Kunst, Spektakel und Revolution


»Die Verwirklichung der Poesie!«

Der Verein Bildungskollektiv BiKo e.V. und die ACC Galerie Weimar, freuen sich, in diesem Jahr wieder ein Programm der Veranstaltungsreihe »Kunst, Spektakel & Revolution« vorstellen zu können. Seit 2009 beschäftigt sich diese Reihe in Weimar mit dem Verhältnis von Ästhetik und Gesellschaftskritik, wobei jedes Jahr ein anderer thematischer Schwerpunkt gesetzt wurde. In diesem Jahr beschäftigen wir uns unter dem Titel „Die Verwirklichung der Poesie“ mit der Frage, in welchem Verhältnis die Dichtkunst zu einer (nicht-, bzw. noch nicht) revolutionären Wirklichkeit steht. Hierfür widmen wir uns fünf Dichtern der frühen Moderne: Friedrich Hölderlin, Heinrich Heine, Comte de Lautréamont, Arthur Rimbaud und Charles Baudelaire. Damit steht die Bedeutung der deutsch-französischen Geschichte für die moderne Dichtung einerseits und für die sozialrevolutionären Bewegungen andererseits im Zentrum unserer Auseinandersetzung. Während sich Hölderlin und Heine vor dem Hintergrund der deutschen Misere, in je unterschiedlicher Weise, auf die Impulse bezogen, welche die französische Revolution der weltweiten Emanzipationsbewegung gab, befinden sich Lautréamont, Rimbaud und Baudelaire in Frankreich in einer Situation, in welcher der deutsch-preußische Frankreich-Feldzug eine emanzipatorische Bestrebung zu zerstören drohte. Alle fünf Dichter sind jedoch nicht eigentlich „politische“ Dichter, die bloß die Forderungen politischer Parteien zu ihrem Inhalt gemacht hätten. Ihr Vermächtnis ist nicht die Formulierung eines positiven Programms – vielmehr drückt sich in ihrer Formsprache die Tendenz einer Negativität aus, die zur Aufhebung einer schlechten Gegenwart drängt. Gleichzeitig wird an ihnen das Besondere sowie die Beschränkung der Dichtkunst sichtbar – was diese vorwegnahm, drängt in einem historischen Ereignis zur Wirklichkeit, das nicht Kunstgeschichte ist: Die erste große proletarische Erhebung in der Pariser Commune von 1871, in der zahlreiche Momente der ganzen Moderne kulminierten und die unter Aufsicht der preußischen Militärs von der französischen Bürgerklasse blutig niedergeschlagen wurde. Sich dieses Ereignis von unserer Gegenwart her neu zu erschließen und kritisch-historisch anzueignen, bedeutet aber gerade im Blick auf die Poesie, sich der Gebrochenheit der Revolutionsgeschichte bewusst zu werden: Das Dunkle und Düstere bei Hölderlin, auf den sich später auch Paul Celan bezog, die Flucht Heines vor dem Antisemitismus aus Deutschland und die rasende Vernichtungswut bei Lautréamont weisen darauf hin, dass in dieser Poesie auch bereits Momente erkennbar sind, die mit dem Geschichtsbruch zu tun haben, der sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland vollzog und der auch die Geschichte der Revolution nicht unangetastet lässt.

Wir freuen uns darauf, diese Fragen mit Ihnen und euch vom 07. Juni bis zum 23. August 2012 zu diskutieren und zu konkretisieren. In den Abendveranstaltungen werden die einzelnen Dichter jeweils portraitiert, bevor sie in einem größeren Zusammenhang betrachtet und interpretiert werden. Die Reihe findet zudem in diesem Jahr eine Ausweitung nach Hamburg: dort werden die einzelnen Vorträge per Video-Stream im Gängeviertel zu sehen sein und in der zweiten Jahreshälfte in der Gastwirtschaft „Golem“ wiederholt.