Dieser Text ist ein Reprint des gleichnamigen Artikels aus der Zeitschrift „Magazin“1

Es ist in einigen Kreisen schick geworden, bei der SI nachzusehen, ob sie nicht zu diesem oder jenem Thema was Interessantes geschrieben hat. Zurecht. Nun besteht noch immer akuter Bedarf an einer Kritik des Geschlechterverhältnisses. Nicht nur, weil Versuche von links meistens theoretisch unbefriedigend („Nebenwiderspruch“) und praktisch unzureichend („gibt sich also von selbst“) waren. Es ist das Thema, welches sowohl in Freundschaften wie in Politgruppen die unergiebigsten Streitereien entfacht. Eine Lektüre der Situationisten verspricht dann zweierlei: ein ernsthaftes Interesse an der Kritik des Kapitals und an der Kritik des täglichen Lebens.

Schließlich stellten die Situationisten fest, dass der Kapitalismus auch Schädigungen hervorbringt, von denen auf den ersten Blick scheint, dass sie gar nichts mit dem Verkauf der Ware Arbeitskraft zu tun haben: die Langeweile in der Freizeit, die Isolation, der Städtebau etc. Ihre Praxis richtete sich auf alle Gebiete des enteigneten Lebens. Das Alltagsleben sei zu kritisieren, neue Leidenschaften seien zu erfinden! Sie begriffen unter dem „Proletariat“ alle, die „ihres Lebens enteignet sind und das wissen.“ Kurz: Eine revolutionäre Praxis wurde nicht allein von (männlichen) Arbeitern erhofft, nicht nur in der Form eines Streiks, nicht nur in der Fabrik. Man könnte also annehmen, dass die Situationisten auch die Einteilung der Gesellschaft in Männer und Frauen und deren missratenes Verhältnis zueinander abschaffen wollten.

Das wurde aber nie formuliert. Es ist nun nicht so, dass es der SI bloß an einer kohärenten Theorie zum Geschlechterverhältnis mangelt. Aber auch Seitenbemerkungen zum Geschlechterverhältnis sind so dünn gesät, dass man sich fragt, ob der SI bei all ihrer Sondierung des „Alltagslebens“ nie das Verhalten von Männern und Frauen als barbarisch, langweilig und schädigend erschien. Man kann sich ferner nicht genug wundern: Waren die Situationisten nie erstaunt darüber, dass bei ihnen nicht mehr Frauen mitmachten? Nun war Kritik am Geschlechterverhältnis in linken Kreisen damals nicht sonderlich verbreitet und die Ignoranz der SI fiel vermutlich gar nicht auf. Man kann jedoch nicht behaupten, dass es zu ihrer Zeit feministische Kritik noch nicht gegeben hätte. Zumindest der Anlass der Kritik war bekannt. Wenn man also versucht, die Si für eine Kritik des Geschlechterverhältnisses nutzbar zu machen, muss man vorsichtig vorgehen. Ein bisschen Mißtrauen ist angebracht.

Das Misstrauen ist nicht bloß nostalgisch. Würde sich niemand mehr für die SI interessieren, könnte man auf die Kritik an ihnen verzichten. Es werden aber heute Bücher über sie geschrieben und Texte gedruckt. Vielleicht werden sie von linken Gruppen gelesen, die die „Konstruktion von Situationen“ charmant finden. Praxis schlagen ja auch Biene Baumeister, Negator und Zwi für die Kritik des Geschlechterverhältnisses vor. Es könne doch prima als Experimentierfeld für die Kritik des Alltagslebens genutzt werden! Na, da gruselt einem doch: Keinen rechten Schimmer haben, weshalb und wozu, aber immer munter herum experimentieren. Meine Befürchtung ist, dass sich eifrige Studenten diese Empfehlung zu Herzen nehmen, in ihren Beziehungen fuhrwerken; darauf hoffend, dass sich die Verletzungen ihrer Freunde als Teil einer revolutionären Strategie herausstellen werden. Es ist bedrohlich, wenn sich Leute in Angelegenheiten einmischen, über die sie noch nie 10 Minuten am Stück nachgedacht haben, da sie ständig mit ihren Seminarvorbereitungen oder Arbeitsgruppen beschäftigt sind. Mein Alltagsleben kritisiere ich dann lieber selbst.

Kritik des Alltagslebens

Allerdings scheint es so, dass sich mit den von der SI entwickelten Begriffen auch zur Kritik des Geschlechterverhältnisses allerhand anfangen lässt. Vor allem die „Kritik des Alltagsleben“ war schließlich ein Vorhaben des Feminismus, in der Hoffnung, dass Frauen wahrgenommen werden, anstatt hinter wertvollen Büchern zur Geschichte des Bewusstseins zu verschwinden. Es konnte auch gehofft werden, dass mit der Kritik des Alltagslebens die reproduktive Tätigkeiten in ihrem Verhältnis zur Lohnarbeit begriffen wird und damit Gesellschaft als Ganzes. Und schließlich ist es eine „Basisbanalität“, dass die situationistische Ablehnung von „Spezialistentum“, – gegen das Frauen mit Recht Vorbehalte hatten – damit beginnt, von individuellen und kollektiven Erfahrungen auszugehen, anstatt darauf zu hoffen, dass die Frösche für heute freundliches Wetter verkünden.

Was schrieben denn nun die Situationisten zur Kritik des Alltagslebens? Haben sie was rausgekriegt? Kritik des Alltagslebens ist bei der SI vor allem die Kritik des Spektakels. Die SI empfand die Anstrengung, mit der nach Arbeitsschluss immer neue Waren bewundert, gekauft und dann nach Hause geschleppt wurden, als langweilig. Es werde so nicht mal bemerkt, dass man keine Zeit mehr habe, um sich neue Wünsche auszudenken.

Wünsche an Männer und Frauen werden bei der SI jedoch kaum erwähnt. Die Kritik an der Warenwelt erschien Kritik auf der Höhe der Zeit zu sein – und die fertige Ware ist geschlechtslos. Das kann man vielleicht noch nachvollziehen: Die Bilder von „Natur“ und „Kultur“, mit denen man lange meinte, Männer und Frauen und deren Tätigkeiten hinreichend begreifen zu können, passten offenbar nicht mehr zur neuen Warenwelt. Tatsächlich hatte ja die ökonomische Notwendigkeit, einen Haufen Waren zu verkaufen, den Charakter sämtlicher reproduktiver Tätigkeiten verändert. Was war schon natürlich am Einräumen eines Geschirrspülers? Es wurden zusätzliche hausfrauliche Pflichten vorgeschlagen, die spezielle Waren erforderten. Es war nicht mehr ganz klar, ob die Pflege dem Kind und Gatten oder aber den dazu erstandenen Waren galt: Cremedöschen wurden zu- und aufgeschraubt, verbraucht und neugekauft, Tischsets gekauft, bedruckt, gewaschen, ausgetauscht und die Küche anschließend renoviert. Der Schein der Natürlichkeit der Bedürfnisse nach Arbeitsschluss und der diese versorgenden fraulichen Tätigkeiten war brüchig geworden. Gingen Frauen dann auch noch arbeiten, wurde der Versuch, in Frauen einen anderen Kontinent zu entdecken, so hilflos wie der, durch das Aufhängen einer Palmentapete Exotik in das morgendliche Duschen zu bringen. Gleichzeitig war es schon lange schwierig gewesen, im ordentlichen Führen von Listen einen Akt des Kulturaufbaus zu sehen.

Die Situationisten waren nun einerseits eine der wenigen, die auf diese Konfusion der tradierten Bilder von Natur und Kultur, Weiblichkeit und Männlichkeit, nicht konservativ reagierten. Sie trauerten keiner verloren gegangenen Privatsphäre als Hort unentfremdeten Lebens hinterher. Es sei jetzt möglich, ein besseres Leben zu wollen und das auch durchzusetzen. Damit bestand auch kein Grund, Weiblichkeit nachträglich zu verklären und also Frauen darauf zurückzustoßen, Stullen zu schmieren und die Klappe zu halten. Die Situationisten erklärten vielmehr alle bestehenden Leidenschaften und Bedürfnisse als zweifelhaft; die intimen wie solche, für die man Geld bekommt. Sie kritisierten, dass durch die Ausbreitung der Ware in jeden Winkel des Lebens auch jeder Wunsch schon vor seiner Wahrnehmung seine Verwirklichung (mit dieser Ware, jener mit ihr verkauften Geste) gefunden zu haben vorgibt – und dass der Eindruck, deshalb lasse sich die Gesellschaft nicht verändern, Teil des Spektakels sei.

Wenn man ein bisschen spekuliert, dann kann die Kritik des Spektakels also durchaus für eine Kritik der Geschlechter brauchbar gemacht werden. In Zeitschriften und in der Werbung wurde vorgeführt, wie eine Frau lächeln kann, wenn sie putzt, wenn sie Fruchtbonbons an die Kinderschar verteilt, wenn sie sich mit einem Liebhaber vergnügt. Empfohlen wurden geeignete Freizeittätigkeiten für Männer und für Frauen und welche, die man u.U. gemeinsam wagen könnte. Gezeigt wird heute auch, wie man sich über das jeweils andere Geschlecht lustig machen kann, ohne die Beziehung ernsthaft zu stören. Auch die Schwierigkeit der Selbstidentifizierung als Mann oder Frau wird thematisiert und dem ironischen Umgang mit Verhaltensnormen ein Platz in Talkshows eingeräumt. Das Verhalten scheint sich dadurch jedoch nicht wesentlich zu ändern. Zu den Regeln, wie sich eine Frau, ein Mann zu benehmen hat, ist vielmehr der Rat gekommen, sich auch als eine solche, ein solcher zu fühlen. Die panische Überlegung, ob diese oder jene Herzensregung eine genuin weibliche oder männliche sei, hat sich verallgemeinert und steht längst nicht mehr nur Bürgerstöchtern auf dem Weg zu ihrer Verheiratung an. Dabei helfen Männern und Frauen wiederum eine Menge Waren: ein geisteswissenschaftliches Studium, eine Lotion oder was einem sonst so angedreht wird. Einem etwaigen Bedürfnis nach Individualität wird dabei, so kann man weiter spekulieren, auf schäbigste Weise Rechnung getragen; nicht ein, sondern zwei Grundtypen werden angeboten, die, je leicht variiert, dem einzelnen erlauben, sich überhaupt von irgendetwas zu unterscheiden.

Allerdings: Die Entwicklung des Geschlechterverhältnisses lässt sich nicht so begreifen, dass Frauen aus dem Bild der Natur huschten und sich fortan im Bild der Waren wiedererkennen sollten. Die konkreten Schwierigkeiten im Geschlechterverhältnis fangen ja häufig dort an, wo sich Tätigkeiten nicht restlos in Waren umwandeln lassen und Bedürfnisse nicht ausreichend durch Waren befriedigt werden können; sei es, weil das nicht geht oder sei es, weil die Waren zu teuer sind. Reproduktionsarbeit wird mit Waren geleistet; der Reiz des Privatlebens besteht aber darin, dass das, was dort gemacht wird, nicht im Warenkauf und -konsum aufgeht. Zwar ist die Delegation der reproduktiven Tätigkeiten an Frauen heute nicht mehr zwingend. Ein Haufen von Waren helfen, den Haushalt schneller oder auch alleine zu erledigen. Die Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln sowie staatliche Institutionen zur Kinderbetreuung ermöglichen es Frauen, mit ihrer Arbeitskraft so haushälterisch umzugehen, dass sie auf dem Arbeitsmarkt bestehen können. Eine Schwangerschaft verdirbt aber bis heute jede strikt geplante Karriere; deren Auswirkungen können durch sorgfältige Planung allenfalls neutralisiert werden. Und auch ohne Schwangerschaft: das Bild von Menschen, die nur arbeiten oder konsumieren, stören Krankheiten, Depressionen, unvernünftige Versuchungen. Um sich gegen solche Störungen zu feien wird nicht zuletzt von Liebe, Familie und Kindersegen geträumt. Im heterosexuellen Paar soll sich der Wunsch erfüllen, keine Größe in einer Rechnung zu sein. Der biologische Grund, den man in der Beziehung zum anderen Geschlecht meint ausmachen zu können, suggeriert Verlässlichkeit.

Diese Vorstellung führt natürlich zu allerlei praktischen Schwierigkeiten. Denn genauso wenig dienen reproduktive Tätigkeiten der Befriedigung bloß kreatürlicher Bedürfnisse. Gegenstand der Reproduktion ist nicht der Körper mitsamt naturgegebenen Versorgungsansprüchen, sondern das, was der Arbeitstag an Bedürfnissen zurücklässt und prägt. Welche Art der Erschöpfung muss gepflegt werden, was und wie wird gegessen und welche Zuneigung ist erwünscht? Natürlich an diesen Bedürftigkeiten ist, dass sie je als drängend empfunden werden und deren stete Missachtung unglücklich macht. Die reproduktiven Tätigkeiten stellen die Ware Arbeitskraft wieder her. Sie sind praktische Voraussetzung der Lohnarbeit. Das kann man nicht begreifen, wenn man alles und jedes Tun als spektakulär kritisiert. Und man sieht dann schon gar nicht, dass der Großteil der Reproduktion immer noch von Frauen geleistet wird.

Es ist auffällig, dass diese Reproduktionstätigkeiten von den Situationisten nicht wahrgenommen wurden. Sprechen sie von Freizeit, kritisieren sie Passivität und Langeweile; das Wäschewaschen lassen sie aus. Beschwören sie die Leidenschaft, meinen sie die revolutionäre. Man könnte doch meinen, dass einmal über schlechtes und gutes Essen geschrieben wurde und darüber, wer er kochen möchte, von Sex und von denen, mit denen man ihn haben könnte; von angenehmen Orten und Weisen zu schlafen und wo und bei wem die Matratzen liegen würden. Es ist ja nicht so, dass Essen, Lieben und Schlafen lächerliche Tätigkeiten. Sie sind nur dann kindisch, wenn sie von Erwachsenen nach Art von Zweijährigen ausgeübt werden.

Wie hielten es die Situationisten mit dem Alltag und den Leidenschaften, die sie neu erfinden wollten? Einigermaßen ernst genommen wurden von einigen die Beziehungen zu anderen Revolutionären. Die politische Arbeit soll ohne Konkurrenz stattfinden. Gesten der Überlegenheit, Chefgehabe und Einschüchterung in der Gruppe werden von Vaneigm wahrgenommen und kritisiert. Männergruppen als Familie, Kneipen als Wohnzimmer. Vielleicht war ja tatsächlich das, was traditionell den Intimbeziehungen zukommt und von Frauen geleistet werden soll, in die Politgruppe gerutscht. Vielleicht waren sie einander fürsorglich. Debord erkundigt sich bei Khayati, ob der Schnupfen denn nun schon besser sei? Die skandinavische Fraktion zeigt der englischen, wie man einen Knopf annäht und findet deren erste Versuche gar nicht so schlecht? Gut vorstellbar ist, dass alle eine Zeitlang bereit waren, sich langwierige „sag ich – sagt er“ – Tiraden über diese und jene kränkende Kleinigkeit anzuhören. Wenn es zu albern wurde, wurde er eben ausgeschlossen. Das Bedürfnis nach Klatsch und Streit fand Befriedigung in der Dramaturgie der Ausschlüsse. Die aufgeheizte Stimmung führte zu leidenschaftlichem Sex und erotischen Verwicklungen aller Art. Die „Minimaldefinition“ einer Organisation wurde notwendig, um diese und andere revolutionäre Tätigkeiten nach einem halbwegs vernünftiges Kriterium beurteilen zu können und die härtesten gegenseitigen Schädigungen zu vermeiden. Dann wären Frauen tatsächlich überflüssig geworden. Das wäre nicht das schlechteste gewesen, da es die Voraussetzung ist, dass alle an politischen Aktivitäten teilnehmen können.

Texte von Vaneigm, in denen es um Beziehungen unter Genossen geht, fallen jedoch immer wieder in machistisches bzw. archaisierendes Vokabular zurück. Er empfiehlt, sich nicht als Konkurrenten, sondern als „Rivalen“ zu begreifen. Bei der Verwirklichung des revolutionären Projekts setzt Vaneigm auf einen „Überschuss an robuster Kraft und Männlichkeit“. In seinem Lob der Liebe fallen ihm zu Frauen nur „weibliche Zärtlichkeit“ und „weiche Schenkel“ ein. Andere Situationisten schreiben gar nichts darüber. Kein Wunder also, dass bei ihnen nur wenige Frauen waren; ein Wunder, dass es einige eine Weile aushielten. Haben sich seitdem „die Sitten verbessert“? „Die Bedeutung der Worte“ nahm nicht daran teil. Mir wurde häufig erzählt, dass es „die Situs“ doch ganz anders gemeint hätten: „Rivale“ sei ein superneutraler Ausdruck, „Männlichkeit“ hier viel allgemeiner zu verstehen. Im Übrigen müsse man zum Thema Wäschewaschen und Sexualität erst mal ein paar Monate ernsthaft forschen – so könne man echt nichts darüber sagen usw.

Begierde und Passivität

Fast könnte man meinen, Debord habe solche Vaneigmstatements im Kopf gehabt, wenn er formulierte: „Wer passiv sein täglich fremdes Schicksal erleidet, wird daher zu einem Wahnsinn getrieben, der illusorisch auf dieses Schicksal reagiert, indem er sich mit magischen Techniken behilft.“ Eine solche magische Praktik wäre also dann: auf den eigenen robusten, männlichen Überschwang zu hoffen.

Gegen solches Beharren auf stereotypen, sich aber selbst als geschlechtsneutral gebärdenden Bildern von Männern und Frauen wendet sich Jeanne Charles – im Anschluss an die situationistische Theorie. In „woman and arms“ kritisiert sie, ähnlichen den Situationisten, „Passivität“ als „gegengeschichtliche“ und „Pseudoaktivitä“ als „pseudogeschichtliche“ „Tendenz des entfremdeten Lebens“. Nach Charles konzentrieren sich diese beiden Haltungen im Bild der Frau und des Mannes. Das störe auch die politische Arbeit massiv. Dem männlichen Gestus, unabhängig von intimen Widrigkeiten ein Haufen Theorie zu produzieren, liege die gleiche Borniertheit zugrunde wie dem weiblichen, nach stundenlangem Zuhören stets verschüchtert zuzugeben, dass man selbst „bis jetzt noch nichts geschrieben“ habe.

Es besteht aber ein Unterschied: Während die „Passiven“ stets eine Menge Selbstkritik mit sich herumtragen und sich über ihr „weibliches“ Gebaren ärgern mögen, fühlen sich die „Pseudoaktiven“ meistens auf dem richtigen Weg. Und ein weiterer Unterschied: während eine „Aktivität“ immerhin noch darauf abgeklopft werden muss, ob sie nicht eigentlich eine „Pseudoaktivität“ und also eigentlich passiv ist, scheint „Passivität“, bei Charles wie bei der SI, von vornherein nutzlos zu sein. Die einhellige Verachtung der Passivität ist verdächtig. Was gilt als passiv?

Im situationistischen Begriff des Proletariats: „seines Lebens enteignet sein und das wissen“, stellt die Überwindung der Passivität die Hauptaufgabe einer revolutionären Bewegung dar. „Begierden“ können dabei auf eine Veränderung drängen (da sie kein unendlich verschiebbares „Begehren“ sind), werden aber, so formulieren Biene Baumeister, Negator und Zwi durch das Spektakel in das „gesellschaftliche Unbewusste“ „verdrängt“ und erscheinen wieder, so könnte man nun Jeanne Charles verstehen, als pseudoaktive oder passive Haltungen.

Diese psychoanalytische Formulierung von Biene Baumeister, Negator und Zwi aufgreifen muss man dennoch genauer sein: Was als „passiver“ oder „pseudoaktiver“ Wunsch „entstellt“ wieder auftaucht, wird teilweise geschlechtlich wahrgenommen. „Passivität“ wird dabei häufig „weiblich“ wahrgenommen. Dass solche Wünsche auf ein Geschlecht verschoben, an einen anderen Ort – die Privatsphäre – gedrängt und als von sonstigen Betätigungen getrennt wahrgenommen und gepflegt werden, ist nun zwar ein je persönlicher Tick. Dieser Tick tritt aber massenhaft auf und ist leicht als Fähigkeit zu erkennen, sich in den Verhältnissen einzurichten. Man wird seine Miete nicht zahlen können, wenn man beim Bewerbungsgespräch heulend gesteht, dass man sich einsam fühlt. (Man wirkt andererseits nicht sonderlich anziehend, wenn man nur ein paar softskills draufhat. )

Wenn man also Passivität kritisiert, muss man vorsichtig sein. Bei pauschaler Verachtung dessen, was gemäß gesellschaftlichem Konsens als passiv gilt und sowieso schon, ohne alle revolutionäre Kritik, verachtet wird, schneidet man sich selbst den Weg zu einer „Erfindung neuer Leidenschaften“ ab: Was sind das für Plädoyers für Begierden, in denen weder Hausfrauen, Hausmänner, Kinder und alte Leute als Subjekte auftauchen? Nicht nur junge Männer können Begierden haben. Von allen gesellschaftlichen Gruppen sind es wahrscheinlich sogar die akademisch gebildeten jungen Männer, die die konformistischsten Bedürfnisse entwickeln. Sich im Zentrum der Geschichte wähnend besteht keine Notwendigkeit, über andere Möglichkeiten nachzusinnen. Neue Leidenschaften, welche die Trennung in Männer und Frauen aufheben mögen, können so nicht erfunden werden.

Die Kritik des Alltagslebens macht bei der SI vor der Kritik des Geschlechterverhältnisses Halt. Mit der Kritik des Spektakels, wie es die SI formulierte, lässt sich ein bisschen was anfangen, um das Geschlechterverhältnis zu kritisieren. Man könnte von der Herstellung spektakulärer Geschlechtsidentität sprechen – läuft dann eben Gefahr, recht ungenau von der Warenförmigkeit des ganzen Lebens zu nuscheln. Bei der Ausblendung des Geschlechterverhältnisses bei der SI handelt es sich nicht um einen blinden Fleck, sondern um interessierte Ignoranz: Die Ausblendung aller reproduktiven Tätigkeiten verrät die Neigung von Revolutionstheoretikern, dieselben Sachen nicht wahrzunehmen wie nicht politische Ehemänner. Dieses theoretische Desinteresse an Reproduktion geht regelmäßig mit einer ungeheuren Mystifikation von Liebe und Frauen einher und einer dementsprechend miesen Praxis. Sie Schriften der Si ähneln in dieser Hinsicht ihrem Vorwurf an die „Prosituationisten“: „Dort, wo ihre Sprache am leblosesten und am zähflüssigsten ist, benutzen sie am häufigsten die Worte „erlebt“ und „leidenschaftlich“ [wirkliche Spaltung] .

Lilly Lent ist in einem kleinen kommunistischen Zirkel dreier Frauen, welcher sich den Namen „Rote Sonne“ gegeben hat.

  1. Abrufbar unter: www.magazinredaktion.tk/triebschicksal.php [zurück]