Archiv der Kategorie 'Allgemein'

KSR N°6 Release in Weimar

15.06.2017 – Heftvorstellung und Vortrag – ACC Galerie Weimar

In linken Debatten über Ästhetik standen sich oftmals zwei Positionen gegenüber: Auf der einen Seite der Realismus, der die Forderung erhebt, die wichtigsten Tendenzen und Konfliktlinien der Wirklichkeit in der Kunst zur Darstellung zu bringen. Auf der anderen Seite der Avantgardismus, der die Totalität des klassischen Kunstwerks zerstört und tendenziell mit den künstlerischen Mitteln selbst unmittelbar in die Wirklichkeit eingreifen möchte.

In den Realismusdebatten der 1930er Jahre gab es jedoch eine Position, die diese Gegenüberstellung durcheinander brachte: jene Bertolt Brechts. Der wollte sich als Realist verstanden wissen und hat trotzdem im Feld der Avantgarde gewirkt. Der Modellcharakter war für ihn eine zentrale ästhetische Strategie.

Im Vortrag wollen Thomas Zimmermann und Lukas Holfeld die sechste Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution vorstellen und einige Thesen über Avantgarde und Realismus vortragen.

    Beginn: 20:00 Uhr
    Eintritt: 2 € (erm. 1 €)
    Ort: ACC Galerie Weimar, Burgplatz 1

KSR N°6 ist erschienen

Nach unserer Release-Veranstaltung am 24.05.2017 in Halle liegt nun die sechste Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution der Öffentlichkeit vor. Das Heft trägt den Untertitel Theater Realität Realismus und basiert auf einer Tagung, die im Sommer 2016 in Berlin stattgefunden hat. Das Heft umfasst 64 Seiten und enthält 9 Texte. Dabei dreht sich alles um das Theater: Dramenform, Realismus, Avantgarde, Bertolt Brecht, Peter Hacks und Heiner Müller kommen darin vor. Einen Einblick in das Inhaltsverzeichnis und eine Leseprobe findet ihr hier. Das Heft kann über das Kontaktformular bestellt werden.

Den ersten hundert Bestellungen wird ein Plakat beiliegen, das eine typographische Gestaltung eines Brecht-Zitats enthält. – Nur solange der Vorrat reicht.

In den nächsten Wochen werden wir weitere Heftvorstellungen in verschiedenen Städten organisieren. Außerdem arbeiten wir schon an der lang versprochenen „schwarzen“ Ausgabe.

Release: KSR N°6

Wir freuen uns, im Mai die sechste Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution vorstellen zu können. Das Heft trägt den Untertitel Theater, Realität, Realismus und setzt sich in neun Texten mit den Realismus-Debatten im Bezug auf das Theater und das Drama auseinander.

Das besondere Interesse, welches die Kunstform Theater auf sich zieht, liegt in ihrem öffentlichen Charakter begründet. In der griechischen Antike entwickelte es sich mit der Polis der attischen Demokratie. Die öffentliche, durch Kunst verhandelte Sache macht den Grundzug des Theaters aus — über das elisabethanische und bürgerliche bis hin zum epischen Theater. Die Bretter, die die Welt bedeuten, stellen die gesellschaftliche Ordnung in Frage, indem sie künstlerisch zur Darstellung kommt. Insoweit war für das Theater die Frage, welche Welt da eigentlich auf welche Weise bedeutet werden soll, schon immer von Interesse. Die Frage nach der Realität und dem Realismus ist dem Theater in gewisser Weise inhärent, jedoch sind die Diskussionen um den Begriff des Realismus spezifisch modern und haben mit der bürgerlichen Autonomie der Kunst ihre Substanz gewonnen. Die Freisetzung der Kunst und der Künstler im Kapitalismus haben die Frage bedingt, was mit Kunst bedeutet und bezweckt werden kann und soll. Auf die kapitalistische Veränderung der Welt zu reflektieren, ist Anliegen einer Debatte um den Begriff des Realismus.

Der Begriff des Realismus stellt die Frage nach dem Zusammenhang von Kunst und Gesellschaft. Seit seinem Aufkommen ist er ein kritischer Begriff. Besonders interessant wird er aber erst im Zuge der kommunistischen Debatten der zwanziger und dreißiger Jahre. Der Realismus ist der Begriff, der es ermöglicht, die lebendige Dialektik der Kunstwerke im Zusammenhang mit ihren gesellschaftlichen und historischen Voraussetzungen und Wirkungen zu betrachten. Der Realismus ist, entgegen den über ihn kursierenden Vorurteilen, kein Naturalismus. Im Gegenteil ist er die Kritik des Naturalismus. Der Naturalismus ist der Positivismus in der Kunst, der annimmt, dass die Kunst zur Realität in abbildender Weise sich verhält. Aber damals wie heute hat man die Realität weder mit einem Blechnapf oder Experten des Alltags auf der Bühne. Die Wirklichkeit will ja begriffen werden, nicht abgebildet. Der Realismus ergreift Partei für ein dialektisches und ästhetisches Begreifen der Wirklichkeit durch die Kunst, also für die Poesie. Der Realismus ist darüber hinaus auch parteiisch, er ist eine Kritik der Verödung der Welt durch den Kapitalismus. Diese Kritik äußert die Kunst allerdings, indem sie besser als die Welt ist, in ihrer Form schon Utopie einer künftigen, von kapitalistischer Produktionsweise befreiten Gesellschaft ist. Ein neuer Realismus wäre ein Vorschlag für das Theater, der eigenen Mittel bewusst an der ästhetischen Utopie zu arbeiten, die auf vermittelte Weise auf die politische Utopie verweist.

Wir freuen uns, das Heft im Operncafé der Oper Halle (Saale) vorstellen zu können:

In einer linken Tradition des Theaters scheinen sich das avantgardistische, später postdramatische Theater auf der einen Seite und das realistische Drama gegenüberzustehen. Doch handelt es sich dabei wirklich um eine Opposition? Die beiden Redakteure Jakob Hayner (Theater der Zeit) und Lukas Holfeld (Radio Corax) stellen das Heft vor und diskutieren einige Thesen zum Verhältnis von Realismus und Avantgarde.

    ■ Datum: 24.05.2017
    ■ Beginn: 20:00 Uhr
    ■ Ort: Operncafé der Oper Halle (Universitätsring 24)
    ■ Eintritt frei

DITTERICH VON EULER-DONNERSPERG


WALTER ULBRICHT SCHALLFOLIEN, Hamburg

Elektronik. Lesung

HALLE (SAALE)

SCHIEFES HAUS

Der Hellseher begibt sich zum Ufer des Flusses, schließt die Augen und spricht: Ich sehe Wasser, viel Wasser. (KLOPSTOCK)

Auf die Frage nach einem Ankündigungstext schrieb uns Herr Euler-Donnersperg:

»Ich hasse mittlerweile lange Ankündigungstexte. Jeder schreibt sowas und brüstet sich mit allerlei Angaben (vor allem Prominamen). Über die Zeit ist sowas völlig gleichförmig geworden. Ich hasse das. Einfach kurz angeben: „Der alte graue Knurhahn von der Waterkant knarzt und knurrt seine lustigen und weniger lustigen Weisen..“ (oder so ähnlich).

GLÜCKAUF!«

Destruction of the RSG-6

KSR-Heftvorstellungen in Wolfsberg und Wien

Im April 1963 veröffentlichte die britische Aktivisten-Gruppe „Spies for Peace“ die Existenz eines geheimen Atomschutzbunker-Systems, das ausschließlich für Mitglieder der britischen Regierung reserviert war: Die „Regional Seats of Government“ (RSG). Mitglieder der Gruppe selbst waren in den RSG-6 in Reading eingebrochen und hatten dort die Pläne der übrigen Bunker gefunden. Die Gruppe veröffentlichte ihre Funde in einer Broschüre, die weltweit für Aufmerksamkeit sorgte und einen enormen Mobilisierungsschub für die außer-parlamentarische Abrüstungs-Bewegung nach sich zog. Im Juni 1963 eröffnete die Situationistische Internationale in Odense (Dänemark) eine Ausstellung, die mit dem Titel „Destruction of RSG-6″ überschrieben war. Offensichtlich nahm die marxistische, post-surrealistische Gruppe Bezug auf die Funde in Reading. Aber nicht nur das: Die Galerie zeigte den Stand einer Kritik der Kunst, die die S.I. in den Jahren zuvor erarbeitet hatte.

Der Vortrag gibt einen Einblick in die fünfte Ausgabe der Zeitschrift „Kunst, Spektakel & Revolution“ und erzählt die Geschichte der Ausstellung „Destruction of RSG-6″. Dabei werden Fotos von der Ausstellung gezeigt. Zugleich sollen Ansätze der kritischen Theorie der Situationistischen Internationale eingeführt werden. Die Ausgaben 3-5 von KSR können beim Vortrag erworben werden.

    Wolfsberg (Kärnten): Fr. 10.03.17, Container 25, Hattendorf 25a, 18 Uhr

    Wien: Mo. 13.03.17, ada, Wattgasse 16/6, 19 Uhr

Grenzsteine — Zur Kritik der Gewalt

Buchvorstellung in Halle (Saale) — Do 02.03.17

Buchvorstellung mit Jakob Hayner und Arne Kellermann

Angesichts der Zustände, welche die globale kapitalistische Ökonomie hervorbringt, scheint im Moment nichts zur Aufhebung zum Besseren zu drängen. Weder Freihandel noch Protektionsmus lösen irgendeine Krise; sie sind jeweils der Versuch, die je eigene Nationalökonomie auf Kosten anderer durchzubringen – koste es, was es wolle. Krieg und Kriegswirtschaft sind auch heute probates Mittel in weltweiten Machtkämpfen die eigenen Pfründe zu sichern und gegenüber den Ansprüchen anderer zu verteidigen. Dass die von den Produktionsmitteln getrennten verelendeten Massen bei dieser Entwicklung unter die Räder kommen, ist die Konsequenz. Wer kann, flüchtet in die wohlhabenderen Weltgegenden, trotz derer sich zunehmend brutalisierenden Abschottungsversuche. Jeder für sich selbst – und alle gegen alle. Die Konkurrenz ist der gewaltvolle Kern kapitalistischer Vergesellschaftung. Solche Gewalt findet keine Grenze, sie ist im Kapitalismus nur insoweit eingehegt, dass sie den Verwertungsinteressen dient. Wird unklar, wie die Verwertung überhaupt noch am Laufen zu halten ist, bricht die Gewalt an die gesellschaftliche Oberfläche durch.

Die Gewalt kapitalistischer Vergesellschaftung affiziert die bürgerliche Gesellschaft im Gesamten. Sich den Gegenständen zu widmen, die noch das subjektive Interesse wecken können, heißt eben auch, der Gewalt der gesellschaftlichen Grundlage nachzuspüren. Theorie, als Reflexion der Welt in ihrer historischen Gewordenheit und Veränderbarkeit, kann sich dagegen nicht blind machen. Der Band »Grenzsteine. Beiträge zur Kritik der Gewalt« entwirft in einer Reihe von Aufsätzen eine globale Perspektive kritischer Theorie. Es soll der Zusammenhang der Gegenwart – das Verhängnis der Vorgeschichte – erhellt werden, indem gefragt wird, was der gewaltsame Zerfall von Gesellschaften weltweit und das Schwinden von Fortschrittsutopien für kritische Gesellschaftstheorie bedeuten. Bei der Buchvorstellung sind einige der Herausgeber und Autoren anwesend. Sie stellen den Band und einzelne Beiträge vor und laden zur Diskussion ein.

»Grenzsteine. Beiträge zur Kritik der Gewalt« wurde bei edition text+kritik veröffentlicht. Die Buchvorstellung ist eine Veranstaltung im Rahmen des Alternativen Vorlesungsverzeichnisses ALV.

■ Datum: 02. März 2017
■ Beginn: 19:00 Uhr
■ Ort: HaSi (Hafenstraße 7)

Theorie und Gewalt in Weimar

Heftvorstellung zu KSR N°5 – 26.01.17

Nach einiger Zeit wird Kunst, Spektakel & Revolution wieder einmal in der ACC Galerie in Weimar zu Gast sein. Dabei wollen wir einige Gedanken aus der fünften KSR-Ausgabe zur Diskussion stellen und weiter führen. Wir wollen einen Fokus auf den Ausnahmezustand und Polizeigewalt werfen. Insbesondere soll dabei ein Fall von Polizeigewalt besprochen werden, der sich im April 2012 in Weimar ereignete (bekannt geworden als der Fall „Weimar im April“). Dies verknüpft mit einigen Gedanken zur gesellschaftlichen Natur der Polizeigewalt.

Es gibt keine Herrschaft ohne Gewalt. Die Gewalt sachlich vermittelter Herrschaft ist in den Institutionen verborgen und vollzieht sich als stummer Zwang der Verhältnisse. Offen zutage tritt sie in der Peripherie, an den Grenzen, gegenüber «beschwerdearmen Bevölkerungsgruppen» und im Ausnahmezustand. Sichtbar wird sie auch in der Deformierung der (post)modernen Subjekte. Herrschaft zwingt ihren Gegnern die Frage der Gewalt auf — ist sie einmal in der Welt, muss mit ihr umgegangen werden. Die äußeren Bedingungen und die Wahl der Mittel entscheiden darüber, ob die Revolution ihr (im zweifachen Sinne) erliegt. Die im Sommer erschienene fünfte Ausgabe der Broschürenreihe Kunst, Spektakel & Revolution beschäftigt sich auf verschiedenen Ebenen mit der Gewalt der Verhältnisse. Wir wollen einen Einblick in das Heft geben.

■ Datum: 26. Januar 2017
■ Beginn: 20:00 Uhr
■ Eintritt: 2 €, erm. 1 €
■ Ort: ACC Galerie Weimar (Burgplatz 1-2)

Destruction of the RSG-6

KSR°5 Heftvorstellungen
in Halle, Erfurt und Chemnitz

Do 10. November | Hafenstraße 7 (Halle/Saale) | 19 Uhr
Fr 18. November | Offene Arbeit, Allerheiligenstr. 9 (Erfurt) | 20 Uhr
Fr 2. Dezember | Lesecafé Odradek, Leipziger Str. 3 (Chemnitz) | N.N.

Destruction of the RSG-6

Oder: Wie man die Kunst mit den Mitteln der Kunst zerstört

Im April 1963 veröffentlichte die britische Aktivisten-Gruppe „Spies for Peace“ die Existenz eines geheimen Atomschutzbunker-Systems, das ausschließlich für Mitglieder der britischen Regierung reserviert war: Die „Regional Seats of Government“ (RSG). Mitglieder der Gruppe selbst waren in den RSG-6 in Reading eingebrochen und hatten dort die Pläne der übrigen Bunker gefunden. Die Gruppe veröffentlichte ihre Funde in einer Broschüre, die weltweit für Aufmerksamkeit sorgte und einen enormen Mobilisierungsschub für die außer-parlamentarische Abrüstungs-Bewegung nach sich zog. Im Juni 1963 eröffnete die Situationistische Internationale eine Ausstellung, die mit dem Titel „Destruction of RSG-6″ überschrieben war. Offensichtlich nahm die marxistische, post-surrealistische Gruppe Bezug auf die Funde in Reading. Aber nicht nur das: Die Galerie zeigte den Stand einer Kritik der Kunst, die die S.I. in den Jahren zuvor erarbeitet hatte.

Der Vortrag gibt einen Einblick in die fünfte Ausgabe der Zeitschrift „Kunst, Spektakel & Revolution“ und erzählt die Geschichte der Ausstellung „Destruction of RSG-6″. Dabei werden Fotos von der Ausstellung gezeigt. Zugleich sollen Ansätze der kritischen Theorie der Situationistischen Internationale eingeführt werden. Die Ausgaben 3-5 von KSR können beim Vortrag erworben werden.

KSR#5 – Heftvorstellung in Hamburg

Wir freuen uns, die fünfte Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution in Hamburg vorstellen zu können:

    ■ Datum: Do 25.08.2016
    ■ Ort: Freies Sender Kombinat FSK, Valentinskamp 34a (Gängeviertel)
    ■ Beginn: 20:00 Uhr
    www.katzenberg-verlag.de

Als Herr Keuner weggegangen war, fragten ihn seine Schüler nach seinem Rückgrat. Herr Keuner antwortete: ›Ich habe kein Rückgrat zum Zerschlagen. Gerade ich muss länger leben als die Gewalt.‹

Es gibt keine Herrschaft ohne Gewalt. Die Gewalt sachlich vermittelter Herrschaft ist in den Institutionen verborgen und vollzieht sich als stummer Zwang der Verhältnisse. Offen zutage tritt sie in der Peripherie, an den Grenzen, gegenüber „beschwerdearmen Bevölkerungsgruppen“ und im Ausnahmezustand. Sichtbar wird sie auch in der Deformierung der (post)modernen Subjekte. Herrschaft zwingt ihren Gegnern die Frage der Gewalt auf – ist sie einmal in der Welt, muss mit ihr umgegangen werden. Die äußeren Bedingungen und die Wahl der Mittel entscheiden darüber, ob die Revolution ihr (im doppelten Sinne) erliegt. Die im Sommer erschienene fünfte Ausgabe der Broschüren-Reihe „Kunst, Spektakel & Revolution“ beschäftigt sich auf verschiedenen Ebenen mit der Gewalt der Verhältnisse. Wir wollen in Hamburg einen Einblick in das Heft geben – dazu sind Mitherausgeber Lukas Holfeld und der Autor Roger Behrens im FSK im Gängeviertel zu Gast. Die Veranstaltung findet statt im Rahmen des siebten Geburtstag des Gängeviertels.

KSR N°5 ist erschienen

Ende Juli konnten wir in Berlin die fünfte Ausgabe der Broschüren-Reihe Kunst, Spektakel & Revolution präsentieren. Das Heft kann nun über das Kontaktformular bestellt werden. Es enthält zehn Texte, die sich überwiegend mit der Kritik der Gewalt beschäftigen. Das Inhaltsverzeichnis und eine Leseprobe können hier eingesehen werden.

  • Interview zur aktuellen Ausgabe mit einem Redaktionsmitglied:

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Werbung:

Wir freuen uns über jede Erwähnung, Besprechung oder Bewerbung der Broschüre. Falls ihr in einer Zeitschriftenredaktion arbeitet, eine Schülerzeitung herausgebt, ein Fanzine macht oder einen Blog betreibt, könnt ihr diese Banner platzieren:

Hinweis: Die SpenderInnen und Spender, die die Finanzierung der KSR#5 unterstützt haben, bekommen in Kürze ein Exemplar zugeschickt.

KSR N° 5 – Heftvorstellung

Nach langem Warten ist es endlich soweit: Wir freuen uns, am 24. Juli in Berlin die fünfte Ausgabe der Broschüren-Reihe Kunst, Spektakel & Revolution vorstellen zu können.

    ■ Datum: So 24.07.2016
    ■ Ort: Laidak, Boddinstraße 42/43 (Neukoelln / Berlin)
    ■ Beginn: 20:00 Uhr

Es gibt keine Herrschaft ohne Gewalt. Die Gewalt sachlich vermittelter Herrschaft ist in den Institutionen verborgen und vollzieht sich als stummer Zwang der Verhältnisse. Offen zutage tritt sie in der Peripherie, an den Grenzen, gegenüber „beschwerdearmen Bevölkerungsgruppen“ und im Ausnahmezustand. Sichtbar wird sie auch in der Deformierung der (post)modernen Subjekte. Herrschaft zwingt ihren Gegnern die Frage der Gewalt auf – ist sie einmal in der Welt, muss mit ihr umgegangen werden. Die äußeren Bedingungen und die Wahl der Mittel entscheiden darüber, ob die Revolution ihr (im doppelten Sinne) erliegt. Die im Juli erscheinende fünfte Ausgabe der Broschüren-Reihe „Kunst, Spektakel & Revolution“ beschäftigt sich auf verschiedenen Ebenen mit der Gewalt der Verhältnisse. Wir wollen im Laidak gemeinsam mit mehreren Autoren einen Einblick in das Heft geben.

Theater – Realität – Realismus

Kommunismus ist, wenn Shakespeare verstanden wird.
[Peter Hacks]

Am 22. und 23. Juli 2016 werden in Berlin Anhänger von Peter Hacks und Heiner Müller aufeinandertreffen. Gemeinsamer Bezugspunkt wird dabei der Dramatiker Bertolt Brecht sein und es wird gestritten werden über die Frage, was ein realistisches Theater sein könnte. Es wird dabei kein gutes Haar am Gegenwartstheater bleiben – dafür könnte die DDR und ihr Theater eine Kontrastfolie bieten, um den Schmach der wiedervereinigten Gegenwart noch schmachvoller zu machen. Wir laden ein zur heiteren Diskussion:

Das Verhältnis von Theater und Politik wird gegenwärtig diskutiert. Soll sich Theater engagieren? Soll es reflektieren? Oder ist die Frage schon falsch gestellt? In den Widersprüchen des eigenen Engagements verfangen hat sich eine Idee des Theaters, die Authentizität und Partizipation als Schlüsselbegriffe neuer Ästhetik wie sozialer Praxis etabliert hat. Diese Form des Bühnenengagements verbleibt ästhetisch allzuoft im Reportagenhaften. Die reklamierte Innovation verbleibt auf der Ebene technischer Effekte. Können so wirklich neue Wirkungen erzielt werden? Und hat nicht die performative Wende des Theaters mit der performativen Wende in den kapitalistischen Zentren die Aktivierung der Arbeitskraft und ihrer kreativen Reserven gemeinsam? Eine Rückkehr zum bürgerlichen Ästhetizismus kann es nicht geben; die historische Erfahrung des 20. Jahrhunderts hat den schönen Schein der Kunst nicht unberührt gelassen. Die Frage allerdings lautet: Wie ist ästhetische Verbindlichkeit möglich? Der Begriff des Realismus, der in der Debatte um Kunst und Politik im 20. Jahrhundert eine zentrale Stellung einnahm, scheint am Beginn des 21. Jahrhunderts vergessen. Doch in letzter Zeit wird wieder über (neuen) Realismus diskutiert. Kann es einen Realismus geben, der nicht die Unterordnung der Kunst unter Politik meint, wie es die historisch erfolgte Ideologisierung des Begriffs nahelegen mag? Und wie könnte ein Realismus beschaffen sein, der als vielfältige Methode auf die Ermöglichung einer gemeinsamen Erfahrung der Realität durch Kunst zielt, also im Theater eine Haltung des Publikums zur Bühnenkunst ermöglicht, die als Erfahrung der Subjekte ebenfalls für politische Situationen verbindlich sein kann? Realismus ist ein dialektischer Begriff, der seine Spannung zwischen Kunst und Wirklichkeit unter Beachtung ihrer Gemeinsamkeiten und Unterschiede, ihrer vermittelten Wirkungen aufeinander, hat. Das Symposium »Theater Realität Realismus« widmet sich der Geschichte, der Gegenwart und dem Begriff des Realismus in Bezug auf das Theater. Die historischen Konstellationen des Begriffes sollen untersucht, seine gegenwärtige Bedeutung diskutiert und seine theoretischen Implikationen erörtert werden.

■ Datum: 22./23. Juĺi 2016
■ Ort: Institut für deutsche Literatur / Dorotheenstraße 24 (Berlin)
Link zum Programm

Interview mit Jakob Hayner (Mitorganisator des Symposiums)

Download

Weiterführende Informationen

Text zur Realismusdebatte in den 30′er Jahren (KSR#2)
Realismus! Online Magazin (Texte der Realism Working Group / FFM)

Der Widerspruch der Kunst. Buchvorstellung

Anfang des Jahres ist das Buch »Der Widerspruch der Kunst« erschienen, das zahlreiche Beiträge über die Verwandtschaft von Kunst und Gesellschaftskritik enthält (siehe hier). Nun laden Herausgeber und Autoren zu einer Buchvorstellung nach Leipzig. In der Ankündigung heißt es:

Ist Kunst von Gebrauchsprodukten, Kitsch und Reklame nicht mehr zu unterscheiden oder kann sie immer auch ein „Anderes“ gegenüber der Gesellschaft darstellen? Den Umgang mit den Widersprüchen, denen die Kunst unausweichlich ausgesetzt ist, untersuchen elf Beiträge des Sammelbandes „Der Widerspruch der Kunst“ (Frank&Timme, 2016) und geben dabei Auskunft über das Verhältnis von Kunst und Gesellschaftskritik in der Kulturindustrie. Wir möchten an diesem Abend das Buch vorstellen und einige der darin formulierten Gedanken zur Diskussion stellen.

■ Datum: 28.04.2016
■ Ort: Cineding Leipzig (Karl-Heine-Str. 83)
■ Beginn: 20:00 Uhr

Zum 145. Geburtstag der Pariser Commune

Vortrag, literarische Soundschnipsel, Bilder und Arbeiterliederinterpretationen zur Feier des Tages

    Datum: Freitag, 18.03.2016
    Ort: Kater Blau / Holzmarktstr. 25
    Beginn: 20:00 Uhr
    Kosten: 2 €

Am 18. März 1871 machte die Pariser Stadtbevölkerung ernst: Die Nationalgarde und die Arbeiterschaft erhoben sich und widersetzten sich dem Willen der Herrschenden. Die alte Regierung floh nach Versailles. Auf dem Rathaus von Paris wurde die rote Fahne der Revolution gehisst. Nach dem siegreichen Kampf übernahm in der Stadt das Zentralkomitee der Nationalgarde die Macht und schrieb Wahlen für die Pariser Commune aus. Am 26. März 1871 wurden in den 20 Bezirken der französischen Hauptstadt 86 Stadträte gewählt. In einer feierlichen Kundgebung übernahm dieser Rat der Commune zwei Tage später offiziell die Regierungsgewalt.

Den Märzereignissen vorangegangen waren zahlreiche Streiks und Klassenkämpfe im ganzen Land, das gerade erst in die Industrialisierung eingetreten war. Der Kaiser war übermütig in den deutsch-französischen Krieg eingetreten – und unterlag. Die bürgerliche Übergangsregierung wollte Paris den Preußen übergeben und ihm seine verwaltungsrechtliche Eigenständigkeit nehmen, sodass konservative Landstriche über eine moderne Metropole geherrscht hätten. Dies konnten und wollten die Pariser Arbeiterinnen und Arbeiter nicht hinnehmen – sie bewaffneten sich, riefen die Commune aus, praktizierten die Selbstverwaltung in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens und forderten die soziale Republik. Die Commune hatte nur drei Monate Bestand. Danach wurde sie in einem Massaker von der Versailler Bürgerregierung niedergeschlagen. Die Pariser Commune blieb ein Fanal für die junge revolutionäre Arbeiterbewegung, und sie steht seither für den Versuch, das Leben in die eigene Hand zu nehmen.

Im Vortrag von Lukas Holfeld (Bildungskollektiv) sollen die Ereignisse von 1871 (teils erzählerisch) rekonstruiert werden. Das tippel orchestra interpretiert Arbeiterlieder zur Feier des Tages, denn wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten! (Eine Veranstaltung der Jungen Panke.)

Weiteres Material zum Thema:

Jutta Ditfurth: Anmerkungen zur Pariser Commune von 1871

Antje Schrupp: Über die Frauen der Pariser Kommune, Elisabeth Dmitrieff und die »Union des Femmes«

Guy Debord, Attila Kotanyi, Raoul Vaneigem: Über die Pariser Kommune

Helmut Bock: Kritische Anmerkung zu Marxens Einschätzung der Pariser Commune (Helle Panke)

➳ In der vierten Ausgabe der KSR-Broschur ist ein ausführlicher Text über die Pariser Commune enthalten. Die Ausgabe kann nach wie vor bestellt werden.

Spendenaufruf KSR#5

Spenden-Aufruf zur fünften Ausgabe von »Kunst, Spektakel und Revolution«

Liebe FreundInnen und Bekannte,
liebe LeserInnen der Publikations-Reihe Kunst, Spektakel & Revolution,

wir haben uns erlaubt, uns an Sie bzw. an euch zu wenden, mit der Bitte, dem Bildungskollektiv Geldspenden zukommen zu lassen, damit wir den Druck der fünften Ausgabe unserer Publikationsreihe »Kunst, Spektakel und Revolution« finanzieren können. Der Spendenaufruf hat folgenden Hintergrund:

Seit 2009 ist die Veranstaltungsreihe »Kunst, Spektakel und Revolution« ein fester Bestandteil des Veranstaltungs-Programms des Bildungskollektivs. In fünf Veranstaltungsblöcken und zahlreichen einzelnen Workshops, Vorträgen und Lesungen haben wir uns im Rahmen dieser Reihe mit dem Verhältnis von Ästhetik und Gesellschaftskritik, sowie der Beziehung zwischen Kunst, Kulturindustrie und Revolution auseinandergesetzt. Parallel dazu haben wir unter dem selben Titel bereits vier Magazine herausgegeben, in denen die damit verbundenen Diskussionen dokumentiert wurden.

Bereits seit einiger Zeit sind wir mit der Redaktions-Arbeit an der fünften Ausgabe des KSR-Magazins beschäftigt. Die Arbeit am Layout dieser Ausgabe ist bereits nahezu abgeschlossen. Leider ist diesmal die Finanzierung des Drucks nach wie vor offen. Nachdem wir bereits eine Förderungs-Zusage erhalten hatten, ist uns die Finanzierung vollständig weggebrochen. Als kleiner Verein sind wir immer auf Spenden angewiesen sind, um unsere Bildungsarbeit machen zu können. Da es immer schwierig ist, an offizielle Förder-Mittel heranzukommen, ohne sich inhaltlich verbiegen zu müssen, wollen wir euch bitten, euch zu überlegen, dem Bildungskollektiv eine Spende zukommen zu lassen. Dabei sind Beträge in jeder Höhe willkommen. (mehr…)

Avantgarde

Von den anarchistischen Anfängen bis Dada
oder: wider eine begriffliche Beliebigkeit

Kurz vor dem Jahreswechsel ist ein weiterer Band der theorie.org-Reihe des Schmetterlingsverlags erschienen, der den schlichten Titel „Avantgarde“ trägt. Das Buch von Alexander Emanuely will einführen in die Geschichte derjenigen künstlerischen Bewegungen, welche die Institution der Kunst aus der Kunst heraus angreifen wollten, um die künstlerischen Tätigkeiten dem Vorhaben der Revolutionierung des ganzen Lebens zuzuführen. Mit der Avantgarde sollten der Fortschritt innerhalb der Kunst und der soziale Fortschritt keine getrennten Wege mehr gehen – was in der Konsequenz die Aufhebung der Trennung von Kunst und Leben, die Aufgabe der Kunst als spezialisierter Tätigkeit erforderte. Alexander Emanuely entwirft in seinem Buch nun keine Theorie der Avantgarde – die er streng auf Dadaismus, Surrealismus, Lettrismus und die Situationisten beschränkt wissen will – und auch keine Geschichte jener Bewegungen. Vielmehr spürt er untergründigen Verbindungen nach, die die Akteure der Avantgarde miteinander verband. Ein Beispiel:

Im Sommer 1898 schreibt Léon Blum in der Zeitschrift „Revue Blanche“ – herausgegeben von dem Anarchisten Félix Fénéon, den Emanuely als einen der wichtigsten Wegbereiter der Avantgarde einführt – eine heftige Anklage gegen die „abscheulichen Gesetze“. Diese Notstandsgesetze (ähnlich wie die preußischen Sozialistengesetze, bloß auf die Anarchisten bezogen) waren in Frankreich eingeführt worden, nachdem der Anarchist Auguste Vaillant eine Bombe in die französische Nationalversammlung geworfen hatte. Im Januar 1932 schreibt der Surrealist Louis Aragon ein Loblied auf die Rote Armee, in der er zur Erschießung einiger sozialdemokratischer Politiker aufruft – unter ihnen Léon Blum, der mittlerweile Vorsitzender der Sozialisten geworden ist. Dieses Gedicht hat zur Folge, dass die „abscheulichen Gesetze“ gegen Louis Aragon angewendet werden, der nur knapp fünf Jahren Haft entkommt. Kurze Zeit später schreibt Aragon – der mittlerweile zum sozialistischen Realismus konvertiert ist – einen Roman, indem er eine Schimpftirade auf jenen Auguste Vaillant loslässt, der damals die Bombe ins Pariser Parlament geworfen hatte. Er hätte der Arbeiterbewegung die „abscheulichen Gesetze“ eingebrockt und überhaupt würde Aragon sich nicht wundern, wenn so einer wie Vaillant in Wahrheit im Auftrag der Geheimpolizei gehandelt hätte. Agents Provocateurs und V-Männer hatte es in der anarchistischen Szene jener Zeit tatsächlich gegeben – unter ihnen Louis Andrieux, der uneheliche Vater von Louis Aragon.

Schon allein aus diesem einzelnen Ausschnitt wird deutlich, dass die Geschichte der Avantgarde aus einem Geflecht von Verbindungen und Schicksalen besteht, die kaum an der Oberfläche zutage liegen – und dass es sich um eine Geschichte handelt, die man kaum linear erzählen kann. Alexander Emanuely erzählt diese Geschichte, indem er sie durch zahlreiche Annekdoten einkreist – immer wieder ausschweift, um dann wieder zu zentralen Figuren der Avantgarde zurückzukehren. Trotz seines Annekdotenreichtums wirkt das Buch dennoch an keiner Stelle kalauerhaft. Die Ernsthaftigkeit der Bemühung geht an keiner Stelle verloren, stets hat man das Gefühl, Relevantes zu erfahren.

Besonders verdienstvoll an dem Buch ist, dass Emanuely einen großen Schwerpunkt auf die Verwurzelung der Avantgarde in der anarchistischen Bewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts legt, die in der etablierten Avantgarde-Forschung kaum eine Rolle spielt. Weiterhin widmet sich Emanuely Figuren, die für die Avantgarde zentral gewesen sind, die aber sonst eher als randständig wahrgenommen werden: neben dem oben bereits genannten Félix Fénéon etwa Alfred Jarry, Arthur Cravan, Jules Vallés, Guillaume Apollinaire und weitere. Wertvoll ist das Buch außerdem dahingehend, dass Emanuely aus zahlreichen bisher unübersetzten französisch-sprachigen Quellen zitiert, wofür er die entsprechenden Zitate jeweils selbst übersetzt hat.

Das Buch ist keine Theorie der Avantgarde und keine lineare Geschichte der Avantgarde. Es ist vielmehr eine Verortung, eine Geografie der Avantgarde, wie Emanuely im Nachwort selbst schreibt (und tatsächlich ließe sich anhand Emanuelys Buch eine Kartografie der Avantgarde anfertigen). Diejenigen, die sich bisher kaum mit dem Thema beschäftigt haben, mag es neugierig machen, um die Spuren weiter zu verfolgen, was sich hinter dem Versuch der Avantgarde verbarg – diejenigen, die sich bereits mit Avantgarde beschäftigt haben, erhalten ein verdichtetes Bild der untergründigen Verbindungen und Verstrickungen zwischen ihren Akteuren. Der vorliegende erste Band reicht von den anarchistischen Anfängen bis zum Dadaismus – noch im Frühjahr wird der zweite Band erscheinen, der dann den Surrealismus, den Lettrismus und die Situationisten behandeln wird.

 
Texte von Alexander Emanuely bei KSR:

Surrealismus und Revolution – Ein historisch-assoziativer Rückblick auf den Surrealismus mit einem Augenzwinkern als Ausblick (KSR#1)

Enjolras – oder die Attacken der Louise Michel (KSR#4)

 
Interview mit Alexander Emanuely (Radio Corax):

 
Weiteres Material zum Thema:

Thesen zur Avantgarde

Thesen zur Kunst

Alexander Emanuely: »Man reiche mir einen anderen Kosmos, oder ich krepiere!« Über Einstein, Surrealismus, Schreie und Cravan

Anselm Jappe: Waren die Situationisten die letzte Avantgarde?

Anselm Jappe: Sic transit gloria artis. Theorien über das Ende der Kunst bei Theodor W. Adorno und Guy Debord

Biene Baumeister Zwi Negator: Ihre eigene Situation ist paradox – Die Situationistische Internationale (1957 – 1972) und das Verschwinden von Kunst – Politik – Avantgarde (KSR#1)

Grand Salon Abgrund #2

Eine Feierlichkeit in Freiburg im Breisgau

Straight outta Kneipe zur trockenen Kehle laden wir zu abgründigem Kulturprogramm mit Abenteuer und Avantgarde: Erst Literatur, dann Punk, dann Feierei zu Elektronischem mit viel Bass. Genossen vom Großen Thier und von KSR sind am Programm beteiligt.

    Ort: White Rabbit Club Freiburg
    Zeit: 15.01.2015, ab 20:00 Uhr

DIE SCHALTTAFEL * Lesung, 20:00 Uhr

Wir wollen den Abend mit einer literarischen Lesung einleiten. Ihr hört die Erzählung „Die Schalttafel“ von Hans-Erich Nossack, die in dem 1956 erschienenen Roman „Spirale“ enthalten ist. Die Geschichte handelt von einer nächtlichen Begegnung zwischen zwei jungen Studenten. Der eine hat Schluss gemacht mit seinem bisherigen Leben – hat mit der Studentenverbindung gebrochen, das Studium hingeschmissen und geht fortan in einer Fabrik arbeiten. Der andere hat ein ausgeklügeltes System entwickelt, um die gesellschaftlichen Konventionen und die mit ihr verbundenen Sanktionen beherrschen zu können: die Schalttafel. Letztlich hat beide ein Missverständnis zusammengeführt – dieses eröffnet jedoch den Abgrund einer unbarmherzigen Reflexion. Hans-Erich Nossack erzählt in einer trockenen und dennoch sehr feinfühligen Sachlichkeit, die von phantastischen, fast wahnwitzigen Fäden durchzogen ist. Seine Texte gehören zu den faszinierendsten der Nachkriegsliteratur. Die Lesung wird vermutlich eine bis anderthalb Stunden dauern – danach kommen wir gern mit euch ins Gespräch.

GRODOCK / SCREENBEAST * Geräusch-Konzert, 22 Uhr

Lautkunst, Sprungszenen, Knatterkulissen, Ratterfragen: Ein geräuschhafter Dialog der Welten vermittelt durch selbstgebaute Instrumente, Rauschgeneratoren und Synthesizer. (Link | Link | Link)

TIL SCHWEIGER MUST DIE & DIE SKY DU MONTS * Punk, 23 Uhr

Endlich: Famoser Post-Oldschool-Punkrock mit Wave-Oi-Einflüssen. Aus stinkenden Kellern pünktlich zum Release ihrer ersten EP und direkt von der Welt-Tournee mit The Cure. Better be there before they become rich. (Link | Link)

KOMMANDO B.B.BERTA & GUESTS * Party Party, ab 24 Uhr

Subtile Erbauung für Körper, Geist und Seele mit Bassgewittern à la Baustelle zwischen Trap, Elektro und Techno. Später bleibt‘s treibend bis in die Morgenstunden, mehr wird noch nicht verraten.

Den ganzen Abend: Augenschmaus deluxe mit phantastischen Visuals von EINHELLESSCHWARZ. (Link)

Soeben erschienen: Der Widerspruch der Kunst

Soeben ist bei Frank & Timme ein Buch mit dem Titel »Der Widerspruch der Kunst« erschienen (herausgegeben von Alex Körner, Julian Kuppe und Michael Schüßler). Das Buch entstand aus einer Veranstaltungsreihe in Halle (Saale) und einige der AutorInnen sind auch aus den KSR-Veranstaltungen bekannt. Die Frage des Buches besteht im Allgemeinen darin, woran sich GesellschaftskritikerInnen in einer Epoche halten können, in der sich keine negative Kraft (zumindest nicht offen zutage liegend) daran macht, die verwesende Gesellschaft zum Besseren hin zu überwinden. Ob die Kunst den kritischen Intellektuellen einen Halt geben mag, bleibt dabei wohl offen. Zumindest spannen sich an dieser Frage – und entlang der Widersprüche der Kunst – einige historische Ausführungen und essayistische Gedankengänge auf, deren Lektüre wir hiermit empfehlen möchten.

Aus der Beschreibung des Verlags:

Ist Kunst von Gebrauchsprodukten, Kitsch und Reklame nicht mehr zu unterscheiden oder kann sie immer auch ein „Anderes“ gegenüber der Gesellschaft darstellen? Den Umgang mit den Widersprüchen, denen die Kunst unausweichlich ausgesetzt ist, untersuchen die elf Beiträge des vorliegenden Sammelbandes und geben dabei Auskunft über das Verhältnis von Kunst und Gesellschaftskritik in der Kulturindustrie.

Hörbarer Einblick ins Buch:

Inhaltsverzeichnis:

  • Julian KuppeSchein der Freiheit – Zum Verhältnis von Natur, Gesellschaft und Kunst
  • Mira BlauIch und Du – Der Pfad zwischen Erkenntnis und Wahn
  • Johannes RheinEgoismus und Kultur – Versuch über das Subjekt der Bücherverbrennung
  • Marc GrimmDas Kunstspiel mit Peitsche und Folter – Versuch über das Subjekt der Bücherverbrennung
  • Christoph HesseDynamit der Zehntelsekunden – Die Kontroverse über den Film zwischen Adorno und Benjamin
  • Anne HofmannDas Alte geht nicht und das Neue auch nicht – Ist das wirklich das letzte Wort im Film Domino von Thomas Brasch?
  • Hannes BodeNegation und Utopie
  • Lukas HolfeldHyperion und die Versteinerung der Revolutionäre
  • Michael SchüßlerLeiblichkeit, Sinnlichkeit und Nichtidentisches in der Kunst
  • Rüdiger DannemannWeltzugewandte Ästhetik als Kritik verdinglichter Lebensformen – Die späte Ästhetik Georg Lukács‘ und ihre Vorgeschichte
  • Roger BehrensDie Ästhetik des Widerstands – Anmerkungen zu Peter Weiss

Über den Aufstand der Verse und Meutereibestrebungen in der Musik

Vortrag und Tagesseminar in Halle a.d. Saale

Kunst, Spektakel und Revolution No.4
Heftvorstellung am 22.05.2015 – 18:00 Uhr

Ende des letzten Jahres ist die vierte Ausgabe der Broschüren-Reihe „Kunst, Spektakel & Revolution“ erschienen. Das Heft steht unter dem Titel „Die Verwirklichung der Poesie“ und enthält 14 Texte zur Dichtkunst des 19. Jahrhunderts und ihrem Verhältnis zur Revolution. Am Abend soll das Heft vorgestellt, ein Blick hineingeworfen und ein paar Worte zum Titel verloren werden.

Ein Riss ist in der Welt
Vortrag von Jörg Finkenberger – 19:00 Uhr

Was man moderne Kunst nennen kann, beginnt mit der Romantik und ist untrennbar mit der Geschichte der Revolution verbunden. Sie ist Teil und Ergebnis dieser Geschichte. Die Kunst der romantischen Avantgarden spiegelt das Scheitern aller bisherigen Revolutionsgeschichte; selbst wo, wie in Deutschland, Romantik und Revolution auseinanderfallen, verdankt die romantische Kunst der Revolution zuletzt die Energie ihres Antriebs; wo sie der gescheiterten Revolution treu bleibt, bezahlt die Avantgardekunst mit Einsamkeit und Marginalisierung. Die gewerbsmäßigen Deuter und Ideologen der Gegenrevolution haben leichtes Spiel mit dem zersprengten Heerhaufen, wenn dieser Antrieb und sein Schicksal unverstanden bleibt.

Dem versucht der Referent. entgegenzuwirken, indem er einigen Gedanken dieser Kunstavantgarden nachgeht, die sich von Schlegel und Hölderlin über Byron, Heine und Rimbaud bis zu Brecht nachweisen lassen: namentlich, wie der Titel des Vortrags andeutet, dem Gedanken eines Risses, der die Welt durchzieht. ­ „Die moderne Kunst ist so tot wie die Revolution, und bleibt lebendig nur in dem Sinne, dass sie uneingelöst geblieben ist; ansonsten ist sie Objekt der Betrachtung, von dessen Ausbeutung die Wissenschaft, das Kunsthandwerk und jede nur denkbare sonstige Ideologieproduktion leben können.“

Meutereibestrebungen in der Musik
Vortrag am 22.05.2015 – 20:00 Uhr

Über Geschmack läßt sich nicht streiten: Der eine hüpft halt lieber auf die Beatles der andere mag Trommel und Bass im primitiven Rythmus. Die eine mag den schrillen Klang von Dissonanzen, egal wie abgenutzt, die andere liebt einfache Dreiklangmelodien aus den 80ern, egal wie abgenutzt. Unterhaltungen über Musik sind folgerichtig unsinnig und noch schlimmer ist, wenn jemand versucht eine Platte zu rezensieren.

Der Vortrag soll dieser Auffassung entgegenwirken und bemüht dazu Arnold Schönberg. Es geht dabei um subjektive Möglichkeiten, durch Musik ansonsten verdrängte Regungen zu thematisieren und sei es nur die Ohren für einen Augenblick dazu zu verleiten, seltsame Dissonanzen zuzulassen, all die verdrängte Angst und das verdrängte Glück. Mehr noch wird es aber darum gehen, dass in der abendländischen Musik gesellschaftliche „Konflikte“ verhandelt werden, mit dem „Grundton als patriarchalichen Beherrscher“, „Diktator“ oder „Tyrann“, deren „Stellvertetern“ und „Satrapien“ und deren „Selbstständigkeitsgelüsten“ sowie überhaupt mit „Meuterreibestrebungen“ aller Nebenklänge. Allerdings auch meist mit der abschließenden Reaktion, bei der die „gewalttätige Natur der Emanzipationslüsternen“ durch mehr oder weniger grobe „Mittel“ gebändigt wird, „die der Hauptton aufzuwenden hat, sich seiner Herrschaft über sie zu bemächtigen“. Und so siegte bislang meist der Grundton. „Es kann aber auch anders kommen!“: Manchmal gelingt es nicht „die Neigungen der Nebenklänge zu unterdrücken“ und so „gelangt man leicht an jene Grenzen, wo die Anziehungskraft des Mittelpunktes schwächer ist, wo die Macht des Beherrschenden nachläßt und das Selbstbestimmungsrecht des Halbfreien unter gewissen Umständen Umwälzungen, Veränderungen in der Konstitution des ganzen Gebildes hervorrufen kann.“ Die nähere Betrachtung der Musik ergibt dann auch eine zunehmende Unterminierung der alten tonalen Welt des Grundtons und seines Systems, bis hin zu den ersten Versuchen in der ersten Hälfte des 20. Jhd. dieselbe wenigstens musikalisch zu überwinden. Danach brach diese objektive Musik weitgehend weg und machte der modernen Beliebigkeit und dem Geschmack platz.

Einführung in die abendländische Tonalität
Tagesseminar am 23.05.2015 – 12:00 Uhr

„Der Schüler lerne die Gesetze und Wirkungen der Tonalität so, als ob sie heute noch herrschend wären, aber er wisse von den Bewegungen, die zu ihrer Aufhebung führen. Er wisse, daß die Bedingungen zur Auflösung des Systems mitenthalten sind in den Bedingungen durch die es begründet ist.“ (Schönberg) Das Tagesseminar soll in diesem Sinne eine Einführung in die Tonalität versuchen. Dasselbe mit Unterstützung eines Klaviers und anhand von elementaren Begriffen, wie Tonleiter und deren Akkorde, Konsonanz und Dissonanz, Kadenz und Modulation. Allerdings eher improvisiert.

    Ort:
    Neues Format
    Geiststraße 42
    Halle a. d. Saale

Kunst, Spektakel & Revolution
Das Grosse Thier

Geigen in der Luft. Halle bleibt zart!

KSR #4 Heftvorstellung in Berlin

Lesung mit Autoren von ›Kunst, Spektakel & Revolution – 12.03.2015 – Laidak

    Ort: Laidak (Boddinstraße 42, Neukölln)
    Beginn: 19:30 Uhr

Ende des letzten Jahres ist die vierte Ausgabe der Broschüren-Reihe Kunst, Spektakel & Revolution erschienen. Sie basiert auf der gleichnamigen Vortragsreihe, die seit 2009 in der Weimarer ACC Galerie stattfindet. Die neue Ausgabe steht unter dem Titel „Die Verwirklichung der Poesie“ und enthält 14 Texte zur Dichtung des 19. Jahrhunderts und ihrem Verhältnis zur Revolution.

Am 12.03.2015 werden KSR-Autoren im Laidak eine Lesung veranstalten. Zu hören sein werden Fragmente der Revolutions-Poesie des 19. Jahrhunderts, die so lange weiter herumspuken werden, bis Ausbeutung und Unglück ein Ende gemacht wurde. Beim Spuk dabei sind Charles Baudelaire, Auguste Blanqui, Heinrich Heine und Andere.

›Verschiebung‹ No.1 ist erschienen

Verschiebung. Broschüre zum Verhältnis von Kunst und Gesellschaft #1

Am 21.02.2015 ist unter dem Titel »Verschiebungen« ein Magazin erschienen, das unter folgender Adresse bestellt werden kann: lamerde@gmx.de – die Kosten betragen 8,- € pro Exemplar. Neben einigen essayistischen Reflexionen zum Verhältnis von Kunst und Gesellschaft enthält das Magazin Gedichte und Prosa-Texte sowie zahlreiche Photografien, Zeichnungen, Gemälde und eine Musik-CD. Das Magazin will über die Untersuchung ästhetischer Objektivationen Rückschlüsse auf den derzeitigen Entwicklungsgang der Gesellschaft ziehen und fragt nach den Möglichkeiten ihrer revolutionären Überwindung. Untenstehend könnt ihr das Inhaltsverzeichnis sowie das Editorial einsehen.

Inhalt

  • Editorial
  • Lukas HolfeldEs rette uns die Kunst? Anmerkungen zu einer Kritik der Ästhetik
  • Xuehka – Zeichnungen I
  • Lena HaubnerAnfangsgründe einer wechselseitigen Erhellung von Schrift und Kultur, Teil 1: 15. & 16. Jahrhundert
  • Lea Hopp – Bildserie I
  • Pilli Mandel – #1
  • Martin KrempelDie enigmatische Sprache der Kunst: Becketts Roman ›Der Namenlose‹ mit Adorno gelesen
  • Lea Hopp – Bildserie 2
  • Stanley Schmidt / Evelyne Laube – Hitlermorphose / ›Hitlerkäfer‹
  • Lena HaubnerLeid ästhetisch beredt werden lassen? Die Problematik der künstlerischen Darstellung von Leid bei Schönberg, Spielberg und Nachtwey
  • Daniel Homann – Le Havre
  • Xuehka – Zeichnungen 2
  • Pilli Mandel – #2
  • Maximilian Koch / Tina FerusFreuds Traumdeutung: Eine Erinnerung / Foto
  • Manuel Stallbaumer – Gedichte
  • Thomas Zimmermann / a.w.Apparate infrage stellen, andere Praktiken entwickeln, Verhältnisse neu gestalten / Zeichnungen
  • Torsten CremerHinter den Kulissen einer Zuckerbäckerstadt. Über einen Fall von Polizeigewalt in Weimar
  • Maximilian Koch – o.T.
  • Songs for Pneumonia – Interview von Teufelweich Schriebsie & CD

Editorial
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Verschiebung. Broschüre zum Verhältnis von Kunst und Gesellschaft #1

Release

    21.02.2015 – 19:00 Uhr, Lützner Straße 30, Leipzig

Am 21.02. tritt in Leipzig ein neues Magazin in die Öffentlichkeit. Es trägt den Titel „Verschiebungen“ und enthält neben einigen theoretisch-essayistischen Überlegungen zur Kunst auch literarische Texte, Gedichte, Fotografien und Zeichnungen. Auch eine exklusive Musik-Veröffentlichung nebst Interview zu selbiger ist darin enthalten. Ein ambitionierter Versuch, eine gesellschaftskritische Reflexion auf mehreren Ebenen anzustoßen.

Ausgang dieser Untersuchung ist, dass Kunst einerseits als Ware im Zeitalter der Kulturindustrie in Komplizenschaft mit den herrschenden Verhältnissen tritt, und zugleich als verkehrter und gebrochener Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse eine Lücke aufweist, in der verschüttete Potenziale und versagte Bedürfnisse ihren Ausdruck finden. In diesen Verschiebungen stehen der veränderte Status der Kunst und die Konstitution der Individuen in der Postmoderne, welche Kunst schaffen oder rezipieren, im Mittelpunkt. Beides bedarf einer genaueren Betrachtung, um zum einen feststellen zu können, welche gesellschaftlichen Antagonismen diese prägen und durchziehen, und zum anderen Rückschlüsse auf den derzeitigen Entwicklungsstand der Gesellschaft ziehen zu können, welche eine revolutionäre Praxis wieder in den Raum stellt und ermöglichen könnte.

Abendprogramm:

Lilli Helmbold (Hg.) stellt das Magazin vor und verliest das Editorial.

Lukas Holfeld referiert einige Thesen: Jede Ästhetik (und insbesondere die bürgerliche) ist mit der Frage nach einer besseren Einrichtung der Welt verbunden. Die Kunst konnte nur deshalb zu einer autonomen Sphäre innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft werden, weil die bürgerliche Klasse den Anspruch auf eine allgemein-menschliche Emanzipation verraten und stattdessen eine Herrschaft neuen Typs errichtet hat. Die Avantgarde-Bewegungen haben versucht den Widerspruch zwischen heroischer Kunst und unheroischer Wirklichkeit freizulegen und seine Sprengkraft zu entfalten. Ihr Vorhaben der Aufhebung der Kunst ist gescheitert, die Zerstörung der Grenze von Kunst und Alltagsleben hat sich in der Kulturindustrie jedoch mit negativem Vorzeichen verwirklicht. Zu diesem Komplex sollen einige Thesen vorgetragen werden.

Lena Haubner verliest einen Text, den sie zum Magazin beigesteuert hat: Der Fotograf James Nachtwey ist weltweit bekannt für seine Bilder aus Krisengebieten, in denen er die Auswirkungen von Krieg und Armut dokumentiert. Neben der Brisanz der erschütternden Abbildungen zeichnen sich seine Bilder dabei durch ein Höchstmaß an künstlerischer Präzision und Handfertigkeit aus. Bedeutet dieser Vorgang nicht letztendlich, das Leid anderer zu ästhetisieren? Die Darstellung menschlichen Leids in der Kunst stellt ein grundlegendes moralisches Problem der Moderne dar. Kann das Grausame mittels der Kunst angemessen dargestellt werden? Wird dabei nicht zwangsläufig die Würde der Opfer verletzt? Dürfen Bilder, die Schreckliches zeigen, schön sein? Und was bedeutet „angemessen“ in diesem Kontext überhaupt? Lena unternimmt in ihrem Text den Versuch, anhand von Beispielen von James Nachtwey, Arnold Schönberg und Steven Spielberg, einen Umgang für die Problematik der künstlerischen Darstellung von Leid zu finden – falls es einen solche überhaupt geben kann.

■ Die Band Songs for Pneumonia spielt eine Session – zu erwarten sind elektroakustische Klänge zwischen Noise, Sound, Jazz und Ambient.

■ DJ snazzy.grrrlzz legt Female Rap auf.

■ Zu sehen sein wird eine Ausstellung mit Fotografien von Lea Hopp und Helene Tornau sowie Gemälden von Maximilian Koch, die alle drei Illustrationen zum Magazin beigesteuert haben.

KSR No.4 ist erschienen

Am 30.10.2014 ist die vierte Ausgabe der KSR-Broschur erschienen. Das Heft steht unter dem Titel »Die Verwirklichung der Poesie«, es dokumentiert den vierten Themenblock der KSR-Reihe und enthält 14 Texte zur Dichtung des 19. Jahrhunderts und ihrem Verhältnis zur Revolution. Das Inhaltsverzeichnis und mehrere Leseproben findet ihr hier. Das Heft kann über das Kontaktformular bestellt werden. Wir danken Allen, die an der Entstehung der Broschüre beteiligt waren und freuen uns auf Heftvorstellungen in Leipzig, Hamburg, Berlin …

Wir freuen uns über jede Erwähnung, Besprechung oder Bewerbung der Broschüre. Falls ihr in einer Zeitschriftenredaktion arbeitet, eine Schülerzeitung herausgebt, ein Fanzine macht oder einen Blog betreibt, könnt ihr diese Banner platzieren: Banner s/w Druck | Banner sepia Druck | Banner türkis Druck | Banner sw Web | Banner sepia Web | Banner türkis Web

KUNST, SPEKTAKEL & REVOLUTION No.4


RELEASE am 30.10.2014

ACC Galerie Weimar
20:00 Uhr

Die Veranstaltungsreihe Kunst, Spektakel & Revolution findet seit 2009 in der ACC Galerie Weimar statt. Es geht um die Erforschung des künstlerischen Sektors in gesellschaftskritischer (wenn möglich revolutionärer) Absicht. Parallel zur Reihe sind bisher drei Broschüren erschienen, die die hier diskutierten Themen (Werke, Personen, Epochen, Ästhetiken) in schriftlicher Form dokumentierten. Wir freuen uns, verkünden zu können, dass nun die vierte Ausgabe der Publikationsreihe Kunst, Spektakel & Revolution erscheint.

Die vierte Ausgabe dokumentiert den Veranstaltungsblock, der im Sommer 2012 unter dem Titel »Die Verwirklichung der Poesie« stattgefunden hat. Thema ist das Verhältnis von Poesie und Revolution – revolutionäre Poesie, Poetik der Revolution – im Laufe des 19. Jahrhunderts. Die beiden Wegmarken bilden dabei die Französische Revolution von 1789ff und den Aufstand der Pariser Commune von 1871. Jene Revolution und dieser Revolutionsversuch haben bestimmt, was in dieser Epoche möglich war, haben eröffnet, was künftig möglich sein würde und hinterlassen ein Erbe, das noch zu rächen sein wird – auch im Bereich der künstlerischen Produktion. Besprochen werden im Heft u.a.: Friedrich Hölderlin, Heinrich Heine, Rahel Varnhagen, Comte de Lautréamont, Arthur Rimbaud, Baudelaire und Blanqui, Richard Wagner, Louise Michel und die Frauen der Pariser Commune.

Am 30.10.2014 wird das Heft in der ACC Galerie vorgestellt und wird erstmals erhältlich sein. Außerdem stellt Clemens Bach die Thesen seines Textbeitrags über die Romane von Joris-Karl Huysman und Comte de Lautréamont vor. In Huysmans‘ Roman »Gegen den Strich« und Lautréamonts »Gesängen des Maldoror« spürt er einen negativen Kern pädagogischer Prozesse auf und stößt dabei auf die Grenzen, die der Leib dem pädagogischen Zugriff setzt und dabei ein fiebriges Erschaudern vor dem gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft hervorruft. Passagen aus beiden Romanen werden leserisch vorgetragen. Anschließend erwartet die BesucherInnen ein Jam des elektro-akustischen Ensembles »Pneumonia« in den Räumen der ACC Galerie.

»Ein eigenes Zimmer hab‘ ich schon«

Teil 3 – Mythos und Naturbeherrschung: von der Kunst, den Künstlerinnen und dem Geschlecht

Workshop, initiiert von KSR, zusammen mit Karina Korecky, Irene Lehmann und Marlene Pardeller21.-23.11.2014, Berlin

    Beginn am Fr, 21.11. 18 Uhr
    Ende am So, 23.11. ca. 16 Uhr
    Ort: filmArche Berlin, Görlitzer Str. 42, 10997 Berlin

Weiblichkeit und Kunst stehen in einem widersprüchlichen Verhältnis. Die Schöpferinnen künstlerischer Werke sehen sich nicht nur mit strukturellen Ungleichheiten am Kunstmarkt konfrontiert, mit niedrigeren Honoraren und kleineren Ausstellungsflächen, sondern vor allem mit (Selbst-)Zweifeln an ihren produktiven Kräften. Das überrascht zunächst, weil gerade Kunst gemeinhin als das Andere zur Ratio begriffen wird, als „ewige Naturanlage des Spieltriebs“, wie Adorno die herrschende Ideologie wiedergibt, und deswegen enger mit Weiblichkeit verknüpft wird als Wissenschaft oder Politik. Dennoch zeigt sich die Kunst den Frauen gegenüber ähnlich sperrig wie andere Bereiche: Insbesondere die Fähigkeit zur Entwicklung einer eigenen Formensprache wird Frauen abgesprochen – unabhängig davon, wie viele Werke von Künstlerinnen als Gegenbeweis angeführt werden können. In unserem mittlerweile dreieinhalbteiligen Workshop fragen wir, warum das so ist, wie Künstlerinnen mit diesen Hindernissen umgehen und wie sich dies in ihren Werken niederschlägt.

Im ersten Teil ging es um die geschlechtliche Konnotation der Kunst als solcher und was daraus für Künstlerinnen folgt. Die Kunst ist und erscheint autonom, losgelöst von Gesellschaft oder Geschlecht, aber in ihrem konkreten Erscheinen, sei es im Kunstwerk oder den Institutionen, wiederholt sich das Geschlechterverhältnis. Das autonome Genie wie die avantgardistische Künstlergruppe gleichermaßen haben die Abspaltung des Weiblichen zur Voraussetzung, die immer wieder neu stattfindet. Im eigenen Zimmer (Virginia Woolf) entdeckten wir: Jede muss immer wieder von vorn anfangen, es gibt keinen Fortschritt, in den wir uns selbstverständlich einfügen können (Geological Turn).

Im zweiten Teil diskutierten wir die Natur des Genies und sein Schicksal durch die Dialektik der Aufklärung – von Kant bis Otto Weininger – hindurch. Wir untersuchten das Verhältnis von Geist und Natur in der Kunstproduktion, das dem männlichen Subjekt vorbehalten ist, und seine Veränderungen. In der Literatur von Marina Zwetajewa, Djuna Barnes und Ingeborg Bachmann zeigt sich, was passiert, wenn Autorinnen die gleiche schöpferische Kraft für sich in Anspruch nehmen. In der Performance-Kunst zeigen Carolee Schneemann, Yvonne Rainer und Eva Hesse welche Provokation es bedeutet, den eigenen Körper zum Objekt der Kunst zu machen und damit zu versuchen, über ihr eigenes Bild und die Art des Betrachtetwerdens selbst zu bestimmen.

Die Verknüpfung von Weiblichkeit mit Natur als Grund und Quelle der inferioren gesellschaftlichen Position der Frauen zu identifizieren, gehört zu den grundlegenden Übungen feministischer Kritik. Bei der Analyse des Genies zeigte sich jedoch, dass auch die Natur, produktiv gemacht für die Schöpfung, gewissermaßen auf Seiten des Mannes liegt und die Frau davon ausgeschlossen ist. Wenn die Weiblichkeit aus allem herausfällt, weder Geist noch Natur, weder Künstlergenie noch Kunstexperte, weder Subjekt noch Objekt bedeutet, wie lässt sich ihre Position dann beschreiben? – Im dritten Teil unseres Seminars gehen wir von der Ähnlichkeit von Weiblichkeit und Kunst aus, den beiden „gesellschaftlichen Naturschutzparks der Irrationalität“ (Adorno). Nichts scheint entfernter von der aktiven Beherrschung äußerer und innerer Natur als Weiblichkeit und Kunst, trotzdem müssen auch Frauen aktiv tätig sein (in der Beherrschung ihres Körpers wie am Arbeitsplatz), den aktiven Prozess aber virtuos hinter den Resultaten verschwinden lassen. Mit dem schönen ewigen Weiblichen und dem unvergänglichen Kunstwerk wird ein mythisches Bild erzeugt, das Trost spenden und erhebende Gefühle produzieren soll. Wie Naturbeherrschung in Mythos umschlägt, und Aufklärung den Regentanz am Leben hält, wiederholt und verschleiert Kunst nicht nur die vermeintlich mythischen gesellschaftliche Phänomene, sondern kann auch eine besondere Erkenntnisform darstellen, sie zu entziffern.

Wir werden wieder keine fertigen Ergebnisse präsentieren, sondern wollen mit euch mithilfe von Impulsreferaten, Textlektüre und Diskussion eine erneute Schleife um die ewig gleichen Fragen drehen. Ein Reader mit Texten wird nach der Anmeldung zugesandt. Wir freuen uns auf euch!

Löwe im Bonsaiwald

(Löwe im Bonsaiwald, Cosima von Bonin)


Workshop-Programm

Fr, 21. November, 18 Uhr
Rückblick auf Teile 1+2 und Einleitung, Abendprogramm

Sa, 22. November, vormittags
Antigone has no story – Mythen des Subjekts und Weiblichkeit als Mythos (Karina Korecky)

Die Aufklärung hat mit den Mythen aufgeräumt, gegen Glauben und Aberglauben Vernunft und Wissenschaft gesetzt, die Mythen als Projektionen des Subjekts entlarvt. Dem universellen Geist gegenüber reduzierten und verallgemeinerten sich die einzelnen griechischen oder biblischen, indischen und sonstigen Legenden, Sagen um Stämme, Götter, Kulte und Kriege zu dem Mythos. Aus den spezifischen Überlieferungen wurde die Markierung der Grenze begrifflicher Kategorien, aus den Erzählungen ein Akt, aus den Geschichten ein Vorgang. Dabei produzierte und produziert die Genese des universellen Geistes einen neuen Mythos, den die Aufklärung nicht als solchen erkennen wollte: die Weiblichkeit. Ihre scheinbare Geschichtslosigkeit wurde der wahre Mythos bürgerlicher Gesellschaft, nicht die Odyssee oder der Exodus. Das ausgehende 20. Jahrhundert hat die gesellschaftliche Konstruktion der Geschlechterdifferenz wahrgenommen, aber die Reproduktion des Mythos Weiblichkeit setzt sich dennoch unbeeindruckt fort.

Wie stellt sich also der Mythos her? Der Gedanke der Kritischen Theorie eines Umschlags von Mythos in Naturbeherrschung und Naturbeherrschung in Mythos, einer Reproduktion des Mythos im bürgerlichen Handgemenge, lässt sich subjektkritisch-feministisch pointieren: Wie produziert der Werdegang des naturbeherrschenden Subjekts die Weiblichkeit? Können dadurch vielleicht auch die Stoffe der Mythen und ihre Bedeutung im bürgerlichen Denken, interpretiert werden?

Sa., 22. November, nachmittags
„Shout, Sister, Shout!“: The „Godmother of Rock’n’Roll“ und „MagnifiCathy“ – Sirenengesang, Improvisation und Stimmartistik (Irene Lehmann)

Wie an der Performancekunst im letzten Seminar deutlich wurde, erfährt das körperliche Moment der Kunst seit den 1960er Jahren größere Aufmerksamkeit. Besonders die Stimme erscheint als ideale Verbindung körperlicher und geistiger Momente. Sie ist zugleich ein Aspekt, der für die Zuweisung von Geschlechtsidentitäten von größter Bedeutung ist. Wenn so unterschiedliche Künstlerinnen wie Rosetta Tharpe und Cathy Berberian singen, kündigen sie die ihnen zugewiesenen Rollen als Frauen und Künstlerinnen auf. Improvisation und die avantgardistische Verwendung aus der Kunst ausgeschlossener Laute führen in die Spannung zwischen Notation und Gesang, zwischen (scheinbar) Unveränderlichem und Flüchtigen, zwischen Konstruktion und Ausdruck und weist auf die Zwischenstellung der Kunst zwischen Mythos und Naturbeherrschung.

Die dialektische Beziehung von mimetischem Impuls und Form ist einer der zentralen Ausgangspunkte von Adornos Ästhetischer Theorie, die zugleich ins Zentrum der Dialektik der Aufklärung führt. Sich mimetisch an das Objekt angleichen und es so zum Ausdruck zu bringen, ist eine Praxis aus den animistischen Tagen der Menschheit, die in der Kunst eingekapselt bleibt, und sie vom begrifflichen Denken unterscheidet. Anhand der Auseinandersetzung mit ästhetischer Praxis und ihrer Theorie werden wir erforschen, wie sich aus dem Zentrum der in der Dialektik der Aufklärung verankerten ästhetischen Kategorien heraus eine besondere Perspektive der Kunst über das Geschlechterverhältnis der bürgerlichen Gesellschaft konstruieren lässt und was diese zu Tage fördern mag.

So., 23. November, vormittags
Die Kugel im Herzen. Jägerinnen zu Zeiten des Kommunismus (Marlene Pardeller)

Als bei Djuna Barnes in Nightwood (1936) die Löwen erstarrten, in Paris, konnten keine Kunststücke mehr mit ihnen vollführt werden wie Virginia Woolf es noch geraten hat (On being ill, 1926), sondern sie versteinerten. Thronen stumm und starrend vor dem Hauseingang des Geliebten in Ingeborg Bachmanns Malina (1971).

Scheinbar verschwunden, werden die Löwen, Ausdruck für den verinnerlichten männlichen Willen, zu Fleisch bei Claire Legendre (Viande, 2001), tauchen als Mischwesen zwischen Vogel und Löwe – distanzlos als Sphinx – auf, die die Protagonistin selbst ist.

Silvia Avallone (Acciaio, 2010) und Lisa Kränzler (Nachhinein, 2013) kennen gar keinen Löwen mehr, aber Arbeiterinnenkinder und kommunistische Mütter bevölkern die Zeilen, Wünsche und Ziele der Protagonistinnen werden formuliert. Entlang der Schriftstellerinnen aus und nach der Oktoberrevolution wollen wir herausfinden, was mit den Löwen im Kommunismus passierte. Alexandra Kollontai (Liebe drei Generationen, aus der Oktoberrevolution heraus), Jelena Guro (So ist das Leben, vor der Oktoberrevolution) und Nina Berberova (Eine ganz normale Woche, nach der Oktoberrevolution) sind keine Löwendompteusen mehr sondern Jägerinnen.

Welche Schwierigkeiten und Fragen tauchen da auf, wo die Frau ein freier Mann, nein, Mensch werden soll? Und
werden wir nie wieder mit Löwen spielen können?

  • wir bitten um eine Anmeldung über das Kontaktformulardie Anmeldeliste ist jetzt geschlossen
  • ein Reader mit Texten wird nach Anmeldung zugesandt
  • falls ihr einen Übernachtungsplatz in Berlin braucht, könnt ihr uns gern kontaktieren

KSR #4 – Heftvorstellung in Leipzig

Vorstellung der neuen Ausgabe (#4) – 11.12.2014 – IfZ
Eine Veranstaltung von BiKo, EnWi und KREV

    Ort: Institut für Zukunft (Kohlrabizirkus / An den Tierkliniken)
    Beginn: 20:00 Uhr
    Eintritt: 3 €

Im Oktober 2014 ist die vierte Ausgabe der Broschüren­-Reihe Kunst, Spektakel & Revolution erschienen. Sie basiert auf der gleichnamigen Vortragsreihe, die seit 2009 in der Weimarer ACC Galerie stattfindet. Die neue Ausgabe steht unter dem Titel „Die Verwirklichung der Poesie“ und enthält 14 Texte zur Dichtung des 19. Jahrhunderts und ihrem Verhältnis zur Revolution.

Das Heft wird an diesem Abend im Gespräch vorgestellt. Im Anschluss referiert Sebastian Tränkle (Co-Autor des Buches „Gewalt und Moral“), passend zum Thema der Broschur, über Georg Büchner und dessen Bearbeitung des Problemkomplexes von Moral und revolutionärer Gewalt.

Mit einer Live­Session von Songs for Pneumonia (Ambient/Jazz/Noise/Elektronik, Weimar) und DJ Sets von FAQ und Stanley Schmidt wird das Erscheinen der neuen Ausgabe danach gefeiert.

Vortragsankündigung:

»Der Despotismus der Freiheit«. Über revolutionäre Moral und das Glück des Einzelnen in Georg Büchners Dantons Tod.

Vortrag von Sebastian Tränkle

In Georg Büchners Dantons Tod (1835) wird ein zentrales Problem aller revolutionären Politik dramatisiert: Der Konflikt zwischen der ihr zugrunde liegenden Moral und dem Glücksstreben der einzelnen Individuen. Büchners Drama – in der Sprache so unerhört modern, dass man bisweilen meinen möchte, es nehme Brecht vorweg – seziert in geradezu ideologiekritischer Manier die jakobinischen Moralvorstellungen und ihren blutigen Konsequenzen. Aus der historischen Rückschau lässt das zur terroristischen Endzeit der Französischen Revolution situierte Stück gar Fluchtlinien hin zum Großen Terror des Stalinismus erkennen. Vor dem Hintergrund der beiden historischen Erfahrungen wird die Fragwürdigkeit eines jeden Ansatzes zu einer politischen Ethik deutlich. Mit einem Seitenblick auf Oscar Wilde soll ihr schließlich eine materialistische Absage erteilt werden: Dort wo nur für »die Sache« gekämpft wird, statt für das eigene Glück ist die Revolution schon an den Revolutionären gescheitert – oder zeitgemäßer formuliert: führt sich jeder Versuch zur Befreiung selbst ad absurdum.

Von Sebastian Tränkle ist jüngst ein Aufsatz zum Thema erschienen: »Polizeisoldat des Himmels. Über revolutionäre Moral und die Negation des individuellen Glücksanspruchs«, in: Hendrik Wallt (Hg.), Gewalt und Moral. Eine Diskussion der Dialektik der Befreiung, Münster: Unrast 2014. Der Vortrag möchte mit dem Essay auch das Buch vorstellen. Sebastian Tränkle ist als freier Autor tätig und lebt in Berlin.

LESUNG: FRANZ JUNG

18.09.2014 – „LADEN“ T5 (Trierer Straße 5, Weimar), 20:00 Uhr

Es lesen Agenten des Bureaus für mentale Randale & friends aus der Autobiografie des Linkskommunisten, Expressionisten und Abenteurers Franz Jung. Das Publikum erwartet einige Perioden aus dem Flug des Torpedokäfers:

»Ich habe den Flug unzählige Male in mir selber erlebt, bei Tag und bei Nacht. Das Ende ist immer das gleiche gewesen: Anprall, Sturz, Kriechen am Boden, sich zurückbewegen zum Ausgangspunkt, zum Startplatz — mit Mühe und jedesmal unter größeren Anstrengungen. / Die Wand, gegen die der Käfer anfliegt ist solide gebaut. Generationen von Menschheit stehen dahinter. Möglicherweise ist die schmale Öffnung, die angepeilt wird und die noch von Zeit zu Zeit aufleuchtet, vorher wie nachher, nur ein Trugbild und sie besteht in Wirklichkeit nicht. In der Folge von Generationen wird sie erst geschaffen, in Opfern herausgemeißelt und aufgesprengt werden. / Es ist nicht die Frage der Zweckmäßigkeit, der besseren Vorbereitung, der Erfahrung, aus der etwas zu lernen wäre — es ist das Ziel, und das Ziel wird immer das gleiche sein: nichts zu verbessern, nichts zu lernen.«

Anarchie & Kunst

Von der Pariser Kommune bis zum Fall der Berliner Mauer

Action Painting

Buchvorstellung und Vortrag mit Allan Antliff und Katja Cronauer – Di. 17.06.2014 – 20:00 Uhr – Der Laden (Trierer Str. 5), Weimar

    Allan Antliff – Anarchist, Kunsthistoriker, -kritiker und Professor für Moderne und Zeitgenössische Kunst in Kanada – und Katja Cronauer – Übersetzerin – trafen sich vor Kurzem zum ersten Mal in Persona und beschlossen spontan eine Lesereise zu starten.

Allan Antliff stellt sein bei Edition AV erschienenes Buch Anarchie und Kunst – Von der Pariser Kommune bis zum Fall der Berliner Mauer vor. Es beginnt mit Courbet, Proudhon und der Pariser Kommune und handelt von anarchistischer Kunst seit dem 19. Jahrhundert und ihrer Wechselwirkung auf gesellschaftlichen Wandel anhand bedeutender geschichtlicher Ereignisse, vor allem in Europa, Russland und den USA. Unter Bezugnahme auf die philosophischen und politischen Diskurse der jeweiligen Epoche, wird untersucht, wie sich anarchistische Künstler*innen (Maler*innen, Dichter*innen, Grafiker*innen, Musiker*innen, Kunsthistoriker*innen, u.a.) mit einer Reihe von Themen wie Ästhetik, Militarismus, der ökologischen Krise, Staatsautoritarismus, Armut, Antiimperialismus und Feminismus beschäftigt haben. Der Vortrag wird auf Englisch und Deutsch gehalten.

Link zum Buch

Kritik der Kunst – Ästhetik & Gesellschaftskritik

Buchpräsentation »Das Versprechen der Kunst«

Diskussion mit Marcus Quent – Do. 03.07.2014 – ACC – 20:00 Uhr

Was verbindet das philosophische Nachdenken über Kunst mit einer Kritik der Gesellschaft – und kann eine kritische Ästhetik noch heute ein „Instrumentarium“ bereit stellen, um die Gegenwart von Kunst und Gesellschaft zu fassen?

Lukas Holfeld (Mitglied des Bildungskollektivs, Kunst Spektakel Revolution) diskutiert mit dem Herausgeber Marcus Quent (Engagierte Wissenschaft e.V.)

* * *

Die 1970 veröffentlichte Ästhetische Theorie ist ein Fragment gebliebenes Textgefüge, in dem Theodor W. Adorno wesentliche Gedanken in einer Verflechtung von Kunst, Philosophie und Gesellschaft entfaltet. In dem neu erschienen Buch „Das Versprechen der Kunst“ (Turia + Kant, 2014) fragen Autorinnen und Autoren aus den Bereichen Philosophie, Politischer Theorie sowie der Kunst-, Literatur- und Musikwissenschaft nach der Aktualität von Adornos ästhetischer Theorie.

Anlässlich der Veröffentlichung des Sammelbandes veranstaltet die AG Ästhetische Theorie (Engagierte Wissenschaft e.V.) im Juni und Juli zwei weitere Buchpräsentationen in München und Weimar. Zu Gesprächen und Diskussionen sind Autorinnen und Autoren des Bandes, eingeladen um mit den Herausgebern exemplarisch über die Aktualität von Adornos ästhetischer Theorie zu diskutieren.

* * *

mehr Infos:

Engagierte Wissenschaft / AG Ästhetische Theorie
Das Versprechen der Kunst (Turia + Kant)

Vorschau auf KSR-Broschur No.4

Vorschau auf das vorläufige Inhaltsverzeichnis:

  • Jörg Finkenberger – Ein Riss ist in der Welt
  • Daniela MüllerDie Geister der Vergangenheit im Dienste der Revolution – Über die Französische Revolution und die Zitation der Antike
  • Nikolaj BersarinFriedrich Hölderlin und das Werden im Vergehen – Hölderlin in der geschichtsphilosophischen Perspektive
    von Georg Lukács und Theodor W. Adorno
  • Klaus BrieglebAn den Absender zurück – Heinrich Heine an Walter Benjamin
  • Patricia KotzauerTexte keiner Autorin – Rahel Varnhagen und der Brief als Proberaum jüdisch-weiblichen Schreibens um 1800
  • Clemens BachAuguste Langlois schäumt nicht im Tuileriengarten – Joris-Karl Huysmans und Lautréamonts literarische Entwürfe einer negativen Pädagogik
  • Helmut Dahmer – »In der Hölle kann man nicht dichten« – Anmerkungen zu Arthur Rimbaud
  • Jan SieberAllegorie und Revolte bei Baudelaire und Blanqui – Walter Benjamins Zeugen der Geschichte des 19. Jahrhunderts
  • Franz Hahn – Wagner oder das Scheitern der Kunst sowie deren Aufhebung
  • Alexander EmanuelyEnjolras – oder die Attacken der Louise Michel
  • Lukas Holfeld – »Das Spiel mit den Waffen« – Über die Pariser Kommune von 1871
  • Antje Schrupp – »Pour la libération de la femme« – Über die Frauen der Pariser Kommune
  • Roger Behrens – Der Traumschlaf einer Epoche
  • Marlene PardellerGeological Turn: Virginia Woolf und die Dinosaurier

➳ Veröffentlichung im Sommer Herbst 2014

Bilder-Schau zum Vortrag »Last Exit: Depression!?«

Katharina Zimmerhackl – Last Exit: Depression!?

Ein Ver­such über De­pres­si­on und ihre ge­sell­schaft­li­che Funk­ti­on zu spre­chen – Vortrag von Katharina Zimmerhackl am 14.11.2013

1. The Anatomy of Melancholie – Titelbild des gleichnamigen Buches von Robert Burton (ca. 1638)

Robert Burton: The Anatomy of Melancholy

2. Jacques de Gheyn: Saturn as Melancholy (1595/6)

Jacques de Gheyn: Saturn as Melancholy

3. Giovanni Stradano: Der fünfte Höllenkreis, die Zornigen und die der Acedia Verfallenen

Giovanni Stradano: Der fünfte Höllenkreis

4. Pieter Bruegel d.Ä.: Desidia (Die Trägheit) (1557)

Pieter Bruegel: Desidia

5. Albrecht Dürer: Melancholia (ca. 1514)

Albrecht Dürer: Melancholia

6. Lucas Cranach d.Ä.: Die Melancholie (1532)

Lucas Cranach: Die Melancholie

7. Caspar David Friedrich: Mönch am Meer (1808/1810)

Caspar David Friedrich: Mönch am Meer

8. William Blake: Nebuchadnezzar (1795/1805)

William Blake: Nebuchadnezzar

9. Francisco de Goya: Saturn, einen seiner Söhne verschlingend (1821-1825)

Francisco de Goya: Saturn

10. Otto Dix: Melancholie (1930)

Otto Dix: Melancholie

Von der Grundfarbe Schwarz

Negative Ästhetik oder verhüllte Utopie in der Kunsttheorie Adornos

Vortrag von Bersarin – Do. 07.11.2013 – ACC – 20:00 Uhr

Alle gelungene Kunst der Nachkriegsmoderne sei von der Grundfarbe schwarz, so formulierte es Adorno an einer Stelle seiner »Ästhetischen Theorie«. Um überhaupt noch als Kunst, die Ausdruck ihrer Verhältnisse sein möchte, bestehen zu können, muss sich Kunst verschließen. Schärfer und paradigmatischer als Adorno es in diesen Worten vom Ideal des Schwarzen fasste, lassen sich eine Ästhetik sowie die Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg nicht auf den Punkt ihre Negativität bringen. Diese Bestimmung von Kunst freilich ist nicht willkürlich gesetzt oder irgendeiner Marotte Adornos fürs Negative geschuldet, sondern eng verwoben mit seiner Gesellschaftstheorie sowie der geschichtsphilosophischen Sichtung, die er in der »Dialektik der Aufklärung« vornimmt. Im Zeichen einer in der Totalen und bis ins Detail hinein verwalteten Welt, deren System kaum noch zu entrinnen ist, muss sich jede Kunst als Zuspruch verkaufen, die bloß dekorierend sich gebärdet oder die immer noch im Sinne idealistischer Ästhetik als moralische Lehranstalt auftritt, als wäre nichts gewesen, die sich als sinnliches Scheinen der Idee konzipiert oder den schönen Schein liefert. Während jedoch der Scheincharakter von Kunst zugleich konstitutiv für das gelungene Kunstwerk bleibt, weil darin ein Moment von Wahrheit inmitten des Falschen überlebt. Es hat diese fast schon normativ zu nennende Vorgabe Adornos für die Kunst zudem einen materialen Grund: nämlich dem, was nach Dan Diner als der »Zivilisationsbruch nach Auschwitz« bezeichnet werden kann:

»Um inmitten des Äußersten und Finstersten der Realität zu bestehen, müssen die Kunstwerke, die nicht als Zuspruch sich verkaufen wollen, jenem sich gleichmachen. Radikale Kunst heute heißt soviel wie finstere, von der Grundfarbe schwarz.« (Th. W. Adorno, Ästhetische Theorie)

Zum einen scheint in diesem Satz Adornos ein radikal mimetisches Moment von Kunst auf, zum anderen konzipiert sich darin eine Ästhetik des Entzugs. War für die Ästhetik – noch über die Klassische Moderne hinaus – der Begriff der Schönheit und mit Einschränkungen bzw. Konjunkturen unterworfen der des Erhabenen zentral, so kehrt Adorno die Vorzeichen nicht einfach um, indem nun einer »Ästhetik des Häßlichen« oder der bloßen Negativität das Wort geredet wird – denn dies wäre lediglich eine abstrakte Gegenbestimmung –, sondern diese Diagnose Adornos bedeutet eine umfassende Neubestimmung von Kunst sowie der Kunsttheorie inmitten einer entfesselten Gesellschaft und inmitten der Katastrophe. Es gibt nichts Harmloses mehr – dies zeigten bereits Adornos »Minima Moralia«, jene »Reflexionen aus dem beschädigten Leben« – und Schönheit der Kunst als Selbstzweck und Sedativum wäre Betrug. Gleichzeitig aber ist der Lustcharakter im Sinne einer unreglementierten Erfahrung für Kunst konstitutiv – zumindest insofern Kunst sowie die sie begleitende Ästhetik an einem irgendwie gearteten Begriff von Emanzipation festhalten wollen. Gerade um der Rettung jenes letzten Rests von Utopie willen, bewegt sich Kunst am Rande des Verstummens und entzieht sich den einfachen Funktionsbestimmungen. Mit System verschließen sich die Werke der modernen Kunst dem Betrachter.

Adornos Ästhetik reagiert auf diese Tendenzen der Kunst der 50er und 60er Jahre: sei dies nun die abstrakte Malerei, die Literatur Becketts oder die Lyrik Celans und insbesondere die neue Musik. Dieser Entzug terminiert – etwa innerhalb der Malerei – in den schwarzen Abstraktionen eines Ad Reinhardt. Das Ideal des Schwarzen als Entzug und Form in einem ist, so Adorno, einer der tiefsten Impulse von Abstraktion. Freilich handelt es sich hierbei um eine solche Abstraktion, die nicht nur in der Malerei ihren Ort hat. Becketts Roman »Watt« oder auch sein »Endspiel«, ebenso die hermetischen, kaum noch in einen hermeneutischen Horizont des Verstehens zu bringenden Gedichte Paul Celans bilden den Raum einer avancierten Kunst, die die Farbe schwarz nicht mehr nur als Hintergrund oder als eine unbunte Variante installiert, sondern die Verdüsterung wird zum Moment der ästhetischen Form selbst – einer Form, die zugleich sedimentierter Inhalt ist.

Die Hermetik von moderner Kunst, die Anstrengungen, die sie verursacht, sind ihr nicht bloß äußerlich gesetzt, sondern in der Sache gegründet: einer Moderne, die ihr eigenes Versprechen, nämlich das von Befreiung und Emanzipation, nicht einzulösen vermochte. Diese Aspekte einer Kunst nach Auschwitz, deren Ideal das des Schwarzen ist, sowie die damit korrespondierenden Momente einer Gesellschaftstheorie bei Adorno versuche ich in meinem Vortrag in eine Konstellation zu bringen: daß Kunst nicht mehr nur einem abstrakten Ideal von Schönheit huldigt, daß aber ihre Schwärze als Verstummen und Erlöschen von Kunst zugleich nicht das letzte Wort sein können. Kunst und Philosophie sind Ausdruck von Leiderfahrung. Dies gilt auch heute noch.

Bersarin, Jahrgang 1964, studierte Philosophie, Soziologie, Germanistik und nebenher Kunstgeschichte. Er lebt und arbeitet in Berlin, ist tätig im Verlagswesen und beschäftigt sich mit der Philosophie und Ästhetik der Moderne sowie der Postmoderne. Insbesondere die Philosophie Kants, Hegels, Adornos und Benjamins wie auch Positionen des Französischen Poststrukturalismus gehören zu seinem Arbeitsfeld. Er betreibt den Blog »Aisthesis« (bersarin.wordpress.com) und macht Fotos, die er zuweilen hier zeigt: proteusphotographie.wordpress.com.

Last exit: Depression?

Ein Versuch über Depression und ihre gesellschaftliche Funktion zu sprechen

Vortrag von Katharina Zimmerhackl – Do 14.11.2013 – ACC – 20:00 Uhr

Immer wieder begegnet uns die Depression (und als neuere Form das Burnout), sei es im Freundeskreis oder auf Werbeplakaten – das Thema ist allgegenwärtig. Nicht zu unrecht, denn in den letzten Jahrzehnten ist die Depression die psychische »Volkskrankheit« schlechthin geworden. Aber was genau ist eine Depression und wie hängt sie mit den gesellschaftlichen Verhältnissen zusammen? Stillstand, Starre, Leere, zuviel Schlaf, zuwenig Schlaf, zuviel Ich, zuwenig Ich, Einsamkeit, Erschöpfung, Antriebslosigkeit… ? Einer Einführung in die Geschichte der Depression folgt der Versuch über ihre Ursachen, statt ihrer Symptome zu sprechen um sich dem anzunähern, was sich in ihr ausdrückt.

Katharina Zimmerhackl schreibt u.a. für Outside the Box.

Die enigmatische Sprache der Kunst

Becketts Roman Der Namenlose mit Adorno gelesen

Vortrag von Martin Krempel – Do. 12.12.2013 – ACC – 20:00 Uhr

Nach Theodor W. Adorno trägt jedes gelungene Kunstwerk Geheimnisse über den Zustand des menschlichen Zusammenlebens in sich verborgen, welche danach verlangen ästhetisch erfahren und intellektuell gedeutet zu werden. Durch ihren eigensinnigen Sprachcharakter können Kunstwerke verschüttete Erfahrungen thematisieren, während der gleiche Sprachcharakter verhindert, dass diese Erfahrungen vom Rezipienten in Gänze verstanden werden. Sie bleiben Rätsel, die die paradoxe Aufgabe herausfordern, durch ihre unmögliche Entschlüsselung hindurch, entschlüsselt zu werden.

Im Vortrag soll das schwierige Unternehmen versucht werden den Roman Der Namenlose von Samuel Beckett nicht nur ästhetisch zu beschreiben, sondern auch nach seinem geheimen Kern theoretisch zu befragen. Im Roman selbst findet man sich im Kopf des namenlosen Protagonisten wieder und ist gezwungen dessen psychotischen Diskurs über sich selbst, seine Sinneswahrnehmungen, seinen Drang zum Nichts, dem endgültigen Tod, und den anderen Stimmen und Gestalten in offenen Räumen nachzuirren. Dabei ist man mit drei verschiedenen Sequenzen konfrontiert: einer sich ständig wiederholenden und sich verschiebenden Identitätssuche, dem Entwurf von schaurig-schönen Fabeln, Bildern und Pantomimen, und einer immer wieder eingeschobenen negierenden Selbstreflexion über das Geschehen. Alle drei Sequenzen sind dabei so tief ineinander verschlungen und durchgeformt, dass sie sich zu einer düsteren aber immer schon verloren gegangenen Welt zusammenziehen.

Im vorsichtigen Rückgriff auf die vielen Notizen die Adorno über Becketts oeuvre, z. B. in der Ästhetischen Theorie, in den Noten zur Literatur oder auch in seiner eigenen Ausgabe des Romans Der Namenlose, niedergeschrieben hat, soll für diese trostlose Welterfahrungen eine Interpretation Stück für Stück entwickelt werden. Adorno selbst schrieb 1962 in einem Brief an Werner Kraft über seine Beckettlektüre: »Übrigens glaube ich, daß die Romane an Bedeutung über die Stücke noch hinausgehen, vor allem L`Innommable, den ich jetzt mit wahrhaft fieberhafter Teilnahme gelesen habe. Eine Interpretation habe ich, noch während der Lektüre, skizziert; vielleicht finde ich neben meinen großen Projekten Zeit, sie zu textieren. Sie sollten aber diesen Roman unbedingt lesen, obwohl gute Nerven dazugehören – damit verglichen ist Kafkas Strafkolonie wie der Nachsommer

Der Anspruch des Vortrages lautet nichtsdestotrotz, den Roman auf keinen Fall in Adornos Philosophie zu ertränken oder auch nur dessen potentielle Interpretation nachholen zu wollen, sondern einzelne ästhetische Reflexionen von Adorno als Hilfestellung zu benutzen, um das Kunstwerk als Kunstwerk eigenständig deuten zu können. Becketts Werke scheinen unterschiedlichste philosophische Auslegungen über Adorno hinaus, wie z. B. die von Günther Anders, Gille Deleuze, Alain Badiou oder Simon Critchley, um nur einige wenige zu nennen, magisch anzuziehen, vielleicht auch weil Beckett der Philosophie, ohne vor-philosophisch zu werden, so kompromisslos wie kein Zweiter das Gericht gemacht hat.

In der angestrebten Interpretation soll die These verteidigt werden, dass im Namenlosen eine extreme Situation der spätmodernen Weltlosigkeit ihren künstlerischen Ausdruck findet. Und zwar indem die Themen Subjekte ohne Subjektivität, Topologie des sozialen Todes und Ethos der Hoffnungslosigkeit, unnachahmlich durchgespielt werden. Jedes dieser Themen ist nicht nur auf der inhaltlichen sondern auch auf der formalen Ebene, z. B. durch die Mittel der Subtraktion, Dissonanz, psychotisch gebrochene Satzstruktur, inneren Spannung, gleichbleibenden Dichte, Symbolwirkung starker Substantive, des Echos, Ausdrucks, Glanzes und der Erschütterung, aufgehoben. Beckett hat in seinem Werk die klassische Struktur des Romans, in welcher unter einer je spezifischen Dramaturgie mit einem Anfang und einem Ende handelnde Subjekte ihre Beziehung zur Welt organisieren, gekappt und in neuer, negativer Art und Weise fortgeführt. Das zentrierende Moment ist nun nicht mehr ein tragischer oder komödiantischer Sinnzusammenhang, sondern die Fokussierung auf einen imaginären Nullpunkt, einer des Schweigens, der Ruhe und des letzten Friedens, um welchen herum die Handlung verzweifelt auf der Stelle tritt. Dadurch wird die fiktionale Beschwörung einer anderen Welt ebenso wie die realitätsgerechte Beschreibung gesellschaftlicher Totalität hinter sich gelassen, um im Schaurigschönen der gesteigerten Realitätskonfrontation festzuhalten, dass das, was ist, nicht alles sein kann, wenn Leiden das Leben zu erdrücken sucht. »Becketts Stücke oder der wahrhaft ungeheuerliche Roman Der Namenlose üben eine Wirkung aus, der gegenüber die offiziell engagierten Dichtungen wie Kinderspiel sich ausnehmen; sie erregen die Angst, welche der Existenzialismus nur beredet.« (Adorno)

Martin Krempel lebt in Weimar und studiert Gesellschaftstheorie in Jena.

»Ein eigenes Zimmer hab‘ ich schon«

Teil 2 — Kunst, Künstlerinnen und Geschlecht

Workshop, veranstaltet von Kunst, Spektakel & Revolution zu Besuch in Leipzig — 13.--15.12.2013

Weiblichkeit und Kunst stehen in einem widersprüchlichen Verhältnis: Als Gegenstand oder Topos sind Frauen(-körper) in der Kunst omnipräsent, auch als Förderinnen und Rezipientinnen sind sie unverzichtbar. Als Schöpferinnen künstlerischer Werke jedoch, als Produzentinnen, standen und stehen sie vor Hindernissen und Widerständen. Genie „als das Talent (Naturgabe), welches der Kunst die Regel gibt“ (Kant), wird Künstlerinnen entweder abgesprochen oder ihre Arbeiten werden als Resultate eines ihnen fremden Willens wahrgenommen. Weder die Wandlung von der Genie- zur Werkästhetik, noch die Krise des Werks in den Avantgarden des 20. Jahrhunderts löst für die Künstlerinnen das Problem: „My most audacious works were viewed as if someone else inhabiting me had created them“, formulierte die amerikanische Performance-Künstlerin Carolee Schneeman 1963.

Im ersten Teil unseres Workshops haben wir uns gefragt, ob die Form der Kunst selbst geschlechtlich konnotiert ist und was daraus für Künstlerinnen folgt. Die Kunst erscheint autonom, losgelöst von Gesellschaft oder Geschlecht, aber in ihrem konkreten Erscheinen, sei es im Kunstwerk oder den Institutionen, wiederholt sich das Geschlechterverhältnis. Das autonome Genie wie die avantgardistische Künstlergruppe haben die Abspaltung des Weiblichen zur Voraussetzung, die immer wieder neu stattfindet.

Das Verhältnis von ästhetischer Form, autonomer Kunst und Geschlechterdifferenz verändert sich aber auch durch die Dialektik der Aufklärung hindurch. Dabei stehen Fortschritte und Erleichterungen für die Künstlerinnen neben Wiederholungen: Die größte Schwierigkeit, so Virginia Woolf über die Romanautorinnen des neunzehnten Jahrhunderts, bestand darin, „daß sie keine Tradition hinter sich hatten, oder eine so kurze und einseitige, daß sie kaum hilfreich war.“ (A Room Of One’s Own). Diese Beobachtung trifft immer noch zu. Jede fängt stets von Neuem an. Die Reflexion darauf in den Werken von Künstlerinnen steht für uns im Mittelpunkt, es geht um kunstimmanente und Kunst überschreitende Kunstkritik: Vor welchen Schwierigkeiten stehen die Künstlerinnen, gegen welche Wände müssen sie laufen, welche wollen sie einreißen?

Im zweiten Teil unseres Workshops wollen wir über Kunst und Geschlecht anhand von Beobachtungen zur Geschichte des (künstlerischen tätigen) Subjekts, anhand den Werken von Performance-Künstlerinnen (Moorman, Schneeman, Rainer, Hesse) und entlang der Werke von Schriftstellerinnen (Zwetajewa, Barnes, Bachmann, Legendre, Avallone) nachdenken. Wir präsentieren dabei, wie schon im ersten Teil des Workshops, keine fertigen Ergebnisse, sondern wollen in einer Mischung aus Vortrag, gemeinsamer Lektüre und Diskussion welche erarbeiten. Wir freuen uns auf eure Teilnahme.

Irene Lehmann, Karina Korecky, Marlene Pardeller, Lukas Holfeld, Katharina Zimemrhackl

  • Ort der Veranstaltung: »Die ganze Bäckerei«, Josephstraße 12, Leipzig (Lindenau) — Link
  • der Workshop beginnt am Freitag um 18:00 Uhr
  • wir bitten um eine kurze Anmeldung über das Kontaktformular
  • ein Reader mit Texten wird nach Anmeldung zugesandt
  • wir können gern Übernachtungsplätze in Leipzig organisieren – bitte nehmt dafür kurz Kontakt zu uns auf
Das Seminar wird gefördert von der Rosa Luxemburg Stiftung.

Einladung zur Reise

oder: das andere Schwarz

Vortrag von Alexander Emanuely – Do. 20.02.2014 – ACC – 20:00 Uhr

KünstlerInnen und SchriftstellerInnen der Avantgarde, wie Carl Einstein, Michel Leiris, Susanne Wenger, Pierre Soulages entdeckten für sich die Welten der Dogon, der Yoruba, der Zar und auch jene neue Ideen, so z.B. Lépold Sédar Senghors nicht unumstrittenes „Négritude“-Konzept, welche aus dem modernen Afrika kamen. Daraus entwickelte sich zwischen Intellektuellen, abseits von Kolonialismus, Befreiungsbewegungen und -Kriegen, über die Kontinente hinweg, ein Austausch von Ideen und Träumen, die prägnante Spuren in Kunst und Literatur hinterlassen haben. Diesen Spuren wird Alexander Emanuely in seinem Vortrag nachgehen.

Alexander Emanuely lebt in Wien und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Theodor-Kramer-Gesellschaft. Er ist Autor zahlreicher Texte und beschäftigt sich mit Themen wie Surrealismus und moderne Kunst, Psychoanalyse und Ideologiekritik sowie Erfahrung und Literatur des Exils. In der Reihe Kunst, Spektakel & Revolution war er 2009 bereits zum Thema »Surrealismus als Revolution« zu Gast.

Todesbejahung und Schwarz

in der Ästhetik des Faschismus

Vortrag von Carmen Dehnert und Lars Quadfasel – Do 13.03.2014 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Es kann bei einer Veranstaltung zur Farbe Schwarz im Nationalsozialismus nicht allein um nationalsozialistische Kunstpolitik gehen: Denn der Nationalsozialismus selber war, als »Ästhetisierung der Politik« (Walter Benjamin), eine totale Inszenierung, die alle Wirklichkeit in sich hineinsog, nichts außen vor lassen konnte. Lücken konnte er um keinen Preis dulden – und damit auch nicht die Schwärze als Ausdruck von Mangel, von Trauer, von Negativität.

Weil aber der Kult des unverstümmelten, widerspruchslosen Lebens alles das stillstellen muss, wodurch Leben erst lebendig wird, kehrt auch die Farbe Schwarz auf höherer, nämlich Elitenebene wider: als Form herrschaftlicher Identifikation mit genau dem, woran im Bilde nichts erinnern darf. Nicht umsonst liebte die SS Namen wie »Schwarzes Korps«. Im Verhältnis zur Farbe Schwarz reflektiert sich das Verhältnis der Nationalsozialisten zum Tod: Was sie als Ausdruck von Vergänglichkeit, von unbeherrschbarer Kontingenz perhorreszieren, verklären sie zugleich, in alter gegenaufklärerischer Tradition, als Sinnbild unwidersprechbarer Macht.

Carmen Dehnert und Lars Quadfasel sind assoziiert in der Hamburger Studienbibliothek und der Gruppe Les Madeleines, deren »Thesen zu Tod und Materialismus« im Extrablatt Nr. 8 erschienen sind.

Ein eigenes Zimmer hab ich schon

Autonomie der Kunst, Avantgarde und Geschlecht

„Werkstattgespräch“ 24.-26.05.2013, M18 Marienstraße 18, Weimar

Seit sich das Subjekt zur allgemeinen Form gemacht hat, ist der Bürger mit der Reflexion auf seine innere Zerrissenheit beschäftigt. Vernunft und Sinnlichkeit, Kontrolle und Trieb, Denken und Physis fallen auseinander, stehen einander gegenüber. In den bürgerlichen Versuchen zur Überwindung dieser Trennungen nimmt die Ästhetik einen nicht unwichtigen Platz ein. Bei Friedrich Schiller spielt die Kunst die Rolle des Werkzeuges zur Reflexion und Heilung der Entzweiungen, Kunst soll versöhnen. Eine ähnliche Rolle hat die bürgerliche Gesellschaft der Weiblichkeit zugedacht, die für Erholung von der Arbeit und Muße steht. Während die Frauen jedoch die Sphäre des Privaten regieren sollten, wurden sie aus jener der Kunst ausgeschlossen oder gar nicht erst zugelassen. Der Blick in Geschichte und Gegenwart von Kunst, Kunstproduktion und ästhetischer Theorie zeigt: Als Objekte der Sphäre des Imaginären sind Frauen omnipräsent, ohne sie wäre Kunst als solche undenkbar. Als Produzentinnen und Schöpferinnen allerdings sind sie so gut wie unsichtbar.

Parallel zu den neu entstehenden avantgardistischen Projekten des 20. Jahrhunderts, beginnen Frauen auf die Hindernisse, die sich ihnen beim Kunst-machen in den Weg stellen und ihre Rolle als Künstlerinnen zu reflektieren – von Virginia Woolfs Eigenem Zimmer bis zur Frage nach einer weiblichen Ästhetik (z. B. Silvia Bovenschen). Trotzdem die Avantgarde begann die klassischen Formen abzuwerfen, erfuhren und erfahren Frauen große Schwierigkeiten als Akteurinnen im Kunstbetrieb. Die Aneignung der künstlerischen Formen selbst ist nicht selbstverständlich, wird als widerspruchsvoll wahrgenommen: „I write my creative female will because for years my most audacious works were viewed as if someone else inhabiting me had created them – they were considered masculine when seen as aggressive, bold.“ (Carolee Schneeman, Kommentar zu Eye Body, 1963). Oder, wie es im Film Kristina Talking Pictures (1976) der Regisseurin Yvonne Rainer heißt: „Ich war eine Zeitlang ziemlich glücklich, den Löwenakt zu machen. Aber ich fürchte, Emma Goldman und Virginia Woolf haben mich für den Löwenakt ruiniert. Wilde Tiere zu beherrschen … wie kann man das mit dem vergleichen, was sie taten?“

Über Frauenbilder in der Kunst und in der Avantgarde ist aus feministischer Perspektive viel geschrieben worden – wir wollen uns im Workshop jedoch der Frage nähern inwiefern die Form der Kunst selbst geschlechtlich konnotiert ist bzw. in welchem Verhältnis ästhetische Form, autonome Kunst und Geschlechterdifferenz zueinander stehen. Dabei werden wir keine fertigen Forschungsergebnisse präsentieren, sondern wir wollen in Diskussion und ausgewählter Textlektüre eine erste Annäherung an diese Fragen versuchen. Wir laden euch herzlich ein, daran teilzunehmen.

Wir bitten um eine kurze Anmeldung über das Kontaktformular. Die Uhrzeit des Beginns wird dann bekannt gegeben und ein Reader mit Texten zur Verfügung gestellt.

Literatur:

■ Virginia Woolf, Ein eigenes Zimmer.
■ Silvia Bovenschen, Die imaginierte Weiblichkeit. Exemplarische Untersuchungen zur kulturgeschichtlichen und literarischen Präsentationsformen des Weiblichen.
■ Xavière Gauthier, Surrealismus und Sexualität – Inszenierung der Weiblichkeit.
■ …. to be continued

Das Seminar wird gefördert von der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Kunst, Spektakel, Revolution No. 4


»Die Verwirklichung der Poesie«

Call for Papers!

Gerade ist die dritte Ausgabe der Broschüre „Kunst, Spektakel, Revolution“ erschienen und schon beginnen wir mit der Redaktionsarbeit für die vierte Ausgabe. Die vierte Nummer unserer (beinahe) jährlichen Publikation wird die Revolutionsepoche zwischen 1789 und 1871 behandeln und dabei insbesondere in den Blick nehmen, welche Tendenzen sich in der Dichtung zu dieser Zeit Bahn brachen – dementsprechend steht das Thema der Ausgabe unter dem Titel „Die Verwirklichung der Poesie“. Das Heft wird sich, dokumentierend und ergänzend, am letztjährigen Themenblock der Reihe orientieren, in dem wir uns mit Friedrich Hölderlin, Heinrich Heine, Comte de Lautréamont, Arthur Rimbaud und Charles Baudelaire auseinandergesetzt haben.

Während sich Hölderlin und Heine vor dem Hintergrund der deutschen Misere, in je unterschiedlicher Weise, auf die Impulse bezogen, welche die französische Revolution der weltweiten Emanzipationsbewegung gab, befinden sich Lautréamont, Rimbaud und Baudelaire in Frankreich in einer Situation, in welcher der deutsch-preußische Frankreich-Feldzug eine emanzipatorische Bestrebung zu zerstören drohte. Diese fünf Dichter sind jedoch nicht eigentlich „politische“ Dichter, die bloß die Forderungen politischer „Parteien“ zu ihrem Inhalt gemacht hätten. Ihr Vermächtnis ist nicht die Formulierung eines positiven Programms – vielmehr drückt sich in ihrer Formsprache die Tendenz einer Negativität aus, die zur Aufhebung einer schlechten Gegenwart drängt. Gleichzeitig wird an ihnen das Besondere sowie die Beschränkung der Dichtkunst sichtbar – was diese vorwegnahm, drängt in einem historischen Ereignis zur Wirklichkeit, das nicht Kunstgeschichte ist: Die erste große proletarische Erhebung in der Pariser Commune von 1871, in der zahlreiche Momente der ganzen Moderne kulminierten und die unter Aufsicht der preußischen Militärs von der französischen Bürgerklasse blutig niedergeschlagen wurde. Sich dieses Ereignis von unserer Gegenwart her neu zu erschließen und kritisch-historisch anzueignen, bedeutet aber gerade im Blick auf die Poesie, sich der Gebrochenheit der Revolutionsgeschichte bewusst zu werden: Das Dunkle und Düstere bei Hölderlin, auf den sich später auch Paul Celan bezog, die Flucht Heines vor dem Antisemitismus aus Deutschland und die rasende Vernichtungswut bei Lautréamont weisen darauf hin, dass in dieser Poesie auch bereits Momente erkennbar sind, die mit dem Geschichtsbruch zu tun haben, der sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland vollzog und der auch die Geschichte der Revolution nicht unangetastet lässt.

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Soweit der inhaltliche Rahmen des letztjährigen Themenblocks. Für das Heft ist die Redaktion auf der Suche nach weiteren AutorInnen! Insbesondere in drei Themengebieten wollen wir noch Texte haben:

    1.) Die französische Revolution von 1789

Wir suchen dringend eine/n AutorIn, der/die einen einführenden Text über die französische Revolution von 1789 (und die darauffolgenden Erhebungen) schreiben kann. Zum einen erachten wir es als immens wichtig, die französische Revolution wieder ins Gespräch zu bringen, da kaum Wissen über dieses, das Wesen der Moderne prägende, Ereignis zirkuliert, zum anderen geht es um ein Ereignis, welches die deutsche Philosophie und Dichtung entscheidend beeinflusst hat. Es soll darum gehen, eine Auseinandersetzung mit der Dichtung des 19. Jahrhunderts historisch-materialistisch zu rahmen, wobei folgende Fragen berührt werden sollen: Welche neuen Bedingungen schaffen die bürgerlichen Revolutionen? Von welchen gesellschaftlichen Gruppen werden diese Auseinandersetzungen getragen? Wie stehen sie in einem Zusammenhang mit der Konstituierung des modernen Proletariats und einer möglichen proletarischen Revolution? Welche Versprechungen und Hoffnungen sind damit verbunden, deren möglich-und-wirklich-Werden und das Ausbleiben ihrer Einlösung auch den Erfahrungshintergrund der modernen Dichtung bilden? Welche Rollen spielen die Agrar- und Hungerrevolten in der französischen Revolution, inwiefern agieren Bauern, Handwerker, Arbeiter und Arbeitslose unabhängig von der Bourgeoisie? Was bedeutet die französische Revolution für Frauen und den Frühfeminismus? Wie etablieren sich mit der französischen Revolution spezifische gesellschaftliche Bereiche, die wir heute als Öffentlichkeit und Kultur kennen? Usw. – hierbei sind gern auch unkonventionelle Textformate gefragt (cut-up’s etc.).

    2.) Comte de Lautréamont

Wir suchen dringend eine/n AutorIn, der/die einen Text über Comte de Lautréamont beitragen könnte. Der Text soll die Auseinandersetzung mit Lautréamont fortführen, den wir bereits in unserem zweiten Heft begonnen haben (siehe: hier). Im oben beschriebenen Zusammenhang soll Lautréamont als Dichter des Negativen vorgestellt werden, der den katastrophischen Verlauf des 20. Jahrhunderts bereits antizipierte. Folgende Aspekte erscheinen uns dabei als beachtenswert: Raserei und Rausch der Gewalt in der Dichtung / das Verhältnis der Vernunft zu ihrer dunklen Seite, die sich gewaltvoll Bahn bricht / Repression in den Bildungsanstalten des 18. und 19. Jahrhunderts und Revolte der Jugend / das Verhältnis von Revolution und Gewalt / das Programm einer neuen Dichtung, nach dem nicht ein einziger, sondern alle dichten sollen / Sexualität und Gewalt bei Lautréamont.

    3.) Autorinnen des 19. Jahrhunderts

In der Nachbereitung des vierten Themenblocks der Veranstaltungsreihe „Kunst, Spektakel, Revolution“, ist uns aufgefallen, dass wir mit Hölderlin, Heine, Lautréamont, Rimbaud und Baudelaire ausschließlich Männer in der Dichtung behandelt haben. Ohne es bewusst intendiert zu haben, haben wir damit einen männlich geprägten Blick auf die Literaturgeschichte reproduziert – ein selektiver Blick, der sich sachlich nicht rechtfertigen lässt, denn es gibt in der von uns fokussierten Epoche zahlreiche Dichterinnen, deren Wirken auch für den Themenkomplex »Verwirklichung der Poesie« interessant und wichtig sein dürfte. Ohne es kaschieren zu wollen, hoffen wir, dieses Ungleichgewicht in der vierten Broschüre wenigstens ein Stück weit korrigieren zu können und fordern euch daher auf, uns Portraits von Autorinnen des 18. und 19. Jahrhunderts zuzuschicken (für unseren Themenkomplex bspw. relevant: Olympe de Gouges, Mary Darby Robinson, Karoline von Günderrode, Bettina von Armin, Rahel Varnhagen, uvm.). Auch sie sollen im Kontext der gescheiterten oder ausgebliebenen Revolution und der Widersprüche der Moderne behandelt werden. Dabei soll es nicht darum gehen, Literatinnen in erster Linie unter dem Aspekt ihrer Weiblichkeit zu lesen, sondern ihre Werke immanent ernst zu nehmen – auch wenn dabei das Geschlechterverhältnis ein wichtiger Aspekt ist, was sich für Frauen vor allem als ein Schreiben gegen Widerstände dargestellt hat, wie es Virginia Woolf in ihren literaturhistorischen Essays beschrieben hat.

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Alle oben genannten Aspekte und Fragestellungen sind nicht als strenge inhaltliche Vorgaben zu verstehen – wir sind offen für eure inhaltlichen Vorschläge, auch wenn sie in einer Verschiebung oder Korrektur unserer Fragestellung bestehen. Wir nehmen dabei auch Texte an, die unabhängig von den oben genannten Punkten, auf unterschiedliche Weise auf die bisherigen Ausgaben von „Kunst, Spektakel, Revolution“ reagieren. Wichtig ist uns dabei ein Zugang zur Geschichte, der im Benjamin’schen Sinne in einem „Gegen-den-Strich-bürsten“ besteht und von einem rächenden Motiv geleitet wird, das sich einer universellen Emanzipation der menschlichen Gattung verpflichtet sieht. Bezüglich Format und Umfang dienen die Texte der bisherigen drei Ausgaben zur Orientierung (siehe hier: http://spektakel.blogsport.de/broschur/).

Wenn ihr einen Text beisteuern wollt, bitte schickt uns bis zum 19. Mai 2013 ein Abstract an folgende Emailadresse: ksr-reihe[at]web.de (die Redaktion behält sich vor, Textvorschläge abzulehnen). Über einen Deadline-Termin kommunizieren wir dann.

Wir freuen uns darüber, wenn ihr das Call-for-Papers an potentielle AutorInnen weiterleitet:
PDF-Version

Kunst, Spektakel, Revolution No.3 ist erschienen

Ab sofort kann die dritte Ausgabe der Broschüre „Kunst, Spektakel & Revolution“ bestellt werden. Bitte verwendet dafür das Kontaktformular. Eine Ansicht des Inhalts der Broschüre findet ihr hier.

Einladung zur Soiree

Release der KSR-Broschur No.3 am 08.03.2013

Nachdem das Release-Datum der dritten Ausgabe der Broschüre „Kunst, Spektakel & Revolution“ mehrmals verschoben und zahlreiche Anfragen vertröstet werden mussten, ist es nun endlich so weit: am 8. März 2013 wird das Heft erscheinen. Wir möchten euch deshalb herzlich zu einer kleinen Soiree in die Leipziger „A und V“-Galerie (Lützner Str. 30) einladen. Ab 20:00 Uhr empfangen wir euch zu einer Vorstellung des Heftes und einem kleinen Vortrag über Hölderlins Roman „Hyperion oder der Eremit in Griechenland“ – letzteres gewissermaßen als Ausblick auf das bereits im Werden begriffene vierte Heft. Anschließend gibt es Beisammensein in netter Runde bei Getränken und erlesener Musik.

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Ausblick auf das Heft „Kunst, Spektakel & Revolution“ No.3

  1. Lukas Holfeld: »Es rette uns die Kunst!?« – Anstatt einer Einleitung: Anmerkungen zu einer Kritik der Ästhetik
  2. Christopher Zwi: »Auge und Bild im Spiegel und Spektakel« – Zu einer materialistisch historischen Imageologie
  3. Martin Dornis: »Das hörende Subjekt und sein Tod« – Überlegungen zur Dialektik der Aufklärung in der Musik bei Ludwig van Beethoven und Gustav Mahler
  4. Nikolai E. Bersarin: »Über die Geschmacksbildung in der Kunst« – Zum Verhältnis von Schmecken und Geschmack
  5. Micha Böhme: »Von Lust & Gefahr, sich im Anderen zu verlieren« – Ein Essay übers Riechen als den wohl geächtetsten aller Sinne
  6. Katja Wagner & Korinna Linkerhand: »Der postmoderne Körper – gelebter ort der Möglichkeiten?«
  7. Karina Korecky: »It Ain‘t Me Babe« – Etwas zu Liebe und Geschlechterdifferenz anlässlich der Polyamorie-Debatte
  8. Mira Blau: »Ich und Du« – Der Pfad zwischen Erkenntnis und Wahn
  9. Hannes Bode: »Negation und Utopie« – Überlegungen zu Aufklärung, Menschenrechten und den Bedingungen emanzipatorischer Theorie und Praxis
  10. Jakob Hayner: Hermann Grab – ein vergessener Literat
  11. Jost Ulshöfer: »Zwischen Schlössern, Passagen und dem Palaise Royal« – Zur utopischen Architektur Charles Fouriers
  12. Magdalena Gerwien & Peter Schulz: »Risse im Traum« – Neue Barbaren in Brechts Nordseekrabben
  13. AG Gesellschaftskritik: »Proletarität und Revolutionstheorie« – Zu den Konstitutionsbedingungen und der Beschaffenheit revolutionärer Subjektivität
  14. Wolfgang Bock: László Moholy-Nagy und die Rettung der Objekte durch Licht
  15. Roger Behrens: »Nach Großstadt und Geistesleben« – Thesen, Fragmente und Material zur Kritik der Sinnlichkeit im Urbanen

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Vortragsankündigung

Die Frage nach dem kritischen Gehalt ästhetischer Erfahrung oder nach dem Verhältnis von Kunst und Politik ist nicht ohne weiteres zu beantworten. Sie können nur Ausgangspunkt einer konkreten Auseinandersetzung mit den Zeugnissen der Kultur sein und fordern, sich auf historisches oder gegenwärtiges „Material“ einzulassen. Anstatt einen großen Aufriss zu machen, will sich der Vortrag deshalb einem bestimmten Werk nähern, anhand dessen Interpretation vielleicht weitergehende Reflexionen entspringen können: dem Roman „Hyperion oder der Eremit in Griechenland“ von Hölderlin. Bevor Hölderlin, Hegel und Schelling sehr unterschiedliche Wege beschritten, hatten sie 1794 – nachdem sie von den großen Erhebungen in Frankreich erfahren hatten – gemeinsam mit anderen Studenten des „Tübinger Stifts“ einen „Freiheitsbaum“ gepflanzt und einen Schwur auf die Revolution geleistet. Vom Ausbleiben einer Revolution in Deutschland, aber auch von der Möglichkeit einer Verlängerung des Leidens durch das Missraten einer gewaltvollen Erhebung, handelt „Hyperion“. Dabei trägt „Hyperion“ Züge eines Bildungsromans – er erzählt die Geschichte eines werdenden Subjekts, das sich in seiner Entwicklung mit der äußeren Welt auseinandersetzen muss. Im Gegensatz zum klassischen Bildungsroman – etwa „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ von Goethe – erkennt der sich „bildende“ Hyperion die Welt jedoch nicht an, sondern revolutiert gegen das Bestehende … und scheitert auf ganzer Linie. Der Vortrag will in den Roman einführen, einige Stellen genauer betrachten und Interpretationsvorschläge zur Diskussion stellen. Dabei soll versucht werden, das Sujet des Romans mit heutigen Versuchen, ein revolutionäres Vorhaben (oftmals nur in Gedanken) aufleben zu lassen, in Bezug zu setzen. Ausgehend von Hölderlins Begriff der Poesie, als dem Prinzip, das die Trennungen überwindet, soll dann ein skizzenartiger Ausblick auf die Entwicklung der modernen Dichtung als einer Tendenz des Verstummens und des Zerfalls gegeben werden.

Das Verstummen der Theorie

Hochverehrtes Publikum, liebe Gäste, Fans und Freunde. Am vergangenen Donnerstag, dem 23.08.2012, ist mit einem gut besuchten Vortrag und einem wunderschönen Abend der diesjährige Themenblock der Veranstaltungsreihe Kunst, Spektakel & Revolution zu Ende gegangen. Wie immer ist nach einem solchen Abschluss nicht klar, ob und wie es mit der Reihe weiter geht. In irgend einer Form wird bald sicherlich etwas Neues aus der ACC Galerie zu hören sein – haltet Augen und Ohren offen! Bis dahin könnt ihr euch auf folgende Ereignisse freuen:

  • Am 28.10.2012 ist Jan Sieber noch einmal im GOLEM in Hamburg zu Gast, wo er ebenfalls über Allegorie und Revolte bei Baudelaire und Blanqui referieren wird. Wer in Hamburg wohnt oder dort eine große Schwester hat, sollte sich das nicht entgehen lassen. Bis Dezember werden auch weitere KSR-Veranstaltungen im Golem stattfinden. Weitere Infos hierzu findet ihr auf der Homepage vom Golem.
  • In Kürze sind nunmehr alle Beiträge der KSR-Broschur No.2 online verfügbar. Sobald die letzten beiden Texte online lesbar sind, werden wir auch eine PDF-Version der Broschüre hochladen, sodass auch diejenigen, die nicht in den Genuss kommen konnten ein gedrucktes Exemplar zu erhalten, die Gestaltungskünste von Schroeter & Berger bewundern können.
  • Die Audio- und Videomitschnitte der Vorträge aus dem letzten Themenblock befinden sich in Bearbeitung und werden in Kürze Stück für Stück in der Rubrik Radio zur Verfügung gestellt.
  • Und last but not least befinden wir uns gerade im Endspurt zur Erstellung der KSR-Broschur No.3. Eine Vorschau auf den Inhalt des Heftes findet ihr hier. Das Heft erscheint im Oktober – sobald der genaue Druck-Termin bekannt ist, wird eine Release-Party angesetzt und der Termin über Flyer und Wandanschläge bekannt gegeben.

Sie verstummt also doch nicht ganz, die Theorie.

Spektakelbuchkurs Nr. 4

Überregionales Lese-Wochenende – 13.-15.04.2012 – M 18, Weimar

Wir laden ein zum gemeinsamen Lektüre-Wochenende zur »Gesellschaft des Spektakels« von Guy Debord. An drei Tagen wollen wir uns gemeinsam die beiden Kapitel »Die spektakuläre Zeit« und »Die Raumordnung« erschließen, in denen Debord grundlegende Aspekte des modernen Alltagslebens und der Urbanität analysiert und kritisiert. Das Seminar ist Teil eines losen überregionalen Lesekreises, der sich in bisher 3 Treffen den ersten fünf Kapiteln der Gesellschaft des Spektakels gewidmet hat – NeueinsteigerInnen sind herzlich willkommen; die Lektüre der vorangegangenen Kapitel erleichtert den Einstieg im Seminar.

Das Seminar beginnt am Freitag den 13.04.2012 um 11:00 Uhr – für alle, die schon am Abend zuvor anreisen wollen, organisieren wir am Donnerstag den 12.04. einen gemeinsamen Filmabend (Treffpunkt ab 19:00 Uhr). Das ganze findet in der Marienstraße 18 (siehe Google-Maps) im Sitzungssaal statt. Falls wir Übernachtungsplätze organisieren sollen, bitten wir um eine kurze Kontaktaufnahme.

Material zum Seminar:

Reader zum Seminar
Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels
Einführendes zur Situationistischen Internationale (Audio)
■ Raoul Vaneigem: Basisbanalitäten – Teil 1 | Teil 2
Spektakel, Kunst, Gesellschaft (Grigat, Biene Baumeister Zwi Negator u.a.)

Das Seminar wird unterstützt vom Jugendbildungsnetzwerk der Rosa Luxemburg Stiftung.

Regression des Hörens – Zweiter Teil

Modelle einer kritischen Theorie der Musik

Wochenendseminar mit Martin Dornis – 02./03.06.2012 – M 18, Weimar

Eine materialistische Gesellschaftslehre hat ihr Zentrum in einer Kritik der Musik. Es geht dabei nicht um die Anwendung materialistischer Postulate auf das Gebiet der Musik, sondern darum, diese Kritik aus einer Auseinandersetzung mit der Musik zu entfalten. Die entscheidenden theoretischen Zusammenhänge dazu sind bereits von Horkheimer und Adorno in der »Dialektik der Aufklärung« formuliert. Mit der Etablierung der Herrschaft von Menschen über Menschen und der Ausbeutung von Menschen durch Menschen wird einerseits der verzaubernde, an Befreiung und Versöhnung erinnerde »Klang der Sirenen« aus der gesellschaftlichen Praxis verbannt und dabei die Kunst im allgemeinen, die Musik im speziellen zu einer autonomen, von der Praxis getrennten und gerade dadurch mit ihr verbundenen Sphäre begründet. Die Herausbildung einer autonomen Musik ist in einem das Aussprechen der Herrschaft wie die Kritik an ihr. In der Geschichte der Musik spiegelt sich die Geschichte der Menschheit, verstanden als eine Dialektik der Aufklärung. Paradigmatisch formulierte diesen Zusammenhang der Musikphilosoph und Komponist neuer, radikaler Musik Dieter Schnebel: »Was zu sehen ist, liegt zutage. Das Ohr ist das Organ der Nacht. Hören geschieht im Ablauf der Zeit, ist vergänglich.« Das sinnlich-praktische Verhältnis des Menschen zur Natur bricht unter den Bedingungen von Herrschaft und Ausbeutung in Sehen und Hören auseinander. Während sich im Sehen im alltäglichen, wissenschaftlichen und künstlerischen Umgang mit der Gesellschaft, die heute immer auch Natur ist und der Natur, die heute stets auch Gesellschaft ist, das Moment der Verdinglichung auskristallisiert, kommt im Hören das von der gesellschaftlichen Praxis abgeschobene zum Ausdruck. Die Musik wird damit zum Kulminationspunkt sowohl von Momenten der Befreiung der Menschheit vom universellen Bann des Werts, eines »Eingedenkens der Natur im Subjekt« als auch der regressiven Verschmelzung der Menschen mit der von ihnen selbst geschaffenen Herrschaft im Spätkapitalismus und besonders im Nazifaschismus. Dies ist Grund genug für die Auseinandersetzung mit einer kritischen Theorie der Musik und des Hörens. Im Seminar sollen Texte der Musikphilosophie Adornos diskutiert und anhand der Beschäftigung mit Musikstücken nachvollzogen werden.

Das Seminar ist die Fortsetzung des Musik-Seminars vom letzten Jahr – die Teilnahme am ersten Teil ist dabei keine Voraussetzung für die Teilnahme am 02.06.2012. Wir bitten um eine kurze Anmeldung über das Kontaktformular – die genauen Anfangszeiten, Infos zur Anreise sowie einen Seminar-Reader schicken wir euch nach Anmeldung zu. Falls ihr von außerhalb kommt, können wir uns gern um Übernachtungsmöglichkeiten kümmern – bitte nehmt hierzu kurz Kontakt zu uns auf.

Das Seminar wird unterstützt vom Jugendbildungsnetzwerk der Rosa Luxemburg Stiftung.

Friedrich Hölderlin

und das Werden im Vergehen

Vortrag mit Bersarin – Do 07.06.2012 – ACC, 20:00 Uhr

Friedrich Hölderlin – der Dichter der Deutschen. Diese Lesart mögen etwa sein Gedicht »Der Ister«, welches den Unterlauf der Donau besingt, oder die Hymne »Der Rhein« auf einen ersten Blick nahelegen: Hölderlin, der Dichter der Heimat und zugleich des Griechentums. Solche Sicht zeigt sich etwa in Heideggers Hölderlinlektüren. Hölderlin transformiert sich unter diesem Blick in die Innerlichkeit und die lyrische Gestimmtheit. So wird Hölderlin zum Dichter des Seins umfunktionalisiert – und das ist nicht sehr weit entfernt von des Deutschen Michels Schlafmütze. Was bei einer solch reduzierten Sicht jedoch unter den Tisch fällt, ist der Aspekt des Politischen in der Dichtung Hölderlins, denn es gibt auch jenen anderen Hölderlin, und das wird gerne verschwiegen: den Hölderlin, welcher sich für die Französische Revolution und deren Forderungen nach Gleichheit und Freiheit begeisterte. Das Verrätselte seiner Sprache, etwa in den oben genannten Gedichten, mag über den Aspekt des Politischen in seiner Dichtung hinwegtäuschen. Insbesondere während seiner Zeit im Tübinger Stift entstanden jedoch Gedichte, die sich ganz explizit auf diese Revolution bezogen und den Sturz der Tyrannen besangen. Es brach mit der Französischen Revolution, aber auch mit den Umstürzen in der Philosophie – paradigmatisch dafür: die drei Kantischen Kritiken, sowie die Philosophie Fichtes – eine neue Zeit heran. Dieses Neue registrierte Hölderlin hellsichtig und brachte es vermittels der Dichtung in eine sprachliche Gestalt.

Gegen solche reduzierte und entschärfende Lesart Hölderlins, wie sie etwa die hermeneutische Schule oder Heidegger betrieben, soll zunächst Georg Lukács‘ Aufsatz »Hölderlins Hyperion« in die Lektüre gebracht werden, in welchem gezeigt wird, daß Hölderlins Dichtung und insbesondere sein Roman »Hyperion« diese Revolution mit den Mitteln poetischen Schreibens in eine Form der Darstellung bringen, in welcher der Gehalt von Begriffen wie Gleichheit und Freiheit entfaltet wird. Im Zuge dessen entwickelt sich die Utopie einer freiheitlich organisierten Gesellschaft in Hölderlins Text jedoch aporetisch, weil das, was ihm in Anlehnung an das Griechentum und die Feste Griechenlands vorschwebt, in Deutschland bzw. dem Flickenteppich der Fürstentümer und Königreiche, nicht einzulösen ist. Erst spätere Dichter wie Shelley konnten, so Lukács, die Sphären von gesellschaftlichem Sein und kritischem Bewußtsein, das praktisch zu werden vermag, vermitteln – etwa in der Figur seines Prometheus. Hölderlins Sprache sucht deshalb die Zuflucht beim Mythos und teils auch im Mystischen, denn ihm stehen nicht die Mittel und Möglichkeiten bereit, den Prozeß der Überwindung bzw. der Aufhebung der feudalen und weiterhin dann der bürgerlichen Gesellschaft in die poetische Reflexion zu bringen. Diese Aporie der Hölderlinschen Dichtung und zugleich ihre Tragweite macht Lukács einsichtig. Die Stoßrichtung von Lukács‘ Lektüre ist eine geschichtsphilosophische Interpretation Hölderlins.

Vor dem Hintergrund dieser geschichtsphilosophischen Perspektivierung möchte ich zu Adornos Hölderlin-Essay »Parataxis« überleiten (und möglicherweise, sofern die Zeit es zuläßt, auch Peter Szondis Hölderlinstudien streifen), um gleichsam einen Gegenpol zum Text von Lukács zu schaffen. Bedingt ist dieser Bruch und die Verschiebung der Akzente in der Interpretation Hölderlins vor allem durch die geschichtlichen Veränderungen: Konnte Lukács in den 30er Jahren auf ein Proletariat als historisches Subjekt rekurrieren, das Geschichte zu ändern vermag, so ist dies in der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule nicht mehr umstandslos möglich. Im Zeichen von Faschismus, Stalinismus und einem entfesselten Kapitalismus wird das kritische Bewußtsein aufgerieben.

Was Lukács bei Hölderlin geschichtsphilosophisch an die Realität von Gesellschaft bindet, das wird bei Adorno zu einer Reflexion auf die Sprache selbst. Diese Verschiebung in der Hölderlin-Interpretation hin zur Sprache als kritischer Instanz sowie das Verhältnis von Subjekt und Natur gilt es als Prozeß nachzuzeichnen.

Die Aporien und die Ausweichbewegungen Hölderlins hin zu einer schwarz verhängten Utopie sind in der Tat einem materialen und gesellschaftlichen Moment geschuldet, welches sich als Misere in der Geschichte potenzierte, und von der Gegenwart und der Ästhetik Adornos her gedacht, nurmehr im Diskurs des Ästhetischen und in der Reflexion kritischer Philosophie erfahrbar zu machen ist – nicht anders eigentlich als zu Hölderlins Zeit. Allerdings: Im Schatten von Auschwitz und der Möglichkeit der universalen Vernichtung der Menschheit durch den Menschen selbst, wirft sich die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von Utopie und von verändernder, eingreifender Praxis überhaupt auf. Im Zusammenhang mit Adorno und insbesondere seinem Satz, dass nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, barbarisch sei, wie er dies in seinem Aufsatz »Kulturkritik und Gesellschaft« formulierte und später dann in seiner »Negativen Dialektik« revidierte, möchte ich kurz die Dichtung Paul Celans streifen. Celan selbst bezog sich dabei vielfach auf Hölderlin, insbesondere über jene Form von Sprache, welche an die Grenze ihres Ausdrucks, an die Grenze des Verstummens gerät und zugleich in die Musik übergleitet. Aus dieser Konstellation heraus soll eine Möglichkeit poetischen Sprechens nach Auschwitz bzw. im Zeichen von Katastrophenerfahrungen entfaltet werden.

Bersarin, Jahrgang 1964, studierte Philosophie, Soziologie, Germanistik und nebenher Kunstgeschichte. Er lebt und arbeitet in Berlin, ist tätig im Verlagswesen und beschäftigt sich mit der Philosophie und Ästhetik der Moderne sowie der Postmoderne. Insbesondere die Philosophie Kants, Hegels, Adornos und Benjamins wie auch Positionen des Französischen Poststrukturalismus gehören zu seinem Arbeitsfeld. Er betreibt den Blog »Aisthesis« (bersarin.wordpress.com) und macht Fotos, die er zuweilen hier zeigt: proteusphotographie.wordpress.com.

Heinrich Heine

und der Präcommunismus

Vortragsgespräch mit Klaus Briegleb Do 05.07.2012 – ACC, 20:00 Uhr

Achtung: Der Termin musste aus gesundheitlichen Gründen verschoben werden und findet jetzt statt am:

- Fr 13.07.2012 – ACC, 20:00 Uhr

»Wie kein anderer deutscher Schriftsteller war Heinrich Heine dazu prädestiniert, ein Grenzgänger zu werden, wurde er doch auf der Grenze zweier Jahrhunderte und zweier Welten geboren und wuchs zwischen zwei Kulturen und Religionen auf. Wie kein anderer fühlte er sich gezwungen, Grenzen zu passieren, zu verletzen und einzureißen. Blieb sein Leben durch Überqueren geographischer, politischer und religiöser Grenzen geprägt, so sein Werk durch Versetzen ästhetischer, intellektueller und schließlich existentieller Marksteine.« [Gerhard Höhn]

»Der ›zynische Materialismus‹ Heines leistet dies: Er spaltet in der Erinnerung die falschen Vereinheitlichungen im revolutionären Denken wieder auf und stellt die gespannten Beziehungen des Intellektuellen zur Geschichte genauer auf die wirkliche Wirklichkeit menschlicher Alltagserfahrung ein. Heine zudem spricht als Künstler, als das Genie eines ästhetischen Materialismus, der die Tröstungen der Schönheit für das wirkliche Leben der Menschen auch dann noch bereit hält, wenn sie von der Schwelle des Grabes herüber sprechen muß, das ihr in der modernen Menschheit geschaufelt wird. Hier wird nun die politische Dimension von Schönheit und Trost erkennbar. Marx weiß, daß Heine einer der frühen großen deutschen Kritiker der Entfremdung des Menschen von sich selbst unter den Bedingungen einer kapitalistischen Gesellschaft ist. Welchen Preis der Dichter für seine Kritik zu zahlen hatte, weiß Marx auch. Er kannte inzwischen selber die, wie Heine das nennt, ›schreckliche Krankheit des Exils, die Armut‹.« [Klaus Briegleb]

»Unbestritten ist Heines Literatur ›die eines Aufbegehrens gegen Überkommenes‹ ist kritischer Widerspruch gegen ›die bestehende Ordnung.‹ Insofern dieser Widerspruch der universal-revolutionären Ordnung Vollendung des mit 1789 begonnenen Umsturzes gewidmet ist und Heines Schriften daher unter dem Titel ›Revolutionsliteratur‹ subsumiert werden können, lassen sie sich in mancher Hinsicht als ›Wörterbuch der Revolution‹ untersuchen.« [Jutta Nickel]

»Nach dem zerstörungsbedingten Rückzug Gottes aus der Welt liegt sie dem Dichter Heine als zertrümmerte, geistlose, konsonantische Buchstabenfolge vor Augen; sie ist allegorisches Stückwerk, in dem durch die Arbeit des philosophisch geschulten Dichters der Gottesname in das ›Jetzt‹ seiner Erkennbarkeit ein- und so Gott aus seinem anfänglich abstrakten Sein heraustritt und in menschlicher Geschichte ›zum Bewußtsein seiner selbst [kommt]‹.« [Jutta Nickel]

»In seiner Aversion gegen revolutionäre Reinheit und Strenge meldet sich Mißtrauen gegen das Muffige und Asketische an, dessen Spur bereits manchen frühen sozialistischen Dokumenten nicht fehlt und weit später verhängnisvollen Entwicklungen zugute kam. Heine der Individualist, der es so sehr war, daß er sogar aus Hegel nur Individualismus heraushörte, hat doch dem individualistischen Begriff der Innerlichkeit nicht sich gebeugt. Seine Idee sinnlicher Erfüllung begreift die Erfüllung im Auswendigen mit ein, eine Gesellschaft ohne Zwang und Versagung. […] Heines Gedichte waren prompte Mittler zwischen der Kunst und der sinnverlassenen Alltäglichkeit. […] Die sich selbst widerspiegelnde und damit wiederum sich selbst kritisierende Willfährigkeit seiner Gedichte demonstriert, daß die Befreiung des Geistes keine Befreiung der Menschen war und darum auch keine des Geistes. […] Sein Wort steht stellvertretend ein für ihr Wort: es gibt keine Heimat mehr als eine Welt, in der keiner mehr ausgestoßen wäre, die der real befreiten Menschheit. Die Wunde Heine wird sich schließen erst in einer Gesellschaft, welche die Versöhnung vollbrachte.« [Theodor W. Adorno]

Im Gespräch mit Klaus Briegleb (Literaturhistoriker, Heine-Forscher und Herausgeber der sämtlichen Schriften Heines im Deutschen Taschenbuch Verlag) wollen wir uns einige Aspekte des Werks und Lebens von Heinrich Heine erschließen und über die Aktualität seiner Schriften diskutieren.

Lautréamont

und das Programm einer neuen Dichtung

Vortrag mit Stefan Hackländer – Do 12.07.2012 – ACC, 20:00 Uhr

»In einer verdrängenden Sozialordnung, die die Gleichsetzung von normal, gesellschaftlich nützlich und gut fordert, müssen die Manifestationen der Lust um ihrer selbst willen als ›Blumen des Bösen‹ erscheinen. In Herausforderung einer Gesellschaftsordnung, der die Sexualität als Mittel zu einem nützlichen Zweck dient, verteidigen die Perversionen die Sexualität als Zweck an sich; sie stellen sich damit außerhalb des Herrschaftgebietes des Leistungsprinzips und bedrohen es in seinen Grundfesten. Sie stiften libidinöse Beziehungen, die die Gesellschaft verdammen muß, da sie eben den Zivilisationsprozeß bedrohen, der den Organismus zu einem Arbeitsinstrument umgebildet hat. Sie sind das Symbol dessen, was unterdrückt werden mußte, damit die Verdrängung siegen und die immer wirksamere Beherrschung von Mensch und Natur durchsetzen konnte – ein Symbol der zerstörerischen Identität von Freiheit und Glück.« [Herbert Marcuse]

»Die Gesänge des Maldoror« des geheimnisvollen Autoren Lautréamont (1846 – 1870) gehören zu den schönsten, gleichwohl schrecklichsten und verstörendsten ›Romanen‹ der literarischen Moderne – eine Blume des Bösen, die hier in ungestümer, in ihrer Bestialität dennoch sublimer Weise aus der Verdrängung hervorbricht. Den Gesängen folgen die Poésies, die das Vorwort der »Gesänge des Guten« werden sollen – sie sind mit Hilfe der Entwendung anderer Gedichte und Werke geschrieben und loben das Gute des Menschen. Diese Dialektik wiederholt sich wenig später in der wirklichen Geschichte in umgekehrter Reihenfolge: als Aneignungsbewegung der Pariser Commune und deren blutiger Niederschlagung im Jahr 1871. Stefan Hackländer (Student der Germanistik und Philosophie sowie Gitarrist in einer Blackmetal-Band) spricht über Aspekte der Schriften von Lautréamont und wie dieser – in Entsprechung zu Arthur Rimbaud und Charles Baudelaire – das Programm einer neuen Dichtung begründete.

Arthur Rimbaud

die Niederschlagung der Commune und das Verstummen der Poesie

Vortrag mit Helmut Dahmer – Do 09.08.2012 – ACC, 20:00 Uhr

»Rimbaud war Rebell. Einer, der seine eher sanftmütige Natur gegen Erniedrigung und Depravation panzerte. Der auf Veränderung für sich und andere aus war und nach dem Geheimnis suchte, ›das Leben ändern‹. Der wußte, als er es für sich gefunden hatte, daß er damit zu einer ›ernsten Gefahr in der Gesellschaft‹ werden konnte. Sie hat ihm seine Anmaßung bis heute nicht verziehen, diese Gesellschaft der Bourgeoisie. […] Rimbaud kann indes nicht anders denn als Zeitgenosse der Pariser Commune die ein ›neuer Ausgangspunkt von welthistorischer Wichtigkeit‹ (Marx) war, gelesen werden. Der Aufstand der Pariser Communarden und ihre Niederlage sind die geschichtliche Grunderfahrung, deren Spuren das gesamte Werk auf eine nicht auf der flachen Hand liegende Weise durchziehen. Dieses Werk des frühreifen Dichters, Musterschüler seiner Klasse und brillanter Kenner der klassischen Rhetorik, ist in nur fünf Jahren zwischen 1870 und 1875 entstanden. Im Alter von fünfzehn bis neunzehn Jahren erarbeitete Rimbaud seine Dichtungen, die nicht nur der französischen Poesie ganz neue Möglichkeiten erschließen sollten, sondern die ›eine kopernikanische Wende der modernen Dichtung‹ (Werner Krauss) überhaupt einleiten.« [Karlheinz Barck]

»Arthur Rimbaud und zwei seiner Zeitgenossen – der zehn Jahre ältere Nietzsche und der anderthalb Jahre jüngere Freud – haben zur Entzauberung (oder Depossedierung) des Ichs in besonderer Weise beigetragen, indem sie in seinem Inneren selbst ein Anderes, ein Nicht-Ich kenntlich machten.« [Helmut Dahmer]

Nachdem Arthur Rimbaud eine »objektive« Dichtung begründet und einige der unkonventionellsten Gedichte und Prosa-Stücke der Moderne geschrieben hatte, brach er abrupt mit der Dichtung und begann, als Abenteurer und scharfsichtiger Beobachter durch die Welt zu reisen, bevor er als (Waffen-)Händler und Geograph von Aden und Harar aus in (damals) unerforschtes Gebiet (Ogaden) vordrang. Helmut Dahmer (Soziologe und Herausgeber einer Sammlung von Trotzki-Schriften) beschäftigt sich mit Psychoanalyse und Kritischer Theorie und spricht über einige Aspekte des Lebens und Werks von Arthur Rimbaud.

Zur Geschichte der Pariser Commune von 1871

Filmabend & Seminar

Filmabend und Wochenendseminar 10.-12.08.2012

»Freilich hat die revolutionäre Partei in Frankreich, bei ihrem Erwachen angegriffen, unorganisiert, durch verschiedene Elemente gehemmt, zu einem militärischen Kampf gezwungen, weder ihre Ideen noch ihre Legionen entfalten vermocht, und die Revolutionäre sind nicht so thöricht, in dieser Episode, wie gigantisch sie auch sei, die ganze Revolution zu sehen. Dieser Kampf ist nur ein Vorspiel, ein ›Vorpostengefecht‹, wie Bebel sagte. Aber die revolutionäre Partei in Frankreich hat ein unvergeßliches Beispiel der Initiative, der Kühnheit und des Muthes hinterlassen. Wenn sie nicht gesiegt hat, so hat sie doch wenigstens den Weg gezeigt. Mehr noch; sie tritt die chauvinistischen Traditionen, die sich in den Sozialismus eingeschlichen hatten, mit Füßen, sie setzt nicht einen thörichten Stolz darein, ihre Fehler zu leugnen. Sie enthüllt sie vielmehr, damit sie der Zukunft der Lehre dienen, damit der Sohn nicht den Weg des Vaters aufs Neue zu machen habe.« [Prosper-Olivier Lissagaray]

»Die Kommune von 1871 konnte nichts anderes sein als ein erster schwacher Versuch… Wenn wir uns ausschließlich an die wirklichen und greifbaren Taten der Kommune halten würden, dann müssten wir sagen, daß dieser Gedanke nicht umfassend genug war… Wenn wir uns dagegen an den revolutionären Geist halten, an die Tendenzen, welche sich zur Geltung zu bringen strebten und keine Zeit hatten Tatsachen zu werden, weil sie schon in der Knospe unter Bergen von Leichen erstickt wurde – dann werden wir die ganze Tragweite jener Erhebung und die Sympathien verstehen, welche sie den Arbeiterklassen … einflößt.« [Pjetr Kropotkin]

»Das bloße Bestehn der Kommune führte, als etwas Selbstverständliches, die lokale Selbstregierung mit sich, aber nun nicht mehr als Gegengewicht gegen die, jetzt überflüssig gemachte, Staatsmacht. […] Die Kommune machte das Stichwort aller Bourgeoisrevolutionen – wohlfeile Regierung – zur Wahrheit, indem sie die beiden größten Ausgabequellen, die Armee und das Beamtentum, aufhob. Ihr bloßes Bestehn setzte das Nichtbestehn der Monarchie voraus, die, wenigstens in Europa, der regelrechte Ballast und der unentbehrliche Deckmantel der Klassenherrschaft ist. Sie verschaffte der Republik die Grundlage wirklich demokratischer Einrichtungen. Aber weder „wohlfeile Regierung“ noch die „wahre Republik“ war ihr Endziel; beide ergaben sich nebenbei und von selbst.« [Karl Marx]

Nicht einem vermeintlichen Fortschritt in die Zukunft anzuhängen, sondern die Vergangenheit zu rächen – dies ist, was Walter Benjamin als Imperativ revolutionären Geschichtsbewusstseins formuliert. Aus diesem Grund lohnt es, sich mit der Pariser Commune von 1871 zu beschäftigen und in ihr nach Unabgegoltenem zu suchen. In dieser ersten großen proletarischen Erhebung kulminierten auch zahlreiche Momente der Moderne. Gegen die Heroisierung der Commune durch die KP-Ideologen und Staatssozialisten wollen wir in einem Wochenendseminar die Ereignisse der Pariser Commune rekonstruieren und uns mit ihrer Behandlung in den Texten von Marx, den Anarchisten und Rätekommunisten, sowie den Situationisten auseinandersetzen – nicht im Sinne einer problemlosen Anknüpfung und Fortführung jener Tendenz, sondern als kritische Aneignung einer selbst problematisch gewordenen Revolutionsgeschichte. Weitere Informationen über Inhalt und Ablauf des Seminars folgen in Kürze.

Allegorie und Revolte bei Baudelaire und Blanqui

Walter Benjamins Zeugen der Urgeschichte des 19. Jahrhunderts

Vortrag mit Jan Sieber – Do 23.08.2012 – ACC, 20:00 Uhr

»Man befand sich gleichsam in einer Kapelle, die dem orthodoxen Ritus der Konspiration gewidmet war. Die Türen standen jedermann offen, aber man kam nur wieder, wenn man Adept war. Nach dem verdrießlichen Defilee der Unterdrückten erhob sich der Priester dieser Stätte. Sein Vorwand war, die Beschwerden seines Klienten zu resümieren, des Volks, das von dem halbend Dutzend anmaßender und gereizter Dummköpfe, die man eben gehört hatte, repräsentiert wurde. In Wirklichkeit setzte er die Lage auseinander. Sein Äußeres war distinguiert, seine Kleidung tadellos; sein Kopf war feingebildet; sein Ausdruck still; nur ein unheilverkündender, wilder Blitz fuhr manchmal durch seine Augen.« [J.-J. Weiss über Blanqui]

»Der bedeutendste der Pariser Barrikadenchefs, Blanqui, saß damals [zur Zeit der Pariser Commune] in seinem letzten Gefängnis, dem Fort du Taureau. In ihm und seinen Genossen sah Marx in seinem Rückblick auf die Junirevolution ›die wirklichen Führer der proletarischen Partei‹. Man kann sich von dem revolutionären Prestige, das Blanqui damals besessen und bis zu seinem Tode bewahrt hat schwerlich einen zu hohen Begriff machen. Vor Lenin gab es keinen, der im Proletariat deutlichere Züge gehabt hätte. Sie haben sich auch Baudelaire eingeprägt. Es gibt ein Blatt von ihm, das neben andern improvisierten Zeichnungen den Kopf von Blanqui aufweist.« [Walter Benjamin]

Charles Baudelaire holt das Alltägliche, den Lärm der Straße, die permanente Anwesenheit der Masse in den Großstädten, das Triviale, das Geschäft der Lohnarbeit und den Schock in die Dichtung hinein. In der warenproduzierenden Moderne – die mit der Abschaffung der Erzählung und der Einführung der Information als Stückware die Möglichkeit von Erfahrung untergräbt – widmet sich Baudelaire einem melancholischen Realismus, der die permanente Anspannung der in ihr lebenden Subjekte mimetisch reproduziert und damit gleichzeitig bricht. Indem er das Schock-Erlebnis, dem die Großstadtbewohner ständig ausgesetzt sind, künstlich überhöht und als dichterisches Fragment eine Form gibt, ringt er ihm die Möglichkeit von Erfahrung ab. Er setzt nicht das Authentische gegen die Blasiertheit, sondern pariert Entfremdung mit Entfremdung. Walter Benjamin hat Charles Baudelaire mit dem Barrikadenkämpfer Louis-Auguste Blanqui verglichen: Beide rechnet er dem Milieu der Bohème zu. Das Blitzen, das während seiner Reden in den Augen Blanquis erscheint, findet Benjamin in den Gedichten Baudelaires wieder.

Für Walter Benjamin sind August Blanqui und Charles Baudelaire, Zeugen – ersterer, als »der bedeutendste der Pariser Barrikadenchefs« der französischen Junirevolution von 1848, Zeuge jener untergründigen und eigentlichen Geschichte, die die Geschichte der Verlierer, der Unterdrückten, der Sklaven und – in ihrer modernen Erscheinung – des Proletariats ist; letzterer, als größter französischer Dichter der Moderne, Zeuge des Verfalls der Erfahrung im Zeitalter des Hochkapitalismus. Nicht nur ihre Zeitgenossenschaft, Baudelaires Beteilung an der von Blanqui gegründeten Gruppe Société républicaine centrale oder ihr beider Kampf auf den Pariser Barrikaden verbindet sie. Für Benjamin ist ihre tiefere Verwandtschaft eine charakterliche Haltung gegenüber der modernen Welt: »der Rätselkram der Allegorie beim einen, die Geheimniskrämerei des Verschwörers beim anderen.« Blanqui und Baudelaire verkörpern jeweils eine Seite desselben: Allegorie und Verschwörung, geschichtliche Erfahrung und revolutionäre Praxis. »Blanquis Tat ist die Schwester von Baudelaires Traum gewesen. Beide sind ineinander verschlungen. Es sind die ineinander verschlungenen Hände auf einem Stein, unter dem Napoleon III. die Hoffnungen der Junikämpfer begraben hatte.« Wenn für Benjamin Geschichtsschreibung heißt, die Geschichte gegen den Strich zu bürsten, dann bedeutet dies, die Geschichte der Moderne, verdichtet in der von Paris, der Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, und der Kultur des französischen Second Empire von den Barrikaden des Pariser Proletariats her, der Niederlage der Pariser Kommune und der Repression der Arbeiterbewegung in den darauf folgenden Jahrzehnten zu lesen. Der Vortrag wird die Konstallation zwischen Blanqui und Baudelaire in Benjamins Passagen-Werk sowie ihren Einfluss auf Benjamins Geschichtsbegriff verfolgen.

Jan Sieber, studierte in Bremen, Lüneburg und London Kunst- und Kulturwissenschaften sowie Philosophie; momentan wissenschaftlicher Mitarbeiter und Promovent an der UdK Berlin; Mitglied der Gruppe und Mitherausgeber der gleichnamigen Zeitschrift Anthropology+Materialism; Mitglied von Berlin Group for Radical Thinking.