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Friedrich Hölderlin

und das Werden im Vergehen

Vortrag mit Bersarin – Do 07.06.2012 – ACC, 20:00 Uhr

Friedrich Hölderlin – der Dichter der Deutschen. Diese Lesart mögen etwa sein Gedicht »Der Ister«, welches den Unterlauf der Donau besingt, oder die Hymne »Der Rhein« auf einen ersten Blick nahelegen: Hölderlin, der Dichter der Heimat und zugleich des Griechentums. Solche Sicht zeigt sich etwa in Heideggers Hölderlinlektüren. Hölderlin transformiert sich unter diesem Blick in die Innerlichkeit und die lyrische Gestimmtheit. So wird Hölderlin zum Dichter des Seins umfunktionalisiert – und das ist nicht sehr weit entfernt von des Deutschen Michels Schlafmütze. Was bei einer solch reduzierten Sicht jedoch unter den Tisch fällt, ist der Aspekt des Politischen in der Dichtung Hölderlins, denn es gibt auch jenen anderen Hölderlin, und das wird gerne verschwiegen: den Hölderlin, welcher sich für die Französische Revolution und deren Forderungen nach Gleichheit und Freiheit begeisterte. Das Verrätselte seiner Sprache, etwa in den oben genannten Gedichten, mag über den Aspekt des Politischen in seiner Dichtung hinwegtäuschen. Insbesondere während seiner Zeit im Tübinger Stift entstanden jedoch Gedichte, die sich ganz explizit auf diese Revolution bezogen und den Sturz der Tyrannen besangen. Es brach mit der Französischen Revolution, aber auch mit den Umstürzen in der Philosophie – paradigmatisch dafür: die drei Kantischen Kritiken, sowie die Philosophie Fichtes – eine neue Zeit heran. Dieses Neue registrierte Hölderlin hellsichtig und brachte es vermittels der Dichtung in eine sprachliche Gestalt.

Gegen solche reduzierte und entschärfende Lesart Hölderlins, wie sie etwa die hermeneutische Schule oder Heidegger betrieben, soll zunächst Georg Lukács‘ Aufsatz »Hölderlins Hyperion« in die Lektüre gebracht werden, in welchem gezeigt wird, daß Hölderlins Dichtung und insbesondere sein Roman »Hyperion« diese Revolution mit den Mitteln poetischen Schreibens in eine Form der Darstellung bringen, in welcher der Gehalt von Begriffen wie Gleichheit und Freiheit entfaltet wird. Im Zuge dessen entwickelt sich die Utopie einer freiheitlich organisierten Gesellschaft in Hölderlins Text jedoch aporetisch, weil das, was ihm in Anlehnung an das Griechentum und die Feste Griechenlands vorschwebt, in Deutschland bzw. dem Flickenteppich der Fürstentümer und Königreiche, nicht einzulösen ist. Erst spätere Dichter wie Shelley konnten, so Lukács, die Sphären von gesellschaftlichem Sein und kritischem Bewußtsein, das praktisch zu werden vermag, vermitteln – etwa in der Figur seines Prometheus. Hölderlins Sprache sucht deshalb die Zuflucht beim Mythos und teils auch im Mystischen, denn ihm stehen nicht die Mittel und Möglichkeiten bereit, den Prozeß der Überwindung bzw. der Aufhebung der feudalen und weiterhin dann der bürgerlichen Gesellschaft in die poetische Reflexion zu bringen. Diese Aporie der Hölderlinschen Dichtung und zugleich ihre Tragweite macht Lukács einsichtig. Die Stoßrichtung von Lukács‘ Lektüre ist eine geschichtsphilosophische Interpretation Hölderlins.

Vor dem Hintergrund dieser geschichtsphilosophischen Perspektivierung möchte ich zu Adornos Hölderlin-Essay »Parataxis« überleiten (und möglicherweise, sofern die Zeit es zuläßt, auch Peter Szondis Hölderlinstudien streifen), um gleichsam einen Gegenpol zum Text von Lukács zu schaffen. Bedingt ist dieser Bruch und die Verschiebung der Akzente in der Interpretation Hölderlins vor allem durch die geschichtlichen Veränderungen: Konnte Lukács in den 30er Jahren auf ein Proletariat als historisches Subjekt rekurrieren, das Geschichte zu ändern vermag, so ist dies in der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule nicht mehr umstandslos möglich. Im Zeichen von Faschismus, Stalinismus und einem entfesselten Kapitalismus wird das kritische Bewußtsein aufgerieben.

Was Lukács bei Hölderlin geschichtsphilosophisch an die Realität von Gesellschaft bindet, das wird bei Adorno zu einer Reflexion auf die Sprache selbst. Diese Verschiebung in der Hölderlin-Interpretation hin zur Sprache als kritischer Instanz sowie das Verhältnis von Subjekt und Natur gilt es als Prozeß nachzuzeichnen.

Die Aporien und die Ausweichbewegungen Hölderlins hin zu einer schwarz verhängten Utopie sind in der Tat einem materialen und gesellschaftlichen Moment geschuldet, welches sich als Misere in der Geschichte potenzierte, und von der Gegenwart und der Ästhetik Adornos her gedacht, nurmehr im Diskurs des Ästhetischen und in der Reflexion kritischer Philosophie erfahrbar zu machen ist – nicht anders eigentlich als zu Hölderlins Zeit. Allerdings: Im Schatten von Auschwitz und der Möglichkeit der universalen Vernichtung der Menschheit durch den Menschen selbst, wirft sich die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von Utopie und von verändernder, eingreifender Praxis überhaupt auf. Im Zusammenhang mit Adorno und insbesondere seinem Satz, dass nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, barbarisch sei, wie er dies in seinem Aufsatz »Kulturkritik und Gesellschaft« formulierte und später dann in seiner »Negativen Dialektik« revidierte, möchte ich kurz die Dichtung Paul Celans streifen. Celan selbst bezog sich dabei vielfach auf Hölderlin, insbesondere über jene Form von Sprache, welche an die Grenze ihres Ausdrucks, an die Grenze des Verstummens gerät und zugleich in die Musik übergleitet. Aus dieser Konstellation heraus soll eine Möglichkeit poetischen Sprechens nach Auschwitz bzw. im Zeichen von Katastrophenerfahrungen entfaltet werden.

Bersarin, Jahrgang 1964, studierte Philosophie, Soziologie, Germanistik und nebenher Kunstgeschichte. Er lebt und arbeitet in Berlin, ist tätig im Verlagswesen und beschäftigt sich mit der Philosophie und Ästhetik der Moderne sowie der Postmoderne. Insbesondere die Philosophie Kants, Hegels, Adornos und Benjamins wie auch Positionen des Französischen Poststrukturalismus gehören zu seinem Arbeitsfeld. Er betreibt den Blog »Aisthesis« (bersarin.wordpress.com) und macht Fotos, die er zuweilen hier zeigt: proteusphotographie.wordpress.com.

Heinrich Heine

und der Präcommunismus

Vortragsgespräch mit Klaus Briegleb Do 05.07.2012 – ACC, 20:00 Uhr

Achtung: Der Termin musste aus gesundheitlichen Gründen verschoben werden und findet jetzt statt am:

- Fr 13.07.2012 – ACC, 20:00 Uhr

»Wie kein anderer deutscher Schriftsteller war Heinrich Heine dazu prädestiniert, ein Grenzgänger zu werden, wurde er doch auf der Grenze zweier Jahrhunderte und zweier Welten geboren und wuchs zwischen zwei Kulturen und Religionen auf. Wie kein anderer fühlte er sich gezwungen, Grenzen zu passieren, zu verletzen und einzureißen. Blieb sein Leben durch Überqueren geographischer, politischer und religiöser Grenzen geprägt, so sein Werk durch Versetzen ästhetischer, intellektueller und schließlich existentieller Marksteine.« [Gerhard Höhn]

»Der ›zynische Materialismus‹ Heines leistet dies: Er spaltet in der Erinnerung die falschen Vereinheitlichungen im revolutionären Denken wieder auf und stellt die gespannten Beziehungen des Intellektuellen zur Geschichte genauer auf die wirkliche Wirklichkeit menschlicher Alltagserfahrung ein. Heine zudem spricht als Künstler, als das Genie eines ästhetischen Materialismus, der die Tröstungen der Schönheit für das wirkliche Leben der Menschen auch dann noch bereit hält, wenn sie von der Schwelle des Grabes herüber sprechen muß, das ihr in der modernen Menschheit geschaufelt wird. Hier wird nun die politische Dimension von Schönheit und Trost erkennbar. Marx weiß, daß Heine einer der frühen großen deutschen Kritiker der Entfremdung des Menschen von sich selbst unter den Bedingungen einer kapitalistischen Gesellschaft ist. Welchen Preis der Dichter für seine Kritik zu zahlen hatte, weiß Marx auch. Er kannte inzwischen selber die, wie Heine das nennt, ›schreckliche Krankheit des Exils, die Armut‹.« [Klaus Briegleb]

»Unbestritten ist Heines Literatur ›die eines Aufbegehrens gegen Überkommenes‹ ist kritischer Widerspruch gegen ›die bestehende Ordnung.‹ Insofern dieser Widerspruch der universal-revolutionären Ordnung Vollendung des mit 1789 begonnenen Umsturzes gewidmet ist und Heines Schriften daher unter dem Titel ›Revolutionsliteratur‹ subsumiert werden können, lassen sie sich in mancher Hinsicht als ›Wörterbuch der Revolution‹ untersuchen.« [Jutta Nickel]

»Nach dem zerstörungsbedingten Rückzug Gottes aus der Welt liegt sie dem Dichter Heine als zertrümmerte, geistlose, konsonantische Buchstabenfolge vor Augen; sie ist allegorisches Stückwerk, in dem durch die Arbeit des philosophisch geschulten Dichters der Gottesname in das ›Jetzt‹ seiner Erkennbarkeit ein- und so Gott aus seinem anfänglich abstrakten Sein heraustritt und in menschlicher Geschichte ›zum Bewußtsein seiner selbst [kommt]‹.« [Jutta Nickel]

»In seiner Aversion gegen revolutionäre Reinheit und Strenge meldet sich Mißtrauen gegen das Muffige und Asketische an, dessen Spur bereits manchen frühen sozialistischen Dokumenten nicht fehlt und weit später verhängnisvollen Entwicklungen zugute kam. Heine der Individualist, der es so sehr war, daß er sogar aus Hegel nur Individualismus heraushörte, hat doch dem individualistischen Begriff der Innerlichkeit nicht sich gebeugt. Seine Idee sinnlicher Erfüllung begreift die Erfüllung im Auswendigen mit ein, eine Gesellschaft ohne Zwang und Versagung. […] Heines Gedichte waren prompte Mittler zwischen der Kunst und der sinnverlassenen Alltäglichkeit. […] Die sich selbst widerspiegelnde und damit wiederum sich selbst kritisierende Willfährigkeit seiner Gedichte demonstriert, daß die Befreiung des Geistes keine Befreiung der Menschen war und darum auch keine des Geistes. […] Sein Wort steht stellvertretend ein für ihr Wort: es gibt keine Heimat mehr als eine Welt, in der keiner mehr ausgestoßen wäre, die der real befreiten Menschheit. Die Wunde Heine wird sich schließen erst in einer Gesellschaft, welche die Versöhnung vollbrachte.« [Theodor W. Adorno]

Im Gespräch mit Klaus Briegleb (Literaturhistoriker, Heine-Forscher und Herausgeber der sämtlichen Schriften Heines im Deutschen Taschenbuch Verlag) wollen wir uns einige Aspekte des Werks und Lebens von Heinrich Heine erschließen und über die Aktualität seiner Schriften diskutieren.

Lautréamont

und das Programm einer neuen Dichtung

Vortrag mit Stefan Hackländer – Do 12.07.2012 – ACC, 20:00 Uhr

»In einer verdrängenden Sozialordnung, die die Gleichsetzung von normal, gesellschaftlich nützlich und gut fordert, müssen die Manifestationen der Lust um ihrer selbst willen als ›Blumen des Bösen‹ erscheinen. In Herausforderung einer Gesellschaftsordnung, der die Sexualität als Mittel zu einem nützlichen Zweck dient, verteidigen die Perversionen die Sexualität als Zweck an sich; sie stellen sich damit außerhalb des Herrschaftgebietes des Leistungsprinzips und bedrohen es in seinen Grundfesten. Sie stiften libidinöse Beziehungen, die die Gesellschaft verdammen muß, da sie eben den Zivilisationsprozeß bedrohen, der den Organismus zu einem Arbeitsinstrument umgebildet hat. Sie sind das Symbol dessen, was unterdrückt werden mußte, damit die Verdrängung siegen und die immer wirksamere Beherrschung von Mensch und Natur durchsetzen konnte – ein Symbol der zerstörerischen Identität von Freiheit und Glück.« [Herbert Marcuse]

»Die Gesänge des Maldoror« des geheimnisvollen Autoren Lautréamont (1846 – 1870) gehören zu den schönsten, gleichwohl schrecklichsten und verstörendsten ›Romanen‹ der literarischen Moderne – eine Blume des Bösen, die hier in ungestümer, in ihrer Bestialität dennoch sublimer Weise aus der Verdrängung hervorbricht. Den Gesängen folgen die Poésies, die das Vorwort der »Gesänge des Guten« werden sollen – sie sind mit Hilfe der Entwendung anderer Gedichte und Werke geschrieben und loben das Gute des Menschen. Diese Dialektik wiederholt sich wenig später in der wirklichen Geschichte in umgekehrter Reihenfolge: als Aneignungsbewegung der Pariser Commune und deren blutiger Niederschlagung im Jahr 1871. Stefan Hackländer (Student der Germanistik und Philosophie sowie Gitarrist in einer Blackmetal-Band) spricht über Aspekte der Schriften von Lautréamont und wie dieser – in Entsprechung zu Arthur Rimbaud und Charles Baudelaire – das Programm einer neuen Dichtung begründete.

Arthur Rimbaud

die Niederschlagung der Commune und das Verstummen der Poesie

Vortrag mit Helmut Dahmer – Do 09.08.2012 – ACC, 20:00 Uhr

»Rimbaud war Rebell. Einer, der seine eher sanftmütige Natur gegen Erniedrigung und Depravation panzerte. Der auf Veränderung für sich und andere aus war und nach dem Geheimnis suchte, ›das Leben ändern‹. Der wußte, als er es für sich gefunden hatte, daß er damit zu einer ›ernsten Gefahr in der Gesellschaft‹ werden konnte. Sie hat ihm seine Anmaßung bis heute nicht verziehen, diese Gesellschaft der Bourgeoisie. […] Rimbaud kann indes nicht anders denn als Zeitgenosse der Pariser Commune die ein ›neuer Ausgangspunkt von welthistorischer Wichtigkeit‹ (Marx) war, gelesen werden. Der Aufstand der Pariser Communarden und ihre Niederlage sind die geschichtliche Grunderfahrung, deren Spuren das gesamte Werk auf eine nicht auf der flachen Hand liegende Weise durchziehen. Dieses Werk des frühreifen Dichters, Musterschüler seiner Klasse und brillanter Kenner der klassischen Rhetorik, ist in nur fünf Jahren zwischen 1870 und 1875 entstanden. Im Alter von fünfzehn bis neunzehn Jahren erarbeitete Rimbaud seine Dichtungen, die nicht nur der französischen Poesie ganz neue Möglichkeiten erschließen sollten, sondern die ›eine kopernikanische Wende der modernen Dichtung‹ (Werner Krauss) überhaupt einleiten.« [Karlheinz Barck]

»Arthur Rimbaud und zwei seiner Zeitgenossen – der zehn Jahre ältere Nietzsche und der anderthalb Jahre jüngere Freud – haben zur Entzauberung (oder Depossedierung) des Ichs in besonderer Weise beigetragen, indem sie in seinem Inneren selbst ein Anderes, ein Nicht-Ich kenntlich machten.« [Helmut Dahmer]

Nachdem Arthur Rimbaud eine »objektive« Dichtung begründet und einige der unkonventionellsten Gedichte und Prosa-Stücke der Moderne geschrieben hatte, brach er abrupt mit der Dichtung und begann, als Abenteurer und scharfsichtiger Beobachter durch die Welt zu reisen, bevor er als (Waffen-)Händler und Geograph von Aden und Harar aus in (damals) unerforschtes Gebiet (Ogaden) vordrang. Helmut Dahmer (Soziologe und Herausgeber einer Sammlung von Trotzki-Schriften) beschäftigt sich mit Psychoanalyse und Kritischer Theorie und spricht über einige Aspekte des Lebens und Werks von Arthur Rimbaud.

Zur Geschichte der Pariser Commune von 1871

Filmabend & Seminar

Filmabend und Wochenendseminar 10.-12.08.2012

»Freilich hat die revolutionäre Partei in Frankreich, bei ihrem Erwachen angegriffen, unorganisiert, durch verschiedene Elemente gehemmt, zu einem militärischen Kampf gezwungen, weder ihre Ideen noch ihre Legionen entfalten vermocht, und die Revolutionäre sind nicht so thöricht, in dieser Episode, wie gigantisch sie auch sei, die ganze Revolution zu sehen. Dieser Kampf ist nur ein Vorspiel, ein ›Vorpostengefecht‹, wie Bebel sagte. Aber die revolutionäre Partei in Frankreich hat ein unvergeßliches Beispiel der Initiative, der Kühnheit und des Muthes hinterlassen. Wenn sie nicht gesiegt hat, so hat sie doch wenigstens den Weg gezeigt. Mehr noch; sie tritt die chauvinistischen Traditionen, die sich in den Sozialismus eingeschlichen hatten, mit Füßen, sie setzt nicht einen thörichten Stolz darein, ihre Fehler zu leugnen. Sie enthüllt sie vielmehr, damit sie der Zukunft der Lehre dienen, damit der Sohn nicht den Weg des Vaters aufs Neue zu machen habe.« [Prosper-Olivier Lissagaray]

»Die Kommune von 1871 konnte nichts anderes sein als ein erster schwacher Versuch… Wenn wir uns ausschließlich an die wirklichen und greifbaren Taten der Kommune halten würden, dann müssten wir sagen, daß dieser Gedanke nicht umfassend genug war… Wenn wir uns dagegen an den revolutionären Geist halten, an die Tendenzen, welche sich zur Geltung zu bringen strebten und keine Zeit hatten Tatsachen zu werden, weil sie schon in der Knospe unter Bergen von Leichen erstickt wurde – dann werden wir die ganze Tragweite jener Erhebung und die Sympathien verstehen, welche sie den Arbeiterklassen … einflößt.« [Pjetr Kropotkin]

»Das bloße Bestehn der Kommune führte, als etwas Selbstverständliches, die lokale Selbstregierung mit sich, aber nun nicht mehr als Gegengewicht gegen die, jetzt überflüssig gemachte, Staatsmacht. […] Die Kommune machte das Stichwort aller Bourgeoisrevolutionen – wohlfeile Regierung – zur Wahrheit, indem sie die beiden größten Ausgabequellen, die Armee und das Beamtentum, aufhob. Ihr bloßes Bestehn setzte das Nichtbestehn der Monarchie voraus, die, wenigstens in Europa, der regelrechte Ballast und der unentbehrliche Deckmantel der Klassenherrschaft ist. Sie verschaffte der Republik die Grundlage wirklich demokratischer Einrichtungen. Aber weder „wohlfeile Regierung“ noch die „wahre Republik“ war ihr Endziel; beide ergaben sich nebenbei und von selbst.« [Karl Marx]

Nicht einem vermeintlichen Fortschritt in die Zukunft anzuhängen, sondern die Vergangenheit zu rächen – dies ist, was Walter Benjamin als Imperativ revolutionären Geschichtsbewusstseins formuliert. Aus diesem Grund lohnt es, sich mit der Pariser Commune von 1871 zu beschäftigen und in ihr nach Unabgegoltenem zu suchen. In dieser ersten großen proletarischen Erhebung kulminierten auch zahlreiche Momente der Moderne. Gegen die Heroisierung der Commune durch die KP-Ideologen und Staatssozialisten wollen wir in einem Wochenendseminar die Ereignisse der Pariser Commune rekonstruieren und uns mit ihrer Behandlung in den Texten von Marx, den Anarchisten und Rätekommunisten, sowie den Situationisten auseinandersetzen – nicht im Sinne einer problemlosen Anknüpfung und Fortführung jener Tendenz, sondern als kritische Aneignung einer selbst problematisch gewordenen Revolutionsgeschichte. Weitere Informationen über Inhalt und Ablauf des Seminars folgen in Kürze.

Allegorie und Revolte bei Baudelaire und Blanqui

Walter Benjamins Zeugen der Urgeschichte des 19. Jahrhunderts

Vortrag mit Jan Sieber – Do 23.08.2012 – ACC, 20:00 Uhr

»Man befand sich gleichsam in einer Kapelle, die dem orthodoxen Ritus der Konspiration gewidmet war. Die Türen standen jedermann offen, aber man kam nur wieder, wenn man Adept war. Nach dem verdrießlichen Defilee der Unterdrückten erhob sich der Priester dieser Stätte. Sein Vorwand war, die Beschwerden seines Klienten zu resümieren, des Volks, das von dem halbend Dutzend anmaßender und gereizter Dummköpfe, die man eben gehört hatte, repräsentiert wurde. In Wirklichkeit setzte er die Lage auseinander. Sein Äußeres war distinguiert, seine Kleidung tadellos; sein Kopf war feingebildet; sein Ausdruck still; nur ein unheilverkündender, wilder Blitz fuhr manchmal durch seine Augen.« [J.-J. Weiss über Blanqui]

»Der bedeutendste der Pariser Barrikadenchefs, Blanqui, saß damals [zur Zeit der Pariser Commune] in seinem letzten Gefängnis, dem Fort du Taureau. In ihm und seinen Genossen sah Marx in seinem Rückblick auf die Junirevolution ›die wirklichen Führer der proletarischen Partei‹. Man kann sich von dem revolutionären Prestige, das Blanqui damals besessen und bis zu seinem Tode bewahrt hat schwerlich einen zu hohen Begriff machen. Vor Lenin gab es keinen, der im Proletariat deutlichere Züge gehabt hätte. Sie haben sich auch Baudelaire eingeprägt. Es gibt ein Blatt von ihm, das neben andern improvisierten Zeichnungen den Kopf von Blanqui aufweist.« [Walter Benjamin]

Charles Baudelaire holt das Alltägliche, den Lärm der Straße, die permanente Anwesenheit der Masse in den Großstädten, das Triviale, das Geschäft der Lohnarbeit und den Schock in die Dichtung hinein. In der warenproduzierenden Moderne – die mit der Abschaffung der Erzählung und der Einführung der Information als Stückware die Möglichkeit von Erfahrung untergräbt – widmet sich Baudelaire einem melancholischen Realismus, der die permanente Anspannung der in ihr lebenden Subjekte mimetisch reproduziert und damit gleichzeitig bricht. Indem er das Schock-Erlebnis, dem die Großstadtbewohner ständig ausgesetzt sind, künstlich überhöht und als dichterisches Fragment eine Form gibt, ringt er ihm die Möglichkeit von Erfahrung ab. Er setzt nicht das Authentische gegen die Blasiertheit, sondern pariert Entfremdung mit Entfremdung. Walter Benjamin hat Charles Baudelaire mit dem Barrikadenkämpfer Louis-Auguste Blanqui verglichen: Beide rechnet er dem Milieu der Bohème zu. Das Blitzen, das während seiner Reden in den Augen Blanquis erscheint, findet Benjamin in den Gedichten Baudelaires wieder.

Für Walter Benjamin sind August Blanqui und Charles Baudelaire, Zeugen – ersterer, als »der bedeutendste der Pariser Barrikadenchefs« der französischen Junirevolution von 1848, Zeuge jener untergründigen und eigentlichen Geschichte, die die Geschichte der Verlierer, der Unterdrückten, der Sklaven und – in ihrer modernen Erscheinung – des Proletariats ist; letzterer, als größter französischer Dichter der Moderne, Zeuge des Verfalls der Erfahrung im Zeitalter des Hochkapitalismus. Nicht nur ihre Zeitgenossenschaft, Baudelaires Beteilung an der von Blanqui gegründeten Gruppe Société républicaine centrale oder ihr beider Kampf auf den Pariser Barrikaden verbindet sie. Für Benjamin ist ihre tiefere Verwandtschaft eine charakterliche Haltung gegenüber der modernen Welt: »der Rätselkram der Allegorie beim einen, die Geheimniskrämerei des Verschwörers beim anderen.« Blanqui und Baudelaire verkörpern jeweils eine Seite desselben: Allegorie und Verschwörung, geschichtliche Erfahrung und revolutionäre Praxis. »Blanquis Tat ist die Schwester von Baudelaires Traum gewesen. Beide sind ineinander verschlungen. Es sind die ineinander verschlungenen Hände auf einem Stein, unter dem Napoleon III. die Hoffnungen der Junikämpfer begraben hatte.« Wenn für Benjamin Geschichtsschreibung heißt, die Geschichte gegen den Strich zu bürsten, dann bedeutet dies, die Geschichte der Moderne, verdichtet in der von Paris, der Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, und der Kultur des französischen Second Empire von den Barrikaden des Pariser Proletariats her, der Niederlage der Pariser Kommune und der Repression der Arbeiterbewegung in den darauf folgenden Jahrzehnten zu lesen. Der Vortrag wird die Konstallation zwischen Blanqui und Baudelaire in Benjamins Passagen-Werk sowie ihren Einfluss auf Benjamins Geschichtsbegriff verfolgen.

Jan Sieber, studierte in Bremen, Lüneburg und London Kunst- und Kulturwissenschaften sowie Philosophie; momentan wissenschaftlicher Mitarbeiter und Promovent an der UdK Berlin; Mitglied der Gruppe und Mitherausgeber der gleichnamigen Zeitschrift Anthropology+Materialism; Mitglied von Berlin Group for Radical Thinking.

KSR#2 ist erschienen

Die zweite Broschüre zur Veranstaltungsreihe Kunst, Spektakel & Revolution ist erschienen und kann ab sofort über das Kontaktformular bezogen werden. Das fünfzig-seitige Heft enthält sieben Texte und eine Beilage – weitere Informationen, die Einleitung und eine Leseprobe gibt es hier.

Auch im Jahr 2012 wird die Reihe, nunmehr in einem vierten Teil, eine Fortsetzung finden. Wir werden uns mit dem Schicksal von Künstler_innen, Avantgardist_innen und Intellektuellen zwischen den beiden Weltkriegen auseinandersetzen und auf welche Weise Nationalsozialismus und zweiter Weltkrieg ihr Wirken beeinflusst haben. Insbesondere wollen wir uns die Frage stellen, wie sich die Perspektive auf Autonomie und Aufhebung der Kunst nach 1945 verschoben hat. Weitere Informationen hierzu wird es Anfang des Jahres 2012 an dieser Stelle geben. Bis dahin weisen wir auf den Vortrag von Wolfgang Bock über László Moholy-Nagy am 19.01.2012 hin.

Release Broschur: Kunst, Spektakel und Revolution #2

Präsentation unserer zweiten Broschüre und Vortrag zu den Konstitutionsbedingungen und der Beschaffenheit revolutionärer Subjektivität

Mittwoch 21.12.2011 – 18:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Im Jahr 2009 begann die Veranstaltungsreihe »Kunst, Spektakel und Revolution« als eine Zusammenarbeit zwischen der ACC Galerie Weimar und dem Bildungskollektiv Erfurt. Seither fanden in diesem Rahmen ca. 25 Veranstaltungen statt, die sich auf unterschiedliche Weise mit dem Verhältnis von Ästhetik und Gesellschaftskritik auseinandergesetzt haben. Nachdem wir im Rahmen der Reihe Anfang 2010 bereits eine Publikation mit Texten zum Thema herausgegeben haben, freuen wir uns am 21.12.2011 nun unsere zweite Broschüre präsentieren zu können. Sie enthält sieben Textbeiträge von Tilman Reitz, Christopher Zwi, R.G. Dupius, Clemens Bach, Björn Öllers, Jan C. Watzlawik, Kerstin Stakemeier, Roger Behrens und Magnus Klaue zu den Themen »Charles Fourier und die Avantgarden«, »Lautreamont & Detournement«, »Dandy & Paradoxie«, »Krise und Zerfall des Liberalismus bei Charles Dickens«, »Die Expressionismusdebatte in ihrer Zeit«, »Die Sicherheitsnadel als Gegen-, Wider- und Umstand« und »Die postmoderne Empfindsamkeit«. Um den Abend inhaltlich zu gestalten und noch einmal die Revolution im Titel unserer Veranstaltungsreihe zu unterstreichen, haben wir zwei Menschen von der AG Gesellschaftskritik aus Dresden eingeladen, die über »Proletarität und Revolutionstheorie« referieren werden.

Ankündigungstext zum Vortrag

Das »Proletariat« hat als Chiffre eine lange, unrühmliche Karriere hinter sich. Im »traditionellen Arbeiterbewegungsmarxismus« mit dem historischen Phänotypen des Proleten identifiziert, welcher qua seiner Stellung im Produktionsprozess und seiner moralisch verstandenen Knechtung revolutionäres Bewusstseins spontaneistisch im Klassenkampf entwickeln müsse, oder per se rebellisch jenseits der Fetischisierungen, Mystifizierungen und Naturalisierungen der kapitalistischen Verkehrsformen stünde, hat sich spiegelverkehrt dazu das Gros der Marxisten und Linken enttäuscht vom Proletariat verabschiedet, nachdem dieses nicht seinem »geschichtlichen Beruf« (Marx) nachgekommen ist, sondern sich stattdessen ganz im Gegenteil als das erwiesen hat, als was es im kapitalistischen Produktions und – Verwertungsprozess gesetzt ist: variabler Teil des Kapitals. Seit dem Untergang des sogenannten »Realsozialismus«, sowie der »prolet-arischen« (Franz Neumann) Konterrevolution des Nationalsozialismus und der Shoa schwankt die westliche Linke allgemein und die deutsche insbesondere zwischen einer abgeschmackten Neuauflage der positiven Revolutionstheorie des Traditionsmarxismus, der (wertkritischen) Soziologisierung des Proletariats, einer Ausweitung des »utopische Bilderverbot(s) auch auf die Frage nach dem revolutionären Subjekt« (Ingo Elbe) und dem postmodernistischen »Abschied vom (revolutionären) Subjekt«. Während sich die fortschreitende Akkumulation des Kapitals weiterhin über die extensiv wie intensiv akkumulierende Proletarisierung eines Großteils der Menschheit vollzieht, ist der Begriff von der »Daseinsform, Existenzbestimmung« (Marx) der Proletarität und den Möglichkeiten ihrer Aufhebung in der Dimension revolutionärer Theorie und Praxis verschüttet. Gegen die Arbeitertümelei des Proletkults einerseits und die ihr aufsitzende Abkehr vom Proletariat andererseits wäre Proletarität nicht als Antwort auf die Scheinfrage zu begreifen, ob das Proletariat bereits das revolutionäre Subjekt sei, sondern als eine Voraussetzung des dynamischen Prozesses seiner Subjekt- und Bewusstwerdung zu rekonstruieren, die eine kommunistische Revolution realistisch möglich und denkbar macht. Nur in einer nüchternen Bestimmung der Bedingungen, objektiven Möglichkeiten und Tendenzen einer kommunistischer Vergesellschaftung lassen sich die Formen und der Inhalt revolutionärer Subjektivität als der »Klasse des Bewusstseins« (Lukács) konkretisieren, die sich auf der Höhe der modernen Vergesellschaftung wissenschaftlich über ihre Lebensverhältnisse klar wird und sie praktisch umwälzt. Der Zusammenhang des Proletariats mit einer kommunistischen Revolutionstheorie wäre also in dem konkreten Beantwortungsprozess der Frage zu erschließen, wie diese Revolution beschaffen, was ihre Voraussetzungen, Mittel und Ziele sein könnten.

László Moholy-Nagy

und die Rettung der Objekte durch Licht

Vortrag von Wolfgang Bock – 19.01.2012 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Der ungarische kubistische Maler, Photograph und Designer Lászlo Moholy-Nagy gilt als einer der wichtigsten Vertreter des Bauhauses. Walter Gropius holt ihn 1923 als Lehrer nach Weimar. Er wird Nachfolger von Johannes Ittten, übernimmt als Meister die Metallwerkstatt und ist verantwortlich für die Materiallehre im berühmten Vorkurs. Er beginnt, ebenfalls mit Gropius, die Arbeit an den Bauhausbüchern, deren Typographie er stilbildend prägt. In Weimar lernt er photographieren und Moholy-Nagy gilt neben Man Ray als einer der »Erfinder« des Photogramms. Sein Beitrag für die Moderne ist kaum zu überschätzen.

Moholy-Nagy betrachtete als Konstruktivist die Möglichkeiten der menschlichen Wahrnehmung als »funktionale Entwicklung der einzelnen Apparate der Sinneswahrnehmung«; ihrer spezifischen Vorgehensweise stellt er die Logik der Maschinentechnik gegenüber und will beide als fortgeschrittensten Ausdruck des Gestaltungsvermögens verstehen. Dieser Zusammenhang ist politisch motiviert. Wie der junge Marx erkennt er in der Entwicklung der Produktivkräfte eine wichtige Bedingung für gesellschaftliche Entwicklung. Als jüdischer ungarischer Anarchist unterstützt Moholy-Nagy die Budapester Räterepublik, geht dann nach deren Fall nach Wien und Berlin. Die politische Dimension geht bei Moholy-Nagy ein in einen spezifischen Begriff von Material und Licht.

Wolfgang Bock schildert die Anfänge seiner Arbeit in Weimar und würdigt seine späteren Arbeiten für eine kritische Ästhetik und Medienwissenschaft.

Wolfgang Bock, geboren 1957, studierte Biologie, Psychologie, Literaturwissenschaft und Pädagogik an der Universität Bremen. Von 1990 bis 2000 lehrte er dort Germanistik, Psychologie, Pädagogik, Kunst und Kulturwissenschaft sowie Arbeits- und Gesundheitswissenschaften. Von 2001-2006 unterrichtete er Theorie und Geschichte der Visuellen Kommunikation an der Bauhaus-Universität Weimar. 2007 bis 2011 war er Gastprofessor an der Bundesuniversität des Staates Rio de Janeiro (Unirio) und an anderen Universitäten in Brasilien, unter anderem auch am Design-Institut ESDI der UERJ. Ab 2012 ist er Professor für deutsche Literatur und Sprache an der Bundesuniversität von Rio de Janeiro (UFRJ). Publikationen über Design, Neue Mythologie, Kritische Theorie, Postmoderne, Rechtsradikalismus, Bildungstheorie und Neue Medien. Sein jüngstes Buch: »Vom Blickwispern der Dinge. Sprache, Erinnerung und Ästhetik bei Walter Benjamin.« Vorlesungen in Rio de Janeiro 2007, Würzburg: K&N 2010. Er war von 2001-2006 Herausgeber des Jahrbuches der Fakultät Gestaltung an der Bauhaus Universität Weimar und ist Mitherausgeber der »Zeitschrift für Kritische Theorie« im Zu Klampen Verlag, Lüneburg (zusammen mit Sven Kramer und Gerhard Schweppenhäuser).

Regression des Hörens

Modelle einer kritischen Theorie der Musik

Tagesseminar mit Martin Dornis – 23.10.2011, ACC Galerie Weimar, Burplatz 1-2 – Beginn: 11:00 Uhr

Eine materialistische Gesellschaftslehre hat ihr Zentrum in einer Kritik der Musik. Es geht dabei nicht um die Anwendung materialistischer Postulate auf das Gebiet der Musik, sondern darum, diese Kritik aus einer Auseinandersetzung mit der Musik zu entfalten. Die entscheidenden theoretischen Zusammenhänge dazu sind bereits von Horkheimer und Adorno in der »Dialektik der Aufklärung« formuliert. Mit der Etablierung der Herrschaft von Menschen über Menschen und der Ausbeutung von Menschen durch Menschen wird einerseits der verzaubernde, an Befreiung und Versöhnung erinnerde »Klang der Sirenen« aus der gesellschaftlichen Praxis verbannt und dabei die Kunst im allgemeinen, die Musik im speziellen zu einer autonomen, von der Praxis getrennten und gerade dadurch mit ihr verbundenen Sphäre begründet. Die Herausbildung einer autonomen Musik ist in einem das Aussprechen der Herrschaft wie die Kritik an ihr. In der Geschichte der Musik spiegelt sich die Geschichte der Menschheit, verstanden als eine Dialektik der Aufklärung. Paradigmatisch formulierte diesen Zusammenhang der Musikphilosoph und Komponist neuer, radikaler Musik Dieter Schnebel: »Was zu sehen ist, liegt zutage. Das Ohr ist das Organ der Nacht. Hören geschieht im Ablauf der Zeit, ist vergänglich.« Das sinnlich-praktische Verhältnis des Menschen zur Natur bricht unter den Bedingungen von Herrschaft und Ausbeutung in Sehen und Hören auseinander. Während sich im Sehen im alltäglichen, wissenschaftlichen und künstlerischen Umgang mit der Gesellschaft, die heute immer auch Natur ist und der Natur, die heute stets auch Gesellschaft ist, das Moment der Verdinglichung auskristallisiert, kommt im Hören das von der gesellschaftlichen Praxis abgeschobene zum Ausdruck. Die Musik wird damit zum Kulminationspunkt sowohl von Momenten der Befreiung der Menschheit vom universellen Bann des Werts, eines »Eingedenkens der Natur im Subjekt« als auch der regressiven Verschmelzung der Menschen mit der von ihnen selbst geschaffenen Herrschaft im Spätkapitalismus und besonders im Nazifaschismus. Dies ist Grund genug für die Auseinandersetzung mit einer kritischen Theorie der Musik und des Hörens. Im Seminar sollen Texte der Musikphilosophie Adornos diskutiert und anhand der Beschäftigung mit Musikstücken nachvollzogen werden.

  • wir bitten um eine kurze Anmeldung über das Kontaktformular
  • neben dem TeilnehmerInnenbeitrag (3 € / 2 € ermäßigt) solltet ihr eine Spende für das Mittagessen und Getränke bereithalten
  • falls ihr von außerhalb kommt, können wir uns gern um Übernachtungsmöglichkeiten kümmern – bitte nehmt hierzu kurz Kontakt zu uns auf
  • das Seminar ist organisiert als eine Kooperation von Bildungskollektiv BiKo e.V., ACC Galerie Weimar und Arbeit und Leben Erfurt
  • Zur Theorie einer materialistischen Imageologie

    Bildlichkeit und Sehen in der Gesellschaft des Spektakels

    Christopher Zwi – 27.10.2011, 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar, Burgplatz 1

    In der Mitte des finsteren 20.Jahrhunderts forschte die kritische Theorie Adornos und Horkheimers nach den Ursachen für den gesellschaftlichen Bann der Verblendung. Die »Dialektik der Aufklärung« schliesst in dem letzten philosophischen Fragment »Zur Genese der Dummheit« mit einem Bild für »alles Lebendige«: »Das Fühlhorn der Schnecke ›mit dem tastenden Gesicht‹« steht hier zugleich als Wahrzeichen der menschlichen Intelligenz und des ihr einmal zugefügten Schmerzes einer Verletzung der sinnlich-neugierigen Entdeckungslust. Die gewaltsam beendete Einheit von Tasten, Riechen und Sehen mittels dieses Organs wird zum Urbild des Wundmals, wo die Lust an der sinnlich-praktischen Tätigkeit und am theoretischen Sinn durch gesellschaftliche Eigentumsschranken, Klassenverhältnisse und Machtinteressen zerstört wird. Die zurückbleibende Narbe markiert zweierlei: zum einen den in der Gattungsgeschichte geborgenen Erfahrungsreichtum, zum anderen das Umschlagen von Geschichte in einen verdinglichten Prozess, der sich gegen die Möglichkeiten des gesellschaftlichen Individuums richtet. An diesem wunden Punkt schlagen Wissbegierde und Neugier in Dummheit, Idiosynkrasie, Bosheit und Fanatismus um – in die verheerenden, mörderischen Folgen der Verblendung.

    Die Geschichte dieser Verheerung ist ein Prozess der Ausdifferenzierung und der Verarmung der Sinne zugleich: die anderen menschlichen Sinne werden vom Gesichtssinn getrennt, das Gesicht wird auf das Sehen eingeschränkt und der Sehsinn wird durch die gesellschaftlichen Verhältnisse selbst noch verblendet. So reproduziert sich diese Gesellschaft als Ganzes blind, sie verbietet es sich selbst, ihre Form vernünftig zu reflektieren und in der Undurchsichtigkeit aller Verhältnisse und Beziehungen fixiert sie ihre Mitglieder in der Haltung der bloßen, ohnmächtigen Kontemplation. Das scheinbare Schicksal dieser widersprüchlichen Gesellschaftsform der Trennungen wurde in dem Vierteljahrhundert nach Erscheinen der »Dialektik der Aufklärung« zum Leitthema der kritischen Theorie der Situationisten. Die Situationistische Internationale (1957-1972) entwickelte erstmals eine communistische Kritik der »Gesellschaft des Spektakels«: in ihr spiegelt sich die wirkliche Welt des materiellen Lebensprozesses als »der getreue Widerschein der Produktion der Dinge« und als Selbstzweck der Produktion von Waren-Bildern und Bilder-Waren. Das Spektakel als Ganzes ist »das Kapital, das einen derartigen Akkumulationsgrad erreicht hat, dass es Bild wird«. Das bloße Anblicken des Erlebten im ununterbrochenen Bilderlauf des Nichtlebens und der normierten herrschenden Modell-Bedürfnisse verdinglicht und entfremdet die Geschichte – gerade auch die der Entwicklung der menschlichen Sinne – den Produzierenden und Konsumierenden. Es enteignet sie ihrer Gesten und Gestaltungsmöglichkeiten, verblendet ihre Wahrnehmung der historisch-materiellen Realität und macht sie dumm und stumm. So, wie die sogenannte Kommunikationsgesellschaft »das Gegenteil des Dialogs« zwischen den gezwungenermaßen assoziierten und fremdbestimmt arbeitenden Menschen ist, so ist die Gesellschaft der Zuschauenden tendenziell die der Blinden.

    »Das Spektakel als Tendenz, durch verschiedene spezialisierte Vermittlungen die nicht mehr unmittelbar greifbare Welt zur Schau zu stellen, findet normalerweise im Sehen den bevorzugten menschlichen Sinn, der zu anderen Zeiten der Tastsinn war; der abstrakteste und mystifizierbarste Sinn entspricht der verallgemeinerten Abstraktion der heutigen Gesellschaft.« Die kapitalistische »Realabstraktion« drückt sich in einer Ideologie und Praxis der Menschen aus, die »das konkrete Leben aller … zu einem spekulativen Universum degradiert hat«. Die situationistische Kritik versucht durch ihre Wendung zur Praxis die philosophische Kurzsichtigkeit der europäischen Dialektik zu überwinden, die »in einem von den Kategorien des Sehens beherrschten Begreifen der Tätigkeit bestand«. Das dialektische Denken soll jedoch das Erbe dieser isolierten Reflexionstätigkeit aufheben und nicht hinterschreiten – dieser Anspruch ist dem Begriff des Spektakels eingeschrieben: Nicht nur ist speculum das lateinische Wort für Spiegel, sondern auch die »gespenstische Gegenständlichkeit« und das »sinnlich Übersinnliche« – das die Wert- und Warenform kennzeichnet – wird mit »Spektakel« bewusst evoziert. Als den wesentlichen Vorgang des Warenfetischismus bezeichnet Marx die Tätigkeit des wider- bzw. zurück-Spiegelns.

    Wir müssen deshalb bei einer erneuten Überprüfung der situationistischen Spektakeltheorie vor allem nach dem kritischen Gehalt dieser besonderen Form von »Bild« fragen – dem Spiegel-Bild. Wie verhält sich die sinnliche Wahrnehmung und Tätigkeit der Menschen in der modernen Gesellschaft zum Sehen ihres gegenständlichen Wesens und zu dessen Darstellen im Spiegeln, im mimetischen Bilden? »Die Bildung der 5 Sinne ist eine Arbeit der ganzen bisherigen Weltgeschichte.« (Marx) Doch in ihrem bisherigen Resultat hat sich »das Prinzip des Warenfetischismus … absolut im Spektakel vollendet, worin die sinnliche Welt durch eine über ihr schwebende Auswahl von Bildern ersetzt wird, die sich zugleich als das Sinnliche schlechthin hat anerkennen lassen.« Wie hängt die gesellschaftliche Privilegierung und Bornierung des Seh-Sinnes mit der Verfinsterung der Geschichte zusammen? Wie, warum und wodurch entsteht gesellschaftliche Verblendung, und wie kann auch aus der Blindheit heraus die sinnlich menschliche Tätigkeit praktisch und theoretisch re-organisiert werden? Mit der Begründung der Kritik der »Gesellschaft des Spektakels« stellt sich materialistisch historisch die Aufgabe, Sehvermögen und Blindheit in ihrer Funktion bei der Bildung aller Sinne dialektisch auseinander zu erklären, um »die Gesellschaft des Bildes in ihrer ganzen Tiefe zu begreifen. Die Wahrheit dieser Gesellschaft ist nichts anderes als die Negation dieser Gesellschaft.«

    Nach Großstadt und Geistesleben

    Ästhetische Ideologie, Urbanität und Sinnlichkeit

    Roger Behrens – 18. August, 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar, Burgplatz 1

    Das bürgerliche Zeitalter manifestiert sich um neunzehnhundert in den modernen Großstädten, in den Metropolen der Industrie, des Handels und des Verkehrs. Georg Simmel hat mit seinem Essay ›Die Großstädte und das Geistesleben‹ (1903) versucht, dem in Hinblick auf einige soziologische wie psychologische Charakteristika Ausdruck zu geben: Urbanismus ist nicht nur der architektonisch umbaute Raum namens »Stadt«, sondern die ästhetische Formierung einer Lebensweise. Mit den zwanziger und dreißiger Jahren zeigt sich schließlich, inwiefern Großstadt und Kapitalismus über die Industrie hinaus in der Konsumgesellschaft verschmelzen: zeitgleich zu Clement Greenbergs ›Avantgarde und Kitsch‹ und Walter Benjamins Kunstwerkaufsatz – in dem die These einer Ästhetisierung der Politik entfaltet wird – beschreibt Louis Wirth ›Urbanismus als Lebensweise‹.

    Tatsächlich offenbart sich aber erst in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts das vollendete Spektakel dieses Urbanismus: Stadt als Zentrum einer alle Lebensbereiche durchdringende Kommodifizierung, als permanente Rückkopplung zwischen Politik und Ästhetik. Gleichwohl sedimentierten sich damit im Gefüge der Stadt Widersprüche, die nunmehr die Urbanität selbst infrage zu stellen scheinen: Die Städte, von denen noch vor wenigen Jahrzehnten behauptet wurde, dass sie für die Ewigkeit einer fortwährenden Moderne gebaut wurden, sind nicht nur unmodern geworden oder versuchen ihre postmoderne Wiedergeburt in einer zweiten Moderne zu inszenieren, sondern sie verschwinden; und mit ihnen beinahe alles, was die Menschen einst als Stadtmenschen auszeichnete, der Alltag in den Straßen, das Wohnen, das Flanieren und Spazieren, also die Stadt als Erfahrungsraum, als Ort des Feierns und als Spielplatz. Die Stadt wird posturban.

    Das Riechen

    Tagesseminar mit Micha Böhme – 10.07.2011 – ACC Galerie Weimar

    Seit Marx wissen wir, dass Natur, und somit auch die menschlichen Sinne nicht ein für alle mal gegeben sind, sondern geschichtlicher Wandlung unterliegen. Bekanntlich ist das Verzehren eines gebratenen (und daher duftenden!) Rindfleisch-Steaks etwas anderes als das rohe Verschlingen des Fleischstückes vor der Nutzbarmachung des Feuers für den Menschen.

    Das Riechen – so die These – wurde in der neueren menschlichen Geschichte sowohl unterdrückt als auch verfeinert. Zunächst war es jener Sinn, der, die sich zivilisierenden Menschen, am stärksten ans Animalische gemahnte und darum starker Disziplinierung unterzogen wurde. Der aufrechte Mensch sollte sich so vom schnüffelnden Tier unterscheiden. Ohne Zweifel nahm die Bedeutung des Riechens in der menschlichen Geschichte immer mehr ab. Dem entgegen steht aber auch eine Verfeinerung des Geruchssinns. Die Menschen erfanden Duftwässerchen, entwickelten die Parfümerie zur Kunst, sie laben sich am Geruch von Blüten, schnuppern am Wein und lieben die edlen Düfte wohlbereiteter Speisen.

    Horkheimer und Adorno verfassen mit der „Dialektik der Aufklärung“ eine kritische Geschichte menschlicher Zivilisation. Während Aufklärung Glück für alle bringen sollte, strahlt die Erde mit dem Sieg der Aufklärung im „triumphalen Unheil“. Alles was an Natur und Tier im Menschen gemahnt war der Aufklärung verdächtig. Die kalte Sonne der Vernunft sollte über der Menschheit strahlen. Das Sinnliche wurde unterworfen und reglementiert – insbesondere das Sehen der Vernunft unterworfen. Wie verhält sich dazu nun das Riechen? Spricht Kant in der „Kritik der reinen Vernunft“ von der Schematisierung und Kategorisierung des Sinnlichen hin zu vernünftiger Erkenntnis, so ist dabei wohl kaum an Gerüche zu denken – auch widersprechen sie ohnehin dem kantischen Postulat der Schematisierung des Sinnlichen in Raum und Zeit schon vor der kategorialen Verarbeitung. Dass das Subjekt, um identisch zu sein, das Naturhafte austilgte, dürfte sich sich in besonderer Weise am Riechen darlegen lassen. Vor diesem Hintergrund wäre die Dialektik der Aufklärung im Fokus des Riechens zu lesen. Das betrifft auch die Konzeption einer möglichen Befreiung der Menschheit von Herrschaft und Ausbeutung. Um einen „positiven Begriff von Aufklärung“ vorzubereiten, sprechen Horkheimer und Adorno von der Notwendigkeit eines „Eingedenkens der Natur im Subjekt“. Der Mensch soll Subjekt sein können, ohne seine Natur, ohne seine Triebe unterdrücken zu müssen. Welche Rolle also könnte das Riechen im Kommunismus spielen?

    Anhand einer Interpretation der Irrfahrt des Odysseus auf dem ägäischen Meere beschreiben Horkheimer und Adorno die Konfrontation des werdenden Subjekts mit den Gewalten und Verlockungen der Natur: „Furchtbares musste die Menschheit sich antun, bevor das männliche, identische Selbst entstand und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt.“ Die Gefährten des Odysseus werden in Hausschweine verwandelt, weil sie nicht Mannes genug waren, den Verlockungen des Sinnlichen zu widerstehen. Das mit seiner Nase im Schlamm wühlende Schwein ist nun allerdings Sinnbild des riechenden Wesens. Es muss eine Sehnsucht nach dem unreglementierten Schnüffeln geben, das sich die zivilisierten Menschen versagen müssen.

    Am Ende ihres Siegeszugs durch die Geschichte der Menschheit schlägt die Aufklärung in Mythologie zurück. Im Faschismus werden die unterdrückten Gelüste der Menschheit wieder zugelassen. Aber im Dienste der Herrschaft. Und das trifft nun in besonders starkem Ausmaß das Riechen. Am deutschen Antisemitismus wird die kulturhistorische Bedeutung des Riechens in drastischer und durchschlagender Weise offenbar. Die Antisemiten erlauben sich das verpönte Riechen – allerdings um es vollends auszumerzen. Das Riechen, einst zu Zwecken der Unterdrückung verdrängt, wird wieder zugelassen im Dienste der Unterdrückung. Den Juden wird unterstellt, das zu tun, was sich die „zivilisierten“ Menschen stets und ständig zu versagen haben: nach Herzenslust zu schnüffeln. Die Antisemiten imitieren das Schnüffeln der Juden und betätigen sich selbst als Schnüffelnde um die angeblich stinkenden Juden aufzuspüren. Im Kampf gegen die jüdische Bedrohung gestatten sich die Deutschen das Schnüffeln um die Schnüffelnden zu jagen. Dabei wird die Ausschaltung des Riechens gegründete Herrschaft ein weiteres Mal zementiert. An dem Punkt, an dem diese Herrschaft nicht mehr nötig wäre, wird sie mit Gewalt zusammengehalten und aufrechterhalten.

    Diesen und ähnlichen Gedanken soll im Seminar nachgegangen werden. Wir bitten um eine kurze Anmeldung über das Kontaktformular (hier).

  • Flyer zum Seminar: Vorderseite | Innenseite
  • das Seminar beginnt um 11:00 Uhr und wird mit Pausen ungefähr 6 Stunden dauern
  • zur Vorbereitung auf das Seminar finder ihr hier eine kleine Textsammlung zur Physiologie des Riechens → inzwischen gibt es auch einen Reader zum Seminar
  • neben dem TeilnehmerInnenbeitrag (3 € / 2 € ermäßigt) solltet ihr eine Spende für das Mittagessen bereithalten
  • falls ihr von außerhalb kommt, können wir uns gern um Übernachtungsmöglichkeit kümmern – bitte nehmt hierzu kurz Kontakt zu uns auf
  • Quelle des Fotos

    »Es rette uns die Kunst!?«

    Lukas Holfeld – 31.03.2011 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

    Von René Descartes bis Immanuel Kant hat sich in der bürgerlichen Philosophie ein Denken durchgesetzt, welches Geist und Sinnlichkeit nur in absoluter Entgegensetzung auffassen kann: geistige Erkenntnis hat sinnlicher Evidenz zu misstrauen, Vernunft besteht in der Beherrschung jeder sinnlichen Natur. Doch die bürgerliche Philosophie reflektiert bald selbst, dass mit der Herabsetzung der Sinnlichkeit etwas nicht in Ordnung ist: Friedrich Schiller fasst in den „Briefen zur ästhetischen Erziehung des Menschen“ die Ästhetik als eine philosophische Disziplin, in der sich Sinnlichkeit und geistige Erkenntnis nicht gegenseitig zu zerstören trachten. Kunst ermöglicht hier einen entsprechenden Erfahrungsraum, in dem Sinn und Verstand spielerisch ineinander greifen. Von dieser Erfahrung und dem Ideal der Kunst ergriffen soll die Menschheit in ein besseres Zeitalter gelangen – so marschierten die deutschen Soldaten mit Goethe und Schiller im Handgepäck in den ersten Weltkrieg. Die Avantgardisten antworteten mit dem Vorhaben, die Kunst zerstören zu wollen. Der Vortrag möchte anhand dieser Geschichte der Kunst einige Überlegungen zum Verhältnis von Kunst, Kritik und Sinnlichkeit anstellen.

    Lukas Holfeld ist aktiv im Bildungskollektiv.

    Kunst und Geschmack

    Bersarin – Do, 21.04.2011 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

    Der Begriff „Geschmack“ lässt sich in mehrfacher Wortbedeutung verstehen: einmal als Geschmack, welcher auf der unmittelbar sinnlichen Ebene funktioniert – also innerhalb unserer fünf Sinne in der Weise des Schmeckens als passives Vermögen – und als Geschmack in der Bedeutung der stil- und empfindungssicheren Beurteilung bzw. der distinktiven Wertung von aisthetischen und lebensweltlich begegnenden Gegenständen. Hier fungiert Geschmack als aktives Vermögen. Dabei fallen Kunstwerke als spezielle Objekte unter die zweite Bedeutung von Geschmack. Philosophie, Soziologie und die Ästhetik beschäftigen sich in der Regel mit diesem zweiten Aspekt, der dem Geschmack zugrunde liegt. Die Felder reichen vom Kantischen Geschmacksurteil, der Analyse subjektiver Empfindungen bzw. der Idiosynkrasien über den Dandy- und Bohème-Begriff des 19. Jahrhunderts, der Ästhetik Adornos, deren Fokus auf dem Kunstwerk selbst liegt, bis hin zur Konzeption Bourdieus, in welcher der Geschmack als Phänomen der sozialen Ab- und Ausgrenzung interpretiert wird.

    Zunächst soll im historischen Rückgriff die Bedeutung aufgezeigt und ein skizzenhafter Überblick zum Geschmack sowie dem ihm innewohnenden emanzipatorischen Potential gegeben werden, das diesem Begriff in der sich entfaltenden bürgerlichen Gesellschaft des 18. und 19. Jahrhunderts zugrunde liegt. Geschmack konzipierte sich im 18./19. Jahrhundert als eine Möglichkeit von (bürgerlicher) Autonomie jenseits feudaler Fesseln und Reglementierungen und ist als Form der bürgerlichen Selbstvergewisserung auch parallel zum ästhetischen Moment zentrale Kategorie. Es kam diesem Begriff ein objektiver Gehalt zu, der sich unter spätmodernen bzw. -kapitalistischen Bedingungen kaum noch revitalisieren lässt und dort lediglich subjektiv konnotiert ist: Jenes „De gustibus non est disputandum“ gibt mittlerweile die (auch ästhetische) Ideologie des herabgesunkenen Bürgertums ab. Dieser verschüttete objektive Gehalt soll in seinen Grundzügen dargestellt werden, um von dort zur Gesellschaftstheorie sowie zur Ästhetik Adornos überzuleiten. In seiner Ästhetik erfährt der Geschmacksbegriff eine grundsätzliche Kritik, welche einerseits geschichtsphilosophisch, andererseits aber immanent ästhetisch motiviert ist.

    Nachdem diese Kritik Adornos kurz dargestellt wurde, soll anhand seiner Ästhetik sowie der Gesellschaftskritik zur sinnlichen Komponente des Geschmacks als Schmecken übergeleitet werden. Dass diese erste Bedeutung des Geschmacksbegriffs genauso ein Feld für die Philosophie und Ästhetik abgeben kann – und dies jenseits der Restaurantkritik oder einer schlechten Unmittelbarkeit –, zeigt etwa Prousts „Recherche“: Im Moment des Schmeckens, nachdem der Protagonist jene legendäre Madeleine in den Lindenblütentee tauchte und das Gebäck verspeiste, geschieht jener Vorgang, welcher mit dem Begriff der memoire involontaire verbunden ist. Im Schmecken, im Moment unmittelbarer Sinnlichkeit evoziert sich ein Anderes. In diesem Zusammenhang möchte ich Aspekte aus Detlev Claussens Aufsatz „Kleine Frankfurter Schule des Essens und Trinkens“ aufgreifen und die darin entfalteten Ansätze von Geschmack und Kritischer Theorie in den Zusammenhang mit Adornos „Meditationen zur Metaphysik“ bringen. Denn auch in jenem letzten Teil der „Negativen Dialektik“ geht es um ein sinnliches Moment der Philosophie. Diesem kann zwar innerhalb einer Theorie kein Prius eingeräumt werden, da dialektisches Denken sich nicht auf eine Seite der Opposition schlägt, doch ist es im Rahmen von Kritischer Theorie auch nicht auszuscheiden. „Nur im ungeschminkt materialistischen Motiv überlebt Moral“, so schreibt Adorno in den „Meditationen“. Dieser Satz lässt sich zugleich im Hinblick auf die Philosophie insgesamt ergänzen, ohne dabei jedoch eine Philosophie der reinen Sinnlichkeit zu kultivieren. Es soll aufgezeigt werden, dass Adornos Philosophie jenes vielfach aus dem Kanon der Philosophie abgesonderte Moment der Sinnlichkeit durchaus aufnimmt. Dies zeigt sich neben den „Meditationen“ auch in seinen „Minima Moralia“ , sowie über die Begriffe des Impulses oder des Somatischen, um dadurch eine Passage hin zu einer Theorie unreglementierter Erfahrung zu öffnen.

    Bersarin, Jahrgang 1964, hat Philosophie, Soziologie, Germanistik und nebenher Kunstgeschichte studiert, er betreibt den Blog AISTHESIS und macht Fotos: Proteus Image.

    Der (post-)moderne Körper

    - Ort der gelebten Möglichkeiten?

    Katja und Korinna – 19.05.2011 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

    Die Entwicklung des bürgerlichen Subjekts war notwendig verbunden mit der Spaltung des Menschen in Geist und Körper. Die Herrschaft des sich autonom dünkenden Geistes über den Körper bedeutete seitdem, immer einen Teil der körperlichen Bedürfnisse zu verleugnen. Unterdessen zeichnet sich der gegenwärtige Trend eher durch eine tiefe Sorge um den Körper aus. Er ist zu einem Ort der unendlichen Gestaltung avanciert, in dem sich Bilder von Ästhetik, Fitness und Selbstkompetenz vereinen sollen. Dies scheint jedoch zunächst weniger ein Zeichen von Autonomie zu sein als vielmehr der Gewalt gesellschaftlicher Zwänge geschuldet, von denen vor allem Frauen betroffen sind. Diese äußern sich nicht zuletzt darin, dass der Körper zum bevorzugten Austragungsort innerer Konflikte geworden ist. Spiegelt der destruktive Umgang mit dem Körper einerseits die leidvollen Konflikte des Subjekts mit der Gesellschaft wider, so bleibt ebenso zu fragen, welches emanzipatorische Potential sich im Körperkult ausdrückt. Steckt im Bedürfnis nach der Umgestaltung des eigenen Körpers womöglich ebenso die Anklage gegen das schlechte Bestehende wie der verborgene Wunsch der individuellen Emanzipation? Eine feministische, emanzipatorische Kritik am Körper hieße eine bewusste Reflexion auf dieses Verhältnis von Wünschen und Zwängen, dem versucht wird, nachzuspüren.

    Katja und Korinna
    leben in Leipzig. In der letzten Ausgabe der „Outside the Box Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik“ schrieben sie über die feministische Kritik des postmodernen Körperverhältnisses (Link zur Audio-Version des Artikels).

    »Unsereiner Kriegsundführerkinder«

    Fr. 03.12.2010 – Heike Schmitz liest aus „Unsereiner Kriegsund- führerkinder“ – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar – Eintritt: 2 € | erm. 1 €

    In ihrem Roman „unsereiner Kriegsundführerkinder“ erzählt Heike Schmitz von einer Kontinuität des Nationalsozialismus, die als Haltung, Ich-Zurichtung, Wir-Halluzination und Trauma über die Generationen hinweg weiter gegeben wurde. Die Wiederkehr des Verdrängten äußert sich in diesem Roman, der weniger Erzählung, viel mehr Traumbild ist, in einer rasanten Geschwindigkeit der Sprache – es ist zum einen das leere Vorwärts des Wiederaufbaus, zum Anderen das plötzliche, blitzhafte Aufbrechen von Erinnerungen; eine traumartige Gleichzeitigkeit von Stillstand und Raserei: „Es bedurfte eines Erzähler-Ichs, das, alle Distanz preisgebend, die geahnte Kontinuität zwischen NS-Zeit und Nachkriegszeit verkörperte in einer halluzinatorisch an eine stillgestellte Gegenwart gebannten Gestalt, die sich restlos und bedingungslos mit der Bewegung identifizierte, in die ihre Eltern als Kinder hineingestellt worden waren, und die diese wie ihre Generationsgenossen bruchlos in die Zeit danach hinübergenommen hatten, so den Wiederaufbau meisternd, Erfolge auf Erfolge häufend, dabei letztlich ziellos handelnd – reine Bewegung des zerstörenden Wiederaufbaus und der aufbauenden Zerstörung“ (Peter Bürger).

    Heike Schmitz ist zur Zeit Stipendiatin des Weimarer Friedrich-Nietzsche-Kollegs und arbeitet dort zu Elisabeth Förster-Nietzsche.

    »Es rette uns die Kunst!?«

    Zum Verhältnis von Kunst und Kritik zwischen Autonomie und Aufhebung – Vortrag von Lukas (BiKo) am Mittwoch dem 15.12.2010, um 20:00 Uhr
    – [Achtung: die Veranstaltung findet nicht wie fälschlicherweise angekündigt um 20:00 Uhr statt, sondern bereits um 19:00 Uhr!] im Filler (Schillerstraße 44, Erfurt) – Auftaktveranstaltung zur Veranstaltungs- reihe „Kunst und Kritik“ der Falken Erfurt

    Die jüngere kritische Soziologie (Boltanski, Schultheis etc.), die darum bemüht ist, die Bedingungen von Kritik neu zu reflektieren, konstatiert in der historischen Rekonstruktion gesellschaftskritischer Bewegungen einen Gegensatz: „Sozialkritik vs. Künstlerkritik“. Während die Künstlerkritik, aus einem Bohéme-Milieu stammend, selbst in der bürgerlichen Gesellschaft verankert ist, jedoch Lohnarbeit verachtet, zweckfreie Tätigkeit propagiert und auf das Individuum setzt, geht es der Sozialkritik um Arbeitskämpfe, kollektive Errungenschaften und materielle Absicherung und ihr erscheint die Individualität der Künstlerkritik als bürgerliches Privileg. So plausibel diese Beschreibung auf den ersten Blick sein mag – die Soziologen reproduzieren hier eine verkehrte Trennung, die in der Geschichte bereits mit den Avantgardebewegungen überwunden werden sollte. Im Vortrag soll nachverfolgt werden wie sich das Verhältnis von Kunst und Kritik darstellt, seitdem sich erstere in der bürgerlichen Gesellschaft als autonome Sphäre herausgebildet hatte. Wichtige Eckpunkte sollen dabei die historischen Avantgardebewegungen und der Geschichtsbruch Auschwitz sein, nachdem sich die Frage nach einer Aufhebung der Kunst völlig neu stellt.

    Über den Umgang mit den Avantgardebewegungen

    Prof. Dr. Peter Bürger – Do 07.10.2010 – 20:00 Uhr, im Monami Weimar

    „In Jeder Epoche muß versucht werden, die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen.“ Benjamins Satz aus seinen Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ gilt auch für die Avantgardebewegungen. Ausgehend von einer Kritik an neuerdings zu beobachtenden Tendenzen, die Unterscheidung zwischen Avantgarde und künstlerischer Moderne einzuebnen, sollen im Anschluß an Benjamins Überlegungen zum „Augenblick der Erkennbarkeit“ eines geschichtlichen Phänomens angestellt und auf die historischen Avantgardebewegungen bezogen werden. Daraus wird sich die Überlegenheit des in der „Theorie der Avantgarde“ entwickelten spezifischen Avantgarde-Begriffs gegenüber einer unspezifischen Begriffsverwendung ergeben, die Avantgarde mit künstlerischer Moderne gleichsetzt. Im Anschluß daran soll der Frage nachgegangen werden, wie heute mit den Avantgarden umzugehen wäre.

    Peter Bürger, Jahrgang 1936, hat bis Ende 1998 an der Universität Bremen Literaturwissenschaft und ästhetische Theorie gelehrt. Geprägt von der Frankfurter Schule, hat er in mehreren Arbeiten die Umrisse einer Ästhetik nach Adorno skizziert – zuletzt in Das Altern der Moderne (Suhrkamp 2001). Daneben hat er sich seit dem Ende der 80er Jahre der zeitdiagnostischen Lektüre postmoderner Philosophie zugewandt – zuletzt in Ursprung des postmodernen Denkens (Velbrück Wiss. 2000). Im Jahre 2007 erschien im Suhrkamp Verlag seine Studie über den engagierten Intellektuellen: Sartre. Eine Philosophie des Als-ob.

    Veranstaltungsort: Jungend- und Kulturzentrum Mon Ami, Goetheplatz 11
    Eintritt: 3 €, ermäßigt 2 €, mit Tafelpass 1 €

    Diese Veranstaltung wird unterstützt von: Buchhandlung „Die Eule“, StuKo der Bauhaus Uni Weimar, Rosa Luxemburg Stiftung Thüringen, Jugend- und Kulturzentrum Mon Ami

    Block 2.2 beendet ■

    Mit der Veranstaltung „SARKASMEN“ am 17.06.2010 ist der Block 2.2 der Veranstaltungsreihe „Kunst | Spektakel | Revolution“ (‚Wir lesen und schreiben als Konstrukteure') zu Ende gegangen. Der Block 2.3 ist für den Oktober 2010 angesetzt. Folgende Veranstaltungen sind geplant:

    Block 3 • Herbst 2010

    Theorie der Avantgarde

    Zur Aktualität einer Kritik der historischen Avantgarde

    Vernunft und Subversion

    Zur Erbschaft von Surrealismus und Kritischer Theorie

    Fetisch und Spektakel

    Seminar zur Spektakel-Theorie

     
    Die genauen Termine werden an dieser Stelle in Kürze bekannt gegeben. In der Zwischenzeit werden im Radio die Mitschnitt der letzten Vorträge bereitgestellt werden.
     
      
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
      
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     

    Utopie, Spiel, Menschenmaschine

    Charles Fourier und die surrealistische Avantgarde

    Tilman Reitz – Do 15.04.2010 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

    Eine Gesellschaft, die auf dem Spiel- oder Formtrieb aufbaut, hätte vermutlich starke zeremonielle, von ‚Sinn’ entlastete, aber strukturell gestaltete Anteile. Charles Fourier hat dieses Motiv in seiner frühsozialistischen Utopie konsequent durchgeführt: Er arrangiert Produktionsweisen, soziale Rangordnungen, Wohn- und Geschlechterverhältnisse so, dass ein Maximum künstlicher Ordnung höchste Abwechslung für die Beteiligten verspricht. Seine formalen Muster entnimmt Fourier Mythologie, Mathematik und Militär – die zentrale Produktionseinheit des ‚Palanstère’ leitet sich von der Phalanx, der antiken Schlachtreihe her – sein Formungsgegenstand sind die menschlichen Leidenschaften – die er selbst vorrangig als Triebe zu Spiel und Variation begreift. Die Ergebnisse lassen wenig von den gewohnten, bürgerlichen oder auch nur ‚realistischen’ Prinzipien von Vergesellschaftung übrig: Alle Arbeit soll attraktiv, die Konkurrenz ästhetisch, das Geschlechtsleben polymorph werden. Man muss sich daher kaum über das Interesse der Surrealisten an Fourier wundern. Neben seiner Fusionierung von Kunst und Leben dürfte für sie nicht zuletzt sein technischer, konstruktivistischer Umgang mit dem Begehren anziehend gewesen sein, der zwischen Befreiungsversprechen und planerischer Grausamkeit oszilliert (Benjamin und Barthes ziehen denn auch vergleichend de Sade heran). Fouriers Utopie kann als Traum wie als Alptraum erscheinen. Im Vortrag wird es darum gehen, was die anti-naturalistische, anti-bürgerliche und kunstkritische Avantgarde konkret mit Fourier anfangen konnte oder könnte – und wie seine eigenen Impulse zwischen der sozialtechnischen Tradition, der neuen Warenästhetik und dem utopischen Horizont des 19. Jahrhundert verortet sind.

    Tilman Reitz schrieb über Ideologiekritik im historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus, promovierte zu „Bürgerlichkeit als Haltung“ und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

    Lautreamont & Detournement

    Lautreamonts Plagiatkunst als Destruktionsmodell der Moderne

    Christopher Zwi & R.G. Dupius – Do 22.04.2010 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

    Unter der bekannten Geschichte Europas läuft eine unterirdische. Sie besteht im Schicksal der durch die Zivilisation entstellten menschlichen Triebe und Leidenschaften. Lautreamont verschafft in seiner Dichtung dieser Geschichte Gehör. Er ist der Dichter der Muskeln und des Schreis. In seinen „Chants de Maldoror“ führt er – so kann man sagen – sein Unbewusstes gegen die herrschenden Ideen vom Guten ins Feld, indem er als erster mit dem automatischen Schreiben experimentiert. Sichtbar wird dabei das unfassbar Böse, das der bürgerliche Fortschritt mitproduziert. Von dieser Dialektik des Guten und Bösen fasziniert – letzteres ist nichts anderes als das negative Prinzip, das jedes Behagen im Bestehenden zerstören will – und von der Wirkung seiner Maldoror-Experimente enttäuscht, wird er wenig später zum Erfinder des Detournement.

    Das Detournement ist kein einfaches Plagiat sondern Methode. Es ist die bewusste Zweckentfremdung gegebener kultureller Formen. Lautreamont plagiierte etwa die Moralismen bestimmter französischer Aufklärer um sie ad absurdum zu führen.

    Aber diese Negation der bürgerlichen Vorstellung vom Wahren, Schönen und Guten ist seit langem passé. Der Grund dafür ist einfach die Überreife der Bedingungen einer absoluten Umgestaltung der modernen Welt und die Antizipierbarkeit dieser Umgestaltung in den vielen gescheiterten Versuchen, die bereits dazu unternommen wurden. Die bornierte Konzentration auf die Kunstsphäre ist gemessen daran langweilig, also konterrevolutionär. Deshalb gilt es diesen Zerstörungsprozess nunmehr bis zur Negation der Negation weiterzutreiben. (mehr…)

    Realismus, Antifaschismus, Expressionismus

    Die Expressionismus-Debatte und das Konzept des Realismus

    Kerstin Stakemeier und Roger Behrens – Do 13.05.2010 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

    Der Streit um den Realismus setzte sich seit seinem ersten Auftreten in Frankreich und Russland Mitte des 19. Jahrhunderts fort; schließlich ging es um den künstlerischen Anspruch auf die Realität. Nach dem I. internationalen Schriftstellerkongresses in Paris 1935 konkretisierte sich die so genannte Realismusdebatte als Streit um die Strategie der Volksfront gegen den Faschismus in Europa. Wo Lenin und Stalin ihn lediglich zur revolutionären Linie erhoben hatten, um die Eigenständigkeit der Künste gegenüber der Partei einzuschränken, debattierten zwischen 1936 und 1938 Ernst Bloch, Anna Seghers, Georg Lukacs in der Zeitschrift ›Das Wort‹ das Problem, wie die Kunst das Reale fassen könne. Eine Paralleldebatte entwickelte sich in Paris. Hier ging es um den Realismus der bildenden Künste, und hier mischten sich unter anderem Le Corbusier und Fernand Legér ein.
    Es ging um die Frage nach Funktion der revolutionären Kunst, darum, wie sie die Realität fassen könne, sie erkennbar mache ohne sie dabei zu affirmieren. Und während Lukács und Brecht auf unterschiedlichen Wegen nach einem sozialistischen Realismus suchten, stellte Bloch den Expressionismus als einzig denkbaren Realismus im Angesicht der faschistischen Bedrohung dar. Und auch wenn die eigentliche Realismusdebatte bereits wenige Jahre später beendet war, und sich von nun an fast ausschließlich in staatsimmanenten Debatten der realsozialistischen Länder niederschlug, setzt sie sich thematisch in der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts fort. Beim frühen Godard, bei der Pop Art oder in den Diskussionen über den Status der Populärkultur – immer geht es um die Frage nach dem Verhältnis der Kunst bzw. Künste zur Gesellschaft und das Problem, in welcher Weise Kunst überhaupt gesellschaftliche Wirklichkeit zu erfassen vermag.
    Für eine Kunst, die ihre gesellschaftliche Funktion und Bedingtheit reflektiert, ist die in der Realismusdebatte behandelte Thematik zu aktualisieren. Dies auch deshalb, weil es in den letzten Jahren immer mehr Ausstellungen und Projekte gegeben hat, die versuchten das Thema des Realismus bloß als einfache figurative Selbstbespiegelung der Gegenwart zu besetzen. Gegen diese Besetzung soll aus historischer und gegenwärtiger Perspektive diskutiert werden.

    Kerstin Stakemeier arbeitet zur Frage des Realismus in der Gegenwartskunst sowie zum Künstler als Amateur und veröffentlicht regelmässig zum Verhältnis von Kunst und Politik. Sie ist aktiv in der antinationalen Künstler_innenorganisation Rosa Perutz. Roger Behrens ist Philosoph und Sozialwissenschaftler. Seine Arbeitsgebiete sind die kritische Theorie der Gesellschaft sowie die Philosophie und Ästhetik der Moderne und Postmoderne. Er publizierte zahlreiche Bücher und schreibt regelmäßig für die Jungle World.

    SARKASMEN

    Überlegungen zum poetischen Interventionismus in Paul Celans Spätwerk

    Magnus Klaue – Do 17.06.2010 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

    Daß Paul Celans Lyrik entgegen verbreiteten Klischees über deren vermeintliche Hermetik ihrer Formgestalt nach als ‚engagierte Dichtung‘ verstanden werden muß, ist spätestens seit Ende der siebziger Jahre zunehmend ins Bewußtsein der akademischen Forschung, aber auch der feuilletonistischen Rezeption seines Werks getreten. Nolens volens haben die dezidiert politischen Interpretationen von Celans Lyrik seiner Vereinnahmung als ‚Dichter des Holocaust‘ durch diverse derridistisch-heideggerianische Gedächtnisexperten womöglich sogar vorgearbeitet. Im Mittelpunkt solchen Interesses stehen indes die Lyrikbände aus Celans mittlerer Schaffensperiode, v.a. „Sprachgitter“ und „Die Niemandsrose“. Der Vortrag möchte demgegenüber der Frage nachgehen, inwiefern Celans späte Gedichte, die sich sowohl in ihrer Entstehungsweise wie in ihrer immanenten Formsprache deutlich von den früheren unterscheiden, sich bereits als Reaktion auf verschiedene Weisen der politischen Vereinnahmung seines Werks deuten lassen. Die spezifische Form des Engagements, wie sie seinen früheren Dichtungen immanent ist, wird dabei zugespitzt in einem polemischen Interventionismus, der in bislang ungekannter Weise auf ‚pragmatische‘ Formen wie Sentenz und Epigramm zurückgreift, zugleich aber jede Art politischer ‚Gebrauchsdichtung‘, wie sie zur gleichen Zeit etwa von Enzensberger vertreten wurde, scharf zurückweist. Für die besondere Formsprache, die durch die Verschränkung von Elementen ‚eingreifender‘ und ‚absoluter‘ Dichtung im Spätwerk entsteht, schlägt der Vortrag den Begriff des Sarkasmus vor.

    Im Mittelpunkt stehen Gedichte aus den Bänden „Fadensonnen“, „Lichtzwang“ und „Schneepart“. Die Gedichte werden in Kopie zur Verfügung gestellt.

    Magnus Klaue hat Germanistik, Philosophie und Filmwissenschaft studiert, an der FU Berlin gelehrt und über Else Lasker-Schüler promoviert. Derzeit arbeitet er an einem Forschungsprojekt zum Begriff der Idiosynkrasie und schreibt für zahlreiche Zeitschriften.

    Broschüre „Kunst | Spektakel | Revolution“ erschienen

    Nachdem der erste Block des zweiten Teils der Veranstaltungsreihe „Kunst | Spektakel | Revolution“ zu Ende gegangen ist, hat das Bildungskollektiv nun eine Broschüre herausgegeben, welche die Vorträge der ersten Veranstaltungsreihe dokumentiert. Die Broschüre kann über das Bildungskollektiv bezogen werden und die einzelnen Beiträge stehen in der Kategorie „Broschur“ zur Verfügung.

    Im April wird der zweite Teil der Veranstaltungsreihe fortgesetzt:

    Block 2 • April – Juni 2010

    Das große Spiel und travail attractif

    Charles Fourier und sein Vermächtnis für die Avantgarde
    Tilman Reitz • 15.04.2010

    Lautreamont & Detournement

    Lautreamonts Plagiatkunst als Destruktionsmodell der Moderne
    Christopher Zwi & R.G. Dupuis • 22.04.2010

    Realismus, Antifaschismus, Expressionismus

    Die Expressionismus-Debatte und das Konzept des Realismus
    Kerstin Stakemeyer & Roger Behrens • 13.05.2010

    SARKASMEN

    Überlegungen zum poetischen Interventionismus in Paul Celans Spätwerk
    Magnus Klaue • 17.06.2010

     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     

    Punk, paradox.

    Von der Kritik der Warengesellschaft zur Ware der Kritikgesellschaft

    Jan C. Watzlawik – Fr 29.01.2010

    Punk ist immer wieder eine „Herausforderung für die Hegemonie“ (Dick Hebdige). Er ist Katalysator diverser dissidenter Handlungstaktiken der künstlerischen Avantgarden des 20. Jahrhunderts und weist ein breites Repertoire an Protestpraktiken gegen die bestehenden Verhältnisse auf. Besonders deutlich wird dies in den kulturellen Materialisationen punktypischer Körper- und Kleidungsästhetik. Sie künden von der Subversion alltäglicher Symbole und Sachen und sind somit verobjektivierte Kritik an der Warengesellschaft.

    Die Untersuchung der materiellen Kultur des Punk zeigt jedoch mehr: Der gesellschaftliche und individuelle Abgesang des „no future“ ist zugleich überlebens- und integrationsfähige Strategie. Die Zukunftslosigkeit zeigt sich als Zukunftsentwurf. Die Bewegung, im Sinne einer sozialen Avantgarde und somit als Motor der Masse, ist selbst treibende Kraft einer Rekuperation. Der symbolische Protest des Punk findet ebenso Niederschlag in Läden und auf Laufstegen – als Ware der Kritikgesellschaft.

    Punk entpuppt sich als Bewegung im paradoxen Zustand gleichzeitiger gesellschaftlicher Gegnerschaft und Teilhabe. Der symbolische Protest bedeutet keinen Umsturz, sondern aktive Emanzipation mit Beeinflussungen der Mode und des Konsums.

    Jan C. Watzlawik ist wissenschaftlicher Angestellter am Institut für Kunst und Materielle Kultur der Technischen Universität Dortmund. Er forscht zu Mode-, Protest- und Konsumkulturen.

    Verführerische Kälte

    Über die Ästhetik des Dandyismus und ihre postmoderne Abschaffung

    Magnus Klaue – Do 04.02.2010

    Seit einigen Jahren hat sich mit den sogenannten Emos eine neue Jugendkultur etabliert, über deren kulturrevolutionären Charakter spätestens seit Martin Büssers Emo-Sammelband Einigkeit besteht. Diese Einigkeit möchte der Vortrag in Frage stellen, indem die Emo-Kultur bezogen wird auf den Dandyismuskult der Jahrhundertwende, von dem sie wesentliche Attribute borgt, den sie jedoch zugleich um seine Radikalität bringt. Zelebrierte der Dandyismus, ebenso wie seine ‚feminine‘ Variante, die Vampmode, eine paradoxe Einheit von Kälte und Verführung und einen Fetischismus der Maskerade, betreibt die Emo-Kultur die Sentimentalisierung des Dandys. Ruft der Dandyismus die Dialektik von Distanz und Nähe ins Gedächtnis, indem er die auf die Spitze getriebene Entfremdung als Voraussetzung der Befreiung begreift, möchten die kathartischen Selbstverwundungen und -entblößungen der Emos Entfremdung tilgen zugunsten einer neuen, postmodernen Empfindsamkeit. Anhand einiger Texten von Charles Baudelaire, Oscar Wilde, Georg Simmel u.a. soll der kritische Gehalt der dandytypischen ‚Blasiertheit‘ (Simmel) erarbeitet werden, der von den Emos preisgegeben wird. Außerdem wird es um den Bedeutungswandel gehen, dem die Mode vom Dandy bis zum Emo unterliegt.

    Magnus Klaue hat Germanistik, Philosophie und Filmwissenschaft studiert, an der FU Berlin gelehrt und über Else Lasker-Schüler promoviert. Derzeit arbeitet er an einem Forschungsprojekt zum Begriff der Idiosynkrasie und schreibt für zahlreiche Zeitschriften (u.a. Jungle World, Extrablatt, Konkret, Freitag und Bahamas).

    Spannung, Leistung, Widerstand.

    Zum Magnetbanduntergrund in der DDR

    Alexander Pehlemann – Do 11.02.2010

    Alexander Pehlemann, Mitherausgeber von „Spannung.Leistung. Widerstand. Magnetbanduntergrund DDR 1979 – 1990“, einem Buch-Spezial des Kulturmagazins ZONIC, stellt mittels Musik, Filmen, Lesungs-, Konzert- oder Performance-Mitschnitten die sich über die Achtziger Jahre entwickelnde Post Punk Szene der DDR mit ihrer spezifischen Wechselwirkung von Literatur, Film, Kunst und Musik vor und erläutert künstlerische wie gesellschaftliche Zusammenhänge.

    Der alte Osten war eine Transformationsgesellschaft. Aus nichts wurde wenig, aber immer wurden alle Pläne übererfüllt. Kultur war da der Transmissionsriemen, der die Nischen weitete. Nach Punk, Anfang der Achtziger, machten sich einige Sound-Enthusiasten auf, neue Wege übers Land zu gehen und begab sich in synergetisch-synästhetisch Wechselwirkungs-Prozesse voller Ungewißheit. Von Staat und Gesellschaft hatte dieser Teil der subkulturellen Szene sich innerlich längst verabschiedet, wie auch von deren reformatorisch-politischen Oppositionsbewegungen. Die Grundhaltung war un- oder antipolitisch, ironische Distanz hielt Einzug. Das Buch „Spannung. Leistung. Widerstand.“ präsentiert diese Keller- und Wohnzimmer-Avantgarde der DDR, die sich sowohl aus der jungen Punkszene rekrutierte als auch bildende Künstler und Lyriker involvierte, mit zahlreichen Texten und Interviews. Sowie aus Hunderten alter Kassettenaufnahmen sorgfältig ausgewählte Stücke, deren stilistische Bandbreite vom Avant Punk über intellektuell kühle New Wave bis zu elektronischen Experimenten oder Dub reicht. Entstanden ohne ökonomische Zweckausrichtung und Produktbewusstsein, als Kommunikationsmittel oder kreativer Existenzbeweis. Ein freies Agieren über die Stil-, Genre- und Subszenengrenzen hinweg kennzeichnete das Geschehen und die dokumentierten Sounds sind oft genug Resultate jener Wechselwirkungen. Bedingt durch die Enge im das Ganze so vielfach begrenzenden und bedrohenden System DDR. Untergründige Gegenströmungen, die auch heute noch durch Charme und Widerborstigkeit zu beeindrucken wissen und von einem randständigen Lebensgefühl in der DDR künden, das abseits der gesellschaftlichen Normierung als Vorbote des Systemzusammenbruchs ein Existenzrecht als kreatives Individuum einforderte und deren Spuren in der Musik von so unterschiedlichen Protagonisten wie Tarwater, To Rococo Rot, Carsten Nicolai und seinem Elektroniklabel Raster-Noton bis hin zu Rammstein hörbar sind.

    Alexander Pehlemann: 1969 in Berlin geboren. 1990 – 1997 Studium Kunstgeschichte/Geschichte in Greifswald. Seit 1993 Herausgeber des Magazins „ZONIC – Kulturelle Randstandsblicke & Involvierungs-momente“. 1993 Gründung des Al-Haca Soundsystem, seit 2006 solo als Selecta PEhLE aktiv. Journalist, Booker, Kulturnetzwerker und Mitglied des Künstlerkollektivs Underwater Agents. 2006 Herausgeber des Zonic-Spezials „Spannung. Leistung. Widerstand. Magnetbanduntergrund DDR 1979 – 1990“ (Zonic/ Verbrecher Verlag/ ZickZack). 2009 Compiler von „Polska Rootz. Beats, Dubs, Mixes & Future Folk from Poland“ (Eastblok Music).

    KSR-Veranstaltungsreihe vorerst beendet

    Mit Esther Leslies Vortrag am 4. August zu Walter Benjamin ist die achtteilige Veranstaltungsreihe „Kunst||Spektakel||Revolution“ vorerst zu Ende gegangen. Schon jetzt lässt sich jedoch sagen, dass es spätestens im Januar des kommenden Jahres eine Fortsetzung der Reihe geben wird: Ein zweiter Teil von „Kunst||Spektakel||Revolution“ wird sich ergänzend mit Themen beschäftigen, die im ersten Teil nicht berücksichtigt werden konnten, wird angeschnittene Diskussionen fortführen und in der eben beendeten Reihe eröffnete Nebenschauplätze näher beleuchten. Begleitend wird es außerdem einen Lesekreis und mehrere Seminare geben. Informationen dazu wird es an dieser Stelle geben.

    Bis dahin werden in Kürze in der neuen Rubrik Text Texte veröffentlicht werden, die in direktem oder indirektem Zusammenhang zur Veranstaltungsreihe stehen. Dabei sollen sowohl Manifeste und Dokumente zur Verfügung gestellt werden, die von den Debatten der historischen Avantgarde und ihrer Überwindung zeugen, als auch Diskussionsbeiträge, die im Zusammenhang mit der Reihe „Kunst, Spektakel, Revolution“ entstanden sind. Wer selbst einen Beitrag beisteuern möchte, kann hier Kontakt aufnehmen.

    Außerdem arbeiten wir gerade daran eine Broschüre zu erstellen, welche den ersten Teil von „Kunst||Spektakel||Revolution“ in schriftlicher Form dokumentieren wird. Weitere Informationen zur Veröffentlichung und zum Erwerb der Broschüre wird es an dieser Stelle geben. Parallel dazu werden die Vorträge in der Rubrik Radio nach und nach in hörbarer Form dokumentiert werden.

    Veranstaltungstips und Hinweise wird es weiterhin in der Sidebar (rechts) geben.

     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
       
     
       
     
     
     
     
     
      
     
     
     

    Von der Avantgarde zur Selbstreferenzialität

    Umbrüche in der Kunst auf dem Weg ins 21. Jahrhundert

    Martin Büsser – 16. April, 20:00 Uhr

    Zeitgenössische Kunst hat in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erfahren. Ausstellungen verzeichnen Besucherrekorde, Arbeiten von Künstlern wie Gerhard Richter und Peter Doig erzielen auf Auktionen bislang nie gekannte Preise, Künstler wie Damien Hirst und Jeff Koons präsentieren sich und ihre Arbeiten wie ein Wirtschaftskonzern. Dabei ist jedoch auch der politische und ästhetische Avantgarde-Status abhanden gekommen.

    In einem historisch ausgerichteten Vortrag zeigt Martin Büsser, wie sich die künstlerische Avantgarde im 20. Jahrhundert entwickelt hat, welcher Avantgarde-Begriff den Strömungen zu Grunde lag und welche Bewegungen sich auf je eigene Weise politisch positioniert haben (z.B. Dada, Situationistische Internationale, Fluxus, Concept Art). Dabei soll auch der Umbruch thematisiert werden, der seit Ende des 20. Jahrhunderts zu einem postavantgardistischen Pluralismus führte, der trotz des Booms eine politische Wirkungslosigkeit der meisten künstlerischen Positionen nach sich zog.

    Martin Büsser
    ist Mitherausgeber der Zeitschrift Testcard und Mitarbeiter im Ventil-Verlag. Er publiziert regelmäßig kritische Texte zu zeitgenössischer Kunst, u.a. in der Wochenzeitschrift Jungle World und der Monatszeitschrift Konkret.

    Die Welt verändern und das Leben verändern

    Der Surrealismus als revolutionäre Bewegung

    Alexander Emanuely – 7. Mai, 20:00 Uhr

    André Breton hat 1935 geschrieben: „‚Die Welt verändern‘, hat Marx gesagt; ‚das Leben ändern‘, hat Rimbaud gesagt: Diese beiden Losungen sind für uns das einzige.“ und somit die Richtung gezeichnet, in die der Surrealismus seit 1924 geht oder gehen will. Konsumiert man heute die Kunst der SurrealistInnen, so wird meistens vergessen, dass es sich bei ihnen um KünstlerInnen handelte, die sich dem revolutionären Umsturz der bestehenden Verhältnisse auf den verschiedensten künstlerischen und politischen Ebenen verschrieben hatten. Dieses Referat soll einerseits einen Überblick über die surrealistische Avantgarde und ihr Verhältnis zu Kunst und Politik, anderseits über die Situation der Intellektuellen im Paris der 1920er und 1930er Jahre im Allgemeinen geben. Von diesem Überblick ausgehend soll die Fragen diskutiert werden, was damals Surrealismus bewirkt hat und was heute Surrealismus noch bedeuten kann oder soll.

    Alexander Emanuely ist Aktivist des Republikanischen Clubs in Wien und der „Ligue Internationale contre le Racisme et l‘Antisémitisme“. Er ist Koautor von „Encyclopedia of Antisemitism, Anti-Jewish Prejudice and Persecution“ (2005), „Kulturlichter“ (2004) und von „Psychodrama – Die Posttraumatische Belastungsstörung“ (2003). 2006 schrieb er einen Beitrag über Surrealismus, Carl Einstein und Cravan für das Buch „Spektakel Kunst Gesellschaft“, welches im Verbrecherverlag erschienen ist.

    Künstlerische Produktion und Kunstproduktion

    Konstruktivismus als Realismus

    Kerstin Stakemeier – 11. Juni, 20:00 Uhr

    Die Russische Revolution fand auch, und zuerst, in der Kunst statt, jedoch zeitlich versetzt und in vielen Punkten entgegen dem bolschewistischen Hang zum fordistischen Produktionsethos. Aus dem russischen Futurismus heraus entwickelten sich unterschiedliche Versuche einer „Produktionskunst“, die die künstlerische Produktion als Hebel zur Revolutionierung der menschlichen Arbeit einsetzen wollte – und darin sowohl der Kunst als auch der entfremdeten Arbeit ein Ende setzen. Dies war zwar ganz im Marxschen Sinne, nicht jedoch in demjenigen der Partei, die versuchte zwischen Kriegskommunismus und NEP das Land zu stabilisieren. Noch unter Lenin wurde der Proletkult abgewickelt, unter Stalin die Kunsthochschule Vhutemas, das ästhetische Institut Inhchuk und die Künstlervereinigung Oktober verhindert, oder auf eine Parteilinie verpflichtet. Der Kampf um die Frage was Realismus sei, wurde so letztendlich autoritär entschieden, und die westliche Kunstgeschichte nahm diese Setzung dankbar auf und teilte die russische Kunstproduktion der Revolution in Schulen und Stilrichtungen auf. Der Konstruktivismus, ursprünglich ein Kampfbegriff gegen die Idee künstlerischer Komposition, zum Stilattribut, der Realismus zum Hauptfeind der Blockkonfrontation. Auch heute noch beherrschen diese Gegensätze das Verständnis der Kunst der Revolutionen des beginnenden 20.Jahrhunderts.

    Wie war das Verhältnis von Kunst und Politik in der Sowjetunion? Wie versuchte der Konstruktivismus in die Realität einzugreifen, wie reflektierte er das Verhältnis zwischen Kunst, Politik und Produktionsbedingungen, was waren seine Mittel? Wie war das Verhältnis zwischen Konstruktivismus, heroischem Realismus und sozialistischem Realismus?

    Kerstin Stakemeier arbeitet als Researcherin an der Jan van Eyck Akademie in Maastricht zur Frage des Realismus in der Gegenwartskunst und als Doktorantin am University College London zum Künstler als Amateur und veröffentlicht regelmässig zum Verhältnis von Kunst und Politik.

    Kunst, Spektakel, Gesellschaft

    Situationistische Internationale, Avantgarde und Klassenkampf

    Biene Baumeister Zwi Negator – 18. Juni, 20:00 Uhr

    Der Situationistischen Internationalen wird nachgesagt, dass sie eine letzte Avantgarde gewesen sei. Jedoch reflektierten die Situationisten um Guy Debord, Raoul Vaneigem, Michèle Bernstein u.a. die zunehmend konformistische Rolle der Avantgarden, erkannten ihre gesellschaftliche Beschränkung in der Moderne und versuchten, als „enfants perdus“ über das Konzept der Avantgarde radikal hinauszugehen. Worin besteht die Kritik der Situationisten an der totalen Warengesellschaft, der „Gesellschaft des Spektakels“? Worin besteht ihre Kritik an Kultur, Politik und Kunst? Wie rezipierten sie in diesem Kontext die marxsche Kritik der politischen Ökonomie? Wie war das Verhältnis der Situationisten zum Dadaismus, zum Surrealismus und zum Existenzialismus? Wie versuchten sie in der Praxis den Werkcharakter ästhetischer Aktivitäten aufzuheben? Und wie war ihr Verhältnis zur Arbeiterbewegung und den Studentenrevolten?

    Biene Baumeister Zwi Negator ist ein Autorenkollektiv, das sich mit der situationistischen Revolutionstheorie auseinandersetzt. Neben einem Doppelband zur Situationistischen Revolutionstheorie, welches in der Theorie.org-Reihe des Schmetterling Verlages erschienen ist, publizieren sie unter anderem in der Zeitschrift Phase 2. Sie nahmen als ReferentInnen an der Konferenz „Spektakel Kunst Gesellschaft“ in Wien teil und veröffentlichten einen Text im gleichnamigen Band, der im Verbrecher-Verlag erschienen ist.

    Streetart und Kapitalismuskritik

    Das Beispiel Splasher

    Hans Christian Psaar – 25. Juni, 20:00 Uhr

    Street Art wird oft als widerständige Kunst rezipiert, die Konsum kritisch reflektiert. Andererseits wird der Street Art Kommerzialisierung vorgeworfen. Im Vortrag wird ausgehend vom Beispiel der New Yorker Gruppe „Splasher“ das Verhältnis von Street Art und Kritik thematisiert. Mit Farbbeutelanschlägen auf die Werke namhafter Street Artists und einem Bezug auf die Situationistische Internationale machte die Gruppe seit 2006 auf sich aufmerksam. Aus ideologiekritischer Sicht wird die Theorie und Praxis von Splasher beleuchtet und die Ökonomie von Street Art und Kunst heute untersucht. Dabei wird anhand von Exkursen zur Situationistischen Internationale und dem Abgleich mit einem Avantgardemodell versucht Street Art – und mit ihr die Möglichkeiten radikaler Kritik – historisch zu bestimmen. Ein weiterer Widerspruch mit der Street Art: auf der einen Seite kokettiert sie mit dem Image des Widerständigen, andererseits ist die Reflexion über ihre eigene Beschaffenheit doch eher rudimentär ausgeprägt. Zu einer weitergehenden Beschäftigung möchte der Vortrag anregen.

    Hans Christian Psaar ist Sozialwissenschaftler und DJ. Er betreibt das Plattenlabel Sprengstoff und ist Autor der Zeitschrift Datacide. Er referiert unter anderem zu den Themen Underground und der Kritik der Kulturindustrie. Den Vortrag zu Streetart und Kapitalismuskritik hielt er bereits 2008 auf einer Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Urban Script“ in Berlin.

    Die Kathedrale des Sozialismus

    Bauhaus und kommunistische Bewegung

    Justus H. Ulbricht – 2. Juli, 20:00 Uhr

    Vorläufiger Ankündigungstext

    „Die Kathedrale des Sozialismus“, ein Holzschnitt von Lyonel Feininger zum ersten Bauhaus-Manifest, ist ein Zeugnis davon, dass es im Bauhaus eine Verbindung zwischen Kunst und revolutionärer Bewegung gegeben hat. Heute ist das Bauhaus jedoch vor Allem als Designerschule bekannt. Dass mit der Vereinigung von Ästhetik und Handwerk auch eine praktische Kritik der Sphärentrennung betrieben wurde, scheint in Vergessenheit geraten zu sein, angesichts der Tatsache, dass es in der Bauhaus-Universität in Weimar nicht einmal mehr das gemeinsame Grundsemester gibt, welches das Lehrkonzept des damaligen Bauhauses gekennzeichnet hatte und dass sich Kunst- und Architekturstudenten in Weimar nicht recht vertragen wollen. Deshalb gilt es die Fragen zu stellen, an welchen Punkten sich das Bauhaus in eine politische Bewegung hineinbegeben hat, wie der theoretische Hintergrund dafür ausgesehen hat und wie das Verhältnis zwischen Bauhaus und Faschismus gewesen ist. Im Gegensatz zu anderen Bewegungen der Avantgarde, besetzte das Bauhaus Kategorien wie „Normierung“ und „Rationalität“ sehr positiv. Ein weiterer interessanter Punkt ist das Verhältnis ehemaliger Bauhaus-Meister zum späteren „Bauhaus Imaginiste“, welches eine radikale Fortsetzung des Bauhaus-Gedankens durch den dänischen Künstler Asgar Jorn in Italien darstellte. Diese Diskussion problematisiert das Verhältnis zwischen Funktionalität und Ästhetik.

    Justus H. Ulbricht
    ist tätig für die Weimarer Klassik Stiftung und engagiert sich im Projekt „Cicerone“. Er publizierte unter anderem zur Kulturpolitik des Nationalsozialismus und zu „Romantik, Revolution & Reform“.

    Walter Benjamin

    und das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

    Esther Leslie – 9. Juli, 20:00 Uhr

    Achtung ! Dieser Vortrag wurde auf den 4. August verschoben! Ort und Zeit bleiben die gleichen.

    Welchen Wandel erlebte die Kunst mit der Durchsetzung der bürgerlichen Gesellschaft und der industriellen Revolution? Was ist die „Reproduzierbarkeit“? Wie verändert sich der Charakter der Kunst durch die Möglichkeit des Kunstwerks als Massenware? Welche Antworten gibt Walter Benjamin auf die Frage nach dem Verhältnis zwischen Kunst und Politik? Was bedeutet bei Benjamin „Ästhetisierung der Politik“ und „Politisierung der Aesthetik“? Welche Gesellschaftskritik liegt Benjamins Überlegungen zur Kunst zugrunde? Welchen Einfluss hat Benjamin auf die kulturell engagierten Linken von Gestern und Heute ausgeübt?

    Esther Leslie
    arbeitet zur marxistischen Theorie der Ästhetik und Kultur, mit einem Focus auf das Werk Walter Benjamins und Theodor W. Adornos. Sie publizierte zahlreiche Bücher und lehrt an der School of English and Humanities in London.

    Gegenwart, Kritik, Erkenntnis, Rätsel

    Adorno und die Kunst

    Roger Behrens – 23. Juli, 20:00 Uhr

    »Aufgabe von Kunst heute ist es, Chaos in die Ordnung zu bringen. Künstlerische Produktivität ist das Vermögen der Willkür im Unwillkürlichen«, schreibt Theodor W. Adorno im 142. Aphorismus seiner ›Minima Moralia‹. Das korrespondiert durchaus mit den künstlerischen Bewegungen des zwanzigsten Jahrhunderts, die allerdings – und das ist bemerkenswert – in der kritischen Theorie Adornos keineswegs auch nur annähernd in der Weise berücksichtigt werden, wie man es bei jemand vermuten sollte, der immerhin die letzte große, moderne Ästhetik verfasst hat. Die »Kunst heute«, von der Adorno spricht, scheint vielmehr eine Erinnerungsspur der Kunst des neunzehnten Jahrhunderts darzustellen; im zwanzigsten Jahrhundert, so der drastische Befund Adornos, unterliegt Kunst als kritische Instanz der ökonomischen Verwertungslogik, ist vollkommen in die »verwaltete Welt« integriert.

    Adorno arbeitete bis zu seinem Tod an der dann posthum erschienenen ›Ästhetischen Theorie‹; als Adorno 1969 starb waren abermals die Kunst und die Künste in einem radikalen Umbruch begriffen. Lässt sich dies – vierzig Jahre später – in eine kritische Konstellation bringen und aktualisieren? Ist nach und mit Adorno überhaupt eine Perspektive der Kunst zu einer Überwindung des Bestehenden möglich?

    Roger Behrens ist Philosoph und Sozialwissenschaftler. Seine Arbeitsgebiete sind die kritische Theorie der Gesellschaft sowie die Philosophie und Ästhetik der Moderne und Postmoderne. Er publiziert im Ventil-Verlag und in der Zeitschrift Phase 2 und ist Mitherausgeber der Zeitschrift Testcard.