Lukas Holfeld für das Bildungskollektiv

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe Kunst, Spektakel & Revolution hatte ich im Herbst 2010 R. und C., mit denen mich seit einiger Zeit ein herzlicher Kontakt sowie ein inhaltlicher Austausch verbindet, zu einem Vortrag nach Weimar eingeladen. Für diesen Vortrag nutzten wir diesmal, nicht wie üblich, den kleinen Veranstaltungsraum in der ACC Galerie, sondern wir hatten, da wir mit einem größeren Andrang rechneten, einen größeren Veranstaltungssaal gemietet. Wie erwartet erschienen am Tag des Geschehens zahlreiche Besucher, der Saal war gefüllt.

Das Fiasko begann damit, dass der Vortrag keinen definierten Anfang nahm: ich hatte es aus irgend einem Grund vergessen, ein paar einleitende Worte zu sagen und so begann der Vortrag völlig unvermittelt, was ich erst bemerkte, als die beiden schon angefangen hatten zu sprechen, wobei sich ihre Stimmen von der Geräuschkulisse des Saals nicht abhoben. Das Unglück nahm seinen Fortgang, indem ich nicht etwa das Publikum darum bat, nun dem Vortrag zuzuhören, sondern die beiden unwirsch unterbrach und eine inhaltliche Zwischenfrage stellte, womit wir uns in eine Diskussion verstrickten, während das Publikum den beiden Referenten noch immer keine sonderliche Aufmerksamkeit schenkte.

Als dann der Vortrag trotz meiner Unterbrechung schließlich doch langsam Struktur angenommen hatte, es den beiden möglich war, einen Argumentationsstrang zu entwickeln und endlich auch das Publikum dem Geschehen auf dem Podium etwas Aufmerksamkeit schenkte, begann C. plötzlich damit, eine abgesägte Schrotflinte zu präparieren. Ich musste ihm dabei helfen und sollte das Gewehr festhalten, sodass er nun mit meiner Hilfe mehrere Schüsse ins Publikum abfeuerte. Als dies geschehen war, schaute ich C. entsetzt und fragend ins Gesicht. Was hatte er getan? Er erklärte mir seine Handlung: er hatte nicht mit scharfer Munition ins Publikum geschossen, sondern durch die Schüsse waren Päckchen ins Publikum verteilt worden, die ihrerseits mit Munition bestückt waren, die dem Publikum nun selbst zur Verfügung stünden und die es nun, so C., selbst benutzen könne. Empört stellte ich C. zur Rede: Wie konnte man vor dem Hintergrund der Erfahrung der Shoa und dem damit uneindeutig gewordenen Verhältnis von revolutionärer Gewalt und Barbarisierungstendenz in Deutschland Waffen verteilen? Wir verstrickten uns in eine Diskussion über das Verhältnis von kritischer Theorie und Gewalt, bevor der Vortrag schließlich wieder weiter gehen konnte.

Dann bekam ich Probleme mit dem Aufnahmegerät, welches den Vortrag aufzeichnen sollte. Es war aus irgend einem Grund ausgegangen, es hatte irgend etwas mit den Batterien zu tun. Ich musste mit dem Rücken zum Publikum vor dem Tisch der beiden Referenten stehen und fummelte panisch an dem Aufnahmegerät herum, woraufhin eine Pause eingelegt werden musste. In der Pause, in der ich die technischen Probleme nicht beheben konnte, gab es plötzlich Aufregung am Bücherstand, der in der Nähe des Eingangs aufgebaut war: zwei Jungs im Alter von zehn bis zwölf Jahren krakeelten dort herum, was wir für einen Schund verkaufen würden, insbesondere schienen sie die antideutschen Publikationen aufzuregen, die dort auslagen, was sie mit wütendem und kaum verständlichem Geschrei kommentierten. Aufgebracht schmiss ich die beiden ohne weitere Diskussion aus dem Saal. Nach einiger Zeit kam dann eine Person auf mich zu, die mir sagte, ich solle hoch, in das Zimmer von Frau Roth kommen – Frau Roth, so hieß die Sekretärin des Gymnasiums, an dem ich mein Abitur absolviert hatte. Ich vermutete, dass Frau Roth in irgend einer Weise für die Raumverwaltung des Veranstaltungsortes zuständig war und wies die Aufforderung, zu ihr zu kommen, wütend mit der Begründung zurück, dass ich die Raumnutzung für den Vortrag korrekt abgeklärt und zudem als Veranstalter das Recht hätte, störende Kinder hinauszuschmeißen. Ich konnte mich nun wieder dem kaputten Aufnahmegerät widmen. Mit R.’s Hilfe hatte ich die Batterien nun so eingesetzt, dass zumindest wieder eine Lampe am Gerät leuchtete – ich musste nur noch den Deckel der Batterien schließen, der Deckel wurde durch einen Saugmechanismus an das Gerät angesaugt.

Nun konnte der Vortrag weiter gehen. Jedoch sofort bemerkte ich, dass das Aufnahmegerät immer noch nicht funktionierte. Bevor ich mich dem störrischen Gerät erneut widmen konnte, krachte plötzlich die Tür des Saals auf, es kam eine Schar von Kindern hereingestürmt, die damit begannen, sich in einer Konstellation zu formieren und eine Tanz-Performance vorzuführen. Unter ihnen waren mehrere Erzieherinnen, die den eingeübten Tanz koordinierten. Ich vermutete, dass dies ein störrischer Protest sein sollte, weil es versehentlich oder durch Blödheit zu einer Raumverwechslung gekommen war und ich nicht bei Frau Roth erschienen war, um dies zu klären; und dass die Kindergärtnerinnen nun beschlossen hatten, den Raum einfach trotzdem zu benutzen und dabei Vortragende und Publikum einfach zu ignorieren. Doch dann bemerkte ich, dass die Tanzperformance uns darauf aufmerksam machen sollte, dass es draußen nun Essen gab und wir dorthin eingeladen werden sollten. Einige der Kinder hatten nun sogar Kuchenbleche in der Hand, die sie uns reichten und von denen sich jeder ein Stück Kuchen nehmen durfte. Ich war sehr hungrig und nahm mir mehrere.

Als die Kinder sich wieder tanzend aus dem Raum bewegt hatten, eilte ich zurück zu meinem Aufnahmegerät und musste feststellen, dass es von der Tanz-Performance vollkommen zerlatscht worden war. Ich raste innerlich vor Zorn, der Vortrag konnte nun nicht aufgezeichnet werden. Vor Wut und Hunger bin ich schließlich aufgewacht.

Ich war im Herbst 2010 sehr mit der Organisation der Veranstaltungsreihe Kunst, Spektakel & Revolution beschäftigt, deren Beiträge1 in dieser Publikation nun schriftlich dokumentiert vorliegen. Erst C., dem ich das Traumprotokoll per Mail zugeschickt hatte, hat mir in seiner Antwort bewusst gemacht, wie sehr dieser Traum auf der manifesten Deutungsebene die Dilemmata verarbeitet hat, mit denen wir es als communistoide »Veranstaltungsmanager_innen« zu tun haben, deren Anliegen es ist, durch eine kritische Bildungsarbeit, die Option einer grundlegenden gesellschaftlichen Veränderung im emanzipatorischen Sinne nicht in Vergessenheit geraten zu lassen: Hunger und Wut bleiben unsereins am Ende für die ganze verzweifelte Fummelei, während dessen ungeachtet, ob nun innerhalb oder außerhalb der Szene oder in der Kulturlandschaft, in der wir uns zwangsweise bewegen, die Leute ihre idiotischen Performances durchziehen, erpresserisch-wohlmeinend uns ihre Kuchen fressen lassen und dabei unsere mühselig zurechtgebastelten Arrangements zertrampeln.

Zu solch verzweifeltem und vielleicht auch unfairem Schluss kommt man hin und wieder, und dies ist wohl insbesondere der Fall, wenn man eine Veranstaltungsreihe ausrichtet, die über einen längeren Zeitraum hinweg versucht, eine kohärente Debatte mit einem Fokus auf ein bestimmtes Thema – in diesem Fall die Frage nach dem Verhältnis von Ästhetik und Gesellschaftskritik – zu führen und nach einem Prozess, mit nicht gerade geringem Arbeitsaufwand und oftmals Stress kein Ergebnis irgendwie greifbar ist: Konnten wir es schaffen Gedankenanstöße zu geben, zu einem Thema, das wir für wichtig erachten? Werden unsere Bemühungen überhaupt wahrgenommen? Oder bleiben wir die linksradikalen, marxistischen Spinner, die in einem kleinen Kreis isoliert über Fragen diskutieren, deren Relevanz für niemanden sonst einsichtig ist und handelt es sich dabei nicht vielmehr selbst um eine Szene, die sich nur selbstreferentiell immer wieder selbst bestätigt?

Gerade weil es aber auch explizit nicht darum geht, einen wie auch immer bestimmten Erfolg zu erzielen, der uns Anerkennung verschafft und wir uns nicht nur in der inhaltlichen Ausrichtung, sondern möglicherweise auch in der Form der Auseinandersetzung gerade gegen jene Institutionen richten, die gesellschaftliche (und das heißt hier: verwertbare) Anerkennung heute qua Zertifikat ausstellen – gerade deswegen mögen die Anforderungen, die unsere Veranstaltungen implizit an das Publikum stellen, oftmals als Zumutung erscheinen. Ob der Schuss ins Publikum, der dieses nicht entmündigen, sondern es selbst wiederum bewaffnen soll, auch trifft, das ist keine Sache, die man geschäftsmäßig berechnen könnte. Sicher bleibt nur die Einsicht, dass heute, wo die Möglichkeiten einer revolutionären Überwindung des Bestehenden verstellt scheinen, die Theoriearbeit – die Waffe der Kritik – eine wichtige Angelegenheit bleibt. Um so schöner ist es dann festzustellen, wenn etwa die Veranstaltungen der Reihe Kunst, Spektakel & Revolution immer wieder zu ungewöhnlichen Konstellationen geführt haben, in denen auch wir als VeranstalterInnen immer wieder auf thematische Aspekte gestoßen wurden, die wir bislang übersehen hatten, wenn wir positives Feedback auch aus anderen Städten erhalten haben und wenn sich hierdurch neue Kontakte ergeben haben. Und zuletzt ist es ein schönes Gefühl, wenn nun, nach einem Prozess der sich länger hingezogen hat, als es geplant war, ein Ergebnis in Form der zweiten KSR-Broschüre vorliegt.

Diese Broschüre enthält neun Texte, die auf den Vorträgen basieren, die im Rahmen des zweiten Teils der Reihe Kunst, Spektakel & Revolution im Zeitraum April bis Oktober 2010 in Weimar gehalten wurden oder die im Zusammenhang mit dieser Reihe entstanden sind und hier erstmalig erscheinen. Während wir uns im ersten Teil der Reihe einführend mit dem Themenkomplex Kunst, Avantgarde, ästhetische Theorie beschäftigt haben und es darum ging, einen ersten Überblick zu gewinnen, wollten wir im zweiten Teil Nebenschauplätze betreten und uns Themen zuwenden, die in diesem Zusammenhang oft kaum noch beachtet werden. Dies bedeutete zum einen, einen Schritt weiter zurück in die Vergangenheit zu machen und sich denjenigen Figuren zu widmen, für die die Perspektive einer Überwindung der bürgerlichen Gesellschaft auch eine ästhetische Dimension hatte (Charles Fourier, Comte de Lautreamont), bevor es überhaupt zu jener Bewegung kam, die innerhalb der Kunstgeschichte heute als historische Avantgarden bekannt sind. Des Weiteren sollte ein Blick auf die Zeit nach dem offensichtlichen Scheitern der Avantgarden gerichtet und der Frage nachgegangen werden, inwiefern das Vermächtnis der Avantgarden in den darauf folgenden Auseinandersetzungen beerbt wurde (Bloch, Brecht, Lukács u.a. in der Expressionismusdebatte, Paul Celan, widerständige Experimente in der DDR). Während der erste Teil der Reihe vordergründig historisch ausgerichtet war, sollte außerdem die Gegenwart in den Blick genommen werden, um zu überprüfen, inwiefern Versatzstücke der avantgardistischen Bestrebungen sich heute in der Kulturlandschaft niedergeschlagen haben (Punk, Emo).

Alle diese historischen Stationen bestimmen schon den Gang, den der erste Beitrag von Tilman Reitz über Charles Fourier geht, jenen Frühsozialisten, der davon überzeugt war, dass eine gesellschaftliche Organisation möglich ist, in der sich die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Menschen in einem leidenschaftlichen Prozess des Spiels wechselseitig ergänzen. Tilman Reitz gibt zunächst einen Überblick über die wichtigsten Aspekte der Sozialutopie Fouriers und rekonstruiert dann dessen Rezeption in Literatur, in künstlerischen Bewegungen und der Avantgarde sowie innerhalb einer der Avantgarde nahe stehenden bzw. postavantgardistischen Intelligenz. Schließlich zeigt er, wie Momente der fourier schen Utopie heute eine Verwirklichung bzw. einen Niederschlag in der Massenkultur finden.An diesem Punkt lässt sich Fourier mit den Avantgarden vergleichen: Während diese die Grenze von Kunst und Leben von er Kunst aus zu überwinden suchten, wollte Fourier dies von der Seite des Lebens her tun – markiert der Versuch der Avantgarden denjenigen Punkt in der Geschichte der Kultur, an dem Massenkultur unvermeidbar wird, so treten genau hier die klaustrophobischen Züge in Fouriers Entwurf in Erscheinung.
So wie sich Walter Benjamin zufolge mit Fourier zeigen lässt, dass sich in einer geheimen Beziehung zwischen Utopien und Architektur kollektive Wünsche äußern, lässt sich an Lautréamont zeigen, dass es eine negative, dunkle Seite dieser Wünsche gibt. Christopher Zwi und R.G. Dupuis zeichnen in ihrem Text über Lautréamont nach, wie dieser die negative Seite der Zivilisation literarisch zu entfesseln und aufzuheben suchte. In gewisser Weise sind damit die Gesänge des Maldoror, jener düstere Roman Lautréamonts, Ausdruck der negativen Seite der bürgerlichen Gesellschaft: des Proletariats. Dass man jedoch nicht fraglos auf die Entfesselung dieses Negativen setzen kann, ist spätestens mit der nationalsozialistischen Massenbewegung klar geworden, welche mit der Shoa die Grausamkeit Lautréamonts noch um ein Vielfaches grausamer wirklich werden ließ. In einer Rekonstruktion der Techniken Lautréamonts, ihrer Verwendung durch die Surrealisten und die Situationisten und mit einem Blick auf die post-avantgardistische Gegenwart, suchen die beiden tastend nach einer Perspektive, welche den Anspruch auf Aufhebung des herrschenden »Positiven« nicht aufgeben will.
Blumen des Bösen brachte bekanntlich auch Charles Baudelaire hervor, mit dessen Erscheinung als Dandy sich der Text von Clemens Bach auseinandersetzt. Im Zentrum steht hier, wie die Figur des Dandy in einem Zustand der Entfremdung das Verhältnis zu sich selbst zu bewältigen sucht: er verobjektiviert sich selbst, um dann mit diesem Gegenstand verschmelzen zu können – ein Versuch, der widersprüchlich bleiben muss, was die Konflikthaftigkeit der Dandy-Existenz kennzeichnet. Konflikthaft und widersprüchlich ist auch die Beziehung des Dandys zur Masse: er will sich in ihr verstecken, um unerkannt zu bleiben, will sich aber auch aus ihr herausheben, um nicht in ihr unterzugehen. In der Gegenüberstellung der Dandy-Figur Baudelaires mit derjenigen Oscar Wildes sucht Clemens Bach nach einem möglichen Umgang mit der urbanen Welt – eine Perspektive, die bei ihm nicht ohne eine utopische Konzeption von Technik auskommt.
Sowie der konflikthafte Individualismus des Dandys seine Voraussetzung in der liberalistischen Epoche des Kapitalismus findet, lässt sich an den Romanen von Charles Dickens zeigen, dass der Liberalismus die Idee des bürgerlichen Individuums hervorbringt, es aber in seinem Fortlauf gleichwohl zerstört. Björn Oellers beginnt seinen Text, der auf Grundlage seines Vortrages vom 29.01.2011 bei den Falken Erfurt entstand, mit einer kurzen Einführung in die Theorie des Romans von Georg Lukács, skizziert dann das Selbstverständnis der liberalen Epoche der kapitalistischen Gesellschaft, um anschließend, jeweils in Bezug auf die Analysen von Karl Marx, darzulegen, wie Charles Dickens die Wirklichkeit dieser Gesellschaft in seinen Romanen darstellt.
Mit dem ersten Weltkrieg geriet der Liberalismus endgültig in die Krise. Dies ist der Zeitraum, in dem der Expressionismus als gewissermaßen erste Avantgardebewegung der Kunst zu wirken begann. Kerstin Stakemeier und Roger Behrens skizzieren in ihrem Text die Bedingungen und Hintergründe der »Expressionismusdebatte«, die von antifaschistischen Literaten und Intellektuellen zwischen 1937 und 1938 in der Moskauer Exilzeitschrift Das Wort geführt wurde. Ob der Expressionismus als Realismus anzuerkennen ist, wie Literaten mit ihren spezifischen Mitteln der faschistischen Bedrohung begegnen können und ob hierfür avantgardistische Formen ein adäquates Mittel sein können, sind die zentralen Fragen dieser Debatte, an der u.a. Georg Lukács, Ernst Bloch und Klaus Mann beteiligt waren.
Jan C. Watzlawik vollzieht mit seinem Beitrag dann den Sprung in die Gegenwart: er verfolgt die Kulturgeschichte der Sicherheitsnadel in den Subkulturen von den 70er Jahren bis heute. Anhand des Wandels der Rolle der Sicherheitsnadel, von der Zweckentfremdung durch die ersten Punks bis zur Sicherheitsnadel am Kragen des Grafen von Faber-Castell, lässt sich eine prinzipielle und widerspruchsvolle Dynamik im Verhältnis von (avantgardistischer) Gegenkultur und elitärer Distinktion nachzeichnen, von der nur ein Moment ist, was die Band Schneller Autos Organisation singt: »Magazin will was von unten, die von unten wollen hoch«, oder in den Worten Ted Polhemus‘: »from sidewalk to catwalk«. Von hier aus wird aber auch unmissverständlich klar: das, was der Punk kulturell und ästhetisch schuf, war von Anfang an keine Alternative zum Markt, sondern eine Alternative innerhalb des Marktes.
Die Selbstverletzung der Punks, auf die nicht zuletzt deren ästhetischer Umgang mit der Sicherheitsnadel verwies, taucht auf gänzlich verschiedene Weise heute in einer anderen Subkultur wieder auf: bei den Emos. Die subkulturellen Äußerungsformen dieser Szene sind Gegenstand des Textes von Magnus Klaue, in dem er die Begriffe »Emotionalität« und »Empfindsamkeit« von dem der Sinnlichkeit abgrenzt: sie stehen für die Verdrängung von Sinnlichkeit, die doch überhaupt auf die materiale Grundlage jeglicher Empfindung – veränderliche Natur und der gegenständlich entfaltete Reichtum, an dem sich die Sinne entwickeln – verweist, während das hypostasierte »Gefühl« nur die Quantität des Erlebnisses kennt. Was dabei übrig bleibt entwickelt Magnus Klaue kritisch am neuen Lebensstil der Polyamorie: die technische und zweckrationale Verwaltung des eigenen Gefühllebens. Dem setzt Klaue die Kälte von Dandy und Vamp entgegen.

Als kleines Extra-Heft liegt dieser Broschüre eine Neuübersetzung des 1956 erstmals auf französisch veröffentlichten Textes »Gebrauchsanweisung des Détournements« von Guy Debord und Gil Wolman bei. Die bisher einzige uns bekannte Übersetzung ins Deutsche ist unter dem Titel: »Die Entwendung: eine Gebrauchsanleitung« an versteckter Stelle erschienen im Dokumentenanhang des Sammelbandes »Guy Debord präsentiert Potlatch – Infomationsbulletin der Lettristischen Internationale« [1954 – 1957], hg. von Klaus Bittermann, Berlin 2002. Da jene verdienstvolle erstmalige Übertragung von Wolfgang Kukulies sich zwar elegant, flott und eingängig liest, jedoch an – vor allem begrifflicher – Genauigkeit und Einfühlsamkeit vielfach erheblich zu wünschen übrig lässt, hielten wir es für angemessen, ja geboten, die hier vorliegende anonyme, obzwar stilistisch spröde bis sperrige, so doch wortgetreu-präzise Neuübersetzung dieses historisch bedeutenden Textes in einer Extrabroschüre mit höherem Gebrauchswert den aktuell interessierten, weniger kennerisch-sammlerisch-nostalgisch gestimmten und eher dem Zweck einer kritisch aktuellen Entfaltung zugeneigten Leser_innen zugänglich zu machen.

Der letzte Vortrag des zweiten Teils der Reihe, am 7. Oktober 2010, sollte ursprünglich der endgültige Abschluss der ganzen Reihe sein. Andere Tätigkeiten und Verpflichtungen des Broterwerbs hatten es nahegelegt, das Projekt vorerst auf Eis zu legen. Im Laufe des Jahres ereilten uns jedoch zum einen immer wieder positive Rückmeldungen über die vergangenen Veranstaltungen und Nachfragen nach einer Fortsetzung der Reihe, zum anderen bekamen die VeranstalterInnen selbst neue Ideen, deren Bearbeitung sich im Rahmen eines dritten Teils der Reihe lohnen könnte. Schon während der Redaktionsarbeit an dieser Broschüre machten wir uns also an eine Fortsetzung der Reihe, die sich in einem neuen Themenkomplex mit den fünf menschlichen Sinnen auseinandersetzt. Wir empfehlen, immer mal wieder einen Blick auf die Seite spektakel.blogsport.de zu werfen: hier sind Informationen über alle aktuellen Veranstaltungen in diesem Rahmen zu finden, außerdem können auch diejenigen Vorträge nachgehört werden, die es aus zeitlichen Gründen nicht als Beitrag in diese Broschüre geschafft haben (»Spannung, Leistung, Widerstand – zum Magnetbanduntergrund in der DDR« und »SARKASMEN – zum poetischen Interventionismus im Spätwerk Paul Celans«) und zusätzlich erscheinen hier immer wieder lesenswerte Texte und Audiobeiträge, die zur Diskussion einladen wollen.

Unser Dank gilt denjenigen, die die Reihe Kunst, Spektakel & Revolution finanziell unterstützt haben (Rosa Luxemburg Stiftung Thüringen, ACC Galerie Weimar, StuRa der Bauhaus Universität Weimar, Buchhandlung »Die Eule« und Neue Linke Weimar e.V.). Besonders sei zudem Alexandra Janizewski, Jacob Teich, Cornelia Schmiedt, Karin Schmidt und den Technikern der ACC Galerie gedankt, die uns die Nutzung des Veranstaltungsraumes der ACC Galerie möglich gemacht haben und dabei geduldig auf unsere Wünsche und manchmal etwas chaotische Sonderumstände im Verlauf der Reihe eingegangen sind – sie haben uns immer das Gefühl gegeben, dass die Reihe in der ACC Galerie willkommen ist und ohne sie wäre sie nicht möglich gewesen. Dank geht außerdem an Schroeter und Berger, die das Plakat zum zweiten Teil der Reihe und diese Broschüre gestaltet haben und an Susann Bischof, die das Plakat zur Veranstaltung mit Peter Bürger entworfen hat. Erwähnt sei außerdem die Geduld der BewohnerInnen der Brahms-WG, die an den Diskussionen um die inhaltliche Ausrichtung der Reihe wesentlich beteiligt waren und sie freundschaftlich, mental und geistig unterstützt haben. Nicht zuletzt gilt ein herzlicher Dank allen ReferentInnen der Reihe und den AutorInnen der Textbeiträge, die sich trotz einer höchst unprofessionellen Redaktionsarbeit auf unsere Fragestellungen eingelassen haben.

Zur Organisation unserer Veranstaltungen und zur Herausgabe weiterer Publikationen sind wir ständig auf finanzielle Hilfe angewiesen. Wer möchte, kann uns mit einer Spende auf folgendes Konto unterstützen:

Kontoinhaber: Bildungskollektiv BiKo e.V.
Kontonummer: 100 112 617
BLZ: 820 510 00
Sparkasse Mittelthüringen

Auf Nachfrage stellen wir gern eine Spendenquittung aus.

  1. Für die Beiträge der Broschüre gilt, was wir schon in der ersten Ausgabe vermerkt hatten: Sie stehen nicht für eine Position oder einen Konsens des Bildungskollektivs, sondern für eine Diskussion, die wir für führenswert erachten. [zurück]