Archiv für März 2021

Das Programm der diesjährigen KSR-Reihe ist nun online. Bitte achtet auf Ankündigungen im Netz: Die Veranstaltungsreihe ist als Mischform aus Online- und Präsenzveranstaltungen geplant. Corona-bedingt kann es zu Änderungen kommen.

Geld als zweite Natur

Der Rhythmus nach Takten

Vortrag von Eske Bockelmann
Do 08.04.2021 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Unter kapitalistischen Verhältnissen ist Musik in ihren Oberflächenerscheinungen erheblich durch die starke Kommerzialisierung geprägt. Aber diese Prägung geht noch sehr viel tiefer, als man vermuten würde. Das Geld gibt nicht allein unserem Denken bestimmte Formen vor, sondern bereits unserer unwillkürlichen Wahrnehmung. Unser Rhythmusgefühl richtet sich heute nach Takten, aber das hat es nicht etwa seit Menschengedenken getan. Vielmehr lässt sich zeigen, dass erst das Leben in einer geldvermittelten Gesellschaft notwendig die taktrhythmische Wahrnehmung bedingt.

Eske Bockelmann (Chemnitz) stellt seine These zum Ursprung moderner Taktrhythmik vor. Er ist Autor des Buches „Im Takt des Geldes. Zur Genese modernen Denkens“ (Zu Klampen, 2004).

Kritik und Musik

Mit den Ohren denken nach Adorno

Vortrag von Iris Dankemeyer
Do 22.04.2021 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Adorno fühlte sich zeitlebens als Musiker. Zu seinem eigenen Bedauern wurde nur ein berühmter Philosoph aus ihm und kein Komponist. Sein Werk besteht zur Hälfte aus Musikalischen Schriften und zur anderen Hälfte auch, denn Adornos Stil ist stets an kompositorischen Verfahren und an klanglichen Parametern orientiert. Seine Vorliebe fürs Ästhetische brachte Adorno nicht nur mit dem politisch denkenden Horkheimer in Konflikt, sondern auch mit sich selbst – so sehr er die Musik metaphysisch beschwor und höhere Erkenntnis von ihr erwartete, so bewusst war ihm dabei, dass auch die revolutionärste Dissonanz kaum zu realen gesellschaftlichen Veränderungen beiträgt. Oder doch?

Adorno witterte immer wieder autoritäres und faschistisches Potenzial „in Bereichen, die zunächst unmittelbar mit Politik überhaupt nichts zu tun haben, in denen aber Denkstrukturen, Begriffe, Wünsche, Kategorien, Verhaltensweisen konserviert werden“. Darum hat er den Jazz kritisiert, weil dieser Subversion mit Kommerzialisierung und kulturelle Integration mit politischer Emanzipation verwechselte. Darum hat er den Jazz verteidigt, weil dessen musikalische Regressionen immer noch tausendmal progressiver waren als das Renegatentum der deutschen Jugendmusikbewegung, die der Aktivist Adorno engagiert bekämpfte.

Der Vortrag skizziert zunächst rhapsodisch den Konflikt von Musik und Politik bei Adorno. Anschließend stellt er sich und allen, die es hören wollen, Fragen wie diese: Was hat es mit dem „dritten Ohr“ auf sich? Was hat Adorno als musikalischer Direktor der ersten marktwirtschaftlichen Radiostudie in New York gemacht? Was hat Jazz mit Sex zu tun? Worin unterscheidet sich „gute schlechte Musik“ von „schlechter guter Musik“?

Vor allem aber: Kann man auch ein halbes Jahrhundert nach Adorno noch mit den Ohren denken und wenn ja: was?!

Iris Dankemeyer schreibt, lehrt und singt beim Kommunistischen Tresen Berlin. 2020 veröffentlichte sie im Verlag Edition Tiamat das Buch „Die Erotik des Ohrs. Musikalische Erfahrung und Emanzipation nach Adorno“.

Kritische Theorie des Hörens

Musikphilosophie und negative Anthropologie
nach Sonnemann

Vortrag von Martin Mettin
Do 06.05.2021 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Die Geschichte der Philosophie ist eine Geschichte des denkenden Sehens. Zwar bedeutet dieses Sehen Aufklärung, jedoch wächst kulturgeschichtlich zugleich seine Tendenz zum instrumentellen Registrieren, zur „Okulartyrannis“. Es sind die im Zuge dieses Prozesses vernachlässigten Potentiale des Hörens, die einen kritischen Einspruch gegen solche Verdinglichung geltend machen können. Martin Mettin nimmt diese These der späten Arbeiten Ulrich Sonnemanns zum Ausgangspunkt, um der Untergrundgeschichte einer verdrängten Philosophie des Hörens nachzuspüren. Aufklärung erweist sich hier als Forderung nach Hellhörigkeit, nach einer sensiblen Aufmerksamkeit für die von Widersprüchen verdunkelte Welt.

Martin Mettin arbeitet zu einer materialistischen Philosophie der Sinnlichkeit und promovierte über die späten Arbeiten Ulrich Sonnemanns. 2020 veröffentlichte er das Buch „Kritische Theorie des Hörens. Untersuchungen zur Philosophie Ulrich Sonnemanns“ (Metzler Verlag), das er im Vortrag vorstellen wird.

Politik und Ästhetik

in Luigi Nonos experimentellem Musiktheater

Vortrag von Irene Lehmann
Do 13.05.2021 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

„Die Revolution ist der Schönheit nicht entgegengesetzt“ heißt es am Anfang von Luigi Nonos zweitem großen Musiktheaterstück. Mit diesem Satz ist das Feld von Fragen nach dem Verhältnis von Politik und Ästhetik eröffnet, das ich in dem Vortrag beleuchten möchte. Luigi Nono, der zur Avantgarde der Neuen Musik seit den 1950er Jahren gehörte, zeichnet sich nicht nur durch einen unkonventionellen Umgang mit dem Verhältnis von Politik und Ästhetik aus, sondern auch durch den Entwurf eines neuen Verhältnisses von Theater und Musik, von kompositorischer Form und Aufführung.

Anhand einiger musiktheatraler Kompositionen, unter anderem Al gran sole carico d’amore, möchte ich zeigen, wie er diese Form nutzt, um das Glücken und Scheitern von Revolutionen und Aufständen im Theaterraum und die Verschiebungen im politischen Gefüge Ende der 1960er Jahre zur Reflektion zu bringen.

Nono orientierte sich in seinem Konzept von politischem Musiktheater an der italienischen Resistenza-Bewegung, an Antonio Gramsci und später an Walter Benjamins geschichtsphilosophischen Überlegungen.

Vortrag mit Musikbeispielen, Photographien und Video-Ausschnitten und anschließender Diskussion.

Irene Lehmann arbeitet zum Musiktheater und politischen Theater des 20. und 21. Jahrhunderts, Performance-Kunst und Geschlechterverhältnissen. 2019 veröffentlichte sie das Buch „Auf der Suche nach einem neuen Musiktheater. Politik und Ästhetik in Luigi Nonos musiktheatralen Arbeiten zwischen 1960 und 1975“.

Meredith Monk

Körpergedächtnis und Vokalperformance
statt schriftfixierter Werkpartitur

Vortrag von Marie-Anne Kohl
Do 10.06.2021 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Die multidisziplinär arbeitende Künstlerin Meredith Monk hat sich in ihrer bald 60-jährigen Karriere vor allem als Komponistin und Pionierin der vokalen Performancekunst einen Namen gemacht. Musik entsteht bei ihr in der Regel nicht auf dem Papier, sondern stets als aktive Tätigkeit in Auseinandersetzung mit der individuellen Stimme, in der Proben-Arbeit mit ihren Ensembles, und somit als primär somatische Aktivität. Ihre Kompositionen, ihre häufig multidisziplinär angelegten Musiktheater-Arbeiten, sind so weniger als fixierte Werke zu verstehen, vielmehr stehen eine gewisse Flexibilität und interpretatorische Freiheiten von vorstrukturierten musikalischen Patterns in den Proben und Aufführungen ihrer Musik im Mittelpunkt. Von zentraler Bedeutung ist dabei das so genannte Körpergedächtnis, die „in-the-bone-quality“ (Monk) ihrer Musik. Auch aufgrund dieses Unterlaufens der Idee eines schriftfixierten Werkprimaten durch ihre künstlerische Praxis wurden und werden Monks Arbeiten häufig in einem feministischen Kontext gelesen. Unter diesen Aspekten wird der Vortrag in Leben und Werk von Meredith Monk einführen.

Marie-Anne Kohl arbeitet am Forschungsinstitut für Musiktheater der Universität Bayreuth. Sie ist Autorin des Buches „Vokale Performancekunst als feministische Praxis: Meredith Monk und das künstlerische Kräftefeld in Downtown New York, 1964-1979“ (Transcript, 2015).

Modernistische Rationalität und Überwältigung

Über das Werk von Iannis Xenakis

Vortrag von Reinhold Friedl
Do 24.06.2021 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Der 1922 geborene griechisch- französische Komponist Iannis Xenakis ist eine der großen Figuren in der Musik des 20ten Jahrhundert – und ein offener Geiste: als ausgebildeter Bauingenieur liebte er Mathematik und Architektur: beides spiegelt sich in seiner Musik wider: mathematisch organisiert und doch im höchsten Grade emotional und intensiv. Überwältigende Klangmassen wie Glissando-felder dominieren insbesondere seine über vierzig Orchesterwerke, aber auch seine elektronische Musik: Heutzutage würde man wohl von immersiver Kunst sprechen. Xenakis erfand architektonische Formen für Le Corbusier, elektronische Klangsynthesen, multimediale Spektakel und kompositorische Techniken (das vollständige Divisi der Orchesters). Die Schallplatten seiner Musik sind heute Sammlerstücke. Vor dem Hintergrund seiner Biographie als griechischer Widerstandskämpfer und Emigrant wird anhand ausgewählter Stücke Xenakis‘ berauschende Klangwelt vorgestellt und einige seiner kompositorisch-technischen Tricks verraten. Modernistische Rationalität zur Überwältigung des Hörers!

Reinhold Friedl studierte Komposition, Klavier und Mathematik, Promotion zum elektroakustischen Werk von Iannis Xenakis an der Goldsmiths University London. Neben seiner Kompositionstätigkeit (Aufträge des französischen Staates, der BBC, der Landes Berlin, etc.) konzertiert er solistisch und mit seinem Ensemble zeitkratzer weltweit. Zahlreiche CD- und Schallplatten-Veröffentlichungen und diverse Artikel zur Musik Iannis Xenakis‘. www.reinhold-friedl.de

Hinweis: Die Veranstaltung wird als Hybrid-Veranstaltung stattfinden. In der ACC Galerie Weimar können 15 Personen – mit einem aktuellen Test oder einem Impfnachweis – als Publikum anwesend sein. Wir bitten dafür um eine Anmeldung per Email: kultur@acc-weimar.de – Trotzdem wird die Veranstaltung wie bisher auch per BigBlueButton gestreamt. Link zur Online-Konferenz: hier.

Leider muss die Veranstaltung mit Reinhold Friedl nun doch als reine Online-Veranstaltung stattfinden. Durch corona-bedingte Terminverschiebungen fällt der Termin mitten in den Galerie-Umbau der ACC Galerie Weimar. Wir bitten um Verständnis. Der Vortrag wird, wie gehabt, per BigBlueButton gestreamt. Eine Voranmeldung ist nicht notwendig.

Hinaus auf die Straße, hinein in die Kämpfe

Kommunismus und Neue Musik der 1960er und 70er Jahre

Vortrag von Felix Klopotek
Do 01.07.2021 – ACC Galerie Weimar – 16:00 Uhr

Zu Beginn der 60er Jahre hatte die Neue Musik in ihrer Auseinandersetzung mit sich selbst ein Niveau erreicht, das den Übergang zur gesellschaftlichen Frage fast zwingend nahelegte: Es gab schlicht keine Regeln des Komponierens und der Aufführung mehr, die nicht hinterfragt wurden, und je mehr die Komponistinnen und Komponisten neue Parameter festlegten, desto stärker wurde ihr ästhetisch willkürlicher – oder positiv formuliert: ihr offener Charakter deutlich. Die Regeln erwiesen sich als genuin soziale, weil ihre Legitimation durch einen Kanon überlieferter Techniken und ästhetischer Maximen zunehmend scheiterte, einfach obsolet wurde. Musikspielen konnte somit unverstellt als ein kollektiver Akt begriffen werden, die Rolle des Interpreten als abhängige Variable ließ sich nicht länger aufrechterhalten.

Als »1968« die Leute auf die Straßen gingen und gegen die überlieferten Regeln des Miteinanders aufbegehrten, gab es nicht wenige »Avantgarde-Musiker«, denen sich im Ereignis der globalen Revolte der Sinn ihrer Musik neu erschloss: Die Musik zeigte sich ihnen als Utopie (Vorwegnahme) wie Medium (Kommunikationskanal) einer befreiten Gesellschaft. Für einen historischen Moment wurde diese Avantgarde egalitär und anti-institutionell, und man konnte unbefangen über den Zusammenhang von John Cage und Arbeiterbewegung nachdenken.

Diese Bewegung ist gescheitert, aber eigentlich alles an ihr ist unabgegolten. Vielleicht gerade weil sie längst dokumentierter Teil der Musikgeschichte geworden ist (also den einst verhassten Institutionen überlassen wurde), ist sie nie systematisch von jüngeren Linken aufgearbeitet worden. Felix Klopotek wird Material zum Verständnis dieser Bewegung vorstellen.

Wir bitten um Voranmeldung per Email: biko[at]arranca[dot]de

Felix Klopotek ist Autor und Journalist und lebt in Köln. Er veröffentlichte u.a. das Buch „How they do it. Free Jazz, Improvisation und Niemandsmusik“ (Ventil Verlag, 2002).

Schönberg – Einführung in die klassische Musik

Wochenendseminar mit Franz Hahn

02.–04.07.2021 – Weimar

Der Prophet Schönberg hat der Nachwelt einige Rätsel hinterlassen. Vorbei ist die klassische Musik, wie wir sie kannten, die um einen Grundton kreisende Harmonik ist schal geworden. Die musikalische Erfassung und Darstellung unserer Welt, indem man Quinten und Terzen als Gerüst nimmt, wirkt nunmehr so platt wie assyrische Menschendarstellungen. Und doch tut man sich schwer, daraus geeignete Konsequenzen zu ziehen. Die damals neue Musik stiftet keinen neuen Zusammenhang. Ohne jedes neue positive System ist sie experimentell erarbeitet und durch extrem gutes Gehör und Formgefühl justiert. Es gibt zwar schließlich eine von Schönberg entwickelte Methode, mit 12 Tönen zu komponieren, aber er charakterisiert sie eher als eine private Krücke, die ihm dabei half, nicht implizite wieder in den Sog der alten tonalen Welt zu geraten, der er eben kaum entronnen war. Im Grunde bildet seine Musik den Beginn einer Epoche, die nie beginnen wollte und hinter die es kein Zurück gibt.

Vielleicht gerade weil Schönberg in seinem Schaffen einige neue, im Grunde revolutionäre Wege ging, gibt es bei ihm einen konservativen Bezug auf die Werke der alten Meister. Seinen Schülern mutete er das Studium der klassischen Harmonie und des klassischen Kontrapunkt zu. Jeder Schritt muss praktisch nachvollzogen werden, kein Gesetz durfte ohne Not gebrochen werden, die neue Musik solle durch immanente Negation der alten Musik geschrieben werden. Jeder muss von vorne anfangen, jeden Schritt selbst gehen. Seine Schriften eignen sich daher sehr gut für eine Einführung in die abendländische Musik. Neben einer Harmonielehre und einer Kontrapunktlehre hat er auch einige gut geschriebene Essais hinterlassen, die gerade interessierten Laien nützlich sind. Für solche ist das Seminar gedacht, aber es dürfen gerne auch Leute kommen, die vom Fach sind. Lektüre der Texte ist nicht Bedingung des Erscheinens.

Die Anzahl der TeilnehmerInnen ist begrenzt. Wir bitten um eine Anmeldung per Email: biko[at]arranca[dot]de

Hinweis: Inzwischen ist die maximale TeilnehmerInnen-Anzahl erreicht, weshalb wir die Anmeldung schließen. Wir bitten um Verständnis.

Abschaum

Über Punk

Vortrag von Roger Behrens
Do 15.07.2021 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Punkgeschichte ist die unterirdische Geschichte des Pop, Ausdruck der Dialektik der (bürgerlichen) Kultur in ihrem Zerfall; Punkgeschichte als eine Aneinanderreihung von Vexierbildern, auf denen sich Inszenierungen der Avantgarde und des Konformismus zeigen. – Punk ist die politisch-ästhetische Konsequenz der kulturellen Logik des Spätkapitalismus, ist als »Soundtrack zum Untergang« zugleich das Spektakel eines auf Verewigung festgestellten Kapitalismus in seiner vermeintlich extremsten Form; die alte Punk-Parole »No Future« ist wahr und falsch zugleich. Punk ist Kunst und Antikunst, und wie diese interessant und banal. Punk begleitet und konterkariert die emanzipatorische Linke; die Signatur der Punkgeschichte ist die Rückkopplung von Fortschritt, Regression und Stillstand im selben Augenblick. – Der Vortrag versucht, Punk und seine Geschichte zu rekonstruieren.

Roger Behrens ist Autor und Publizist und lebt in Hamburg. Er ist u.a. Autor des Buches „Pop Kultur Industrie. Zur Philosophie der populären Musik“ (Königshausen & Neumann, 1996).

Der Vortrag wird als Hybridveranstaltung stattfinden: In der ACC Galerie können maximal 17 Personen vor Ort sein (Impfnachweis oder tagesaktueller Test vorausgesetzt). Wir bitten hierfür um eine Anmeldung über kultur@acc-weimar.de – Parallel wird die Veranstaltung per BigBlueButton gestreamt.

Music of the Living Dead

Über die Angleichung von Leben und Tod
im Brutal Death Metal

Vortrag von Patrick Viol
Do 29.07.2021 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Im Heavy Metal der 80er Jahre besingen Männer mit langen Haaren und schmierigen Lederkutten den dunklen Lord, er möge ihnen einen Pakt anbieten, um den eigenen Tod besiegen und an seiner Allmacht partizipieren zu können – und das nicht selten im Falsett. Dem Teufel Frauen zu opfern, gilt als das bestialische Äquivalent, das zu erbringen die eisernen Männer sich willfährig bereit erklären.

Im Brutal Death Metal Mitte der 90er – der wohl krassesten, substilistischen Ausformung des Heavy Metals – gibt man sich oft mit Glatzen, düsteren Mienen und dicken, tätowierten Armen zwar männlicher als je zuvor, aber eben auch säkular und profan. Töten mit Hacken, chirurgischen Instrumenten und nicht zuletzt mit dem eigenen Genital setzt sich hier als Selbstzweck. Das Unwesen, welchem man sich hier anzuverwandeln versucht, ist das Kapital selbst nach der Seite seiner technischen Zusammensetzung: die maschinellen Produktionsmittel, das tote Kapital. Seinem blinden Voranschreiten gleich zu werden, darin feiert das männliche Subjekt des Brutal Death Metal einerseits seinen Sieg über seine sterbliche Natur. Am Instrument als Naturbeherrscher und als beherrschte Natur zugleich gerät es aber in einen Widerspruch mit sich selbst und zelebriert andererseits seinen eigenen Tod.

So erklingt im Brutal Death Metal sowohl stets eine Spannung zwischen Maschinellem und Organischem als auch der Versuch, ihre Differenz zu tilgen. Dafür büßen, dass der Versuch misslingt, sich über das natürliche Leben zu erheben, muss: die Frau. Darin erweist man sich jeder Säkularisierung zum Trotz als traditionalistisch.

War der Zombie schon immer der Ausdruck dafür, dass sowohl Leben und Tod des Menschen sich nicht mehr recht unterscheiden lassen als auch für dessen blindes Weitermachen ohne Grund (denn der Zombie frisst nur um zu fressen, weil er nicht verhungern kann) so lässt sich Brutal Death Metal als die Musik von Untoten begreifen. Zur Behandlung dieser These wird sich im Vortrag vor allem auf die Analyse des musikalischen Materials bezogen. Neben einer musikgeschichtlichen Einordnung des Brutal Death Metal werden Szene-übliche Accessoires, Hörbeispiele und Videos präsentiert – und ‚live‘ Gitarre gespielt.

Patrick Viol ist u.a. Autor des Extrablatts und Autor des Artikels „Music Of The Living Dead. Die Angleichung von Leben und Tod im Brutal Death Metal“.

Der Vortrag findet als Online-Veranstaltung statt. Link zur Online-Konferenz: hier.

Ankündigungen für 2021

Derzeit ist der zehnte Teil der Weimarer Veranstaltungsreihe „Kunst, Spektakel & Revolution“ in Planung. Von April bis August 2021 wird es in der ACC Galerie Weimar um die kritische Theorie der Musik und des Hörens, um Aspekte der Neuen Musik sowie um Punk und Brutal Death Metal gehen. Neben musikphilosophischen Ausführungen werden dabei Namen wie Arnold Schönberg, Luigi Nono, Meredith Monk und Iannis Xenakis auftauchen. Genauere Informationen, Termine und Ankündigungstexte werden in Kürze an dieser Stelle veröffentlicht. ■

Momentan ist außerdem die Veröffentlichung der 8. Ausgabe der KSR-Broschur in Vorbereitung. In diesem Heft werden Texte veröffentlicht, die um einen kritischen Begriff von Öffentlichkeit und Gegenöffentlickeit kreisen. Darin wird es nicht nur um die Selbstreflexion der eigenen Praxis und ein Stück Begriffsgeschichte gehen, sondern u.a. auch um das Massenmedium Film, die Praxis der freien Radios, den Begriff des Stützpunkts und die Kritik des Aktivismus. Genauere Informationen werden bezeiten ebenfalls an dieser Stelle veröffentlicht. ■

Wir weisen außerdem darauf hin, dass nach wie vor die KSR-Ausgaben 3-7 verfügbar sind und bestellt werden können. Da wir im letzten Jahr corona-bedingt keine Release-Veranstaltunge machen konnten, läuft die Verteilung der 7. Ausgabe schleppender als bei den vorigen Ausgaben. Wir freuen uns über jedwede Weiterempfehlung und Werbung oder über Sammelbestellungen.