Charles Dickens als Chronist der Zerstörung des Individuums

Der heute weithin gebräuchliche Ausdruck Neoliberalismus impliziert eine Neuauflage (grch. neo – neu) und verweist auf den klassischen Liberalismus. Letzterer ist durch einen tiefen Widerspruch – Verherrlichung und Liquidierung des bürgerlichen Individuums – gekennzeichnet. Dies kann anhand einer Analyse der englischen Literatur dargelegt werden. Hierfür bieten sich Romane von Charles Dickens (1812-1870) an: Zum einen lebte Dickens im England des 19. Jahrhunderts, d.h. im Musterland der Industrialisierung und des Liberalismus in einer Zeit, in der das gesellschaftliche Selbstverständnis maßgeblich durch die liberalistische Theorie bestimmt war. Zum anderen entstanden die im Folgenden dargestellten vier Romane, Dombey and Son, Bleak House, Little Dorrit und Our Mutual Friend, zwischen 1840 und 1870, d.h. zur Hochzeit des Liberalismus. Sie enthalten eine umfassende Metaphorik, mit der der Autor die gesellschaftlichen Verhältnisse und Ereignisse bildhaft ausdrückte und charakterisierte.

Der Roman thematisiert bereits durch seine Form das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft. Die Handlung ist auf eine/n oder mehrere HeldInnen konzentriert, deren Erlebnisse und Gedanken den Zusammenhang des Geschehens bilden und die Ereignisse strukturieren. Diese literarische Form erreicht im 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt, weil im Liberalismus das Individuum als freies gilt. In den Romanen von Dickens allerdings zeigt sich ein anderes Bild. Die liberalistische Gesellschaft geht einen Weg, der von ihrer Entstehung über Blüte und Krise in eine neue Form gesellschaftlicher Integration führt: den Imperialismus. Dieser Weg markiert zugleich den Verfall von Individualität und wird im Folgenden nachgezeichnet. Zunächst werden zum näheren Verständnis der Romanform und der Epoche Lukács‘ Theorie des Romans sowie einige zentrale Elemente des Liberalismus vorgestellt. Dann folgt die Darstellung der aufgeführten Romane. Zum Schluß werden diese im Hinblick auf die Entwicklung des Liberalismus und auf dessen Übergang in die auf ihn folgende Epoche, den Imperialismus, zusammengefaßt.1

Georg Lukács‘ Theorie des Romans

Mit seiner Theorie des Romans hat Georg Lukács die Romanform als einen Erkenntnisgegenstand der Gesellschaftskritik erschlossen. Er entwickelt in dieser Theorie einen Begriff des Romans als literarisches Zeugnis einer entfremdeten Welt, der bürgerlichen Gesellschaft. Die romanhafte Erzählung lege Zeugnis ab von der Isolation des Individuums, das sich einer nicht erfahrbaren und letztlich auch nicht erschließbaren Welt gegenüber sieht.

Bei Lukács geschieht die nähere Bestimmung des Romans zunächst durch Rekurs auf dessen großen literarischen Vorgänger, das Epos. Entstanden ist das Epos im antiken Griechenland und es ist Ausdruck eines mythischen Weltverständnisses. Die Welt wurde als geschlossener Kosmos betrachtet, der voll mit Göttern ist und aus dem es keinen Ausgang gibt. In diesem Weltbild kam den Menschen eine spezifische Position zu: Wenn das irdische Leben von Göttern bestimmt war, so unterstand die menschliche Gemeinschaft einer über ihr waltenden Kraft, einem Schicksal, das die Existenz der Einzelnen und der Gemeinschaft bestimmte; wenn die Welt ein geschlossener Kosmos war, konnte der Mensch ihn erfahren, auf Abenteuer ausziehen, in denen die Seele sich bewähren, aber nicht zugrunde gehen konnte. Dieses Verständnis bedeutete ebenso eine spezifische Rolle für den Urheber des Epos. Er war kein Autor oder Erfinder von Geschichten, sondern ein Berichtender, der Zeugnis von den Geschehnissen ablegte, die sich in der kosmischen Welt zutrugen. So legt Lukács die geschichtliche Situation dar, in der das Epos entstand.

Diesem stellt er den Roman gegenüber, der eine Trennung von Mensch und Welt impliziere. Der Roman hat kein geschlossenes Weltverständnis zur Voraussetzung, sondern ist »ein Ausdruck der transzendentalen Obdachlosigkeit«.2 Er entsteht mit dem Verfall des Feudalismus, mit der allmählichen Auflösung des christlichen Weltverständnisses. Entsprechend rekurriert der Roman nicht auf eine gemeinsame Weltsicht, sondern in ihm muss die erzählerische Welt selbst erst geschaffen werden. Der Zusammenhang der Handlung und des Handlungshintergrunds muss erst hergestellt werden, er wird zum Produkt des Erzählers und dieser wird zu einem Autor (lat. Schöpfer, Urheber). Das Vehikel des Zusammenhangs bildet das Individuum, der Held des Romans. Die Handlung ist um meist eine Figur zentriert, durch deren Erlebnisse sie begrenzt ist. So kommt dieser Figur die Aufgabe zu, den Zusammenhang der Handlung herzustellen. Was im Epos eine Voraussetzung war, die Totalität der Erlebniswelt, wird im Roman erst geschaffen. Da dem Romanhelden hierbei die zentrale Rolle zukommt, ist nach Lukács die typische Form des Romans die Biographie. Es sind die Abenteuer und Erlebnisse des Einzelnen, sein Leben oder ein Abschnitt seines Lebens, die dem Roman Struktur geben.

Das Individuum jedoch ist in dieser seiner Erlebniswelt keineswegs wie selbstverständlich gegeben, sondern muss, so Lukács weiter, den Zusammenhang erst schaffen, der zur Zeit des Epos durch die mythische Totalität vorhanden war. Da ihm diese Aufgabe, eine ganze Welt zu schaffen, jedoch nicht gelingen kann, wird sein Leben zum »Leben des problematischen Individuums«.3 Es steht fortwährend vor der unlösbaren Aufgabe, leisten zu müssen, was ein Einzelner nicht leisten kann: die Herstellung einer Erfahrungswelt. Beispielhaft lässt sich dies an der Hauptfigur des Romans Don Quixote aufzeigen, an dem Lukács seinen Romanbegriff maßgeblich entwickelte. Don Quixote reitet durch eine Welt, in der er fortwährend Dinge erkennt, indem er sie verkennt. Er beansprucht den feudal-christlichen Status des Ritters, um einen mythischen Kosmos der Feen, Drachen und Zaubereien zu ersinnen. Allerdings scheitert er an dieser selbst gesetzten Aufgabe, da seine Deutungen fehlgehen, was er immer wieder schmerzhaft zu spüren bekommt. Doch bis zuletzt verschreibt er sich der Losung, zu retten, was er als Teil der Vergangenheit betrachtet. Hierin liegt eine doppelte Ironie, denn zum einen kann Don Quixote sein Ziel nicht erreichen, da er hierfür alleine die Welt besiegen müsste, zum anderen aber ist sein Ziel ein Hirngespinst, weil seine ersonnene Welt selbst lediglich eine Fiktion, eine auktorial geschaffene Erzählwelt ist. Die Geschichten, die er als Zeugnisse der Rechtschaffenheit seines Tuns zitiert, sind erfundene Rittersagen, die er für reale Geschehnisse hält.

Solche Ironie, wie sie in Don Quixote gleich mehrschichtig vorhanden ist, bildet laut Lukács einen grundlegenden Zug der Romanform. Weil das Individuum die ihm gestellte Aufgabe nicht erfüllen kann, ist es fortlaufend zum Scheitern verurteilt und muss sich selbst in Frage stellen. Seine Taten werden vom Zweifel begleitet, weil seine Handlungen mit der Ungewissheit darüber einhergehen, ob die Welt ist, wie sie scheint, und ob entsprechend die eigene Wahrnehmung und das eigene Handeln Sinn machen. Zweifel äußert es allerdings nur an sich selbst, nicht an der Welt oder dem Erlebten, gleichsam eine Vorahnung darauf, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse sich als naturgesetzartig übermächtig erweisen.

Die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber eigenständigen gesellschaftlichen Kräften ist in diesem Sinne ein kennzeichnendes Moment der von Lukács beschriebenen Romanstruktur. Das 19. Jahrhundert wird als Glanzperiode des Romans gesehen, denn in dieser Zeit entwickelt sich die bürgerliche Gesellschaft endgültig zu einem Zusammenhang mit verselbständigter Dynamik. Die oft als anonyme Marktkräfte bezeichneten Handlungen der Menschen lösen sich fetischartig von ihren Urhebern.4

Zum Selbstverständnis des Liberalismus

Zum Verständnis des Zusammenhangs von Roman und bürgerlicher Gesellschaft, insbesondere zur Hochzeit des englischen Romans, sind einige Ausführungen zur in dieser Zeit dominierenden Gesellschaftstheorie, zum Liberalismus, hilfreich. Das in dieser Theorie ausgeführte gesellschaftliche Selbstverständnis hat zu einem zentralen Bestandteil die Freiheit des Individuums (lat. liber – frei). Das Individuum sei ungebunden und könne frei seinen Neigungen und Bedürfnissen nachgehen, die wesentlich im Hang zur Herstellung von Dingen und zum Tausch bestünden. Aus diesem Hang zur Produktion und zum Tausch konstituiert sich, so die Theorie weiter, gesellschaftlicher Wohlstand. Da alle das herstellen, was sie am besten herzustellen imstande sind, geschieht jeder Tausch zum Vorteil der Beteiligten, da ihnen die Mühe erspart bleibt, das per Tausch erlangte Ding selbst produzieren zu müssen. Das so entstehende Gemeinwohl ist folglich nicht das Ergebnis der gemeinsamen willentlichen Entscheidungen der Gesellschaftsmitglieder, sondern es entsteht durch die vielen einzeln ablaufenden Tauschhandlungen, die nicht geplant werden, sondern nach den vereinzelten Bedürfnissen der freien Individuen geschehen. Um diesen Zusammenhang auszudrücken, verwendet Adam Smith, einer der zentralen Theoretiker des ökonomischen Liberalismus, die Metapher der »unsichtbaren Hand« (engl: invisible hand).5 Die produzierenden und tauschenden Individuen würden gleichsam wie von einer unsichtbaren Hand geleitet, deren Steuerung nicht erkennbar sei, die aber dennoch zum Wohle aller wirke.

Der Liberalismus hat seine Wurzeln in der Aufklärung, er entsteht aus der Kritik am Feudalismus. Das Prinzip des Tausches, der Freiheit und Verantwortung des Einzelnen für das eigene Handeln waren Forderungen, die gegen die Vorherrschaft von Kirche und Adel gerichtet wurden. So sind etwa Gedanken-, Meinungs- oder Versammlungsfreiheit Kernelemente des politischen Liberalismus. So zählen das freie Individuum, freier Tausch, Wohlstand, Gleichheit und gleiche Rechte für alle sowohl zu den Voraussetzungen als auch zu den zentralen Forderungen des Liberalismus. Durch das Wirken der freien Einzelnen, vermittelt und gelenkt durch die unsichtbare Hand, soll eine Gesellschaft des Wohlstands, der Freiheit und des Friedens entstehen. Damit behauptet der Liberalismus, das Ende der Geschichte erreicht zu haben, die Gewaltgeschichte der Vergangenheit hört auf und eine Zukunft der Vernunft, der friedvollen ökonomischen Entwicklung zum Wohle und Vorteil aller, entsteht.

Diese Elemente gehörten zum gesellschaftlichen Selbstverständis im Musterland liberaler Politik und Ökonomie, Großbritannien, zur Zeit des Hochliberalismus. Diese Epoche lässt sich durch zwei Daten markieren. Die Abschaffung der Korngesetze 1846/9 als Beginn und die Krise von 1873/39 als Ende der Hochphase. Die Korngesetze hatten den Getreideimport weitgehend verhindert, was zum Vorteil der landbesitzenden Klasse, des Adels, geschah, die dadurch die Preise hoch halten und damit ihre Profite sichern konnte. Das Ende der Korngesetze war ein Sieg der Industriellen über den Adel, da es den Fall der Getreide- und Brotpreise und folglich eine Verbilligung der Arbeitskraft bewirkte. Ein anderes historisches Datum, welches den Beginn der zweiten Phase der industriellen Revolution markiert, ist die Aufhebung der Navigationsakte 1849, die britischen Schiffen das Monopol im Seehandel mit Großbritannien garantierte. Mit dem Ende dieser Gesetze waren de facto die Bedingungen für Freihandel geschaffen, wie er dem liberalistischen Verständnis entsprach.

In die Zeit fällt auch der Übergang der ersten in die zweite Phase der industriellen Revolution, zum Übergang von der Baumwoll- zur Kohle- und Stahlproduktion. Zum Symbol dieser Entwicklung wurde der Eisenbahnbau mit der Herstellung riesiger Lokomotiven und dem Ausbau eines weitläufigen Streckennetzes. Im Zuge dessen trat eine veränderte Besitzstruktur in den Vordergrund: Das für die die neuen Investitionen nötige finanzielle Kapital wurde maßgeblich durch Aktiengesellschaften aufgebracht.

In die Zeit des Hochliberalismus fällt auch die Entstehung der vier Romane Dombey and Son, Bleak House, Little Dorrit und Our Mutual Friend von Charles Dickens. An diesen Romanen lässt sich beispielhaft die Entwicklung des Liberalismus zu seiner Hochzeit verfolgen. Sie sind aus mehreren Gründen für eine derartige Untersuchung geeignet. Zum einen enthalten sie ein breit angelegtes soziales Panorama, die auftretenden Figuren entstammen fast allen gesellschaftlichen Klassen. Zum anderen sind in ihnen viele der damaligen Bewegungen und Strömungen enthalten, politische und andere Ereignisse wurden in verschiedener Form in die Handlungen integriert. Das war nicht zuletzt aufgrund der Erscheinungsweise möglich: Die Romane erschienen in monatlichen Folgen, so dass Dickens nicht nur auf Leserbriefe eingehen, sondern auch fortlaufend gesellschaftliche Geschehnisse verarbeiten konnte. Schließlich zeichnen sich alle Romane durch eine bis ins Detail angelegte Symbolik aus. Sie alle enthalten Bilder, mit denen der gesellschaftliche Zusammenhang ausgedrückt wird.

Der Roman Dombey and Son

Der erste der genannten Romane, Dombey and Son, erschien 1846/47. Seine Handlung ist um die Figur Paul Dombey angelegt. Dombey ist ein Handelskaufmann alter Schule, der seine Familie so patriarchisch und autokratisch führt wie sein Handelsgeschäft. So wie er über seine geschäftlichen Transaktionen Buch führt, gestaltet er auch seine sozialen Beziehungen. Seine Frau hat für ihn lediglich eine Funktion, sie soll ihm einen Sohn gebären, der später die Firma übernehmen soll, so wie Dombey einst seinen Vater beerbte. Da Dombey Besitz patriarchal versteht, ist seine Tochter nur »a piece of base coin that couldn‘t be invested – a bad Boy – nothing more«.6

Im Verlaufe der Handlung gerät Dombey in die Krise, die er, da in ihm Geschäftliches und Privates verbunden sind, als doppelte erfährt. Sein zu Beginn geborener Sohn stirbt und seine Firma geht bankrott. Die Gründe hierfür sind verschiedener Art, sind aber auf elementare Weise miteinander verbunden. Der kleine Dombey geht an der rigiden Forderungshaltung seines Vaters zugrunde. Denn für Dombey Senior ist sein Sohn nur ein zukünftiger Geschäftsinhaber, ein neues Glied in der Vererbungskette der Dombeys, durch welche die Firma vom Vater zum Sohn weitergegeben wird. Neben diesem familiären existiert ein ökonomischer Grund für den Ruin Paul Dombeys: Die Firma Dombey and Son ist nicht mehr zeitgemäß, weil die aufkommende Großindustrie eine eigene Gesetzlichkeit entwickelt und der in Dombey verkörperten Handelsrationalität nicht mehr bedarf. Dombey ist aufgrund seiner in Handelstransaktionen befangenen Denkweise nicht nur unfähig, einen Sohn großzuziehen, sondern auch nicht in der Lage, sich auf die neuen Verhältnisse einzustellen.

Entsprechend der doppelt erfahrenen Krise ist auch der Ausgang Dombeys aus ihr ein doppelter. Zum einen findet eine ökonomische Transformation statt, in der das Handelskontor Dombey and Son mit seiner buchhalterischen Denkweise und Führung ruiniert wird, während die maschinengetriebene Macht der Eisen-, Kohle- und Stahlindustrie ihrem unaufhaltsamen Weg zur dominierenden Produktionsweise folgt. Verkörpert ist dies im Eisenbahnbau, für den im Roman ganze Stadtteile abgerissen und umgewandelt werden. Zum anderen entsteht eine neue Familienstruktur. Die rigide betrieblich-patriarchale Familie mit dem Handelsherrn Dombey an der Spitze zerbricht und es entsteht ein Familienzusammenhalt, der um die Tochter Dombeys gruppiert ist, auf Zuneigung beruht und zu dessen ökonomischer Basis Aktienbesitz gehört. Das Ende der hierarchischen Struktur des Hauses Dombey und die Struktur der neuen Familie zeigen eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse zu einer neuen Art sozialer Integration an. Die offizielle und persönliche Autorität wird abgelöst durch die informelle Hierarchie einer Gemeinschaft.

Der doppelte, ökonomische und soziale, Übergang zeigt die Veränderung der gesellschaftlichen Macht, die von der persönlich ausgeführten in vermittelte Herrschaft übergeht. Auf die strikte Hierarchie in Namen der Sicherung des Familiengeschäfts folgt der aktienzertifizierte Besitz, von dem die neue Familie lebt und bei dem das Auskommen der Familie vom Titel auf Anteile des gesellschaftlichen Reichtums abhängt. Mit diesem Übergang, dem Ruin Dombeys und der Entstehung einer neuen Familienstruktur ist dargestellt, wie mit dem Ende der handelskapitalistischen Ökonomie, bzw. der ersten Phase der industriellen Revolution, ihre spezifische Rationalität in eine neue übergeht, geschichtlich der Übergang vom Frühliberalismus in den Hochliberalismus. Die in der Figur Paul Dombey dargestellte unmittelbare Verfügungsgewalt über persönlichen Besitz geht über in die Macht der Großindustrie und die Autorität des Handelsbürgers geht über in die Autorität des Faktischen.

Der Roman Dombey and Son steht somit am Beginn eines Prozesses, an dessen Ende eine veränderte gesellschaftliche Integration stehen wird. Der weitere Verlauf dieser Entwicklung lässt sich anhand der anderen o.g. Romane verfolgen.

Der Roman Bleak House

Ähnlich wie mit Paul Dombey in Dombey in Son wird auch in Bleak House (1852/3) ein zentraler Bezugspunkt für die Handlung geboten. Die Geschehnisse sind um den Londoner Kanzleigerichtshof zentriert, mit dem fast jede Figur und fast alle Elemente der Handlung, das Elend der Londoner Slums wie auch rigoroses Profitstreben und die Selbstgefälligkeit öffentlicher Würdenträger, in Verbindung stehen. Der Einfluss dieser Institution auf die Menschen ist ausgedrückt im Bild des Londoner Nebels, der als Symptom der Machenschaften des Kanzleigerichts entworfen wird und nicht nur London, sondern das ganze Land einhüllt.

Der nebelumhüllte Gerichtshof wird weiterhin als eine die Menschen mythisch umfassende Welt entworfen, der niemand und nichts sich zu entziehen vermag. Sein Wirken wird als ominöse Machenschaft charakterisiert, die jedoch einem eindeutigen Ziel dient, der Geldmacherei. Die Institution des Kanzleigerichts wird als Verkörperung eines übergreifenden Mechanismus aus Profitstreben und Gewaltausübung entworfen, dem die Figuren als Einzelne gegenüberstehen. Sie wird vom Erzähler als »unwholesome hand to spoil and corrupt« bezeichnet, ein Verweis auf die ›invisible hand‹ Adam Smiths.7

Der Einfluss des übermächtigen Kanzleigerichtshofs führt zur Zerstörung des Individuums8 und kann bis in jede Figur und Handlung hinein verfolgt werden. Der in diesem Roman durch zahlreiche Bilder und Verweise auf übernatürliche Wesen geschaffene Eindruck, die Gesellschaft gleiche einem Mythos, erstreckt sich auf vielfache Bereiche. Zeit spielt keine Rolle, die Gesellschaft ist eine Welt ohne Ausgang, aus der es kein Entrinnen gibt und in der nicht nur Orakel und eine eigene Magie existieren, sondern auch Priester, die ihr Wissen zur Machtsicherung nutzen und Opfer verlangen.

Einen markanten Gegenentwurf zu dieser mythischen Welt bildet die autobiographische Erzählung der Figur Esther Summerson. Dies wird bereits durch den Unterschied der Erzählweisen deutlich. Der anonyme Erzähler, der die mythische Welt des Kanzleigerichtshofs schildert, verwendet Satire, offene Anklage, Ironie und Komik genauso wie Stakkatosätze und biblische Flüche. Esther Summersons Erzählung ist hingegen autobiographisch, damit persönlich und zusammenhängend. Sie stellt ihr Leben als fortschreitende Handlung dar, wodurch sie gegen die zeitlos anmutende Welt des Kanzleigerichts steht. Ihr Bericht zeichnet den Ablauf ihres Werdegangs nach, erklärt auf diese Weise die Entstehung ihres Selbsts und begründet ihr Selbstbewußtsein. In ihrer Erzählung strukturiert sie ihr Leben im Hinblick auf mögliche Erkenntnis über die Verhältnisse.

Das Ende von Bleak House ist allerdings, trotz der Erzählung Esther Summersons, nur sehr verhalten hoffnungsvoll. Die mythologische Welt des Chancery besteht fort und fordert weiterhin ihre Opfer. Sie zerstört die Individuen, während es Summerson nicht gelingt, sich aus diesen Zusammenhängen zu lösen. Noch mit dem Schluß ihrer Erzählung, welche die letzten Worte des Romans bilden, zweifelt sie ihre Emanzipation an, die sie in ihrem Bericht geschildert hat. Zweifel scheinen in dieser Welt nur am Individuum möglich zu sein, nicht aber an den Verhältnissen, unter denen es bedroht und zerstört wird. Zudem zeigt der Verlauf der Handlung, dass es kein Entrinnen gibt und dass das Schicksal, dem die Menschen sich ohnmächtig gegenüber sehen, aus menschlichem Handeln entsteht. Die als geschlossene mythologische Welt dargestellte Gesellschaft, deren zentraler Ort das Kanzleigericht mit seinen Richtern, Angestellten und Anwälten bildet, ist ohne Ausgang, und der Schrecken, der in den magischen Anspielungen zum Ausdruck kommt, kann doch nur auf Menschen selbst zurückverweisen. Auf diese Weise wird in Bleak House die Bedrohung und Zerstörung des Individuums durch einen verselbständigten Profitmechanismus artikuliert.

War in Dombey and Son eine neue Ökonomie mit veränderten sozialen Strukturen im Entstehen, ist in Bleak House Gesellschaft als ein Zusammenhang dargestellt, der ebenso körperlos wie unentrinnbar das Leben der Figuren bestimmt. Er übt dämonenartigen Einfluss auf ihre Aktivitäten aus, ist selbst umnebelt und gerinnt nicht zu einer festen Gestalt. Dieser Schritt erfolgt jedoch in dem Roman Little Dorrit, der zeitlich auf Bleak House folgt.

Der Roman Little Dorrit

Die Anonymität der sozialen Verhältnisse, die bereits in Dombey and Son und Bleak House angedeutet ist, wird in Little Dorrit (1855-7) mit dem Bild der Gefangenschaft verbunden, die auf vielfache Weise die Figuren und Handlungen bestimmt. Gefangenschaft existiert in diesem Roman sowohl als tatsächlich gegebene Situation wie auch als Metapher. Sie ist physisch vorhanden und institutionell organisiert wie im Marshalsea-Gefängnis, das als Bezugspunkt der Handlung gelten kann und zu dem die Handlung bis zum Ende immer wieder zurückführt. Als Metapher steht Gefangenschaft für soziale Unterdrückung und für den Snobismus höherer Klassen. Zu diesem Snobismus gehören Gefühle sozialer Höherwertigkeit, er legitimiert Rücksichtslosigkeit im Streben nach Aufstieg und dient der Leugnung der eigenen sozialen Lage. Allerdings zeichnet er nicht allein die Herrschenden aus, sondern ist in allen sozialen Klassen anzutreffen.

Der Roman ist in zwei Bücher geteilt, was der Hervorhebung der vielfachen Einflüsse der Gefangenschaft dient, die an der Entwicklung der Familie Dorrit aufgezeigt werden. Das erste Buch zeigt die Familie im Schuldgefängnis, wo auch die Titelfigur Amy Dorrit, genannt Little Dorrit, geboren wird. Im zweiten Buch hat die Familie das Gefängnis verlassen und lebt in Freiheit. Doch diese Freiheit ist durchsetzt mit den schmerzhaften Erinnerungen an die Inhaftierung. Die Erinnerung an diese Erlebnisse wird nur mühsam durch Snobismus unterdrückt und bricht immer wieder hervor.

Im snobistischen Verhalten ist ausgeführt, wie der Antrieb nach sozialem Aufstieg dazu führt, das eigene Handeln darauf auszurichten, Prestige und Einfluss zu erlangen und zu sichern, so dass andere nur als Hindernisse und Gegner oder Mittel des eigenen Vorwärtskommens gesehen werden. Diese Verhaltensweise ist in Little Dorrit allgegenwärtig. Durch sie behandeln alle einander nicht als Subjekte, sondern als Instrumente eigener Interessen. Auf diese Weise wird ein Konkurrenzverhältnis geschildert, das keine Freiheit kennt, sondern nur Gefangenschaft. Hier liegt die gesellschaftliche Bedeutung der Gefängnismetapher. Im Bild der Gefangenschaft findet das Prinzip des anonymen Mechanismus, wie er sich in Bleak House bildete, eine feste Gestalt. Die mit Gefangenschaft verbundene Isolation und Ausgrenzung ist nicht auf die Institution des Gefängnisses beschränkt, sondern ist gesamtgesellschaftlich vorhanden.

Dabei gilt: Je unsichtbarer die Barrieren sind, desto sicherer wirken sie. Freiheit erweist sich als Illusion, denn je freier die Menschen sich sehen, um so mehr sind sie im Griff des Konformitätszwangs. Das Mittel-Zweck Denken wird zur selbstverständlichen und positiv besetzten Handlungsmaxime. Zwar erlaubt die Inhaftierung im Schuldengefängnis die Hoffnung, eines Tages ein Leben außerhalb der Mauern führen zu können. Jedoch kennt die mit der Metapher beschriebene Verinnerlichung des Konformitätszwangs keine physische Grenze. Die Alternative zur Inhaftierung ist die freiwillige Gefangenschaft außerhalb der Gefängnismauern.

Auf diese Weise haben sich die Formen der magischen Herrschaft und Ideologie, die sich in Dombey and Son ankündigten und in Bleak House zum Unfassbaren ausbildeten, in Little Dorrit konkretisiert. Sie haben alle Subjekte eingeschlossen, der in Bleak House dargestellte Mythos hat sich zu einem Gehäuse verhärtet. Was in Bleak House durch die autobiographische Erzählung Esther Summersons als Alternative aufleuchtete, ist in Little Dorrit in die Struktur des Bestehenden eingebunden. Selbst die Besinnung auf die eigene Biographie ist kein Mittel der Reflexion und Kritik mehr und wird durch den Familienvater William Dorrit zum Tabu ernannt, weil sie den Snobismus untergräbt, der zum Aufstreben nötig ist. Allerdings schreitet die so dargestellte gesellschaftliche Entwicklung fort. Der Roman Our Mutual Friend wird den weiteren Verlauf dieses Prozesses und die letztliche Verinnerlichung der neuen Verhältnisse durch die Figuren zeigen.

Der Roman Our Mutual Friend

Anders als in den vorausgegangenen Romanen ist in Our Mutual Friend (1864/5) keine zentrale Instanz als Bezugsmöglichkeit vorhanden. Die zahlreichen Handlungen und Figuren bilden ein Netzwerk ohne Mittelpunkt. Jedoch gibt es eine zentrale Figur in diesem Gefüge. John Harmon ist der im Titel genannte ›Our Mutual Friend‹ und bildet den Fluchtpunkt verschiedener Figurenkonstellationen.

Den sozialen Kitt der Handlungen bildet in diesem Roman jedoch die Existenz und das Streben nach Geldbesitz. Nicht nur ist eine Erbschaft der Anlass der Handlung, sondern die Figuren kommen hauptsächlich durch monetäre Anlässe und Motive miteinander in Kontakt. Geldorientierung wird als allgemeiner Lebenssinn dargestellt, vom Antritt einer Erbschaft bis zur Selbstdisziplinierung zum Zwecke der Geldheirat. Das Streben nach Geld wird ergänzt durch die allgegenwärtige Suche nach Verwertbarem, ausgedrückt nicht nur in der Tätigkeit von Leichenfledderern auf der Themse, sondern auch im Geschäft des Präparators Mr Venus, der Knochen aus ganz Europa zusammensetzt, um die Skelette zu verkaufen.

Da aber alles verwertbar ist, müssen alle auf der Hut sein. Alle unterstellen allen das Motiv der Übervorteilung und weil jeder Knochen zu einem verkaufbaren Skelett gefügt werden kann, ist jeder Körper eine potentiell verwertbare Masse. Bei Tod oder Unfall wird der menschliche Körper umgehend zum Material erklärt. Nicht nur der Tod, sondern schon ein lebensgefährlicher Zustand verwandelt die Menschen in eine Sache. Kaum ist ihr Körper leblos, sind sie ein beliebiger Gegenstand, der allein durch seine Verwertbarkeit noch etwas gilt.

Da in Our Mutual Friend keine zentrale Institution als Referenzpunkt angeboten wird, ist hier gegenüber den vorausgegangenen Romanen ein entscheidender Abstraktionsschritt vollzogen. Indem sie keinen Ausdruck in einer konkreten Institution findet, wird die gesellschaftliche Ordnung nicht thematisiert, sondern vorausgesetzt. Der rigorose Willen zum Gelderwerb wird als selbstverständliches menschliches Verhalten unterstellt. Er findet sich als elementarer Bestandteil vieler Figuren, bildet eine unausgesprochene Voraussetzung des Handlungsgeschehens und kann bis zum offenen Hass und Morddrang gesteigert werden. So sehen sich die Figuren gezwungen, gegeneinander zu handeln, anstatt sich positiv aufeinander zu beziehen. Der auf diese Weise verinnerlichte gesellschaftliche Zwang wird aus dem Individuum abgeleitet und als Natureigenschaft dargestellt. Da keine übergreifende Institution die Regelung sozialer Verhältnisse vollzieht, handeln alle nach je eigenen selbst gewählten Motiven. Konkurrenzverhalten ist in diesem Bild ein natürliches Bedürfnis, gegen das gemeinsamkeitsorientiertes Verhalten Nonkonformismus darstellt, der bekämpft wird. Solcher Zustand aber lässt nur seine Aufrechterhaltung zu und ist ohne Hoffnung. Die Einzelnen behandeln einander nicht nur als Objekte, sondern kennen keine andere Umgangsweise mehr. Aus dem Gefängnis, das noch den Blick auf ein Draußen und den Wunsch der Freiheit ermöglichte, ist ein geschlossenes Gehäuse geworden, in dem nicht einmal mehr der Gedanke an ein anderes Leben entsteht.

Krise und Zerfall des Liberalismus

In der hier anhand der Romane skizzierten Veränderung ist die Entwicklung des Individuums im Hochliberalismus dargestellt. In Dombey and Son wird es aus der alten handelskapitalistischen Bindung an Eigentum gelöst, über welches es noch als patriarchischer Handelsherr verfügen konnte. In Bleak House stehen die Hauptfiguren nicht mehr einem einzelnen Individuum, sondern einer unbekannten Gewalt gegenüber. Ob sie ihn ablehnen oder ihn für nutzen wollen, sie sehen sich mit einem Profitmechanismus konfrontiert, der ihre Leben bestimmt und auf alles übergreift. In Little Dorrit ist die zu diesem Profitsystem gehörige soziale Hierarchie zum dominierenden selbstverständlichen Verhältnis geworden. Staatliche Institutionen und herrschende Ideologie disziplinieren die Individuen, die solche Disziplinierung bis in den Alltag auch aneinander ausüben. Individualität wird reduziert auf die Rolle als Objekt der Disziplinierung. In Our Mutual Friend sind die Figuren schließlich zur Funktion geworden. Sie behandeln einander als Mittel für eigene Zwecke. Anderen gelten sie nur nach ihrem Nutzen und ihrer Verwertbarkeit, jedoch nicht als Subjekte. Weder haben sie Distanz zueinander noch zu ihren eigenen Lebensbedingungen. In anderen Worten geht im Laufe des in den Romanen geschilderten Prozesses Individualität verloren, gezeigt wird der Weg des Individuums als Weg seiner Zerstörung.

Die solchermaßen zunehmende Geschlossenheit der Gesellschaft hin zu einem Gehäuse und die Zerstörung des Individuums sind Phänomene des Übergangs des Liberalismus aus seiner utopischen in seine nachutopische, hoffnungslose Phase. Bürgertum und bürgerliche Gesellschaft gehen zur Mitte des 19. Jahrhunderts von einer »revolutionär-liberalen Ära zu einer postliberalen positivistisch-nihilistischen Phase« über.9 Der gesellschaftliche Imperativ ändert sich: Das Individuum habe der Notwendigkeit, die sich im Zuge der Herausbildung einer eigenen Dynamik der Gesellschaft zeigt, zu folgen. Dieser Zwang wird jedoch nicht mehr durch persönliche Autoritäten ausgeübt, weil Herrschaft in etwas Anonymes übergegangen ist.

Wird in Dombey and Son Autorität durch den Patriarchen Dombey ausgeübt, so geht sie mit seinem Ruin verloren und neue gesellschaftliche Strukturen, damit ein neues Verhältnis von Individuum und Herrschaft, entstehen. In Bleak House werden die neuen Strukturen als ein Zusammenhang mit eigener Dynamik charakterisiert. Im Kanzleigerichtshof ist die Verselbständigung der ökonomischen Verhältnisse gegenüber dem Individuum verbildlicht. Die Metapher der Gefangenschaft in Little Dorrit zeigt die Disziplinierung der Individuen, durch Strafe und Ideologie, zur Anpassung an die neuen Verhältnisse. Our Mutual Friend zeigt schließlich, dass diese verinnerlicht sind. Das durch die ökonomischen Strukturen abverlangte Verhalten – Konkurrenz, Rücksichtslosigkeit, Verwertung – wird als natürlich, die Verhältnisse werden als unveränderbare Existenzbedingung des Menschen dargestellt. Die Individuen kämpfen nicht mehr gegen eine übergreifende Instanz, sondern gegeneinander. Es herrscht der »Krieg aller gegen Alle«.10 Die gesellschaftlich entstehende Gewalt ist den Einzelnen zur zweiten Natur geworden und steht als allgegenwärtiger Zwang hinter allen Handlungen: der Zwang des Profits, des Elends der Armut, und der Druck der Konkurrenz.

In Our Mutual Friend wird die gesellschaftliche Gewalt nicht mehr einer erkennbaren Institution, wie dem Kanzleigericht in Bleak House oder dem Gefängnis in Little Dorrit, angelastet, sondern aus dem Handeln der Figuren erklärt. Das ist ein entscheidender Abstraktionsschritt gegenüber den anderen hier dargestellten Romanen. Durch diesen Schritt wird die Zerstörung des Individuums nicht einer einzelnen Instanz angelastet, sondern als Element allgemeinen sozialen Handelns charakterisiert. Folglich stehen nicht einzelne Figuren oder Institutionen im Fokus der Kritik, sondern der gesellschaftliche Zusammenhang.

Damit ist eine Kritik an zentralen Bestandteilen des Liberalismus formuliert. Führen die Individuen gegeneinander einen fortlaufenden zerstörerischen Kampf, so sind sie weder vernünftig Handelnde, noch existiert ein harmonischer Zustand zum Wohle aller. Die durch den Liberalismus behauptete Freiheit und Gleichheit besteht nicht, die ›invisible hand‹ ist nicht Mittel der Vernunft, sondern sowohl Organ der Ungleichheit als auch der Zerstörung. Die unsichtbare Hand wirkt nicht zum Vorteil aller, sondern stellt die Einzelnen gegeneinander, so dass sie einander bekämpfen und ggf. vernichten. Die »Social Liberty« des Liberalismus besteht im allgegenwärtigen Zwang zur Verwertung anderer und zum Verwertetwerden durch andere.11 Die Einzelnen sind nicht freie, mündige Subjekte, sondern Objekte, nach Gewinn zu berechnende Größen – und sie behandeln einander so. Durch dieses Verhalten wird die Welt als quantitative und gleichbleibende gesetzt und als strukturell unveränderbar genommen.12 Die Zwecke menschlicher Existenz werden technisch, d.h. nach ihrer Machbarkeit, begründet. Die Angemessenheit eines Mittels zur Erreichung eines Zwecks gilt als Maxime des Handelns, während der Zweck nicht hinterfragt wird. Damit verliert das Vernunftversprechen des Liberalismus, mit der bürgerlichen Gesellschaft sei die Geschichte an ihr Ende gekommen und ein Zeitalter der Vernunft und des Friedens breche an, seine Geltung.

Mehr noch wird in der Epoche, die auf den Liberalismus folgt, der Konkurrenzkampf zur Existenzbedingung des Menschen erklärt: Die Rationalität des Imperialismus verweist auf sozialen Kampf als ewigem Prinzip. So zeigt die in den dargestellten Romanen verbildlichte Zerstörung des Individuums eine Entwicklung, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts zum positiven Bezugspunkt wird. Die Forderung zum Kampf und damit zur Vernichtung des Gegners löst das liberalistische Versprechen der Vernunft und des Wohlstands für alle ab. Konnte die Beschreibung der Gesellschaft als ‚Krieg aller gegen Alle‘ von Engels noch in kritischer Absicht geäußert werden, wird der Slogan ein halbes Jahrhundert später zur Affirmation.

  1. Der folgende Aufsatz enthält einige zentrale Gedanken aus: Oellers, B.: Krise und Integration der bürgerlichen Gesellschaft in Romanen von Charles Dickens. Hamburg: 2010. [zurück]
  2. Lukács, G. (1916): Die Theorie des Romans, Ein geschichtsphilosophischer Versuch über die Formen der großen Epik. München 1994: S. 32. [zurück]
  3. Lukács, Theorie des Romans: S. 67. [zurück]
  4. Vgl. Marx, K. (1867): Das Kapital. MEW 23: 85 ff. [zurück]
  5. Smith, A. (1789): Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen. München 1996: S. 371. [zurück]
  6. Dickens, C. (1848): Dombey and Son. London 2002: S. 13. [zurück]
  7. Dickens, C. (1853): Bleak House. London 1994: S. 4. [zurück]
  8. ellers, B. (2007): ‚How does the mortal world go? Zur Magie des Individuums in Charles Dickens‘ Bleak House‘ (in): Böttcher, K.; Flader, U.; Gönen, G.; Kramer, P. : Wege zur Reflexion, Vom Unbehagen zu einer aktuellen Gesellschaftskritik. Hamburg: S. 59-78. [zurück]
  9. Stapelfeldt, G. (1998): Geschichte der Ökonomischen Rationalisierung. Kritik der Ökonomischen Rationalität. Bd. 1. Hamburg: S. 30. [zurück]
  10. Engels, F (1845): Die Lage der arbeitenden Klasse in England. MEW 2, 225-506: 257. [zurück]
  11. Mill, J. St. (1859): On Liberty and Other Essays. Oxford 1998: 7. [zurück]
  12. Stapelfeldt: Geschichte der Ökonomischen Rationalisierung: 48. [zurück]