Kunst, Spektakel & Revolution entstand im Jahr 2009 als Format einer Veranstaltungsreihe, die sich mit dem Verhältnis von Ästhetik und Gesellschaftskritik, von Revolutions- und Kunstgeschichte auseinandersetzt. KSR ist außerdem der Titel einer gleichnamigen Broschüren-Reihe, in der die Veranstaltungen der Reihe dokumentiert und zusätzliche Texte publiziert werden. KSR ist Teil des Veranstaltungsprogramms des Bildungskollektivs – die Vorträge der Reihe finden in der Regel in der ACC-Galerie in Weimar statt. Die KSR-Broschüren erscheinen im Katzenbergverlag.

Einen Überblick über die bisherigen Veranstaltungen der Reihe sowie den aktuellsten Themenblock findet ihr unter Programm. Unter Material werden ergänzende Literaturhinweise und Links zusammengestellt. Einen Überblick über unsere bisherigen Publikationen sowie eine Vorschau auf die jeweils kommende Broschüre findet sich hier. Ergänzende Texte, die nicht in unseren Broschüren enthalten sind, sind in der Rubrik Text zusammengestellt. Unter Radio stehen die Audiomitschnitte der Vorträge sowie ergänzende Interviews und Radiosendungen zur Verfügung. Hier könnt ihr Kontakt zu uns aufnehmen und Broschüren bestellen.


Birth of Nation(s)

Kunst, Spektakel & Revolution #8 – April bis Juli 2019

Im Jahr 2019 jährt sich der NATO-Einsatz im Kosovo zum zwanzigsten mal. Dem vorangegangen waren die jugoslawischen Zerfallskriege, die wiederum eng mit dem Zerfall des sowjetischen Machtblocks verbunden waren. Der Einsatz der NATO geschah nicht zuletzt auf das Drängen der deutschen Bundesregierung hin – zum ersten mal seit 1945 hat sich die Bundesrepublik Deutschland 1999 an einem bewaffneten Kriegseinsatz beteiligt. Die Bundesregierung leitete ihr Handeln damals aus einer Verantwortung ab, die aus der deutschen Vergangenheit und ihrer Bewältigung erwachsen sei. Seit dem dient eine „Verantwortung vor der Welt“ zur Begründung, geopolitische Machtverhältnisse zu „gestalten“ und Soldaten der Bundeswehr in alle Welt zu schicken.

Daran wird deutlich, dass der Kosovokrieg von 1999 eine enorme geschichtspolitische Bedeutung hat. Auch die Koordinaten der Linken haben sich in den Debatten um diesen Kriegseinsatz verschoben. Gleichzeitig stehen die Jugoslawienkriege beispielhaft dafür, dass die Neugründung von Nationen eng mit Homogenisierungsbestrebungen verbunden sind, in denen Herkunft, Sprache und Ethnie enorm aufgeladen werden. Ethnische Kategorien erhalten eine soziale und politische Bedeutung. Diese Aufladung führte nicht zuletzt zu ethnischen Bürgerkriegen, bis hin zu genozidaler Gewalt.

Heute wird kaum noch über den Kosovo-Krieg gesprochen, obwohl er zu einer umfänglichen Neu-Ordnung des Balkan-Raums und damit eines wichtigen Teils Europas geführt hat. Und auch, obwohl heutige Flucht-Bewegungen und Grenz-Regime nicht ohne diesen Teil der Geschichte zu verstehen sind.

Die Veranstaltungsreihe „Kunst, Spektakel & Revolution“ möchte im Jahr 2019 die jugoslawischen Zerfallskriege ins Gespräch bringen. Dies soll einerseits durch Vorträge zu den politischen und kriegerischen Vorgängen im Balkan geschehen. Andererseits soll ein Fokus auf künstlerische und subkulturelle Verarbeitungen dieser Kriege gelegt werden. Im ehemaligen Jugoslawien blühte eine avantgardistische Kunst- und Subkulturszene, die die Bürgerkriege und die Neuordnung des Balkans bewusst und unbewusst verarbeitet haben.

Der Titel „Birth of Nation(s)“ ist eine Anleihe an die Single „Geburt einer Nation“ der slowenischen Musik- und Kunstgruppe „Laibach“ von 1987. In unserem Zusammenhang ist damit zweierlei gemeint: Einerseits der Prozess des Nation Building während der Jugoslawien-Kriege. Andererseits die Neu-Konstituierung der deutschen Nation in der Beteiligung am Kosovo-Krieg.

Die Reihe ist eine Kooperation der ACC Galerie Weimar mit dem Bildungskollektiv BiKo e.V. und wird gefördert von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen.


Kunst, Spektakel & Revolution

KSR versteht sich vorwiegend als selbstorganisiertes historisches Forschungsprogramm jenseits der Akademie – will in diesem Sinne aber beitragen zu einer kritischen Beleuchtung der Gegenwart. Im Zentrum steht dabei eine Auseinandersetzung mit dem ästhetischen Strang der wirklichen Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt – des Kommunismus. Eine parteiliche, dezidiert kommunistische Hinwendung zur Ästhetik interessiert sich dabei keineswegs einfach nur für politische Kunst – die politische Intention der Künstlerin versperrt oftmals sogar den Blick auf den Gegenstand, der für uns interessant sind: Eine Bewegung, die oftmals unterhalb der bekannten Geschichte verläuft und sich in untergründigen Verbindungen Bahn bricht. Diese Verbindungen fanden und finden oft jenseits der bekannten Gruppierungen statt, richten sich immer wieder gegen den Schematismus der Polit- und Künstlerkreise und sind häufig nur in einer kleinteiligen Hinwendung zu Material und Form herauszuarbeiten. Gegenstand unserer Forschungen und Vorträge ist die Poesie in einem erweiterten Sinne: als der Versuch der sinnlichen Kommunikation über das wirklich Erlebte, als potentielle Einheit von Begriff und Erfahrung, von Vernunft und Sinnlichkeit. Diese Vereinigungsbewegung ist einer menschlichen Emanzipation verpflichtet und wird vom herrschenden Kunstbetrieb immer wieder begrenzt, eingehegt, musealisiert, entschärft. Trotz des Misstrauens gegenüber politischem Inhaltismus (oder auch: Formalismus) interessieren uns jene Momente der Kunstgeschichte, in denen Kunst politisch wurde – insbesondere wenn ästhetische und revolutionäre Bewegungen ineinander übergriffen. Aus diesem Grund kreisen unsere Forschungen immer wieder um die historischen Avantgarde-Bewegungen – sie sind aber keineswegs auf diesen engeren Abschnitt der Kunstgeschichte festgelegt. Theoretische Vorlagen sind die ästhetisch-philosophischen Texte von Adorno, Horkheimer, Lukács, Benjamin, Bloch und Marcuse; die Texte der Situationistischen Internationale und der Neuen Linken; sowie die kritisch-feministischen Arbeiten von Silvia Bowenschen. Eine ernsthafte Forschung findet aber jenseits des Kanons statt – sei es jenem der Akademie, sei es jenem der kritischen-Theorie-Szene. Letztlich sind kein Bezug und kein Gegenstand zu randständig, wenn sie der Erkenntnis dienlich sind. Unsere Forschungen finden vorwiegend auf einer theoretischen Ebene statt – sollen aber verstanden werden als Vorbereitung einer künftigen praktischen, bestenfalls revolutionären Betätigung.

KSR-Veranstaltungsraum in der ACC-Galerie

Eine weitergehende Darstellung der Intention von KSR findet sich in einem ausführlichen Interview aus dem Jahr 2014, geführt von Club Communism: hier. Eine zusammenfassende Darstellung der Inhalte von KSR wurde außerdem in Form eines Interviews bei der Release-Veranstaltung zur vierten KSR-Broschur gegeben: hier (ganz unten). Gesonderte Ankündigungen zu den KSR-Themenblöcken 2009, 2012 und 2013/14 findet ihr im rechtsstehenden Menü.