– Ort der gelebten Möglichkeiten?

»Von der Verstümmelung betroffen ist vor allem der Körper.«
(Dialektik der Aufklärung)

Das Verhältnis des Menschen zu seinem Körper ist zu vielschichtig und komplex, um dieses Thema hier abschließend und vollständig behandeln zu können. Dennoch möchten wir uns aus einem materialistisch-feministischen Blickwinkel einigen Aspekten annähern. Persönliche Erfahrungen sowie die offensichtlich hohe Bedeutung des Körpers in Freizeit- und Privatsphäre waren Anlass, einigen Fragen auf den Grund zu gehen: Welche Rolle spielt der Körper für den/die EinzelneN heute? Wie ist das Verhältnis von Zwang und Freiheit zur Gestaltung des eigenen Körpers? Warum sind Frauen immer noch mehr auf ihren Körper verwiesen als Männer, wenn es um das eigene Selbstwertgefühl geht?

1. Das naturbeherrschende bürgerliche Subjekt

Einen Kerngedanken der Dialektik der Aufklärung1 aufnehmend soll zunächst der Frage nach dem instrumentellen Verhältnis des Subjekts zu seinem Körper in den gegenwärtigen Verhältnissen nachgegangen werden. So gehen Horkheimer und Adorno in einer geschichtsphilosophischen Perspektive davon aus, dass die Genese des bürgerlichen Subjekts unvermeidlich verbunden war mit der Beherrschung der äußeren sowie der inneren Natur. In Anlehnung an die marxsche Bestimmung des Menschen als Naturwesen2 beginnt die Betrachtung über das Individuum bei der Notwendigkeit seiner Selbsterhaltung; oder anders ausgedrückt bei der Bewältigung seiner Lebensnot. Die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der übermächtigen Natur führt, folgt man Adorno und Horkheimer weiter, zur wachsenden Beherrschung der Natur durch den Menschen. Diese befreiten sich vom Naturzwang nur, indem sie ihn gleichsam durch gesellschaftliche Herrschaft über Natur und Mensch perpetuierten: »Jeder Versuch, den Naturzwang zu brechen, indem Natur gebrochen wird, gerät nur umso tiefer in den Naturzwang hinein. So ist die Bahn der europäischen Zivilisation verlaufen.«3

In der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft findet diese Herrschaft ihren Ausdruck nicht zuletzt in der Verdinglichung gesellschaftlicher Naturverhältnisse, in der Natur und Gesellschaft als getrennte Dualität erscheinen. Im Warentausch wird von den konkreten stofflichen Qualitäten wie auch von der konkreten Arbeit der ProduzentInnen abstrahiert. Durch diese Abstraktion wird die reale gesellschaftliche Abhängigkeit im Stoffwechsel mit der Natur ausgeblendet und Gesellschaft selbst zur zweiten Natur: die Produktion verläuft blind und unbewusst, nach naturwüchsigen Gesetzmäßigkeiten. Das Gewordensein und die Bedingungen der gesellschaftlichen Reproduktion sind nicht mehr einsehbar. Die Natur wird dem Kapital zu einem bloßen Mittel zum Zweck seiner Verwertung; zum »chaotischen Stoff bloßer Einteilung«4 der instrumentellen Rationalität. Von ihrer konkreten Mannigfaltigkeit und Sinnlichkeit wird abstrahiert. Was von ihr bleibt, ist die gefügige und berechenbare Materie zum Zweck ihrer Ausbeutung.

Die Beherrschung der äußeren Natur unter der kapitalistischen Rationalität macht die Beherrschung der inneren Natur ebenso notwendig. Da der oberste Zweck der kapitalistischen (Re-)Produktion nicht das Glück der Individuen, sondern der sich selbst verwertende Wert ist, muss das bürgerliche Subjekt sich beständig in der Entsagung seiner sinnlich triebhaften Wünsche üben. Es muss, um zur Verwertung zu taugen, die Herrschaft über die Natur verinnerlichen, also seine eigene Natur verleugnen.

Das Ideal der Freiheit des Subjekts, das die bürgerliche Aufklärung angetreten war zu verwirklichen, blieb daher immer auch Schein, da die Freiheit des Geistes mit der Beherrschung des Körpers Hand in Hand geht. Die verdinglichte Trennung von Gesellschaft – Natur, die sich in der bürgerlichen Gesellschaft fortschreibt, schlägt sich also gleichsam nieder in der Dichotomie Geist – Körper. So ist mindestens seit Descartes, der den Menschen als Synthese zweier unvereinbarer Substanzen beschrieb, nämlich von Geist und materieller Ausdehnung, der Dualismus von beherrschtem Körper und herrschendem Geist im abendländischen Denken festgeschrieben. Jenes bürgerliche Individuum, das den Geist als das Höchste ansieht, setzt sich in ein instrumentelles Verhältnis zu seinem Körper. »Die Befreiung des europäischen Individuums erfolgte im Zusammenhang einer allgemeinen kulturellen Umwandlung, die im Innern der Befreiten die Spaltung desto tiefer eingrub, je mehr der physische Zwang von außen nachließ. Der ausgebeutete Körper sollte den Unteren als das Schlechte und der Geist, zu dem die andren Muße hatten, als das Höchste gelten. […] Im Verhältnis des Einzelnen zu seinem Körper […] kehrt die Irrationalität und Ungerechtigkeit der Herrschaft als Grausamkeit wieder, die vom einsichtigen Verhältnis, von glücklicher Reflexion so weit entfernt ist, wie jene von der Freiheit.«5 Der Körper wird zu einem verdinglichten Objekt und das an ihm, was an Sinnliches, Naturhaftes und Lebendiges erinnert, muss verdrängt bzw. unter das instrumentelle Vernunftprinzip subsumiert werden.

Der Traum des identischen, autonomen Subjekts, den die abendländische Subjektphilosophie sich noch ausmalen konnte, ist spätestens mit der freudschen Erkenntnis, dass das Subjekt nicht Herr im eigenen Hause ist, dahin. Die Pointe Freuds: Das konkrete Individuum existiert nur als ein Beschädigtes; es ist innerlich zerrissen zwischen Begehren und Realität, zwischen seinen Trieben und der Kultur. Die Leugnung der Natur geht nicht ohne Konflikte vonstatten und ihre Verdrängung sucht sich ihren Ort der Wiederkehr. Der »libidinöse Wunsch, der an der Realitätsforderung zerschellt, lebt in all den zutiefst subversiven Versuchen der Sicherung des Luststrebens in und trotz der Realität fort – in Phantasien, projektiven Realitätsumdeutungen, narzisstischen Idealbildungen.«6

Als eine dieser projektiven Realitätsumdeutungen lässt sich die Spaltung der Gattung in zwei Geschlechter begreifen: Das moderne instrumentelle Naturverhältnis in der durch den abstrakten Tausch vermittelten Gesellschaft findet seinen Ausdruck in der patriarchalen Ordnung. Die verdrängte Natur des zunächst männlichen Subjekts kehrt in naturalisierter Form in der Sphäre der Weiblichkeit wieder, in der das Sinnliche, Emotionale und Körperliche seinen Platz bekommt. Das »Phantasma der Weiblichkeit«, wie Carmen Gransee7 es nennt, wird so zur notwendigen Ergänzung der abstrakten Wertvergesellschaftung. Dies wiederum impliziert, dass die verdrängte menschliche Körperlichkeit auf das weibliche Subjekt projiziert wird.

In der bürgerlichen Gesellschaft war der weibliche Körper also immer konstitutiv für die weibliche Subjektivität. Seit der bürgerlichen Emanzipation der Frau im 20. Jahrhundert ist nun das Grunddilemma des weiblichen Subjekts, dass es Natur repräsentieren und gleichzeitig beherrschen soll. So muss die Frau nun einerseits dem Bedürfnis nach Schönheit und Sinnlichkeit genügen und andererseits auch noch ihre Arbeitskraft zu Markte tragen. Diese hartnäckig fortbestehende Doppelbelastung der Frau manifestiert sich auch im Umgang mit der eigenen Körperlichkeit. Sie bildet die fatale Grundlage für eine besonders zwanghafte Einstellung vieler Frauen zu ihrem Körper, die Mädchen quasi mit der Muttermilch eingeflößt wird.

Dieses Dilemma scheint gegenwärtig kaum noch Erregung zu wecken. Denn einerseits herrscht vielerorts Einigkeit darüber, dass es um die Gleichberechtigung bestens bestellt ist; gelegentliche Unsicherheiten und Ungleichheiten hier und da würden sich durch individuellen Willen über die Zeit von selbst erledigen. Andererseits wächst die postmoderne Hoffnung, die Geschlechtsidentität im Zuge der Auflösung des Subjekts endgültig ad acta zu legen.

Weder die Gleichgültigkeit gegenüber der geschlechtsspezifischen Subjektkonstitution noch die Auflösung von jeglicher Identität kommt für uns als eine mögliche Umgangsweise hinsichtlich einer Kritik am weiblichen Körperverhältnis in Frage. Vielmehr wollen wir die gegenwärtige Ideologie von Freiheit und Flexibilität im Umgang mit dem Körper kritisieren, den steigenden gesellschaftlich-normierenden Zugriff auf den Körper problematisieren und uns möglichen Auswegen gedanklich annähern.

2. Der Körper der Postmoderne

    Das Artefakt Körper

Man beobachtet in den letzten Jahrzehnten eine Verschärfung des Körperkults: Der Körper wird zum gestaltbaren, jederzeit veränderbaren und perfektionierbaren Produkt. Die Tendenz ist weiterhin steigend. Die Hälfte der jungen Koreanerinnen unterzieht sich einer Augenoperation, die das Lid westlichen Standards anpasst; ein US-Amerikaner/eine US-Amerikanerin gibt durchschnittlich fast 2 $ am Tag für Diätprodukte aus; und mit 160 Milliarden Dollar Jahresumsatz schaffte es die Schönheitsindustrie 2005 immerhin auf ein Drittel des Umsatzes der Stahlindustrie.8 Dieses wirtschaftliche Wachstum wäre an sich nicht sehr staunenswert, beweist doch das Kapital schon seit langem großen Erfindungsreichtum, was die Erschaffung profitabler Konsumbedürfnisse angeht. Dennoch lohnt es sich, einen genaueren Blick auf die Rolle des Körpers zu werfen: Wie verändert sich diese im Prozess der Kapitalverwertung und inwiefern hängt dies zusammen mit einem anwachsenden Zugriff der Gesellschaft auf das Subjekt?

War der Körper im industriellen Zeitalter noch unmittelbar erforderlich zur Produktion, so wurde körperliche Arbeit im postindustriellen Kapitalismus quasi abgeschafft und der Körper somit aus der Produktionssphäre ausgeschlossen. Marx’ Bestimmung, dass während der Arbeit »ein bestimmtes Quantum von menschlichem Muskel, Nerv, Hirn usw. verausgabt wird«9, verändert sich dahingehend, dass die Rolle der Muskelkraft im Arbeitsprozess auf ein Minimum reduziert wurde.10 Die menschliche Physis wird zum nutzlosen Ballast, das Kapital kann mit der Muskelkraft als variablem Kapital eigentlich nichts mehr anfangen und deswegen kann es das Subjekt auch nicht. Denn in erster Linie hängt das Dasein des bürgerlichen Subjekts ja ab von seiner Fähigkeit zur (Selbst-)Verwertung.

Wie etwa die feministische Psychoanalytikerin Susie Orbach konstatiert, gewinnt der postindustrielle Körper mit seinem Überflüssigwerden im Produktionsprozess nun an Bedeutung im Konsumtionsprozess. D.h. es findet hier eine Verschiebung statt: Der Körper verwandelt sich vom Produktionsmittel in das zu Produzierende.11 Er wird jetzt in der Freizeit ökonomisch gefügig gemacht, und zwar durch endlose Disziplinierung und Gestaltung. Es gibt nichts mehr am Körper, was nicht der Veränderung unterworfen werden kann und auch soll. In dieser Verwandlung des Körpers zum technisch-künstlichen Produkt wird jener zu einer politisierten, inszenierten Oberfläche. Die gesellschaftliche Herrschaft geht im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut; Leiblichkeit und Sinnlichkeit können auf körperlicher Ebene immer weniger erfahrbar werden. Die Behandlung des Körpers steht unter einem technischen Perfektionierungsparadigma, das dahin strebt, jegliche Naturgebundenheit zu überwinden.

    Die eigene Leistung zählt

Am herrschenden Gesundheits- und Schönheitswahn wird deutlich, wie die Disziplinierung und die Gestaltung des neuen Artefakts ›Körper‹ allein dem Einzelnen überantwortet bleibt. So konstatierte etwa Lars Quadfasel12 eine neue Sorge um den eigenen Körper einerseits – Bin ich fit und gesund genug? – und den Imperativ, diesen nach den herrschenden ästhetischen Maßstäben kreativ zu gestalten. Diese beständige Sorge sowie die harte Arbeit am Körper scheinen jedoch kaum Missgunst und Widerstand zu erregen. Eher werden sie vom ohnmächtigen Einzelnen selbst eng verknüpft mit der Vorstellung einer erfolgreichen Gestaltung des eigenen Lebens und der Verwirklichung individueller Wünsche. Es scheint, der Körper selbst wird dem Subjekt zum Gradmesser seiner Autonomie, um sich der eigenen Ohnmacht gegenüber der gesellschaftlichen Gewalt nicht bewusst werden zu müssen. Dabei springt einem das Opfer, dass man heute zur Aufrechterhaltung der Fassade bereit ist zu zahlen, allerorts ins Gesicht: die kalorienarme Küche, die allmorgendliche Joggingrunde im Park und das bevorzugte Treffen in Nichtrauchercafés sind die Indikatoren des gegenwärtigen Imperativs, der suggeriert, dass wir es mit viel Mühe schaffen können, gesund und schön zu sein und uns dabei auch noch richtig gut zu fühlen. Jene Form der Selbstkompetenz kooperiert hervorragend mit der neoliberalen Ideologie, dass allein die eigene Leistung zählt und jeder und jede dafür die gleichen Voraussetzungen mitzubringen hat.

Die Art der Gestaltung ist nach oben offen: vom trendigen Haarschnitt über den regelmäßigen Besuch im Solarium bis hin zur plastischen Chirurgie sucht sich jede und jeder das Passende aus, um sich so zuzurichten, wie es die objektive Irrationalität erfordert. Anders ausgedrückt: Man passt sich dem objektiven Zwang zur Individualisierung an, unter dem das Individuum weiter schwindet. Wir wollen damit nicht bestreiten, dass die Auswahl an Styles und Modetrends nicht auch ihr gutes hat und dass es erleichtert zwischen Minirock und Baggypants entscheiden zu können. Doch zunächst und vor allem bezogen auf den Körper muss das Bild jener postmodernen Freiheit, das dahinter sich verbirgt, bloßer Schein bleiben. Denn gerade dieser Zwang zur Gestaltung und zur Kreativität ist Zeichen des gewaltsamen Zugriffs der Gesellschaft aufs Subjekt und seiner Ohnmacht. Selbst mit einem guten Maß an Reflexion ist es schwer, sich den allgemeinen Normen zu entziehen. Alles Nichtnormale fällt doppelt und dreifach auf, die Toleranzgrenze gegenüber Ungenormtem sinkt. Es ist längst kein Schicksal mehr, ein haariges Muttermal auf der Schulter sitzen zu haben oder stark kurzsichtig zu sein; wer hier nicht Skalpell oder Laser ihres korrektiven Amtes walten lässt, ist selber schuld und quasi asozial. Die Konsequenzen reichen bis in die Gen-Debatte: So werden heute, abseits der medizinischen oder humanen Notwendigkeit, 90% aller Down-Syndrom-Babys abgetrieben – obwohl der gesellschaftliche Fortschritt mittlerweile genügend Möglichkeiten bietet, mit dieser Behinderung ein langes und zufriedenes Leben zu führen.13 Die Angst der Eltern, ihr behindertes Kind Diskriminierungen auszusetzen und letztlich durch seine Existenz in der eigenen Selbstverwirklichung gehemmt zu werden, spricht einer freiheitlichen Gesellschaft Hohn.

Wo das Subjekt von klein auf lernt, sich auf eigene Verantwortung zu disziplinieren, kann es mit der Fähigkeit zu sinnlicher Erfahrung und Genuss, die von dieser Disziplin losgelöst wären, auch nicht mehr weit her sein: dies findet etwa seine Äußerung in den endlosen Reihen von Light-Genussprodukten, die Genuss und Disziplin derart miteinander verschmelzen lassen, dass ersterer eigentlich liquidiert wird: So hat man etwa beim Einkauf einer Eispackung mit leuchtenden Zahlen über den geringen Fettanteil den gesellschaftlichen Zwang gleich inklusive. Einmal mehr scheint sich der instrumentelle Umgang mit der inneren Natur hier eher zu verschärfen, als einer Emanzipation der Sinne näher zu kommen, wie etwa Marx und noch Marcuse das äußerten. Deren Überlegungen zielten auf eine neue Qualität der Sinnlichkeit ab, die gegen die kapitalistische instrumentelle Aneignung der Natur als bloßes Mittel in Anschlag gebracht werden sollte. »Erst durch den gegenständlich entfalteten Reichtum des menschlichen Wesens werden erst menschliche Genüsse fähige Sinne, welche als menschliche Wesenskräfte sich bestätigen, teils erst ausgebildet, teils erzeugt werden.«14 Der sich entfaltende gegenständliche Reichtum durch die wachsende Produktivkraftentwicklung beinhaltet nach Marx also die Möglichkeit der Entfaltung menschlicher Wesenskräfte und Emanzipation der Sinne. Jedoch ging der wachsende Reichtum, durch die instrumentelle Vernunft erst hervorgebracht, einher mit der wachsenden Distanz zur Natur und der fortschreitenden Disziplinierung des Subjekts. Die Entfaltung der ungeheuren Warenansammlung ist verbunden mit einer wachsenden Unfähigkeit sinnlicher Erfahrung und des Genusses. Dieser und das damit verbundene Glücksversprechen sind mehr denn je der gesellschaftlichen (Ir-)Rationalität unterworfen.

Das wirkt sich auch auf die Sexualität aus. Wenn der Körper zur »Ersatzwelt« (Alice Schwarzer) des Individuums wird, das Glück und Befriedigung in der Vervollkommnung seiner selbst zu finden glaubt und sich damit immer tiefer in sich und seine Konsumbedürfnisse verstrickt, kommt ihm die Fähigkeit abhanden, sich nach außen hin, in der Bezogenheit auf seine Umwelt und andere Menschen zu verwirklichen. Ein solcher körperbezogener Narzissmus – Narzissmus mit Bernd Nitzschke verstanden als »Eigenliebe, hinter der der Selbsthaß steckt«15 – verleiht der befreiten und individualisierten Sexualität hochgradig verdinglichende Züge: Der Körper – der eigene wie der des Sexpartners/der Sexpartnerin – wird zuvörderst als masturbatorisches Instrument betätigt, das bei richtiger Bedienung maximale Lust auslöst; und das, versteht sich, bei möglichst wenig Einschränkung der allgemeinen Leistungsfähigkeit. Dies zieht freilich die Sexualität selbst in Mitleidenschaft: Wer, statt sich hinzugeben, bei sich bleibt, in seinem gut verwertbaren, kunst- und mühevoll zurechtgezimmerten schönen Körper, verunmöglicht das temporäre, lustvolle Verlassen der engen Grenzen des Selbst, das sexuelle Befriedigung wesentlich ausmacht. – Dies sei nicht gesagt, um Sexaffären verächtlich zu machen oder die traditionelle Ehe hochzuhalten, die bekanntlich auf Triebunterdrückung, besonders der Frau, beruht. Es soll lediglich betont werden, dass auch das Streben nach Lust der postmodernen Logik unterliegt, deren gesellschaftlicher Objektivität wir uns nicht entziehen können.

3. Postmoderne und Patriarchat

Hegemoniale Schönheit, wie sie Barbie und die jungen Hühner von Germany’s Next Topmodel repräsentieren, negiert die erste und die individuelle zweite Natur des Körpers. Sie ist alterslos, erfahrungslos, geschichtslos; so antiindividuell wie nur möglich. Diese Schönheitsvorstellung erlaubt keine Alternativen, so viele Identifikationsangebote es für Frauen mittlerweile auch gibt. Barbie ist als Prinzessin, als Schwangere, als Pilotin und als Indianermädchen erhältlich: Sie verdeutlicht, dass das gesellschaftliche Ideal – infantilisiert und zugleich übersexualisiert zu sein – auf jeden Frauentyp zugreift, ganz unabhängig von dessen sonstiger Stilisierung.16

Das totalitäre Schönheitsideal, von der Kulturindustrie bis in den letzten Winkel der Welt getragen, hat sich tief ins Bewusstsein und die Bedürfnisstruktur der Einzelnen eingefressen. Ästhetische Beurteilung jenseits dieses Ideals scheint kaum mehr möglich. Etwas in uns erschrickt tief vor einem Rubens-Gemälde, das uns mythische Damenschönheiten mit Doppelkinn und Dellen an den Oberschenkeln präsentiert. Es scheint, als seien wir bei aller Multimedialität eingleisig und standardisiert, was unsere ästhetische Rezeption von Körpern angeht.

Das liegt daran, dass im gegenwärtigen Körperverhältnis Postmoderne und Patriarchat auf bedenkliche Weise zusammenwirken. Die Postmoderne fordert weitestgehende Selbstkompetenz auch auf die Leiblichkeit bezogen, d. h. jeder und jede soll den eigenen Körper so formen, dass er die Individualität, Leistungsfähigkeit und Kreativität seines Besitzers ausdrückt. Dafür stellt die Kulturindustrie eine Vielzahl von Rollenmodellen und Lifestyle-Entwürfen zur Verfügung. Die äußerliche Kennzeichnung als Karrierefrau, Unterwäschemodel, Punkerin – oder besser noch: als Business-Lady mit asymmetrischem Haarschnitt und verruchter Unterwäsche – kann mit ein wenig finanziellem Aufwand und sorgfältiger Inszenierung der eigenen Körperlichkeit erreicht werden.

Die Zweifelhaftigkeit dieser scheinbar so freien Identitätswahl zeigt sich an den Geschlechtergrenzen. Phänomene wie der metrosexuelle, also äußerlich verweiblichte Mann, zeigen nur, dass der Zwang zur optischen Selbststilisierung unterdessen auch die Männer erfasst hat; sie können nicht verhüllen, dass die postmoderne Vielfalt hilflos ist gegen den patriarchalen Zugriff auf den weiblichen Körper, der nach wie vor alle Frauen mit dem Imperativ konfrontiert, schön und begehrenswert zu sein. Es gibt Bilder der frechen Frau, der rebellischen und der androgynen Frau; aber kein einziges Rollenmodell einer Frau, die es geschafft hätte, sich vom Ideal des Sexobjekt-Seins zu emanzipieren, ohne als asexuell und/oder frustriert zu gelten. Wie seit Jahrhunderten bestimmt der männliche Blick, welche Frauenkörper attraktiv sind, und wird, von Männern wie auch von Frauen, bereitwillig reproduziert – am besinnungslosesten von jenen, die sich im Playboy-Schlüppi ablichten lassen und meinen, damit den Gipfel ihrer sexuellen Freiheit erklommen zu haben.

Auf diesem für Frauen neuralgischen Gebiet der sexuellen Attraktivität wirkt der postmoderne Imperativ zur Selbstgestaltung ebenso verführerisch wie trügerisch. Diejenige, der es an sexuellem, sozialem wie beruflichem Erfolg mangelt, verfügt eben nicht über genügend Eigeninitiative und Disziplin, um sich erfolgreich auch als Sexualobjekt zu vermarkten.

Vor allem der mit dem Schönheitsideal einhergehende Schlankheitswahn lässt Frauen Schindluder mit ihren Körpern treiben. Seit langer Zeit gehört es bereits zur Schönheitsvorstellung in der kapitalistischen Gesellschaft, dass der Bürger und die dazugehörige Bürgerin rührig und schlank sein sollen – im Gegensatz zum verfetteten Adligen und Feudalherrn. In ihrem Buch über den Zusammenhang von Essen und Geschlecht charakterisiert Monika Setzwein das protestantisch inspirierte Körperideal der Hausfrau: Blass und zart habe sie zu sein und, in ihrer Aufopferung für Andere, ohne eigene kulinarische und sexuelle Lustempfindung. Dieses Ideal weiblicher Hingabe und Machtlosigkeit setzt sich im zeitgenössischen Diätenkampf fort, mit dem Frauen bezahlen, dass sie gesellschaftlich neuerdings so viel Raum einnehmen. »Es wird kein Zufall sein, daß ausgerechnet mit erstarkender Emanzipation die Frauen immer dünner werden sollen«, vermutet Alice Schwarzer und fährt fort: »Daran haben auch Aerobic und Bodybuilding wenig geändert. Im Gegenteil: diese Moden haben einerseits das Streben von Frauen nach mehr Bewegung und Stärke aufgenommen, es andererseits im Handumdrehen wieder pervertiert: schlank sein und dekorativ, das bleibt das Gesetz« (Durch dick und dünn. Ein EMMA-Buch). Körperlich so wenig raumgreifend wie möglich zu sein wird zur Kompensationsleistung, dass frau trotz beruflichen Erfolgs und finanzieller Eigenständigkeit das alte gefügige und damit begehrenswerte Weibchen geblieben ist.

Doch die idealen Maße sind nur das hervorstechendste Merkmal der grassierenden Schönheitsvorstellungen, die die Kulturindustrie – vor allem durch die Zunahme an Visualisierungstechnologien – dauerhaft und global präsent hält. Susie Orbach führt in Bodies auf, wie sich das Schönheitsideal während der letzten Jahrzehnte stark verengt hat, sodass mittlerweile Frauen von Korea bis Nigeria mit dem Problem konfrontiert sind, dünn, großbusig, schmalnasig, langmähnig und weißhäutig17 sein zu müssen. Dieses Ideal ist durchaus kombinierbar mit dem Gestus der Rockerin, der Wissenschaftlerin und Abenteurerin – man denke nur an das bekannte Bild der Polizistin mit dem blonden Pferdeschwanz. Am Modus des Begehrenswert-sein-Müssens kommt keine vorbei, die etwas gelten will. Der kulturindustrielle Identitätenreigen macht hier Minuspunkte gegenüber dem großen Bruder Patriarchat: Brustvergrößerung und Fettabsaugung bilden mit einem Anteil von 40% die unerreichte Spitze der plastischen Chirurgie. Fazit: Das postmoderne Körperverständnis verschärft die patriarchale Verwiesenheit der Frau auf ihren Körper.

4. Sozialisation und Selbstermächtigung

    Sozialisation

Wie bereits angeschnitten, haben Frauen die größere Last dieses Körperideals zu tragen: Von Kindesbeinen an werden sie auf ein repressives, wenig variables Körperbild geeicht. Der Grundstein für das desaströse Verhältnis vieler Frauen zu ihrem Körper wird in der geschlechtsspezifischen Sozialisation gelegt, die aus dem aufgeklärt-patriarchalen Körperverständnis hervorgeht und, aller gesellschaftlichen Fortschritte in Richtung Gleichberechtigung zum Trotz, ungebrochen fortwirkt.

Während der frühen Jahre findet statt, was Orbach als »Verkörperungsprozess« bezeichnet: Einhergehend mit dem Erwerb der Geschlechtsidentität werden das Verhältnis zum eigenen Körper, die Vorstellungen und Ideale von dessen Beschaffenheit und die damit verbundene Bedürfnisstruktur begründet. Wenn ein Kind in der ersten Interaktion und Kommunikation immer wieder physiologische und emotionale Mangelsituationen erfährt, werden diese sich später in destruktivem Umgang mit dem Körper äußern; vor allem führen sie dazu, dass den Betroffenen der Zugang zu ihren verdrängten Bedürfnissen versperrt bleibt, wenn diese frühen Mangelsituationen nicht gedeutet und artikuliert werden können. Freud führt in Das Ich und das Es aus, dass verdrängte Gefühle und Ängste, die also nicht ins Bewusstsein gelangen, auf körperlicher Ebene verbleiben. Beispielsweise zeigt der Körper durch Verkrampfen, Lähmungs- oder Sprechneurosen an, dass jemand, der sich furchtlos gibt, eigentlich Angst und große Unsicherheit empfinden müsste. Auf diese Weise wird der eigene Körper schnell unvereinbar mit einem positiven Selbstbild.

Weibliche Sozialisation beginnt bei der geringeren Stillzeit für Mädchen, die Feministinnen bereits vor vielen Jahren beobachtet haben. Mädchen wird weniger Hunger und, wenn sie laufen lernen, ein geringerer Bewegungsdrang zugestanden; von vornherein bekommen sie weniger zu essen und werden in ihrer körperlichen Aktivität weniger ermutigt. Hat eine Familie eine Tochter und einen Sohn, ist ganz klar, wen Vati – ohne böse Absicht und ohne es überhaupt zu bemerken – zum Fußball mitnimmt und wer zu Hause sitzen bleibt und Sandkuchen bäckt, von ängstlichen Mutteraugen überwacht. Angesichts solcher Tatsachen mutet es hanebüchen an, die körperliche Schwäche der Mädchen, verglichen mit der der Jungen, aus ihrem biologischen Geschlecht, also aus ihrer Gebärfähigkeit, herleiten zu wollen. Wie Schwarzer im Großen Unterschied festhält, sind sich Männer und Frauen körperlich umso ähnlicher, je besser es um die gesellschaftliche Situation der Frau bestellt ist.

Die britische Feministin Natasha Walters dokumentiert in ihrem Buch Living Dolls, dass das Korsett der geschlechtsspezifischen Erziehung akut wieder enger geschnürt wird. Es gibt heute kaum mehr Kinderkleidung oder Spielzeug, das nicht durch die Signalfarben rosa und blau eindeutig Mädchen oder Jungen zugeordnet wäre. Auch Kinderbücher sind nicht neutral; sie handeln entweder von Abenteuern und Welterkundung oder sie sind rosa und glitzern. Der Zuordnungsirrsinn erstreckt sich auf absurdeste Gebiete: So finden sich im Supermarkt rosa eingefärbte Fruchtsaftgetränke eigens für Mädchen, und auch viele Kindersüßigkeiten sind einmal im Piraten-, das andere Mal im Prinzessinnendesign erhältlich. Sogar die Werbung für Faschingskostüme richtet sich entweder an Jungen oder an Mädchen: An der Polizeiuniform hängt ein Bild mit einem kleinen Jungen darauf, während Kleidchen und Plastikkrone selbstredend für Mädchen bestimmt sind; beim Seeräuber gibt es eine männliche und eine weibliche Version – obwohl es beim Fasching gerade darauf ankäme darzustellen, was man normalerweise nicht ist. Sich auch nur spielerisch und vorübergehend in die Haut des anderen Geschlechts zu begeben, ist schon für Siebenjährige fast völlig tabuiert.

Walters beschreibt, dass heute für Mädchen die Entwicklungsmöglichkeiten eingeschränkter sind als noch vor einigen Jahrzehnten. In einer Zeit, da Frauen studieren und Karriere machen können – da ihnen, bürgerlich gesprochen, die ganze Welt offen steht –, gibt es für kleine Mädchen kein Entrinnen aus der rosa Puppen- und Prinzessinnenwelt. Mädchen und junge Frauen haben wenig Freiheit zu entscheiden, welche körperlichen Merkmale ihnen gefallen und wie sie selbst aussehen möchten. Auch hier zeigt sich der patriarchale Gegenzug zur Emanzipation der Frau, unterstützt vom postmodernen Diktat der gefälligen Selbstgestaltung, das letztlich doch kaum freiheitliche Akte der Selbstfindung erlaubt. Grade weil der kindliche Alltag von kulturindustriellen Produkten durchzogen ist, wird es zunehmend schwieriger für Mädchen, Puppen und zartfarbene Kleidchen links liegen zu lassen und einfach Wildfang zu sein; genauso wie Jungs es kaum noch wagen können, zum Spielzeug ihrer Schwester zu greifen und sich damit als weiblich zu identifizieren und sich dem Gespött der anderen Kinder auszusetzen. Der frauenfeindliche Charakter dieses Tabus enthüllt sich darin, dass der Rollenwechsel immer noch weniger sanktioniert wird, wenn ein Mädchen sich mit Jungsdingen beschäftigt, als umgekehrt: Für sie bedeutet es – in gewissem Rahmen – eine Aufwertung, mit den Jungen mithalten zu können, für ihn eine Abwertung, sich mit Mädchen abzugeben. Es ist sicherlich kein Zufall, dass »schwul«, also mädchenhaft, und »fett« unter Kindern zu den beliebtesten Schimpfwörtern mit der größten Beleidigungskraft zählen.

Statistiken belegen, dass sich ein Großteil der Mädchen schon im Grundschulalter zu dick findet: das Fundament zur späteren Bulimie, Mager- oder Esssucht, die die Leistungsforderung an den Körper ebenso affirmieren, wie sie dagegen rebellieren. Auf der weiblichen Kindheit lastet ein ungeheurer Normierungsdruck, Prinzessin zu sein. Der frühe Zwang zum Schlank- und Süßsein leitet die Standardisierung der Mädchenkörper ein; er trotzt den scheinbar vielfältigen Wahlmöglichkeiten, die sich später vor jungen Frauen auftun. Er zieht sich als ein roter Faden durchs Frauenleben – bis hin zum Schund der völlig enthaarten Körper und weißestmöglichen Zähne, wie ihn das Urmodell des sexistisch zugerichteten Körpers, die bereits beschimpfte Barbiepuppe, aufweist. Dass Barbies Plastikkörper der menschlichen Anatomie widerspricht – ihre Brüste würden den wespentaillierten Leib nach vorne ziehen und sie würde umkippen –, wird nicht erst am lebensgroßen Modell im Spielzeugmuseum deutlich. Das Schönheitsideal ist tatsächlich ein Ideal: nämlich unerreichbar. Das illustrieren kürzlich veröffentlichte H&M-Poster, die Klamotten auf rein computergenerierten Frauenkörpern präsentieren, denen lediglich die Köpfe echter Models aufgesetzt wurden – als gäbe es keine realen Leiber mehr, die den Ansprüchen genügen. Den enormen gesellschaftlichen Druck hinzugerechnet, mit dem diese illusorische Schönheit dennoch gefordert wird, nimmt seine krankmachende und lebens-, also letztlich körperfeindliche Wirkung nicht wunder.

Als ein gesondertes Phänomen postmodernisierter Körperverhältnisse tritt uns die Übertragung dieses weiblich-zurichtenden Körperbilds auf Jungs und Männer entgegen. Die globalisierte Wirtschaftswelt fordert, ungeachtet überkommener Rollenverteilungen, eine möglichst vielseitige Verwendbarkeit der Arbeitskräfte. Dabei zählen zu den veränderten Rollenanforderungen für männliche Arbeitnehmer neben Soft Skills wie Teamfähigkeit, Einfühlungsvermögen und »der Qual der Folter im angestellten Grinsen« (Adorno) auch ein gepflegtes und gestyltes Äußeres – wie sich im Geschrei um Metrosexualität und Herrenkosmetik ausdrückt. Obwohl das Körperverhältnis junger Frauen und Männer noch sichtlich divergiert, sind experimentelle Frisuren, Diäten und sportliche Exzesse zugunsten einer schmalen, sehnigen Silhouette mittlerweile auch bei Jungen keine Seltenheit mehr. Auf der Erscheinungsebene holt also der Körperfetisch das männliche Geschlecht langsam ein – doch bleibt zu beachten, wie fruchtbar der Boden ist, auf den die postindustriellen Körperzwänge fallen. Frauen sind diesbezüglich dank ihrer Sozialisation weitaus gefährdeter – gelten sie doch in ihrem innersten Wesen als Körper, als Natur; anders als Männer, die auch und in zweiter Linie körperlich sind.

    Negative Selbstermächtigung

Im Sozialisationsprozess und darüber hinaus wird in einer Weise auf den weiblichen Körper zugegriffen, die oft einem stabilen Körperselbst im Wege steht. Viele Frauen lernen, ihren eigenen Körper als Ausbeutungsobjekt zu behandeln. Das heißt, Konflikte der Einzelnen mit der Gesellschaft, in denen der Konflikt mit der weiblichen Identität eine große Rolle spielt, entladen sich zunehmend am Körper: Dieser wird zum Austragungsort psychischer Konflikte. Zu dieser Einschätzung kommt auch die Psychologin Lilli Gast, wenn sie schreibt: »So wie jede Frau aufgrund der kulturellen Körpersymbolik in ihrem Spiegelbild nicht eben ihren Körper, sondern ihr ganzes Sein erblickt, so wird auch für die Betroffene ihre körperliche Erscheinung, ihr Körperbild zum Prüfstein und Merkmal der persönlichen Identitäts- und Autonomieentwicklung.«18 Der Blick in den Spiegel wird zu einer selbstkritischen Suche nach dem Mangel.

Individuelle Konflikte, die über den Körper ausagiert werden, wie Essstörungen u.a., können deswegen auch als Spiegel der gesellschaftlichen Realität verstanden werden, in welcher die gesellschaftlichen Anforderungen an den weiblichen Körper derart groß sind, dass das Ich das Körperselbst schnell als fremd und widersprüchlich empfindet. Widersprüchlich meint hier die Unvereinbarkeit zwischen dem eigenen Selbstentwurf, wie er in der Kindheit herangewachsen ist und der weiblichen Identität, die während der Pubertät von außen gefordert und als einengend empfunden wird; den Widerspruch also zwischen Frau- und Ich-Sein. Dies kann dann allzu oft nicht mehr anders als über den Körper kompensiert werden und wird zudem als eine selbstverschuldete Verfehlung erlebt. Der Körper wird hier nicht mehr der gesellschaftlichen Norm adäquat gestaltet, sondern zunehmend entwertet und zu einer Art Container für alle verdrängten Wünsche und Gefühle, die nicht ins Bewusstsein dringen dürfen.

Gast beschreibt zum Beispiel sehr eindrücklich, wie etwa die Magersucht als ein verzweifelter Versuch verstanden werden kann, diesen Widerspruch zu lösen, also das eigene bedrohte Ich (der Kindheit) zu schützen, indem der Körper als Träger gesellschaftlicher Anforderungen abgespalten wird. Das Aushungern des Körpers kann aus dieser Perspektive als die systematische Reduktion der Angriffsfläche patriarchaler Strukturen verstanden werden, als Versuch also sich gegen die gesellschaftliche Projektion von Natur zu wehren. Ein weiteres einleuchtendes Beispiel gibt Orbach in ihrem Antidiätbuch von 197819, worin sie darstellt, dass viele übergewichtige Frauen unbewusst ihr Fett als Schutzschild nutzen: einerseits, um sich damit gegen den sexualisierten Zugriff der Gesellschaft zu wehren, andererseits als Polster, das Gefühle wie Zorn, Angst und Neid verschluckt, die zu zeigen ihrer Vorstellung von sich als großzügiger, umgänglicher Frau widersprechen. Dafür nimmt sie die allgegenwärtige Diskriminierung für ihr nicht genormtes Aussehen in Kauf – so verzweifelt sie sich andererseits mit immer neuen Diäten dagegen stemmt. Es zeigt sich daran, dass Magersucht und Esssucht zwei Seiten derselben Medaille sind. »Schön muss ich sein, dann kann und darf ich endlich alles«, ist die Logik, die dahinter steht: das ebenso falsche wie verführerische Versprechen.

An dieser Spaltung zwischen dem Ich und dem eigenen Körper wird deutlich, wie schwer es ist, sich des eigenen Körpers selbstbestimmt zu ermächtigen. In jenen Symptomatiken, die die Reduktion der Frau auf ihren Körper ins Extreme steigern, zeigt sich die Unmöglichkeit, sich in einer Gesellschaft zu verwirklichen, die in ihren Anforderungen selbst pathologisch ist. Was die Einzelnen austragen »ist keine Krankheit an den Menschen, sondern die der Gesellschaft«20. Jene Negation des eigenen Körpers können wohl als ein verzweifelter Versuch der Rebellion gegen die erwartete Vergesellschaftung des Körpers verstanden werden. Jedoch muss diese ohnmächtig bleiben, weil der Kampf um Selbstverwirklichung gegen sich selbst, und nicht gegen die Gesellschaft ausgetragen wird.

Das hier zugrunde liegende Spannungsfeld zwischen der Ohnmacht gegenüber objektivem Zwang und dem subjektiven Wunsch, sich des eigenen Körpers zu ermächtigen, scheint es zu sein, was den gegenwärtigen Strategien, mit dem Körper umzugehen, gemeinsam ist. Und diese Spannung mag auch ihr gemeinsames Potential sein: Sowohl im radikalen Aushungern des Körpers wie auch im Entschluss, sich auf dem Operationstisch den Traum von den richtigen Maßen zu erfüllen – also gerade in der Anpassung ans herrschende Schönheitsideal –, ist negativ der Wunsch bewahrt, anders zu sein und ein glücklicheres Leben zu haben, als es die gegenwärtigen Verhältnisse ermöglichen. Im Bedürfnis nach einem schönen Körper scheint das verborgene Bedürfnis nach Emanzipation auf, an dem auch in postmodernen Verhältnissen festzuhalten wäre. Um der Emanzipationsmöglichkeit Raum zu geben, müsste jedoch darauf reflektiert werden, dass die Hoffnung auf ein besseres Leben nicht durch endlose körperliche Selbstgestaltung zu verwirklichen wäre. Denn diese orientiert sich fast notwendig am Schönheitsideal. Ein wenig anders ist es um alternative Schönheitsvorstellungen bestellt, die ein punktuelles Entrinnen, beschränkt auf wenige Freiräume, bieten mögen. Die Frage, ob der Körper in der Queerkneipe mit ihren individualisierten Gästen als ein »gelebte[r] Ort der Möglichkeit«21 präsent ist, bleibt diskutierenswert. Bildet die Marktlücke, die sie ausfüllt, nicht eine zusätzliche Sparte im neoliberalen Sumpf abgesehen von der lebensweltlichen Erleichterung, die diese Kneipe für die einzelne Quertreiberin bedeutet? Ein ziemlich eindeutiges Beispiel positiver Körperermächtigung hingegen ist jene Frau, die im Selbstverteidigungskurs gelernt hat, ihre sozialisationsbedingten Defizite, die Körperkraft angehend, zu kompensieren, und die folglich nachts im Park keine Angst mehr hat.

Magnus Klaue hat dazu prägnant formuliert, dass „»schön […] nur genannt werden [kann], was in bestimmtem Widerstand gegen die ärmliche Realität am Versprechen von Glück und Erfüllung festhält, während häßlich nur genannt werden kann, was als untilgbare Wunde an die Lüge erinnert, die jeder Form von Schönheit innewohnt, die sich als unmittelbarer Bestandteil der Wirklichkeit aufspreizt.« Schönheit wäre demnach etwas dem gegenwärtigen Schönheitsideal Entgegengesetztes. Es wäre dasjenige, das nicht aufgeht im Bestehenden, indem es sich durch einfachste Formeln wie die Maße 90-60-90 oder blondiertes Haar herstellen und verwerten lässt. In diesem Sinne wäre schön zu nennen, was den Einzelnen verzaubert und betört durch ein Gemisch von Eigenschaften, das nicht leicht zu entschlüsseln ist, weil es zutiefst individuell berührt: wie beim Verlieben, das sich glücklicherweise nicht gänzlich nach dem Kriterien der gängigen Vorstellungen von Schönheit richtet. Schönheit – eines Menschen, eines Kunstwerks, der Natur – intensiv zu erfahren erfüllt mit Staunen und Sehnsucht nach Erhalt der Erfahrung, dass es so schön bleiben möge, und enthält insofern ein Moment des Utopischen.

5. Versöhnung mit dem Körper

Das Ziel einer Kritik postmoderner Körperverhältnisse kann natürlich nicht die Aufhebung des Körpers, dieses Produkts so vieler gesellschaftlicher und persönlicher Umstände und Missstände – kann nicht Emanzipation vom Körper sein. Vielmehr bietet es sich an, einen Zustand der Versöhnung mit dem Körper anzustreben, wie er nun einmal geworden ist. Sich mit dem Körper aussöhnen, das bedeutet auf individueller Ebene: Anzuerkennen, dass man körperlich durch die eigenen Sozialisationserfahrungen unwiederbringlich geprägt ist – geprägt vom sozialen Geschlecht; vielfältigen Leistungsanforderungen; normativen Körpermaßen und Gewichtsvorstellungen, die man mit der Muttermilch aufgenommen hat inklusive der Körperneurosen der Eltern; dass man geprägt ist letztlich von der Zerrissenheit des abendländischen Subjekts. Dies alles ist nicht wieder gut zu machen. Deshalb scheint eine Art Essenzialismus der zweiten Natur uns der beste Weg zu sein, mit dem Körper durchs Leben zu kommen. Es wäre anstrengend und überaus kräftezehrend, einen durchschnittlichen europäischen Frauenkörper auf das Kraftniveau und den Fettanteil eines europäischen Mannes zu bringen, der als Kind herumgetobt ist und Möbel zerdeppert hat, während seine Schwester zum bewegungsarmen Puppenspiel angehalten wurde; und ein Mädchen, das immer pummelig gewesen ist, müsste sich ein Äußerstes an Selbstdisziplin antun, um noch den Traum von sich als Königin der Laufstege zu verwirklichen. Die Sozialisation, die unsere Körper geprägt hat, ist unumkehrbar, allenfalls therapeutisch oder durch viele positive Erfahrungen korrigierbar; ihr völlig konträre Wege zu beschreiten intensiviert die Gewaltförmigkeit des instrumentellen Körperverhältnisses, mit dem wir es zu tun haben. Schönheitsoperationen, Diäten, Leistungssport und die Einnahme von Hormonen – sei’s, um Pickel loszuwerden, sei’s, um Muckis zuzulegen –: All das ist Ausdruck brachialer Gewalt gegen den eigenen Körper und seine Bedürfnisse, die wohl erwogen werden will. Wie viel angenehmer, wenn es uns gelänge, die Verschönerungen, die wir mit unseren Körpern anstellen, auf gewaltärmere Verfahren wie Klamottenwahl, Frisuren, Haarefärben, vielleicht auch Piercen und Tätowieren zu begrenzen: Verfahren, die weniger den qualvollen Aspekt der körperlichen Selbstdarstellung in den Vordergrund rücken. Umstürzlerische Ambitionen – wie die negative Kritik des schlechten Bestehenden – sollten nicht am eigenen Körper ausagiert werden: weder mit einer Überhöhung noch über eine Negation des Körpers. Dieser darf nicht zur Ersatzwelt verkommen für die Wünsche und Ansprüche, die man eigentlich ans Leben hat.

Doch geht es uns nicht allein darum, menschliche Aktivität in bessere Bahnen umzulenken, sondern auch um ein passives Vermögen: die Wiedergewinnung der Erlebnisfähigkeit. Denn wenn es gelänge, den Zwang zur Selbstinszenierung wenigstens teilweise außer Kraft zu setzen und so die Festung Körper ein wenig lockerer zu überwachen, ließe sich vielleicht ein Stück jener kindlichen Freiheit rückerlangen, offen und neugierig auf die Menschen und die Dinge reagieren zu können. Ein entspanntes Verhältnis zum Körper, wie er eben ist, würde ihn wieder einsetzen in seine Aufgabe als Ort individueller Erfahrung und sinnlichen Genusses: mithin als Glücksmöglichkeit. Ein zuneigungsvolles Körperverhältnis, welches Genusserleben fördert, das auf die Außenwelt bezogen ist, nicht auf Körperoptimierung, scheint uns weniger anfällig zu sein für die Verheerungen des objektiven Schönheitswahns.

Es bleibt zu überlegen, ob der zugerichtete und gleichwohl sich hartnäckig dem unerreichbaren Ideal verweigernde Körper nicht gar als Bastion des Widerstands gegen ästhetische und andere Zumutungen des Hier und Jetzt interpretiert werden könnte. Zeigt es sich nicht häufig, dass der Körper wachsamer ist als der kritische, reflektierte Geist, was die eigenen Befindlichkeiten angeht? Er zeigt durch Müdigkeit und Kopfschmerzen, dass wir überanstrengt sind und nicht mehr arbeiten können; durch Hunger, dass wir, aller Kalorienrechnerei zum Trotz, etwas essen müssen; durch Verdauungsstörungen, dass uns bestimmte Dinge nicht bekommen – physiologisch wie im übertragenen Sinn. Die Unmittelbarkeit der körperlichen Erfahrung setzt manchmal Grenzen, die wir vielleicht verbal oder theoretisch (noch) nicht fundieren können. Insofern lohnt es allemal, sich des Körpers anzunehmen.22

Literatur

Adorno, Theodor W.: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2003.

Ders. und Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt am Main: Fischer 2003.

Judith Butler: Körper von Gewicht, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1995.

Freud, Sigmund: Das Ich und das Es, Frankfurt a.M.: Fischer 1994.

Gast, Lilli: Magersucht. Der Gang durch den Spiegel, Pfaffenweiler: Centaurus 1989.

Gransee, Carmen: Grenzbestimmungen. Zum Problem identitätslogischer Konstruktionen von „Natur“ und „Geschlecht“, Tübingen: Diskord 1999.

Klaue, Magnus: Models und Monstren, in: konkret, 5/2009, S. 58f.

Marx-Engels-Werke, Berlin: Dietz 1974.

Ders.: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, in: MEW 3, Berlin: Dietz Verlag 1974.

Nitzschke, Bernd: Die Zerstörung der Sinnlichkeit. München: Kindler 1974.

Orbach, Susie: Antidiätbuch. München: Verlag Frauenoffensive 1991.

Dies.: Bodies. Schlachtfelder der Schönheit. Zürich: Arche 2010.

Setzwein, Monika: Ernährung – Körper – Geschlecht. Zur sozialen Konstruktion von Geschlecht im kulinarischen Kontext. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2004.
Schwarzer, Alice: Der große Unterschied. Gegen die Spaltung von Menschen in Männer und Frauen. Frankfurt am Main: Fischer 2002.

Dies. (Hrsg.): Durch dick und dünn. Ein EMMA-Buch. Reinbek: Rowohlt 1992.

Villa, Paul-Irene: Schön Normal. Manipulationen am Körper als Technologien des Selbst, Bielefeld: Transcript 2008.

Walters, Natasha: Living Dolls. Warum junge Frauen heute lieber schön als schlau sein wollen. Frankfurt am Main: Krüger 2011.

 
Artikel im Internet:

Behrens, Roger: Die Politik der zweiten Haut, in: Streifzüge, Dezember 1997

Böhme, Micha: Die Verdinglichung gesellschaftlicher Verhältnisse im Subjekt, in: CEE IEH #164/165

Holger: Körper ohne Gewicht. Natur und Leib im Widerstand. In: CEE IEH #151/152.

Katja und Korinna: Fat is a feminist issue. Ein guter Grund, Susie Orbach und die Zweite Frauenbewegung in Ehren zu halten. In: outside the box #2.

mfg [meine frauengruppe]: Der ist doch sonst ganz nett … Zweiter Teil einer Auseinandersetzung mit Ausformungen des Patriarchats in nah und fern. In: CEE IEH #156.

Quadfasel, Lars: Healthy Body – Sick Mind. Drogenpolitik und Gesundheitswahn

Trumann, Andrea: Zur Subjektivierung der Geschlechtscharaktere, in: Phase 2.13

  1. Vgl. Horkheimer, Adorno: Dialektik der Aufklärung. (DdA) [zurück]
  2. Vgl. Marx: Der Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur ist »ewige Naturbedingung des menschlichen Lebens und daher unabhängig von jeder Form dieses Lebens, vielmehr allen seinen Gesellschaftsformen gleich gemeinsam.« (MEW 23, 198.) [zurück]
  3. DdA: 19. [zurück]
  4. Ebd. 16. [zurück]
  5. Ebd. 247. [zurück]
  6. Sigmund Freud, GW, Frankfurt: Fischer 2006. [zurück]
  7. Vgl. Carmen Gransee: Identitätslogische Konstruktionen zu Natur und Geschlecht, 197f. [zurück]
  8. Vgl. Susie Orbach: Bodies – Schlachtfelder der Schönheit. [zurück]
  9. MEW 23: 185. [zurück]
  10. Wir beziehen uns hier auf die sog. Industrienationen. Es gibt im globalen Maßstab unbestritten noch ungemein viele Arbeitsverhältnisse, in denen die körperliche Arbeit vorherrschend ist. [zurück]
  11. Vgl. Orbach: 14f. [zurück]
  12. Vgl. Lars Quadfasel: Healthy Body – Sick Mind. Drogenpolitik und Gesundheitswahn. [zurück]
  13. Vgl. auch die aktuelle Diskussion um die Legalisierung präimplantationsdiagnostischer Verfahren, die potenziell genetisch optimierte Wunschkinder hervorbringen. [zurück]
  14. MEW 3, 541. [zurück]
  15. Bernd Nitzschke: Die Zerstörung der Sinnlichkeit. [zurück]
  16. Wer an dieser Stelle auf Angela Merkel, Hella von Sinnen und Beth Ditto verweist, vernachlässigt, dass diese prominenten Frauen seltene Ausnahmen der Regel sind, die sich ihre Sonderrolle erkämpft haben – was nicht verhindert, dass es für jeden, der Merkels Politik, von Sinnens Comedy oder die Musik von Gossip nicht mag, ein Leichtes ist, diese Frauen auf ihr nichtkonformes Aussehen zu reduzieren. [zurück]
  17. Dass das globalisierte Schönheitsideal Weißsein impliziert, zeigt sich z. B. an der Popularität eurasischer Models in Fernost, also von Frauen mit einem weißen Elternteil, die entsprechend hellhäutig sind; an der Tatsache, dass man in Nigeria wohlhabende Frauen daran erkennt, dass ihre Haut mittels – meist gesundheitsschädlicher – Bleichmittel aufgehellt ist; und an der Cosmopolitan-Affäre um das Titelbild mit Gabourey Sidibe, der Hauptdarstellerin des Films Precious. Dieses Titelbild geriet in die Kritik, weil es, zusätzlich zu den üblichen Photoshop-Nachbesserungen, das dunkle Gesicht Sidibes deutlich blasser zeigte als in der Realität. [zurück]
  18. Lilli Gast: Magersucht. Der Gang durch den Spiegel, 164. [zurück]
  19. Vgl. Susie Orbach: Das Antidiätbuch. Fat is a feminist issue. [zurück]
  20. Theodor W. Adorno: Minima Moralia, 262. [zurück]
  21. Judith Butler: Körper von Gewicht, 11. [zurück]
  22. Vgl. Körper ohne Gewicht von Holger, CEE IEH #151/152. [zurück]