Kunst, Spektakel & Revolution entstand im Jahr 2009 als Format einer Veranstaltungsreihe, die sich mit dem Verhältnis von Ästhetik und Gesellschaftskritik, von Revolutions- und Kunstgeschichte auseinandersetzt. KSR ist außerdem der Titel einer gleichnamigen Broschüren-Reihe, in der die Veranstaltungen der Reihe dokumentiert und zusätzliche Texte publiziert werden. KSR ist Teil des Veranstaltungsprogramms des Bildungskollektivs – die Vorträge der Reihe finden in der Regel in der ACC-Galerie in Weimar statt. Die KSR-Broschüren erscheinen im Katzenbergverlag.

Einen Überblick über die bisherigen Veranstaltungen der Reihe sowie den aktuellsten Themenblock findet ihr unter Programm. Unter Material werden ergänzende Literaturhinweise und Links zusammengestellt. Einen Überblick über unsere bisherigen Publikationen sowie eine Vorschau auf die jeweils kommende Broschüre findet sich hier. Ergänzende Texte, die nicht in unseren Broschüren enthalten sind, sind in der Rubrik Text zusammengestellt. Unter Radio stehen die Audiomitschnitte der Vorträge sowie ergänzende Interviews und Radiosendungen zur Verfügung. Hier könnt ihr Kontakt zu uns aufnehmen und Broschüren bestellen.


Radikale Kunst
und radikale Linke
in der Weimarer Republik

Kunst, Spektakel & Revolution #9 – April bis August 2020

Die Weimarer Republik gilt in der populären Geschichtsschreibung rückblickend als von zwei Seiten bedroht: Vom aufsteigenden Nationalsozialismus einerseits, von der bolschewistischen Gefahr andererseits. Dieses Geschichtsbild muss mit Vereinfachungen arbeiten. Einerseits wird die Weimarer Republik jeglicher Kritik enthoben, wobei etwa ihr Gründungsakt: die blutige Niederschlagung der Novemberrevolution, die nur mit der Rehabilitierung des deutschen Militarismus möglich wurde, ausgeblendet oder verharmlost werden muss. Andererseits wird ein schematisches Bild kommunistischer Bewegung gezeichnet – im Rahmen von Totalitarismus- und Extremismustheorie erscheinen Kommunismus und Stalinismus als rundweg identisch, bevor im zweiten Schritt die Gleichstellung von Stalinismus und Nationalsozialismus folgt. Anarchismus, Syndikalismus, Linkssozialismus und -kommunismus wie partei- und bewegungsinterne Opposition kommen dabei nicht vor – noch weniger, dass es in den 1920er Jahren keineswegs entschieden war, dass die KPD zu jener stalinisierten Partei werden musste, die sie in den 1930er Jahren dann tatsächlich wurde. Die theoretischen, intellektuellen und kulturellen Debatten, die mit dem Kommunismus der Weimarer Republik assoziiert waren, dabei aber über den engen Rahmen von Parteipolitik hinausgingen, werden dem Vergessen anheim gegeben.

Sich der radikalen Linken der Weimarer Republik anzunähern – also jenen Strömungen, die eine Opposition zum zentralistisch-stalinistischen Block bildeten –, heißt keineswegs, sie selbst wiederum kritiklos beerben zu wollen. Aber ihre Geschichte auszugraben, mag in Zeiten von staatstragenden Jubiläumsfeierlichkeiten von den wirklichen Widersprüchen der Weimarer Republik zeugen und gängige Geschichtsbilder irritieren. Darin liegt auch die Möglichkeit, die Relevanz vergangener Auseinandersetzungen zu kennen und eine kritische Position zur Gegenwart zu entwickeln.

Eben solches verspricht eine Auseinandersetzung mit radikaler Kunst, aus der heraus in der Weimarer Republik auch der Anspruch der Aufhebung der Kunst formuliert wurde. Aus der Kunst heraus formiert sich eine Position der Negativität – sowohl in einem politischen Sinne, als auch auf der Ebene der Form. Die Kreise von Linksradikalismus und radikaler Kunst, Arbeiterbewegung und ästhetischem Ausdruck der „wirklichen Bewegung“ überschneiden sich zuweilen in turbulenten Zeiten – zuweilen gehen sie (wieder) getrennte Wege: Zeugnis einer letztlich umfassenden Niederlage der (kommunistischen, ästhetischen) Revolution. Dass radikale Kunst von vorenthaltener und abgebrochener menschlicher Emanzipation geprägt ist, mag eine Erkenntnis sein, die konservierender Musealisierung entgegensteht.

Die Reihe ist eine Kooperation der ACC Galerie Weimar mit dem Bildungskollektiv BiKo e.V. und wird gefördert von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen.

    zum Programm


Kunst, Spektakel & Revolution

KSR versteht sich vorwiegend als selbstorganisiertes historisches Forschungsprogramm jenseits der Akademie – will in diesem Sinne aber beitragen zu einer kritischen Beleuchtung der Gegenwart. Im Zentrum steht dabei eine Auseinandersetzung mit dem ästhetischen Strang der wirklichen Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt – des Kommunismus. Eine parteiliche, dezidiert kommunistische Hinwendung zur Ästhetik interessiert sich dabei keineswegs einfach nur für politische Kunst – die politische Intention der Künstlerin versperrt oftmals sogar den Blick auf den Gegenstand, der für uns interessant sind: Eine Bewegung, die oftmals unterhalb der bekannten Geschichte verläuft und sich in untergründigen Verbindungen Bahn bricht. Diese Verbindungen fanden und finden oft jenseits der bekannten Gruppierungen statt, richten sich immer wieder gegen den Schematismus der Polit- und Künstlerkreise und sind häufig nur in einer kleinteiligen Hinwendung zu Material und Form herauszuarbeiten. Gegenstand unserer Forschungen und Vorträge ist die Poesie in einem erweiterten Sinne: als der Versuch der sinnlichen Kommunikation über das wirklich Erlebte, als potentielle Einheit von Begriff und Erfahrung, von Vernunft und Sinnlichkeit. Diese Vereinigungsbewegung ist einer menschlichen Emanzipation verpflichtet und wird vom herrschenden Kunstbetrieb immer wieder begrenzt, eingehegt, musealisiert, entschärft. Trotz des Misstrauens gegenüber politischem Inhaltismus (oder auch: Formalismus) interessieren uns jene Momente der Kunstgeschichte, in denen Kunst politisch wurde – insbesondere wenn ästhetische und revolutionäre Bewegungen ineinander übergriffen. Aus diesem Grund kreisen unsere Forschungen immer wieder um die historischen Avantgarde-Bewegungen – sie sind aber keineswegs auf diesen engeren Abschnitt der Kunstgeschichte festgelegt. Theoretische Vorlagen sind die ästhetisch-philosophischen Texte von Adorno, Horkheimer, Lukács, Benjamin, Bloch und Marcuse; die Texte der Situationistischen Internationale und der Neuen Linken; sowie die kritisch-feministischen Arbeiten von Silvia Bowenschen. Eine ernsthafte Forschung findet aber jenseits des Kanons statt – sei es jenem der Akademie, sei es jenem der kritischen-Theorie-Szene. Letztlich sind kein Bezug und kein Gegenstand zu randständig, wenn sie der Erkenntnis dienlich sind. Unsere Forschungen finden vorwiegend auf einer theoretischen Ebene statt – sollen aber verstanden werden als Vorbereitung einer künftigen praktischen, bestenfalls revolutionären Betätigung.

KSR-Veranstaltungsraum in der ACC-Galerie

Eine weitergehende Darstellung der Intention von KSR findet sich in einem ausführlichen Interview aus dem Jahr 2014, geführt von Club Communism: hier. Eine zusammenfassende Darstellung der Inhalte von KSR wurde außerdem in Form eines Interviews bei der Release-Veranstaltung zur vierten KSR-Broschur gegeben: hier (ganz unten). Gesonderte Ankündigungen zu den KSR-Themenblöcken 2009, 2012 und 2013/14 findet ihr im rechtsstehenden Menü.