt geben möchte, wird er von Anton Graf von Arco auf Valley ermordet.

Aber zunächst kommt es am 9. November 1918 zu Massendemonstrationen in verschiedenen Städten, spontan, nicht von Berufsrevolutionären geschürt; kriegsmüde Matrosen, Soldaten und Arbeiter machen den Anfang. Die Ausrufung der neuen Staatsform Deutschlands geht bezeichnenderweise zweimal quasi gleichzeitig vor sich, was bereits die innere Gespaltenheit der Sozialisten signalisiert: die deutsche Republik wird am 9. November durch Philipp Scheidemann vom Balkon des Berliner Reichstags ausgerufen; Karl Liebknecht proklamiert am selben Tag die freie Sozialistische Republik von einem Balkon des Berliner Stadtschlosses aus. Der Reichspräsident Friedrich Ebert erblickt in Scheidemanns Tat einen großen Fehler. Er wünscht eine sozialdemokratische Regierung, die sich ohne Blutvergießen etabliert. Die MSPD in Berlin fordert denn auch auf Flugblättern „die Erhaltung des Friedens und friedliche Umwälzung zu Demokratie und Sozialismus“1. Das hat zur Folge, dass die Revolution von derselben Partei geschürt, polizeilich nicht nur niedergeknüppelt, sondern erdrosselt wird. Dazu der Publizist Sebastian Haffner: „Die deutsche Revolution war eine sozialdemokratische, die auch von den sozialdemokratischen Führern niedergeschlagen wurde, ein Vorgang, der in der Weltgeschichte kaum seinesgleichen hat“.

Die deutsche Revolution: Sie blieb ein ungeliebtes Kind der deutschen Geschichtsschreibung: der deutsche Soziologe Max Weber stellte sich gesinnungsethisch gegen die Revolution, obwohl er ihre historisch-politische Berechtigung erkannte. Er sprach sich gegen Liebknecht und Luxemburg aus. Der Historiker Friedrich Meineke kritisierte, dass der Übergang zum Volksstaat durch Reformen hätte vollzogen werden müssen und nannte die Meuterei der Matrosen ein „nationales Verbrechen“. Für den Althistoriker Eduard Meyer war der 9.11. das Symbol des politischen, geistigen und moralischen Niedergangs des deutschen Volks. Der Theologe Ernst Troeltsch und der Historiker Hans Mommsen verurteilten die Dolchstoßlegende, laut welcher die Revolutionäre den an der Front kämpfenden Soldaten in den Rücken gefallen seien und die deutsche Niederlage solchermaßen mitherbeigeführt hätten, aber auch die Revolution als „nationales Verbrechen“ (Niess, 121). Die Weimarer Republik genoß keinen Rückhalt bei den Akademikern, die Lehrstühle blieben wie in der Zeit des Wilhelminismus besetzt.

Dabei hat die Revolution, obwohl sie nur kurz Bestand haben durfte, doch Vieles auf den Weg gebracht, was unser heutiges Staatsgebilde ausmacht: eine parlamentarische Demokratie, wenn auch noch kein Wahlrecht für Frauen; ein Vorspiel dezentraler Regierungsorganisation, die nach dem zweiten Weltkrieg in Deutschland installiert werden wird; unterschiedliche Gesellschaftskonzepte, die Deutschland dann in zwei Hälften teilen werden, und neue und diversifizierte Kunstpraktiken, die bis heute Nachfolge zeitigen und auf die noch näher einzugehen sein wird.

Auch in der DDR konnte man mit der Revolution offiziell wenig anfangen, da in ihr die Partei zunächst keine Rolle spielte. Den Linkssozialisten, Gewerkschaftszellen, den Arbeiter- und Soldatenräten stand die Geschichtswissenschaft der DDR aufgrund des Anarchismusverdachts misstrauisch gegenüber. Mithin wurde sie weder von der bürgerlich-konservativen noch von der marxistischen Politfraktion in ihren Verdiensten gewürdigt bzw. ihren Fehlentscheidungen analysiert.

Denn eines ist zweifelsfrei: Hätte Reichspräsident Ebert die sozialistische Massenbewegung zur grundsätzlichen Erneuerung der Gesellschaft genutzt, anstatt sie zu fürchten und zu spalten, und den preußisch-militaristischen Geist definitiv verabschiedet, wäre die Republik später nicht den Nationalsozialisten in die Hände gefallen. Hitler hatte bekanntlich sein Erweckungserlebnis in der Münchner Räterepublik; in Mein Kampf spricht er von den Novemberverbrechern, womit er sich der Dolchstoßlegende anschließt. General Erich Ludendorf, später beteiligt am Hitler-Putsch, machte „das Gift spartakistisch-sozialistischer Umtriebe“ für den defätistischen Zustand der Truppe verantwortlich. Er deutete die Geschichte um – und bereitete als NSDAP-Mitglied dem Nationalsozialismus den Weg. Hitlers Hass auf alles Bolschewistische, Marxistische und Jüdische speiste sich aus der Münchner Räterepublik; sein versuchter Staatsstreich in München 1923 war eine Reaktion darauf.

Auch in Hamburg gab es eine signifikante Episode der Ablehnung der Revolution: Als die meuternden Matrosen das Kontor des damaligen Managers der Hapag, Albert Ballins, des Chefs der größten Reederei der Welt besetzten, bei dem der deutsche Kaiser aus- und einging und der zwischendurch als Reichskanzler gehandelt wurde, vergiftete sich dieser mit Schlaftabletten und Quecksilberchlorid. Er starb am 9. November 1918 in einer Hamburger Klinik, zu eben der Mittagsstunde, in der Philipp Scheidemann die deutsche Republik ausrief.

Das anarchistische Revolutionsmodell Gustav Landauers

Die Akteure der Novemberrevolution, das wird häufig vergessen, waren trotz ihrer Inspiration durch das russische Vorbild hinsichtlich der Umsetzung des Rätemodells uneins. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die sich von der MSPD aufgrund ihrer Nichtzustimmung zu den Kriegskrediten als Spartakusbund und linker Flügel der USPD abspalteten und Ende 1918 die kommunistische Partei gründeten, sind die berühmten Protagonisten, die andere Bewegungen ins Vergessen geraten ließen. Luxemburg verfolgte das zentralistische Modell Lenins mit Führungsanspruch der Partei und der Waffe des Generalstreiks; sie setzte auf den Internationalismus der Arbeiterbewegung. Interessanterweise proklamierte sie keine ‚politische‘ Revolution, da sie darin eine unzulängliche Forderung erblickte, sondern eine ‚ökonomische‘ Revolution: Den Kampf der Massen gegen die Kapitalisten, jedes Proletariers gegen seinen Unternehmer. Der bürgerliche Staat sollte von unten ausgehöhlt werden, die Machteroberung nicht eine einmalige, sondern eine fortschreitende sein; der ökonomische Kampf sollte von den Arbeiterräten angeführt werden, die längerfristig die Gewalt an sich reißen würden. Die Masse müsse lernen, so Luxemburg, Macht an sich zu reißen. Wie ersichtlich dachte sie wie Sergej Eisenstein in Bildern sich kollektivierender Proletariermassen, die zur Staatsmaschinerie zusammenwachsen und ein organisches Gebilde abgeben würden, das durch die Mittel des Generalstreiks und der internationalen Solidarität Macht ausüben und egalitäre Verhältnisse schaffen würde.

Angesichts dieses weltumspannenden Modells wurde das zeitgleiche, auf Dezentralität und Lokalität setzende, anarchistische und gemeindeorienterte Vergesellschaftungsmodell vergessen, jenes, das gewisse Protagonisten der bayrischen Räterepublik, Gustav Landauer und mit ihm Franz Mehring vertraten. Der Schriftsteller und Sozialphilosoph Landauer kommentierte die Ausrufung der deutschen Republik in Berlin mit den Worten: „ich bin doch sehr unzufrieden mit Berlin. Mit Eurer verfluchten Kontinuität. Wo ist der Umschwung, der Wandel?“ (zit. ?, 245). Als Schriftsteller und Philosoph, als Anarchist kropotkinscher Inspiration und als Pazifist verfasste er bereits 1907 eine Schrift mit dem Titel „Revolution“, in der er eine Geschichte historischer Revolutionen zeichnet, vor allem aber sein Verständnis von Revolution, von tiefgreifendem Wandel auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens formuliert: „Die Revolution bezieht sich auf das gesamte Mitleben der Menschen. Also nicht bloß auf den Staat, die Ständeordnung, die Religionsinstitutionen, das Wirtschaftsleben, die geistigen Strömungen und Gebilde, die Kunst, die Bildung und Ausbildung, sondern auf ein Gemenge aus all diesen Erscheinungsformen des Mitlebens zusammengenommen, das sich in einem bestimmten Zeitraum relativ im Zustand einer gewissen autoritativen Stabilität befindet“2. Auf dem Internationalen Sozialistischen Arbeiterkongress der II. Internationale in Zürich trat Landauer im August 1893 als Delegierter der Berliner Anarchisten für einen „anarchistischen Sozialismus“ ein, woraufhin die Anarchisten von der II. Internationale ausgeschlossen wurden. In Berlin gab er eine Zeitschrift unter dem Titel Der Sozialist, Organ für Anarchismus-Sozialismus zwischen 1895 und 1899 und noch einmal zwischen 1909 bis 1915 unter dem Titel Der Sozialist heraus, die zum Organ des 1908 von Landauer gegründeten Sozialistischen Bundes wurde. Er veröffentlichte in ihr 115 Artikel zu Kunst, Literatur und Philosophie und zu Fragen der Tagespolitik, aber auch eigene Übersetzungen von Texten des französisch-anarchistischen Theoretikers Pierre-Joseph Proudhon.

In der Schrift „Vom Weg des Sozialismus“ von 1909 wendet sich Landauer gegen die Alternative von Kommunismus versus Individualismus, davon ausgehend, dass wir zwar alle auf dem Boden des Kapitalismus stehen und die Alternative dazu nicht ein dirigistischer kommunistischer Umsturz, sondern die Vereinigung von Freiwilligen in sozialistischen Dörfern und Gehöften in gleichzeitiger Zusammenführung von Land- und Industriearbeit ist. Sein „sozialer Anarchismus“, der Anarchismus durchaus in zeitgenössischem Wortsinn als ontologische Anfangs- und Ursprungslosigkeit denkt, zielt auf alternative und dezentrale Vergesellschaftungsformen, ohne übergeordnete Verwaltungs- und Herrschaftsstruktur. Das ethische Ziel derartiger Unterfangen ist für ihn „die Emanzipation von staatlicher, kirchlicher oder sonstiger gesellschaftlicher Bevormundung und die Suche nach einer Möglichkeit zur Entfaltung des Einzelnen in dem seiner Meinung nach allein sinngebenden Zusammenhang der Gemeinschaft“. Er setzt seine Hoffnung auf eine kommende Revolution und glaubt daran, dass „es unser Weg ist, der (den Geist der Revolution) zum Entstehen bringt. (…) Unser Weg geht dahin: dass solche Menschen, die zur Einsicht und zur inneren Unmöglichkeit, so weiter zu leben, gekommen sind, sich in Bündnissen zusammen schließen und ihre Arbeit in den Dienst ihres Verbrauchs stellen. (…) Wir haben gesehen, dass die Revolution ihr Ziel niemals erreicht; dass sie vielmehr um der Auffrischung der Kräfte, um des Geistes willen, Selbstzweck ist“ (115-117).

Landauer wurde 1918 vom Ministerpräsidenten Kurt Eisner in das bayrische Parlament gerufen, in dem zunächst Sozialisten und Pazifisten wie die Schriftsteller Ernst Toller und Erich Mühsam den Ton angaben. Eisner wollte keinen Krieg der Sozialisten gegeneinander, sondern die Alliierten von einer Politik der Milde überzeugen, indem er versicherte, dass die Bayern alle und alles beseitigt hätten, was mitschuldig am Ersten Weltkrieg war. Sein Bekenntnis zur Mitschuld am Krieg ließ ihn bei manchen als Landesverräter erscheinen. Als er im Februar 1919 ermordet wurde, setzte ein bayerischer Bürgerkrieg ein. Im Plenarsaal der bayerischen Landtags wurde der MSPD-Vorsitzende Erhard Auer angeschossen, andere wurden getötet, die Beisetzung von Eisner am 26. Februar 1919 wurde zur Großdemonstration. Gustav Landauer sagte über ihn: „Kurt Eisner war ein Prophet, der unbarmherzig mit den kleinmütigen erbärmlichen Menschen gerungen hat, weil er die Menschen liebte und an sie glaubte“ (zit. ebd., 439). Der Schriftsteller Kurt Tucholsky fasste die Stimmung in einem Gedicht zusammen: „Wühl unsere Seelen um, pflüg‘ um die Herzen: Eisner. Da war ein Mann, der noch an Ideale glaubte/ und tatkräftig war./ In Deutschland ist das tödlich. Denn wir haben/entweder rohe Kraft, die wir missbrauchen,/die Gattung nennt man Patrioten – oder aber/wir haben feine Sinne und ein zart Gewissen/und richten gar nichts aus. Der aber, tatenfroh beflügelt,/ hieb fest dazwischen – und daneben, freilich!/jedoch er hieb, dass faule Späne flogen./Welch eine Wohltat war das, zu erleben,/dass einer überhaupt den Degen zog,/ein tapferer war und doch kein General“ (zit. ebd., 439).

Der Schriftsteller Ernst Toller setzte sich für das Räterepublikmodell als Versammlung des „schaffenden Volkes, Bauern, Arbeiter, Handwerker, Kleinbeamte“ ein. Nachdem er das Jahr 1918 ob seines Pazifismus weitgehend im Militärgefängnis zugebracht hatte, wurde er in der Räterepublik aktiv, suchte leerstehende Wohnungen für Arme zu acquirieren und die Kapitalflucht zu unterbinden; aber schon am 10.4.1919 unterbrach die Reichsbank alle Geldflüsse nach München. Ebenso wie Berlin wurde München vom Militär eingenommen, das ein Blutbad entfesselte; der Krieg gegen die Bevölkerung, wozu Bombardierungen aus der Luft gehörten, forderte eine horrende Zahl Toter. Toller wurde erneut verhaftet und saß bis 1924 im Gefängnis, wo er Theaterstücke wie Hinkemann, das Drama eines Kriegsheimkehrers, schrieb. Er ging 1933 ins Exil und nahm sich 1939 in New York das Leben.

In einer Auseinandersetzung mit Erich Mühsam, einem sich ebenfalls anarchistisch verstehenden Schriftsteller, sprach sich Landauer gegen dessen Verständnis des Anarchismus als „Autonomie des Einzelnen“3 aus: „Einzelne? Autonomie? Gibt es denn so etwas überhaupt? Soll nun wirklich mit dem fortwährend wiederholten Ausdreschen leeren, vertrockneten Strohs – etwas erreicht werden?“4 Aber auch gegen die in der Räterepublik dominanten kommunistischen Vorstellungen wandte er ein, dass die Konzentration auf Fragen von Kapital und Arbeit anstelle von Boden, Kultur und Geist zu kurz greife, denn es brauche Umkehr und Neubeginn auch als „Wiederanschluss an die Natur, Wiedererfüllung mit Geist, Wiedergewinnung der Beziehung“5. Bereits in seiner früheren Schrift „Aufruf zum Sozialismus“ trat er dem staatspolitischen Marxismus entgegen, mit dem Credo: die Welt wird nicht besser durch die Diktatur des Proletariats und den Führungsanspruch einer Partei, nur durch den humanen Umgang der Menschen miteinander. Das Umgestaltungsexperiment dauerte für Landauer nur ein halbes Jahr, denn wenige Tage nach der Machtübernahme der Räteregierung am 7. April durch Funktionäre der KPD um Eugen Leviné und Max Levien erklärte er am 16. April 1919 seinen Rücktritt.

Landauer, der sich nicht nur für philosophische Schriften vom Meister Eckhardt bis Bakunin und Kropotkin begeisterte, sondern auch Übersetzungen u.a. von Shakespeare anfertigte, erwartete viel von der symbolischen Umgestaltungskraft der Kunst. Kennzeichen einer Zeit gesellschaftlicher Blüte sei eine nicht-individualistische, sondern gesellschaftsbezogene Form von Kunst. Nur eine Kunst, die nicht vom Gesellschaftskörper abgetrennt und nicht Ausdruck vereinzelter und vereinsamter genialer Naturen ist, könne bedeutsam werden; für seine Gegenwart beklagte er eine Schwäche und Bedeutungslosigkeit der Kunst, da sie bloße „Sehnsucht reicher Individuen aus der Zeit heraus“ (44) sei. Was für Hegel den Höhepunkt der Individualisierung des Geistes in der Kunst darstellte, nämlich die Musik, charakterisierte Landauer als „melancholischste und klagendste aller Künste, Symbol des unterdrückten Volkslebens, des Verfalls der Gemeinschaft, der Vereinsamung der Größe“ (44). Als philosophisches Credo und Basis seiner Hoffnung auf Revolution setzte er – ganz in meinem individuumskritischen Verständnis – dagegen: „Isolierte Individuen hat es nie gegeben; die Gesellschaft ist älter als der Mensch. Den Zeiten der Auflösung, des Verfalls und des Übergangs blieb es vorbehalten, so etwas wie isolierte und atomisierte Menscheneinzelne zu schaffen: Ausgestoßene, die nicht wissen, wohin sie gehören“ (48). Gegen Ende der Schrift formulierte er eine Klage, die als gesellschaftliche Diagnose auch auf unsere Gegenwart gemünzt sein könnte: „Es ist dieser unserer Übergangszeit, also 1907, eigen, dass sie mit nichts wirklich fertig wird, dass immer alles geistig Tote leiblich wieder aufersteht, und dass dieselben Kämpfe immer wieder geführt werden müssen. (…) es ist dieser Zeit nicht möglich, etwas ein für allemal umzubringen oder festzustellen. (…) Einigkeit und Einverständnis herrscht (nur) in Zeiten der Revolution; da bemächtigt sich der Menschen eine grenzenlose Verwunderung über das Durcheinander, über die Koexistenz des Heterogenen in der unmittelbar vorhergehenden Zeit“ (99). Selbst äußerst suggestibel, formulierte er als Aufgabe kommender Revolutionen, „den Menschen ein Bad des Geistes“ (108) zu sein: „In dem Feuer, der Hingerissenheit, der Brüderlichkeit dieser aggressiven Bewegungen erwacht immer wieder das Bild und das Gefühl der positiven Einung“ (108). Und in Nähe zu Friedrich Nietzsche suchte er zu prophezeien: „es ist ein Geist der Freude, der in der Revolution über die Menschen kommt. Dieser Freudegeist pflanzt sich von der Revolution her selbst in die grauen Zwischenzeiten hinein fort; (…) Wir Deutsche, obwohl wir schon lange kein recht freudiges Volk mehr sind, (…) haben wunderschöne Worte für diese Heiterkeit: ausgelassen, aufgeräumt, unbändig. Was da zum Ausdruck kommt, ist zusammengepresst Gewesenes, das sich hinauslässt und aufschäumt. (…) wesentlich vor allem ist, dass die Menschen sich ihrer Einsamkeit ledig fühlen, dass sie ihre Zusammengehörigkeit, ihr Bündnis, geradezu ihre Massenhaftigkeit erleben“ (111). Wie wir wissen, dauerten diese Freudezustände nur kurze Zeit an. Auch 1989 anlässlich des Falls der Mauer gab es Momente revolutionärer Euphorie, der sich leider alsbald in einen Ausdruck der Klage umformten, was uns an Landauers Aussage erinnern sollte, dass dieselben Kämpfe immer wieder ausgetragen werden müssen.

Mühsam charakterisierte Landauer posthum, nachdem er von Freikorps-Soldaten im Münchner Gefängnis Stadelheim ermordet worden war: „Landauer war Revolutionär: nichts anderes, nichts außerdem. Revolutionär aber heißt Umstürzler, Zerstörer und Neuschaffer. Aus seiner revolutionären Natur erklärt sich alles, was er dachte, wollte und schuf. Sie war ihm Antrieb und Mittel seines Werks, nur sie. Sie stellte den Gott in seinem Herzen auf, nur sie. Sie leitete sein Tun und sein Schicksal, nur sie. Freilich war sein revolutionäres Wirken nicht begrenzt im Kampf gegen staatliche Satzungen und gesellschaftliche Systeme. Es erstreckte sich auf alle Kategorien des Lebens, machte nicht Halt vor wissenschaftlichen Methoden, vor künstlerischen Konventionen und moralischen Doktrinen. Sein profundes Wissen erlaubte ihm, mit der Kritik seines revolutionären Geistes in viele Gebiete des menschlichen Denkens hinabzusteigen und sie als Wüsten der Gedankenlosigkeit und verwilderter Überkommenheiten zu entschleiern (…). Ein Neuerer, der als Voraussetzung aller kulturellen Umwälzung die soziale erstrebte. Ihr, der sozialen Revolution, hatte er sich verschworen von Jugend an, und sein Walten als Neuerer in den Bezirken der Sittlichkeit und der Kultur klomm aus dem Willen, den Geist vorzubereiten für die Tat, im Volk Niveau zu schaffen für die Empfängnis des selbst erkämpften Sieges“ (Mühsam6, 205).

Es fanden sich auch einzelne Frauen in der Münchner Räterepublik wie die Sozialistin Hilde Kramer, die nach Zerschlagung der deutschen Revolution in die Sowjetunion ging und nach ein paar Jahren zurückkehrte. Der Berliner Revolutionsführer Leviné hielt allerdings nichts von solchen „Schulmädchen“ (zit. ebd., 366); Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann gründeten 1902 den Verband für das Frauenstimmrecht und schlossen sich mit der Pazifistin Helene Stöcker der Münchner Räterepublik an. Toni Sender, Revolutionärin, vertrat die USPD im Berliner Reichstag ab 1919; 1932 plädierte sie für einen Generalstreik zur Rettung der Demokratie. 1933 war sie auf dem Hetzblatt Judenspiegel abgebildet, wo offen zu ihrer Ermordung aufgerufen wurde, was sie zur Flucht in die USA bewegte. Dort arbeitete sie später für die UN-Menschenrechtskommission.

Revolutionsversuche in Bauhaus und Dada

Aber auch kunstpraktisch ausgerichtete Umstrukturierungen lassen sich den genannten anarchistisch-revolutionären Inspirationen zuordnen: so unter anderem die bereits im Ersten Weltkrieg formulierten Ideen zu einem neuen Kunsthochschultyp von Walter Gropius. Dieser entwickelte bereits 1916 im Feld eine Denkschrift zur Gründung einer neuen Lehranstalt für Industrie, Gewerbe und Handwerk. Als Henry van der Velde an Gropius als Nachfolger der von ihm 1907 gegründeten Kunstgewerbeschule in Weimar dachte, schlug dieser umgehend vor: die Schule solle als eine Form der „Arbeitsgemeinschaft wiedererstehen, wie sie vorbildlich die mittelalterlichen Hütten besaßen, in denen sich zahlreiche artverwandte Werkkünstler (…) zusammenfanden und aus einem gleichartigen Geist heraus den ihnen zufallenden gemeinsamen Aufgaben ihr selbständiges Teilwerk bescheiden einzufügen verstanden aus Ehrfurcht vor der Einheit einer gemeinsamen Idee. (…) Mit der Wiederbelebung jener erprobten Arbeitsweise (…), muss das Ausdrucksbild unserer modernen Lebensäußerungen an Einheitlichkeit gewinnen, um sich schließlich (…) zu einem neuen Stile zu verdichten“7. Diese Ideen sind jenen von Gustav Landauer verwandt.

Im Jahr 1919 wurde in Gropius‘ Ausführungen die geteilte revolutionäre Hoffnung auf neue Gemeinschaftsformen noch hörbarer: „Kapitalismus und Machtpolitik haben unser Geschlecht träge gemacht im Schöpferischen, und ein breites bürgerliches Philistertum erstickt die lebendige Kunst. (…) Neue, geistig noch nicht erschlossene Schichten des Volkes drängen aus der Tiefe empor. (…) Eine große allumfassende Kunst setzt die geistige Einheit ihrer Zeit voraus, sie braucht die innigste Verbindung mit ihrer Umwelt, mit dem lebendigen Menschen. (…) Dann wird das Volk wieder mitbauen an den großen Kunstwerken seiner Zeit. (…) Ars una, species mille (es gibt nur eine Kunst, aber tausend Arten). Der berufene Dirigent des Orchesters war von Alters her der Architekt. (…) Sein hohes Amt muss im Volksstaat wieder öffentliche Geltung finden, er muss sie sich erzwingen durch jene hohe Menschlichkeit, die über dem Wirken des Tages steht (…) und so in neuen Lebens- und Arbeitsgemeinschaften aller Künstler untereinander den Freiheitsdom der Zukunft vorbereiten, nicht behindert, sondern getragen von der Gesamtheit des Volkes“ (65). Gropius lieferte auch Antworten auf eine Umfrage des Arbeitsrates für Kunst 1919, wobei trotz aller Einheits- und Egalitätsemphase nun ein stärker dirigistischer Ton vernehmbar wird: „Entschlossene Durchführung der Volks-Einheits-Schulen (…) die Sammlung alles künstlerischen Schaffens zur Einheit (…) das letzte, wenn auch ferne Ziel ist das Einheitskunstwerk. (…) Zunftmäßige Meister- und Gesellenproben vor dem Meisterrat des Bauhauses. Der Künstler ist eine Steigerung des Handwerkers. (…) Bilden wir also eine neue Zunft der Handwerker ohne die klassentrennende Anmaßung“ (67-72). 1920 sprach er allerdings davon, dass der Bolschewismus wohl der einzige Weg sei, in absehbarer Zukunft die Voraussetzungen für eine kommende Kultur zu schaffen (77). In diesem Sinn gelte es, die bis dato bloß „äußere Revolution“ zu einer „inneren“ umzugestalten, „auf die es allein ankommt“ (77): „Der Künstler wird wieder Handwerker, der Handwerker wieder Künstler werden. (…) Und diese zu gleicher Idee und gleichem Werk vereinten Menschen werden aus neuem Geist heraus siedeln und Hütten bauen als erste notwendigste Aufgabe eines neuen Aufbaues“ (78). In Nähe dazu war auch für Carl Einstein, den deutsch-französischen Kunsttheoretiker der berühmten Schrift „Die Negerplastik“ von 1915, der ästhetische Umbruch an politische Forderungen geknüpft. Und wie Gropius forderte er in der Zeitschrift „Die Pleite“ 1919 die Diktatur des Proletariats, eine „kommunistische Gemeinschaft“, in der eine unentfremdete Kunst kollektiver Urheberschaft sich dem in kapitalistische Produktions- und Rezeptions-ZusammenhÄnge verstrickten Kunstschaffen entgegenstellen sollte.

Finanziell und politisch von der Thüringer Regierung unter Druck gesetzt, beschloss der Meisterrat des Bauhauses 1925 den Umzug nach Dessau, wo eine sozialdemokratisch orientierte Mehrheit herrschte. Die Nutzung des Namens Bauhaus am neuen Standort erstritt sich Gropius vor Gericht; wer nach 1925 in Weimar künstlerisch arbeitete, durfte sich nicht mehr auf diese Institution berufen.

Wie keine andere künstlerische Vereinigung begehrten gegen Krieg und verkrustete Gesellschaftsstrukturen bekanntlich die Dadaisten auf, die bereits während des Ersten Weltkriegs mit lauten und grellen Gesten symbolisch gegen ihn zu Felde zogen, freilich zunächst vom sicheren Schweizer Refugium aus. Das Krachmachen im Züricher Cabaret Voltaire, Lautgedichte und Bruitismus waren ein Widerhall der Kriegstraumatisierung und bedienten sich kurioserweise afrikanischer Ausdrucksformen; unter lautem Trommelschlagen wurden etwa pseudo-afrikanische Beschwörungsrituale zelebriert, um die europäische Zivilisation, die ja eh nur zum gegenseitigen Umbringen tauge, zu verhöhnen. „Ob die Dadaisten afrikanisches Tamtam oder eine amerikanische Jazzband nachahmten, sie schlugen ihre Trommeln, ließen ihre Glocken erklingen und brüllten mit aller Kraft gegen den Ersten Weltkrieg und die zivilisierte Mentalität an“ (47)8. Freilich war Dada in Berlin, dem politischen Zentrum einer Kriegsnation, dann zwangsläufig anders gestimmt als in der politisch neutralen Schweiz. Raoul Hausmann verfasste sein erstes Manifest bereits im April 1918 als „Bankrott-Erklärung aller heiligsten Werte der Bürger“. Als einige Monate später der Aufstand der Matrosen und Soldaten den Waffenstillstand vom 11. November 1918 erzwang und Spartakus auf der Straße war, „erregte sich DADA“9: „Dada atmete in Berlin den Straßenkampf. (…) Hier (…) erfolgte ein dadaistischer Frontalangriff gegen die Weimarsche Lebensauffassung. Politisch äzte Dada Berlin gegen die nach dem Ersten Weltkrieg unverändert bigotte Moral (…) sowie den noch immer vitalen Nationalismus und Militarismus“ (152)10. Raoul Hausmann zur Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg; „Das Proletariat war wie gelähmt und erwachte nicht aus seiner Betäubung. Also musste man die DADA-Aktion verstärken: gegen eine Welt, die nicht einmal mannhaft gegen unverzeihliche Greuel reagierte“ (16). „In diesem tollen Klima, in dieser stumpfen Zerstörung kann man kein braver Typ von konventionellem Künstler sein. Also, en avant DADA! (…) Nehmen wir die Unannehmlichkeiten einer freien, unabhängigen Geste auf uns! (…) Aktion, Aktion, vorbei die Zeit der Dichtung auf geschwärztem Papier, diese individuelle Eitelkeit. Und die Kunst in alledem? Achtung, auch wir sind aktiv. (…) Verpflichtet einem großen Kampf, einem ungeheuren Aufruhr, befreie ich mich von allen Rückständen, ich entgifte mich, aber selbst auf diese Entgifung, auf diese Freiheit, spucke ich! (…) Der Ober-Dada und ich tragen die Literatur und die Poesie auf die Straße (…). Das Wort ist ein Signal in der Straße. (16…) Ich habe es auf Mauern ohne Mauern angeschlagen, Plakat-Gedichte aus Drucker-Buchstaben, die die neue Nacktheit ausriefen“ (18). Er berichtet, dass der Ober-DADA Baader, Performer avant la lettre, Streiche mache, die gut in die Linie der Spaßrevolte passten: „So begab er sich alleine in die National-Versammlung Weimar, wo der die Sitzung unterbrach und die Ablösung der Regierung durch die Gruppe DADA forderte. (…) Das gab einen unerhörten Skandal, den die gesamte deutsche Presse veröffentlichte“ (19). Als Hausmanns Plakat-Gedichte 1919 als „Kunst-Bolschewismus“ beschimpft wurden, sah man „bei DADA nur noch rot“ (20). Dass die ästhetische Revolte in einen politischen Befreiungsschlag mündete, wurde von den Dadaisten ausdrücklich gewünscht.

Und weiter polemisierte Hausmann anarchistisch in einem „Manifest der Natur“11 gegen deutschen Geist und Militarismus, ich zitiere auszugsweise: „Einmal, der Sonnenuntergang war prächtig anzusehen (…) – da war die Revolution – es roch rot nach Blut, später aber nach Paragraphen, solang auch die Zöpfe sein mochten. (…) Meine Schuhe sind aus braunem Rindsleder, meine Herren, sie reichen mir bis ans Knie, sie waren bei Gott sehr teuer – aber sie schützen mich nicht vor der deutschen Natur, die im Individuum gipfelt. Dada ist eine Zuckerrübe, es ist ein Spatz, aber es ist nichts in diesem Deutschland, in dem es nur ‚eine‘ Natur gibt, eine dicke Natur, eine Bertha-Natur – die bürgerliche Gesellschaft. Keine Klassenkämpfe, kein Kommunismus, nichts-, nur eine reine, unerhört starke Bürgernatur. Heil dir Blechdose, die du einen Bismarckhering enthielst, einst wird in dir Kaiserwilhelmsalat blühen, die Einwohnerwehr wird auf dich losmarschieren. (…) die Natur, verstehen sie, (..) machen den Dadaismus in Berlin unmöglich, unmöglich! Gegen Natur kämpfen Götter selbst vergeblich. Mais vive Dada! Es spottet der geistigen Profitrate“ (64).

(Er persiflierte Hindenburg und das Militär in dem Text „Warum Hindenburg nen Vollbart trägt“, indem er ihn einen „siegreichen Feldherrn, unseres Kaisers selig Paladin“ (69) nannte, der ausrastet und das Lokal fluchtartig verlässt, als ihm der Kellner französischen Cognac anbieten will. Hausmann schloss sarkastisch: „Es ist wirklich an der Zeit, dass wir in Deutschland wieder die Monarchie und damit Respekt und Ordnung bekommen – warum hat sich sonst Hindenburg für unser herrliches Vaterland geopfert? (…) Rin in den frisch-fröhlichen Vergeltungskrieg. So denken Hindenburg und Ludendorff, sie werden uns unsern herrlichen Kaiser wieder bringen. Und so wie Wilhelm II. heroisch aufopfernd nach Holland ging, um sich seinem Volke zu erhalten, so opferten sich auch Hindenburg und Ludendorf“ (70))

Und in der Tat, eigentlich nicht zu glauben, gingen die sozialistische Regierung Ebert und ihr Innenminister Noske mit Freikorpstruppen gegen die Aufständischen vor. Am 15.1.2019 wurden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg von einer Wilmersdorfer Bürgerwehr an das Garde-Kavallerie-Schützen-Division, eine Noske-Truppe, ausgeliefert; Liebknecht wurde im Berliner Tiergarten erschossen, Luxemburg vor einem Hotel in der Nähe des Bahnhofs Zoo und in den Landwehrkanal geworfen. Eisner wurde im Februar Opfer eines Attentats, Mühsam und Toller und zahllose andere wanderten ins Gefängnis. Clara Zetkin schrieb: „Alles aus! Lebe ich überhaupt noch und kann ich nach diesem furchtbarsten noch leben? Ich möchte Blut weinen, einen Schrei ausstoßen, der die ganze Welt erschüttern, umstürzen müsste, mir den Schädel an der Wand zerschmettern um nicht zu denken…“ (zit. ebd., 415). Walter Rathenau notierte im Rückblick: „Wir haben keine Revolution gemacht. Einen Heeresstreik, eine militärische Sabotage, eine parlamentarische Palastrevolte haben wir erlebt, und diese Dinge haben teilweise revolutionäre Wirkung gehabt. Das Volk blieb politisch unbeteiligt und die alten Männer herrschen in neuer Zusammensetzung“ (zit, Niess, 105). Und schließlich Tuchsolsky: „Wir haben keine Revolution gehabt, aber wir haben eine Gegenrevolution“ (Gesammelte Werke, Bd. 2, 1919/20, 87). Für die USPD blieb das Ganze eine bloße Revolte, eine „politisch angemalte Meuterei“.

Revolution und Gegenrevolution, die immer wieder ineinander greifen: Es bleibt der Satz von Gustav Landauer, dass die Revolution ihr Ziel nie definitiv erreicht, aber im Sinne der Auffrischung der Kräfte des Geistes und der Affekte und der allseitigen Umgestaltung der Gesellschaft unabdingbar ist. Bedeutsam bleibt das anarchistische Streben nach Herrschaftsreduktion und kommunaler Selbstverwaltung, nach Überführung individualistischer Bestrebungen in dividuelle Initiativen für eine neue Teilhabegesellschaft. Im Begriff der Dividuation, die durch Eliminierung des ‚In‘ des Individuums und der Individuation deren Negation der Teilung und Teilhabe ihrerseits negiert, wird das zu bedenkende prozessuale Ineinander von Einzel- und Weltexistenz, von personalen, bio- und soziotechnologischen und kulturellen Gegebenheiten zum Ausdruck gebracht. Dividuation will die vielfältigen Zuteilungen und Mitteilungen personaler Fähigkeiten ebenso akzentuieren wie die anderer vermeintlich geschlossener Größen, der Gesellschaft oder Kultur. Unsere vieldirektionalen Einlassungen in umfassendere Zusammenhänge, die uns lebendig machen, gemahnen uns aber auch zu Abstandnahmen und Widerständigkeit.

Die Potentialität der neue Teilhabegesellschaft wird abhängen von der Varietät der Beiträge situierten Wissens, von konkreten Kritiken und grenzüberschreitenden, möglicherweise ‚widernatürlichen‘ (Deleuze/Guattari) Bündnissen, auch Kondividuationen genannt. Diese hätten immer umfassendere Perspektiven zu entfalten und bis dato Ausgeschlossenes zu berücksichtigen: menschliche und nicht-menschliche Akteure, andere kulturelle Praktiken und ungewohnte Sichtweisen und deren symbolische Artikulationen und Vorwegnahmen im Bereich der Kunst. Sie hätten auf Arten des Zuhörens, Gewährens und Pflegens zu achten, aber auch auf Distanznahme von Vereinnahmungen etwa im digitalen Bereich.

  1. Zit. In:Joachim Käppner, 1918 – Aufstns für die Freiheit. Die Revolution der Besonnenen, München: Pipier, 2017, 173. [zurück]
  2. Gustav Landauer, Revolution, Berlin: Karin Kramer Verlag, 1974, 12. [zurück]
  3. Erich Mühsam, „Prinzipienerklärung“, in: Der freie Arbeiter, Jg. 4, Nr. 18 , 4.5.17, S. 1-2. [zurück]
  4. Christoph Knüppel (Hg.), Sei tapfer und wachse dich aus. Guastav Landauer im Dialog mit Erich Mühsam, Erich-Mühsam-Gesellschaft, Lübck, 2004, S. 69. [zurück]
  5. Zit. Ebd., Erich Mühsam, „Der revolutionäre Mensch Gustav Landauer, gestorben 2. Mai 1919“, 222-229. [zurück]
  6. „Gustav Landauer. Gedenkblatt zu seinem 50. Geburtstag: 7 April 1920, S. 204-208. [zurück]
  7. Hartmut Probst, Christian Schädlich, Walter Gropius, Sämtliche Schriften, Bd. 3, Berlin: Verlag für Architektur, 1988, 62. [zurück]
  8. Dada afrika. Dialog mit dem Fremden, hg. v. Ralf Burmeister et al., Museum Rietberg, Zürich: Scheidegger und Spiess, 2016. [zurück]
  9. Raoul Hausmann, Am Anfang war dada, Gießen: Anabas, 1972, S. 15. [zurück]
  10. Dada afrik. Dialog… [zurück]
  11. Adrian Sudhalter et al., Dadaglobe reconstructed, Zürich: Scheidegger und Spieß, 2016, 64. [zurück]
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http://spektakel.blogsport.de/2020/05/11/417/ http://spektakel.blogsport.de/2020/05/11/417/#comments Mon, 11 May 2020 11:06:05 +0000 Administrator Editorisches http://spektakel.blogsport.de/2020/05/11/417/ Wir haben von mehreren Seiten die Rückmeldung erhalten, dass zahlreiche Bestellungen der aktuellen KSR-Broschüre nicht beantwortet worden sind. Offensichtlich gab es einen Fehler mit unserem Kontaktformular, sodass zahlreiche Bestellungen nicht bei uns angekommen sind. Wir würden euch bitten, Bestellungen von KSR-Broschüren direkt an das Bildungskollektiv zu richten: biko [at] arranca [dot] de – falls ihr keine Antwort auf eure Bestellung bekommen habt, bitte versucht es nochmal über diesen Weg. Danke für euer Verständnis.

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http://spektakel.blogsport.de/2020/03/27/410/ http://spektakel.blogsport.de/2020/03/27/410/#comments Fri, 27 Mar 2020 10:02:08 +0000 Administrator Editorisches http://spektakel.blogsport.de/2020/03/27/410/ Die allgemein bekannte derzeitige Ausnahmesituation tangiert auch die Planungen der diesjährigen KSR-Veranstaltungsreihe in der ACC Galerie Weimar. Wir sind derzeit mit den ReferentInnen, der Galerie und der Rosa Luxemburg Stiftung Thüringen im Gespräch, um eine experimentelle Lösung zu finden – zumindest für die Veranstaltungen, die im April und Mai geplant sind. Die inhaltliche Auseinandersetzung soll nicht ausfallen – bitte achtet auf Ankündigungen.

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http://spektakel.blogsport.de/2020/03/19/409/ http://spektakel.blogsport.de/2020/03/19/409/#comments Thu, 19 Mar 2020 10:19:32 +0000 Administrator Editorisches http://spektakel.blogsport.de/2020/03/19/409/ Jakob Hayner ist Autor und Redakteur von „Kunst, Spektakel & Redaktion“. Kürzlich hat er bei Matthes & Seitz Berlin ein Buch unter dem Titel „Warum Theater“ veröffentlicht. Der Essay ist ein Versuch der kritischen Theorie des Theaters und knüpft insofern an die sechste Ausgabe von „Kunst, Spektakel & Revolution“ an.

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http://spektakel.blogsport.de/2020/03/17/408/ http://spektakel.blogsport.de/2020/03/17/408/#comments Tue, 17 Mar 2020 11:14:59 +0000 Administrator Editorisches http://spektakel.blogsport.de/2020/03/17/408/ Nach jahrelanger Verzögerung freuen wir uns nun, mitteilen zu können, dass die 7. Ausgabe der KSR-Broschur erschienen ist. Das Inhaltsverzeichnis und zwei Leseproben können hier eingesehen werden – Bestellungen nehmen wir über das Kontaktformular entgegen.

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Kommunismus als Massenbewegung http://spektakel.blogsport.de/2020/03/08/kommunismus-als-massenbewegung/ http://spektakel.blogsport.de/2020/03/08/kommunismus-als-massenbewegung/#comments Sun, 08 Mar 2020 13:23:12 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2020/03/08/kommunismus-als-massenbewegung/ in der Weimarer Republik

Vortrag von Ralf Hoffrogge
Do 16.04.2020 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Die KPD der Weimarer Republik war zeitweise die größte ausserhalb der Sowjetunion. Obwohl sie ihren Anspruch, die Sozialdemokratie zu überflügeln, nie einlösen konnte, zählten ihre Mitglieder nach Hundertausenden und Millionen Wähler kreuzten bei Wahlen KPD an. Dies war nur möglich durch eine tiefe Verankerung in proletarischen Milieus, durch Vorfeldvereinigungen die von Sport- und Gesangsvereinen bis hin zu Radio- oder Schriftstellerbünden reichten. Doch linksradikale Abenteuer wie der gescheiterte Putsch der Märzaktion 1921 oder der „Hamburger Aufstand“ von 1923 kosteten die KPD schon früh Verankerung und Vertrauen, ab 1925 gab sie ihre Eigenständigkeit in einem Widersprüchlichen Prozess der Stalinisierung immer weiter auf. Sie blieb auch in der Endkrise der Weimarer Republik Massenpartei, konnte jedoch autoritär geführt, dogmatisch erstarrt und letztlich fremdbestimmt durch Moskauer Anweisungen keine Wege aufzeigen, die die Arbeiterbewegung aus der Weltwirtschaftskrise geführt und die faschistische Machtübernahme verhindert hätten.

Als Kurze Geschichte der KPD versucht dieser Vortrag, die Erfolgs- und Aufstiegsbedingungen, aber auch das Scheitern der KPD an ihren eigenen Ansprüchen deutlich zu machen.

Ralf Hoffrogge ist Historiker und Mit-Herausgeber des Sammelbandes „Weimar Communism as Mass Movement“, London 2017. (Gemeinsam mit Norman LaPorte)

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Revolutionsversuche http://spektakel.blogsport.de/2020/03/08/revolutionsversuche-in-gesellschaft-und-kunst/ http://spektakel.blogsport.de/2020/03/08/revolutionsversuche-in-gesellschaft-und-kunst/#comments Sun, 08 Mar 2020 13:19:28 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2020/03/08/revolutionsversuche-in-gesellschaft-und-kunst/ in Gesellschaft und Kunst: Anarchismus, Bauhaus, Dada

Vortrag von Michaela Ott
Do 07.05.2020 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Vorläufiger Ankündigungstext: Die Weimarer Republik ist aus der Novemberrevolution hervorgegangen. Aber die Novemberrevolution war eine unvollendete geblieben: Die Forderungen nach einer Sozialisierung wichtiger Industriezweige, nach einer umfassenden Selbstverwaltung der Produktion durch die Arbeiterinnen und Arbeiter oder nach der Entmachtung des alten Militarismus blieben unerfüllt. Dass die Novemberrevolution unvollendet blieb ist auch Vorbedingung für den Aufstieg der nationalsozialistischen Bewegung. Aber der Fortgang der Geschichte blieb auch in der Weimarer Republik umkämpft. In Gesellschaft und Kunst wurden Impulse aus der Novemberrevolution aufgegriffen und weiterentwickelt. Dies soll im Vortrag an drei Beispielen verhandelt werden: Anarchismus, Bauhaus, Dada. Innerhalb des Anarchismus wurden Gesellschaftsvorstellungen jenseits von Zwangskollektivierung und Vereinzelung entwickelt – dafür beispielgebend sollen hier die Ansätze Gustav Landauers skizziert werden. Im Bauhaus waren durchaus sozialistische Vorstellungen präsent, die eine Aufhebung der Klassengegensätze parallel zu einer Aufhebung des Gegensatzes von Industrie und Kunsthandwerk vorstellten. Und der Dadaismus richtete seinen Angriff gegen den verlogenen bürgerlichen Mief der Weimarer Republik, um den Gedanken umfassender Befreiung spürbar zu machen.

Michaela Ott ist Professorin für Ästhetische Theorien an der Hochschule für bildende Künste Hamburg.

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Die proletarische Revolution, http://spektakel.blogsport.de/2020/03/08/die-proletarische-revolution/ http://spektakel.blogsport.de/2020/03/08/die-proletarische-revolution/#comments Sun, 08 Mar 2020 13:16:40 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2020/03/08/die-proletarische-revolution/ das Buch und der Malik Verlag

Vortrag von Steffen Hendel
Do 28.05.2020 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Entweder für seinen Schatz verlegerischer Anekdoten oder für hochpreisige Liebhaberstücke in ausgesuchten Antiquariaten ist der Malik Verlag den meisten heutzutage noch bekannt. In Berlin während des Ersten Weltkriegs entstanden und im Londoner Exil während des NS aufgelöst, wollten die Gründer des Verlags – die Geschwister Wieland Herzfelde und John Heartfield im Bunde mit George Grosz – jedoch die Welt nicht mit bibliophilen Gegenständen bereichern, sondern mit einer Revolution ändern. Diese sollte proletarischer Art sein, politische und ökonomische Unfreiheit beseitigen, bürgerliche Gesellschaft und Patriotismus überwinden und sie sollte mit den Mitteln der Kunst und Literatur vorbereitet werden. Ein widersprüchliches Vorhaben, an dem sich der Malik Verlag fortwährend rieb und das ihm beachtenswerte verlegerische Einfälle bescherte. Der Erfolg war immens. Selbst das bürgerliche Publikum, das eher dem Goethe’schen Kunstideal „Der Dichter schwebet über den Parteien“ nachhing, konnte sich für die Grafikmappen von Grosz, die Buchcover von Heartfield und die von Herzfelde aufgestellten Literaturprogramme erwärmen. Sie machten Malik zum erfolgreichsten linken Verlag der Weimarer Republik.

Steffen Hendel, Mitarbeiter im Germanistischen Institut der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, zeichnet das politische Vorhaben des Malik Verlags an dessen literarischen Programm und an den gestalterischen Innovationen nach.

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Geschichten vom Torpedokäfer http://spektakel.blogsport.de/2020/03/08/geschichten-vom-torpedokaefer/ http://spektakel.blogsport.de/2020/03/08/geschichten-vom-torpedokaefer/#comments Sun, 08 Mar 2020 13:13:01 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2020/03/08/geschichten-vom-torpedokaefer/ – Franz Jung

Vortrag von Andreas Hansen
Do 11.06.2020 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Franz Jung veröffentlichte 1912 seine ersten Texte als expressionistischer Autor in den Zeitschriften „Der Sturm“ und „Die Aktion“. Geriet dann in die dadaistischen Kreise um Wieland Herzfelde und betrat die Bühne der Weimarer Republik als Revolutionär, den die Ereignisse an alle möglichen Orte des Aufruhrs führten, u.a. zu den mitteldeutschen Märzkämpfen 1921. Er gehört zu den Mitbegründern der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands – KAPD – einer rätekommunistischen Abspaltung von der KPD. Während es seine beeindruckende Autobiographie mit dem Titel „Der Weg nach unten“ zu einiger Bekanntheit gebracht hat, sind seine Romane und sein Essay „Die Technik des Glücks“ (erschienen im Malik-Verlag, zu dessen Netzwerk Jung gehörte) heute kaum bekannt. Der Vortrag zeichnet Jung als Literaten und radikalen Linken nach.

Andreas Hansen ist Literaturwissenschaftler und arbeitet zur Avantgarde und zur proletarisch-revolutionären Literatur des 20. Jahrhunderts. Von 1997 bis 1999 war er Redakteur der Zeitschriften Sklaven, Sklaven-Aufstand und Die letzten Sklaven; von 1999 bis 2007 Redakteur des Nachfolgeblatts Gegner; seit 2008 Redakteur der Zeitschrift floppy myriapoda. Seit 2016 ist er Mitherausgeber der Zeitschrift P(I)RART.

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Revolutionäre Theorie am Nullpunkt http://spektakel.blogsport.de/2020/03/08/revolutionaere-theorie-am-nullpunkt/ http://spektakel.blogsport.de/2020/03/08/revolutionaere-theorie-am-nullpunkt/#comments Sun, 08 Mar 2020 13:09:23 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2020/03/08/revolutionaere-theorie-am-nullpunkt/ – gibt es eine Linie Korsch-Bordiga?

Wochenendworkshop mit Felix Klopotek
Sa 13.06. / So 14.06.2020 – Weimar

Karl Korsch (1886-1961) und Amadeo Bordiga (1889-1970) gelten mit ihrer frühen Kritik an der Degeneration der Kommunistischen Internationale und der aufgezwungenen Bolschewisierung aller ihrer Sektionen als unbedingte Vertreter einer internationalistischen, sich nicht der Hegemonie Moskaus unterwerfenden Kommunismus. Das Bündnis zwischen ihren Fraktionen in Italien und Deutschland konnte nach 1926 aber nicht vertieft werden, jede weitere Diskussion wurde durch die hereinbrechende Gewalt von Stalinismus und Faschismus unterdrückt. Korsch und insbesondere Bordiga wurden vom „offiziellen“ Kommunismus zu Unpersonen erklärt.

Untergründig wirkten ihre Thesen und ihr Denkstil fort – so wurde Korsch von Brecht zu seinem „marxistischen Lehrer“ erkoren und Bordiga später einer der (wiederum nie anerkannten) Stichwortgeber des Operaismus. Nach dem zweiten Weltkrieg zogen die verfemten Revolutionäre Bilanz: Am 4. September 1950 skizzierte Karl Korsch während einer Diskussion in Zürich „Zehn Thesen über Marxismus heute“. Die später berühmt gewordenen Thesen kann man als kommunistischen Revisionismus des Marxismus verstehen: Dem Marxismus wird das Privileg, die angemessene Theorie revolutionärer Arbeiterbewegungen zu sein, bestritten. Fast auf den Tag genau zwei Jahre später stellte Amadeo Bordiga auf einer Versammlung der Internationalistischen Kommunistischen Partei in Mailand Thesen zur „historischen ‚Invarianz‘ des Marxismus“ vor. Man erkennt in diesem Text in jeder Zeile die Gegenposition zu Korsch, es ist, als hätte Bordiga direkt auf Korsch geantwortet. Denn Bordiga besteht auf der unbedingten Einheit von kommunistischer Praxis und marxistischer Theorie, jeden Revisionismus verteufelt er geradezu. Er konnte die Thesen von Korsch allerdings gar nicht kennen!

Der Ausgangspunkt von Korsch und Bordiga, so wird zu zeigen sein, war derselbe: der Kampf gegen die bolschewistische Verballhornung der revolutionären Arbeiterbewegung und ihrer Theorie. Doch wie kamen sie dann nach 1945 zu so konträren Positionen? Korschs und Bordigas Thesen im Zusammenhang zu diskutieren, ist mehr als nur ein Akt der historischen Philologie. Beide wussten, dass sie sich am Nullpunkt revolutionärer Theorie befanden. Sie stellten sich frei von taktischen Erwägungen der Frage, ob und in welchem Umfang eine revolutionäre Praxis theoriegeleitet zu sein hat. Darin liegt das Unabgegoltene ihrer Thesen: Sie ist bis heute die Zentralfrage des Marxismus geblieben.

Um sich ihr zu nähern, wird ein Rückgriff auf Brechts „korschistischen“ Marxismus nötig sein – und auch ein Blick auf Marx selbst.

Felix Klopotek lebt und arbeitet in Köln. Aktuell hat er seine für die „theorie.org“-Reihe angekündigte Einführung in Geschichte und Theorie des Rätekommunismus abgeschlossen, sie erscheint im Herbst.

Wir bitten um eine Anmeldung per Email: biko[at]arranca.de Die Zahl der TeilnehmerInnen ist auf 15 Personen beschränkt, sollten sich mehr Leute anmelden, wird es eine quotierte Vergabe geben. Informationen über den Veranstaltungsort und einen Reader erhaltet ihr nach Anmeldung. Die Lektüre des Readers ist Voraussetzung zur Teilnahme am Workshop.

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Esoterisch im Ausdruck, http://spektakel.blogsport.de/2020/03/08/esoterisch-in-der-form/ http://spektakel.blogsport.de/2020/03/08/esoterisch-in-der-form/#comments Sun, 08 Mar 2020 13:06:09 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2020/03/08/esoterisch-in-der-form/ radikal im Gedanken – Else Lasker-Schüler

Vortrag von Julia Ingold
Do 25.06.2020 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Die eindrücklichsten Äußerungen radikaler Kunst stecken häufig nicht in Inhalten, sondern in der Existenz der Werke überhaupt. Allein der praktische Lebensentwurf der alleinerziehenden jüdischen Frau und freien Künstlerin Else Lasker-Schüler (1869-1945) ist in seiner Konsequenz und Kompromisslosigkeit von beeindruckender Radikalität. Dagegen verblassen explizit ausgesprochene Botschaften. Lasker-Schüler äußert sich in einem ihrer Texte kulturpolitisch. Das Manifest Ich räume auf! Meine Anklage gegen meine Verleger zeugt von der prekären Existenz freier Künstler*innen in der Weimarer Republik. Hellsichtig führt Lasker-Schüler das Problem darauf zurück, dass in einer zweckorientierten, kapitalistischen Gesellschaft nur überlebt, wer eine gefragte Ware feilbieten kann. Doch eigentlich ist all das nur ein Vorwand der Dichterin, Graphikerin und Performance-Künstlerin die eigene Position und die eigene subalterne Stimme im literarischen Feld zu sichern. Lasker-Schülers Politik liegt nicht so sehr in der Bedeutung ihrer Worte, sondern vielmehr darin welche Worte und Motive sie überhaupt wählt und kombiniert. Sie hat eine große Schwäche für alles Geringgeschätzte und nichts als spöttische Ironie für das Erhabene übrig. So stellt ihre Kunst radikal Machtverhältnisse und Diskurshoheiten in Frage – indem sie deren Sturz praktisch mit ihrem eigenen Material vorführt.

Julia Ingold ist Literaturwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin. Sie arbeitet am Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Literaturvermittlung der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Seit 2014 gibt sie zusammen mit Kolleg(inn)en CLOSURE – Kieler e-Journal für Comicforschung heraus.

HINWEIS: Seit 13. Juni 2020 sind Veranstaltungen in der Stadt Weimar mit Publikum, die allgemeinen Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln beachtend, wieder zulässig. Wir bitten bei Interesse an einer Teilnahme unbedingt um Voranmeldung per Email an kultur@acc-weimar.de. Parallel bieten wir diesen Vortrag weiterhin als kostenlosen Videostream über das Videokonferenzprogramm BigBlueButton an. Zur Teilnahme folgen Sie bitte diesem Link. Sie werden aufgefordert, einen Namen anzugeben, den Sie frei wählen können. Sie nehmen ohne Video und Ton teil und haben im Anschluss an den Vortrag die Möglichkeit, über die Chat-Funktion Fragen zu stellen, die dann vom Moderator an die Referentin weitergegeben werden.

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Expressionist, Revolutionär, Netzwerker http://spektakel.blogsport.de/2020/03/08/expressionist-revolutionaer-netzwerker/ http://spektakel.blogsport.de/2020/03/08/expressionist-revolutionaer-netzwerker/#comments Sun, 08 Mar 2020 12:59:10 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2020/03/08/expressionist-revolutionaer-netzwerker/ – Franz Pfemfert

Vortrag von Marcel Bois
Do 09.07.2020 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Die von Franz Pfemfert herausgegebene Zeitschrift „Die Aktion“ entwickelte sich im wilhelminischen Kaiserreich zu einem wichtigen Forum des deutschsprachigen Expressionismus. Später wurde sie dann ein wichtiges Debattenorgan für all jene, die in der Weimarer Republik links von der SPD standen. Pfemfert war ein geschickter Netzwerker, dem es immer wieder gelang, fruchtbare Debatten über die Fragmentierungen der radikalen Linken hinweg zu ermöglichen. Zugleich war er nie versöhnlerisch, sondern bezog innerhalb linkskommunistischer Zusammenhänge Position – was durchaus zu schweren persönlichen Zerwürfnissen führte. Sein Leben und Werk ist heute jenseits von Fachkreisen kaum noch bekannt. Der Vortrag soll dem Abhilfe schaffen.

Marcel Bois ist Historiker in Hamburg und Autor von „Kommunisten gegen Hitler und Stalin“.

HINWEIS: Seit dem 13. Juni sind in Weimar wieder Veranstaltungen vor Publikum möglich, wenn auf Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln geachtet wird. Das Publikum vor Ort ist auf 15 Personen beschränkt – bei Interesse meldet euch bitte per kultur@acc-weimar.de an. Die Veranstaltung wird parallel trotzdem als Online-Konferenz-Veranstaltung durchgeführt. Der Link zur Konferenz findet sich hier.

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Ein Leben mit und gegen Kommunisten http://spektakel.blogsport.de/2020/03/08/ein-leben-mit-und-gegen-kommunisten/ http://spektakel.blogsport.de/2020/03/08/ein-leben-mit-und-gegen-kommunisten/#comments Sun, 08 Mar 2020 12:52:41 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2020/03/08/ein-leben-mit-und-gegen-kommunisten/ – Ruth Fischer und ihre Zeit

Vortrag von Mario Keßler
Do 23.07.2020 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Achtung: Der Vortrag muss aus gesundheitlichen Gründen verschoben werden. Wir versuchen, den Termin im Herbst/Winter 2020 nachzuholen. Wir informieren dann beizeiten über den Ersatztermin.

Ruth Fischer (1895-1961) gehörte einst zu den prominentesten Frauen Deutschlands und Europas. Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg war sie Mitbegründerin der Kommunistischen Partei Österreichs, wurde berühmt als Führerin der KPD und war nach 1945 eine Hauptfigur des antikommunistischen Kreuzzuges in den USA, wo sie auch ihre beiden Brüder Hanns (1898-1962) und Gerhart Eisler (1897-1968) belastete. Am Ende ihres Lebens aber hoffte sie, dass die Sowjetunion zu einer demokratischeren Variante des Kommunismus finden werde.

Prof. Dr. Mario Keßler ist Historiker und Mitglied am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam.

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Lu Märten http://spektakel.blogsport.de/2020/03/08/sozialkritik-und-produktionsaesthetik/ http://spektakel.blogsport.de/2020/03/08/sozialkritik-und-produktionsaesthetik/#comments Sun, 08 Mar 2020 12:48:54 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2020/03/08/sozialkritik-und-produktionsaesthetik/ — ›Die Künstlerin‹ (1919)

Lesung und Vortrag von Alexandra Ivanova und Anne Hofmann
Do 06.08.2020 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Lu Märten (1879-1970) entwickelte eine historisch-materialistische ästhetische Theorie, war neben ihrer theoretischen Arbeit journalistisch, dramatisch und lyrisch tätig. Zwischen 1906 und 1987 wurden ihre (frauenrechtlichen) sozial- und kulturkritischen Texte für Organe und Medien der Frauen- und Arbeiterbewegung veröffentlicht, in der sie sich politisch wie theoretisch engagierte. Sie trat während des Kaiserreichs 1903 der SPD und während der Weimarer Republik 1920 der KPD bei. Zum einen formulierte sie den Anspruch der gewerkschaftlichen Organisierung von KünstlerInnen, zum anderen entwickelte sie eine radikale Produktionsästhetik, die eine gegenseitige Aufhebung von industrieller und künstlerischer Produktion vorsah. Dafür stellte sie auch das Geschlechterverhältnis und den ArbeiterInnenalltag ins Zentrum ihrer Analyse. Lu Märtens Denken beeinflusste damit u.a. die tschechische Poetismus-Avantgarde-Bewegung, das Bauhaus und die marxistische Theoriebildung, da sie als Erste die historisch-materialistische Methode des Marxismus auf den Kultur- und Kunstbereich anwandte.

Im Zentrum des Vortrages steht ihr Text ›Die Künstlerin‹, welcher 1919 erstmals veröffentlicht wurde. ›Die Künstlerin‹ umfasst eine geschlechtsspezifische Betrachtung der Kunstproduktion, Arbeitsteilung, Maschinenarbeit und deren Zusammenhänge. Daraus entwickelt sie ihre Forderung, dass Frauen sich als Subjekte ästhetischer Prozesse begreifen. Am Vortrags-Abend widmen sich Alexandra Ivanova und Anne Hofmann experimentierend den ästhetisch-theoretischen Konzepten sowie der literarischen Arbeit Lu Märtens.

Alexandra Ivanova ist Soziologin und Autorin, u.a. für die Zeitschrift outside the box – Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik Leipzig. Anne Hofmann ist Bildende Künstlerin, Redakteurin, Autorin und Gestalterin der Zeitschrift outside the box – Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik Leipzig.

➳ Die Veranstaltung wird parallel als Online-Konferenz übertragen. Den Konferenzlink findet ihr hier.

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»Der ganze Südosten ist unser Hinterland« http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/der-ganze-suedosten-ist-unser-hinterland/ http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/der-ganze-suedosten-ist-unser-hinterland/#comments Sun, 10 Mar 2019 18:44:49 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/der-ganze-suedosten-ist-unser-hinterland/ — 150 Jahre deutscher Politik
gegen einen jugoslawischen Staat

Do 11.04.2019 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Seit Beginn der deutschen Nationalökonomie wurde Südosteuropa als abhängiges Ergänzungsgebiet eines großdeutschen Reiches verplant. Bereits in den Debatten der Frankfurter Paulskirchenversammlung von 1848 wurde die Verhinderung eines eigenständigen, wirtschaftlich starken jugo-(das heißt süd-)slawischen Staates als zentrales Ziel deutscher Politik propagiert. Im August 1914 zogen deutsche und österreichische Soldaten mit der Parole „Serbien muss sterbien“ in den Ersten Weltkrieg. Nach der Kriegsniederlage des wilhelminischen Kaiserreiches erfolgte die Gründung Jugoslawiens nicht zuletzt als Widerstandsakt gegen den „deutschen Drang nach Osten“. Doch die deutschen Bombenangriffe auf Belgrad im April 1941 führten zur Zerschlagung des ersten jugoslawischen Staates. Nach der Rückeroberung Belgrads durch die Tito-Partisanen und die Rote Armee und dem Sieg der Alliierten über den Nationalsozialismus erfolgte die zweite Gründung Jugoslawiens als Sozialistische und Föderalistische Republik. Die Wiedervereinigung und die Wirtschaftskrise Jugoslawiens in den 1980er Jahren ermöglichte der Regierung unter Kohl und Genscher ein Anknüpfen an die Pläne des Kaiserreiches und des Nationalsozialismus. Die von ihr durchgesetzte staatliche Separierung Sloweniens und Kroatiens bedeutete die zweite Zerschlagung Jugoslawiens und hatte den Bosnien-Krieg von 1992-95 und den Kosovokrieg von 1999 zur Folge.

Klaus Thörner ist Autor des Buches »Der ganze Südosten ist unser Hinterland. Deutsche Südosteuropapläne von 1840 bis 1945« (ça ira, 2008).

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»We have built cities for you« http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/we-have-built-cities-for-you/ http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/we-have-built-cities-for-you/#comments Sun, 10 Mar 2019 18:42:42 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/we-have-built-cities-for-you/ — Widersprüche des jugoslawischen Sozialismus

Fr 26.04.2018 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Der Sammelband »We have built cities for you« [Link] ist aus der Zusammenarbeit einer Gruppe von Künstler*innen und Wissenschaftler*innen aus allen Republiken des ehemaligen Jugoslawiens entstanden und versucht, die Komplexität und Widersprüche des sozialistischen Jugoslawiens in seiner finalen Phase zu reflektieren. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht das Thema Arbeit. Die 1980er waren in Jugoslawien von massiven Streiks und Reformen im Bereich der Arbeit geprägt. Im Vortrag sollen aber auch Parallelen zwischen dem Jugoslawien der 80er-Jahre und aktuellen Entwicklungen in der Europäischen Union angesprochen werden. Damals wie heute haben wirtschaftliche Krisen zum Erstarken nationalistischer Kräfte geführt.

Mag.a Lidija Krienzer-Radojević ist Kulturanthropologin. Sie hat am Institut für Zeitgenössische Kunst der TU Graz gelehrt und war bis 2014 Mitarbeiterin der Universität Ljubljana. Sie ist Geschäftsführerin der IG Kultur Steiermark. Ihr Forschungsinteresse bezieht sich auf die soziale Integration der kapitalistischen Verhältnisse in das gesellschaftliche Leben.

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Jugoslawien http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/jugoslawien/ http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/jugoslawien/#comments Sun, 10 Mar 2019 18:38:49 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/jugoslawien/ — das Ende des deutschen Pazifismus

Do 09.05.2018 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

In der Linken wurde der Zerfall Jugoslawiens als Manipulation von außen interpretiert: Die ethnischen Gruppen seien von einem wiedervereinten Nazideutschland gezielt in den Bürgerkrieg gehetzt worden, um den letzten sozialistischen Staat in Europa zu zerschlagen. Unter dem Einfluss von Journalisten wie Jürgen Elsässer, Peter Handkte, Herman L. Gremliza, Georg Fülberth und dem internationalen „Künstlerappell“ wurde primär Slobodan Milošević als Opfer westlicher Verschwörung gezeichnet und rationale Erwägungen der NATO und Russlands zur Intervention im zerfallenen Jugoslawien in Abrede gestellt.

Diese linke Perspektive auf ein Jugoslawien als utopischen, sozialistischen Antagonisten des Westens war bereit, die kritischen Stimmen, die Krisen in der jugoslawischen Gesellschaft und Titos Misswirtschaft zu ignorieren. Die NATO gegen den Sozialismus und Deutschland gegen Serbien – diese Lesart bot sowohl linkspazifistischen und sowjettreuen Linken als auch der antideutschen Linken einen Mythos an, der mit der Realität der Jugoslawienkriege und dem internationalen Kontext wenig zu tun hatte.

Die 1990er waren geprägt von scheiternden oder zu kurz geratenen Interventionen: der mit Saddam Husseins Machterhalt endende zweite Golfkrieg, der Somalia-Schock, der Genozid in Rwanda, das Massaker von Srebrenica. Rufe nach der „responsibility to protect“ stellten auch Deutschland in die Pflicht an der Verhinderung von genozidaler Gewalt mitzuwirken. Der Bruch mit dem Pazifismus konnte unter den Begleitumständen nur defizitär stattfinden, war aber aus linker, interventionistischer Perspektive ein Fortschritt, der mit dem späteren, populistischen Backlash zur „Friedensmacht Deutschland“ widerrufen wurde und in der christkonservativen Ära mit einem ostentativen Nichtinterventionismus in Syrien und einer gleichzeitigen Abschottung Europas bis tief in den afrikanischen Kontinent hinein ein deprimierendes Ende fand. Gerade deshalb bleibt von Bedeutung, vergangene Interventionen zu untersuchen und in Kontrast zum aktuellen Isolationismus zu setzen.

Felix Riedel ist kritischer Ethnologe und Autor zahlreicher Debattenbeiträge. www.felixriedel.net

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»Die Ethnisierung des Sozialen« http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/die-ethnisierung-des-sozialen/ http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/die-ethnisierung-des-sozialen/#comments Sun, 10 Mar 2019 18:36:48 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/die-ethnisierung-des-sozialen/ Wochenendworkshop zu den jugoslawischen Zerfallskriegen

07. – 09.06.2019 – Marienstraße 19 [M18], Weimar

Im Jahr 1999 führte die Bundesrepublik Deutschland zum ersten mal seit 1945 wieder Krieg – im Verbund mit der NATO wurde Jugoslawien bombardiert und eine Teilung in Einzelstaaten forciert. Dem vorangegangen waren immer wieder aufflammende Bürgerkriege in Jugoslawien seit 1991. Die Vorgänge während der jugoslawischen Zerfallskriege und des Kosovo-Krieges 1999 sind kleinteilig und kompliziert. Eine linke geschichtspolitische Auseinandersetzung mit diesen Ereignissen macht oft halt vor deren Komplexität. Wir wollen im Workshop versuchen, uns den Vorgängen in den jugoslawischen Zerfallskriegen (1991-1999) anzunähern und uns gemeinsam ein Verständnis zu erarbeiten. Dabei wollen wir folgenden Fragen nachgehen: Inwiefern bargen die politischen und sozialen Widersprüche des sozialistischen Jugoslawien Konfliktkonstellationen, die schließlich auch zu Separationsbewegungen führten? Welche Rolle haben dabei außenpolitische und innenpolitische Faktoren, aber auch die Einflusssphären von Ost und West gespielt? Warum wurden ethnische Bezugspunkte in diesen Konflikten so stark? Welche Konfliktparteien waren daran mit welchen Interessen beteiligt? Der Workshop soll auch eine Kritik des Nationalismus beinhalten und der Frage nachgehen, warum und in welcher Weise sich soziale Konflikte in nationalistische Kämpfe und ethnische Zuschreibungen übersetzen. Wir werden all diese Fragen nicht erschöpfend beantworten können – aber schon eine gemeinsame Schärfung der Fragen selbst trägt zu einer gegenseitigen (Selbst-)Bildung bei.

Die Teilnahme ist auf eine Gruppe von 12 Personen beschränkt und wird quotiert bemessen. Wir bitten um eine Anmeldung an biko[at]arranca[dot]de bis spätestens zum 24.05.2019. Ein gemeinsames Frühstück wird organisiert, mittags und abends ist Selbstverpflegung. Übernachtungsplätze in Weimar können wir organisieren – bitte gebt bei der Anmeldung an, ob ihr eine Übernachtung benötigt.

Der Workshop »Die Ethnisierung des Sozialen« wird unterstützt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen und im Rahmen des Förderprogramms „Bauhaus 100″ vom Referat Kultur- und Sportförderung des Studierendenkonvents der Bauhaus Uni Weimar.

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»Die Balkanisierung Jugoslawiens« http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/die-balkanisierung-jugoslawiens/ http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/die-balkanisierung-jugoslawiens/#comments Sun, 10 Mar 2019 18:27:20 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/die-balkanisierung-jugoslawiens/ Deutschland, die Zerschlagung Jugoslawiens
und der Kosovokrieg

Di 11.06.2019 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Jugoslawien ist in den 1990er Jahren das erste große Exerzierfeld der neuen deutschen Außen- und Militärpolitik gewesen. Die Bundesrepublik hat die Aufspaltung des Landes von Anfang an forciert und sie auch militärisch begleitet, 1999 dann sogar mit dem ersten großen Kampfeinsatz der Bundeswehr im Rahmen der Bombardierung Serbiens. Die Zerschlagung Jugoslawiens hat in mehrfacher Hinsicht deutschen Staatsinteressen gedient. Am Überfall auf das Land im Jahr 1999 hat die Bundesrepublik sich unter Bruch des Völkerrechts beteiligt – und damit klargestellt, dass sie sich bei der Durchsetzung ihrer Interessen im Zweifelsfall um das internationale Recht nicht schert. Die Kriege haben dazu beigetragen, die Südosteuropa-Politik der EU auf die deutsche Linie festzulegen; nicht umsonst ist um 2000 herum immer wieder von „europäischen Einigungskriegen“ die Rede gewesen. Weite Teile der Region leiden bis heute unter den Folgen der Kriege.

Jörg Kronauer schreibt immer wieder Analysen zur deutschen Außenpolitik, u.a. für konkret und Jungle World. Er ist Redaktionsmitglied bei German Foreign Policy.

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Ikonoklastische Aufführungen http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/ikonoklastische-auffuehrungen/ http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/ikonoklastische-auffuehrungen/#comments Sun, 10 Mar 2019 18:24:39 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/ikonoklastische-auffuehrungen/ — De/Konstruktion von Staatsymbolen in post-jugoslawischer Kunst seit 1989

Do 27.06.2019 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Der Begriff ikonoklastische Aufführungen wird hier in seiner doppelten und widersprüchlichen Bedeutung artikuliert. Als Legitimationsprinzip des Nationalstaats und als ästhetische Strategie, die sich gegen die politisch-ideologischen Dispositive des Staats wendet und dabei irritierende Bild- bzw. Handlungsszenarien entwickelt. Der Zusammenbruch Jugoslawiens manifestierte sich, unter anderem, als Zerstörung von Kulturerbe, wobei besonders die sozialistischen Monumente attackiert wurden. Mit Hinblick auf künstlerische Aufführungen, die sich der Hegemonie des Nationalismus widersetzen, analysiert der Vortrag die performative Dekonstruktion von Ikonen, Symbolen und Bildern der neugegründeten Staaten. Damit soll argumentiert werden, dass ikonoklastische Aufführungen eine dezidiert politische Wirkung erzeugen und somit als Instrumente emanzipatorischer, ästhetischer Praxis figurieren könnten.

Andrej Mirčev ist Theaterwissenschaftler, Dramaturg und bildender Künstler. In seiner künstlerisch-wissenschaftlichen Arbeit erforscht er unterschiedliche Konstellationen zwischen Aufführung, Bild, Archiv und Raum.

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Satan Panonski http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/satan-panonski/ http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/satan-panonski/#comments Sun, 10 Mar 2019 18:23:22 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/satan-panonski/ — Widersprüche des Jugopunk

Do 11.07.2019 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Vortrag mit filmischen Musikbeispielen: Satan Panonski war ein Punksänger aus der Stadt Vinkovci in Jugoslawien. Er geriet 1981, nachdem er jemanden nach einem Konzert (in Notwehr?) erstochen hatte in Haft, später in die Psychiatrie. Dank einer Ärztin konnte er aus der Psychiatrie in Popovača bei Zagreb heraus wieder Konzerte geben, zuerst mit seiner Band Pogreb X und dann mit verschiedenen Musikern unter seinem Pseudonym Satan Panonski. Erst Ende der 80er kam es zu Kassettenveröffentlichungen und einer Schallplatte auf dem Label Slušaj najglasnije! Auf den Konzerten ritzte er sich auf, blutete, fügte sich Brandwunden zu … thematisierte Homosexualität und »sexuelle Atonalität«, trug selbstgestaltete Gewänder und viel Makeup … Als der Kroatienkrieg 1991 ausbrach trat Satan Panonski der nun entstehenden kroatischen Armee bei und kämpfte in der Gegend um Vinkovci und Vukovar, machte sich auch mitschuldig. Auf dem Tape »Kako Je Panker Branio Hrvatsku (How a Punk defended Croatia)« wurden posthum Lieder mit kroatisch-nationalistischen Liedtexten veröffentlicht. 1992 starb er unter ungeklärten Umständen im Heimaturlaub. Eine Annäherung auf Umwegen.

Sakerdon Michajlovič lebt und – arbeitet nicht – (in Leipzig) und existiert womöglich nur in der »alten Frau« von Daniil Charms auf Seite 7. Er hat Interesse an Radio, Büchern, Comics, Punk.

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Geburt einer Nation http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/geburt-einer-nation/ http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/geburt-einer-nation/#comments Sun, 10 Mar 2019 18:19:39 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2019/03/10/geburt-einer-nation/ — Laibach und die Neue Slowenische Kunst

Do 18.07.2019 — 20:00 Uhr — ACC Galerie Weimar

Wie keine andere Band hat »Laibach« (benannt nach dem deutschen Namen der slowenischen Hauptstadt Ljubljana) den Zerfall Jugoslawiens mit popkulturellen Mitteln antizipiert und kommentiert. Dabei sind Laibach nie eindeutig, ihr radikaler Angriff auf die Sinne wie gesellschaftliche Sinnkonstrukte kommt in Form von Überaffirmation und Ambivalenz daher – sie spielen mit den Symbolen des Totalitarismus und des Krieges. Im widersprüchlichen und mit Zitaten gespickten Gesamtkunstwerkkonzept der Band spielt der Bezug auf die künstlerische Avantgarde eine wichtige Rolle. Deren Anspruch auf einen ganzheitlichen Gestaltungsanspruch setzte Laibach mit der 1984 erfolgten Gründung der »Neuen Slowenischen Kunst« um, einem interdisziplinären Künstlerkollektiv, das sich staatsähnlich gab und Anfang der Neunziger sogar einen eigenen Staat ausrief, den ohne Raum auskommenden und allen offenen „NSK state in time“. Eine Utopie angesichts der von ihnen prophezeiten blutigen Nationenbildung auf dem nun ex-jugoslawischen Grund? Alexander Pehlemann, selbst involviert in die Aktivitäten von NSK Lipsk, schildert die extrem ereignisreiche Geschichte des Projekts und stellt dabei einige seiner Manifestationen näher dar.

Alexander Pehlemann ist Autor, Kurator, DJ (Al-Haca Sound System), Kompiler, Journalist und Netzwerker. Seit 1993 ist er Herausgeber des »Zonic«, Magazin bzw. Almanach für »Kulturelle Randstandsblicke & Involvierungsmomente«.

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http://spektakel.blogsport.de/2018/04/24/379/ http://spektakel.blogsport.de/2018/04/24/379/#comments Tue, 24 Apr 2018 15:31:12 +0000 Administrator Editorisches http://spektakel.blogsport.de/2018/04/24/379/ In der Text-Rubrik haben wir soeben die verschriftlichte Version des Vortrags von Wolfgang Seidel – »Beat und Gammler, Konsum und Verweigerung. Jugend in Westdeutschland« – veröffentlicht. In unserer Radio-Rubrik stehen außerdem erste Interviews und Vortragsmitschnitte aus diesem Jahr zur Verfügung.

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Wolfgang Seidel: Die langen 60er http://spektakel.blogsport.de/2018/04/24/wolfgang-seidel-die-langen-60er/ http://spektakel.blogsport.de/2018/04/24/wolfgang-seidel-die-langen-60er/#comments Tue, 24 Apr 2018 15:23:48 +0000 Administrator Text http://spektakel.blogsport.de/2018/04/24/wolfgang-seidel-die-langen-60er/ Beat und Gammler, Konsum und Verweigerung — Jugend in Westdeutschland

Wir veröffentlichen hier eine verschriftlichte Version des Vortrags, den Wolfgang Seidel am 05.04.2018 in Weimar gehalten hat. Der Audiomitschnitt des Vortrags kann hier nachgehört werden.

Kaum ist das Luther-Jahr vorbei, wird dieses Jahr 1968 als nächste historische Wegmarke gefeiert. Dabei kommt 68 oder »die 68er« untrennbar verbunden mit den Begriffen Studentenbewegung oder Studentenrevolte daher. Diese Studenten sollen, so der Tenor des Jubiläumsjahres, zwar nicht ihre sozialistischen Träume verwirklicht haben – aber sie hätten eine Kulturrevolution vollbracht, die gescheiterte bürgerliche Revolution von 1848 vollendet, das Land demokratisiert und entnazifiert. Kurz: sie das moderne Deutschland geschaffen, das mit moralischem Überlegenheitsanspruch in der Welt auftreten darf.

Dazu eine Binsenweisheit: Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Aus den Studenten von damals sind die Professoren, Journalisten, Autoren von heute geworden, die die Geschichtsschreibung bestimmen. Tatsächlich war die Zahl der Studenten gering. In den 1960ern machten nicht einmal 10% eines Jahrgangs Abitur und entstammten meist dem Bürgertum. Davon waren nur wenige Teil des linken Spektrums, das heute als »die 68er« erscheint. Im Medien-Zeitalter hängt die Diskurshoheit ganz wesentlich davon ab, wer die einprägsamsten Bilder produziert. Im Jubiläumsjahr werden wir durch alle Medien hindurch eine Wiederholungsschleife erleben mit Bildern von untergehakt unter roten Fahnen voranstürmenden Demonstranten, der von einem Polizisten erschossene Benno Ohnesorg und Uschi Obermaier mit dem Joint in der Hand. Bei dieser doppelt gefilterten Geschichtsschreibung fällt sehr viel unter den Tisch wie die Rolle junger Arbeiter und Lehrlinge oder die Rolle der Frauen, von der meist nur der Minirock geblieben ist.

Die bundesrepublikanische Gesellschaft hatte sich zwar vom Anfang der 60er zum Anfang der 70er erheblich und sichtbar verändert, aber es waren Veränderungen, die womöglich auch ohne Mitwirkung der sogenannten Studentenbewegung eingetreten wären als Folge der Weiterentwicklung der Produktivkräfte und den daraus folgenden Veränderungen der Arbeitswelt. Studenten machten damals ein relativ schmales Segment der Gesellschaft aus. Politische Wirkungskraft konnten sie nur entfalten zusammen mit anderen. In Frankreich wurde die Lage für die Regierung De Gaulle erst in dem Moment brenzlig, als die Arbeiter bei Renault in den Streik traten. Eine Allianz, die nicht lange hielt. In Deutschland kam es nicht einmal zu dieser zeitlich begrenzten Koalition. Und was wurde aus der martialischen Revolutions-Rhetorik der studentischen Linken? Ein Teil dieser Linken machte sich auf den langen Marsch durch die Institutionen. Ein Ergebnis ist die erste liberale Demokratie in Deutschland mit einem deutlichen Zugewinn an individueller Freiheit. Aber auch die Hartz-Gesetzgebung ist ein Produkt eben dieser Generation und zugleich – das könnte man als provokante These aufstellen – die Rache der ehemaligen Studentenrevoluzzer an einer Arbeiterklasse, die sich nicht von ihnen zur Revolution führen lassen wollte.

In einem im Kursbuch 1968 veröffentlichten »Gespräch über die Zukunft« zwischen Hans Magnus Enzensberger, Rudi Dutschke, Bernd Rabehl und Christian Semler träumen sich diese »Studentenführer« ihre Räterepublik West-Berlin. Die hat ein Problem: »Wir haben in Berlin den irrsinnigen Zustand einer rasch anwachsenden Veralterung. Wie kann man das Alter produktiv machen?«. Was tun, mit alten Proleten? Denn: »Wenn man die Leute auf den Bänken sitzen sieht, dann bekommt man ein Grausen, wenn man bedenkt, sie warten nur darauf, bis sie irgendwann einmal sterben (…) sie sitzen schon als Leichen dort auf der Bank.« Was also tun mit diesen proletarischen Zombies? »Die Alten müssen wieder hinein in die Zirkulationssphäre, aber auch in die Produktionssphäre, und zwar in ihre ehemaligen Werkstätten; wie viele alte Leute sehen wir, die morgens noch den alten Gang gehen, den sie fünfzig Jahre lang gemacht haben, dann aber vor dem Tor Stehen bleiben und wieder zurückgehen. Diese Fabrik ist ein Teil ihres Lebens, und dann dürfen sie plötzlich nicht mehr hinein.« Denen kann geholfen werden: »Die Alten müssen mit dem Lebensprozeß der Fabrik Tag für Tag verbunden sein. (…) Die Alten gewinnen auch plötzlich im Rätesystem eine ganz subversive Bedeutung, weil sie nämlich nicht mehr ihre Arbeitskraft verkaufen, aber trotzdem im Betrieb drin sind. Ihre Arbeitszeit steht nicht mehr unter dem Druck, sie erzeugt zwar objektiv Mehrwert, aber der Arbeitsprozeß schlägt sich nicht mehr subjektiv in derselben Weise nieder wie beim Lohnarbeiter. Die Alten sind gewissermaßen eine ständige Fabrikbesetzung, und es wäre tatsächlich zu erwägen, ob nicht Leute in der Fabrik wohnen sollen.«

Das klingt wie eine Vorwegnahme der aktuellen Debatten über den demographischen Wandel und die angeblich alternativlose Rente mit 70. An einer Stelle halten die revolutionären Träumer sich, ohne es zu merken, den Spiegel vor: »Enzensberger: Ich glaube, um eine genaue Betrachtung der sogenannten neuen Mittelklassen kommt man nicht herum. Ich meine damit das Angestelltenmilieu, das sehr differenziert ist, das anfängt bei kleinen Beamten, Angestellten und hinaufreicht bis zu den hochbezahlten Wissenschaftlern.« Rabehls Antwort: »Revolutionär werden diese Leute nie; viel eher werden sie Zyniker«. Bernd Rabehl wurde noch mehr als ein Zyniker. Wie Horst Mahler und so manch anderer 68er bog er irgendwann scharf rechts ab. Die anderen Beteiligten wurden zur Gründergeneration der Grünen.

Waren diese Herren denn »die 68er«? Es gibt doch noch die andere Erzählung von Joint, Love-In und Jimi Hendrix. Dabei wird allerdings auch ordentlich übertrieben. Kaum eine Doku über diese Jahre kommt ohne die immer gleichen Bilder von Tänzern beim Open Air-Konzert aus, psychedelischen Lightshows oder die immer wiederkehrende Szene von Frauen, denen man Blümchen auf die nackte Brust malt. Dieses mediale Bild wird längst für bare Münze genommen. Aber es gab das hedonistische »68«. Woodstock, »Tune in, drop out“ und »Sex, Drugs and Rock & Roll«. All das begann schon vor 1968. Deshalb ist der im Englischen statt »68er« übliche Terminus: »the long sixties« wesentlich besser geeignet. Statt eines singulären Ereignisses beschreibt er eine gesellschaftliche Entwicklung und umfasst die Zeitspanne von Mitte der 50er bis Mitte der 70er. Mitte der 50er endete die Rationierung von Lebensmitteln in Grossbritannien, der Nachkriegsboom begann mit einer Arbeitslosenquote von unter 1% und Richard Hamilton etablierte mit der Ausstellung »This is Tomorrow« den Begriff Pop Art. Ein paar junge Leute trafen sich in Liverpool, um eine Band zu gründen und in der Carnaby Street eröffnete die erste Boutique. Was folgte, waren die – so ein anderer Begriff – »Swinging Sixties«. 1974 sah dann die erste heftige Nachkriegsrezession, steigende Arbeitslosigkeit, Streiks. Die Schlussfanfare spielten 1976 die Sex Pistols mit »Anarchy in the UK«. Dann kam Margaret Thatcher.

Für die Bundesrepublik kann man eine ähnliche Chronologie aufmachen. Von den Protesten gegen die Wiederbewaffnung oder einer Gesetzesänderung, die Frauen das Ergreifen eines Berufes ohne Erlaubnis des Ehemannes ermöglichte. Es folgten Rock & Roll-Krawalle als erstes jugendliches Aufbegehren und die Ostermarschbewegung. Die übernahm von der britischen Bewegung für Nuclear Disarmament das Peace-Zeichen. Es stellt die Buchstaben N und D im Flaggenalphabet der Seefahrt dar. In Deutschland wurde es allerdings als Runensymbol gedeutet. Die Kampagne gegen die atomare Rüstung, ausgelöst in Westdeutschlands durch Adenauers Forderung nach nuklearen Sprengköpfen für die im Aufbau befindliche Bundeswehr, brachte es 1958 auf ihrem Höhepunkt auf über eine Million Teilnehmer, getragen durch ein breites Bündnis aus SPD, Gewerkschaften und Kirchen – eine Massenbasis, von der die 68er nur träumen konnten. Lediglich im Kampf gegen die Notstandsgesetze gelang es ihnen, ein breites Bündnis zu schaffen. Dessen Höhepunkt war im Mai 68 der Sternmarsch nach Bonn mit mehreren 10.000 Teilnehmern.

1960 kam die Antibabypille 1962, fand mit dem »Festival für neueste Musik« in Wiesbaden die erste große Fluxus-Veranstaltung statt und in München entbrannten die Schwabinger Krawalle wegen ein paar auf der Strasse Gitarre spielenden Jugendlichen. Arbeiter und Angestellte erfreuten sich immer kürzerer Arbeitszeiten, eines freien Wochenendes und zum ersten mal Urlaub im Ausland nicht nur für die gehobenen Stände. Die 5-Tage-Woche erkämpften die Gewerkschaften. Das freie Wochenende bedeutete nicht nur mehr Freizeit. Es war ein Vorgeschmack auf ein Leben, das nicht nur malochen bedeutete und hat damit wahrscheinlich mehr Nachdenken über »entfremdete Arbeit« bewirkt als die gesamte Textproduktion des SDS. Manchen Jüngeren waren fünf Tage Arbeit immer noch zuviel. Die Gammler, jugendliche, meist proletarische Aussteiger, erhitzten Mitte der 60er die Gemüter wegen ihrer langen Haare, dem Peace-Zeichen auf ihren Parkas, ihrer Liebe zum Blues und vor allem ihrer Verweigerung der protestantischen Arbeitsethik. Die Gammlerbewegung, die ihren Höhepunkt etwas 1966 hatte, ist aber, genau wie die ein paar Jahre früher stattfindenden Rock & Roll Krawalle, aus der Geschichtsschreibung weitgehend herausgefallen, da sie kaum literarische Zeugnisse hinterlassen hat und kein geschlossenes Programm. Vorbilder waren die amerikanischen Beatniks. Man las die Geschichten von Jack Kerouac oder Allen Ginsberg. Musikalisch nahmen Gammler, was sie vorfanden und ihrer Vorstellung von persönlicher Freiheit entsprach. Man hörte Dylan oder spielte selber auf der akustischen Gitarre, die man mit sich herumtragen konnte. Beliebt waren auch die härteren Bands der britischen Blues-Szene wie die Pretty Things. Hubert Fichte hat diese Szene in seinem Roman »Die Palette« porträtiert. Auch wenn es den Gammlern, die oft Dropouts aus Arbeiterfamilien waren, um persönliche Freiheit ging, spielte sich ihr Protest scheinbar in einem vorpolitischen Raum ab. Die Abweichung von der Norm liess aber die mühsam unter einer formaldemokratischen Decke gehaltene braune Ideologie der keine Abweichung duldenden Volksgemeinschaft hochkochen. Gammler wurden von ordentlichen Deutschen ins Arbeitslager gewünscht – keine leicht zu nehmende Drohung. Die kam von Leuten, die zwei Jahrzehnte vorher ernst gemacht hatten. Es sind dieselben Konfliktlinien, die gemeinhin mit 68 verbunden werden – aber ein paar Jahre vorher, was der Rede von den »long sixties« entspricht. Die Gammler gingen dann 1968 zu einem großen Teil in der neuen Protestbewegung auf. Die wohl bekannteste Biografie, die das spiegelt, ist die von Bommi Baumann. Dessen Weg führte von einer Lehre als Betonbauer zu den Gammlern, der Teilnahme an den Krawallen nach dem Rolling Stones-Konzert in der Westberliner Waldbühne, zur militanten »Bewegung 2. Juni«.

Von »den 68ern« zu reden würde auch heissen, dass damals eine klassenlose Gesellschaft Einzug gehalten hätte. Einfach so. Der Traum von der Woodstock-Generation. Alle gleich bekifft im bunten Fummel, tanzend zur gleichen Musik. Das ist doch eigentlich nichts Schlechtes. Aber da ist man schon bei den Widersprüchen. Das war überhaupt nicht, was die sogenannten »Studentenführer« wie Dutschke wollten. Ausgerechnet das, was für angenehme Erinnerungen taugen würde, war für ihn und seine Genossen »Konsumterror«. Oberflächlich betrachtet schien das allerdings nicht so völlig falsch zu sein mit der klassenlosen Gesellschaft. Es machte das Wort von der »nivellierten Mittelstandsgesellschaft« die Runde. Der Lebensstandard von Arbeitern und Angestellten stieg spürbar. Die Entwicklung neuer Technologien schuf Aufstiegschancen. Die lange Nachkriegskonjunktur machte Arbeitskräfte zur Mangelware, die sich entsprechend teuer verkaufen konnte. Dazu gehörte allerdings auch, dass man die unteren Ränge mit Gastarbeitern füllte, die die Drecksarbeit übernahmen. Die Politik folgte einer Art Klassenkompromiss nach keynesianischem Muster. Die Entwicklung der Produktivkräfte brauchte nicht nur qualifiziertes Personal für die Produktion, sie brauchte auch Konsumenten. Zur ökonomischen kam die politische Motivation, die Produzenten am entstandenen Reichtum teilhaben zu lassen. An der Nahtstelle der Blöcke galt es im Kalten Krieg zu beweisen, welches System das bessere ist.

Der Terminus Nivellierte Mittelschicht funktionierte in den 60ern mit allgemeiner Zustimmung der Beteiligten. Wer mochte schon als »rich kid« identifiziert werden, das seine gewagten Sprünge im bekifften Hippiehimmel oder Parolen wie das zweideutige »Sieg im Volkskrieg« grölend, mit dem sicheren Netz des elterlichen Erbes unter sich vollführt? Umgekehrt wollten die Angehörigen der Arbeiterklasse den Konnotationen von Schmutz, Schweiß, Grobheit und kultureller Enge entfliehen. Sie taten das mit einigem Eifer, weswegen auch hier der englische Begriff treffender ist: aspiring working class. Das lässt sich am besten mit ehrgeizig übersetzen. Und ehrgeizig war man. Man bildete sich weiter, besuchte die Abendschule, holte das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nach. Und was man selber nicht schaffte, sollten die Kinder erreichen. Die sollten es besser haben und der Weg dahin hieß Bildung. Das galt auch für einen großen Teil der seit Anfang der 60er zugewanderten Migranten. Niemand diskutierte oder finanzierte Integration. Das besorgten die Betroffenen selber – auch hier in der Überzeugung, dass es die Kinder durch Bildung besser haben sollen. Für das lange Jahrzehnt von Elvis Presley, den Beatles bis zu Punk gaben Künstler aus der aspiring working class den kulturellen Takt vor. Bis mit den sich verschlechternden ökonomischen Bedingungen die alte Oberschicht zum Gegenschlag ausholte.

John Lennon hatte das schon Anfang der 70er geahnt, als er in seinem Song »Working Class Hero« diese Zeilen sang: »wenn du ungebildet bist, verachten sie dich, bist du klug, hassen sie dich«. Denn dann bist du Konkurrenz. Nicht gerade für die Oberschicht. Aber für die Mittelschicht, die im Bioladen einkauft und den Nachwuchs auf die Waldorfschule schickt. Nicht nur, weil es gesünder ist oder das Lernen dort mehr Spaß macht. Vor allem auch, um eine Grenze zu ziehen zu denen da unten und deren Blagen. Die mediale Erfindung der »Unterschicht«, der Verwandlung der Arbeiterklasse in eine Karikatur aus falscher Ernährung und schlechtem Geschmack ist dabei das Mittel zur moralischen Rechtfertigung für die seit den 1990ern fortschreitende Spaltung der Gesellschaft.

Zu den Gewinnern der gesellschaftlichen Veränderungen über das lange Jahrzehnt der 60er gehörten die Frauen. Damals befand sich die avancierteste Technik, über die man individuell verfügen konnte jenseits von Militär oder Fabrik, in den Händen von Frauen. Wenn damals irgendwo im deutschen Haushalt die Moderne einzog, dann war es zuerst die Küche. Während im Wohn- und Schlafzimmer die Herrschaft des Biedermeiers ungebrochen weiterging, strahlten in der Küche Chrom und Glas. Bauknecht wusste, so der Werbeslogan, was Frauen wünschen: technischen Fortschritt und modernes Design. Das wichtigste Produkt dieser oft wie aus den Laboren der NASA aussehende Geräte war Freizeit – Zeit, über die frau frei verfügen konnte.

Dass Role Model für die neue Weiblichkeit wurde ab 1965 von Diana Rigg als Mrs. Emma Peel (den Mister Peel sah man nie) in der britischen Fernsehserie The Avangers verkörpert – kühl, geistreich, immer nach der neuesten Mode gekleidet und gleichermassen bewandert in Karate und Atomphysik. Ihre Gegner waren bevorzugt degenerierte Aristokraten, holzköpfige Militärs oder gierige Geschäftemacher. In der Folge »A Touch of Brimstone« befördert sie einen adligen Bösewicht, der die Demokratie durch die Herrschaft einer aristokratischen Möchtegern-Elite ablösen möchte, mit einem eleganten Karate-Tritt durch ein Loch im Fussboden in die unten vorbeifliessende Themse. Ein wahrhaft freudianisches Ende.

Die gesellschaftliche Praxis in Westdeutschland hing solchen Utopien allerdings hinterher. Ende der 60er heirateten die meisten Frauen mit 20 – 23 Jahren um danach Hausfrauen zu werden, Kinder zu betreuen und ihren Ehemännern nach des Tages Arbeit ein gemütliches Heim zu bieten. Ausbildung und Beruf wurden mehrheitlich als Durchgangsstationen gesehen, in denen frau sich die Aussteuer verdiente und etwas zur Einrichtung des neugegründeten Haushalts beisteuerte. Mit dem ersten Kind war dann Schluss. Das galt auch für Studentinnen, die ohnehin in der Minderheit, oft ihr Studium abbrachen, wenn das erste Kind kam. Ihre Partner kamen nie auf diese Idee – auch nicht die linken Revoluzzer. Während die ihre immer abgehobeneren Theoriedebatten führten, machten die Frauen den Abwasch oder bestenfalls Sekretärinnendienste. Bis es 1968 bei einem SDS-Kongress zum Aufstand kam mit Tomatenwürfen der SDS-Frauen auf das ausschliesslich männlich besetzte Podium. Für die Männer waren die Forderungen der Feministinnen nur sogenannte Nebenwidersprüche, die sich nach der Weltrevolution von selber lösen würden. Die Frauen sahen das praktischer und gründeten die Kinderladenbewegung, um sich von der vereinzelnden Rolle als Hausmütterchen zu befreien. Es wurde eine Debatte begonnen, die weit über die linken Studenten hinaus Wirkung hatte. Immer mehr Frauen nahmen ihr Leben in die eigenen Hände, die Scheidungsrate stieg und über 70% der Scheidungen in den 1970ern fanden auf Initiative der Frauen statt.

Die 68er sind irgendwann bescheiden geworden. Aus der Weltrevolution wurde nichts, der Sieg des Vietcong brachte über eine Million Bootsflüchtlinge, das Ende des Schah-Regimes brachte Chomeini an die Macht. Da wollte man als Trostpreis wenigstens in Deutschland eine Kulturrevolution vollbracht haben. Das ist nicht falsch, dabei wird aber der Anteil, den die aus den Debatten der langen 60er hervorgegangene feministischen Bewegung hat, weitgehend ignoriert. Bei den Namen, die als Macher der Geschichte aufgezählt werden, ist keine Frau dabei. Wenn es ein weibliches Bild gibt, dann ist es Uschi Obermaier als 68er Pin Up. Dabei hatte der männliche Teil der 68er sich alsbald in hermetische K-Gruppen zurückgezogen, wo sie die Solidarität mit immer kleineren nationalen Befreiungsbewegungen hochleben liessen oder ganz in Verschwörungstheorien abglitten, wo sie hinter jedem umgefallenen Sack Reis wahlweise die CIA, den Mossad oder beide vermuteten.

Unter dem Widerspruch zwischen autoritärer patriarchalischer Ideologie und den Versprechungen und Möglichkeiten der Moderne litten vor allem Jugendliche. Sie waren in der Situation von Kindern, die sich an der Schaufensterscheibe die Nasen plattdrückten und all die bunten Verheißungen anstarrten. Von Jugendlichen wurde vor allem eines verlangt: den Mund zu halten und sich reibungslos an die Disziplin von Schule, Fabrik und seit 1955 wieder Militär anzupassen. Wer etwas Fernseharchäologie betreibt und sich die pseudodokumentarischen, mit viel Lokalkolorit gedrehten Krimiserien wie Stahlnetz aus den frühen 1960ern anschaut, wird darin eines nicht finden: Jugendliche. Es gibt Kinder und es gibt unfertige, meist unbeholfene junge Erwachsene. Jugend als eine immer länger werdende, selbstständige Lebensphase mit eigenem kulturellen Ausdruck war noch nicht erfunden. Wenn Jugendliche auftauchen, dann als delinquente Halbstarke, also schon fast als eigener Straftatbestand. Die sind gekennzeichnet durch unsoldatische Körperhaltung, Konsumlust und vor allem durch patzige Antworten, mit denen sie die Autoritäten herausfordern. Ein weiteres wiederkehrendes Merkmal ist die Verwendung von Anglizismen in Musik, Kleidung und Sprache, fast so, als wären sie die zweite Welle der GIs, die das Besatzungsregime in Schulen und Familien tragen.

Als man im SDS noch gemeinsam mit Walter Ulbricht und dem reaktionären Bürgertum Rock & Roll für »ausländisches Jäh Jäh« und amerikanischen Schund hielt (wo sollte Schund auch sonst herkommen?), hatten Teile vor allem der Arbeiterjugend genau dort ihr Utopia entdeckt. Undiszipliniert, aufregend, erotisch – bloß keine antimoderne Romantik. Diese Musik wurde mit den modernsten Mitteln der Technik gemacht und verbreitert und klang wie nichts, das es vorher gegeben hatte. Und am allerwenigsten deutsch. Rechte wie linke Reaktionäre beklagten unisono die angebliche Konsumgier der Jugendlichen, etwas was vor allem beim jungen Proleten als unerhört, als Verstoß gegen die Klassenordnung empfunden wurde. Der hatte zu arbeiten und ansonsten die Klappe zu halten. Was die Reaktionäre und Hüter von Enthaltsamkeit und militärischer Disziplin gar nicht oder nur als Bedrohung verstanden: es handelte sich eben nicht um blossen Konsum sondern um eine aktive Aneignung – von der Gründung der eigenen Band (Mitte der 60er schwappte eine Welle frisch gegründeter Beat-Bands vor allem über das Ruhrgebiet), über Mode zur entmilitarisierten Körpersprache, Rolf Dieter Brinkmann steuerte dazu von den amerikanischen Beats inspirierte Gedichte bei gegen das bedeutungsschwangere Geraune deutscher Dichter und Denker.

Für das Bürgertum war die kulturelle Amerikanisierung ein Graus. Ihnen ging mit dem Verlust der kulturellen Hegemonie auch ein Teil der Legitimation ihres Herrschaftsanspruchs verloren. Besiegt ausgerechnet von den Amis, die statt Kultur angeblich nur Urwaldmusik und Kaugummi haben. In den 1950ern gab es tatsächlich Überlegungen, sich mit »Kulturpaketen« bei den Amerikanern für die Care-Pakete zu bedanken, mit denen die USA die Deutschen nach dem Krieg mit Lebensmitteln versorgt hatten. So bekam Rock & Roll, anfangs ein hauptsächlich proletarisches Vergnügen, eine politische Dimension. Bei den ersten Rock & Roll-Krawallen 1958 anlässlich der Tournee von Bill Haley, war unter den verhafteten Jugendlichen, die sich nach einer nur 15-minütigen Show der Band abreagieren mussten, nur ein Gymnasiast. Alle anderen waren Arbeiter oder Lehrlinge. Als Jerry Lee Lewis 1962 im Starclub seine „Great Balls of Fire“ in das Klavier hämmerte, schrieb das Hamburger Abendblatt naserümpfend, »Die jungen Leute, zum Teil sehr jung, sind Maschinenarbeiter, Anlernlinge, Industrie-Lehrlinge, Hafenarbeiter, einfach, anspruchslos, stark.« Es dauerte eine Weile, bis der bürgerliche Nachwuchs auf den Geschmack der verbotenen Früchte kam und sich an Orte wie den Starclub wagte.

Als Jugendlicher war man einer permanenten Kontrolle unterworfen und eigentlich nur unverdächtig, wenn man unsichtbar blieb. »Solange du die Beine unter meinen Tisch steckst …« war einer der Sprüche, mit denen der Nachwuchs diszipliniert wurde. Der war besonders wirkungsvoll bei Schülern und Studenten, die über kein eigenes Einkommen verfügten. Wer eine berufliche Ausbildung machte, hatte es auch nicht viel besser, denn »Lehrjahre sind keine Herrenjahre«. Die meisten Lehrlinge waren in kleinen Betrieben beschäftigt, wo sie vor allem eines waren: billige Arbeitskräfte. Der Ausbildungsstandard war dürftig, wenn man nicht das Glück hatte, eine Lehrstelle in einem Großbetrieb mit eigener Lehrwerkstatt gefunden zu haben. Es gab nur ein minimales Lehrgeld, das oft bei den Eltern bis auf ein kärgliches Taschengeld abgeliefert werden musste. Wer nicht spurte, bekam zu hören »dann kommst du ins Heim«. Das war keine leere Drohung. Die härteste Maßnahme zur Disziplinierung war die Einweisung in ein Erziehungsheim. Dort wurden bis Anfang der 1970er Kinder und Jugendliche mit körperlicher Gewalt diszipliniert, eingesperrt und zu unbezahlter Zwangsarbeit herangezogen. Zu der Ausbeutung als billigste Arbeitskräfte kamen noch die zahlreichen Fälle sadistischer Gewalt und sexuellen Missbrauchs.

Ein Weg für Schüler und Lehrlinge, beengten Wohnverhältnissen, der sozialen Kontrolle und Disziplinierung zu entkommen, war der Kampf um selbstverwaltete Jugendzentren. An eine eigene Wohnung war nicht zu denken. Nicht nur aus finanziellen Gründen. Man hätte auch keinen Vermieter gefunden. Besonders drückend war die Situation von Jugendlichen in kleinen Städten, wo man sich nur misstrauisch von Polizei und Bürgern beäugt im Sommer in Parks und auf öffentlichen Plätzen treffen konnte. Selbst wenn es ein Angebot an kommerziellen Veranstaltungsorten gegeben hätte – mit einem schmalen Taschengeld wäre das nicht zu finanzieren gewesen. Anfang der 70er war diese Situation unerträglich geworden und die Jugendlichen begannen sich zu organisieren und leerstehende Fabriken oder städtische Räume zu besetzen um darin selbstverwaltete Jugendzentren einzurichten. Anfang der 70er gab es über 150 dieser Hausbesetzungen. Die Behörden reagierten anfänglich mit Polizeieinsätzen. Später änderte sich die Strategie und die Jugendzentren wurden akzeptiert und längerfristig professionalisiert. Trotz der grossen Zahl beteiligter Jugendlicher und obwohl einige dieser Zentren heute noch existieren, ist diese Bewegung in der von den studentischen 68ern dominierten Geschichtsschreibung weitgehend untergegangen. Vielleicht weil diese Jugendlichen, statt sich auf die Weltrevolution vorzubereiten, lieber abhängen und Musik hören wollten.

Für Lehrlinge und Schüler waren Rainer Langhans und Fritz Teufel die Helden. Hatten die doch vor Gericht mit ihrem Kommentar zum sich Erheben der Angeklagten die Hohlheit der Rituale der Herrschaft entlarvt – »Wenn‘s der Wahrheitsfindung dient«. Das waren Unterwerfungsgesten die auch Schülern und Lehrlingen abverlangt wurden. Die Attraktivität der Kommune, also eines Lebens ohne permanente Disziplinierung, brauchte man den in engen Arbeiterwohnungen unter ständiger Überwachung Aufgewachsenen auch nicht erklären. Das verstanden die sofort. Rudi Dutschke bewunderte man für das rhetorische Talent, mit dem er die Autoritäten herausforderte, ohne allzuviel vom Gesagten zu verstehen. Er machte sichtbar, dass die gesellschaftliche Stellung seiner Kontrahenten allzuoft nur auf Status und Herkunft beruhte und nicht auf Leistung. Und auch nicht auf Moral, denn der Status wurde bei vielen unbeschadet vom Nationalsozialismus in die Bundesrepublik getragen. Dutschkes Debattenbeiträge wurden als mehr empfunden, als der Satz von dem berühmten Transparent »Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren«. Stattdessen war Dutschke das Kind aus dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern, das mit dem Finger zeigt und ruft »der ist ja nackt!«. Dennoch dämmerten es einigen, dass sie Zeuge eines innerbürgerlichen Fraktionskampfes waren um Macht, Pfründe und Nachfolge, bei dem die unteren Stände nicht viel zu gewinnen haben. Nur ein paar Brosamen, die zu ihnen herunterfallen, wenn sie als Verbündete oder Drohkulisse gebraucht werden. Inzwischen sind die Brosamen wieder eingesammelt und etliche Kämpfer gegen den Muff haben sich nach kurzem Auslüften die Talare selber angezogen.

Im Kampf gegen autoritäre Strukturen und eine repressive Sexualmoral fanden sich Schüler, Lehrlinge und Studenten in derselben Position. Das galt auch für die, die man die Generation Twen nennen könnte – nach der ersten, modernen Lifestyle-Zeitschrift der Bundesrepublik, die ab 1960 erschien. Die Zielgruppe waren junge, hedonistische und konsumorientierte Erwachsene, die an Musik, Kunst und Mode interessiert waren. Die sprach man mit einem modernem Layout und aufwendigen Fotostrecken an. Politisch würde man die Position der Zeitschrift als linksliberal verorten. Diesen Gruppen war gemeinsam, dass sie unter dem Mief und den repressiven Moralvorstellungen litten. Das war ja nicht nur ein atmosphärisches oder kulturelles Problem. Diese Moralvorstellungen waren in Gesetze gegossen: §218 – Abtreibung, §175 – Homosexualität, §180 – Kuppelei. Dieser Paragraf stellte unter Strafe, wenn ein bei seinen Eltern lebendes, volljähriges Kind über Nacht Besuch hatte. Auch auf der materiellen Seite wollte man seinen Anteil am Kuchen. Nachdem die Nachkriegsnot überwunden war, erschien das »Gürtel enger schnallen« angesichts der rasant gewachsenen Produktivkräfte nur noch anachronistisch.

Wenn es gegen diese Verhältnisse ging, zogen alle diese verschiedenen unter dem Begriff 68er subsumierten Gruppen ein paar Jahre am selben Strang. Wenn Lehrlinge forderten, nicht mehr geschlagen zu werden, dafür aber ordentlich ausgebildet und bezahlt, war das für die radikalen Studenten letzten Endes nur Reformismus. Für die Lehrlinge war Amerika ein Sehnsuchtsort mit Rock & Roll, Blue Jeans, Surfbrett und Führerschein mit 16. Die linksradikalen Studenten dagegen machten die Gleichung auf: USA = SA = SS. Das hatte wenig mit der Realität zu tun aber viel mit dem Bedürfnis nach Entschuldung und Wiedergutwerdung eines Bürgertums, das in großen Teilen die Funktionselite des III. Reiches gestellt hatte. Der euphemistisch zum Antizionismus umetikettierte Antisemitismus hatte die gleiche Funktion. Und spätestens mit der RAF enden für die Bundesrepublik die »langen 60er«. Es dauerte dann noch ein paar Jahre, dann konnten die K-Gruppen-Mitglieder ihre Liebe zu nationalen Befreiungsbewegungen in die Liebe zur deutschen Nation transferieren. Dass Ende der 60er die Arbeiterklasse auf Distanz blieb zu diesen Revoluzzern, zeigte sich als richtige Einschätzung. Die Arbeiterklasse weiß, was es bedeutet, wenn der Chef sagt »wir« müssen uns anstrengen. Auch wenn 68 die Schröders, Fischers und Trittins vom Chef-Sein noch ein paar Jahre träumen mussten. Die Liste der ehemaligen K-Gruppen-Mitglieder, die es so noch zu etwas gebracht haben, wenn nicht ohnehin ein reichliches Erbe ihren Lebensweg geglättet hat, ist lang. Als Beispiel sei hier nur Joscha Schmierer genannt, der es vom Zentralsekretär des KBW (Kommunistischer Bund Westdeutschland) und nach einem Solidaritätsbesuch bei Pol Pot in Kambodscha unter Joseph Fischer zum Mitarbeiter im Planungsstab des Auswärtigen Amtes brachte. Nicht nur Horst Mahler bog irgendwann scharf rechts ab und tauschte die Weltrevolution gegen die Nation. Das aktuelle Beispiel ist Jürgen Elsässer. Für einen echten 68er ein bisschen zu jung, aber wie die Grünen Jürgen Trittin und Angelika Beer ehemaliges Mitglied des maoistischen KB (Kommunistischer Bund) und heute einer der umtriebigsten Propagandisten der Neuen Rechten.

Jetzt treten die 68er nach und nach ab. Ein bisschen Schulterklopfen sei ihnen mit den eben erwähnten Ausnahmen noch gegönnt für ihre Leistungen: Unisex-Toilette, Ehe für alle und Gendergerechte Sprache. Leider hat letztere den Pay-Gap für Frauen und deren erhöhtes Armutsrisiko nicht verhindert. Auch der Kampf um die Frauenquote bei DAX-Vorständen dürfte der alleinerziehenden Aldi-Kassiererin egal sein. Aber wer wird schon so kleinlich sein und deswegen den 68ern die Geburtstagsparty vermiesen. Das Land ist doch viel toleranter geworden. Auch wenn die Toleranz vielleicht nur Laissez Faire ist und die Entwicklung von Parallelgesellschaften ermöglicht hat, die eben dieser Toleranz gefährlich zu werden drohen.

Vielleicht reicht der Blick in die Statistik, um die Erfolge der 68er zu messen: im frühen 19. Jahrhundert verfügten 10% der Bevölkerung über 80% bis 90% des Vermögens. In den Nachkriegsjahren, als die 68er ihren Weg begannen, sank dieser Wert auf 45%. Das war der Anlass, von der nivellierten Mittelstandsgesellschaft zu reden. Heute liegt der Vermögensanteil des reichsten Dezils bei 70%. Tendenz steigend. Dem steht am anderen Ende der Gesellschaft eine steigende Anzahl von Menschen in Leiharbeit und prekären Beschäftigungsverhältnissen, ein wachsender Niedriglohnsektor und die Rückkehr der Dienstbotengesellschaft gegenüber. Das soll keine Schuldzuweisung an die 68er sein, zeigt aber, dass die offenbar bei ihrer Kulturrevolution ein paar Dinge übersehen haben. Und ganz unbeteiligt sind sie nicht. Die sich verschärfende soziale Spaltung der Gesellschaft wird von Soziologen wie Sighard Neckel als als Neofeudalismus bezeichnet. So wie der alte Feudalismus sein Personal für Unterhaltung und Ideologieproduktion hatte, hat auch der neue Feudalismus seine »chattering class«, seine die Talkshows bevölkernde plappernde Klasse. Mit der Regierungsübernahme durch Rot-Grün, als der Marsch durch die Institutionen an sein Ziel gekommen war, stiegen die Ausgaben der Bundesregierung für die Eigenwerbung drastisch an. Der Medienbereich dehnte sich gewaltig aus. Da fand so mancher Alt-68er ein nettes Auskommen.

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»Geht doch arbeiten!« http://spektakel.blogsport.de/2018/03/08/geht-doch-arbeiten/ http://spektakel.blogsport.de/2018/03/08/geht-doch-arbeiten/#comments Thu, 08 Mar 2018 09:41:37 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2018/03/08/geht-doch-arbeiten/ Nicht-Arbeit und soziale Diskriminierung
vom ›Halbstarken‹ bis zum ›Gammler‹

Do 22.03.2018 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Ab den 50er Jahren treten in der BRD verschiedene Sozialtypen ins Zentrum von gesellschaftlichen Debatten – etwa Eckensteher, Halbstarke, Langhaarige oder Gammler. An diesen Figuren verdichteten sich auf je unterschiedliche Weise Diskurse über jugendliches Verhalten, Männlichkeit und Weiblichkeit, die Nutzung des öffentlichen Raumes und die Zuständigkeit des Staats. Zentral war dabei auch die tatsächliche oder unterstellte Verweigerung der (Lohn-)Arbeit. Die gegen Abweichler*innen in Stellung gebrachte Nützlichkeitsideologie wurde von Denormalisierungsängsten grundiert und mobilisierte neue Regierungstechnologien, führte aber langfristig zu veränderten Rollenbildern. Bodo Mrozek (Historiker am Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam) geht auf diese Debatten und auf Selbstbeschreibung und Fremdzuschreibung dieser Jugendlichen ein.

Foto von Claus Bach:  Frauenplan Weimar 1976
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Vor ’68 http://spektakel.blogsport.de/2018/03/07/vor-68/ http://spektakel.blogsport.de/2018/03/07/vor-68/#comments Wed, 07 Mar 2018 09:41:47 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2018/03/07/vor-68/ Beat und Gammler, Konsum und Verweigerung
Jugend in Westdeutschland

Do 05.04.2018 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Kaum ist das Luther-Jahr vorbei, wird dieses Jahr 1968 als historische Wegmarke gefeiert. Dabei kommt 68 oder „die 68er“ untrennbar angekettet daher an die Begriffe Studentenbewegung oder Studentenrevolte. Die sollen, so der Tenor des Jubiläumsjahres, zwar nicht ihre sozialistischen Träume verwirklicht haben. Aber sie hätten eine Kulturrevolution vollbracht, die gescheiterte bürgerliche Revolution von 1848 vollendet, das Land demokratisiert und entnazifiert – also das moderne Deutschland geschaffen, das mit moralischem Überlegenheitsanspruch in der Welt auftreten darf.

Dazu eine Binsenweisheit: Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Aus den Studenten von damals sind die Professoren, Journalisten, Autoren von heute geworden, die die Geschichtsschreibung bestimmen. Tatsächlich war die Zahl der Studenten gering. In den 1960ern machten nicht einmal 10% eines Jahrgangs Abitur. Davon waren nur wenige Teil des linken Spektrums, das heute als „die 68er“ erscheint. Dementsprechend begrenzt war ihre politische Wirkmacht. In Frankreich wurden die Studentenproteste erst dann für die Regierung De Gaulles bedenklich, als die Arbeiter von Renault die Fabriken besetzten. Der nicht studentische Teil des Protestes gegen die alten, autoritären Strukturen wie die Lehrlingsbewegung ist heute aber weitgehend vergessen.

Im Medien-Zeitalter hängt die Diskurshoheit ganz wesentlich davon ab, wer die einprägsamsten Bilder produziert. Im Jubiläumsjahr werden wir durch alle Medien hindurch eine Wiederholungsschleife erleben mit Bildern von untergehakt unter roten Fahnen voranstürmenden Demonstranten, der von einem Polizisten erschossene Benno Ohnesorg, oder den nackt posierenden Mitgliedern der Kommune und Uschi Obermaier mit dem Joint in der Hand. Bei dieser doppelt gefilterten Geschichtsschreibung fällt sehr viel unter den Tisch wie die Rolle junger Arbeiter und Lehrlinge oder die Rolle der Frauen.

Auch die Fixierung auf die Jahreszahl 68 ist fraglich. Die meisten Veränderungen, die das Land in dem Jahrzehnt von 1960 bis 1970 erfuhr, waren nicht das Ergebnis singulärer Ereignisse oder der Taten heldenhafter Revolutionäre sondern Prozesse, die sich auch ohne die Studentenbewegung auf Grund ökonomischer Entwicklungen und des Generationenwechsels vollzogen hätten. Das fing lange vor 68 an mit den Halbstarkenkrawallen, den Ostermärschen, der Beat-Musik oder den Gammlern, zumeist proletarischen Aussteigern, die die Gemüter der Spießer Mitte der 60er erregten. Man könnte die Frage stellen, ob nicht die von den Gewerkschaften durchgesetzte 5-Tage-Woche mehr für die kulturelle Veränderung getan hat, als die gesamte Textproduktion des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes.

Die 5-Tage-Woche war das Ergebnis des nach dem Krieg notwendig gewordenen Kompromisses zwischen Kapital und Arbeit und des Nachkriegsbooms. Freizeit ist auch ein Vorgeschmack auf Freiheit. Durch die gestiegenen Einkommen und das Mehr an Freizeit wurde erst so etwas wie eine Jugend- oder Popkultur möglich. Die ist zwar durchaus ambivalent in ihrer Mischung aus Freiheitsversprechen und Konsumismus. Für die Ideologen der Studentenbewegung aber war sie vor allem eines: angepasst. Die bogen sich das falsch verstandene Wort von der Kulturindustrie zurecht, indem sie es mit dem bürgerlichen antimodernen und antiwestlichen Kulturchauvinismus vermählten. Der Arbeiter, der endlich mehr wollte als nur malochen, war für sie der vom Konsum verblödete „eindimensionale Mensch“, weswegen sie sich ihr „revolutionäres Subjekt“ lieber in einer romantisierten Ferne bei nationalen Befreiungsbewegungen der Dritten Welt suchten. Man könnte die provokante Frage stellen, ob es eine gerade Linie gibt von der, trotz aller sozialistischer Rhetorik, Verachtung des Arbeiters hin zur Agenda 2010. Die haben die 68er ausgeheckt, die es beim Marsch durch die Institutionen an die Spitze geschafft hatten.

Wolfgang Seidel ist Musiker und Autor. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern von Ton Steine Scherben. 2016 veröffentlichte er im Ventil-Verlag das Buch „Wir müssen hier raus! Krautrock, Free Beat, ­Reeducation“.

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Post ´68 http://spektakel.blogsport.de/2018/03/05/post-68/ http://spektakel.blogsport.de/2018/03/05/post-68/#comments Mon, 05 Mar 2018 09:41:51 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2018/03/05/post-68/ Politik und Psychedelic: Ostblock-Popkultur zwischen
Nonkonformismus und “Normalisierung” 1968 – 1978

Do 26.04.2018 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Das Jahr 1968 war weltweit ein Aufbruch in vehementer Ablehnung der Verhältnisse, oft getragen vom Nonkonformismus der Hippie-Bewegung, die sich schnell auch in den Ländern des Warschauer Pakts etablierte. Deren „Love, Peace & Happiness“ wurde dort wegen der transportierten radikal-demokratischen, sexuell libertären, pazifistischen oder spirituellen Ideen schnell zur Provokation, auf die repressiv reagiert wurde. Am extremsten in der ČSSR nach dem Einmarsch des Warschauer Pakts im August 1968, der den „Prager Frühling“ beendete und die sogenannte „Normalisierung“ auslöste. Aber die Saat der Subkultur konnte nicht komplett unterdrückt werden, zumal das System sich im Widerspruch bewegte, den antikapitalistischen Jugend-Bewegungen des Westens wie der Dritten Welt aufgeschlossen gegenüber wirken zu wollen. Parallel entwickelten sich so auch Tendenzen der Tolerierung und sogar Förderung, die mit Einhegung und Reglementierung einhergingen, jedoch auch zu einer einzigartigen Phase gegenseitigen kulturellen Austauschs führte. Die mehrmedial unterfütterte Präsentation von „Post ´68“ wird daher nicht nur die jugendkulturelle und künstlerische Opposition betrachten, sondern zugleich das widerspruchsreiche Einsickern ihrer Ästhetik, in dessen Vor- und oft auch Rückbewegungen. Dabei geht es quer durch den gesamten Ostblock mit den jeweiligen Landesbedingungen sowie einmal durch die Dekade 1968-1978, an deren Ende mit Punk ganz neue radikale Ansätze kamen. An dem mit der Charta 77, gegründet in Reaktion auf die Unterdrückung künstlerischen Ausdrucks, sowie in Polen mit dem Komitee zur Verteidigung der Arbeiter zudem auch zwei politische Gruppen existierten, die den Beginn des Wegs zum Systemkollaps von 1989 markierten.

Alexander Pehlemann ist Autor, Kurator, DJ (Al-Haca Sound System), Kompiler, Journalist und Netzwerker. Seit 1993 ist er Herausgeber des »Zonic«, Magazin bzw. Almanach für »Kulturelle Randstandsblicke & Involvierungsmomente«.

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Der Beginn einer Epoche? http://spektakel.blogsport.de/2018/03/04/der-beginn-einer-epoche/ http://spektakel.blogsport.de/2018/03/04/der-beginn-einer-epoche/#comments Sun, 04 Mar 2018 09:41:59 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2018/03/04/der-beginn-einer-epoche/ Eine kurze Geschichte von Detournement
und Récupération des Mai ’68

Do 24.05.2018 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Sie haben „Deutschland wahlweise gründlich zivilisiert“ oder „an die Wand gefahren“: DIE 68er, vor dreißig, vierzig Jahren von den Punks noch als jener kumpelige Führungsnachwuchs gehasst, der nun die Zwänge im mitbestimmbaren Gewand exekutierte; Modernisierungsadel, Minister, Avantgarde für jeden Scheiß; in der Toskana, in Rente, verarmt – oder auch schon längst tot, verzweifelt daran, dass alles so weiterging. Aber auch in Italien, England, Mexiko, Japan oder den USA, ganz besonders aber Frankreich hat sich ein spektakuläres Bild von 68 in den Gencode nationaler Modernisierungserzählungen eingefressen, das vom allgegenwärtigen rechtsnationalistischen Backlash vehement bekämpft, inzwischen mit seinen Protagonisten von der Bühne abtritt. Was bleibt? Global scheint von der mit 68 konnotierten Erinnerung kaum mehr anderes kenntlich als die Modernisierung des Antisemitismus und des Antiamerikanismus. Das Projekt des Antiimperialismus und Kulturrelativismus, um 68 so gründlich modernisiert, hat sich im Islamismus wiedergefunden oder im Staat als letztlicher Appellationsinstanz.

Wars das? Dann wären alle jene massenhaft in den 60er Jahren weltweit manifest gewordenen Sehnsüchte und Hoffnungen nichts weiter als notwendiges Vorspiel zum gegenwärtigen dystopischen Resultat gewesen, jenes spektakulären Monologs des Weltzustands, der von sich nichts anderes mehr zu sagen weiß als: Es ist.

Wie aber die Arbeit der Widersprüche in der wechselhaften Epoche um dieses zum spektakulären Bild geronnenen Jahres 68 herum vor sich ging, wie ein Bewusstsein der Möglichkeiten über die Wiederaufnahme revolutionärer Kritik sich bildete und wieder verfiel, soll an einer der damals bewusstesten Assoziationen und ihrem Vorgehen namentlich in Frankreich dargestellt werden: der Situationistischen Internationale.

Erwartet werden darf eine kurze Geschichte von Detournement und Récupération im Mai ’68 – anlässlich des Jubiläums multimedial dargeboten durch Teile des Autor_en*kollektief Biene Baumeister Zwi Negator.

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Zur Geschichte eines Bruchs http://spektakel.blogsport.de/2018/03/03/zur-geschichte-eines-bruchs/ http://spektakel.blogsport.de/2018/03/03/zur-geschichte-eines-bruchs/#comments Sat, 03 Mar 2018 09:42:11 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2018/03/03/zur-geschichte-eines-bruchs/ Wochenend-Workshop zur ’68er-Revolte

25.05. – 27.05.2018 – Haus der Studierenden, M18

Die Ereignisse in Frankreich haben eine Bedeutung, die die Grenzen des modernen Frankreichs weit überschreitet. Sie werden in der Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen tiefen Einschnitt hinterlassen. Die französische bürgerliche Gesellschaft ist in ihren Grundfesten erschüttert worden. Wie auch immer der gegenwärtige Kampf ausgehen wird – die politische Landschaft der westlichen kapitalistischen Gesellschaft wird nie mehr dieselbe sein. Eine ganze Epoche findet hier ihr Ende: die Epoche, während der man mit scheinbarer Berechtigung sagen konnte, dass „so etwas hier hicht passieren könne“. Eine andere Epoche beginnt: die, in der die Menschen wissen, dass die Revolution unter den Bedingungen des modernen bürokratischen Kapitalismus möglich ist.

Mit diesen Worten beginnt Maurice Brinton seinen Bericht über die Ereignisse des Mai 1968 in Frankreich. Für ihn markierten die Mai-Ereignisse einen Bruch, nach dem es nie wieder so sein würde wie bisher. Er hat mit dieser Diagnose Recht behalten: 1968 ist der Kulminationspunkt von entscheidenden Veränderungen innerhalb des Kapitalismus. Aber der Kapitalismus selbst ist geblieben. Wenn die Menschen um das Jahr 1968 herum die Möglichkeit der Revolution wieder entdeckt haben, so wurde diese Möglichkeit doch nicht verwirklicht. Wir leben heute mit den Folgen dieses Scheiterns. Ein Teil dieses Scheiterns besteht darin, dass die damals entdeckte Möglichkeit wieder vergessen worden ist, dass es heute wieder zum Common Sense gehört, dass „so etwas hier nicht passieren kann“. Allein aus diesem Grund lohnt es sich, sich an die Ereignisse um das Jahr 1968 zu erinnern und dabei vielleicht etwas von jener Möglichkeit zu retten. Diese Erinnerungsarbeit muss ihre Aufmerksamkeit einerseits auf jene Bruchlinien richten, die von Begierden, Hoffnungen, Wissen und Möglichkeiten zeugen, die nicht in der Herrschaftsgeschichte aufgegangen sind. Andererseits darf sie sich keine Illusionen machen – es kommt auch auf eine kritische Aufarbeitung der Bewegungsverläufe an, die von 1968 ausgehen, und es gibt ein begründetes Misstrauen gegenüber einer allzu geraden „linkspolitischen“ Traditionsbildung.

Aspekte dessen wollen wir uns zusammen im Wochenend-Workshop erarbeiten. Dabei wollen wir uns mit den Ereignissen im Mai 1968 in Frankreich, mit dem spezifischen Bewegungsverlauf in Italien, mit 1968 in der DDR und im Ostblock und mit dem „proletarischen 1968″ beschäftigen. Die Zahl der Teilnehmer*innen ist begrenzt. Wir bitten um eine Voranmeldung über biko[at]arranca.de – weitere Informationen über den genaueren Ablauf und Literaturgrundlagen schicken wir euch dann zu.

Der Workshop wird unterstützt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen.

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Das Unvorstellbare ist nicht das Unmögliche http://spektakel.blogsport.de/2018/03/02/das-unvorstellbare-ist-nicht-das-unmoegliche/ http://spektakel.blogsport.de/2018/03/02/das-unvorstellbare-ist-nicht-das-unmoegliche/#comments Fri, 02 Mar 2018 09:42:40 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2018/03/02/das-unvorstellbare-ist-nicht-das-unmoegliche/ Herrschaftskritik und Literatur in der Zeitschrift
‚Die Schwarze Botin‘

Do 07.06.2018 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

In Mitten der Revolte von 1968 und des Auflösungsprozesses des SDS nahm die Frauenbewegung mit der Gründung sozialistischer Frauengruppen wie dem Aktionsrat zur Befreiung der Frau und dem Frankfurter Weiberrat ihren Anfang. Das Ziel der Linken, alle Verhältnisse umzuwälzen, in denen der Mensch ein geknechtetes Wesen ist, verfolgte die Frauenbewegung konsequent: Kein Verhältnis – auch nicht das hierarchische Geschlechterverhältnis – sollte so bleiben wie es war. Bis Mitte der 1970er Jahre gründeten sich zahlreiche Frauenzentren und Frauengesundheitszentren, Selbsterfahrungsgruppen und Zeitschriften, die autonom von den gemischtgeschlechtlichen Gruppen der Linken, den Parteien und Gewerkschaften agierten. Sie waren die Orte, an denen eine gemeinsame Sprache gesucht und Erfahrungen geteilt, Begriffe und Theorien entwickelt und diskutiert wurden. Als Organe der Selbstverständigung und Kommunikation gründeten sich 1976/77 drei der wichtigen überregionalen Zeitschriften der autonomen Frauenbewegung, wenn auch mit unterschiedlichen Zielen: Courage. Berliner Frauenzeitung, Emma und Die Schwarze Botin.

Herausgeberin der Schwarzen Botin war die Historikerin Brigitte Classen. In der Redaktion arbeiteten neben Classen in unterschiedlicher Besetzung die Journalistin und spätere Schriftstellerin Gabriele Goettle, die Juristin Branka Wehowski, die Schriftstellerin Elfriede Jelinek und die Übersetzerin Marie-Simone Rollin mit. Ab 1983 war die Architektin Marina Auder Verlegerin der Zeitschrift. Bis zur letzte Ausgabe 1987 erschien die Schwarze Botin einunddreißig Mal in einer Auflage zwischen 3000 und 5000 Exemplaren. Die Zeitschrift versammelt wissenschaftliche Aufsätze, Essays, literarische Texte und Gedichte, Collagen, Glossen und satirische Kommentare. Sie lässt sich nicht eindeutig zuordnen: Sie ist weder ein wissenschaftliches Journal im akademischen Sinne, noch eine reine Literaturzeitschrift, noch ist sie eine Szene-Zeitschrift der Frauenbewegung, in der Informationen über Frauenzentren und Frauenfeste veröffentlicht werden, wie es in anderen Zeitschriften der autonomen Frauenbewegung der Fall war. Eindeutig aber ist die Zeitschrift in ihrem Anspruch, der „kritischen Auseinandersetzung mit feministischer Theorie und Praxis einerseits und der Zerstörung patriarchalischen Selbstverständnisses andererseits“ (Die Schwarze Botin) dienen zu wollen. Feministische Ideologiekritik war für die Zeitschrift die Kritik des gesellschaftlichen Bewusstseins und damit auch die (Selbst)Kritik des feministischen Bewusstseins. Was die Zeitschrift zu einem ungewöhnlichen Zeugnis ihrer Zeit macht, ist jedoch weniger die feministische Kritik des Feminismus als vielmehr die Mittel und der Modus der Kritik: Die Ideologiekritik der Schwarzen Botin vereinte provokative Satire und das Beharren auf der Negativität der Kritik.

Katharina Lux wird in ihrem Vortrag das bis heute Bestechende sowie die Begrenztheit der feministischen Ideologiekritik der Schwarzen Botin diskutieren.

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»Züri brännt« http://spektakel.blogsport.de/2018/02/28/zueri-braennt/ http://spektakel.blogsport.de/2018/02/28/zueri-braennt/#comments Wed, 28 Feb 2018 09:42:50 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2018/02/28/zueri-braennt/ Über die Jugendrevolten der ’70er
und ’80er Jahre in der Schweiz

Do 21.06.2018 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Am 30. Oktober 1970 eröffnete der Zürcher Stadtrat in einem Luftschutzkeller den Lindenhof-Bunker. Es sollte ein Autonomes Jugendzentrum sein. Der Bunker wird in der Folge rege frequentiert. Bereits Ende Dezember wird die, inzwischen besetzte, Autonome Republik Bunker durch die Polizei geräumt. Wenig später entsteht dort die Tiefgarage Urania. Hätte der Stadtrat (Exekutive) geahnt, was diese Schließung bewirken wird, er hätte wohl auf die Eröffnung des Zentrums oder auf die Schließung verzichtet.

Auf jeden Fall haben die 68-er Unruhen das Leben zumindest in Zürich, wenn nicht in der ganzen Schweiz, verändert. Die Jugend war nicht mehr bereit, alles als göttlich gegebene Ordnung hinzunehmen. In den 70er Jahren war natürlich die Anti-AKW Bewegung im Brennpunkt. Neben dem Dauerbrenner um den Kampf für autonome Räume, alternative Lebensformen und gegen die totale Kommerzialisierung des Lebensraumes.

Die 8oer Jahre waren geprägt von der Radikalisierung der Jugend: Nach Jahrzehntelangem Kampf um selbstverwaltete Räume, war die Jugend nicht mehr bereit, es bei friedlichen Protesten zu belassen. Dass die Repression in der Schweiz extreme Ausmaße annahm, dürfte immer noch – oder wieder, überraschen.

Die zweite Hälfte des Jahrzehnts war geprägt von einer kulturellen Entwicklung und dem Versuch, das von der Jugendbewegung erreichte nicht wieder zu verlieren. Die Wohnungsnot wurde immer drängender, die Gentrifizierung forderte ihre Opfer: Die Drogenszene nahm gigantische Ausmaße an und Zürich wurde zum Zentrum der europäischen Hausbesetzerszene.

Der Fotograf Miklós Klaus Rózsa hat viele der damaligen Ereignisse dokumentiert. Als Fotograf geriet er damals selbst ins Visier der staatlichen Behörden. Im Vortrag wird er von einigen dieser Ereignisse berichten.

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Staatenlos http://spektakel.blogsport.de/2018/02/27/staatenlos/ http://spektakel.blogsport.de/2018/02/27/staatenlos/#comments Tue, 27 Feb 2018 09:42:54 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2018/02/27/staatenlos/ Klaus Rózsa, Fotograf – ein Film von Erich Schmid

Gösgen 1977: Mit Tränengas gegen AKW-Gegner (Foto: Klaus Rózsa)

Filmvorführung mit Publikumsgespräch am 22.06.2018
19:00 Uhr im Lichthauskino im Straßenbahndepot Weimar

Klaus Rózsa, ein bekannter, politisch engagierter Fotograf, lebte jahrzehntelang staatenlos in Zürich. Alle seine Einbürgerungsgesuche, drei an der Zahl, wurden aus politischen Gründen abgelehnt. Er behindere die Arbeit der Polizei, weil er deren Übergriffe fotografiere, so heisst es in den Staatsschutzakten. Gezeichnet vom Schicksal seines jüdischen Vaters, der die Konzentrationslager von Auschwitz und Dachau überlebte, bekämpft Klaus Rózsa das Unrecht im Staat. Bei den Jugendunruhen der 80er Jahre griff er zum Megaphon und fotografierte gleichzeitig die Auseinandersetzungen auf der Strasse. Später kämpfte er für die Medienfreiheit in der Schweiz und wurde trotz seiner Stellung als Gewerkschaftspräsident und Mitglied des Presserats so oft von der Polizei schikaniert, misshandelt und zusammengeschlagen, dass er 2008 nach Budapest auswanderte. Von dort war er 1956 zweijährig mit den Eltern und seiner Schwester Olga in die Schweiz geflüchtet. Doch in Ungarn wurden derweil Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus salonfähig. Dagegen demonstriert Klaus erneut und tritt in Budapest an der Seite von Bundeskanzler Gerhard Schröder auf. Schulklassen aus der Schweiz erklärt er, wer Carl Lutz gewesen war, der lange Zeit verfemte Schweizer Konsul, der im Zweiten Weltkrieg 60 000 ungarischen Juden das Leben gerettet hatte. Am Budapester Denkmal für ihn trifft Klaus dessen Tochter Agnes Hirschi, die sich seit Jahren für die Ehre und das Andenken ihres Vaters einsetzt.

Zum Filmtrailer

Foto von Miklós Klaus Rózsa: Anti-AKW-Proteste Gösgen 1977
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Destruction of the RSG-6 http://spektakel.blogsport.de/2018/02/01/destruction-of-the-rsg-6-2/ http://spektakel.blogsport.de/2018/02/01/destruction-of-the-rsg-6-2/#comments Thu, 01 Feb 2018 09:45:13 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2018/02/01/destruction-of-the-rsg-6-2/

Eine Ausstellung in Odense (DK), die Situationistische Internationale, die Anwendung und Kritik der Kunst

Vortrag von Lukas Holfeld am 19.02.2018
20:00 Uhr in der ACC Galerie Weimar

Im April 1963 veröffentlichte die britische Aktivisten-Gruppe Spies for Peace die Existenz eines geheimen Atomschutzbunker-Systems, das ausschließlich für Mitglieder der britischen Regierung reserviert war: Die „Regional Seats of Government“ (RSG’s). Mitglieder der Gruppe selbst waren in den RSG-6 in Reading eingebrochen und hatten dort die Pläne der übrigen Bunker gefunden. Die Gruppe veröffentlichte ihre Funde in einer Broschüre, die weltweit für Aufmerksamkeit sorgte und einen enormen Mobilisierungsschub für die außer-parlamentarische Abrüstungs-Bewegung nach sich zog. Im Juni 1963 eröffnete die Situationistische Internationale in Odense (Dänemark) eine Ausstellung, die mit dem Titel „Destruction of RSG-6″ überschrieben war. Offensichtlich nahm die marxistische, post-surrealistische Gruppe Bezug auf die Funde in Reading. Aber nicht nur das: Die Galerie zeigte den Stand einer Kritik der Kunst, die die S.I. in den Jahren zuvor erarbeitet hatte.

Der Vortrag erzählt die Geschichte der Ausstellung „Destruction of RSG-6″. Dabei werden Fotos von der Ausstellung gezeigt. Zugleich sollen Ansätze der kritischen Theorie der Situationistischen Internationale eingeführt werden.

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Programmvorschau 2018 http://spektakel.blogsport.de/2018/02/01/programmvorschau-2018/ http://spektakel.blogsport.de/2018/02/01/programmvorschau-2018/#comments Thu, 01 Feb 2018 09:25:06 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2018/02/01/programmvorschau-2018/

Destruction of the RSG-6

Über eine Ausstellung in Odense (DK), die Situationisten, die Anwendung und Kritik der Kunst
Vortrag von Lukas Holfeld am 19. Februar 2018
20:00 Uhr in der ACC Galerie Weimar


Das Leben ändern,
die Welt verändern!

Veranstaltungsreihe über einige Aspekte der ’68er-Revolte

Normalisierung und Nicht-Arbeit:
Hippies und Gammler in den 60er Jahren
Vortrag von Bodo Mrozek
Do 22.03.2018 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar
Beat und Gammler:
Konsum und Verweigerung
Jugend in Westdeutschland

Vortrag von Wolfgang Seidel
Do 05.04.2018 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar
Politik und Psychedelic:
Ostblock-Popkultur zwischen Nonkonformismus
und “Normalisierung” 1968 – 1978

Vortrag von Alexander Pehlemann
Do. 26.04.2018 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar
Der Beginn einer Epoche?
Eine kurze Geschichte von Detournement
und Récupération des Mai ’68

Vortrag von Biene Baumeister Zwi Negator
Do. 24.05.2017 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar
Zur Geschichte eines Bruchs:
Wochenend-Workshop zur 68er-Revolte
25.05. – 27.05.2018 – M18 (Marienstraße 18, Weimar)
Wir bitten um Anmeldung unter: biko[at]arranca.de
Das Unvorstellbare ist nicht das Unmögliche:
Herrschaftskritik und Literatur
in der Zeitschrift ‚Die Schwarze Botin‘

Vortrag von Katharina Lux
Do 07.06.2018 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar
Züri brännt:
Über die Jugendrevolten der ’70er
und ’80er Jahre in der Schweiz

Vortrag von Miklós Klaus Rózsa
Do 21.06.2018 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar
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http://spektakel.blogsport.de/2018/01/19/364/ http://spektakel.blogsport.de/2018/01/19/364/#comments Fri, 19 Jan 2018 11:19:06 +0000 Administrator Editorisches http://spektakel.blogsport.de/2018/01/19/364/ In der Text-Rubrik ist soeben der Text Die Wut im Bauch – Surrealismus überall von Alexander Emanuely erschienen: Lesen.

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Die Wut im Bauch http://spektakel.blogsport.de/2018/01/19/die-wut-im-bauch/ http://spektakel.blogsport.de/2018/01/19/die-wut-im-bauch/#comments Fri, 19 Jan 2018 10:28:05 +0000 Administrator Text http://spektakel.blogsport.de/2018/01/19/die-wut-im-bauch/ Surrealismus überall

Leider ist das Archiv der Wiener Zeitschrift Context XXI nicht mehr online. Damit ist das Archiv einer Zeitschrift verschwunden, die eine Zeit lang ein wichtiges Medium gesellschaftskritischer Debatten gewesen ist. Wir dokumentieren im Folgenden einen dreiteiligen Artikel von Alexander Emanuely über den Surrealismus, der damals in Context XXI erschienen ist. Wir empfehlen als ergänzende Lektüre „Der radioaktive Kadaver – Eine Geschichte des Surrealismus“ von R.G. Dupuis und „Surrealismus und Sexualität – Inszenierung der Weiblichkeit“ von Xaviére Gauthier. Außerdem verweisen wir auf den jüngst erschienenen zweiten Band es Buches „AVANTGARDE“ von Alexander Emanuely, in dem es ebenfalls u.a. um den Surrealismus geht. Einen weiteren Text über Surrealismus hat er in der KSR N°1 veröffentlicht.

Teil 1 – Kein Glied bleibt unzerissen

Der surrealistischen Explosion folgen, in sie hinein rauschen, sich von aufgebrachten Phantomen ganz in grün, wie sie in ihren Cafés in Paris saßen und herumstritten, einfangen lassen, sich dabei wundern und begeistern; das war mein erster Schritt in eine neue, alte Welt, mein Wiederfinden einer kindhaften Hysterie, die mit geschlossenen Augen mehr sieht, als alle Fernsehkameras der Welt. Die Entdeckung erfolgte willkürlich, ich stolperte über Rimbaud, Sade, über die Chansons von Léo Ferré, schließlich und plötzlich über die Surrealisten selbst, zuerst Louis Aragon, weil seine Gedichte vertont worden waren, dann Paul Eluard und seine Hauptstadt des Leidens, schließlich über André Breton, den Papst, der gleichzeitig Bewunderung und Erstaunen erweckte. Ich war damals 15 oder 16 Jahre alt, die öffentliche Bibliothek, in der ich mich durchfraß, hatte ihre Bücher im Keller lagern, der dortige Sauerstoffmangel ließ mich nicht selten einschlafen und das finden, was der einzige Ort der Freiheit zu sein scheint; den Traum. Alles andere ist Hölle. Sade beschrieb diese Hölle, wie er sie sich vorstellen könnte, Primo Levi beschrieb sie, wie er sie erlebt hat. Das, was die Menschen mit viel Mühe produziert hatten, war das Grauen, welches sie natürlich selbst nicht mehr als solches wahrhaben wollten und sogar schafften romantisch zu verklären, als Kulisse des Fortschritts darstellend, der es schlußendlich doch noch zu irgend etwas bringen würde. Die Ruinen malen, noch einmal und immer wieder aufzeigen, zu was der Mensch, ohne es merken zu wollen, fähig ist. Im Bücherkeller, aufgeblättert und dämmernd vor meinen Augen, klebten die Surrealisten, die grün angezogenen Phantome, mit viel Tinte und Farbe die Bruchstücke der Welt, die einer Revolution bedarf, zusammen.

Zuerst und immer die Revolution!

Die Revolution der Surrealisten brachte sich in Manifesten zum Ausdruck, die nicht nur in den eigenen Publikationen, wie LA RÉVOLUTION SURRÉALISTE publiziert wurden, sondern auch in anderen, meist linken Zeitschriften. Der Aufruf Zuerst und immer die Revolution! erschien 1925 sogar in der Humanité, der zentralen Publikation der KPF und drückt auf den Punkt gebracht und zu einer Zeit, da alle Surrealisten scheinbar noch einer Meinung waren, die revolutionäre Zielsetzung der Bewegung aus: „Wir sind ganz gewiß Barbaren, da uns eine bestimmte Form von Zivilisation anekelt.“ Nämlich jene Zivilisation, die die „Menschenwürde auf die Stufe eines Tauschwerts“ herabzieht, jene Zivilisation, die den Geist „in den viehischsten und unphilosophischsten Begriff“ der „Idee des Vaterlandes“ zu zwängen versucht, jene Zivilisation, die sich auf der „Sklaverei der Arbeit“ aufbaut. „Wir akzeptieren die Gesetze der Ökonomie und des Tauschhandels nicht, wir akzeptieren nicht die Sklaverei der Arbeit, und auf einem noch weitläufigeren Gebiet erklären wir uns als im Aufstand gegen die Geschichte befindlich. Die Geschichte wird von Gesetzen gesteuert, deren Voraussetzung die Trägheit der Einzelnen ist […]“

Der Surrealismus kannte keine Dogmen, sondern war wie ein Spinnennetz aus diversen Herangehensweisen und Ideen, die alle nach der absoluten, reinen Revolte – einem reinen Mittel, um es mit Walter Benjamin zu sagen – suchten, gesponnen. Die Verwandtschaft mit dem Dadaismus, vor allem darin, daß die Kunst jede Art von Ordnung, sei sie bürgerlich oder sonst irgendeine, zerstören muß, liegt auf der Hand, auch waren viele Surrealisten Dadaisten gewesen und George Grosz schrieb 1925 über einen Besuch in Paris: „In Wahrheit richtet sich die französische Kulturproduktion wie bei uns nach den Bedürfnissen der bürgerlichen Interessen. Dessen sind sich die Pariser Künstler bis auf verschwindende Ausnahmen (Gruppe Clarté) ebensowenig bewußt, wie ihre deutschen Kollegen.“ Die Gruppe Clarté (übers. Klarheit, auch der Name einer Zeitschrift, welche Pierre Naville viele Jahre lang leitete), die erwähnte verschwindende Ausnahme war natürlich niemand anderer als die Surrealisten. Der Unterschied zwischen Dadaismus und Surrealismus war jedoch genauso groß, wie der zwischen Nihilismus und Anarchismus. Die einen versuchten ausschließlich mit der Verzerrung der Realität alle Grenzen, bzw. alles zu sprengen, die anderen versuchten es mit der Schaffung neuer Modelle, die mit Hilfe gewaltiger, romantischer Worte Zündstoff abgeben sollten.

Eines der Modelle hieß Freud, der seinerseits jedoch nie verstanden hatte, warum ihn ein Haufen verrückter Pariser so oft, und irgendwie nicht ganz verstehend, zitierte. Er antwortete André Breton, daß er sich geschmeichelt fühle, so hochgelobt zu werden, jedoch nicht ganz genau wisse, was die Surrealisten von ihm wollen, hätten sie ihm doch nicht einmal erklären können, was Surrealismus eigentlich ist, und überhaupt läge die Welt der Kunst so weit von seiner entfernt … Doch zentral für Traumrealisierung war die Traumdeutung und die hatte Sigmund Freud in die Welt gerufen. Für die Surrealisten hatte Sigmund Freud die Welt der Träume rehabilitiert, die Welt, in der alles liegt und brodelt.

Dichtung, Liebe, Freiheit

Ganz in grün gekleidet, brach André Breton nach dem Ersten Weltkrieg seinen Medizinerberuf ab und in den Surrealismus auf. Er hatte, im Gegensatz zu Guillaume Apollinaire, dem Wortschöpfer der Begriffe Surrealismus und Kubismus, Dichter mit Neigungen zur Megalomanie, welcher eine Kugel auf den Kopf bekommen hatte und die letzten Tage seines Lebens mit einem Turban in den Schützengräben herum gelaufen war, den Krieg physisch unbeschadet überstanden. Vier Jahre Krieg, in denen Morden Pflicht ist und das Sterben neben Frühstück und zwei Litern Wein (die tägliche Ration für einen Soldaten der französischen Armee in Verdun) Hauptnahrung, hat einige dazu bewogen, andere Konsequenzen zu ziehen, als sich einem Veteranenverein anzuschließen. Vier Jahre rational organisiertes Massenmorden, vier Jahre absoluter Zivilisationsgenuß. Die Konsequenzen, die Breton, im Gegensatz zu seinen Überlebenskollegen, aus der Tatsache, daß die Gesellschaft für die er in die Welt und in den Produktionswahn geworfen worden war, ihn mit ein paar anderen Millionen in die Hölle geschickt hatte, zog, hießen Surrealismus und grüner Anzug. Das Programm hieß Dichtung, Liebe, Freiheit, die Waffe war der Traum, denn die Tat soll die Schwester des Traums sein. „Es geht darum, die Menschenrechte neu auszurufen“, hieß es 1924 auf der Titelseite der ersten Nummer der RÉVOLUTION SURRÉALISTE, was nicht ganz im Sinne der Aufklärung gemeint war, sondern viel mehr bedeutete, daß dem Menschen die absolute Freiheit gebührt, jene der Phantasie und des Traums, daß er das Recht auf die Realisierung seiner Phantasien und Träume hat, daß das neue Menschenrecht grenzenlos und somit alles andere als Recht ist, sondern Basis einer absoluten Freiheit des Individuums den Anderen und sich selbst gegenüber. Freiheit ist nicht das, was man als Ziel erreichen kann oder erst erfinden und aufbauen muß, Freiheit ist eine fundamentale Gegebenheit der menschlichen Existenz, sie gibt es entweder ganz oder gar nicht. Auch als das Verwenden der Worte Dichtung, Liebe, und Freiheit im Zusammenhang mit Revolution etwas lächerlich schien, schwülstig und überholt romantisch, hielt Breton daran fest. 1962 bekräftigte er noch einmal in einem Interview, daß er nie aufgehört hat, die Dichtung, die Liebe und die Kunst als zentral für seinen Freiheitskampf zu sehen, „einzig durch sie wird der Mensch wieder Vertrauen gewinnen können, wird das Denken wieder die Weite finden.“ Die Liebe: die verrückte Liebe, weil sie der absolute Mythos ist, in den mensch verfallen kann, wie in Trance, auch kann er sie gleichzeitig leicht als Schönstes im Leben betrachten; die Dichtung: weil sie nur in Trance geschrieben werden kann, in einem Zustand des äußersten in sich Wühlens und gleichzeitigen Explodierens. „Es gibt keine Lösung außerhalb der Liebe.“ schrieb Breton.

Der organisierte Pessimismus

Pierre Naville, sah das etwas anders, und hatte als Antwort auf die Hölle, auf die Realität: den Pessimismus. Alle nennenswerten Institutionen, die sich der Mensch für eine bessere Welt ausgedacht hat, wie Humanismus, Freundschaft, Nächstenliebe, Verständigung scheinen niemals die Effektivität erreichen zu können, wie ein saftige Gewinne abwerfender Konzern oder ein schwere Bomben abwerfendes Flugzeug. Der Surrealismus hat den Pessimismus zu organisieren, ihn täglich bis zur Revolution voran zu treiben, bis zur endgültigen Überspannung, die dann alles zerreißt. Es muß alles aufgezeigt werden, was in der Welt existiert, nicht in einer linearen Dokumentation, sondern in Montagen und Collages, die Dinge der Welt mit Dingen des eigenen Bewußtseins vermischen und dabei Assoziationen schaffen, welche den Voyeuren und Bürgern einen Schock über ihre eigene Existenz einjagen, einfach indem sie ihnen einen Spiegel als nature morte vorhalten, in der sie und ihre Welt Protagonisten sind, zusammen mit etwas bekannt Unbekannten, etwas, das mitten drinnen lauert, ganz offensichtlich und das gewohnte Bild zerstört; die Madonna, die ihr Kind verhaut; das Auge, welches durchschnitten wird; die Zukunft, die nie ist; ein Frauenrücken als Cello, ein von Pfeilen durchbohrter Vogel; englische Beamte, die wie Regen tropfen; Lavaströme, in denen Skelette flanieren; Fische so groß wie Akte; mit Schmetterlingen verklebte Augen und Mundhöhlen; eine Lokomotive, die aus dem Kamin kommt; in Liebe abgebissene Finger; der Schatten von jemandem, der nicht zu sehen ist, von etwas, das mangelt … Es galt, die erste Spannung hin zur Überspannung zu schaffen. Kein Glied sollte unzerrissen bleiben.

Naville brach bald mit den Surrealisten, mit Breton zugunsten eines politischen Engagements, das konkretere Züge, als die Suche nach dem verlorenen Traum hatte. Durch ihn waren Breton, Eluard, Aragon und viele andere Mitte, Ende der 20er Jahre der Kommunistischen Partei Frankreichs beigetreten, zu einem Augenblick, da er rausgeworfen wurde, da er seine Sympathien für Trotzki und seine Aversion zu Stalin zu offenkundig gezeigt hatte. Einzig Breton von den drei oben genannten, sollte ihm das einige Jahre später nachmachen. Seine Schrift: La révolution et les intellectuels übte auf Walter Benjamin eine nachhaltige Bezauberung aus.

Die mythische Wut

Antonin Artaud, welcher das Theater an das Grauen der Zeit anpaßte, machte die Annäherungen hin zum Parteipolitischen als einer der Wenigen nicht mit. Er konzentrierte seine Verrückung auf das, was die Ausgangsposition des Surrealismus war, auf das, was Breton kurzfristig vergessen zu haben schien und versetzte sich in eine Ekstase, die ihn zu einem Zeitpunkt, da die Welt zum industriellen Massenmord überging, ins Irrenhaus brachte. Kurz vor dem 2. Weltkrieg veröffentlichte er noch ein Buch, welches, trotzdem er schon längst aus der surrealistischen Bewegung ausgeschlossen worden war, erwähnt werden muß: Das Theater und sein Double. „Dieser Titel gibt Aufschluß über alle Double des Theaters, die ich seit vielen Jahren gefunden habe: Die Metaphysik, die Pest, die Grausamkeit, das Energie-Potential, das die Mythen macht. Die Menschen verkörpern sie nicht mehr, so verkörpert sie das Theater.“

Artaud betonte den religiös-mythischen Charakter, den er in den Kampf gegen die bürgerliche Ordnung aufbringen wollte. Schon 1926 schrieb Artaud, daß es bei Theater nicht darum geht „Stücke zu spielen, sondern dahin zu gelangen, daß alles, was dunkel im Geist ist, was vergraben und verhüllt ist, sich in einer Art materieller, realer Projektion äußert.“ Die Faszination für die außereuropäischen Kulturen und Zivilisationen bringt ihm die Inspiration. Die Möglichkeit sich in Ekstase zu versetzen und damit etwas zu ändern, zumindest im nächsten Umfeld, ist im modernen Europa vielleicht etwas neues, jedoch nicht anderswo. Was bei André Breton und Antonin Artaud noch als Verklärung der „primitiven“ Kulturen und Zivilisationen gilt, bekam beim Dichter Michel Leiris schon nachvollziehbarere Züge, als er quer durch Afrika reiste und sich einweihen ließ, zumindest so weit es ging, in die nach außen hin scheinbar ausschließlich religiös motivierten Kulte, welche jedoch näher betrachtet ganz andere, konkrete Aufgaben des Alltags und zwischenmenschlicher Beziehungen zu lösen hatten. Artauds Theater wollte sich zivilisieren lassen, durch das, was es in der schönen, neuen Welt nicht mehr gab und um seine Esoterik zu entschlüsseln, genügt nur die Wut und das Entsetzen. Seine erste Theatergruppe nannte Artaud bezeichnenderweise Théatre Alfred Jarry.

Der 1926 fast vergessene Jarry übte mit seinem König Ubu und der ‚Pataphysik‘ einen großen Einfluß auf die Surrealisten aus. Jarry hatte es geschafft dem Herrschaftssystem und der Gesellschaft einen grotesk beängstigenden Spiegel vorzuhalten, indem er einen Idealherrscher, einen wennschon-dennschon Herrscher und die geheim-irre Weltverschwörungsgesellschaft der ‚Pataphysiker erfand, der zwangsweise alle Menschen angehören. Genauso wie es ein ‚pataphysisches Collège‘ gab, gab es auch bei den Surrealisten wissenschaftliche Institute, es gab ein historisches Institut, dessen Leitung Artaud zeitweise übernomnmen hatte, es gab ein Briefeschreiber-Institut, welches die einseitige Korrespondenz mit dem Papst, dem Dalai Lama, den Rektoren der europäischen Universitäten, Mr. Keller, den besten Aufnahmeprüfling an der Militärakademie Saint-Cyr, aufnahmen und vor allem das Zentralinstitut für surrealistische Forschung.

Teil 2 – Das Unsichtbare ist die Wirklichkeit

„Die Welt verändern“, hat Marx gesagt; „das Leben ändern“, hat Rimbaud gesagt: Diese beiden Losungen sind für uns eine einzige.
André Breton, 1935.

Die große Verweigerung

Metro – Boulot – Metro – Dodo – Metro – Boulot -…, das heißt soviel wie U-Bahn, Arbeit, U-Bahn, Schlaf, U-Bahn, Arbeit, … und reimt sich auch im Französischen, was natürlich das Sich-merken des Spruchs erleichtert. In Frankreich ist dieses Sprüchlein sehr geläufig, es umschreibt auch nichts anderes, als die Realität der kapitalistischen Produktionsweise und Sozialisationsform, die jede/r, nicht nur in Frankreich, kennt und die scheinbar ausweglos das Leben des Menschen bestimmt. Abgemüht im Käfig zur Zwangsabmüdung rasen, um danach müde zurück, nach Hause zu pendeln, um sich dort verdienterweise etwas zu entmüden, darauf hin zu schlafen, wieder produktiv zu sein, am Fließband der Fließbänder. Prinzipiell hat jeder Mensch auf diese Art konditioniert zu sein und nichts Abnormales an dieser lebenslangen Schleife zu finden, die meist im schulreifen Alter anfängt und mit der Pensionierung aufhört (bezieht sich natürlich nur auf eine Minderheit von Menschen auf dieser Welt, da den meisten weder der Luxus einer Kindheit oder einer Greisenhaftigkeit gegönnt ist). Alles, was die Surrealisten entwarfen, erfanden, erträumten und lautstark in ihren kleinen Kreisen und manchmal auf größeren Festen ausschrien, galt, diese Konditionierung, zunächst im kleinen und um einer Revolution Willen, schließlich im großen Stil, zu zerstören, galt, der großen Müdigkeit eine große Verweigerung entgegenzustellen.

Die Methoden, die große Verweigerung zu realisieren, basierten einerseits darauf, den Abstieg in sich selbst, in das, was in der Psychoanalyse als Unbewußtes definiert wird, zu vollziehen, andererseits die daraus gewonnenen neuen Realitäten, mit Hilfe der Kunst, zu vergegenwärtigen und zu materialisieren. Die Surrealisten bildeten die Avantgarde, die diese Methoden an sich auszuprobieren und zu gestalten hatte, damit alle, selbst die konditioniertesten Spießer, sie schließlich zu ihrer eigenen Befreiung übernehmen und anwenden würden können. Es galt, in die Mauer ein Loch zu schlagen, die das alltäglich Normale, das System, die Gesellschaft vor einer kritischen Aussicht Aufgewiegelter zu schützen hat. Ein kleines Loch würde genügen, um die Aussicht gewähren zu lassen, in das, was wirklich möglich ist, was Wirklichkeit ist, hinter- und oberhalb der Mauernrealität. Dieser Spalt sollte reichen, damit die Menschen schockiert sind und genug von ihrer Konditionierung, ihrem herkömmlichen Leben haben. Eine Revolution zur Befreiung des Individuums würde beginnen, nicht jene der Gewehre und Barrikaden, sondern jene, die aus der Vermengung von Phantasie mit dem organisch Erfaßbaren heraus springt. Die Methoden, welche die Surrealisten sich ausdachten, um den Abstieg in den Spalt zu schaffen, waren die kindhafte Bewunderung des Wunderbaren, die Verrücktheit, der Wahn, der Humor, der Traum, das Anwenden der Techniken des automatischen Schreibens, das Schöpfen „erlesener Leichname“ und das in die Welt setzen der daraus entstehenden surrealistischen Gegenstände, Gegenstände, deren Form der Inhalt ist.

Die Bewunderung des Wunderbaren ist nichts anderes, als es wie ein Kind überall vorfinden zu können, in jeder Situation, in jedem Element des Alltags. Es sind die Phantasiebilder, welche außerhalb der Einsicht in sich selbst, außerhalb des Traums herumspuken, die Wahrnehmung unerklärlicher Erscheinungen, seien das nun Gruselgeschichten oder verrückte, vergeisterte Andere, die sich ihre Wege durch den Tag bahnen, wie André Bretons Nadja. Breton hatte Nadja, die aus dem gleichnamigen Buch schwirrt, nicht erfunden, sondern war ihr, samt den wundersamen Zufällen, die sie und ihre Begegnung begleiteten, was er alles minutiös beschreibt, beim Flanieren begegnet. Diese Suche nach dem Wunderbaren scheint weniger mit Revolution zu tun zu haben, als mit den literarischen Überresten der Romantik, die am Kreuzweg der Bezauberung, des Schlafes und des Alkohols liegen. Romantik war in diesem Fall jedoch nicht nur die der Dichter wie Gérard de Nerval, sondern auch die Romantik E.T.A. Hoffmanns und Edgar Allan Poes, die schwarze Romantik der Geister- und Vampirgeschichten. Die Freude und Offenheit für das Ungewöhnliche, der Wille, die Kontrolle über die Vernunft durch das Ungewöhnliche zu verlieren, war ideal als Vorstufe zum nächsten Schritt: zum Wahnsinn.

Die Welt des sogenannten Geisteskranken ist die sichtbarste Gegenwelt zum bekämpfenden Alltag der bürgerlichen Gesellschaft, die natürlichste Utopie. Doch nicht nur das, sie bietet auch eine große Möglichkeit zur besseren Kenntnis seiner selbst, denn wie schon Freud wußte, wissen Verrückte mehr über innere Wirklichkeiten und können Unergründbares entdecken und aufzeigen. Zwei Zugänge zum Wahn wurden ins Auge gefaßt, denn es galt, diesen Zustand für sich in Anspruch zu nehmen, ihn dank seiner bewußtseinserweiternden Funktionen als Instrument zu verwenden. Der erste Zugang war die Nachstellung der Verrücktheit. Im simulierten Zustand des Wahns, im Rausch sollte eine Neuschaffung des Geisteszustandes erreicht werden. Dieser Zustand wurde sogar als neue Form der Poesie verstanden. Der zweite Zugang war die kritische Paranoia, welche Salvador Dali oft für sich in Anspruch nahm und definierte. Sie sollte die Wirklichkeit dermaßen vom Imaginären abhängig machen, daß die daraus gewonnene neue Realität von keiner anderen in Frage gestellt werden kann. Die aus Verfolgungswahn, aus erfundener Beweisführung und aus Analyse entstehende, verwirrend klare Kritik an der Gesellschaft sollte helfen, endgültig die Realität zu diskreditieren. Im Wahn wurde eine hochentwickelte Verhaltensform erkannt, und alle Aktionen basierten auf dem Wunsch, sich einem Wahnsinn zu unterwerfen, ohne dabei bleibende Störungen zu bekommen, die den freien Willen beeinträchtigen könnten. Individuellen Wahn auf Wunsch statt kollektiven Wahn auf Befehl.

Der Zufluchtsort, der den freien Willen am effektivsten vor bleibenden Schäden des Eigenwahns, aber natürlich auch vor dem des kollektiven Wahns schützt, ist der Humor. Da der Humor alles in die Lächerlichkeit zieht, ist keine bleibende Identifikation möglich, sei es jene mit der eigenen Verrückung oder jene mit dem Trubel der Welt. Der Humor, der Akt des Lachens ist geistiger Ungehorsam, ist Weigerung, sich den gesellschaftlichen Vorurteilen zu beugen, ist Distanzierung und eine essentielle Vorstufe zur neuen Realität, zur sich immer erneuernden Realität des freien Individuums. Antonin Artaud sah im Humor den Weg zur Freilegung der instinktiven Kräfte des Menschen und entdeckte diese Freilegung in Filmen wie Animal Crackers von den Marx Brothers. Den Humor als „überlegene Revolte des Geistes“ zu sehen, wie es André Breton formulierte, lag ganz in der Tradition des schwarzen Humors von Dada und der ‚Pataphysik‘. Neben diesen bekannten Vorbildern gab es da auch Jacques Vaché, den Breton im Lazarett während des Ersten Weltkrieges kennen gelernt hatte. Dieser hatte den Humor, den „Umor“ zur inneren Desertion verwendet und Breton in langen Gesprächen gezeigt, welche Rache der Geist an der Materie, das Begehren an der Macht nehmen kann. Alles wird zum Messer ohne Klinge, dem der Griff fehlt.

Im nächsten und letzten Teil dieser Serie wird erzählt, wie es dazu kam, daß André Breton Ilja Ehrenburg eine Ohrfeige verpaßte und was Herbert Marcuse von all dem und von der revolutionären Kraft der Liebe hielt. Auch wird dort Platz finden, was für diese Nummer angekündigt war und aus Platzmangel keinen Platz mehr gefunden hatte: die Beschreibung des automatischen Schreibens und anderer kindhaft revolutionärer Tätigkeiten und Schlüssel auf der Suche nach dem Gold der Zeit.

Ein gut zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe passender Brief der Surrealisten aus dem Jahr 1925:

Brief an die Rektoren der europäischen Universitäten

Werter Herr Rektor,

in der engen Zisterne, die Sie „Denken“ nennen, verfaulen die Strahlen des Geistes wie Stroh.

Genug der Sprachspielerein, der syntaktischen Mätzchen, der Formulierungskunststückchen, jetzt muß das Große Gesetz des Herzens gefunden werden, das Gesetz, das nicht ein Gesetz, nicht ein Kerker ist, sondern ein Wegweiser für den in seinem eigenen Labyrinth verirrten Geist. Weiter entfernt als alles, woran die Wissenschaft je wird rühren können, dort wo die Lichtkegel der Vernunft an den Wolken zerschellen, existiert dieses Labyrinth als zentraler Punkt, in dem alle Kräfte des Seins, die äußersten Aderungen des Geistes zusammenlaufen. In diesem Gewirr aus sich ständig bewegenden, immerfort versetzten Mauern, jenseits aller bekannten Denkformen, rührt sich unser Geist und lauscht auf seine geheimsten, spontansten Regungen, auf jene, die Offenbarungscharakter besitzen und von anderswoher zu stammen, vom Himmel gefallen zu sein scheinen.

Doch das Geschlecht der Propheten ist ausgestorben. Langsam erstarrt Europa zum Kristall, wird unter den Binden seiner Grenzen, seiner Fabriken, seiner Tribunale, seiner Universitäten allmählich zur Mumie. Der gefrorene Geist knirscht zwischen den mineralischen Buchdeckeln, die sich immer enger um ihn schließen. Schuld daran haben Ihre verschimmelten Systeme. Ihre Zwei-plus-zwei-gleich-vier-Logik, Schuld daran haben Sie, die Rektoren, gefangen im Netz der Syllogismen. Sie produzieren Ingenieure, Juristen, Ärzte, denen die wahren Geheimnisse des Körpers, die kosmischen Gesetze des Seins verborgen bleiben, Scheingelehrte, die außerhalb des Irdischen blind sind, Philosophen, die sich anmaßen, den Geist noch einmal hervorzubringen. Der kleinste Akt spontaner Erfindung ist eine komplexere, offenbarungsträchtigere Welt als jede beliebige Metaphysik.

Lassen Sie uns doch in Ruhe, meine Herren, Sie sind ja nur Usurpatoren. Wer gibt Ihnen das Recht, das Denkvermögen zu kanalisieren, Geisteszeugnisse auszustellen?

Vom Geist verstehen Sie nichts, Sie haben keine Ahnung von seinen verborgensten und essentiellsten Verästelungen, von jenen fossilen Spuren, die unseren eigenen Quellen so nahe sind, von jenen Fährten, die wir bisweilen auf den dunkelsten Ablagerungen unserer Gehirne aufzuspüren vermögen.

Gerade im Namen Ihrer Logik sagen wir Ihnen: Das Leben stinkt, meine Herren. Sehen Sie sich doch einen Augenblick ins Gesicht, betrachten Sie Ihre Hervorbringungen. Durch das Sieb Ihrer Diplome preßt sich eine abgezehrte, verlorene Jugend. Sie sind die Plage einer Welt, meine Herren, und das geschieht dieser Welt nur recht, doch sie sollten sich etwas weniger an der Spitze der Menschheit wähnen.

Teil 3 – Es lebe die Langeweile, Es lebe die Leidenschaft

„Alle triumphierenden Ideen sind zum Scheitern verurteilt.“
André Breton

Politik der Ohrfeige

Im Sommer 1935 traf Ilja Ehrenburg, Schriftsteller und sowjetischer Doyen des sozialistischen Realismus, auf einer Straße in Paris eine Ohrfeige André Bretons. Die Aufregung Bretons hatte ihren Grund, nämlich folgende Ausführungen Ehrenburgs über die Surrealisten in seinem Buch Mit den Augen eines Schriftstellers aus der UDSSR: „Die Surrealisten wollen zwar von Hegel als auch von Marx als auch von der Revolution etwas wissen, doch was sie ablehnen, ist arbeiten. Sie haben so ihre Beschäftigungen. Zum Beispiel erforschen sie die Päderastie und die Träume […] Der eine von ihnen befleißigt sich, eine Erbschaft, der andere, die Mitgift seiner Frau durchzubringen […] Angefangen haben sie mit obszönen Wörtern. Die am wenigsten Gewitzten unter ihnen geben zu, daß ihr ganzes Programm darin besteht, Mädchen zu küssen. Die sich ein wenig auskennen, begreifen, daß man damit nicht sehr weit kommt. Frauen, das ist für sie Konformismus. Sie vertreten ein anderes Programm: Onanie, Päderastie, Fetischismus, Exhibitionismus und sogar Sodomie. Doch selbst mit so etwas läßt sich in Paris nur schwer jemand hinter dem Ofen hervorlocken. Also […] kommt Freud zu Hilfe […]“ (Es brennt! Pamphlete der Surrealisten, 1998, S. 100)

Als Folge für die dem sowjetischen Nationalromancier verpaßte rote Wange und den ihm eingejagten Schrecken, durfte Breton bei einem internationalen Kongreß „zur Rettung der Kultur“, welcher von einem der KP nahestehenden Schriftstellerverband organisiert worden war, nicht auftreten. Paul Eluard vertrat seinen Freund Breton und hielt dessen Rede „Als die Surrealisten noch Recht hatten“, ganz am Ende der Sitzung, um Mitternacht, als die Delegierten schon aufbrachen und die OrganisatorInnen darauf drängten, endlich aufzuhören, weil bald das Licht abzudrehen sei. Das Licht ging schließlich mit einer heftigen Kritik an Stalin, dem „allmächtigen Führer, unter dem dieses Regime regelrecht zur Negation dessen wird, was es sein sollte und was es einmal gewesen ist…“ (ebenda, S.117), aus. Die gemeinsame Reise von surrealistischer Bewegung und KP war mit einem Schlag und der Kritik an den beginnenden Moskauer Prozessen zu Ende. Eine Zeit lang fühlte sich André Breton von Trotsky angezogen, mit dem er in Mexiko auch einen gemeinsamen Text über die Autonomie der Kunst verfaßte, doch ziemlich bald näherte sich Breton seinen libertären (frz. für freiheitlichen) Ursprüngen und fand sich im schwarzen Spiegel des Anarchismus wieder, frei nach Léo Ferré: „Marx war ein Hippie“

Die einfachste surrealistische Tat…

Trotzdem sie André Breton verteilt hat, kann die Ohrfeige aus dem Jahr 1935 nicht als surrealistischer Akt der Gewalt gesehen werden, sie hatte nämlich ein Ziel: die Wange Ehrenburgs. Wenn Gewalt, dann ziellose, also sinnlose, nicht zu vollbringende. Nur so findet die Sinnlosigkeit von Gewalt an sich ihren Ausdruck, indem sie sich als sinnlos und ziellos einprägt, alles andere wäre reale und manifeste Gewalt.

Im Zweiten Surrealistischen Manifest von André Breton 1930 kann etwas nachgelesen werden, das in seiner Provokation genau das ausdrückt: „Die einfachste surrealistische Tat besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings, solange man kann, in die Menge zu schießen.“ (Bürger, Peter. Ursprung des postmodernen Denkens. S. 26). Auf den ersten Blick und überflogen könnte ähnliches von einem Futuristen wie Marinetti oder sonst einem Faschisten geschrieben worden sein. Doch die Gewalt der Schwarz- und Braunhemden war nicht ziellos, wenn auch willkürlich, war nicht Ausdruck größter Verzweiflung, sondern Programm, um ein Ziel, um die Macht zu erreichen. Die absolute Revolte, die Bretons Satz ausspricht, richtet sich nicht gegen bestimmbare Mißstände der bürgerlichen Gesellschaft, sondern gegen das Leben an sich, gegen die „conditions dérisoires, ici-bas.“, die unzumutbaren Zustände hier unten. Der revolvige Satz bringt die existentielle Verzweiflung, die dunkle Seite des Begehrens und die daraus resultierende Todessehnsucht zum Ausdruck. Die blinde Gewalt, welche Breton beschreibt, ist jene eines verzweifelten Individuums, das seine Ausweglosigkeit entdeckt, die Ausweglosigkeit aus der bestimmenden Fremdbestimmung durch Ideen oder Andere zu entkommen. Die reale, gewollte Gewalt in der Gesellschaft, ist jene, die die Schrauben festigt, die besser locker bleiben sollten, denn erst durch diese Festigung taucht ein fester Wille mit einem noch festeren Ziel und vielen tragischen Folgen auf. Den Massenmord an anderen vollbrachten immer nur Menschen, die ihre Taten in Einklang mit irgendwelchen Zielen bringen konnten, wie einen Feind zu vernichten oder die Welt zu retten. Kein Surrealist wurde je Revolverheld, kein Surrealist wollte je Welt oder Leben retten… Es galt einfach, sich allen Zielen zu verweigern, die angestrebte Revolution als Verweigerung aller Ziele zu setzen. Nur das Individuum, mit sich selbst, ist einer solchen Weigerung fähig, wenn es nichts mehr tut, was außerhalb seiner eigenen Triebe, seines eigenen Willens steht, wenn es die eigene Verzweiflung in der Welt aus Poesie, Liebe und Freiheit austobt.

Aus der scheinbaren Unrealisierbarkeit einer gelebten Verweigerung, richteten Surrealisten, wie René Crevel, den Revolver höchstens gegen sich selbst. Crevel kündigte seine Tat als Notwendigkeit an, um endlich etwas zu tun, auf das nur er Einfluß hat, das nicht in Zusammenhang mit irgend etwas, irgendwem anderen und einer Akzeptanz steht. „Das Leben, welches ich akzeptiert habe, ist das schlimmste Argument gegen mich selbst.“

Liebe, Freiheit und Poesie – In Luis Buñuels Film: Das Goldene Zeitalter aus dem Jahr 1930, wird genau diese destabilisierende Kraft ausgetobter, zielloser Gefühle illustriert. Der Protagonist des Films ist aufs leidenschaftlichste in eine Frau vernarrt, die nicht minder leidenschaftlich für ihn empfindet. Jeder Moment, jeder Ort wird genützt, um sich dieser Leidenschaft hinzugeben. Nach Erregung öffentlichen Ärgernisses wird er verhaftet. Was die Polizisten nicht wissen, ist, daß er selbst Beamter mit speziellen Vollmachten ist. Nachdem er sich eine Zeit lang geduldig und gelangweilt durch die Stadt zerren läßt und auf jeder Seidenstrumpfwerbung seine Geleidenschaftete sieht, reißt er sich los und zeigt den verdutzten Polizisten seine Spezialausweise, die ihn immun vor jedem Zugriff anderer Beamten machen. Er ist wieder frei und sprengt gleich ein mondänes Fest. Danach beißen sich die zwei wiedergefundenen Liebenden glückselig Finger und Zehen ab. Die Revolte des Beamten, die ganz im Sinne der surrealistischen Revolte ist, drückt sich dadurch aus, daß er seinen sentimentalen und triebhaften Grundbedürfnissen, koste es, was es wolle, folgt. Inzwischen geht der Staat zugrunde, eine Revolution bricht aus, der Innenminister ruft mitten im Geküsse an und erschießt sich, nach einer Tirade voller Vorwürfe gegen den wild gewordenen Beamten noch während des Telephonats. Nichts ist wichtiger als die spontane und leidenschaftliche Liebe, schon gar kein Staat oder Gott oder sonst jemand außerhalb des Ichs. Mitten im ganzen Trara spielt ein Orchester den Liebestod aus Tristan und Isolde (dem Liebespaar, das nicht nur für eine spontane Leidenschaft alle sozialen Bindungen, Ritter- und Königinnenkarriere zerstört, sondern auch noch aus einem Mißverständnis heraus stirbt, den Liebestod eben). Spontane Liebe auch bei Buñuel: denn nachdem der Protagonist von dem Gespräch zu seiner Geliebten zurück kommt, brennt diese mit dem greisen Dirigenten des Wagner spielenden Orchesters durch, was natürlich den Wildgewordenen die wirklich fast wichtigste Erfahrung des Surrealismus vergegenwärtigt: die Verzweiflung.

Die Moral der Geschichte, des Surrealismus ist, mit Breton ausgedrückt: „Gänzlich unfähig, mich abzufinden mit dem mir zugefallenen Schicksal, in meinem Wertgefühl zutiefst verletzt durch den Mangel an Gerechtigkeit, den in meinen Augen die Erbsünde keinesfalls entschuldigt, hüte ich mich davor, mein Dasein den hienieden für jedes Dasein geltenden lächerlichen Existenzbedingungen anzupassen.“ Vor lauter Wut zündet der Verlassene Held Bunuels einen Weihnachtsbaum an und wirft ihn aus dem Fenster.

Der Film blieb nicht ohne Folgen – Gezielte und manifeste Gewalt und echte Revolver folgten einen Tag nach der Uraufführung, als Schlägertrupps der Patriotischen und der Antijüdischen Liga das Kino stürmten und es verwüsteten. Zwei Tage später war der Film verboten und bis in die 90er Jahre nicht zu sehen.

Die komplizierteste surrealistische Tat…

Die gleichen Schlägertrupps sollten bald ganz Europa regieren und mit einer Gewalt überziehen, die sich selbst als Ziel nahm. Mord und Totschlag sind unter den Nazis und ihren Kollaborateuren Gesetz und Religion gewesen. Louis Aragon fand in dieser Zeit, als Haß gepredigt und Gewalt, sowie das Gruppen- und Wir-Gefühl zelebriert wurde, Worte und Gedichte, die in Folge vielleicht am eindrucksvollsten Menschen (unter anderem mich) in ihrer Verweigerung prägten. In seinem Essay Kunst und Politik im totalitären Zeitalter – Einige Bemerkungen zu Aragon (Marcuse, Herbert. Nachgelassene Schriften. Kunst und Befreiung, 2000, S. 47-71), beschreibt Herbert Marcuse die von Aragon kreierte Gegenwelt. Anstatt als Resistancekämpfer, der er war, über seine Heldentaten und die seiner KameradInnen zu poetisieren, widmete Aragon ganze Gedichtbände seiner Frau Elsa. Einer heißt Elsa, ein anderer Die Hände Elsas, Die Augen Elsas… Indem Aragon das Schöne, nämlich Elsa und seine Liebe zu ihr darstellt, stellt er gleichzeitig die Zerstörung dieser Liebe und jeder ähnlichen Welt und jedes ähnlichen Gefühls durch die Realität, die damals Nationalsozialismus und Krieg hieß, dar. Als einzige Lösung überhaupt und immer war in Folge: diese Realität zerstören zu müssen, und zwar durch eine, durch die Gegen- und Eigenrealität. Haß durch Liebe, die Gewalt durch sanfte Zuneigung und das Wir-Gefühl durch die Leidenschaft für einen Menschen ersetzen, in ihrer Intimität war die Verweigerung, die Surrealität vollkommen. Und nicht nur im Gedicht, sondern im Leben, sei es noch so höllisch wie das während der Nazizeit, griff diese Intimität um sich. Das mag sich zwar sehr romantisch anhören, doch verweigert diese Haltung des Individuums konsequent jedes weitere Verwirklichen der Wirklichkeit in seinem Bereich. „Oh meine Liebe, oh meine Liebe, du allein bist für mich in dieser Stunde trauriger Abenddämmerung“ (Louis Aragon).

Wider die Anpassung

Doch zurück zu den Anfängen des Surrealismus und dem Punkt, als die Suche nach dem Gold der Zeit angefangen hat. Eine zentrale Bedingung der Gesellschaft und der mit ihr verbundenen Verzweiflung zu entkommen, ist die Langeweile. Erst diese ermöglicht nämlich aufzubrechen und im ziellosen Herumirren durch den Alltag, die Ereignisse, Objekte und Menschen zu finden, die das neue, das eigene Universum bilden. Die Langeweile ist die wundersame Flamme, die endlich Licht auf einen selbst, auf die Mitwelt wirft. Breton und Nadja ist langweilig, deswegen durchstreifen sie Paris, wo andere arbeiten und jahrelang nichts anderes als die gleiche Routine wiederholen. Es durchstreifen Feen und Männchen in Grün Städte und Passagen wie Kinder eine zu entdeckende Welt durchstreifen, hintergedankenlos, dem irgendwas entgegen. Cafés und Bahnhöfe sind Ausgangspunkte und Orte, wo sich die Eingeweihten finden, um ihre dekonstruktiven Spiele zu spielen: das automatische Schreiben und das Entwerfen Erlesener Leichname.

Das Basteln Erlesener Leichname war als Bruch mit dem kodifizierten Geist und den eingeprägten Assoziationen ins Leben gerufen worden. Durch dieses Basteln soll der innere Reichtum der SpielerInnen ermessen werden, indem das Unbewußte durch Methoden eines Gesellschaftsspieles fixiert wird. Mehrere Personen schieben sich nach und nach ein Blatt Papier zu und beschreiben oder bezeichnen es sukzessiv, ohne zu wissen, was der andere geschrieben oder gezeichnet hat. Beim Entfalten des Papiers entstehen Dialoge und Wesen ohne jeden Wirklichkeitsgehalt, bzw. mit einem neuen Wirklichkeitsgehalt, mit jenem ahnungslosen der Beteiligten. Der erste Satz des ersten Spieles lautete „Der erlesene Leichnam“, alle anderen Sätze, die auf diesen folgten und folgen sind Assoziationen aus der Unendlichkeit des Zufalls, sind universelle Sätze. Durch dieses und andere Spiele entwickelte sich in der Gruppe keine Identität oder kein Zwang zur Gemeinschaft, es entwickelte sich viel mehr eine kommunikative Reibfläche verschiedener Vasen, die sich gegenseitig auffüllten und entleerten, auffüllten und entleerten…

Das Automatische Schreiben war von ähnlicher Qualität und gleichzeitig die ursprünglichste Methode, das erste Spiel der Surrealisten, wenngleich auch nicht von ihnen erfunden, da es schon längst im Barock kursierende Salonunterhaltung gewesen war. Der eigenen Definition Bretons zufolge, ist Automatismus Synonym von Surrealismus. Unkritisches, unreflektiertes und hemmungsloses Niederschreiben von Wortfolgen soll das Aufzeichnen der Botschaften aus der eigenen Traum- und Wahnwelt ermöglichen. Daß dabei trotzdem die Gesetze der Syntax eingehalten werden, ist darauf zurückzuführen, daß Breton bestimmte, daß der Inhalt, die produzierten Bilder als Ausdruck des Automatismus zu erkennen seien, was bei einem wort- und satzzerstörenden Gestammel à la Dada nicht möglich gewesen wäre. Spiel und Ernst waren gleichgesetzt, Literatur wurde zur Lebenspraxis, zur Entdeckungsreise mit anderen und in diese, mit dem und in das verschüttetste Ich. Das automatische Schreiben soll die letzten Bindungen zur Realität, zum Geist lösen, soll die Hingabe an den Kurzschluß sein, der den Menschen von etwas Stärkerem als mensch selbst überwältigen läßt und aus der Realität schleudert. 10 Stunden pausenlos auf ein Blatt schreiben und das einige Wochen lang, wenn auch in einer unbedingt gemütlichen Atmosphäre, wie bretonisch empfohlen – Mensch ist dann ein anderer Mensch.

Eine gewollte, aber ganz andere, in den Stundenplan des Leben eingreifende Wirkung hatten diese Spiele allenfalls: sie waren jeder der Norm entsprechenden Tätigkeit fast zur Gänze entzogen, vor allem aber zeitintensiv. Somit wurden alle beteiligten Spieler durch ihr Verhalten nutzlose Mitglieder der Gesellschaft – Bravo! Dutzende Menschen schlossen sich selbst aus, schafften es, durch ihren eigenen Ausschluß den Beweis dafür zu erbringen, daß nicht nur das surrealistische Bewußtsein, sondern auch die surrealistische Tat die Gesellschaft auflöst.

Warum? – Darum!

Zum Schluß eine kurze Frage auf eine kurze Frage, nämlich auf jene, was diese Auseinandersetzung mit dem vor 80 Jahren manifestierten Surrealismus soll, geschehen eigentlich genug aktuelle Explosionen und schrieb doch Adorno nachvollziehbar nach dem Zweiten Weltkrieg: „Nach der europäischen Katastrophe sind die surrealistischen Schocks kraftlos geworden.“ (Adorno, T.W., Noten zur Literatur, 1981, S. 102). Doch wenn der Anfang des surrealistischen Abenteuers nicht das Erstaunen vor dem Reichtum der Erscheinungswelt, sondern ein Zustand der Niedergeschlagenheit war, ist dann die Voraussetzung für dieses Abenteuers nicht immer gegeben, kann dann nicht immer verstört und gestört werden, und zwar nicht im Sinne der Realität, sondern im Sinne der Hoffnung, des Traums und der Schamesröte provozierenden Gefühle?

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http://spektakel.blogsport.de/2017/08/06/360/ http://spektakel.blogsport.de/2017/08/06/360/#comments Sun, 06 Aug 2017 13:12:41 +0000 Administrator Editorisches http://spektakel.blogsport.de/2017/08/06/360/ Die Abläufe des polizeilichen Handelns während des G20-Gipfels und die darauf folgenden „Debatten“ in der Öffentlichkeit waren in ihrem Grundmuster schon vorher bekannt – insbesondere in Hamburg. Wenn etwas davon zu lernen ist, dann vor allem über die Entwicklung der bundesdeutschen Innenpolitik. Es steht der Handlungsspielraum für all jene auf dem Spiel, die sich nicht mit der immer weitergehenden kapitalistischen Zurichtung unserer Lebensverhältnisse abgeben wollen. Ein Teil der notwendigen Reflexion darauf ist der Text „Polizei und Ausnahmezustand“ von Olga Montseny, erschienen in der fünften Ausgabe von „Kunst, Spektakel & Revolution“. Ausgangspunkt dieser Reflexion sind damals ebenfalls Ereignisse in Hamburg gewesen: Die Zerschlagung der Flora-Demo im Dezember 2013 und die in der Folgezeit eingeführten Hamburger Gefahrengebiete. Der Text ist nun online zu lesen: hier.

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Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/selbstkritik-eines-buergerlichen-hundes/ http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/selbstkritik-eines-buergerlichen-hundes/#comments Mon, 31 Jul 2017 13:56:53 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/selbstkritik-eines-buergerlichen-hundes/ Film von Julian Radlmaier
mit einer Einführung von Jakob Hayner

Fr 15.09.2017 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar – Trailer

Ein bürgerlicher Windhund gesteht, wie er vom Filmemacher zum Vierbeiner wurde: Weil er gerade keine Förderung bekommt, sieht JULIAN sich gezwungen, einen Job als Erntehelfer anzunehmen. Als er der jungen Kanadierin CAMILLE weismacht, es handele sich dabei um die Recherche für einen kommunistischen Märchenfilm, in dem sie die Hauptrolle spielen soll, will sie ihn begleiten und Julian spinnt romantische Fantasien. So landen die beiden in der trügerischen Idylle einer ausbeuterischen Apfelplantage. Während Julian unter der körperlichen Arbeit leidet und sich vor den merkwürdigen Zimmergenossen in den Containerbaracken fürchtet, stürzt sich Camille enthusiastisch in die vermeintliche Recherche und freundet sich mit HONG und SANCHO an, zwei wundergläubige Proletarier auf der Suche nach dem Glück. Für Julian wird es zunehmend schwieriger, den kommunistischen Filmemacher zu performen, außerdem kommt ihm ein Vorzeigearbeiter mit amerikanischen Träumen in die Quere, ein stummer Mönch mit magischen Kräften und einem Sprung in der Schüssel tritt auf, die Plantagenbesitzerin wird versehentlich getötet und eine versuchte Revolution endet in Ratlosigkeit. Da kommen die Spatzen in den Bäumen mit einem unerhörten Plan…

Julian Radlmaier studierte Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin und arbeitete in dieser Zeit als persönlicher Assistent von Werner Schroeter. Zudem gab er verschiedene Übersetzungen von filmtheoretischen Schriften des französischen Philosophen Jacques Rancière heraus. »Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes« ist sein Abschlussfilm. Jakob Hayner schreibt für zahlreiche Zeitschriften (u.a. Jungle World und Konkret) und ist Redakteur der Zeitschrift »Theater der Zeit«. Für die Jungle World hat er ein Interview mit Julian Radlmaier über dessen neuen Film geführt. Jakob Hayner gehört zum Redaktions-Kreis von Kunst, Spektakel & Revolution.

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Vom prophetischen Schrecken der Revolution http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/vom-prophetischen-schrecken-der-revolution/ http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/vom-prophetischen-schrecken-der-revolution/#comments Mon, 31 Jul 2017 13:56:45 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/vom-prophetischen-schrecken-der-revolution/ Über Kafkas »Der Prozess«

Nikolai Bersarin – Do 21.09.2017 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Als Franz Kafka am 13. August 1912, bei Max Brod zu Gast, seine spätere Verlobte Felice Bauer traf, sah es zunächst nicht nach dem Beginn einer großen Liebe aus. »Knochiges leeres Gesicht, das seine Leere offen trug«, notierte Kafka eine Woche nach dieser Begegnung in sein Tagebuch. Doch aus dieser Liaison ging einer der gewaltigsten Romane der Literatur hervor. Die (vermeintliche) Leere dieses Gesichts wurde in gewaltiger Prosa ausgeschrieben. Wieweit sich in diesem Kontext Biographie und Schreiben verschränken, soll jedoch nur am Rande Thema des Vortrags sein. Vielmehr geht es darum, mit Kafkas »Prozess« die besonderen Züge seiner Literatur darzustellen – nämlich eine Revolution der Poetik und des Schreiben. Das noch junge Medium Film hielt genauso in den Roman Einzug wie Photographie und Theater. Mit Adorno kann man bei Kafkas Prosa von Gesten aus Begriffen sprechen. Das Spezifische dieser Prosa wird Thema des Vortags sein: sowohl die Form des Fragments, die Verquickung von Biographischem und Fiktion und ebenso, dass jene Revolution, die gesellschaftlich bereits in der Luft lag, sich auch in der Literatur ausbreitete und die Avantgarden erfasste, soll anhand von Kafkas »Prozess« gezeigt werden. Worauf wir bei der Lektüre Kafkas stoßen, ist eine Revolution des Schreibens und Erzählens. Ein neuer Realismus konstituierte diese Literatur. Ein Realismus, der den Schrecken des Jahrhunderts wie auch die Fragilität von Subjektivität prophetisch vorwegnahm und in literarische Bilder bannte.

Bersarin, Jahrgang 1964, studierte Philosophie, Soziologie, Germanistik und nebenher Kunstgeschichte. Er lebt und arbeitet in Berlin, ist tätig im Verlagswesen und beschäftigt sich mit der Philosophie und Ästhetik der Moderne sowie der Postmoderne. Insbesondere die Philosophie Kants, Hegels, Adornos und Benjamins wie auch Positionen des Französischen Poststrukturalismus gehören zu seinem Arbeitsfeld. Er betreibt den Blog »Aisthesis« und macht Fotos, die er zuweilen hier zeigt. In KSR N°3 schrieb er »Über die Geschmacksbildung in der Kunst«. In KSR N°4 schrieb er über »Hölderlin in der geschichtsphilosophischen Perspektive von Georg Lukács und Theodor W. Adorno«.

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Ein Riss ist in der Welt http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/ein-riss-ist-in-der-welt/ http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/ein-riss-ist-in-der-welt/#comments Mon, 31 Jul 2017 13:56:24 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/ein-riss-ist-in-der-welt/ Über Romantik und Revolution

Jörg Finkenberger – Do 28.09.2017 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Die Romantik, die erste moderne Avantgardebewegung, gilt zu Unrecht als prinzipiell rückwärtsgewandt. In den Ländern, in denen sie zuerst entsteht, Deutschland und England, kann sie viel genauer beschrieben werden, wenn man sie unter dem Blickwinkel ihrer kritischen Sympathie mit der französischen Revolution betrachtet, auf derem Höhepunkt sie entsteht. Die revolutionären Sympathien der frühen Romantiker sind nicht individuelle Zufälle, sondern reichen ins Innerste der Neuen Schule. Sie nimmt die epochale Erschütterung nicht nur von aussen auf, um sie zu verarbeiten, sondern betrachtet sich selbst, ihre Philosophie, Kunst und Wissenschaft als integralen Bestandteil eines revolutionären Programms, das beitragen soll, die Revolution vor ihrem Versagen zu retten, indem sie über ihre Beschränkung hinaustreibt. In diesen Kreisen wird das Problem der Erneuerung, man könnte fast sagen: der Gründung einer Gesellschaft radikaler betrachtet als jemals vorher, und lange nachher. Wie und warum es dazu kam, dass dieses Bild unter der Restaurationszeit sich verdunkelte, obwohl die Impulse dieser revolutionären Avantgardebewegung bis zu uns sich messbar fortsetzen, das versucht der Referent zu zeigen, erst mit gemischten Ausführungen über die Erkenntnistheorie, Poetologie, Politik, Philologie und Erotik der Romantiker, dann mit einigen biographischen und historischen Bemerkungen, zuletzt unter Rückgriff auf das Bild des »Risses in der Welt«, das sich durch die ganze romantische Schule und alle spätere Moderne zieht, und welcher Riss, wie zu zeigen sein wird, derselbe Riss ist wie in Brechts »Lied vom Klassenfeind«.

Jörg Finkenberger ist Mitherausgeber der Zeitschrift »Das große Thier« und widmet sich in seinen Texten u.a. der Kritik des Staats (siehe: »Staat oder Revolution. Kritik des Staates anhand der Rechtslehre Carl Schmitts«, ça ira Verlag 2015). In KSR N°4 schrieb er unter dem Titel »Ein Riss ist in der Welt« einen Text über die Romantik. In KSR N°5 schrieb er einen Text über die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.

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Ein Blick zurück http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/ein-blick-zurueck/ http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/ein-blick-zurueck/#comments Mon, 31 Jul 2017 13:56:09 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/ein-blick-zurueck/ Über die feministische Utopie, eine Geschichte zu haben

Workshop mit Johanna Krümpelbeck und Pia Marzell (AK Unbehagen) – Sa 07.10.2017 – 14:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Dass sich die Emanzipation der Frau nicht automatisch aus ihrer ökonomischen Gleichstellung ergeben würde, war für Lenin und viele seiner männlichen Genossen undenkbar. Die russische Revolution war vor allem als Emanzipation des männlichen Subjekts gedacht worden, das »Private« blieb das Problem der Frauen. Wir werfen einen Blick zurück und sehen uns Emanzipationsentwürfe an, die Privatsphäre, Sexualität, psychische Strukturen und kulturelle Aspekte nicht ausklammern, sondern sich dezidiert mit ihnen beschäftigen. Auch Christa Wolf denkt in ihrer Neuerzählung des Kassandra-Mythos über die Abspaltung des Weiblichen aus der Öffentlichkeit nach und lässt ihre Figur über die Folgen dieser Trennung reflektieren. Ausgehend davon wollen wir mit euch darüber diskutieren, wie eine Utopie ohne getrennte Sphären aussehen könnte und darüber nachdenken, ob nicht schon in dem (Um)Erzählen einer Geschichte etwas revolutionäres aufscheint. Wir freuen uns auf euch!

Johanna Krümpelbeck und Pia Marzell vom AK.Unbehagen.

Begrenzte TeilnehmerInnenzahl! Wir bitten um Anmeldung über unser Kontaktformular.

AK Unbehagen ist ein Lesekreis in Leipzig, der sich mit feministischer Theorie und Literatur auseinandersetzt. Angesichts einer sehr brüchigen feministischen Geschichtsschreibung geht es dem AK insbesondere darum einige Standpunkte und Sichtweisen zum »weiblichen Subjekt« zusammenzutragen.

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»… versunken im Schlamm des Trauerbachs« http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/versunken-im-schlamm-des-trauerbachs/ http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/versunken-im-schlamm-des-trauerbachs/#comments Mon, 31 Jul 2017 13:55:52 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/versunken-im-schlamm-des-trauerbachs/ »Linke Melancholie« und revolutionäre ästhetische Praxis

Antje Géra – Do 12.10.2017 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

ACHTUNG! Der Vortrag muss aus gesundheitlichen Gründen leider verschoben werden. Wir informieren euch an dieser Stelle, sobald es einen neuen Termin gibt.

»Linke Melancholie« ist eine Diagnose, die gerade in Krisenzeiten emanzipatorischer Praxen schnell zur Hand ist. In Berufung auf das von Walter Benjamin in den 1930er Jahren geprägte Schlagwort erklingen Klagen über einen Mangel an »Aktivismus«, den Rückzug aus gesellschaftlichen Gefechten »der Straße« in Selbstbespiegelungsdiskurse, »passives Lesekreisen« und (pop-)kulturelle Jammertäler. Was sich der Umwälzung verschrieben habe, sei durch eine Rückwärtsgewandtheit bestimmt, die sich in nostalgischem Schwelgen in überholten Traditionen und melodramatischem Suhlen in Niederlagen emanzipatorischer Bewegungen äußere. Von einer »wirklichen Bewegung« keine Spur – nur unwirksamer Stillstand und eine einzige Misere aus Pessimismus, Nihilismus und Utopieverlust. Als Hauptübel wird ein ästhetischer Eskapismus identifiziert, der zu »politischer Handlungsunfähigkeit« führe. Gemeinsam ist diesen Kritiken die Forderung nach einer politischen Praxis, welche die Melancholie überwinde und die Kunst in den Dienst eines politischen Aktivismus stelle.

Anliegen des Vortrages wird nicht sein, über die Angemessenheit der zeitdiagnostischen Momente dieser Auffassungen Urteil zu sprechen. Vielmehr wird dem Verdacht nachgegangen, dass sie nicht nur mit einem unterkomplexen Verständnis von Melancholie operieren, sondern zudem phantasmatische Erzählungen über die Wirksamkeit politischen Widerstandes und instrumentelle Modellierungen des Verhältnisses von Kunst und Politik produzieren. Dabei wird sich gerade in einer Kontextualisierung der Benjamin’schen Bezugnahme auf Melancholie im Allgemeinen und auf »linke Melancholie« im Besonderen eine andere Tradition des Melancholie-Topos ausweisen lassen. Diese Tradition führt von Karl Marx über Walter Benjamin, Guy Debord und Peter Weiss hin zu Mark Fisher und aktuellen feministischen Konzeptionen von Melancholie als Widerstand. Indem in dieser Tradition die Auseinandersetzung mit melancholischen Ausdrucksformen eine tragende Rolle in selbstkritischen Reflexionen politischer Praxen spielt, deutet sich an, inwiefern »linke Melancholie ein unverzichtbares Moment einer Auffassung von Widerstand sein könnte, welches diesen radikal als politisch-ästhetische Praxis versteht.

Antje Géra forscht zu einer kritischen Theorie der Bildlichkeit, melancholischer Kritik und einem philosophischen Begriff von Widerstand. Gemeinsam mit anderen Mitarbeiterinnen etabliert sie feministische Lehre und Forschung am Institut für Philosophie Hildesheim. Sie lebt in Hamburg.

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Reconstructed Line #3 http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/reconstructed-line-3/ http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/reconstructed-line-3/#comments Mon, 31 Jul 2017 13:55:35 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/reconstructed-line-3/ Formulierung, Evaluation [convulsions], vorprogrammiertes Drama

Till Gathmann – Do 19.10.2017 – 20:00 Uhr
Geschwister-Scholl-Straße 11
(Atelier, Fakultät Gestaltung der Bauhaus Universität Weimar)

Die Vorstellung, dass die Linie ein bewegter Punkt sei, entspringt den kunsttheoretischen Schriften von Paul Klee. Mit ihrer Dynamik, die sich auf einer passiven Fläche entfaltet, öffnet die Linie ein Spannungsfeld zwischen dem affektiven, denkenden und handelnden Subjekt.

Till Gathmann geht der Frage, wie sich in der Zeichnung Somatisches und Psychisches formulieren, in Form von kleinen Zeichnungen nach, die schriftähnlich aus einer fortlaufenden Linie entstehen. In Reconstructed Line wird eine dieser Zeichnungen in genauer Beschreibung ihres Verlaufs rekonstruiert. Indem die Performance eine Übersetzung der Zeichnung – welche Körperspannung in Geste und Spiel verwandelt – in Text vollzieht und zum Gegenstand ihrer Handlungen macht, tangiert sie auch ein eminent politisches Problem: Die Frage der Affekte und der Spontanität im politischen Denken und Handeln, ihrer Wiederholungen, ihrer Triebgrundlage, der Erinnerbarkeit und der Konfrontation mit dem Zufall. Ist die Arbeit mit der Zeichnung eine Erinnerung an eine frühere Empfindung, so kann sie die spontane Kraft unmöglich wiedererlangen, von der die Linie anfangs angetrieben war. Was die Mühe der Rekonstruktion hervorbringt, verwandelt Spur in Material.

Till Gathmann ist Künstler, Buchgestalter und Autor. In seinen künstlerischen Arbeiten setzt er sich mit der Politik der Form auseinander, die zwischen Konzeptkunst, Fragen des Ausdrucks und psychoanalytischer Modelle verhandelt wird. Auch die Auseinandersetzung mit faschistischer Ästhetik ist ein wiederkehrendes Motiv. In der Ausgabe #1 der Zeitschrift Sans Phrase schrieb er über den Konzeptkünstler Sol Lewitt (»Object of Importance but Little Value – Analer Charakter und Werkkrise«). In der Ausgabe #3 derselben Zeitschrift schrieb er über »Der Fall Beuys. Analer Charakter und Werkkrise: Bundesrepublik Deutschland«.

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Von der künstlerischen Komposition zur ästhetischen Abstraktion http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/von-der-kuenstlerischen-komposition-zur-aesthetischen-abstraktion/ http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/von-der-kuenstlerischen-komposition-zur-aesthetischen-abstraktion/#comments Mon, 31 Jul 2017 13:55:15 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/von-der-kuenstlerischen-komposition-zur-aesthetischen-abstraktion/ Ästhetische Revolutionen zu Zeiten der Oktoberrevolution

Kerstin Stakemeier – Do 09.11.2016 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Als noch nicht sonderlich lange existierende moderne Verengung zuvor wesentlich weiter gefasster ästhetischer Produktionsformen auf einen industriell ausgeschlossenen Zweig gesellschaftlicher Folgenlosigkeit ist die Kunst ein Kapitalisierungseffekt. Und damit wären ihre Arbeitsformen ebenso wie die aller anderen modernen, industrialisierten Formen zu revolutionieren. Eben dies versuchte der russische Proletkult, eine Organisation die sich kurz vor der Oktoberrevolution in Leningrad gründete, und in den folgenden Jahren Studios in Fabriken ebenso wie an der Front eröffnete, mit dem Ziel eine allgemeine künstlerische Produktion zu eröffnen. Damit stand er, ebenso wie diejenigen die außerhalb Russlands an seine Programme anknüpften, wie etwa der von Karel Teige in Prag mitbegründete Poetismus oder Lu Märtens in Berlin verfasste Theorie des »Wesens und Veränderung der Formen (und Künste)«, im direkten Gegensatz zur Kunst- und Kulturpolitik des »orthodoxen Marxismus«. Im Vortrag soll es darum gehen diese Position nicht nur als vergangenen ästhetischen Radikalismus vorzustellen, sondern auch zu fragen warum sich die bürgerlich-kapitalistische ästhetische Beschränkung mit dem Namen Kunst sich bis heute so großer Beliebtheit erfreut.

Kerstin Stakemeier lehrt Kunsttheorie- und vermittlung an der Akademie der bildenden Künste Nürnberg. Sie forscht zur Kunstgeschichte, insbesondere deren radikalen Strängen. Sie ist immer wieder an Ausstellungsprojekten beteiligt, so etwa Aktualisierungsraum oder Klassensprachen. Für die Realism Working Group schrieb sie mit Johannes Raether über »Die Art of Falling Apart – über den Realismus der Romantik«. In KSR N°1 schrieb sie über »Künstlerische Produktion und Kunstproduktion – Polytechnik und Realismus in der frühen Sowjetunion«.

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KSR N°6 Release in Weimar http://spektakel.blogsport.de/2017/05/30/ksr-n6-release-in-weimar/ http://spektakel.blogsport.de/2017/05/30/ksr-n6-release-in-weimar/#comments Tue, 30 May 2017 14:55:18 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2017/05/30/ksr-n6-release-in-weimar/

15.06.2017 – Heftvorstellung und Vortrag – ACC Galerie Weimar

In linken Debatten über Ästhetik standen sich oftmals zwei Positionen gegenüber: Auf der einen Seite der Realismus, der die Forderung erhebt, die wichtigsten Tendenzen und Konfliktlinien der Wirklichkeit in der Kunst zur Darstellung zu bringen. Auf der anderen Seite der Avantgardismus, der die Totalität des klassischen Kunstwerks zerstört und tendenziell mit den künstlerischen Mitteln selbst unmittelbar in die Wirklichkeit eingreifen möchte.

In den Realismusdebatten der 1930er Jahre gab es jedoch eine Position, die diese Gegenüberstellung durcheinander brachte: jene Bertolt Brechts. Der wollte sich als Realist verstanden wissen und hat trotzdem im Feld der Avantgarde gewirkt. Der Modellcharakter war für ihn eine zentrale ästhetische Strategie.

Im Vortrag wollen Thomas Zimmermann und Lukas Holfeld die sechste Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution vorstellen und einige Thesen über Avantgarde und Realismus vortragen.

    Beginn: 20:00 Uhr
    Eintritt: 2 € (erm. 1 €)
    Ort: ACC Galerie Weimar, Burgplatz 1
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KSR N°6 ist erschienen http://spektakel.blogsport.de/2017/05/26/ksr-n6-ist-erschienen/ http://spektakel.blogsport.de/2017/05/26/ksr-n6-ist-erschienen/#comments Fri, 26 May 2017 13:13:16 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2017/05/26/ksr-n6-ist-erschienen/ Nach unserer Release-Veranstaltung am 24.05.2017 in Halle liegt nun die sechste Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution der Öffentlichkeit vor. Das Heft trägt den Untertitel Theater Realität Realismus und basiert auf einer Tagung, die im Sommer 2016 in Berlin stattgefunden hat. Das Heft umfasst 64 Seiten und enthält 9 Texte. Dabei dreht sich alles um das Theater: Dramenform, Realismus, Avantgarde, Bertolt Brecht, Peter Hacks und Heiner Müller kommen darin vor. Einen Einblick in das Inhaltsverzeichnis und eine Leseprobe findet ihr hier. Das Heft kann über das Kontaktformular bestellt werden.

Den ersten hundert Bestellungen wird ein Plakat beiliegen, das eine typographische Gestaltung eines Brecht-Zitats enthält. – Nur solange der Vorrat reicht.

In den nächsten Wochen werden wir weitere Heftvorstellungen in verschiedenen Städten organisieren. Außerdem arbeiten wir schon an der lang versprochenen „schwarzen“ Ausgabe.

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Release: KSR N°6 http://spektakel.blogsport.de/2017/04/29/release-ksr-n6/ http://spektakel.blogsport.de/2017/04/29/release-ksr-n6/#comments Sat, 29 Apr 2017 15:49:06 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2017/04/29/release-ksr-n6/ Wir freuen uns, im Mai die sechste Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution vorstellen zu können. Das Heft trägt den Untertitel Theater, Realität, Realismus und setzt sich in neun Texten mit den Realismus-Debatten im Bezug auf das Theater und das Drama auseinander.

Das besondere Interesse, welches die Kunstform Theater auf sich zieht, liegt in ihrem öffentlichen Charakter begründet. In der griechischen Antike entwickelte es sich mit der Polis der attischen Demokratie. Die öffentliche, durch Kunst verhandelte Sache macht den Grundzug des Theaters aus — über das elisabethanische und bürgerliche bis hin zum epischen Theater. Die Bretter, die die Welt bedeuten, stellen die gesellschaftliche Ordnung in Frage, indem sie künstlerisch zur Darstellung kommt. Insoweit war für das Theater die Frage, welche Welt da eigentlich auf welche Weise bedeutet werden soll, schon immer von Interesse. Die Frage nach der Realität und dem Realismus ist dem Theater in gewisser Weise inhärent, jedoch sind die Diskussionen um den Begriff des Realismus spezifisch modern und haben mit der bürgerlichen Autonomie der Kunst ihre Substanz gewonnen. Die Freisetzung der Kunst und der Künstler im Kapitalismus haben die Frage bedingt, was mit Kunst bedeutet und bezweckt werden kann und soll. Auf die kapitalistische Veränderung der Welt zu reflektieren, ist Anliegen einer Debatte um den Begriff des Realismus.

Der Begriff des Realismus stellt die Frage nach dem Zusammenhang von Kunst und Gesellschaft. Seit seinem Aufkommen ist er ein kritischer Begriff. Besonders interessant wird er aber erst im Zuge der kommunistischen Debatten der zwanziger und dreißiger Jahre. Der Realismus ist der Begriff, der es ermöglicht, die lebendige Dialektik der Kunstwerke im Zusammenhang mit ihren gesellschaftlichen und historischen Voraussetzungen und Wirkungen zu betrachten. Der Realismus ist, entgegen den über ihn kursierenden Vorurteilen, kein Naturalismus. Im Gegenteil ist er die Kritik des Naturalismus. Der Naturalismus ist der Positivismus in der Kunst, der annimmt, dass die Kunst zur Realität in abbildender Weise sich verhält. Aber damals wie heute hat man die Realität weder mit einem Blechnapf oder Experten des Alltags auf der Bühne. Die Wirklichkeit will ja begriffen werden, nicht abgebildet. Der Realismus ergreift Partei für ein dialektisches und ästhetisches Begreifen der Wirklichkeit durch die Kunst, also für die Poesie. Der Realismus ist darüber hinaus auch parteiisch, er ist eine Kritik der Verödung der Welt durch den Kapitalismus. Diese Kritik äußert die Kunst allerdings, indem sie besser als die Welt ist, in ihrer Form schon Utopie einer künftigen, von kapitalistischer Produktionsweise befreiten Gesellschaft ist. Ein neuer Realismus wäre ein Vorschlag für das Theater, der eigenen Mittel bewusst an der ästhetischen Utopie zu arbeiten, die auf vermittelte Weise auf die politische Utopie verweist.

Wir freuen uns, das Heft im Operncafé der Oper Halle (Saale) vorstellen zu können:

In einer linken Tradition des Theaters scheinen sich das avantgardistische, später postdramatische Theater auf der einen Seite und das realistische Drama gegenüberzustehen. Doch handelt es sich dabei wirklich um eine Opposition? Die beiden Redakteure Jakob Hayner (Theater der Zeit) und Lukas Holfeld (Radio Corax) stellen das Heft vor und diskutieren einige Thesen zum Verhältnis von Realismus und Avantgarde.

    ■ Datum: 24.05.2017
    ■ Beginn: 20:00 Uhr
    ■ Ort: Operncafé der Oper Halle (Universitätsring 24)
    ■ Eintritt frei
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DITTERICH VON EULER-DONNERSPERG http://spektakel.blogsport.de/2017/04/05/ditterich-von-euler-donnersperg/ http://spektakel.blogsport.de/2017/04/05/ditterich-von-euler-donnersperg/#comments Wed, 05 Apr 2017 17:55:01 +0000 Administrator Allgemein http://spektakel.blogsport.de/2017/04/05/ditterich-von-euler-donnersperg/

WALTER ULBRICHT SCHALLFOLIEN, Hamburg

Elektronik. Lesung

HALLE (SAALE)

SCHIEFES HAUS

Der Hellseher begibt sich zum Ufer des Flusses, schließt die Augen und spricht: Ich sehe Wasser, viel Wasser. (KLOPSTOCK)

Auf die Frage nach einem Ankündigungstext schrieb uns Herr Euler-Donnersperg:

»Ich hasse mittlerweile lange Ankündigungstexte. Jeder schreibt sowas und brüstet sich mit allerlei Angaben (vor allem Prominamen). Über die Zeit ist sowas völlig gleichförmig geworden. Ich hasse das. Einfach kurz angeben: „Der alte graue Knurhahn von der Waterkant knarzt und knurrt seine lustigen und weniger lustigen Weisen..“ (oder so ähnlich).

GLÜCKAUF!«

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