Neue Barbaren in Brechts Nordseekrabben

Die Freundschaft zwischen Bert Brecht und Walter Benjamin stand von ihrem Beginn 1929 an unter dem Zeichen der anwachsenden Macht des Nationalsozialismus. Sie bestimmte ihre theoretischen Diskussionen und die Zielsetzungen ihrer Praxis, aber auch deren Scheitern, ihr Leben im Exil und beendete sie schließlich durch den Tod Benjamins am 26. September 1940. An diese Freundschaft anknüpfend sollen die häufig divergierenden Perspektiven Brechts und Benjamins ihre historische Situation als eine Situation beleuchten, deren Überwindung noch aussteht.

Die Krise der Moderne war schon vor dem ersten Weltkrieg deutlich zu Tage getreten, der Expressionismus liefert eindrücklich Zeugnis dieser Erfahrung. Ihr funktionalisierter, organisierter Alltag schaffte das triste Milieu, in dem die weitverbreitete Kriegsbegeisterung mit ihrer Hoffnung auf menschliche Erfahrung im Heldenmut sich entfalten konnte. Die durch und durch moderne Kriegsführung setzte dieser Hoffnung den Stellungskrieg und Senfgas entgegen; und so war für die Kriegsheimkehrer die Krise der Moderne zur allgemeinen Situation ihrer Zeit geworden.

Walter Benjamins Erfahrung und Armut1 erfasst diese Krise als Krise der Erfahrung: Die Kriegsrückkehrer sind »nicht reicher, [sondern] ärmer an mitteilbarer Erfahrung.« (BGS II.1: 214) Der Verdinglichung im bürgerlichen Zivilleben entsprach potenziert die Verdinglichung im totalen Funktionszusammenhang der modernen Armee und »nie sind Erfahrungen gründlicher Lügen gestraft worden als die strategischen durch den Stellungskrieg, die wirtschaftlichen durch die Inflation, die körperlichen durch den Hunger, die sittlichen durch die Machthaber.« (ebd.) Diese Erfahrungsarmut entfremdet die Menschen, so Benjamin, von der Gesellschaft und insbesondere ihrer Kultur. Erfahrungslos ist sie bloß noch überkommenes Relikt, das nicht mehr erfasst, sondern »geheuchelt und erschlichen wird« (215) und das die Menschen in eine »Art von neuem Barbarentum« (ebd.) versetzt.

Ein Barbarentum, das der Heteronomie durch Tradition entzogen ist, wie Benjamin am Interieur der Zeit analysiert: Wo im »bürgerliche[n] Zimmer der 80er Jahre, [] bei aller ›Gemütlichkeit‹, die es vielleicht ausstrahlt, der Eindruck, hier hast du nichts zu suchen – denn hier ist kein Fleck, auf dem nicht der Bewohner seine Spur schon hinterlassen hätte« (217) – vorherrscht und das Wohnen sich so zu einem Unterwerfen macht, entspricht das neue Bauen der modernen Erfahrungslosigkeit. »Scheerbart mit seinem Glas und das Bauhaus mit seinem Stahl […] haben Räume geschaffen, in denen es schwer ist, Spuren zu hinterlassen.« (218)

Diese krisenhafte Erfahrung, die ein »neues Barbarentum« schafft, und die etwa im Bauhaus Entsprechung findet, ist für Benjamin kein Zeichen für die Ausweglosigkeit der Situation: Er identifiziert vielmehr in der Erfahrungslosigkeit auch das Bedürfnis »von Erfahrungen freizukommen« (218), die Flucht vor dem Überkommenen, Alten und damit das Potenzial »von vorn zu beginnen; von Neuem anzufangen, mit Wenigem auszukommen; aus Wenigem heraus zu konstruieren« (215). Derzeit aber liegt der »neue Barbar« im Schlaf, kommt in der Erfahrungsarmut und Spurenlosigkeit der neuen Sachlichkeit zur Ruhe und zum Träumen. Ein erfahrungsloses Träumen, indem »die Menschheit sich darauf vor[bereitet], die Kultur, wenn es sein muß, zu überleben.« (219) Der Mangel an Erfahrungen bietet also laut Benjamin das Potenzial, sich von der unreflektierten Verwobenheit mit dem Bestehenden zu distanzieren und schließlich nicht mit ihm unterzugehen, sondern sein Ende als Befreiung zu erfassen.

Die Brechtsche Kurzgeschichte Nordseekrabben oder Die moderne Bauhaus-Wohnung2 entfaltet das gleiche Sujet und bietet daher die Möglichkeit, jene »neuen Barbaren« genauer zu betrachten. Ihre Handlung ist rasch zusammengefasst: Zwei Veteranen des ersten Weltkriegs – der Ich-Erzähler sowie Müller, der Protagonist der Geschichte – besuchen Kampert, einen Kameraden aus dem Krieg, der »mit Geld« (BFA 19: 268) geheiratet und so zu einigem Wohlstand gekommen ist. Dieser bewirtet sie voller Höflichkeit und zeigt ihnen seine Wohnung, die – so der Ich-Erzähler – »eine sehr hübsche Wohnung« ist, »keineswegs protzig«, sondern vielmehr in »vorsätzliche[r] Harmonie und […] reformatorische[r] Zweckdienlichkeit« (273) eingerichtet. Müller ist von der Wohnung gereizt; hatte er ursprünglich geplant, Kampert als Gastgeschenk eine Dose Nordseekrabben zu überreichen, fordert er ihn nun auf, eine ebensolche anzubieten. Kampert verlässt die Wohnung, um Krabben einzukaufen. Müller, unterstützt vom Ich-Erzähler, nutzt die Zeit um die Einrichtung der Wohnung gewaltsam und zerstörerisch umzugestalten und dieses Werk mit einer ausführlichen Rede zu krönen, die in dem Satz mündet: »Eine Wohnung ist dort, wo ein Mensch seinen alten Kragen in eine Ecke geworfen hat. So hat Gott es bestimmt, nicht ich, Müller, basta. Und jetzt ist es eine Wohnung.« (275)

Ausgehend von Kamperts dargestellter Verbürgerlichung, den – so der Ich-Erzähler – »kein gütliches Zureden mehr aus [seinem] gekachelten Badezimmer […] herauslocken« (267) kann, vor allem aber von Brechts Haltung zum Wohnen, beispielhaft in einem Gespräch mit Benjamin 1931 dokumentiert, liegt eine Deutung der Kurzgeschichte nahe. Brecht stellte in diesem das »mitahmende« Wohnen einem Wohnen gegenüber, in dem kein Bezug zur Wohnung hergestellt wird. Mitahmendes Wohnen, ein »Wohnen, das seine Umwelt ›gestaltet‹, sie passend, gefügig und gefügt anordnet, eine Welt, in der der Wohnende auf seine Weise zu Hause ist« (BGS VI: 435) steht einem Wohnen gegenüber, das ein Zu-Gast-Sein bleibt und bei dem keine Verantwortung übernommen wird. Kamperts Wohnstil wird gängigerweise (beispielhaft Wilfinger: 68) mit dieser zweiten Art zu Wohnen assoziiert, Müllers Rebellion dagegen resultiert daraus, dass der Wohnung »der Subjektbezug« (Wilfinger: 68) fehlt. Müllers Rebellion ist also eine Rebellion zum Einen gegen den Verrat Kamperts, der im Krieg noch »ein ausgezeichneter Mann« war, der »seinen Tabak mit jedem [teilte], der neben ihm lag« (BFA 19: 267) und der »nicht befördert wurde, weil er den Postsack holte und sich mit den Leuten zu ›gemein machte‹« (268) und nun, nach dem Krieg, den Aufstieg ins Bürgertum habituell wie finanziell geschafft hatte – etwas, was Müller verwehrt blieb. Zum anderen, und vielleicht für die Kurzgeschichte entscheidender, rebelliert Müller gegen die abstrakte Funktionalität der Wohnung, deren Wendeltreppe »das Morgentraining [erspart]« (272), in der alles freundlich, bekömmlich und passend ist, und das Müller als »Räumchen zur Wiederherstellung der Ware Arbeitskraft« (BFA 27: 271) angreift. »Müllers Zerstörungstrieb gibt hier der erklärten ›Abscheu‹ der Arbeiter ›vor dem Nützlichen‹ Ausdruck, das nur der ihnen zugedachten gesellschaftlich-funktionalen Rolle« (Wilfinger: 71) als Träger von Arbeitskraft entspricht. Die Rebellion Mülllers richtet sich also gegen den totalisierten Funktionszusammenhang der Gesellschaft, und gegen Kampert, der sich mit diesem arrangiert hat, anstatt wie im Krieg gemeinsam mit Müller um das eigene Leben zu kämpfen.

Dieser Deutung, in der Müller die erwachten Barbaren, das revolutionäre Subjekt, repräsentiert, der seine Umgebung ungeachtet ihrer kulturellen Altlasten neu und gemäß seiner Bedürfnisse gestaltet, entspricht vermutlich der Intention Brechts. Ihr lässt sich jedoch eine gegenläufige Deutung entwinden, die auch einen anderen Blick auf die »neuen Barbaren« ermöglicht. Sie ist Brechts sorgfältiger Beobachtung der deutschen Gesellschaft in den späten Zwanzigern geschuldet: Müller gehört zu den Weltkriegsveteranen, »deren Sitten etwas gelitten hatten und deren Gewohnheiten Leuten, für die sie gekämpft hatten, auf die Nerven fielen« (BFA 19: 267), Kampert dagegen zog aus dem Krieg die Konsequenz, »einen Anspruch darauf [zu haben], den Rest seines Lebens unter einer Daunendecke zu schlafen und in einer stilreinen Umgebung zu speisen.« (268)3

Kampert ist also darum bemüht, die Kriegserfahrungen hinter einer zivilisatorischen Fassade zu verdrängen – der Ich-Erzähler geht davon aus, dass Kampert »alles, was er aus dem Felde mitgebracht hatte […] in eine Kiste stopfte und die Kiste durch sein Dienstmädchen aus der Welt schaffen lies« (ebd.), während genau eine solche Kiste, »ein unscheinbares braunes Ding mit Eisenbeschlägen« (273) neben der Tür steht, an die Kampert affektiv stark gebunden ist. Eine Verdrängung, die beim beschädigten Kampert nur funktionieren kann, wenn die Fassade eben tatsächlich keine subjektiven Spuren zeitigt, erfahrungs- und traditionslos wie eine »Ausstellungshalle« »amerikanische Liegestühle«, »Mahagonischränkchen«, »Curacao«, »Chartreuse«, und »eine leichte japanische Strohmatte« (269) versammelt, und in der er die ökonomischen Antagonismen der Gesellschaft, überhaupt ihre gesamte ökonomische Verfasstheit und seine eigene, priviligierte Position ausblendet. (vgl. 271)

Müller hat aus seiner Kriegserfahrung andere Schlussfolgerungen als Kampert gezogen: Seine Sitten hatten im Krieg gelitten, heißt es eingangs, genauer: Er konnte subjektiv das Ende des Krieges nicht mitvollziehen, und so verlängerte er ihn zur Anthropologie: Für ihn ist der Mensch »geboren, um zu kämpfen.« (275)

So musste Müller Kamperts Satz »Seht mal hinab, eine Wohnung muß ebenso gut wie eine Landschaft ausschauen« (271) als Hinweis deuten, dass auch die Wohnung ein Kriegsschauplatz sei, indem sich Landschaften in »verschlammte[] Schützengräben« (267) verwandeln.

Müllers Kriegsphilosophie entwirft den Menschen als »elende[n] Wurm«, der »die Mühe« scheut, aber von den »Naturgewalten« dankenswerterweise »etwas auf[ge]pulver[t]« wird. (275) Die bürgerliche Kultur inkl. Kamperts Wohnung lehnt er als falsche Sublimierung der menschlichen Natur ab, stattdessen ist es die Aufgabe des Menschen »die großartige Vielfältigkeit und die bewunderungswürdige Disharmonie der ganzen Schöpfung vermittels gewalttätiger Anhäufung von amerikanischen Patentliegestühlen, schlichten Waschlavoirs und alten, ehrwürdigen Zeitschriften wieder her[zustellen.]« (ebd.) Der kämpfende Mensch als Wiedererrichter der göttlichen Ordnung, das ist das Selbstbild Müllers. Zerstörerisch tätig, aber nicht individuell verantwortlich, denn nur seine Natur verwirklichend: »So hat Gott es bestimmt, nicht ich, Müller«. (ebd.)

Symbol dieses Kampfes ist für Müller die Dose Nordseekrabben, die er Kampert als Delikatessen mitbringen wollte, und die gegen die kosmopolitische Einrichtung Kamperts verblasst, aber gleichsam zum Symbol von natürlicher, echter Erfahrung in der künstlich-kulturellen Sammlung der kampertschen Wohnung werden.4

Das antibürgerliche Zerstörungswerk beginnt Müller erst, als Kampert die Wohnung verlässt, vorher hatte insbesondere die Anwesenheit von Kamperts Frau »das Tierische in Müller sozusagen gebändigt« (273). Und auch nachdem Kampert zurückkehrt, verspürt Müller zwar noch die »Begierde nach möglichst viel Unzusammenpassendem, Unlogischem und Natürlichem«, ist aber »plötzlich tief verlegen mit rotem Kopf« (275) Kampert gegenüber. Die Rationalität und die arrangierte Sachlichkeit behält vorerst ihre Autorität gegenüber Müller, der anscheinend noch zerrissen zwischen seinem Glauben an die Kampfnatur des Menschen und der Folgsamkeit gegenüber der herrschenden Gesellschaftsform und ihrer Normen ist. Noch fühlt Müller sich nicht als Bewohner, sondern als Gast in der Wohnung Kamperts, und konnte als solcher seine Macht nur in dessen Abwesenheit ausüben. An Kampert dagegen ist abzulesen, wie brüchig diese bürgerliche Gesellschaft mittlerweile geworden ist: Er bemüht sich zwar willentlich um Harmonie und Frieden, kann diese aber nur unter dem Preis auf der Aufgabe jeglicher Individualisierung oberflächlich realisieren. Wo bei Müller an die Stelle des Lebens der Kampf tritt, ist es bei Kampert das Zu-Gast-Sein. Müller stellt den Prototyp der Gefolgschaft der aufstrebenden NSDAP dar, die jene »Naturgewalt« wird, die sich Müller wünscht, um mit ihr »wie ein furchtbarer Wirbelwind« die Schöpfungsordnung wiederherzustellen, die Rebellion der Nordseekrabben gegen amerikanische und japanische Möbel, lateinamerikanischen und französischen Schnaps bilden schon Vorzeichen der Feindschaft gegen alles Heimatlose, die Ablehnung der Kultur zugunsten des Kampfes, die Ablehnung der bürgerlichen Zivilisation – beides findet sich schließlich in den antisemitischen Projektionen des Nationalsozialismus wieder.

Kampert, Träumer einer harmonischen Bürgerlichkeit in einer Zeit, wo der Bürger selbst zunehmend antiquiert ist – er selbst ist angestellter Ingenieur bei der AEG – steht dieser aufstrebenden Macht naiv und hilflos gegenüber und bleibt am Ende der Geschichte wortlos. Von ihm war kein Widerstand zu erwarten.

Brechts Kurzgeschichte erscheint so als feinsinnige und detaillierte Millieustudie am Vorabend des Aufstiegs der NSDAP. In ihr finden sich ihr antibürgerlicher Impetus und die Idealisierung des Kampfes ebenso wie die Ablehnung von Kosmopolitismus und kultureller Modernität. Als Ausgangsbedingungen für diese Melange zeichnet Brecht die Heimatlosigkeit eines Bürgertums in einem zunehmend postbürgerlichen Kapitalismus sowie die massenhafte Beschädigung der Überlebenden des ersten Weltkriegs.5

An dem Widerspruch zwischen dieser Interpretation und der Brechtschen Absicht, Müller, »den Hooligan, als virtuellen Revolutionär zu zeichnen«, (BGS II.2: 665) eröffnet sich zugleich die Frage nach der Beurteilung des erwachten Barbaren. Anders als der passive, träumende Kampert richtet sich Müllers Tat gegen das Bestehende: er ist einer jener »Unerbittlichen […], die erst einmal reinen Tisch machten« (BGS II.1: 215) und etwas neues schaffen wollten; es zeigt sich, dass nicht jeder erwachte Barbar den Optimismus erfüllt, mit dem Benjamin in ihm einen Träger der Menschlichkeit sah. Müllers Gewalt richtet sich gegen die Affirmation abstrakter Nützlichkeit, gegen die Verschleierung gesellschaftlicher Antagonismen durch eine bemühte Harmonie, sie ist Gegengewalt gegen die bürgerliche Gesellschaft. Gleichzeitig versucht Müller nicht, die Herrschaft zu übernehmen, er bleibt destruktiv, seine Gewalt zielt nicht auf einen ihr äußeren Zweck, sondern ist – so Müller – Verkörperung der menschlichen Natur und des göttlichen Willens.

Diese Form der Gewalt entschlüsselt die augenscheinliche Schwierigkeit, die Figur Müllers zu beurteilen, wenn sie durch Benjamins Aufsatz Zur Kritik der Gewalt6 betrachtet wird: Benjamin stellt sich auf rechtstheoretischem Grund der Frage der gerechtfertigten Gewalt und trennt rechtsetzende Gewalt, der Gewalt der Herrschenden, von der Gewalt reiner Mittel – etwa in der Form eines Streiks ohne Forderungen, das derart kein Recht setzt, aber dennoch die rechtsetzende Gewalt herausfordert. Letztere trennt er in mythische und göttliche Gewalt. »Mythische Gewalt in ihrer urbildlichen Form ist bloße Manifestation der Götter. Nicht Mittel ihrer Zwecke« (BGS II.1: 197), sie entspricht der Gewalt Müllers und ist die scheinbar revolutionäre Kraft, die sich der Herrschaft entgegenstellt. Doch Benjamins Analyse schreitet weiter, die mystische Gewalt ist selbst rechtsetzend, sie bildet den Kern jeder Rechtsordnung, und jede rechtsetzende Gewalt ist in ihrem Kern mythische Gewalt: Im Akt der Sicherung ihrer Souveränität greift sie im Zweifelsfall auf die pure Manifestation ihrer Überlegenheit gegenüber ihren Herausforderern zurück. Der mythischen entgegen setzt Benjamin die göttliche Gewalt: »setzt jene Grenzen, so vernichtet diese Grenzenlos, ist die mythische verschuldend und sühnend zugleich, so die göttliche entsühnend, ist jene drohend, so diese schlagend, jene blutig, so diese auf unblutige Weise letal.« (199). Die göttliche Gewalt ist also jene Gewalt, die kein neues Recht setzt, sondern die Rechtsetzung transzendiert – eine Gewalt, die Benjamin – hier inspiriert von Sorel – mit dem revolutionären Generalstreik, der kommunistischen Revolution identifiziert. Diese ist von der mythischen Gewalt, d.h. der in Barbarei umschlagender Rebellion, zu unterscheiden, ist »nicht gleich möglich […] für Menschen.« »Denn nur die mythische, nicht die göttliche, wird sich als solche mit Gewissheit erkennen lassen.« (203). Benjamin gibt dennoch ein Kriterium an die Hand, wenn er schreibt: »Die mythische Gewalt ist Blutgewalt über das bloße Leben um ihrer selbst, die göttliche reine Gewalt über alles Leben um des Lebendigen willen. Die erste fordert Opfer, die zweite nimmt sie an.« (200) Wo mythische Gewalt sich auf Dauer stellen will, zielt göttliche Gewalt auf ihre Abschaffung. Davon ausgehend ist Müller, dem der Mensch entweder ein »elender Wurm« oder ein »furchtbarer Wirbelwind« ist, in dessen Zentrum der Kampf, nicht das Leben steht, und der diesem Kultus des Kriegermenschen Kampert in dessen Abwesenheit opfert, als Träger mythischer Gewalt zu identifizieren. Kamperts zweifelhafter Versuch, den versöhnten Zustand innerhalb der zerbrochenen Welt in Möbeln und Wandfarben zu erträumen, ist dagegen Stellvertreter jenes Lebendigen, für das die göttliche Gewalt einzutreten hätte.

Sein Traumschlaf, der »in jeder Wendung auf die einfachste und zugleich komfortabelste Art sich selbst genügt, in dem ein Auto nicht schwerer wiegt als ein Strohhut und die Frucht am Baum so schnell sich rundet wie die Gondel eines Luftballons« (BGS II.1: 218f.) erhebt einen Anspruch, der in der kommunistischen Bewegung aufzuheben, nicht von ihr zu zerschlagen wäre. Gegen Müller und seinesgleichen ist er bis zu seiner Verwirklichung zu verteidigen.

Literatur:

Benjamin, Walter (1991): Gesammelte Schriften. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. [BGS]

Brecht, Bertolt (1997): Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. [BFA]

Wilfinger, Laura (2009): „My home is my castle“ oder Brecht an Bord des Bauhaus?, in: Neef, Sonja (Hg.): An Bord des Bauhaus. Zur Heimatlosigkeit der Moderne. Bielefeld: transcript. S. 57-74.

  1. Benjamin, Walter (1991): Gesammelte Schriften. Band II.1, Frankfurt a.M.: Suhrkamp. S. 213-219. [BGS II.1] [zurück]
  2. Brecht, Bertolt (1997): Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Band 19. S. 267-75. [BFA 19] [zurück]
  3. Brecht stellt beide, Kampert und Müller, als Ingenieure vor, angestellte und damit proletarisierte Kleinbürger. Die Unterschiede ihres Verhaltens sind nicht damit nicht auf verschiedene gesellschaftliche oder biographische Positionen zu schieben – waren sie ja auch gemeinsam im Krieg – sondern sie sind als gegensätzliche Weisen des Umgangs mit der gleichen gesellschaftlichen Situation zu verstehen. Der Ingenieur ist dabei auch Idealtyp der naturbeherrschenden Rationalität der bürgerlichen Gesellschaft. [zurück]
  4. Die Nordseekrabben fungieren gleichzeitig als echt Deutsches, das der Sammlung von französischen, amerikanischen, japanischen und Kolonialerzeugnissen [zurück]
  5. Eine Beschädigung, zu der für Brecht und Benjamin die Enttäuschung der gescheiterten Revolution und damit die verpasste Möglichkeit von 1918 hinzutritt. [zurück]
  6. Benjamin, Walter (1991): Gesammelte Schriften. Band II.1, Frankfurt a.M.: Suhrkamp. S. 179-203. [zurück]