»Die Verwirklichung der Poesie«

Die vorliegende Ausgabe der Broschüren-Reihe Kunst, Spektakel & Revolution dokumentiert den vierten Teil der gleichnamigen Veranstaltungsreihe, der von Juni bis August 2012 in Weimar stattfand, und ist gleichzeitig dessen ergänzende Nachbereitung.

Gegenstand dieser Textzusammenstellung ist eine Betrachtung der Geschichte des 19. Jahrhunderts und des Verhältnisses von Dichtung und Revolution innerhalb dieser Zeitspanne. Wenn diese Betrachtung mit einigen Überlegungen zu einem Ereignis des ausgehenden 18. Jahrhunderts beginnt – zur französischen Revolution von 1789ff –, so entspricht dies dem Umstand, dass kein anderes Ereignis die Einsichten und Erwartungen der Revolutionäre des 19. Jahrhunderts so sehr geprägt hat wie sie. Einerseits hatte sich in der französischen Revolution gezeigt, dass es möglich ist, historisches Geschehen bewusst in die eigene Hand zu nehmen und der heroische Anspruch, mit dem Alten für immer zu brechen, hat manche Leidenschaft für den Fortschritt gewonnen – auf der anderen Seite war sie unvollendet geblieben: auf Basis der Befreiung vom Feudalismus hatte die Bourgeoisie ihre Herrschaft errichtet, deren unterlegener Gegenpart, das noch im Entstehen begriffene Proletariat, die Revolution wesentlich mitgetragen hatte. So war das ganze 19. Jahrhundert von der Erwartung einer kommenden Revolution geprägt, die das, was 1789 begonnen hatte, dieses mal gegen die Bourgeoisie vollenden sollte: »Die Französische Revolution ist nur der Vorbote einer anderen, noch viel größeren, viel feierlicheren Revolution, die die letzte sein wird.« (Babeuf)

Innerhalb dieses Rahmens, der von der kommenden Revolution durch und durch bestimmt ist, entwickelten sich die grundlegenden gesellschaftlichen Konflikte, die in unserer Gegenwart in transformierter Form immer noch bestimmend sind. Dies festzustellen ist fatal, denn die Revolution blieb aus: »So sehr aber das 19. Jahrhundert als das ›Zeitalter der Revolution‹ in seinen technischen, sozialen, ökonomischen und geistigen Umwälzungen erscheinen mag und in der Tat von dem ›geheimen Leitmotiv‹ der Revolution beherrscht war, so sehr auch die etablierten Kräfte der Reaktion die Revolution als die ›weltgeschichtliche Signatur unseres Zeitalters‹ fürchteten, so wenig ist doch über den Tatbestand hinwegzusehen, daß dies ein Jahrhundert ohne große Revolution war.«1 Die Niederschlagung der Pariser Kommune hat schließlich Frankreich als die wunde Stelle der Heiligen Allianz befriedet und so konnte die Herrschaft eine Weile fest im Sattel sitzen. Als dann 1917 in Russland zum zweiten mal nach 1789 eine Revolution glückte, hatte sich die Erwartung der Revolution bereits mit der Ahnung der Katastrophe vermischt – denn die Oktoberrevolution geschah vor dem Hintergrund des ersten Weltkrieges, dem die Arbeiterparteien der meisten beteiligten Länder zugestimmt oder keinen nennenswerten Widerstand entgegen gebracht hatten. Wenn die erwartete Revolution im 19. Jahrhundert ausblieb, so erfüllte sich umso mehr im 20. Jahrhundert die Ahnung der Katastrophe. Und mehr noch: die tatsächlich stattfindende Katastrophe hat die Fantasien des Katastrophismus um ein Vielfaches übertroffen. Sie besteht einerseits in der schmählichen Niederlage der internationalen Arbeiterbewegung vor dem Nationalsozialismus einerseits (den die deutschen ArbeiterInnen zu großen Teilen mittrugen) und der so möglich gewordenen Judenvernichtung, und sie besteht andererseits in der tragischen Verwandlung der Oktoberrevolution in eine wahnsinnige und mörderische Staats- und Polizeimaschine. Wenn wir uns heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, die Geschichte des 19. Jahrhunderts bewusst machen wollen, stoßen wir unweigerlich auf dies: Auf das Erbe des Scheiterns des gesamten revolutionären Projekts und auf die Vorgeschichte des katastrophischen Verlaufs im darauffolgenden Jahrhundert.

Die Poesie ist in diesem Zusammenhang entweder eine vorauseilende Antizipation der kommenden Revolution oder Symptom ihrer Abwesenheit und ihres Ausbleibens – und dafür muss sie die Revolution nicht unmittelbar zum Gegenstand haben. In revolutionären Augenblicken muss nicht gedichtet werden, denn die revolutionären Taten sind selbst die Poesie. Die moderne Dichtung geht andere Wege als die organisierte Vorbereitung der Revolution, etwa in Gestalt der ersten Arbeiterbewegung – sie findet außerhalb davon statt, auch wenn sich die Protagonisten beider Bereiche von Zeit zu Zeit in einem ähnlichen Milieu wiederfinden. Und ihr Sensorium befördert Anderes zutage als die Wissenschaft, die diesen Organisierungsversuch begleitet. In dem Moment, in dem Poesie und Revolution sich berühren, hört erstere auf in ihrer abgeschlossenen Form zu sein und letztere löst sich von denen, die sie »machen« wollen. Davon handelt diese Broschüre und in diesem Sinne ist der Titel, »Die Verwirklichung der Poesie«, zu verstehen.

Dass dieser Titel nicht unproblematisch ist, wird klar, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die »revolutionären Frühlingsmorgen« von Hölderlin, Rimbaud, Baudelaire (und wie sie alle heißen), allesamt bärtige Gesichter haben – wie es Marlene Pardeller in ihrem Text in dieser Broschüre ausgedrückt hat. Erst in der Nachbereitung des vierten Teils der Reihe Kunst, Spektakel & Revolution ist den OrganisatorInnen aufgefallen, dass im gesamten Programm als Protagonisten von Dichtung und Revolution nur Männer verhandelt worden waren. Diese Feststellung macht nicht aus einem Pflichtgefühl gegenüber der Quote, sondern aus sachlichen Gründen Sinn – sie berührt das beackerte Themengebiet wesenhaft. Denn einerseits haben zahlreiche Frauen schreibend ihre Erfahrung verarbeitet, dass auch ihre Revolution ausgeblieben war und sie darüber hinaus feststellen mussten, dass auch die proletarische Revolution nicht fraglos die ihre sein sollte. Wer die Dokumente dieser Erfahrung nicht zur Kenntnis nimmt, hat auch das Verhältnis von Dichtung und Revolution nicht ausreichend erforscht. Darüber hinaus lässt sich feststellen, dass Frauen nicht nur die Bedingungen, zu schreiben, oftmals vorenthalten oder erschwert waren, sondern dass die moderne Dichtung in ihrer Gestalt selbst zutiefst von einem bestimmten (imagnären) Umgang mit Frauen geprägt ist: Hölderlin lässt Diotima einsam vor Trauer sterben, weil sie ihren Geliebten im revolutionären Krieg gefallen wähnt, in zahlreichen Gedichten schmiegt sich Heinrich Heine nekrophil ins Grab seiner imaginierten Geliebten, auch für Rimbaud muss die Geliebte dem Gemahl in die Hölle folgen, bei Lautréamont ist die Grenze zwischen seinem literarischen Experiment und der erbaulichen Grusel-Dichtung mit der Schilderung einer brutalen Vergewaltigung markiert – in Peter Bürgers Worten zusammengefasst: »Die Frau gibt das Leben, aber sie gibt auch das Leben des Wortes, das wir Literatur nennen. Dies tut sie aber nur als Tote. Der tiefste Grund der Literatur ist ein Opferritual, in dem die Frau die Geopferte ist.«2 – Kurz: die Verwirklichung der Poesie scheint keine sonderlich angenehme Perspektive für Frauen zu sein. Dass in dieser Broschüre Texte über Rahel Varnhagen, Louise Michel und Elisabeth Dmitrieff enthalten sind, soll nicht den Eindruck erwecken, dass dieses grundlegende Problem damit abgearbeitet sei. Der erwähnte Text von Marlene Pardeller ist nur ein erstes Ergebnis zweier Seminare über das Verhältnis von Kunst, Avantgarde und Geschlecht, die im Rahmen der Reihe Kunst, Spektakel & Revolution stattgefunden haben – diese Auseinandersetzung wird fortgesetzt werden in weiteren Veranstaltungen sowie in Form von Texten in den nächsten geplanten Broschüren.

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Seitdem 2009 der erste Teil der Reihe Kunst, Spektakel & Revolution organisiert worden und 2010 die erste Broschüre unter diesem Titel erschienen ist, hat sich einiges getan. Während die anfängliche Triebkraft, eine solche Reihe zu organisieren, in einer fast naiven Begeisterung an einem bestimmten Themenfeld lag, haben die OrganisatorInnen bald gemerkt, dass die eigenen Fragestellungen nicht einfach aus einer subjektiven Neigung entspringen, sondern aus einem Umfeld, zu dem man mehr oder weniger freiwillig selbst gehört. Unter Anderem in Leipzig3, Hamburg4, Bremen5, Halle6, Frankfurt a.M.7 und Wien8 fanden Veranstaltungsreihen oder Kongresse statt, die sich mehr oder weniger in der Tradition der kritischen Theorie mit bürgerlicher, moderner und avantgardistischer Kunst auseinandergesetzt haben. So unterschiedlich der Charakter und die Ausrichtung der verschiedenen genannten Bemühungen ist, so sehr lassen sich in den inhaltlichen Bezügen, in der Sprache und in der Form der Auseinandersetzung Gemeinsamkeiten feststellen. Man kann sich über solche Gemeinsamkeit freuen und den Austausch suchen. Gleichzeitig möchte man herausfinden, warum sich ausgerechnet heute und in dieser historischen Situation genau diese Fragestellungen aufdrängen – in der Hoffnung dass es sie gibt, möchte man an ihre Objektivität herankommen.

Doch die Erkenntnis darüber liegt nicht einfach an der Oberfläche – dass wir in Zeiten einer umfassenden Ästhetisierung des gesamten Alltagslebens und der Politik leben und deswegen Gesellschaftskritik und ästhetische Kritik eine Verbindung eingehen müssen, wäre eine Antwortmöglichkeit. Fragt man die ProtagonistInnen selbst, die aus einem akademisch-subakademischen, in jedem Fall theorie-affinen Milieu kommen, so wird man auf die Frage nach dem Sinn einer Auseinandersetzung mit Kunst oft etwa solch eine Antwort bekommen: Kunst kann einen Erfahrungsraum öffnen, der jenseits zweck-rationaler Imperative und kapitalistischer Verwertungszwänge liegt, der mit kategorialer Kritik verwandt ist und ein Antriebsmoment ebendieser sein kann. Kurz: Erfahrung ist heute, wenn überhaupt, als ästhetische Erfahrung möglich. Und noch einmal anders: In Zeiten, in denen kein praktischer Ansatz zur Überwindung der gegenwärtigen Malaise in Sicht ist, so hat die Kritik ihren Hort doch möglicherweise in der ästhetischen Erfahrung. Doch diese Rede von der ästhetischen Erfahrung ist verdächtig. Denn eine Vertiefung der Erfahrung ist nur durch Vertiefung der Praxis zu gewinnen – diese ist jedoch abwesend. Dass es in diesem Milieu bis auf einzelne Ausnahmen keine Aneignung oder Entwendung künstlerischer Mittel und es kein Experimentieren mit diesen gibt, dass es keinen praktischen Umgang mit dem Material gibt, über das man spricht, mag der Grund dafür sein, dass die Rede von der ästhetischen Erfahrung oftmals so äußerlich wirkt, als würde von etwas geredet, das man höchstens vom Hören-Sagen kennt. Geheimnisvoll und sehr bedeutend führt man ihren Namen im Mund, als redete man von der erwarteten Ankunft eines kommenden Gottes.

Vielleicht gibt es auch keinen besonderen Grund, sich mit Kunst auseinanderzusetzen. Vielleicht gibt es überhaupt keinen prädestinierten Bereich, von dem aus das Projekt der Gesellschaftskritik einen besonders guten Ausgangspunkt hätte. Vielleicht ist es egal, wo man beginnt, welchen Gegenstand man wählt – vielleicht muss man sich von jedem Punkt aus, aus einer ganzen Schicht von Überlieferungen, Vorurteilen, Denkmoden, eingespielten Codes und bornierten Erwartungen herausarbeiten, die eine klare und weitsichtige Erkenntnis ständig behindert. Wir versuchen dabei unser Bestes und begrüßen jeden, der – im Bedürfnis gegenwärtig zu sein – offenherzig unsere Verneinung der Gegenwart teilt.

Die KSR-Redaktion, bisher größtenteils von einer Einzelperson gestellt, befindet sich derzeit in einem Transformationsprozess. Näheres erfahrt ihr in der nächsten Broschüre.

  1. Frank Deppe: Verschwörung, Aufstand und Revolution – Blanqui und das Problem der sozialen Revolution, Frankfurt am Main 1970, S. 13. [zurück]
  2. Peter Bürger: Ursprung des postmodernen Denkens [zurück]
  3. www.brimboria-kongress.net und aesthetikdenken.wordpress.com [zurück]
  4. www.kritikmaximierung.de/veranstaltungen/kunst/ [zurück]
  5. www.extrablatt-online.net/termine/kunst-und-kapital.html [zurück]
  6. kritischeintervention.wordpress.com/2013/01/06/die-aktuellen-vortragsreihen/ [zurück]
  7. www.kunst-erkenntnis-problem.de [zurück]
  8. www.redaktion-bahamas.org/aktuell/20110939konferenz-wien.html [zurück]