Kunst, Spektakel und Revolution


»Dunkelheit und Schwarz in der Kultur«

Bürgerliche Philosophie beschreibt sich seit dem 18. Jahrhundert als Aufklärung – so wie das Licht die Gegenstände reflektiert, gebrochen ins Auge fällt und dadurch die Menschen sehend macht, sollte Aufklärung Licht ins Dunkel bringen. Mit dem Ideal des Lichts war dabei ein emphatischer Anspruch auf menschliche Emanzipation und Befreiung verbunden – mit Hilfe von selbständiger Erkenntnis und Selbsterkenntnis sollte keine irdische Instanz mehr existieren dürfen, die nicht vor dem Richterstuhl der Vernunft bestehen könne. Dieses Ideal konnte die Aufklärung nicht einlösen, weil sie nicht dazu in der Lage war, ihre Voraussetzungen einzuholen – der Richtspruch der Vernunft ist dahingehend tatsächlich in der Sphäre des Rechts befangen, als dass er der Rationalität des Citoyen entspringt, der seine materiellen Voraussetzungen permanent von sich abspaltet, um sich als souverän behaupten zu können. Während im gleißenden Licht der bürgerlichen Universalität das Gesetz der Gleichheit gilt, bleibt im Dunkeln, was die gesellschaftliche Grundlage aller bisherigen Kulturleistung ist: Ausbeutung und Herrschaft. Die Enteignung von den Bedingungen, über das eigene Leben bestimmen zu können (Privateigentum) und die gewaltmäßige Sicherung dieses Zustandes, die sich bis in die Subjekte hinein verlängert hat (Staat) haben das 20. Jahrhundert entgegen seinem Selbstverständnis zu einem Jarhhundert der Finsternis gemacht. Auch die historische Arbeiterbewegung, die sich ebenfalls die Lichtmetaphorik zu Eigen machte – »Ihr Brüder zur Sonne, zur Freiheit« – konnte den katastrophischen Verlauf dieses Jahrhunderts nicht aufhalten.

Eine radikale Kritik, welche Voraussetzung für eine Abschaffung von Staat und Privateigentum ist, muss sich im 21. Jahrhundert jener Geschichte widmen, die sich unter der Oberfläche der offiziellen Geschichtsschreibung vollzieht und dadurch dem Licht der reinen Vernunft entgeht – der Geschichte der durch die Zivilisation entstellten menschlichen Triebe und Leidenschaften. Einen möglichen Ansatzpunkt findet diese Kritik, der kein Gegenstand zu randständig und kein Gebiet zu trivial erscheinen kann, in der Sphäre der Kunstproduktion, die materialistisch zu durchdringen ist. In der modernen Kunst lässt sich die Verdunkelung nachvollziehen, was Adorno gleichermaßen als Konstatierung wie als Forderung ausdrückt: »Radikale Kunst heute heißt so viel wie finstere, von der Grundfarbe schwarz.« Dort wo die Kunst sich scheinbar am weitesten von der Wirklichkeit entfernt hat – in ihrer höchsten Abstraktion – zeigt sie sich als konzentrierter Ausdruck des Äußersten und Finstersten der Realität, vor der sie bestehen muss. In den Bildern Malewitzschs und Soulages‘, die den Anspruch der Abbildung abgelegt haben, kommt der Fluchtpunkt zum Vorschein, den das Prinzip der Abstraktion in sich trägt: sie sind höchstens noch Variationen von Schwarz. Mit Adorno ist am Anspruch der rettenden Aufhebung der Kunst festzuhalten – denn die schwarze Kunst trägt Züge, »die, wären sie ihr Endgültiges, die geschichtliche Verzweiflung besiegelten; so weit, wie es immer noch anders werden kann, mögen auch sie ephemer sein.«

Eine Voraussetzung dafür, dass es anders werden kann, ist, dass sich die verbliebenen Revolutionäre der Vergangenheit annehmen, um die historischen Bewegungstendenzen ins Bewusstsein zu holen – auch wenn sich freilich aus der Geschichte keine »Lehre« ziehen lässt, mithilfe derer Befolgung ein zukünftiges Gelingen garantiert wäre. Der Surrealist Julien Gracq hat uns 1947 darauf hingewiesen, dass die Revolutionäre, »fasziniert vom Gebrauch der Handwerkszeuge für eine tiefgründige Geschichtsauffassung, die das 19. Jahrhundert ihnen mit Marx hinterließ, zu oft zu ihrem Vorteil die empirische Kontrolle gewisser unmittelbarer Antriebskräfte der Geschichte vernachlässigten, die sich ungkücklicherweise plötzlich (man denke nur an den Umsturz von 1933) als Explosivkräfte zu erkennen gaben.« Was Gracq mit diesen Antriebskräften meint, sind jene entstellten menschlichen Triebe und Leidenschaften, welche die Aufklärung von sich abgespalten hat und die, nachdem sie eine Weile unter der Oberfläche gegärt hatten, der Faschismus ohne Schwierigkeiten aufnehmen konnte. Es ist kein Zufall, dass die Nazis stets eine Faszination für die Farbe Schwarz und, damit verbunden, für die Symbole des Todes an den Tag legten. Der Todestrieb bürgerlicher Subjektivität transformiert sich in der Ideologie des Faschismus zur offenen Todesbejahung. Dass sich die Symbole des Todes, kulturindustriell transformiert, heute höchster subkultureller Beliebtheit erfreuen, ist deshalb ernstzunehmen – es ist herauszufinden, welche Sehnsüchte dem zugrundeliegen und aus welchen Lebensverhältnissen diese entspringen. Nicht um sie moralisch und von einer Warte vermeintlicher Hochkultur aus zu verurteilen, aber auch nicht, um ohne Misstrauen der Faszination an ihrem Triebziel zuzustimmen. Aufklärung – der die Treue zu halten ist – durchbricht ihre Schranken, wenn sie sich ihrer dunklen Seite anzunehmen weiß, ohne ihr zu erliegen.

Eine Zuwendung zu dieser unterirdisch verlaufenden Geschichte oder zu jenen unmittelbaren Antriebskräften führt uns zudem unweigerlich zu einer Betrachtung des Alltagslebens, in dem die Menschen voneinander getrennt sind und daher die gesellschaftliche Bedingtheit der individuellen Verzweiflung oftmals unerkannt bleibt – das Alltagsleben hat keine Geschichte. Es sind die Zyklen und Rythmen des Alltagslebens (unweigerlich verbunden mit der Lohnsklaverei oder der zwangsmäßigen Armutsverwaltung), die inmitten der Zentren des kapitalistischen Reichtums die Depression als eine »Volkskrankheit« erzeugen. Es sind die Trennungen des Alltagslebens, die es so erscheinen lassen, als wäre es doch nur eine flüchtig Bekannte oder ein entfernter Freund, wenn wieder mal jemand in der Psychiatrie gelandet ist (immer noch das medizinische Pendant zum Gefängnis) – jemand, für den/die man keine Verantwortung übernehmen muss oder kann. Wir stehen hilflos und machtlos vor der Verzweiflung der Anderen, die uns in scheinbaren Ausnahmefällen nur unsere eigene Situation vor Augen führen. Sich mit diesen Mechanismen auseinanderzusetzen und sie theoretisch zu durchdringen, ist notwendig, ersetzt aber nicht die andere Notwendigkeit, in gegenseitiger Hilfe jene kollektive Aktion vorzubereiten, welche die Situation erzeugt, die jede Umkehr unmöglich macht1.

Wir hoffen mit dem fünften Teil der Veranstaltungsreihe Kunst, Spektakel, Revolution zur Verallgemeinerung des kollektiven Kritikers beitragen zu können.

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Die Veranstaltungsreihe »Kunst, Spektakel & Revolution« sucht auch in diesem Halbjahr ihren Weg nach Hamburg: Die Vorträge der fünften Reihe werden jeweils live per Videoprojektion aus dem ACC Weimar in die Loge des Hamburger Gängeviertels (Valentinskamp 34) übertragen. Weitere Infos findet ihr: hier.

  1. Psst, natürlich ist die Revolution gemeint. [zurück]