Zu den Konstitutionsbedingungen und der Beschaffenheit revolutionärer Subjektivität1

    I. Einleitung

Überall gleich ist die Qualität: wir sind alle proletarisiert oder wir haben gute Aussichten, es zu werden. Was tun die traditionellen ›Revolutionäre‹? Sie verkleinern die Stufen so, dass einige Proletarier nicht mehr Proletarier als andere sind. Welche Partei hat das Ende des Proletariats in ihrem Programm?« [Raoul Vaneigem, S.I., Basisbanalitäten II]

Die welthistorische Niederlage der Arbeiterbewegung im 20. Jahrhundert gipfelte in ihrem totalen Versagen vor dem Nationalsozialismus angesichts der Vernichtung der europäischen Juden. Das Scheitern vor der »konformistischen Revolte« (Horkheimer) und dem Antisemitismus hat den »geschichtlichen Beruf des modernen Proletariats« (Marx)2 zur Disposition gestellt: die Beendigung der menschlichen Vorgeschichte durch die Abschaffung der Herrschaft von Menschen über Menschen. Seit dem Zusammenbruch des »Realsozialismus« scheint die kapitalistische Produktions- und Lebensweise endgültig ihren weltweiten Triumphzug angetreten zu haben. Mit der Durchsetzung der Subsumtion nahezu aller Lebensbereiche unter die Erfordernisse der Kapitalakkumulation hat sich ein scheinbar totaler Verblendungszusammenhang konstituiert. Seit dem einst prosperierenden »consumer capitalism« hat sich das Alltagsleben der Proletarisierten als privat-isolierte Monaden monotonisiert, während die spektakulär gewordene Warenproduktion potentiell radikale Bedürfnisse manipuliert oder domestiziert. Dem entspricht die Verdrängung des modernen Elends der proletarischen Lebenssituation und die Ausblendung der Möglichkeiten des bestehenden Reichtums. Die Kehrseite dieser Verdrängung ist der Verlust des geschichtlichen Bewusstseins von den vergangenen Klassenkämpfen und den revolutionären Anläufen zu einer Konstituierung des Kommunismus als der »wirklichen Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt« (MEW 3, S. 35). Diesen Zustand der modernen Weltgesellschaft kritisierte die Situationistische Internationale ihrerzeit als »Gesellschaft des Spektakels«. Mit dem Zurückweichen der ehemals vorherrschenden »fordistischen« Produktionsformen, den ihnen entsprechenden »tayloristischen« Produktionsmethoden (monoton-repetitive und bürokratisch überwachte Arbeitsprozesse, strenge Arbeitsdisziplin, absolute Trennung körperlicher und geistiger Arbeit) und der wohlfahrtsstaatlichen Sozialpartnerschaft verändert sich auch die Gestalt der Klasse, »die ihr eigenes Produkt als Kapital produziert« (MEW 23, 675). Im Prozess seiner Neuzusammensetzung ist das Proletariat atomisiert, bewusstlos, desorganisiert und zur schärfsten Konkurrenz gezwungen. Es erscheint nicht einmal als Klasse an sich.3 Es ist bekannt, wie sich die westliche Linke und besonders die deutsche vor dem Erfahrungshintergrund der Shoa und des Niedergangs des »Realsozialismus« dazu verhalten hat und weiterhin verhält. Arbeitertümelnde Postoperaisten und andere Liebhaber des Proletariats bemühen sich, bis hin zu theoriefeindlichem Antiintellektualismus, um die abgeschmackte Neuauflage des Voluntarismus einer positiven Revolutionstheorie.4 Dagegen treffen sich Kathedersozialisten, wertkritische Soziologen und postmodernistische Dekonstruktivisten zum fröhlichen Stelldichein eines »Abschieds vom Proletariat« (André Gorz) als historischem Subjekt der kommunistischen Revolution.5 Damit wird auch das Proletariat als Kategorie der Kritik der politischen Ökonomie getilgt. Wenn die restliche Linke heute überhaupt wieder von Klassentheorie spricht, dann im Sinne einer arbeitssoziologischen Analyse, die beliebig und unvermittelt neben ihren anderen Theorieversatzstücken steht und praktisch-ideologisch der Funktion sozialstaatlicher Regulierung des Kapitalismus zuarbeitet. Hier wie da bleibt das Proletariat das hassgeliebte, mal verhätschelte, dann verstoßene Kind der Linken. Die Auffassungen, dass das Proletariat, wie es geht und steht, bereits Träger kommunistischer Emanzipation sei oder von ihm als revolutionärem Subjekt abzulassen wäre, sind zwei fetischistische Verkehrungen, die sich spiegelbildlich zueinander verhalten. Sie sind die Scheinalternativen derselben Medaille, da die Frage, ob das Proletariat per se das revolutionäre Subjekt sei, eine Scheinfrage ist. Beide Antworten verdinglichen das Proletariat zu einer feststehenden, positiven Identität im Bestehenden. Damit entgeht ihnen die Kategorie der Proletarität, die die »Daseinsform, Existenzbestimmung« (Marx) proletarisierter Menschen ausdrückt. Die Proletarität ist die Bedingung für die Konstitution des Proletariats zum revolutionären Subjekt, die sich nicht scholastisch widerlegen lässt, sondern von der sich nur befreit werden kann. Ihrer Verdrängung entspricht die Ausblendung der Prozesshaftigkeit dieser Konstitution, des Übergreifens und Umschlagens revolutionärer Theorie in selbstverändernde und -aufhebende Praxis. Kritischer Theorie geht es dagegen darum, an den wirklichen Widersprüchen des Bestehenden die Voraussetzungen, Möglichkeiten und Tendenzen seiner Aufhebung nachzuweisen und die davon untrennbaren Konstitutionsbedingungen, die Formen und den Inhalt des Subjekts der revolutionären Verwirklichung dieser Möglichkeiten aufzuzeigen. Nur so lassen sich realistisch die notwendigen geschichtlichen Aufgaben für eine kommunistische Assoziation und die Organisationsweise bestimmen, die zu ihrer praktischen Umsetzung erforderlich ist.

    II. Das Proletariat als moderne Klasse

Die notwendige Voraussetzung der kapitalistischen Produktionsweise im Westen ist die Zirkulation des Geld- und Handelskapitals. Die geschichtlichen Bedingungen der verallgemeinerten Warenproduktion sind aber erst hinreichend gegeben mit der Trennung der unmittelbaren Produzenten von ihren sachlichen Produktionsbedingungen, durch die sich die Ware Arbeitskraft verallgemeinert und die Arbeit die Form der Lohnarbeit annimmt. Erst dadurch wird auch die Warenform der Arbeitsprodukte gesellschaftlich vorherrschend.6 Diese hinreichenden Voraussetzungen wurden durch den Prozess der ursprünglichen Akkumulation geschaffen, in dem sich die aufkommende Bourgeoisie die Produktions- und Lebensmittel durch Eroberungen, Unterjochungen und Raubmorde aneignete und ein »vogelfreies Proletariat« (Marx) freisetzte. Der Trennung der Produzenten von ihren Produktionsbedingungen entsprach die Auflösung der Bindungen an die bäuerliche Scholle, der feudalen Ständegliederungen, der roh-naturwüchsigen Arbeitsformen und der patriachialen Blutsbande.7 Die von Grund und Boden enteignete und verjagte Landbevölkerung konnte von der städtischen Industrie allerdings nicht absorbiert werden. Ihre Masse war zumeist als Lumpenproletariat von Bettlern, Räubern und Vagabunden über mehrere Jahrhunderte der sogenannten »Blutsgesetzgebung« unterworfen, die ihre Armut kriminalisierte und sie disziplinierend in die Lohnarbeit hineinpeitschte, brandmarkte und folterte. In dem Maße, wie sich die Gewalt des Privateigentums verallgemeinerte, schlug sie in politische Gewalt um. Die Bourgeoisie eroberte die politische Staatsmacht, konstituiert die moderne Staatlichkeit und setzt die private Verfügungsgewalt über die Produktions- und Lebensmittel ins Recht.8 Mit dem »von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend[en]« (MEW 23, S. 788) Einbruch der modernen Produktionsweise und der Proletarität als des modernen Elends wurde zugleich der Springpunkt für die Frage nach der Emanzipation der ganzen Gattung oder partikularer Regression gestellt: Die kapitalistisch-bürgerlichen Verhältnisse können entweder positiv nach vorne, mit den Erzeugnissen des materiellen und geistigen Fortschritts, durch das rationelle Begreifen des Klassenantagonismus und dessen Austragung im Kampf aufgehoben werden. Anderenfalls kann dieser Gegensatz in romantisch-regressiver Sehnsucht nach archaischer, repressiver Harmonie zugedeckt und verwischt werden. Letzteres findet seinen schlimmsten Ausdruck in der modernen Barbarei des Antisemitismus.

Das Proletariat als moderne Klasse ist das Resultat eines geschichtlichen Negationsprozesses. Es unterscheidet sich von den ökonomisch ausgebeuteten und politisch beherrschten Klassen vorangegangener Gesellschaften, wie den Sklaven der Antike oder den Leibeigenen des Feudalismus, dadurch, dass es formell über seine eigene Arbeitskraft verfügt und keine Produktionsmittel besitzt. Die Ware Arbeitskraft ist nicht das unmittelbare Eigentum eines bestimmten, einzelnen Eigentümers und gehört nicht zu den sachlichen Produktionsbedingungen. Da das Proletariat aber von den objektiven Bedingungen seiner Arbeit getrennt ist, stellt es das Kollektiveigentum der ganzen Kapitalistenklasse dar: »Das Klassenverhältnis zwischen Kapitalist und Lohnarbeiter ist […] damit gegeben, dass die Bedingungen zur Verwirklichung der Arbeitskraft – Lebensmittel und Produktionsmittel – getrennt sind als fremdes Eigentum von dem Besitzer der Arbeitskraft.« (MEW 24, S. 37) Der Kern des Kapitalverhältnisses ist das Klassenverhältnis zwischen den Eigentümern von Arbeitskräften und den Privateigentümern der gesellschaftlichen Produktionsbedingungen, also der wirkliche Gegensatz von Arbeit und Kapital. Das Kapitalverhältnis ist einerseits ein Zirkulationsverhältnis, als Kauf und Verkauf der Ware Arbeitskraft zum Kauf von Lebensmitteln (Arbeiter) oder zur Produktion von Mehrwert (Kapitalisten). Andererseits ist es ein Produktionsverhältnis, in dem sich die Herrschaft der sachlichen Produktionsbedingungen über die Produzenten darstellt als Kommando der toten, vergegenständlichten Arbeit über die unbezahlte lebendige Arbeit. Die Klasse der Kapitalisten verkörpert das Kapital als Produktionsverhältnis, das durch die private Kontrolle und die ausschließliche Verfügung über die Produktivkräfte gekennzeichnet ist.9 In der Form des kapitalistischen Klassenantagonismus erscheint so der geschichtliche Inhalt aller Klassengesellschaften: Die Herrschaft der gesellschaftlichen Produktionsbedingungen über die Produzenten stellt sich im Widerspruch von gesellschaftlicher Arbeit und privater Aneignung des Mehrprodukts dar, der sich im Gegensatz zwischen unmittelbar lebendiger und angehäufter vergegenständlichter Arbeit ausdrückt und im modernen Klassenantagonismus offen gegenübertritt: »Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat.« (MEW 4, S. 463)

    III. Proletarität und Kapital als Resultat des kapitalistischen Gesamtreproduktionsprozesses

Die ursprüngliche Akkumulation bildete den geschichtlichen Inhalt heraus, der in der Verallgemeinerung der Warenproduktion seine gesamtgesellschaftlichen Verkehrsformen findet. Das kapitalistische Privateigentum an den Produktionsmitteln, die antagonistische Klassentrennung und die gesellschaftliche Arbeit in privater Form sind die privat-isolierten Bedingungen der kapitalistischen Produktion. Sobald die kapitalistische Produktionsweise aber auf ihren eigenen Grundlagen steht, reproduziert sie nicht nur ihre Produktionsbedingungen, sondern die vermehrte und verstärkte Trennung der Produzenten davon. Das Kapitalverhältnis ist daher nicht nur die historische und logische Bedingung der kapitalistischen Produktion, sondern zugleich das Produkt des Gesamtreproduktionsprozesses des Kapitals.10 Das Verhältnis von Proletariat und Bourgeoisie ist deshalb weder ein paritätisches Klassenverhältnis, noch ein bloß formeller Rahmen der kapitalistischen Produktionsweise.

In der Warenzirkulation werden zwar die, durch ihre Stellung im Produktionsprozess und ihre Beziehung zu den Produktionsmitteln antagonistischen Klassen als Warenbesitzer gleichgesetzt. Dadurch scheint es real, doch falsch so, als ob sich die Proletarisierten und die Bourgeoisie als zwei verschiedene Sorten von gleichberechtigten Warenbesitzern im Warentausch gegenübertreten würden, die nur durch den Gebrauchswert ihres Arbeitsprodukts voneinander unterschieden wären. Das Verhältnis von bloßen Warenbesitzern besteht aber im Austausch ihrer eigenen Arbeitsprodukte, wodurch sie ihre eigene Arbeit gesellschaftlich gleichsetzten. Tatsächlich wird die Geldware, in deren Gebrauchswert sich der Wert der Arbeitskraft als Preis ausdrückt, ebenso wenig von der Bourgeoisie produziert wie das Kapital. In Wirklichkeit ist der Kauf und Verkauf des Arbeitsvermögens daher kein Austausch zwischen zwei verschiedenen Sorten von Warenbesitzern. Das Proletariat verkauft seine Ware, sein lebendiges Arbeitsvermögen an einen Teil seines eigenen Gesamtproduktes, das die Bourgeoisie ihm im Produktionsprozess als Kapital leiht. Das konstante Kapital tritt dadurch als Käufer der Ware Arbeitskraft auf. Einen anderen Teil seines Gesamtproduktes kauft das Proletariat als notwendige Lebensmittel von der Bourgeoisie zurück. Damit figurieren die Lebensmittel als Käufer der Gesamtarbeitskraft des Proletariats, durch dessen Reproduktion das Kapital verwertet und reproduziert wird. Der Austauschprozess des Kaufs und Verkaufs der Ware Arbeitskraft stellt also eine vermittelte Form der Unterwerfung des Proletariats unter das Kapital dar.

Diese Unterwerfung wird durch den kapitalistischen Gesamtreproduktionsprozess nicht nur aufrechterhalten, sondern vermehrt und verstärkt reproduziert. Das Kapitalverhältnis wird zunächst auf quantitativ stets erweiterter Stufenleiter reproduziert. Die Akkumulation des Kapitals ist einerseits die Rückverwandlung von Mehrwert in Kapital, zur Schaffung von neuem oder vergrößertem Kapital. Andererseits ist sie die Schaffung von neuen Lohnarbeitern, die die Mittel zur Verwirklichung oder Vermehrung des Kapitals darstellen: Arbeitermassen aus der industriellen Reservearmee werden vernutzt oder die Teile der Bevölkerung in die Produktion integriert, die nicht von ihr ergriffen waren, indem das Kapital noch nicht von ihm bestimmte Produktionszweige unter sich subsumiert.11 Das Proletariat produziert nicht nur seine eigenen, ihm gegensätzlichen Produktionsbedingungen in immer größerem Maße als Kapital. Das Kapital produziert auf sich stets erweiternder Stufenleiter eine wachsende Masse produktiver Lohnarbeiter als sein Mittel. Während sich der gegenständliche Reichtum der Gesellschaft durch die Akkumulation des Kapitals ständig vermehrt, vermehrt sich deshalb auch die Klasse, die ihr Produkt als Kapital produzieren muss und damit vom Reichtum ausgeschlossen ist. Das menschliche Arbeitsvermögen bleibt, als Gebrauchswert der Ware Arbeitskraft, die notwendige Bedingung der Kapitalproduktion, obwohl sich im Rahmen der relativen Mehrwertproduktion durch die Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit zugleich die gesellschaftlich notwendige Arbeit verringert.12 Die Reproduktion des Verhältnisses von Kapital und Arbeit findet aber nicht nur in wachsendem Grad, sondern auch in steigender Intensität statt. Das Kapitalverhältnis wird unter beständig günstigeren Umständen für die über Kapital verfügende Klasse und unter beständig ungünstigeren für die lohnabhängige Klasse13 reproduziert. Die sich entwickelnde Produktivkraft der Arbeit fungiert im kapitalistischen Gesamtproduktionsprozess als Produktivkraft des Kapitals, wodurch sich der gesellschaftliche Reichtum in entfremdeter Form vermehrt. Die quantitative Zunahme der entfremdeten Produktivkräfte schlägt wiederum in die Qualität von Destruktivkräften um, in der die Entfremdung potenziert ist. Die Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit drückt sich gleichzeitig in der Maschinisierung des Produktionsprozesses, der Ausdifferenzierung der Arbeitsteilung und der zunehmenden Kooperation aus. Dadurch erhöht sich die Menge der Gegenstände, die in der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit hergestellt werden können. Dieser Zunahme entspricht die erhöhte Arbeitsverausgabung in der gleichen, gesellschaftlich durchschnittlichen Arbeitszeit, also die Intensivierung der Arbeit. Die Enteignung des Proletariats von den Produktions- und Lebensmitteln nimmt in der realen Dialektik der Reproduktion und Neuproduktion des Kapitalverhältnisses permanent extensiv und intensiv zu:

Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degradation auf dem Gegenpol, d.h. auf Seite der Klasse, die ihr eignes Produkt als Kapital produziert.« [MEW 23, S. 674f.]

Im selben Maße, wie mit der kapitalistischen Produktionsweise die gesellschaftliche Produktivkraft der Arbeit sich entwickelt, wächst der dem Arbeiter gegenüber aufgetürmte Reichtum, als ihn beherrschender Reichtum, als Kapital, dehnt sich ihm gegenüber die Welt des Reichtums als eine ihm fremde und ihn beherrschende Welt aus, und in demselben Verhältnis entwickelt sich seine subjektive Armut, Bedürftigkeit und Abhängigkeit im Gegensatz. Seine Entleerung und jene Fülle entsprechen sich, gehn gleichen Schritt. Zugleich vermehrt sich die Masse dieser lebendigen Produktionsmittel des Kapitals, das arbeitende Proletariat. Wachstum des Kapitals und Zunahme des Proletariats erscheinen daher als zusammengehörige, wenn auch polarisch verteilte Produkte desselben Prozesses.« [Marx, Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses, S. 147 f.]

    IV. Form der Proletarität

Als Produkt der Negation von den Produktions- und Lebensmitteln steht das Proletariat in seiner totalen Enteignung und Entfremdung für die Universalität der menschlichen Gattung in negativer Form, als entfremdete Gattungsmäßigkeit:

In der Bildung einer Klasse mit radikalen Ketten, einer Klasse der bürgerlichen Gesellschaft welche keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft ist, eines Standes, welcher die Auflösung aller Stände ist, einer Sphäre, welche einen universellen Charakter durch ihre universellen Leiden besitzt und kein besondres Recht in Anspruch nimmt, weil kein besondres Unrecht, sondern das Unrecht schlechthin an ihr verübt wird, welche nicht mehr auf einen historischen, sondern nur noch auf den menschlichen Titel provozieren kann, […] welche sich nicht emanzipieren kann, ohne sich von allen übrigen Sphären der Gesellschaft und damit alle übrigen Sphären der Gesellschaft zu emanzipieren, welche mit einem Wort der völlige Verlust des Menschen ist, also nur durch die völlige Wiedergewinnung des Menschen sich selbst gewinnen kann. Diese Auflösung der Gesellschaft als ein besonderer Stand ist das Proletariat.« [MEW 1, S. 390]

Mit der Verdampfung aller vorbürglichen, lokal beschränkten und sozial festgelegten Standesformen in das Proletariat ging eine Aufsplitterung der materiellen Produktion in mannigfache moderne Arbeitsweisen einher. Infolge der nahezu explosiven Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit entfaltete sich ein vielgliedriges System der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, in dem sich die Arbeit zu einer konkreten Totalität diverser Arbeitssorten herausbildete. Die Arbeit hörte auf mit den natürlichen Eigenschaften der Individuen verwachsen zu sein und tritt ihnen zufällig gegenüber, als Gleichgültigkeit gegen eine bestimmte Sorte Arbeit.14

Dem Gesamtzusammenhang der verschiedenen Arbeiten der kapitalistischen Arbeitsteilung entspricht die Einheit des Proletariats. Infolge der Zersplitterung der arbeitsteilig-klassenmäßigen Produktion erscheint das Proletariat empirisch aber nicht einheitlich, sondern fragmentiert. Der Inhalt, den die Kategorie der Proletarität ausdrückt, wird in seiner Form unsichtbar: Der Zusammenhang der proletarischen Lebensbedingungen verschwindet in der Menge verschiedenster, sich ständig verändernder Erwerbsverhältnisse und Sorten der Lohnarbeit innerhalb der ausdifferenzierten gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Die Gliederung der Arbeiterklasse durch Lohnunterschiede und fachliche Spezialisierung ihrer untereinander konkurrierenden Mitglieder stellt sich dar in der Form mannigfaltiger Schichten und Fraktio­nen. Soziologische Schichtenmodelle und Milieutheorien sind die ideologischen Reflexe, in denen sich diese Erscheinungsform wissenschaftlich widerspiegelt.15 Sie sind szientifische Verarbeitungen davon, wie die Organisation der gesellschaftlichen Arbeit in der Existenzform der Proletarität dem Alltagsbewusstsein erscheint. Diese Erscheinungsweise wandelt sich durch den Polarisierungsprozess der antagonistischen Klassen und der permanenten Neuproduktion des Kapitalverhältnisses mit enormer Dynamik. In der Praxis der Produzenten setzt sich aber die Existenzbedingung der Proletarität als inneres Band durch die Gliederungen und Trennungen der lohnabhängigen Klasse durch. Aufgrund ihrer gemeinsamen Existenzbedingung sind die Proletarisierten eine Gesamtklasse mit einheitlichen Funktionen, was überhaupt erst die Produktion des Kapitals als gesellschaftliches Gesamtkapital ermöglicht und sich ausdrückt in der tendenziell universellen Austauschbarkeit und Mobilität der Ware Arbeitskraft auf dem modernen Weltmarkt. Für sich genommen stellen Schichten und Milieus demnach eine Abstraktion von der Gesamtheit des Proletariats dar. Ihr konkreter Inhalt besteht darin, dass sie besondere Untergliederungen der reichen Einheit der lohnabhängigen Klasse sind. Die falsche, positivistische Identifikation des gesellschaftlichen Zusammenhangs des Proletariats mit dem Industrieproletariat, als besonderer geschichtlicher Form eines empirischen Phänotypus der Kerngestalt der Arbeiterklasse ist sowohl charakteristisch für den so geschimpften »traditionellen Arbeiterbewegungsmarxismus«, als auch für dessen Überwindungsversuch durch die Wertkritik.16 Die Zersplitterung in zahlreiche besondere Formen der Lohnarbeit gehört aber wesentlich zur Erscheinungsweise der Proletarität, als sich ständig in Bewegung und Veränderung befindender, neu zusammensetzender Substanz der kapitalistischen Produktionsweise.

    V. Inhalt der Proletarität

Das Proletariat ist nicht nur das Resultat einer historischen Negation durch die ursprüngliche Akkumulation, das als logische Voraussetzung des unmittelbaren Produktionsprozesses in der Form des Kaufs und Verkaufs der Ware Arbeitskraft an der Oberfläche der entwickelten kapitalistischen Produktionsweise erscheint. Die Reproduktion des Kapitalverhältnisses stellt vielmehr einen Prozess dar, in dem sich die Negation des Proletariats ständig antagonistisch zuspitzt. Die Trennung der Proletarisierten von den Produktions- und Lebensmitteln reproduziert sich immer mehr und stärker in einer Enteignungsbewegung, in der sie sich der ökonomischen Macht der Bourgeoisie und dem bürgerlichen Staat als deren politisch organisierte Klassengewalt unterwerfen müssen.17 Die Existenzweise der Proletarität ist also vor allem seinsmäßig negativ bestimmt: Sie ist eine objektive Beziehung zu den Produktions- und Lebensmitteln, die durch ökonomische Eigentumslosigkeit und politische Machtlosigkeit gekennzeichnet ist. Das Proletariat ist die Anti-Klasse derjenigen Menschen, die nicht über die privat-monopolisierten gesellschaftlichen Produktionsbedingungen verfügen, sondern nur ihre Arbeitskraft besitzen und daher zur Lohnabhängigkeit gezwungen sind.

Die Akkumulation des Kapitals findet über die extensiv wie intensiv akkumulierende Proletarisierung der Menschheit statt, der eine Akkumulation entfremdeter Gattungsmäßigkeit entspricht. Die entfremdete Gattungsmäßigkeit ist die letzte geschichtliche Form der ökonomischen Ausbeutung und politischen Beherrschung der Arbeit. Sie ist das endgültige Stadium des gattungsgeschichtlichen Formwechsels der Herrschaft von Menschen über Menschen: Im Widerspruch zur Masse des gegenständlichen Reichtums und zu ihren eigenen produktiven Trieben und Anlagen wird die ungeheure Mehrzahl der menschlichen Gattung proletarisiert. In dem zugespitzten Antagonismus von gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung ist die Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen in noch nie dagewesenem Ausmaß in die Höhe getrieben. Die Produktivkraft der Arbeit, die die Gesamtheit der geistigen und materiellen, praktischen wie theoretischen Fähigkeiten der Arbeiter ausmacht, wird als Kapital entäußert, das zur Produktion um der Produktion und zur Akkumulation um der Akkumulation willen produziert und akkumuliert wird. Die entwickelte Arbeit erscheint historisch als entfremdete Substanz der Gesellschaft und Gattungsmäßigkeit. Die proletarisierte Menschheit ist von ihrer eigenen Gattungsmäßigkeit total entfremdet, weil sie von den Verwirklichungsbedingung ihrer Arbeit getrennt ist. Die Arbeit ist aber das Gattungsleben des Menschen, weil sie die gattungsmäßige Betätigung des menschlichen Lebens ist, die das Leben der menschlichen Gattung selbst zum Gegenstand ihres Willen und ihres Bewusstseins hat. In dem Stoffwechselprozess mit der Natur bestätigt der Mensch seinen Gattungcharakter, da er die Gegenständlichkeit seiner eigenen Gattung schafft, indem er seine menschlichen Gattungskräfte vergegenständlicht.18 Die Trennung des Proletariats von den Produktions- und Lebensmitteln verneint die bewusste, selbsttätige und freie Verwirklichung seiner Gattungsmäßigkeit, da sie es von den Bedingungen dieser Verwirklichung wegreißt. Die Form der Lohnarbeit degradiert das Gattungsleben der Menschen zum Mittel ihres nackten Überlebens, indem die Arbeit verkehrt erscheint als bloßes Mittel zum Erhalt der Existenz. Diese absolute Entfremdung macht erst das »rastlose Streben nach der allgemeinen Form des Reichtums« (MEW 42, S. 244) möglich. Durch dieses Streben treibt aber das Kapital die Arbeit über die Grenzen ihrer Naturbedürftigkeit hinaus und schafft die materiellen Bedingungen für die Entwicklung einer reichen Individua­lität, die vielseitig produziert und konsumiert. Der allgemeine gesellschaftliche Stoffwechsel, die universalen Beziehungen der Menschen, ihre allseitigen Bedürfnisse und ihr umfassendes Vermögen, also die allgemeine Entwicklung der Individuen ist die Voraussetzung für die Aufhebung des kapitalistischen Privateigentums, »weil eben der vorgefundene Verkehr und die vorgefundenen Produktivkräfte allseitig sind und nur von allseitig sich entwickelnden Individuen angeeignet, d.h. zur freien Betätigung ihres Lebens gemacht werden können.« (MEW 3, S. 424)

Die subjektiven Triebkräfte dieser kommunistischen Aneignungsbewegung sind die radikalen Bedürfnisse, die aus dem objektivem Widerspruch von Kapital und Arbeit entspringen und von der Arbeit konstituiert werden.19 Diese Bedürfnisse sind Ausdruck des wirklichen Gegensatzes zwischen den Produzenten und dem von ihnen produzierten, aber getrennten Reichtum: der proletarisierten Existenzweise und den realen Möglichkeiten der Produktivkräfte, die auf eine kommunistische Anwendung verweisen und drängen. Sie stehen nicht außerhalb des Kapitalismus, sondern sind ein Teil der Bedürfnisstruktur, die dieser hervorgebracht hat.

Der Zwang der Proletarisierten zur selbstzweckhaften Produktion und Akkumulation ist zugleich auch ein Zwang »zur Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte und zur Schöpfung von materiellen Produktionsbedingungen, welche allein die reale Basis einer höheren Gesellschaftsform bilden können, deren Grundprinzip die volle und freie Entwicklung jedes Individuums ist.« (MEW 23 S.618 ) Damit sind auch inhaltliche Tendenzen für Verkehrsformen einer unmittelbaren und universalen Vergesellschaftung der Arbeit vorhanden. In diesen Tendenzen drücken sich die objektiven Möglichkeiten aus, durch die die kapitalistischen Formen der Arbeit und des materiellen Reichtums abgeschüttelt werden können. Diese Tendenzen zeigen sich auf der Seite des Kapitals in den Aktiengesellschaften des kommerziellen Kapitals, der Monopolisierung (Zentralisierung und Konzentration des Kapitals bis hin zur Verstaatlichung als Despotie über das Proletariat, in der das Kapitalverhältnis auf die Spitze getrieben ist20) und der Durchschnittsprofitrate. Auf der Seite der Arbeit schlagen sich diese Tendenzen nieder in der Herausbildung eines globalen gesellschaftlichen Gesamtarbeiters, der fortschreitenden Entwicklung und Vergesellschaftung der Arbeit, sowie der Kooperation, Kombination, Kommunikation und Assoziation der Produzenten in immer größeren Produktionseinheiten. Mit der weltumspannenden Vergesellschaftung der entwickelten Arbeit und den Mitteln und Fähigkeiten der Produzenten sind die zentralen Bildungselemente für eine unmittelbare, bewusste und planmäßige Selbstorganisation der Produktion nach den Bedürfnissen der Menschen gegeben.

Die Bildungselemente einer neuen kommunistischen Gesellschaft werden als »kapitalistischer Kommunismus« (Marx) im Schoße der alten kapitalistischen Gesellschaft ausgebrütet. Sie stehen nicht außerhalb der kapitalistischen Reproduktionstotalität, sondern sind deren genuines Produkt, Fleisch vom Fleische. Mit ihnen ist kein Determinismus eines allmählichen Herüberwachsens des Kapitalismus in den Kommunismus oder seiner Ablösung nach einer finalen Zusammenbruchskrise gegeben. Die Entwicklung und Entfaltung des »kapitalistischen Kommunismus« verbürgt keine Gewähr für die Verwirklichung der Möglichkeiten einer kommunistischen Assoziation. In seinem Fortlauf und auf seinem Höhepunkt besteht vielmehr die reale Möglichkeit des Umschlages in die faschisierte Gesellschaft des autoritären Staates.

    VI. Fetischismus, Versachlichung und Verdinglichung

Da die Proletarität aufgrund der Trennung von den Produktions- und Lebensmitteln durch Negativität gekennzeichnet ist, steht das Proletariat nicht außerhalb der bestehenden Verkehrsformen. Die Arbeiterklasse befindet sich auf keinem äußerlichen Standpunkt gegenüber den Fetischisierungen, Mystifikationen und Naturalisierungen der kapitalistischen Gesellschaftlichkeit. Im unmittelbaren Produktionsprozess des Kapitals fungiert sie vielmehr als dessen variabler Bestandteil, der nicht nur den Wert seiner Arbeitskraft, sondern durch unbezahlte Mehrarbeit Mehrwert produziert. Entgegen der Bewusstwerdung der antagonistischen Produktionsform und der gesellschaftlichen Widersprüche durch die Praxis der Theorie, die für die Verwirklichung der Möglichkeiten des Kommunismus notwendig ist, besteht daher die Tendenz zur Verdrängung der Klassengegensätze und einer regressiven Verarbeitung der Widersprüche in den ideellen Konfliktformen einer »ihrem primären Ziel entfremdeten Klassenkampfenergie« (Adorno, GS 8, S. 188).

Der Antisemitismus ist die modernste und zugleich archaischste ideologische Verarbeitung der unbewältigten, unbewussten gesellschaftlichen Widersprüche. In ihm wird der Gegensatz zwischen der stofflichen und der gesellschaftlichen Seite der Produktion und des Reichtums besonders gefährlich verdinglicht und personalisiert. Als kollektive Praxis der deutschen NS-Gesellschaft bewerkstelligte der Antisemitismus eine Lösungs- und Existenzform des anta­gonistischen Klassenverhältnisses und der Widersprüche der Moderne in der Form eines »Produktionsverhältnis des Todes« (Initiative Sozialistisches Forum). Dieses Verhältnis war sowohl durch die Aufhebung, als auch die Fixierung der Klassenpartikularität gekennzeichnet. In Bezug auf den Nationalsozialismus ist die materialistische Auffassung obsolet geworden, dass die Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen sei, in der sich die Herrschaft der gesellschaftlichen Produktionsbedingungen über die Produzenten ausdrücken würde. Im klassenübergreifenden Mordkollektiv der Volksgemeinschaft wurde der Klassenantagonismus aufgehoben, aber nicht abgeschafft. Es war nicht der Klassenkampf der Proletarisierten aller Länder, sondern wesentlich der Kampf bürgerlich-proletarischer Koalitionen, durch die diese moderne Barbarei der kollektiven »Synthese des Un- mit dem Übermenschen« (Améry) niedergerungen worden ist. Dass die Vorgeschichte antagonistischer Klassen­ und ihrer Kämpfe dennoch weiter fortschreitet, ist die Katastrophe. Diese Katastrophe kann aber wiederum nur durch die Austragung des modernen Klassenantagonismus im Kampf beendet werden, »als Schluß, worin sich die Bewegung und Auflösung der ganzen Scheiße auflöst.« (Marx an Engels, 30.4.1868) Die Kritik des Antisemitismus verlangt an erster Stelle die Kritik der Fetischismen der bürgerlichen Gesellschaft, weil der Antisemitismus als Alltagsreligion und Vernichtungswahn deren schlimmstmögliche Potenzierung darstellt. Diese Kritik ist zugleich die Bedingung für die Überwindung der bürgerlichen Gesellschaft und die Abschaffung aller Entfremdungen.21

Die Gesamtarbeit der bürgerlichen Gesellschaft ist ein Komplex selbstständiger und unabhängig voneinander betriebener Privatarbeiten. Da die einzelnen Privatarbeiten nicht unmittelbar als Glieder der gesellschaftlichen Gesamtarbeit gelten, verselbständigt sich die Vergesellschaftung der Arbeit und wird wesentlich unbewusst vollzogen. Der gesellschaftliche Charakter der entfremdeten Privatarbeiten und die gesellschaftlichen Verhältnisse der Produzenten können erst in der sachlichen Form der gesellschaftlichen Verhältnisse der Arbeitsprodukte erscheinen, die auf dem Umweg des Marktes im Warentausch miteinander vermittelt werden. Dadurch verkehren sich die Produktionsverhältnisse und der gesellschaftliche Zusammenhang der Arbeiten real in eine naturwüchsige Macht von Sachen: »sachliche Verhältnisse der Personen und gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen« (MEW 23, Seite 87). Diese Versachlichung erscheint andererseits als Verkehrung der Arbeitsprodukte zu selbstständigen Subjekten: »Personifizierung der Sachen und Versachlichung der Produktionsverhältnisse« (MEW 25, S. 838). Die tote Arbeit übernimmt damit das Kommando über die lebendige Arbeit: Die Produzenten werden zu passiven Anhängseln ihrer vergegenständlichten Arbeit in der Form des konstanten Kapitals herabgesetzt, während sich ihre Arbeitsprodukte zum »automatischen Subjekt Kapital« (Marx) personifizieren. Die gesellschaftliche Seite der Arbeitsprodukte drückt sich dabei sachlich im Austauschverhältnis von Ware und Geld aus, wodurch letzteres die Eigenschaft erhält, Wert zu repräsentieren. Diese Eigenschaft ist eine reflexive Geltungsbestimmung, d.h. eine Bestimmung, die dem Geld als Ding nur in dem gesellschaftlichen Verhältnis der Sachen zukommt, insofern sein Gebrauchswert als Wert aller anderen Waren gilt.

Da die Eigenschaften von Dingen aber gewöhnlich aus ihrer Naturalform entspringen, klebt der Versachlichung notwendig der objektive Schein an, dass die gesellschaftlichen Eigenschaften der kapitalistischen Form der Produktion und der Arbeitsprodukte aus ihren Naturalformen herrühren würden.22 Dadurch wachsen gesellschaftliche Formen scheinbar mit ihren stofflichen Körperformen zusammen, die nur als Repräsentanten jener Formen gelten. Die Naturalformen des Produktionsprozesses (Arbeit, Produktionsmittel, Boden) und der stoffliche Inhalt des Reichtums (Gebrauchswerte wie Gold) scheinen zu verschmelzen mit den Formbestimmungen der kapitalistischen Produktionsverhältnisse (Lohnarbeit, Kapital, Grundeigentum) und des modernen Reichtums (Geld, Profit, Grundrente). Im Resultat verschwinden die gesellschaftlichen Formbestimmungen und erscheinen verdinglicht als »gesellschaftliche Natureigenschaften« (Marx). Die Herrschaft der Kapitalisten über die Arbeiter erscheint so als Herrschaft der toten Arbeit über die lebendige Arbeit, der Sachen über die Produzenten, schließlich der Dinge über die Menschen. Damit wird der gesellschaftliche Inhalt unsichtbar, der sich in den gesellschaftlichen Produktions- und Reichtumsformen ausdrückt: die Produktionsverhältnisse von Menschen als Klassenverhältnisse und deren Konstitution durch menschliche Praxis. Dementsprechend werden auch die Bedingungen, die Möglichkeiten, die Tendenzen und die radikalen Bedürfnisse unbewusst, die zur Kapitalaufhebung drängen. Indem das Proletariat von den Produktionsagenten mit seiner Eigenschaft als variabler Kapitalanteil gleichgesetzt wird, reproduzieren sie ideell den Kapitalfetischismus. Die Kehrseite davon ist der Lohnfetisch, der dem Wert der Arbeitskraft anklebt, indem dieser real verkehrt so erscheint, als ob der Arbeit selbst von Natur aus Wert zukommt. Damit wird die ökonomische Ausbeutung im kapitalistischen Produktionsprozess verdeckt und die Produzenten an die Logik der Zirkulation gekettet:

Die Form des Arbeitslohns löscht also jede Spur der Teilung des Arbeitstags in notwendige Arbeit und Mehrarbeit, in bezahlte und unbezahlte Arbeit aus. Alle Arbeit erscheint als bezahlte Arbeit. […] Man begreift daher die entscheidende Wichtigkeit der Verwandlung von Wert und Preis der Arbeitskraft in die Form des Arbeitslohns oder in Wert und Preis der Arbeit selbst. Auf dieser Erscheinungsform, die das wirkliche Verhältnis unsichtbar macht und grade sein Gegenteil zeigt, beruhn alle Rechtsvorstellungen des Arbeiters wie des Kapitalisten, alle Mystifikationen der kapitalistischen Produktionsweise, alle ihre Freiheitsillusionen, alle apologetischen Flausen der Vulgärökonomie.« [MEW 23, S. 562]

Durch die kohärente theoretische Umkehrung können die verkehrten Strukturen der versachlichten menschlichen Beziehungen und der daran haftende Schein der Verdinglichung auf eine bestimmte Form der menschlichen Praxis zurückgeführt werden: die Organisation der Arbeit in der Form einer klassenantagonistischen und patriachalen Arbeitsteilung. Alle Mysterien und verhimmelten Formen finden ihre rationale Lösung in der Praxis und deren Begreifen.

    VII. Organisation als revolutionäre Vermittlungsform von Theorie und Praxis

In den unmittelbaren, an tagespolitischen Alltagszielen ausgerichteten Klassenkämpfen besteht die naturwüchsige Tendenz zur Assoziation des Proletariats als Klasse an sich, die den fortschrittlichen Charakter dieser Kämpfe ausmacht.23 Aber die Voraussetzung der Aufhebung der Konkurrenz der Lohnabhängigen untereinander durch den Prozess einer selbsttätigen, solidarischen Assoziation und der Abhäutung der Charaktermasken von Konkurrenzmonaden ist das theoretische Bewusstsein über den Zusammenhang zwischen der gesellschaftlichen Praxis und ihren verkehrt erscheinenden Formen. Von ihren Unlusterfahrungen im unmittelbaren Alltagsleben und ihren Tageskämpfen ausgehend müssen sich die Proletarisierten ihre eigenen, sich darin ausdrückenden radikalen Bedürfnisse und gesellschaftlichen Verhältnisse theoretisch verständig machen. Ansonsten verharren die Alltagserfahrungen im gesellschaftlich Unbewussten und rufen nur ein diffuses Unbehagen hervor, das in seiner Mehrdeutigkeit zu barbarisch-regressiven Lösungsformen neigen kann. Die Alltagserfahrungen wissenschaftlich in Begriffen zu fassen ist die notwendige Basis der Konstitution revolutionären Klassenbewusstseins und des (anti-)politischen Parteibildungsprozess des Proletariats zur Klasse für sich selbst. Die unabdingbare Voraussetzung der Strategie und Taktik der Organisation einer modernen revolutionär-kommunistischen »Partei im großen historischen Sinne« (Marx) und des revolutionären Prozesses selbst sind die Kritik der modernen Gesellschaft, die Analyse der Zusammensetzungen, Gliederungen, Beziehungen und Kräfteverhältnisse der Klassen und die geschichtlichen Erfahrungen der bisherigen Klassenkämpfe und Revolutionsanläufe. Das Proletariat als revolutionäre Klasse und wirklicher Träger kommunistischer Emanzipation ist nur als »Klasse des Bewusstseins« (Debord) durch die permanente, selbstorganisierte Praxis der Theorie möglich. Die Verwirklichung revolutionärer Praxis, die Kritik der Waffen, stellt sich als ein Umschlagen der kritischer Theorie dar, die auf die Massen der sich der Waffe der Kritik bemächtigenden Proletarier übergreift und die revolutionären Klassenkämpfe begründet, anleitet und begleitet. Die praktische Bemächtigung und Umwälzung der Produktivkräfte, Produktionsbedingungen und des gegenständlichen Reichtums ist eine realistische Möglichkeit angesichts einer hochgradig gesellschaftlichen Kombination und weltweiten Kooperation der Arbeit, der Existenz einer globalen Gesamtarbeiterklasse (als erzwungene und freie Assoziation der Lohnarbeit), den materiellen Bedingungen und Verkehrsformen für die Absprengung der kapitalistischen Formen des Klasseneigentums und des Werts als bisherigem Regulator der Arbeit. Damit sind auch die Bedingungen für die revolutionäre Subjektkonstitution des Proletariats gegeben. Der Zusammenhang dieser ökonomischen und politischen Bedingungen, Möglichkeiten und Entwicklungstendenzen drückt darin sich aus, dass von »allen Produktionsinstrumenten […] die größte Produktivkraft die revolutionäre Klasse selbst [ist]. Die Organisation der revolutionären Elemente als Klasse setzt die fertige Existenz aller Produktivkräfte voraus, die sich überhaupt im Schoß der alten Gesellschaft entfalten können.« (MEW 4, S. 181) So bergen die verkehrten kapitalistischen Produktionsverhältnisse und die in ihnen wirkenden Produktivkräfte die Formel für ihre Aufhebung und Aneignung in sich und so drängt die Wirklichkeit selbst zu dem Gedanken, dass die Befreiung der Arbeiterklasse das Werk der Arbeiterklasse selbst sein muss. Die proletarische Revolution ist nicht die Verwirklichung eines utopischen Ideals, das von den materiellen Voraussetzungen der Revolution absieht. Sie ist kein bloß subjektiver Akt, der seine Kraft allein aus dem Willen der Menschen zieht. Der Übergang des Kapitalismus zum Kommunismus ist aber auch kein deterministisch-naturwüchsiger Prozess, der sich unabhängig vom Denken, Willen und Handeln der Menschen vollziehen würde. Das Proletariat muss die kommunistische Revolution aus keiner zielgerichteten Vorherbestimmung der Geschichte machen, sondern aus der Notwendigkeit der Aufhebung des Privateigentums, die in der Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums zur allseitigen Entwicklung gattungsmäßiger Individualität besteht – bei Strafe des Untergangs der gesamten Menschheit angesichts der rasenden Akkumulation der modernen Destruktivkräfte. Die totale Entfremdung ist nur durch die totale Emanzipation, als ungetrennter Aneignung und Umwälzung aller Produktions- und Lebensbedingungen aufhebbar. Die Aufhebung der Trennungen von Produktions- und Lebensmitteln auf Höhe der modernen Gattungsmäßigkeit ist die Bedingung für die Unterordnung der gesellschaftlichen Produktion unter die bewusste Verfügungsgewalt der Produzenten. Da die verschleiernden Erscheinungsformen der kapitalistischen Produktionsverhältnisse durch ihre Struktur der Verkehrung zur begrifflichen Durchdringung und wissenschaftlichen Kritik nötigen, ist die Voraussetzung der Befreiung von der kapitalistischen Privateigentumsbestie die permanente Arbeit des Begriffs in der Klasse des Bewusstseins und die Antizipation der vernünftig geplanten Organisation der Produktion durch die Selbsterziehung der assoziierten Produzenten zu mündigen Individuen.

    Literatur
  • Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, online unter: http://www.offene-uni.de/archiv/textz/textz_phil/minima_moral.pdf
  • Agnes Heller, Theorie der Bedürfnisse bei Marx
  • Agnes Heller, Mihály Vajda, Familienform und Kommunismus, in: Lukács, Heller, Fehér u.a. Individuum und Praxis, Positionen der Budapester Schule
  • Dieter Wolf, Der dialektische Widerspruch im Kapital, Auszüge online unter: http://www.dieterwolf.net/seiten/auszuege_buch.html
  • Dieter Wolf, Gesellschaftliche Arbeit im ‚Kapital‘, online unter: http://www.dieterwolf.net/pdf/Gesellschaftliche_Arbeit.pdf
  • Eugen Paschukanis, Allgemeine Rechtslehre und Marxismus, online unter: http://www.kommunismus.narod.ru/knigi/pdf/Eugen_Paschukanis_-_Allgemeine_Rechtslehre_und_Marxismus.pdf
  • Hartmut Krauss, Wiederkehr der Proletarität oder Neustrukturierung sozialer Ungleichheit? Sozialstruktur und Subjektformierung im »postfordistischen« Kapitalismus, Teil 1: http://www.glasnost.de/autoren/krauss/subj1.html/ derslb., dgl. Teil 2: http://www.glasnost.de/autoren/krauss/subj2.html
  • Hartmut Krauss, Subjektive Widerspruchsverarbeitung und die Möglichkeit »praktisch-kritischer« Bewußtseinsentwicklung: http://www.glasnost.de/autoren/krauss/wid2.html
  • I.I. Rubin, Studien zur marxschen Werttheorie, online unter: http://implikation.wordpress.com/2012/06/14/scan-i-i-rubin-studien-zur-marxschen-werttheorie/
  • Jean Améry, Jenseits von Schuld und Sühne
  • Marx-Engels Werke, angegebene Bände, online unter: http://www.mlwerke.de/me/default.htm
  • Michael Mauke, Die Klassentheorie bei Marx und Engels, online unter: http://www.kommunismus.narod.ru/books.html oder http://de.scribd.com/doc/46867719/Michael-Mauke-Die-Klassentheorie-von-Marx-und-Engels
  • Tomonaga Tairako, Versachlichung und Verdinglichung, in: Marxistische Dialektik in Japan, online unter dem Titel »Versachlichung und Verdinglichung in ihrer Beziehung zur Hegelschen Dialektik«: http://eprints.lib.hokudai.ac.jp/dspace/bitstream/2115/30703/1/12_P65-85.pdf
  • Ulrich Erckenbrecht, Das Geheimnis des Fetischismus, online unter: http://www.mxks.de/files/other/Erkenbrecht.DasGeheimnisDesFetischismus.zip
    1. Dieser Artikel ist die überarbeitete Version eines Vortrages, der von zwei Leuten der AG Gesellschaftskritik Ende 2011 und Anfang 2012 in Göttingen, Gera, Weimar, Würzburg und Frankfurt a. M. gehalten wurde. Er ist online zu finden unter http://aggk.wordpress.com/ [zurück]
    2. Zur weitverbreiteten Formel der »historischen Mission« des Proletariats, die fälschlicherweise Marx zugeschrieben wird, siehe Walter Rösler, » ›Historische Mission der Arbeiterklasse‹? «, http://www.marx-forum.de/philosophie/begriffe/begriffe_m/mission.html [zurück]
    3. In der »fordistisch-tayloristischen« Ära waren die industriellen Fabrikarbeiter im standardisierten Produktionsprozess unmittelbar sinnfällig der Despotie der Fabrik und dem Kommando der toten Arbeit über ihre unbezahlte lebendige Arbeit unterworfen. Die mannigfaltige Einheit der Arbeiterklasse erschien verdinglicht in der phänotypischen Gestalt des Industrieproletariats. Die positive Revolutionstheorie des »traditionellen« Marxismus identifizierte diese Erscheinung falsch mit der Gesamtheit des Proletariats. Historisch hat sich die Chiffre des »Proletariats« als spektakuläre Verbildlichung einer bestimmten Erscheinungsform der Kerngestalt der Arbeiterklasse erwiesen. »Wie von den Demokraten das Wort ›Volk‹, ist jetzt das Wort ›Proletariat‹ als bloße Phrase gebraucht worden.« (MEW 8, S. 597) [zurück]
    4. Siehe Hanloser/ Reitter, Der bewegte Marx, Eine einführende Kritik des Zirkulationsmarxismus, insbesondere das ominöse »Gesetz des Klassenkampfes« S. 55 sowie die »28 Thesen zur Klassengesellschaft« der »Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft«: http://www.kosmoprolet.org/28-thesen-zur-klassengesellschaft [zurück]
    5. Siehe exemplarisch den Versuch Moishe Postones, das Proletariat »wertkritisch« in seiner ökonomischen Funktion als variables Kapital aufgehen zu lassen in ›Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft, Kapital‹. Der Entwicklungsverlauf der Produktion, Das Proletariat; Vgl. auch die Bemühungen des kathedersozialistischen Doktorgelehrten der Philosophie Ingo Elbe (ein Guru der Sekte »Neue Marx-Lektüre«) die Verwerfung der Kategorie des Proletariats nicht nur durch die Revision, sondern die Verkehrung der marxschen Kritik in ihr gerades Gegenteil zu rechtfertigen: zur Begründung der angeblichen Unmöglichkeit der Revolution. Dafür wird die Kohärenz der marxschen Kritik und die Kontinuität seiner Entwicklung strukturalistisch-mechanistisch zerlegt und die Kategorie des Proletariats auf eine »spekulative Dialektik der Revolution« wahlweise des »frühen Marx« oder der »›exoterischen‹ Schichten des Marxschen Werks« geschoben, in: »Umwälzungsmomente der alten Gesellschaft«: http://www.rote-ruhr-uni.com/texte/elbe_revolutionstheorie.pdf und »Zwischen Marx, Marxismus und Marxismen – Lesarten der Marxschen Theorie«: http://www.oekonomiekritik.de/ElbeLesarten.pdf [zurück]
    6. Vgl. MEW 23, S. 184. [zurück]
    7. Die patriachale Arbeitsteilung wird von der kapitalistischen Produktionsweise aber auf höherer Stufe reproduziert: Durch den Doppelcharakter der kapitalistischen Produktion (Arbeits- und Verwertungsprozess), der Arbeit, die sich im kapitalistisch Reichtum vergegenständlicht (konkrete und abstrakte Arbeit) und den Widerspruch von gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung ist ein Gegensatz zwischen stofflichem Inhalt und gesellschaftlicher Form gegeben, der auch die gesellschaftliche Teilung der Arbeit bestimmt. Die Unterordnung der Individuen unter die kapitalistischen Produktionsverhältnisse verläuft demgemäß entlang einer binär-polaren Trennung der Geschlechter, die sich darstellt in der Subsumtion unter eine patriarchale Arbeitsteilung zwischen der Produktion der Arbeits- und Lebensmittel und der Fortpflanzung des »Geschlechts« (Marx) des Proletariats. Diese patriachale Arbeitsteilung erscheint gleichzeitig verdinglicht als natürliche Arbeitsteilung zwischen männlich normierter produktiver Arbeit und weiblich besetzter unproduktiver Arbeit, womit die hierarchisch geschlechtliche Trennung als ihr gesellschaftlicher Inhalt verdeckt wird. [zurück]
    8. Da die Ausbeutung in der kapitalistischen Produktionsweise sachlich vermittelt und nicht mehr naturwüchsig an unmittelbare politische Herrschaft gebunden ist, sind die einzelnen Privateigentümer nicht unmittelbar persönlich zugleich politische Herrscher. Der Staat stellt sich als politische Instanz in einem Apparat dar, der zwar die Eigentums- und Ausbeutungsverhältnisse in der Form der öffentlichen Gewalt aufrechterhält und sichert, aber von der Kapitalistenklasse getrennt ist. Voraussetzung dafür ist eine hohe Entwicklung der Produktivkräfte und eine ausdifferenzierte Arbeitsteilung, in der nicht nur einige Individuen von der Produktion ausgeschlossen worden sind und die gemeinschaftlichen Interessen der Gesellschaft repräsentieren können, sondern sich vor allem die private Aneignung und Verfügung über das gesellschaftliche Mehrprodukt von der Ausübung gesamtgesellschaftlicher Funktionen abgekoppelt hat. [zurück]
    9. Die verschiedenen Fraktionen und Schichten dieser Klasse drücken bestimmte Beziehungen zu dem Mehrwert und verschiedene Arten der Verfügung über ihn aus, die der gesellschaftlichen Arbeitsteilung entsprechen. Durch diese Gliederung innerhalb der Kapitalistenklasse setzt sich aber als inneres Band die Durchschnittsprofitrate durch, die die jeweiligen Profite der Einzelkapitale zugunsten des gesellschaftlichen Gesamtkapitals ausgleicht und die Einheit der Bourgeoisie stiftet, die in der Aneignung des gesellschaftlichen Mehrprodukts in der Form des Mehrwerts besteht. [zurück]
    10. Vgl. MEW 42, S. 371; Siehe auch MEW 23, S. 742. [zurück]
    11. Durch den Verwertungsprozess des Kapitals wird daher nicht nur das Proletariat neu zusammengesetzt, sondern auch die geschlechtlichen Trennungen kapitalproduktiv umgestaltet und arbeitsteilig an den Gesamtreproduktionsprozess angepasst. [zurück]
    12. Damit werden auch die materiellen Grundlagen und die ökonomi- schen Funktionen der modernen Familie untergraben, wodurch die erste Vorbedingung der Befreiung der Frau gegeben ist: die »Beseitigung der Eigenschaft der Einzelfamilie als wirtschaftlicher Einheit der Gesellschaft« und »die Wiedereinführung des ganzen weiblichen Ge- schlechts in die öffentliche Industrie« (MEW 21, S. 76). Das drückt sich in der Schrumpfung der traditionellen bürgerlichen Großfamilie auf die Kernfamilie und in dem Rückgang männlicher Dominanz innerhalb der Familie durch die relative ökonomische Unabhängigkeit der Frau aus. Heutzutage besteht die Mehrheit des Proletariats aus Frauen, die aufgrund ihrer doppelten Vergesellschaftung als Arbei- terinnen und als Frauen durch die verschränkten Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse des Kapitalismus und des modernen Patriarchats geknechtet sind. [zurück]
    13. Da die Form der Lohnarbeit immer auch die Lohnarbeitslosigkeit eines Teils des Proletariats einschließt ist dieses nicht nur lohnarbeitend, sondern lohnabhängig. [zurück]
    14. Diese Entwicklung stellt die materielle Grundlage für die wissenschaftliche Entdeckung der »Arbeit sans phrase« durch die klassische politische Ökonomie dar, sowie dafür, dass die verschiedenen konkreten Arbeiten die gesellschaftlich-allgemeine Form abstrakter Arbeit annehmen können. Siehe hierzu Dieter Wolf, »Gesellschaftliche Arbeit im ›Kapital‹«, http://www.dieterwolf.net/pdf/Gesellschaftliche_ Arbeit.pdf [zurück]
    15. Die soziologische Suche nach dem Proletariat als einheitlicher Daseinsform im empirischen Datenschutt der positivistischen Anschauung kennzeichnete Adorno als »grimmige Scherzfrage«.; Siehe Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. GS 4, S. 221. [zurück]
    16. Die Wertkritik hebt implizit auf den Begriff der »sozialen Klasse« von Max Weber ab. Dieser verquickte die objektive Stellung im Produktionsprozess und die Beziehung zu den Produktions- und Lebensmitteln milieutheoretisch mit der subjektiven »Lebenswelt« und den ihr entsprechenden »Bewusstseinsmerkmalen«. Damit wird die
      objektive Klassenlage mit der Erscheinung bestimmter Milieus sowie dem Status quo des Bewusstseins kurzgeschlossen und die »Existenz von Klassen an historisch-spezifische Formen soziokultureller Vergemeinschaftung und Lebensführung (z.B.: präfordistisches proletarisches Milieu)« (Krauss, HINTERGRUND I/94, S.26-41) gebunden. Die Schrumpfung und den Bedeutungsverlust des Industrieproletariats, der sich darstellt im Aussterben des »präfordistischen« proletarischen Milieus und ihrer »traditionellen« Arbeiterkultur, missversteht die Wertkritik aufgrund ihres vulgären Soziologismus als Verschwinden des Proletariats. [zurück]
    17. Der bürgerliche Staat agiert dabei als »Ausschuß, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet« (MEW 4, S. 464) und übernimmt im Interesse dieser Klasse zugleich die Verwaltung und Koordination der Gesellschaft, von der die Produzenten getrennt sind. Er schützt als ideeller Gesamtkapitalist die »allgemeinen äußern Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise […] gegen Übergriffe sowohl der Arbeiter wie der einzelnen Kapitalisten« (MEW 19, S. 222) und äußere Bedrohungen. [zurück]
    18. Siehe MEW40, S. 516f. [zurück]
    19. Zu diesen Bedürfnissen gehören vor allem das Bedürfnis nach umfassender Ausbildung und Entwicklung der Individuen, nach unentfremdeter Arbeit als Betätigung des menschlichen Gattungslebens und Verwirklichung des Gattungscharakters sowie das Bedürfnis nach mehr Freizeit, insofern dieses über die Grenze hinausweist, bis zu der der Kapitalismus die Arbeitszeit verkürzen kann, ohne die unbezahlte Mehrarbeit als Grundlage der Ausbeutung zu untergraben.; Siehe Agnes Heller, Theorie der Bedürfnisse bei Marx, S. 103ff. [zurück]
    20. Mit der Entwicklung der Produktivkräfte und der fortschreitenden Teilung der Arbeit wächst die Bedeutung des Staates als Regulator des Widerspruchs zwischen den einzelnen Vertretern der herrschenden Klasse, des Antagonismus zwischen den Klassen und des Gegensatzes von individuellen und gemeinschaftlichen Interessen der Gesellschaft. Dadurch nimmt auch die Selbstständigkeit des Staatsapparates zu, dessen Eigenbewegung wiederum wesentlich auf die Produktionsverhältnisse und darin wirkenden Produktivkräfte zurückwirkt. Die »aus der Gesellschaft hervorgegangene, aber sich über sie stellende, sich ihr mehr und mehr entfremdende Macht« (Engels) des Staates greift als reeller Gesamtkapitalist nicht nur aktiv in die Produktions- und Verkehrsverhältnisse ein, sondern übernimmt die Verfügungsgewalt über die Produktivkräfte und bestimmt die ökonomischen Funktionen der Gesellschaft im Interesse des Gesetzes der allgemeinen Akkumulation des Kapitals. [zurück]
    21. Wir müssen uns auf einen Anriss der ökonomischen Fetischismuskritik beschränken, die die Voraussetztung der Kritik aller Feti- schismen der bürgerlichen Gesellschaft ist. [zurück]
    22. Die Verdinglichung existiert real, weil sie als falscher Schein notwendig mit der sachlichen Erscheinungsform der Produktionsverhältnisse einhergeht. Im Unterschied zur Versachlichung ist sie aber keine wirkliche Verkehrung, da sie zwar real an den gesellschaftlichen Formen der kapitalistischen Produktion und seines Reichtums anhaftet, diese jedoch nicht wirklich mit ihrem stofflichen Inhalt verschmelzen. Siehe hierzu Tomonaga Tairako, Der fundamentale Cha- rakter der Dialektik im »Kapital« von Marx. Zur »Logik der Verkehrung«, in: Marxistische Dialektik in Japan, S. 105-123, online unter dem Titel »Versachlichung und Verdinglichung in ihrer Beziehung zur Hegelschen Dialektik«: http://eprints.lib.hokudai.ac.jp/dspace/bit- stream/2115/30703/1/12_P65-85.pdf; Siehe auch Dieter Wolf, Der dialektische Widerspruch im Kapital, S.260-268. [zurück]
    23. »Von Zeit zu Zeit siegen die Arbeiter, aber nur vorübergehend. Das eigentliche Resultat ihrer Kämpfe ist nicht der unmittelbare Erfolg, sondern die immer weiter um sich greifende Vereinigung der Arbeiter […]. Diese Organisation der Proletarier zur Klasse, und damit zur politischen Partei, wird jeden Augenblick wieder gesprengt durch die Konkurrenz unter den Arbeitern selbst. Aber sie ersteht immer wieder«. (MEW 4, S. 471) [zurück]