Über die Frauen der Pariser Kommune, Elisabeth Dmitrieff und die »Union des Femmes«1

»Wenn die französische Nation nur aus Frauen bestünde, was wäre das für eine schreckliche Nation« – so soll ein Korrespondent der Londoner ›Times‹ die Ereignisse der Pariser Kommune kommentiert haben. Die ›heroische‹ Beteiligung von Frauen ist immer wieder erwähnt und untersucht worden, seit Prosper-Olivier Lissagaray 1876 in seiner »Geschichte der Kommune von 1871« das Augenmerk darauf gerichtet hat:

Die Frauen gingen zuerst vor, wie in den Tagen der Revolution. Die Frauen vom 18. März waren durch die Belagerung gestählt – sie hatten eine doppelte Portion des Elends zu tragen gehabt – und warteten nicht auf ihre Männer. Sie umringten die Mitrailleusen und sprachen auf die Geschützführer ein: ›Es ist eine Schande! Was macht ihr hier?‹ Die Soldaten schwiegen. Dann und wann sagte ein Unteroffizier: ›Geht, gute Frauen, macht, dass ihr fortkommt!‹ Der Ton seiner Stimme war nicht rauh, und die Frauen blieben … Eine große Menge von Nationalgardisten mit erhobenen Gewehrkolben, Frauen und Kinder stürmen durch die Rue des Rosiers vor. [General] Lecomte sah sich umzingelt, er befahl dreimal, das Feuer zu eröffnen. Aber seine Leute blieben Gewehr bei Fuß. Als die Menge näherkam, verbrüderten sie sich, und Lecomte und seine Offiziere wurden festgenommen.

Die starke Präsenz von Frauen in der Pariser Kommune hat mehrere Ursachen. Wichtige Teile der französischen Arbeiterbewegung hatten sich bereits 1871 weg von einem streng antifeministischen Proudhonismus hin zu einer offeneren Einstellung politisch aktiven Frauen gegenüber umorientiert.2 Nachdem 1868 das Versammlungsverbot in Frankreich aufgehoben worden war, hatte es vor allem in Paris zahlreiche Konferenzen, Vorträge und Diskussionsveranstaltungen zur ›Frauenfrage‹ gegeben. Zu dieser ›Politisierung‹ der Frauen und der damit einhergehenden Sensibilisierung bisher männlich dominierter Gruppen kam aber ein zweiter wichtiger Aspekt hinzu: Den ganzen Winter 1870/71 über war die Stadt von preußischen Truppen belagert worden, was zu einem kaum zu bewältigenden Versorgungsnotstand geführt hatte. Um die Beschaffung von Nahrungsmitteln und Brennstoff zu organisieren, hatten sich zahlreiche Kooperativen und Nachbarschaftsgruppen gebildet, bei denen Frauen eine wichtige Rolle spielten und die zur Basis politisch orientierter Frauenorganisationen werden konnten. Außerdem setzte die extreme Ausnahmesituation die herkömmlichen Mechanismen außer Kraft, die sonst einer Mitwirkung von Frauen am öffentlichen Leben im Weg standen: In der Not zählte buchstäblich jede Hand, so dass Spekulationen über die ›natürliche‹ Beschränkung von Frauen auf bestimmte Rollen hinfällig wurden; außerdem ließ die konkrete Betroffenheit familiärer Lebensbereiche durch die politischen Ereignisse – die unmittelbar spürbare Wechselwirkung zwischen Krieg, Politik und Alltagsleben – keinen Spielraum für einen Rückzug von Frauen ins ›Private‹.

Schließlich kam noch der Umstand hinzu, dass die Frauen mit ihrer von Lissagaray geschilderten Aktion vom 18. März den Anfang der Kommune markiert hatten. Seit dem umstrittenen Waffenstillstand mit Preußen Ende Januar und dem klaren Sieg der Monarchisten bei der Wahl zur Nationalversammlung Mitte Februar war eine Kluft zwischen Paris und den Provinzen deutlich geworden: Paris war mehrheitlich gegen ein ›unehrenvolles‹ Kriegsende, die Provinzen wollten Frieden um jeden Preis. Ärger über Gesetze der neuen Nationalversammlung kamen hinzu: Die Entscheidung, den Sitz der Regierung nach Versailles zu verlegen, der Beschluss, die während des Krieges vorgenommene Aussetzung von Schuldenrückzahlungen und Mietzahlungen wieder aufzuheben, sowie die Einstellung der Soldzahlungen an die Pariser Nationalgarde, die nach dem Sturz der Monarchie ein halbes Jahr vorher gegründet worden war. Die Nationalgarde – seit Kriegsausbruch durch Freiwillige auf 350.000 Männer angewachsen und unterstützt durch Gruppen aus der Bevölkerung – verweigerte den Preußen gegen die Weisung aus Versailles den Einzug nach Paris. Als Regierungstruppen in der Morgendämmerung des 18. März versuchten, die verbliebenen Kanonen, die im Stadtteil Montmartre deponiert waren, aus der Stadt zu schaffen, waren es Frauen – so früh schon auf den Beinen, um Nahrungsmittel zu organisieren – die Alarm schlugen. Sie stellten sich zwischen die Kanonen und die anrückende Armee und verzögerten so den Abtransport bis zum Eintreffen der Nationalgarde. Die Skrupel der Soldaten, auf Frauen und Kinder zu schießen, bestärkten sie durch Diskussionen und brachten so einen Teil der regulären Armee dazu, zu den Aufständischen überzulaufen – genau diese Strategie hatte Virginie Barbet ein Jahr zuvor den Frauen beim Streik von Le Creuzot empfohlen.

Es wird in den nächsten Tagen kontrovers diskutiert, ob es ein größeres Blutvergießen zwischen der Pariser Nationalgarde und den Versailler Truppen verhindern könne, wenn massenhaft Frauen mit aufs Schlachtfeld zögen. In den folgenden Wochen übernahmen Frauen die Versorgung der kämpfenden Truppen und die Versorgung der Verwundeten. Lissagaray schreibt:

Auf den Straßen … ein Bataillon von hundert Männern, die ins Feld ziehen oder zurückkommen, einige Frauen die sie begleiten. … Diese Frau, die da grüßt oder mitgeht, ist die tapfere und wahre Pariserin. Die ekelhafte Androgyne, aus imperialem Kot geboren, ist ihren Verehrern nach Versailles gefolgt oder lässt sich von der preußischen Zeche in Saint-Denis aushalten. Die jetzt den Pflasterstein in die Hand nimmt, ist die starke Frau, leidenschaftlich, tragisch, die zu sterben weiß, wie sie liebt … die Arbeitskollegin will sich auch im Tod anschließen … Sie hält ihren Mann nicht zurück, im Gegenteil, sie drängt ihn in den Kampf, sie bringt ihm Wäsche und Suppe in den Schützengraben, wie vorher in die Werkstatt. Viele wollen gar nicht mehr zurückkehren, sondern greifen selbst zum Gewehr. Auf der Hochebene von Châtillon waren sie die letzten im Feuer … Am 3. April blieb die [Marketenderin] des 66. [Bataillons], die Bürgerin Lachaise, den ganzen Tag auf dem Schlachtfeld und pflegte die Verwundeten, fast ganz allein, ohne Arzt. Wenn sie zurückkehren, rufen sie zu den Waffen, … und hängen in der Bürgermeisterei des 10. [Arrondissements] glühende Proklamationen an: ›Es gilt zu siegen oder zu sterben. Ihr, die Ihr sagt: Was kümmert mich der Triumph unserer Sache, wenn ich meine Lieben verlieren muss! Wisst, dass es nur ein Mittel gibt, Eure Lieben zu retten: wenn Ihr Euch selbst in den Kampf werft.‹

Es ist schwer zu sagen, wie viele Frauen sich an der Kommune beteiligten. Die Organisatorinnen eines geplanten Frauenmarsches nach Versailles – in Erinnerung an die Revolution von 1789 – reklamierten 10.000 Unterstützerinnen, eine Zahl, die Samuel Bernstein übernimmt. Eine Kommunardin, Béatrix Excoffon, erinnert sich an eine Frauenversammlung am 3. April mit 700 bis 800 Frauen an der Place de la Concorde. Elisabeth Dmitrieff schreibt, zu den Versammlungen ihrer Union des Femmes kämen 3000 bis 4000 Frauen. Die Gerichtsakten der Prozesse im Anschluss an die Kommune weisen vergleichsweise geringere Zahlen aus: Unter den 270 Menschen, die offiziell hingerichtet wurden, waren acht Frauen, unter den 410 zur Zwangsarbeit Verurteilten 29, unter den 7496 Deportierten 36. Langjährige Gefängnisstrafen bekamen 1269 Männer und 8 Frauen, zu schwerem Kerker wurden 64 Männer und 10 Frauen verurteilt. Diese Zahlen müssen vorsichtig interpretiert werden, da der Anteil der rechtskräftig verurteilten Kommunardinnen und Kommunarden gering war.

Schon bei den Kämpfen während der Einnahme der Stadt durch Versailler Truppen in der ›Blutwoche‹ vom 21. bis 28. Mai sind 20.000 bis 30.000 Tote auf Seiten der Kommune zu zählen, Tausende wurden ohne offizielles Urteil exekutiert. Frauen waren zusätzlich noch sexueller Gewalt ausgesetzt. Bei der Statistik zum Ausgang der Gerichtsprozesse fällt außerdem auf, dass der Frauenanteil bei den härteren Strafen – Todesstrafe, Zwangsarbeit und schwerer Kerker – höher ist als unter den Deportierten oder Inhaftierten. Ein relativ kleiner Anteil von insgesamt verhafteten Frauen gegenüber einer relativ höheren Strafe bei den Prozessierten könnte darauf hindeuten, dass es Frauen mit weniger exponierter Aktivität in der Kommune eher gelungen ist als Männern, ihrer Verhaftung zu entgehen.

Auch die Art und Weise der Beteiligung von Frauen wies eine große Bandbreite auf. Viele Frauenorganisationen gingen auf Kooperativen zurück, die schon seit Jahren einen wichtigen Bestandteil der französischen Arbeiterbewegung ausmachten. Das Verhältnis der Kooperativbewegung zu Frauen war schwierig. Einerseits herrschte eine proudhonistische Ideologie vor, so dass viele Genossenschaften Frauen zunächst auszuschließen versuchten. Für das Jahr 1860 zählt Jules Simon 472.800 Männer und 69.770 Frauen, die in Kooperativen organisiert waren, wobei Frauen häufig zu schlechteren Bedingungen aufgenommen wurden. Andererseits beschäftigten sich die Kooperativen, wenn es sich nicht um reine Produktionsgenossenschaften handelte, jedoch mit Themen und Problemen, die traditionell in den Aufgabenbereich von Frauen fielen, insbesondere Krankenkassen, Volksküchen oder Lebensmittelvertriebe. Zunehmend begannen Frauen daher, eigene Kooperativen zu gründen, ihre Zahl schätzt Simon für 1860 auf 140 in ganz Frankreich. Die Kooperativen, die traditionell anti-republikanisch waren und sich in den fünfziger Jahren mit dem Regime von Napoleon III. mehr oder weniger arrangiert hatten, mussten sich nach der Niederlage Napoleons politisch neu orientieren. Ihre anti-republikanische Grundhaltung machte sie auch für anti-bourgeoise Argumente empfänglich und so wurden sie nun zu wichtigen Stützen der Pariser Kommune. Dabei wirkte sich auch aus, dass Mitglieder der Pariser Internationale – insbesondere Eugène Varlin und Natalie Lemel mit der Lebensmittelkooperative »La Marmite«, oder auch die Internationale Victorine Brocher mit einer Bäckereigenossenschaft – sich schon seit Ende der sechziger Jahre darum bemüht hatten, der Kooperativbewegung ein politisch-sozialistisches Profil zu geben.

Die zweite Säule von Frauenorganisationen in der Pariser Kommune neben den Kooperativen bildeten die ›Widerstandskomitees‹, die meist von Lehrerinnen und Intellektuellen gegründet wurden, wie etwa die »Société des équitables de Paris« [Gesellschaft der Gerechten von Paris] von Marguerite Tinayre. Die Widerstandskomitees hatten sich seit Kriegsbeginn in allen Stadtteilen gegründet, viele waren ausschließlich männlich oder gemischt, manche auch reine Frauenkomitees. Ihr Sinn war es, die Taktik und Strategie politischer Aktionen zu planen und zu diskutieren. Das bekannteste und einflußreichste Frauenkomitee war das von Louise Michel, André Léo, Sophie Poirier, Anna Jaclard und Béatrix Excoffon im 18. Arrondissement gegründete Widerstandskomitee Montmartre – diese Gruppe wurde zur wichtigsten Wortführerin für eine politische Einflußnahme von Frauen in der Pariser Kommune. Aber es gab noch zahlreiche andere Frauenklubs oder von Frauen dominierte Gruppen, die meisten von ihnen versammelten sich in besetzten Kirchen, zum Beispiel beim Klub in der Kirche Saint-Sulpice mit Paule Minck und Lodoïska Kawecka, in Saint Ambroise, in Notre-Dame de la Croix de Ménilmontant, in Saint-Christophe de la Vilette, in Saint-Bernard de la Chapelle oder in Saint-Lambert.

Schließlich gab es auch zahlreiche Versuche, die Frauenerwerbsarbeit zu unterstützen – etwa die Schneiderei-Werkstatt von Sophie Poirier mit 70 bis 80 Arbeiterinnen, oder die Krankenpflege zu organisieren – wie die von ›bürgerlichen‹ Frauen gegründete »Société de secours pour les victimes de la guerre« [Hilfsgesellschaft für die Opfer des Krieges]. Ein weiterer Punkt ist dann noch die Bereitschaft von Frauen zur militärischen Unterstützung der Kommune, ihre Bereitschaft, selbst zu kämpfen, die Versorgung der Nationalgarde durch Marketenderinnen und Krankenschwestern, und schließlich auch die moralische Unterstützung für die kämpfenden Männer. Die Bedeutung dieser Unterstützung war den Beteiligten offenbar bewußt:

Am 24. Mai sagte ein Föderierter das Wort zu den bürgerlichen Bataillonen, … das ihre Waffen zum Schweigen brachte: ›Glaubt mir, ihr könnt euch nicht halten; eure Frauen zerfließen in Tränen, und unsere weinen nicht einmal‹.

Elisabeth Dmitrieff und die »Union des Femmes«

Die russische Sozialistin Elisabeth Dmitrieff3, die kurz nach dem Kommuneaufstand nach Paris gereist war, trat zunächst einem bereits bestehenden, während der Belagerung gegründeten »Comité des Femmes« bei, dem etwa 160 Gruppen und Initiativen angehörten und das 1800 Mitglieder zählte, darunter auch Anna Jaclard, André Léo, sowie die führende Frau der Pariser Internationale, Natalie Lemel. Das Comité scheint ein weitverzweigtes Netz aufgebaut zu haben, das sowohl praktische organisatorische Aufgaben übernahm wie auch einen Zusammenschluss der eher politisch interessierten Frauen ermöglichte. Doch offenbar kam es hier bald schon zu Differenzen, und Elisabeth Dmitrieff machte sich an die Gründung ihrer eigenen Organisation. Am 11. und 12. April erschien in drei Pariser Zeitungen ein Appell von ›Bürgerinnen‹, in dem die Pariserinnen aufgefordert wurden, den militärischen Kampf ihrer Männer und Brüder vorbehaltlos zu unterstützen und auch selbst zur Waffe zu greifen: »Und wenn wir auch keine Gewehre und keine Bajonette haben, so bleiben uns doch die Pflastersteine, um die Verräter zu zermalmen« . Die Pariser Kommune wird darin in eine Reihe gestellt mit Revolutionen und sozialen Aufständen in ganz Europa und als Zeichen des Klassenkampfes gewertet. Anschließend werden die Frauen aufgefordert, sich am gleichen Tag um acht Uhr abends in der Rue du Temple Nummer 74, im Grand Café des Nations, zu versammeln, um Frauenkomitees in allen Arrondissements zu gründen. Wie viele Frauen diesem Aufruf gefolgt sind, ist nicht bekannt. Es sind neben Dmitrieff sieben »Arbeiterinnen« , die sich in einem offenen Brief am 14. April an die Verantwortlichen der Kommune wandten, weil

die Kommune als Repräsentantin des großen Prinzips der Aufhebung aller Privilegien und jeder Ungleichheit gehalten ist, den berechtigten Forderungen der gesamten Bevölkerung nachzukommen, ohne Unterschied des Geschlechts, eine Unterscheidung, die geschaffen und erhalten wird durch die Bedürfnisse des Antagonismus, auf dem die Privilegien der herrschenden Klassen ruhen.

Weil außerdem angesichts der »unmittelbaren Gefahr« und weil »der Feind vor den Toren von Paris steht« alle Gruppen der Bevölkerung »für die große Sache des Volkes, für die Revolution« kämpfen müßten, verlangte die »Union des Femmes pour la défense de Paris et les soins aux blessés« [Vereinigung der Frauen zur Verteidigung von Paris und die Versorgung der Verletzten], wie sie sich später nannte, einen Versammlungsraum in jedem Arrondissement sowie Geld für die Veröffentlichung von Flugblättern und Propagandaschriften. In ihrem revolutionären Pathos gehen diese Appelle weit über das hinaus, was selbst in diesen Tagen üblich war. Gleichzeitig beanspruchte Dmitrieff, dass ihre Union als Alleinvertreterin der Frauen anerkannt werde:

Die Regierungskommissionen haben sich ausschließlich an das Zentralkomitee der Bürgerinnen zu wenden, um die gewünschte Anzahl von Frauen zu finden, die bereit sind, in den Krankenstationen zu dienen oder, wenn es notwendig ist, auf den Barrikaden.

Die französische Historikerin Edith Thomas charakterisiert die Union des Femmes schlicht als »die weibliche französische Sektion der Internationale« . In der Tat sind die Verbindungen offensichtlich, zum Beispiel wurde der Mitgliedsbeitrag auf 10 centimes festgesetzt – der gleiche wie bei der Internationale – und später als 1. Punkt der Statuten festgelegt, dass jedes Mitglied der Union automatisch auch Mitglied der Internationale ist und die Mitglieder im Zentralkomitee der Union des Femmes waren auch tatsächlich überwiegend Arbeiterinnen. Es wird hier auch deutlich, wie sehr sich die Pariser IAA unter der Führung von Malon und Varlin, vermutlich auch unter dem Einfluß von André Léo und Nathalie Lemel gewandelt hatte, dass an die Stelle des ehemaligen proudhonistischen Antifeminismus das Bemühen getreten war, Frauen als Mitglieder und Mitkämpferinnen zu gewinnen. Die Pariser Internationalen sagten nun von sich, in deutlicher Parallele zum Programm der von Bakunin in der Schweiz gegründeten anarchistischen ›Allianz der sozialistischen Demokratie‹, sie wollten »eine soziale, eine politische Gleichstellung für Alle, ohne Unterschied des Geschlechts, des Glaubens und der Nation«. Mit der Gründung der Union des Femmes als Sektion der IAA unternahm Dmitrieff auch einen Versuch, die Internationale beim Wort zu nehmen. Bei den Frauen war dieser Schritt jedoch umstritten. Zwar wechselten viele aus dem alten Comité des Femmes zu Dmitrieffs ›Union‹ über – vor allem Natalie Lemel, die eine führende Rolle in der Union einnahm. Andere aber weigerten sich, der neuen Organisation beizutreten, zum Beispiel – obwohl sie in der IAA Mitglied war – André Léo und, was besonders erstaunt, Elisabeths ehemaliges revolutionäres Vorbild, Anna Jaclard.

Die Union des Femmes entwickelte eine rege Tätigkeit. Vom 11. April bis zum 14. Mai organisierte sie 24 öffentliche Versammlungen. Ihre Statuten wurden umgehend in der Presse bekannt gegeben. Wichtigste Aufgabe war es, »den Regierungskommissionen bei der Bereitstellung von Ambulanzen, Lebensmitteln und Barrikaden zu helfen« . Die Komitees in den Arrondissements sollten rund um die Uhr besetzt sein, Freiwillige registrieren und einteilen, und dem Zentralkomitee täglich über ihre Fortschritte berichten. Wichtig ist zudem noch Punkt 14 der Statuten: Er sah »den Einkauf von Petroleum und Waffen für die Bürgerinnen, die kämpfen« vor – von hier stammt die Bezeichnung »Pétroleuses« für die Kommunardinnen, die dann später für die Brandstiftungen in Paris verantwortlich gemacht wurden. Die Union etablierte sich so als Kontaktstelle zwischen der Kommuneregierung und einem dichten Netz an Frauengruppen und -initiativen. Es gab Mitgliedskarten, offizielle Beauftragte und feste Bürozeiten.

Schon bald bildete sich ein Arbeitsschwerpunkt heraus, der im ursprünglichen Programm gar nicht vorgesehen war: Die Organisation der Frauenerwerbsarbeit. Die Organisation der Produktion in den Werkstätten und Fabriken war nämlich eines der wichtigsten Probleme der Kommune. Nach dem 18. März hatten zahlreiche Unternehmer die Stadt verlassen und waren nach Versailles gegangen, »nachdem sie ihre Geschäftsführer angewiesen hatten, die Produktion zu desorganisieren und die Dekrete der Commune zu sabotieren«. Dadurch wurde die Versorgungslage in der Stadt immer schlechter, während die Arbeiterinnen und Arbeiter ohne Einkommen blieben. Es war dringend notwendig, die Produktion zumindest der wichtigsten Güter – Nahrungsmittel, Kleidung, aber auch militärische Ausrüstung etc. – wieder in Gang zu bringen. Gerade diese Arbeitsbereiche gehörten aber traditionell in den Aufgabenbereich von Frauen und sie übernahmen dies auch in der Kommune: Rund 3000 Frauen, schätzt Edith Thomas, arbeiteten in der Herstellung von Patronen, tausende produzierten Säcke zum Barrikadenbau oder nähten Militäruniformen.

Am 16. April erlies die Kommuneregierung das berühmte Dekret, dass die verlassenen Werkstätten durch Kooperativen von Arbeiterinnen und Arbeitern geführt werden sollten. Die Union des Femmes übernahm nun die Rolle der Wortführerin der von Frauen betriebenen Kooperativen: Elisabeth Dmitrieff forderte die Kommuneregierung auf, der Union des Femmes und den ihr angeschlossenen »Associations productifes fédérées« [franz. Übersetzung] die Alleinversorgung der Ausrüstung der Nationalgarde anzuvertrauen und ihnen den Auftrag und die finanziellen Mittel zu geben, die verlassenen Werkstätten zu übernehmen. Um dies zu gewährleisten, sollte eine Frau aus dem Zentralkomitee der Union regelmäßig an den Sitzungen des Ministeriums für öffentliche Arbeiten teilnehmen. Im Forderungskatalog der Union heißt es:

Weil jede Konkurrenz zwischen männlichen und weiblichen Arbeitern abgeschafft werden muss, da ihre Interessen völlig gleich sind und ihre solidarische Einheit unersetzlich ist für den Sieg … fordert das Zentralkomitee der Union des Femmes die … Arbeits- und Handelskommission der Kommune auf, es zu beauftragen, die Frauenarbeit in Paris neu zu organisieren und zu verteilen und damit zu beginnen, dass sie das Zentralkomitee mit der militärischen Ausrüstung betraut. Da diese Arbeit aber für die Masse der Arbeiterinnen nicht ausreicht, fordert das Zentralkomitee die Kommission auf, den zusammengeschlossenen Produktionsassoziationen die notwendigen Geldsummen zu geben, um die Fabriken und Werkstätten, die die Bourgeois verlassen haben und die im wesentlichen von Frauen ausgeübte Berufe umfassen, wieder in Betrieb zu nehmen.

Die Frauen, so Dmitrieffs Vorschlag, würden mit ihrer Arbeit die Nationalgarde mit Nahrung, Kleidung und Ausrüstung versorgen, dafür garantiert ihnen die Kommune ausreichenden Lohn und akzeptable Arbeitsbedingungen. Das bedeutete konkret: Die Kommuneregierung sollte nicht mehr bei den verbliebenen ›bürgerlichen‹ Unternehmern kaufen, die im Verhältnis zu den selbstverwalteten Kooperativen immer noch weit in der Mehrheit waren, die Löhne dramatisch gesenkt hatten und die Kooperativen preislich mühelos unterbieten konnten. Die Union gründete also nicht nur Werkstätten und organisierte den Verkauf ihrer Produkte an Privatpersonen, sondern Dmitrieff sicherte ihr durch die Absprachen mit der Kommuneregierung auch den Absatz zu vergleichsweise guten Preisen sowie die Versorgung und Verteilung der Rohstoffe auf die angeschlossenen Werkstätten oder Heimarbeiterinnen. Durch ihre nach Arrondissements geordnete, weit verzweigte Struktur gelang es der Union, ein Netz kurzer Wege und großer Flexibilität aufzubauen. Arbeiterinnen konnten sich hier mit Berufsangabe einschreiben und wurden dann in entsprechende Werkstätten vermittelt oder als Heimarbeiterinnen mit Aufträgen versorgt. Inwieweit die vielen unterschiedlichen Kommissionen, Ausschüsse und Komitees, die Dmitrieff hier für eine effektive Organisation der Frauenarbeit vorschlug, in der Realität tatsächlich existiert, geschweige denn funktioniert haben, ist nicht nachzuvollziehen. Jedenfalls wurden die Pariserinnen mit regelmäßigen Plakatanschlägen und Flugblättern über den Fortgang der Verhandlungen informiert und wiederholt zum Beitritt zur Union aufgefordert. Elisabeth Dmitrieff berichtete der Arbeits- und Handelskommission der Kommune regelmäßig über den Fortgang der Organisation und gab der Praxis der Union eine sozialistische Interpretation:

Die Reorganisation der Arbeit, die dazu führen soll, den Ertrag dem Produzenten zu sichern, kann sich nicht anders vollziehen als durch freie Produktionsgenossenschaften, die die verschiedenen Arbeitsgebiete zu ihrem eigenen kollektiven Nutzen betreiben. Die Bildung solcher Genossenschaften sichert den Arbeitern die Direktion ihrer eigenen Angelegenheiten, indem sie die Arbeit dem Joch des ausbeuterischen Kapitals entzieht.

Mit dieser eindeutigen Unterstützung der Kommune und indem sie sie als sozialistisches Experiment im Sinne der Internationale interpretierte, bezog Elisabeth Dmitrieff auch Position in einem Streit, der innerhalb der Internationale selbst hinsichtlich der Pariser Kommune ausgebrochen war. Keineswegs war die Zustimmung nämlich so einheitlich, wie das in der rückblickenden Mythologisierung häufig angenommen wird. In der Pariser Sektion war das Verhältnis zwischen Internationale und Kommune zunächst umstritten. Während Eugène Varlin und Natalie Lemel die Kommune sofort unterstützten und in ihr ein Modell für eine neue, sozialistische Gesellschaft sahen, waren andere zunächst wegen des stark nationalen und patriotischen Argumentationsmusters skeptisch. Noch spärlicher gestreut waren diejenigen, die das Kommune-Experiment in ›marxistischem‹ Sinne interpretierten – die meisten französischen Internationalen waren entweder proudhonistisch oder anarchistisch-kollektivistisch orientiert. »Es gab überhaupt nur zwei ›Marxisten‹ in der Kommune«, urteilt Jacques Rougerie, »Seraillier, der zudem einige fundamentale Thesen von Marx ›vulgarisiert‹, und Elisabeth Dmitrieff«. Anders als Marx jedoch, der der Kommune eigentlich wegen dieser Dominanz anderer sozialistischer Strömungen und wegen seiner grundsätzlichen Ablehnung gewaltsamer und spontaner Aufstände sehr skeptisch gegenüberstand – er unterstützte sie letztlich nur im Nachhinein wegen ihrer öffentlichen Wirkung und symbolischen Bedeutung – hat Dmitrieff die Kommune tatsächlich als einen Versuch gesehen, die Gesellschaft in marxistisch-sozialistischer Weise zu reorganisieren.

Ihr eigener Aufbau einer weit vernetzten Frauenorganisation sollte dazu ein Beitrag sein. In den Aktionen und Äußerungen von Elisabeth Dmitrieff im Zusammenhang mit der Union des Femmes wird ein Verständnis von sozialer Organisation der Gesellschaft deutlich, das stark an spätere realsozialistische Versuche erinnert: Dass es nicht darum geht, durch Propaganda, durch die Schaffung eines rechten Bewusstseins Veränderungen herbeizuführen, sondern durch die straffe Organisation der Massen, die dann durch die Macht des Faktischen von der Effizienz sozialistischer Gesellschaftsstrukturen überzeugt werden sollen – ›das Sein bestimmt das Bewusstsein‹ – das ist Dmitrieffs Gegenthese zu Bakunin und der Allianz. Es war auch das Argumentationsmuster, nach dem Dmitrieff versuchte, die ausschließlich von Männern besetzte Kommuneregierung zu den eingeforderten Zugeständnissen zu bewegen und die Lebensverhältnisse der Frauen spürbar zu verbessern, denn
»es ist wahrscheinlich, dass das weibliche Element der Pariser Bevölkerung, im Moment revolutionär, aufgrund der Entsagungen wieder in einen passiven und mehr oder weniger reaktionären Zustand zurückkehrt, den es in der Vergangenheit eingenommen hat«. … »Die schändliche Ausbeutung [der Frauen durch die geringen Preise, die auch die Kommune zahlte, A.S.] muss aufhören. Die Frauen müssen um jeden Preis auf unserer Seite sein«.

Dmitrieff will die Diskrepanz zwischen den praktischen, alltäglichen Bedürfnissen von Frauen und dem gerade in der Internationale verbreiteten Revolutionspathos aufheben, indem sie sich jenseits von ideologischen und philosophischen Debatten auf die praktische Organisation einer Gegenstruktur zur bisherigen Gesellschaftsform konzentriert – nur wenn die Frauen konkret erleben, dass sozialistische Gruppen ihnen nutzen, werden sie diese unterstützen, so ihre Argumentation. Anders als Jules Gay in seiner Verteidigung der Genfer Frauensektion4 hat Dmitrieff aber nicht nur um Verständnis für die Skepsis vieler Frauen gegen revolutionäres Pathos geworben, sondern stellte sich ganz auf deren Seite, verteidigte ihre skeptische Haltung gegenüber den revolutionären Führern als legitim: Die unter Frauen verbreiteten Zweifel an dem Nutzen revolutionärer Umgestaltung, ihre Skepsis gegenüber Experimenten und Wagnissen verwandelt Dmitrieff in ein Argument bei der Einforderung feministischer Anliegen: Wenn die Revolutionsregierung auf die Bedürfnisse der Frauen nicht eingeht, so ihre Drohung, ist sie selbst schuld, wenn sich die Frauen gegen sie wenden.

Dabei verband Elisabeth Dmitrieff in ihren Berichten an die Kommune diese Praxis durchaus mit konkreten Vorstellungen über die Zukunft der Frauenarbeit, die ebenfalls weniger von Idealvorstellungen über die ›Gleichmachung der Geschlechter‹ als von Pragmatismus geprägt waren: Da alles, was mit Textilherstellung und -verarbeitung zusammenhing, eine Domäne der Frauen war, sollte die Konkurrenz durch religiöse Konvente und Gefängnisarbeit gerade in diesen Bereichen unterbunden werden. Die bis dahin der Eigeninitiative einzelner Arbeiterinnen überlassene Herstellung von Schmuck, Federn und künstlichen Blumen sollte auf ein industrielles Niveau gebracht werden, das modernen Anforderungen gewachsen wäre – außerdem kritisierte Dmitrieff die Versuche, diesen für Frauen so wichtigen Erwerbszweig als Produktion von ›Luxusgütern‹ zu diskreditieren. Die Union des Femmes sollte schließlich die Verantwortung für die Reorganisation der Berufszweige, die überwiegend von Frauen ausgeübt werden, übernehmen.

Dmitrieff sah sich als Vermittlerin zwischen den Interessen einer breiten Mehrheit von Frauen und den revolutionären Führern, nicht jedoch als Anwältin von Fraueninteressen gegenüber einer männerdominierten Internationale generell. Anfang Mai kursierte in Paris ein mit »Eine Gruppe Bürgerinnen« unterschriebener Appell, in dem die Kommune aufgefordert wurde, den Kampf aufzugeben, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden: »Alle Frauen, die mit kleinen Kindern … und die, deren Männer sich aus Überzeugung schlagen, … verlangen von Paris und Versailles aus dem Grund ihres Herzens: Frieden! Frieden!«. Zwei Tage später veröffentlichte die Union des Femmes mit Dmitrieff an der Spitze einen fulminanten Gegenappell, in dem jeder Friedensschluss als Verrat und die Autorinnen des ersten Appells als Verräterinnen bezeichnet werden. Es ist ein verzweifelter Aufruf zum Durchhalten, wenige Tage vor dem Einmarsch der Regierungstruppen, der zeigt, dass Dmitrieffs Verständnis für die aus der Alltagswirklichkeit geborenen Interessen von Frauen dort ein Ende hatte, wo es ihrer Ansicht nach um die Essenz des sozialrevolutionären Anliegens ging:

Alle vereint und entschlossen, gewachsen und abgeklärt durch die Leiden, die soziale Krisen immer mit sich bringen, tief überzeugt davon, dass die Kommune als Repräsentantin der internationalen und revolutionären Prinzipien des Volkes die Keime der sozialen Revolution in sich trägt, werden die Frauen von Paris Frankreich und der ganzen Welt beweisen – auf den Barrikaden von Paris, wenn die Reaktion die Tore stürmt – dass auch sie im Moment der höchsten Gefahr bereit sein werden, wie ihre Brüder ihr Blut und ihr Leben zu geben für die Verteidigung und den Triumph der Kommune, und das heißt, des Volkes!

Die Historikerin Marian Leighton hat sicher recht, wenn sie schreibt, in »Hinsicht auf ihre zentralisierte Struktur und ihre enge Anhängerschaft zum Marxismus ist die ›Frauenunion‹ Elisabeth Dmitrieffs eher eine Ausnahme als ein typisches Beispiel der zahlreichen Frauenorganisationen« in der Pariser Kommune. »Die Rednerinnen in den Klubs, die Krankenschwestern, die Marketenderinnen und die Soldatinnen … waren zum größten Teil nicht an die Union angeschlossen« betont auch Edith Thomas. Nicht nur gab es die oben bereits erwähnten Initiativen, die sich der Union nicht anschlossen. Was wichtiger ist: Gerade die bedeutendsten Sozialistinnen und Feministinnen in der Stadt weigerten sich, der Union beizutreten: Sophie Poirier, Béatrix Excoffon, Anna Jaclard, Paule Minck, Marguerite Tinayre – und vor allem Louise Michel und André Léo. Sie alle hatten bereits durch öffentliche Vorträge, die Organisation von Demonstrationen, Zeitungsartikel und Flugblätter einen gewissen Bekanntheitsgrad in Paris erlangt. Ihr »Widerstandskomitee von Montmartre« kann als Gegeninitiative zur Union des Femmes interpretiert werden. Eine von diesen Frauen, wahrscheinlich Marguerite Tinayre, schreibt später in einem Brief an eine Freundin:

Du erinnerst dich vielleicht, dass ich auf einer Frauenversammlung gesprochen habe, wo ich mit André Léo war … und wir im Namen der Familie gegen all die Verrücktheiten von Mme Dmitrieff protestiert haben.

Die Differenzen sind also deutlich, aber was waren die dahinterstehenden Motive? Es ist auffällig, dass diese Frage bislang nie gestellt wurde. Viele gehen stattdessen einfach von persönlichen Animositäten aus – auch dies ist eine Folge fehlender Differenzierung verschiedener feministischer Strategien. Für Dmitrieff war die Kommune eine überraschend ausgebrochene revolutionäre Situation, ausgelöst durch den Verlauf des deutsch-französischen Krieges, eine historische Gelegenheit, die es beim Schopf zu ergreifen galt. Für die etablierten Pariser Revolutionärinnen dagegen hatte das Geschehen eine lange Vorgeschichte, war von öffentlichen Debatten, publizistischer Tätigkeit und Propagandaarbeit vorbereitet worden. Aus ihrer Sicht musste das Auftreten der Union des Femmes anmaßend wirken – zumal Dmitrieff ihren Alleinvertretungsanspruch auch ihnen gegenüber zum Ausdruck brachte: Am 22. April appellierten Anna Jaclard, André Léo und Sophie Poirier in der Zeitung »Cri du Peuple« im Namen des Widerstandskomitees an die Frauen von Montmartre, Ambulanzen zu bilden. Am nächsten Tag erschien ein Protestschreiben der Union des Femmes in derselben Zeitung, in dem man Befremden über dieses »Komitee, das außerhalb unserer Union steht«, äußerte. Ein Konfliktpunkt ist daher sicherlich die zentralisierte Struktur der Union gewesen. Straffe Direktiven aufzubauen, um so die ›Effektivität‹ des Engagements von Frauen zu gewährleisten, ist wohl eine wesentliche Motivation gewesen, aus der heraus Dmitrieff ihre eigene Organisation gründete, statt einfach in dem bereits bestehenden Comitée des Femmes mitzuarbeiten. Die etablierten Wortführerinnen der Pariser feministisch-revolutionären ›Szene‹ können kaum bereit gewesen sein, sich diesen Direktiven der Union zu unterwerfen, mussten sie als »monolithisch, stark zentralisiert und autoritär« empfinden.

Die beiden ›Frauenfraktionen‹ standen mit ihren Differenzen dabei mitten in einem allgemeinen internen Diskurs in der Kommune, der sich zwischen ›Jakobinern‹ und ›Kommunalisten‹ abspielte, also zwischen einem zentralistisch-autoritären und einem libertären Flügel, wobei ersterer die Mehrheit darstellte. Arthur Arnould, selbst Mitglied der Kommuneregierung, schildert diese als geprägt von zwei Fraktionen, einer Minderheit, »für die die Kommune den Triumph des Prinzips der Autonomie frei föderierter Gruppen und der so direkt wie möglich ausgeübten Regierung des Volkes durch das Volk repräsentierte« – hierzu zählt er neben sich selbst u.a. Malon, Seraillier und Varlin – und einer Mehrheit, für die die Kommune »die Diktatur im Namen des Volkes repräsentierte, eine enorme Machtkonzentration in den Händen weniger« . Die autoritär-zentralistische Haltung dieser Fraktion erklärt er damit, dass »sie sich, mit gutem Grund besorgt um die Notwendigkeiten des täglichen Kampfes, weniger damit beschäftigten, eine Basis für die Zukunft zu legen … um den Sieg von Paris zu sichern« . Es scheint, dass die unterschiedlichen Einschätzungen der Frauen teilweise zu diesen Differenzen parallel verlaufen. Kein Grund ist für Elisabeth Dmitrieff wichtig genug, um sich in der extremen Verteidigungssituation gegen das Zentralkomitee der Kommune zu stellen. Sowohl die feministischen Interessen der Frauen, als auch die antifeministischen Impulse der Männer müssen da zurückstehen. André Léo dagegen ist eine der schärfsten Kritikerinnen dieser jakobinischen Mehrheit. Elisabeth Dmitrieff ließ sich offensichtlich von der radikaler, konsequenter und kompromissloser scheinenden Haltung der Jakobiner – die ihre Position ja mit der Gefährdung der Kommune durch den ›äußeren Feind‹, die Preußen und die Versailler, rechtfertigte – mitreißen und sah in Appellen zu Toleranz, Pluralität und Meinungsfreiheit ein Zeichen von Schwäche und gefährlicher Nachgiebigkeit. Diese unterschiedlichen Positionen, die Dmitrieff und die anderen Feministinnen in dieser allgemeinen politischen Kontroverse vertraten, schlugen sich unmittelbar auch in ihrem Verständnis von Feminismus nieder.

So war der Ansatz der Frauen vom Widerstandskomitee Montmartre weiter gefasst, als das rein pragmatische Vorgehen der Union: Das Komitee entwickelte zwar ähnliche Aktivitäten wie die Union des Femmes – es betrieb kooperative Werkstätten, organisierte Ambulanzen, koordinierte Hilfe für die Familien von Mitgliedern der Nationalgarde – legte aber tendenziell größeren Wert auf inhaltliche Diskussionen und ›Propagandaarbeit‹, zum Beispiel wurden gezielt Rednerinnen für verschiedene Klubs ausgewählt. Es fällt auch auf, dass sich die Union überhaupt nicht für ein Thema interessierte, das ansonsten sehr wichtig war: Die Neuordnung des Bildungs- und Erziehungswesens. André Léo, Anna Jaclard und Noémie Reclus gehörten zu den acht Mitgliedern der Erziehungskommission der Kommune, die unter anderem mit der Verbesserung von Mädchenschulen beauftragt war und die gleiche Entlohnung von Lehrerinnen und Lehrern beschloß. Auch Paule Minck, Marguerite Tinayre und Louise Michel engagierten sich in der Frage der Neuordnung des Bildungswesens – aber keine von den Frauen aus der Union.

Ein weiterer Unterschied war die Zurückhaltung der Union bei der von anderen Frauen vorgebrachten Kritik an antifeministischen Tendenzen bei Ärzten und Offizieren der Nationalgarde. So wollten manche Armeeführer nach Berichten über die Vergewaltigung von Marketenderinnen durch Versailler Soldaten Frauen den Zugang zu den Schlachtfeldern verbieten und männliche Ärzte weigerten sich, Aufgaben an die freiwilligen Helferinnen in den Ambulanzen abzugeben. Auch diese Diskussionen mit den Verantwortlichen der Kommuneregierung wurden ausschließlich von Frauen aus dem Montmartre-Komitee geführt. Sie und besonders André Léo konnten selbst im Ausnahmezustand der vom Feind belagerten Kommune Antifeministen als Wortführer der Bewegung nicht akzeptieren und bestanden deshalb neben der Organisation von Frauen für die Kommune gleichzeitig auch auf Initiativen der Kommune hinsichtlich einer ›Gleichmachung‹ der Geschlechter, etwa im Bildungs- und Erziehungsbereich oder bei der Zulassung zu Ambulanzen.

Sowohl in ihren theoretischen Prinzipien als auch hinsichtlich ihrer Aktivitäten im bildungspolitischen Bereich waren die Montmartre-Frauen also ›feministischer‹ als die Union des Femmes. Während Dmitrieff vor allem die Unterstützung von Frauen für die Kommune organisieren wollte, arbeiteten André Léo und ihren Mitstreiterinnen für die Realisierung feministischer Forderungen im Rahmen der Kommune. Dabei ging es aber auch ihnen nicht um die Einhaltung feministischer Prinzipien um jeden Preis. Geradezu auffällig ist, dass kaum eine Diskussion über die Nichtzulassung von Frauen zu den Kommunewahlen geführt wurde – ein Thema, das doch gerade in Paris die Debatten in der 1848er Revolution noch ganz entscheidend geprägt hatte und damals eine der wichtigsten Forderungen von Frauen an die sozialistische Revolution gewesen war. Doch ebenso wie Dmitrieff und der Union des Femmes ging es auch André Léo, Anna Jaclard und Louise Michel in erster Linie um das Überleben der Kommune als solcher. Auch sie unterschieden beim Einbringen feministischer Forderungen in die Tagespolitik der Kommune zwischen solchen, die für das Gelingen der Kommune unumgänglich waren – in den Bereichen von Arbeit, Bildung und Erziehung – und solchen, die vorerst hintangestellt werden konnten, wie etwa das Frauenwahlrecht.

Während aber Dmitrieff zu der Auffassung tendierte, alle feministisch-egalitären Forderungen seien in dieser bedrohlichen Situation eine Gefährdung der Kommune, weil sie Anlass zu Kontroversen sein könnten, und jede Kritik, auch an antifeministischen Vorurteilen männlicher Kommunarden, sei kontraproduktiv, glaubte André Léo, dass gerade die Missachtung egalitärer Prinzipien zur Niederlage der Kommune beitragen werde. Immer wieder hatte sie ja betont, dass der Ausschluss der Frauen von demokratischen Rechten der Grund für das Scheitern jeder neuen Gesellschaft sei. Nun wurde diese These plötzlich ganz konkret: Wenn Männer mit sexistischen Vorurteilen wie General Jaroslav Dombrowski, der sich nicht nur gegen Soldatinnen aussprach, sondern sogar Marketenderinnen und Ambulanzhelferinnen den Zutritt zu den Schlachtfeldern verweigerte, Oberbefehlshaber der Kommunetruppen wurde, dann war dies ganz unmittelbar eine Gefährung der Kommune. Wenn André Léo eine Beteiligung von Frauen an den bewaffneten Kämpfen forderte, dann nicht aus Prinzip und aus Gründen der Gleichberechtigung, sondern weil sie es aus militärisch-strategischer Sicht für notwendig hielt. Ebenso entschieden forderte sie die Besetzung der Ambulanzen durch Ärzte ohne antifeministische Vorurteile, um die Versorgung der Verwundeten durch die Krankenschwestern nicht zu erschweren. Anders als Dmitrieff zögerte André Léo nicht, auch die Kommuneregierung offen zu kritisieren, wenn sie die grundlegenden Prinzipien einer egalitären Gesellschaft in Gefahr sah. So schrieb sie:

Es gibt in Paris eine sehr große Zahl von Republikanern, die sich über diese Liebe der Frauen für die Republik entrüsten, weil sie ihnen unangenehm ist. Ein solches Verhalten, das die Geschichte in anderen Epochen als heroisch einstuft, erscheint ihnen zwar bewundernswert in der Vergangenheit, aber vollkommen unangebracht und lächerlich für heute.

Die offene Kritik André Léos an der Führung der Kommune beschränkte sich dabei keineswegs auf ›Frauenfragen‹, und der Unterschied zwischen Léo und Dmitrieff in ihrem Verhältnis zur Kommune war nicht nur ein unterschiedliches Verständnis von feministischer Strategie, sondern ein unterschiedliches Verständnis von Politik allgemein. Die »eifrige, aber hellsichtige Propagandistin der Kommune«, wie André Léo von Edith Thomas charakterisiert wird, bestand darauf, »dass Paris nicht die Gewalttaten seiner Feinde gegen das Denken und die Freiheit nachahmt, und nicht die Prinzipien verletzt, die die Grundlage seiner eigenen Forderungen sind. Hier stellt André Léo implizit die ewige Frage nach dem Zweck und den Mitteln«. Der Zweck heiligt für André Léo, anders als für Dmitrieff, die Mittel eben nicht. Als die Redaktion ihrer eigenen Zeitung, »La Sociale« – vielleicht auf Betreiben der Mitherausgeberin Anna Jaclard, deren Mann zu den ›Jakobinern‹ gezählt wird – Zensurmaßnahmen gegen die reaktionäre Presse guthieß, protestierte sie vehement: »Wenn wir uns verhalten wie unsere Gegner, wie soll sich dann die Welt zwischen ihnen und uns entscheiden?« Als dem zurückgetretenen Kriegsminister Louis Rossel, der öffentlich auf Missstände in der Kommune-Führung hingewiesen hatte, der Prozess gemacht wurde, fand er in André Léo eine engagierte Verteidigerin. Immer wieder protestierte sie gegen hinter verschlossenen Türen getroffene Entscheidungen, gegen Verhaftungen von vermeintlichen Reaktionären, gegen hohle Phrasen der Kommuneregierung, denen keine Taten folgten. Erbarmungslos prangerte sie in unzähligen Artikeln und Flugblättern die Fehler der militärischen und politischen Führung der Kommune an.

Den größten dieser Fehler sah sie in dem mangelhaften Bemühen, die Provinzen auf die Seite der Kommune zu bringen. Wenn dies nicht gelänge, so ihre Prognose schon Anfang April, würde sich Paris nicht halten können. Gegen die in den städtischen Revolutionszirkeln übliche Diffamierung und Lächerlichmachung der vermeintlich ignoranten Landbevölkerung warb sie um Verständnis für deren Position und betonte die Notwendigkeit, sich mit der Tatsache ihrer Feindseligkeit ernsthaft auseinanderzusetzen. Zusammen mit Elisée Reclus und anderen hatte sie bereits 1870 einen Appell verfasst und eine gezieltere Propaganda unter der bäuerlichen Bevölkerung eingeklagt, die in einer verständlichen Sprache gehalten sein müsse. Während der Kommune verfasste Léo ein Flugblatt »Aux travailleurs des campagnes« [An die ländlichen Arbeiter], in dem sie unter den Bauern und Bäuerinnen in einfacher, eindrücklicher Sprache um Solidarität warb, und das von Paule Minck bei einer Vortragsreise durch die Provinz propagiert wurde. Jenseits von Grabenkämpfen, ideologischen Spitzfindigkeiten und revolutionärem Überschwang gehören die Artikel von André Léo mit ihren ebenso pragmatischen wie kompromißlosen Analysen zu den nüchternsten zeitgenössischen Beiträgen zur Pariser Kommune.

Dmitrieff dagegen ist wohl eher davon ausgegangen, solche Themen müssten angesichts der drängenderen Probleme der Verteidigung der Stadt hinten anstehen. Ihre Verbissenheit und ›Linientreue‹, die sie auch von anderen Frauen einforderte, führte sogar zuweilen zu einem weitergehenden Verdacht:

Mir ist damals schon die Idee gekommen, dass diese schöne Dmitrieff ein Agent Provocateur der russischen Polizei war (ich will sagen, der politischen). Jetzt, wo ich die Sache aus einer gewissen Distanz heraus betrachte, ist mir dieser Gedanke zur Gewißheit geworden . [Vermutlich Marguerite Tinayre]

Es gibt zwar keine Hinweise darauf, dass Dmitrieff ein Spitzel gewesen wäre, aber sie war doch von missionarischem Eifer geprägt, selbstgerecht und überheblich. In einem Brief an den Generalrat schreibt sie: »Das schlimme ist, dass ich krank bin, und es gibt niemanden, die mich ersetzen kann« – es ist leicht vorstellbar, dass eine solche Haltung die älteren und erfahreneren Pariser Feministinnen abgestoßen haben muss. Vielleicht spielte auch, wie Sylvie Braibant annimmt, die Mentalität eine Rolle, weil für die Französinnen »die Commune von Paris auch ein Fest war«, während »Lisa … für jeden Spaß unempfänglich ist« .

Es ist heute nicht mehr nachvollziehbar, wieweit diese Differenzen auch hinsichtlich der Einstellung dieser Frauen zur Internationale bedeutsam waren, die zu repräsentieren Elisabeth Dmitrieff beansprucht hat. Natalie Lemel war als führendes Mitglied der Internationale auf ihrer Seite in der Union, André Léo, Marguerite Tinayre und Victorine Brochon waren ebenfalls Mitglieder der IAA, aber nicht in der Union, ebensowenig wie Anna Jaclard, die aber sowohl durch ihren Mann, wie auch durch ihre Kontakte zur russischen Sektion in Genf engen Kontakt zur Internationale hatte. Paule Minck stand der Internationale skeptisch gegenüber, von Sophie Poirier und Louise Michel ist die Haltung nicht bekannt. In jedem Fall sind diese Differenzen aber kaum zum Tragen gekommen, weil sie durch die in der Pariser Kommune gegebene Ausnahmesituation und in der Kürze der Zeit – es handelt sich schließlich um einen Zeitraum von nicht mal zwei Monaten – kaum zum Tragen kommen konnten. Im Durcheinander der vielen parallel verlaufenden Aktivitäten konnten beide Positionen bestehen und zu ihrem Recht kommen. Spätestens nach dem Einmarsch der Versailler Truppen in die Stadt kämpften beide ›Fraktionen‹ gemeinsam auf den Barrikaden.5

  1. Dieser Text ist eine Zusammenstellung von Auszügen aus dem sehr empfehlenswerten Buch Antje Schrupp: Nicht Marxistin und auch nicht Anarchistin – Frauen in der Ersten Internationale, Ulrike-Helmer-Verlag, Königstein 1999. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Auf die genauen Quellenangaben der Zitate wurde in dieser Version verzichtet – sie sind im genannten Buch nachzulesen. Die Homepage der Autorin (www.antjeschrupp.de) enthält zahlreiche Texte, u.a. Portraits einzelner Frauen, die in diesem Text Erwähnung finden. [zurück]
  2. Vgl. das Kapitel »Frauen und ›Frauenfrage‹ in der Ersten Internationale« in Antje Schrupp: Nicht Marxistin und auch nicht Anarchistin – Frauen in der Ersten Internationale, S. 35-49. [zurück]
  3. Die 1851 in Volok geborene Dmitreff nahm bereits mit 19 Jahren Kontakt zur Internationalen Arbeiterassoziation auf. 1870 hat sie im Genfer Exil die Russische Sektion der Internationale mitgegründet. Vgl. http://antjeschrupp.de/dmitrieff [zurück]
  4. Im Zusammenhang mit dem Konflikt zwischen den von Bakunin beeinflussten Allianz-Sektionen innerhalb der IAA und der Frauensektion hatte Jules Gay an Bakunin geschrieben: »Die Frauen arbeiten im allgemeinen alle ein bißchen darauf hin, bürgerlich zu werden. […] Wir Männer verlieren viel Zeit mit […] revolutionären Komplotts, das ist in ihren Augen nur ein Vorwand, sich aus dem haus zu entfernen oder zu trinken, alles Dinge, die weit davon entfernt sind, das Haus zu bereichern oder dazu geeignet, in’s Bürgertum oder in eine unabhängige Position aufzusteigen. Schließlich haben sie vor allem genausoviel Angst vor den Revolutionären, die alles neu einrichten wollen, wie vor denen, die in die Vergangenheit zurück wollen, weil das Ergebnis für ihren Haushalt dasselbe ist. […] Sagt doch, dass Ihr den Widerstand organisiert und nicht die Revoluiton. Ihr hättet alle […] guten Frauen auf Eurer Seite, da könnt ihr sicher sein.« Vgl. Antje Schrupp: Nicht Marxistin und auch nicht Anarchistin – Frauen in der Ersten Internationale, das Kapitel »Die Politik der russischen Sektion in Genf«, S. 114-124. [zurück]
  5. Zum Thema »Frauen in der Pariser Kommune« vgl. auch das Kapitel »Andre Léo (1824-1900)« in Antje Schrupp: Nicht Marxistin und auch nicht Anarchistin – Frauen in der Ersten Internationale, S. 151-193. [zurück]