Michaela Ott: Revolutionsversuche in Gesellschaft und Kunst

Wir dokumentieren hier den Vortragstext von Michaela Ott, „Revolutionsversuche in Gesellschaft und Kunst: Anarchismus, Bauhaus, Dada“. Der Vortrag wurde am 07.05.2020 in der ACC Galerie Weimar gehalten (nachzuhören hier). Unter dem gleichen Titel hatte Michaela Ott bereits auf dem Symposion zum 100. Jahrestag des „deutschen Frühlings“ referiert. Wir stellen dem Vortragstext eine Liste mit Radiobeiträgen und Literaturhinweisen zum Thema voran:

Novemberrevolution

Gustav Landauer

Bauhaus

DADA

Literatur

Bernd Langer: Die Flamme der Revolution. Deutschland 1918/19, UNRAST Verlag 2018.

Richard Müller: Eine Geschichte der Novemberrevolution, Die Buchmacherei 2017.

Hans Manfred Bock: Syndikalismus und Linkskommunismus von 1918 bis 1923, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1993. (online)

Bernd Hüttner, Georg Leidenberger (Hrsg.): 100 Jahre Bauhaus: Vielfalt, Konflikt und Wirkung, METROPOL 2019.

100 Jahre Revolutionsversuche in Gesellschaft und Kunst: Anarchismus, Bauhaus, Dada

Der Publizist Theodor Wollf schreibt im Berliner Tageblatt am 10.November 1918: „Die größte aller Revolutionen hat wie ein plötzlich losbrechender Sturmwind das kaiserliche Regime (…) gestürzt. Man kann sie die größte aller Revolutionen nennen, weil niemals eine so fest gebaute, mit so soliden Mauern umgebene Bastille so in einem Anlauf genommen worden ist. Es gab noch vor einer Woche einen militärischen und zivilen Verwaltungsapparat, der so verzweigt, so ineinander verfädelt, so tief eingewurzelt war, dass er über den Wechsel der Zeiten hinaus seine Herrschaft gesichert zu haben schien (…). Gestern Nachmittag existierte nichts mehr davon“ (Berliner Tageblatt, 10.11.1918, zit v. Wolfgang Niess: die Revolution von 1918/19, Berlin/Boston, 2013, 77).

1918 sind es bekanntlich zunächst Matrosen, Rüstungsarbeiter und Soldaten, die diese erste partiell gelingende deutsche Revolution in Gang setzen, wörtlich, Befehle verweigernd, sich zusammenrottend und in eine andere Richtung marschierend als angeordnet, von verschiedenen Werften aus, in verschiedenen Städten, in unterschiedlicher Gesinnung, zunächst im Widerstand gegen die Fortsetzung des Kriegs, in zwangsläufiger Verweigerung der Befehle von Kaiser und Militärs, in noch undeutlichem Wissen darum, was da wie nicht weitergehen kann. Die Gesamtbewegung erfolgt, das lässt sich im Nachhinein gut rekonstruieren, als überraschend rasanter Affizierungsprozess: Die Revolution der Kieler Matrosen greift auf Hamburg über, wo ebenfalls Matrosen in den Streik treten und die Bewegung um sich greift. In Köln stellen sich die beiden sozialistischen Parteien, die Mehrheitssozialisten und USPD, gemeinsam an ihre Spitze. In München versammeln sich Massen zu einer Demonstration für den Frieden auf der Theresienwiese. Der Journalist und führende Sozialist Kurt Eisner fordert als erster den Rücktritt des Kaisers und die demokratische Umwälzung des Militär- und Staatsapparats, soziale Reformen und die Einsetzung von Arbeiter- und Soldatenräten nach dem russischen Modell; es gelingt ihm, die Soldaten auf seine Seite zu ziehen. In der Nacht vom 8. November 1918 ruft Eisner, noch vor Scheidemann und Liebknecht in Berlin, den Freistaat Bayern aus und erklärte König Ludwig III., das Wittelsbacher Königshaus für abgesetzt. Von der Versammlung der Arbeiter- und Soldatenräte wird er zum bayrischen Ministerpräsidenten gewählt. Die USPD erleidet jedoch bei der Landtagswahl Anfang 1919 eine schwere Niederlage und erhält nur 2,5 Prozent der Stimmen. Auf dem Weg zur konstituierenden Sitzung des Landtags, auf der er seinen Rücktritt bekannt geben möchte, wird er von Anton Graf von Arco auf Valley ermordet.

Aber zunächst kommt es am 9. November 1918 zu Massendemonstrationen in verschiedenen Städten, spontan, nicht von Berufsrevolutionären geschürt; kriegsmüde Matrosen, Soldaten und Arbeiter machen den Anfang. Die Ausrufung der neuen Staatsform Deutschlands geht bezeichnenderweise zweimal quasi gleichzeitig vor sich, was bereits die innere Gespaltenheit der Sozialisten signalisiert: die deutsche Republik wird am 9. November durch Philipp Scheidemann vom Balkon des Berliner Reichstags ausgerufen; Karl Liebknecht proklamiert am selben Tag die freie Sozialistische Republik von einem Balkon des Berliner Stadtschlosses aus. Der Reichspräsident Friedrich Ebert erblickt in Scheidemanns Tat einen großen Fehler. Er wünscht eine sozialdemokratische Regierung, die sich ohne Blutvergießen etabliert. Die MSPD in Berlin fordert denn auch auf Flugblättern „die Erhaltung des Friedens und friedliche Umwälzung zu Demokratie und Sozialismus“1. Das hat zur Folge, dass die Revolution von derselben Partei geschürt, polizeilich nicht nur niedergeknüppelt, sondern erdrosselt wird. Dazu der Publizist Sebastian Haffner: „Die deutsche Revolution war eine sozialdemokratische, die auch von den sozialdemokratischen Führern niedergeschlagen wurde, ein Vorgang, der in der Weltgeschichte kaum seinesgleichen hat“.

Die deutsche Revolution: Sie blieb ein ungeliebtes Kind der deutschen Geschichtsschreibung: der deutsche Soziologe Max Weber stellte sich gesinnungsethisch gegen die Revolution, obwohl er ihre historisch-politische Berechtigung erkannte. Er sprach sich gegen Liebknecht und Luxemburg aus. Der Historiker Friedrich Meineke kritisierte, dass der Übergang zum Volksstaat durch Reformen hätte vollzogen werden müssen und nannte die Meuterei der Matrosen ein „nationales Verbrechen“. Für den Althistoriker Eduard Meyer war der 9.11. das Symbol des politischen, geistigen und moralischen Niedergangs des deutschen Volks. Der Theologe Ernst Troeltsch und der Historiker Hans Mommsen verurteilten die Dolchstoßlegende, laut welcher die Revolutionäre den an der Front kämpfenden Soldaten in den Rücken gefallen seien und die deutsche Niederlage solchermaßen mitherbeigeführt hätten, aber auch die Revolution als „nationales Verbrechen“ (Niess, 121). Die Weimarer Republik genoß keinen Rückhalt bei den Akademikern, die Lehrstühle blieben wie in der Zeit des Wilhelminismus besetzt.

Dabei hat die Revolution, obwohl sie nur kurz Bestand haben durfte, doch Vieles auf den Weg gebracht, was unser heutiges Staatsgebilde ausmacht: eine parlamentarische Demokratie, wenn auch noch kein Wahlrecht für Frauen; ein Vorspiel dezentraler Regierungsorganisation, die nach dem zweiten Weltkrieg in Deutschland installiert werden wird; unterschiedliche Gesellschaftskonzepte, die Deutschland dann in zwei Hälften teilen werden, und neue und diversifizierte Kunstpraktiken, die bis heute Nachfolge zeitigen und auf die noch näher einzugehen sein wird.

Auch in der DDR konnte man mit der Revolution offiziell wenig anfangen, da in ihr die Partei zunächst keine Rolle spielte. Den Linkssozialisten, Gewerkschaftszellen, den Arbeiter- und Soldatenräten stand die Geschichtswissenschaft der DDR aufgrund des Anarchismusverdachts misstrauisch gegenüber. Mithin wurde sie weder von der bürgerlich-konservativen noch von der marxistischen Politfraktion in ihren Verdiensten gewürdigt bzw. ihren Fehlentscheidungen analysiert.

Denn eines ist zweifelsfrei: Hätte Reichspräsident Ebert die sozialistische Massenbewegung zur grundsätzlichen Erneuerung der Gesellschaft genutzt, anstatt sie zu fürchten und zu spalten, und den preußisch-militaristischen Geist definitiv verabschiedet, wäre die Republik später nicht den Nationalsozialisten in die Hände gefallen. Hitler hatte bekanntlich sein Erweckungserlebnis in der Münchner Räterepublik; in Mein Kampf spricht er von den Novemberverbrechern, womit er sich der Dolchstoßlegende anschließt. General Erich Ludendorf, später beteiligt am Hitler-Putsch, machte „das Gift spartakistisch-sozialistischer Umtriebe“ für den defätistischen Zustand der Truppe verantwortlich. Er deutete die Geschichte um – und bereitete als NSDAP-Mitglied dem Nationalsozialismus den Weg. Hitlers Hass auf alles Bolschewistische, Marxistische und Jüdische speiste sich aus der Münchner Räterepublik; sein versuchter Staatsstreich in München 1923 war eine Reaktion darauf.

Auch in Hamburg gab es eine signifikante Episode der Ablehnung der Revolution: Als die meuternden Matrosen das Kontor des damaligen Managers der Hapag, Albert Ballins, des Chefs der größten Reederei der Welt besetzten, bei dem der deutsche Kaiser aus- und einging und der zwischendurch als Reichskanzler gehandelt wurde, vergiftete sich dieser mit Schlaftabletten und Quecksilberchlorid. Er starb am 9. November 1918 in einer Hamburger Klinik, zu eben der Mittagsstunde, in der Philipp Scheidemann die deutsche Republik ausrief.

Das anarchistische Revolutionsmodell Gustav Landauers

Die Akteure der Novemberrevolution, das wird häufig vergessen, waren trotz ihrer Inspiration durch das russische Vorbild hinsichtlich der Umsetzung des Rätemodells uneins. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die sich von der MSPD aufgrund ihrer Nichtzustimmung zu den Kriegskrediten als Spartakusbund und linker Flügel der USPD abspalteten und Ende 1918 die kommunistische Partei gründeten, sind die berühmten Protagonisten, die andere Bewegungen ins Vergessen geraten ließen. Luxemburg verfolgte das zentralistische Modell Lenins mit Führungsanspruch der Partei und der Waffe des Generalstreiks; sie setzte auf den Internationalismus der Arbeiterbewegung. Interessanterweise proklamierte sie keine ‚politische‘ Revolution, da sie darin eine unzulängliche Forderung erblickte, sondern eine ‚ökonomische‘ Revolution: Den Kampf der Massen gegen die Kapitalisten, jedes Proletariers gegen seinen Unternehmer. Der bürgerliche Staat sollte von unten ausgehöhlt werden, die Machteroberung nicht eine einmalige, sondern eine fortschreitende sein; der ökonomische Kampf sollte von den Arbeiterräten angeführt werden, die längerfristig die Gewalt an sich reißen würden. Die Masse müsse lernen, so Luxemburg, Macht an sich zu reißen. Wie ersichtlich dachte sie wie Sergej Eisenstein in Bildern sich kollektivierender Proletariermassen, die zur Staatsmaschinerie zusammenwachsen und ein organisches Gebilde abgeben würden, das durch die Mittel des Generalstreiks und der internationalen Solidarität Macht ausüben und egalitäre Verhältnisse schaffen würde.

Angesichts dieses weltumspannenden Modells wurde das zeitgleiche, auf Dezentralität und Lokalität setzende, anarchistische und gemeindeorienterte Vergesellschaftungsmodell vergessen, jenes, das gewisse Protagonisten der bayrischen Räterepublik, Gustav Landauer und mit ihm Franz Mehring vertraten. Der Schriftsteller und Sozialphilosoph Landauer kommentierte die Ausrufung der deutschen Republik in Berlin mit den Worten: „ich bin doch sehr unzufrieden mit Berlin. Mit Eurer verfluchten Kontinuität. Wo ist der Umschwung, der Wandel?“ (zit. ?, 245). Als Schriftsteller und Philosoph, als Anarchist kropotkinscher Inspiration und als Pazifist verfasste er bereits 1907 eine Schrift mit dem Titel „Revolution“, in der er eine Geschichte historischer Revolutionen zeichnet, vor allem aber sein Verständnis von Revolution, von tiefgreifendem Wandel auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens formuliert: „Die Revolution bezieht sich auf das gesamte Mitleben der Menschen. Also nicht bloß auf den Staat, die Ständeordnung, die Religionsinstitutionen, das Wirtschaftsleben, die geistigen Strömungen und Gebilde, die Kunst, die Bildung und Ausbildung, sondern auf ein Gemenge aus all diesen Erscheinungsformen des Mitlebens zusammengenommen, das sich in einem bestimmten Zeitraum relativ im Zustand einer gewissen autoritativen Stabilität befindet“2. Auf dem Internationalen Sozialistischen Arbeiterkongress der II. Internationale in Zürich trat Landauer im August 1893 als Delegierter der Berliner Anarchisten für einen „anarchistischen Sozialismus“ ein, woraufhin die Anarchisten von der II. Internationale ausgeschlossen wurden. In Berlin gab er eine Zeitschrift unter dem Titel Der Sozialist, Organ für Anarchismus-Sozialismus zwischen 1895 und 1899 und noch einmal zwischen 1909 bis 1915 unter dem Titel Der Sozialist heraus, die zum Organ des 1908 von Landauer gegründeten Sozialistischen Bundes wurde. Er veröffentlichte in ihr 115 Artikel zu Kunst, Literatur und Philosophie und zu Fragen der Tagespolitik, aber auch eigene Übersetzungen von Texten des französisch-anarchistischen Theoretikers Pierre-Joseph Proudhon.

In der Schrift „Vom Weg des Sozialismus“ von 1909 wendet sich Landauer gegen die Alternative von Kommunismus versus Individualismus, davon ausgehend, dass wir zwar alle auf dem Boden des Kapitalismus stehen und die Alternative dazu nicht ein dirigistischer kommunistischer Umsturz, sondern die Vereinigung von Freiwilligen in sozialistischen Dörfern und Gehöften in gleichzeitiger Zusammenführung von Land- und Industriearbeit ist. Sein „sozialer Anarchismus“, der Anarchismus durchaus in zeitgenössischem Wortsinn als ontologische Anfangs- und Ursprungslosigkeit denkt, zielt auf alternative und dezentrale Vergesellschaftungsformen, ohne übergeordnete Verwaltungs- und Herrschaftsstruktur. Das ethische Ziel derartiger Unterfangen ist für ihn „die Emanzipation von staatlicher, kirchlicher oder sonstiger gesellschaftlicher Bevormundung und die Suche nach einer Möglichkeit zur Entfaltung des Einzelnen in dem seiner Meinung nach allein sinngebenden Zusammenhang der Gemeinschaft“. Er setzt seine Hoffnung auf eine kommende Revolution und glaubt daran, dass „es unser Weg ist, der (den Geist der Revolution) zum Entstehen bringt. (…) Unser Weg geht dahin: dass solche Menschen, die zur Einsicht und zur inneren Unmöglichkeit, so weiter zu leben, gekommen sind, sich in Bündnissen zusammen schließen und ihre Arbeit in den Dienst ihres Verbrauchs stellen. (…) Wir haben gesehen, dass die Revolution ihr Ziel niemals erreicht; dass sie vielmehr um der Auffrischung der Kräfte, um des Geistes willen, Selbstzweck ist“ (115-117).

Landauer wurde 1918 vom Ministerpräsidenten Kurt Eisner in das bayrische Parlament gerufen, in dem zunächst Sozialisten und Pazifisten wie die Schriftsteller Ernst Toller und Erich Mühsam den Ton angaben. Eisner wollte keinen Krieg der Sozialisten gegeneinander, sondern die Alliierten von einer Politik der Milde überzeugen, indem er versicherte, dass die Bayern alle und alles beseitigt hätten, was mitschuldig am Ersten Weltkrieg war. Sein Bekenntnis zur Mitschuld am Krieg ließ ihn bei manchen als Landesverräter erscheinen. Als er im Februar 1919 ermordet wurde, setzte ein bayerischer Bürgerkrieg ein. Im Plenarsaal der bayerischen Landtags wurde der MSPD-Vorsitzende Erhard Auer angeschossen, andere wurden getötet, die Beisetzung von Eisner am 26. Februar 1919 wurde zur Großdemonstration. Gustav Landauer sagte über ihn: „Kurt Eisner war ein Prophet, der unbarmherzig mit den kleinmütigen erbärmlichen Menschen gerungen hat, weil er die Menschen liebte und an sie glaubte“ (zit. ebd., 439). Der Schriftsteller Kurt Tucholsky fasste die Stimmung in einem Gedicht zusammen: „Wühl unsere Seelen um, pflüg‘ um die Herzen: Eisner. Da war ein Mann, der noch an Ideale glaubte/ und tatkräftig war./ In Deutschland ist das tödlich. Denn wir haben/entweder rohe Kraft, die wir missbrauchen,/die Gattung nennt man Patrioten – oder aber/wir haben feine Sinne und ein zart Gewissen/und richten gar nichts aus. Der aber, tatenfroh beflügelt,/ hieb fest dazwischen – und daneben, freilich!/jedoch er hieb, dass faule Späne flogen./Welch eine Wohltat war das, zu erleben,/dass einer überhaupt den Degen zog,/ein tapferer war und doch kein General“ (zit. ebd., 439).

Der Schriftsteller Ernst Toller setzte sich für das Räterepublikmodell als Versammlung des „schaffenden Volkes, Bauern, Arbeiter, Handwerker, Kleinbeamte“ ein. Nachdem er das Jahr 1918 ob seines Pazifismus weitgehend im Militärgefängnis zugebracht hatte, wurde er in der Räterepublik aktiv, suchte leerstehende Wohnungen für Arme zu acquirieren und die Kapitalflucht zu unterbinden; aber schon am 10.4.1919 unterbrach die Reichsbank alle Geldflüsse nach München. Ebenso wie Berlin wurde München vom Militär eingenommen, das ein Blutbad entfesselte; der Krieg gegen die Bevölkerung, wozu Bombardierungen aus der Luft gehörten, forderte eine horrende Zahl Toter. Toller wurde erneut verhaftet und saß bis 1924 im Gefängnis, wo er Theaterstücke wie Hinkemann, das Drama eines Kriegsheimkehrers, schrieb. Er ging 1933 ins Exil und nahm sich 1939 in New York das Leben.

In einer Auseinandersetzung mit Erich Mühsam, einem sich ebenfalls anarchistisch verstehenden Schriftsteller, sprach sich Landauer gegen dessen Verständnis des Anarchismus als „Autonomie des Einzelnen“3 aus: „Einzelne? Autonomie? Gibt es denn so etwas überhaupt? Soll nun wirklich mit dem fortwährend wiederholten Ausdreschen leeren, vertrockneten Strohs – etwas erreicht werden?“4 Aber auch gegen die in der Räterepublik dominanten kommunistischen Vorstellungen wandte er ein, dass die Konzentration auf Fragen von Kapital und Arbeit anstelle von Boden, Kultur und Geist zu kurz greife, denn es brauche Umkehr und Neubeginn auch als „Wiederanschluss an die Natur, Wiedererfüllung mit Geist, Wiedergewinnung der Beziehung“5. Bereits in seiner früheren Schrift „Aufruf zum Sozialismus“ trat er dem staatspolitischen Marxismus entgegen, mit dem Credo: die Welt wird nicht besser durch die Diktatur des Proletariats und den Führungsanspruch einer Partei, nur durch den humanen Umgang der Menschen miteinander. Das Umgestaltungsexperiment dauerte für Landauer nur ein halbes Jahr, denn wenige Tage nach der Machtübernahme der Räteregierung am 7. April durch Funktionäre der KPD um Eugen Leviné und Max Levien erklärte er am 16. April 1919 seinen Rücktritt.

Landauer, der sich nicht nur für philosophische Schriften vom Meister Eckhardt bis Bakunin und Kropotkin begeisterte, sondern auch Übersetzungen u.a. von Shakespeare anfertigte, erwartete viel von der symbolischen Umgestaltungskraft der Kunst. Kennzeichen einer Zeit gesellschaftlicher Blüte sei eine nicht-individualistische, sondern gesellschaftsbezogene Form von Kunst. Nur eine Kunst, die nicht vom Gesellschaftskörper abgetrennt und nicht Ausdruck vereinzelter und vereinsamter genialer Naturen ist, könne bedeutsam werden; für seine Gegenwart beklagte er eine Schwäche und Bedeutungslosigkeit der Kunst, da sie bloße „Sehnsucht reicher Individuen aus der Zeit heraus“ (44) sei. Was für Hegel den Höhepunkt der Individualisierung des Geistes in der Kunst darstellte, nämlich die Musik, charakterisierte Landauer als „melancholischste und klagendste aller Künste, Symbol des unterdrückten Volkslebens, des Verfalls der Gemeinschaft, der Vereinsamung der Größe“ (44). Als philosophisches Credo und Basis seiner Hoffnung auf Revolution setzte er – ganz in meinem individuumskritischen Verständnis – dagegen: „Isolierte Individuen hat es nie gegeben; die Gesellschaft ist älter als der Mensch. Den Zeiten der Auflösung, des Verfalls und des Übergangs blieb es vorbehalten, so etwas wie isolierte und atomisierte Menscheneinzelne zu schaffen: Ausgestoßene, die nicht wissen, wohin sie gehören“ (48). Gegen Ende der Schrift formulierte er eine Klage, die als gesellschaftliche Diagnose auch auf unsere Gegenwart gemünzt sein könnte: „Es ist dieser unserer Übergangszeit, also 1907, eigen, dass sie mit nichts wirklich fertig wird, dass immer alles geistig Tote leiblich wieder aufersteht, und dass dieselben Kämpfe immer wieder geführt werden müssen. (…) es ist dieser Zeit nicht möglich, etwas ein für allemal umzubringen oder festzustellen. (…) Einigkeit und Einverständnis herrscht (nur) in Zeiten der Revolution; da bemächtigt sich der Menschen eine grenzenlose Verwunderung über das Durcheinander, über die Koexistenz des Heterogenen in der unmittelbar vorhergehenden Zeit“ (99). Selbst äußerst suggestibel, formulierte er als Aufgabe kommender Revolutionen, „den Menschen ein Bad des Geistes“ (108) zu sein: „In dem Feuer, der Hingerissenheit, der Brüderlichkeit dieser aggressiven Bewegungen erwacht immer wieder das Bild und das Gefühl der positiven Einung“ (108). Und in Nähe zu Friedrich Nietzsche suchte er zu prophezeien: „es ist ein Geist der Freude, der in der Revolution über die Menschen kommt. Dieser Freudegeist pflanzt sich von der Revolution her selbst in die grauen Zwischenzeiten hinein fort; (…) Wir Deutsche, obwohl wir schon lange kein recht freudiges Volk mehr sind, (…) haben wunderschöne Worte für diese Heiterkeit: ausgelassen, aufgeräumt, unbändig. Was da zum Ausdruck kommt, ist zusammengepresst Gewesenes, das sich hinauslässt und aufschäumt. (…) wesentlich vor allem ist, dass die Menschen sich ihrer Einsamkeit ledig fühlen, dass sie ihre Zusammengehörigkeit, ihr Bündnis, geradezu ihre Massenhaftigkeit erleben“ (111). Wie wir wissen, dauerten diese Freudezustände nur kurze Zeit an. Auch 1989 anlässlich des Falls der Mauer gab es Momente revolutionärer Euphorie, der sich leider alsbald in einen Ausdruck der Klage umformten, was uns an Landauers Aussage erinnern sollte, dass dieselben Kämpfe immer wieder ausgetragen werden müssen.

Mühsam charakterisierte Landauer posthum, nachdem er von Freikorps-Soldaten im Münchner Gefängnis Stadelheim ermordet worden war: „Landauer war Revolutionär: nichts anderes, nichts außerdem. Revolutionär aber heißt Umstürzler, Zerstörer und Neuschaffer. Aus seiner revolutionären Natur erklärt sich alles, was er dachte, wollte und schuf. Sie war ihm Antrieb und Mittel seines Werks, nur sie. Sie stellte den Gott in seinem Herzen auf, nur sie. Sie leitete sein Tun und sein Schicksal, nur sie. Freilich war sein revolutionäres Wirken nicht begrenzt im Kampf gegen staatliche Satzungen und gesellschaftliche Systeme. Es erstreckte sich auf alle Kategorien des Lebens, machte nicht Halt vor wissenschaftlichen Methoden, vor künstlerischen Konventionen und moralischen Doktrinen. Sein profundes Wissen erlaubte ihm, mit der Kritik seines revolutionären Geistes in viele Gebiete des menschlichen Denkens hinabzusteigen und sie als Wüsten der Gedankenlosigkeit und verwilderter Überkommenheiten zu entschleiern (…). Ein Neuerer, der als Voraussetzung aller kulturellen Umwälzung die soziale erstrebte. Ihr, der sozialen Revolution, hatte er sich verschworen von Jugend an, und sein Walten als Neuerer in den Bezirken der Sittlichkeit und der Kultur klomm aus dem Willen, den Geist vorzubereiten für die Tat, im Volk Niveau zu schaffen für die Empfängnis des selbst erkämpften Sieges“ (Mühsam6, 205).

Es fanden sich auch einzelne Frauen in der Münchner Räterepublik wie die Sozialistin Hilde Kramer, die nach Zerschlagung der deutschen Revolution in die Sowjetunion ging und nach ein paar Jahren zurückkehrte. Der Berliner Revolutionsführer Leviné hielt allerdings nichts von solchen „Schulmädchen“ (zit. ebd., 366); Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann gründeten 1902 den Verband für das Frauenstimmrecht und schlossen sich mit der Pazifistin Helene Stöcker der Münchner Räterepublik an. Toni Sender, Revolutionärin, vertrat die USPD im Berliner Reichstag ab 1919; 1932 plädierte sie für einen Generalstreik zur Rettung der Demokratie. 1933 war sie auf dem Hetzblatt Judenspiegel abgebildet, wo offen zu ihrer Ermordung aufgerufen wurde, was sie zur Flucht in die USA bewegte. Dort arbeitete sie später für die UN-Menschenrechtskommission.

Revolutionsversuche in Bauhaus und Dada

Aber auch kunstpraktisch ausgerichtete Umstrukturierungen lassen sich den genannten anarchistisch-revolutionären Inspirationen zuordnen: so unter anderem die bereits im Ersten Weltkrieg formulierten Ideen zu einem neuen Kunsthochschultyp von Walter Gropius. Dieser entwickelte bereits 1916 im Feld eine Denkschrift zur Gründung einer neuen Lehranstalt für Industrie, Gewerbe und Handwerk. Als Henry van der Velde an Gropius als Nachfolger der von ihm 1907 gegründeten Kunstgewerbeschule in Weimar dachte, schlug dieser umgehend vor: die Schule solle als eine Form der „Arbeitsgemeinschaft wiedererstehen, wie sie vorbildlich die mittelalterlichen Hütten besaßen, in denen sich zahlreiche artverwandte Werkkünstler (…) zusammenfanden und aus einem gleichartigen Geist heraus den ihnen zufallenden gemeinsamen Aufgaben ihr selbständiges Teilwerk bescheiden einzufügen verstanden aus Ehrfurcht vor der Einheit einer gemeinsamen Idee. (…) Mit der Wiederbelebung jener erprobten Arbeitsweise (…), muss das Ausdrucksbild unserer modernen Lebensäußerungen an Einheitlichkeit gewinnen, um sich schließlich (…) zu einem neuen Stile zu verdichten“7. Diese Ideen sind jenen von Gustav Landauer verwandt.

Im Jahr 1919 wurde in Gropius‘ Ausführungen die geteilte revolutionäre Hoffnung auf neue Gemeinschaftsformen noch hörbarer: „Kapitalismus und Machtpolitik haben unser Geschlecht träge gemacht im Schöpferischen, und ein breites bürgerliches Philistertum erstickt die lebendige Kunst. (…) Neue, geistig noch nicht erschlossene Schichten des Volkes drängen aus der Tiefe empor. (…) Eine große allumfassende Kunst setzt die geistige Einheit ihrer Zeit voraus, sie braucht die innigste Verbindung mit ihrer Umwelt, mit dem lebendigen Menschen. (…) Dann wird das Volk wieder mitbauen an den großen Kunstwerken seiner Zeit. (…) Ars una, species mille (es gibt nur eine Kunst, aber tausend Arten). Der berufene Dirigent des Orchesters war von Alters her der Architekt. (…) Sein hohes Amt muss im Volksstaat wieder öffentliche Geltung finden, er muss sie sich erzwingen durch jene hohe Menschlichkeit, die über dem Wirken des Tages steht (…) und so in neuen Lebens- und Arbeitsgemeinschaften aller Künstler untereinander den Freiheitsdom der Zukunft vorbereiten, nicht behindert, sondern getragen von der Gesamtheit des Volkes“ (65). Gropius lieferte auch Antworten auf eine Umfrage des Arbeitsrates für Kunst 1919, wobei trotz aller Einheits- und Egalitätsemphase nun ein stärker dirigistischer Ton vernehmbar wird: „Entschlossene Durchführung der Volks-Einheits-Schulen (…) die Sammlung alles künstlerischen Schaffens zur Einheit (…) das letzte, wenn auch ferne Ziel ist das Einheitskunstwerk. (…) Zunftmäßige Meister- und Gesellenproben vor dem Meisterrat des Bauhauses. Der Künstler ist eine Steigerung des Handwerkers. (…) Bilden wir also eine neue Zunft der Handwerker ohne die klassentrennende Anmaßung“ (67-72). 1920 sprach er allerdings davon, dass der Bolschewismus wohl der einzige Weg sei, in absehbarer Zukunft die Voraussetzungen für eine kommende Kultur zu schaffen (77). In diesem Sinn gelte es, die bis dato bloß „äußere Revolution“ zu einer „inneren“ umzugestalten, „auf die es allein ankommt“ (77): „Der Künstler wird wieder Handwerker, der Handwerker wieder Künstler werden. (…) Und diese zu gleicher Idee und gleichem Werk vereinten Menschen werden aus neuem Geist heraus siedeln und Hütten bauen als erste notwendigste Aufgabe eines neuen Aufbaues“ (78). In Nähe dazu war auch für Carl Einstein, den deutsch-französischen Kunsttheoretiker der berühmten Schrift „Die Negerplastik“ von 1915, der ästhetische Umbruch an politische Forderungen geknüpft. Und wie Gropius forderte er in der Zeitschrift „Die Pleite“ 1919 die Diktatur des Proletariats, eine „kommunistische Gemeinschaft“, in der eine unentfremdete Kunst kollektiver Urheberschaft sich dem in kapitalistische Produktions- und Rezeptions-ZusammenhÄnge verstrickten Kunstschaffen entgegenstellen sollte.

Finanziell und politisch von der Thüringer Regierung unter Druck gesetzt, beschloss der Meisterrat des Bauhauses 1925 den Umzug nach Dessau, wo eine sozialdemokratisch orientierte Mehrheit herrschte. Die Nutzung des Namens Bauhaus am neuen Standort erstritt sich Gropius vor Gericht; wer nach 1925 in Weimar künstlerisch arbeitete, durfte sich nicht mehr auf diese Institution berufen.

Wie keine andere künstlerische Vereinigung begehrten gegen Krieg und verkrustete Gesellschaftsstrukturen bekanntlich die Dadaisten auf, die bereits während des Ersten Weltkriegs mit lauten und grellen Gesten symbolisch gegen ihn zu Felde zogen, freilich zunächst vom sicheren Schweizer Refugium aus. Das Krachmachen im Züricher Cabaret Voltaire, Lautgedichte und Bruitismus waren ein Widerhall der Kriegstraumatisierung und bedienten sich kurioserweise afrikanischer Ausdrucksformen; unter lautem Trommelschlagen wurden etwa pseudo-afrikanische Beschwörungsrituale zelebriert, um die europäische Zivilisation, die ja eh nur zum gegenseitigen Umbringen tauge, zu verhöhnen. „Ob die Dadaisten afrikanisches Tamtam oder eine amerikanische Jazzband nachahmten, sie schlugen ihre Trommeln, ließen ihre Glocken erklingen und brüllten mit aller Kraft gegen den Ersten Weltkrieg und die zivilisierte Mentalität an“ (47)8. Freilich war Dada in Berlin, dem politischen Zentrum einer Kriegsnation, dann zwangsläufig anders gestimmt als in der politisch neutralen Schweiz. Raoul Hausmann verfasste sein erstes Manifest bereits im April 1918 als „Bankrott-Erklärung aller heiligsten Werte der Bürger“. Als einige Monate später der Aufstand der Matrosen und Soldaten den Waffenstillstand vom 11. November 1918 erzwang und Spartakus auf der Straße war, „erregte sich DADA“9: „Dada atmete in Berlin den Straßenkampf. (…) Hier (…) erfolgte ein dadaistischer Frontalangriff gegen die Weimarsche Lebensauffassung. Politisch äzte Dada Berlin gegen die nach dem Ersten Weltkrieg unverändert bigotte Moral (…) sowie den noch immer vitalen Nationalismus und Militarismus“ (152)10. Raoul Hausmann zur Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg; „Das Proletariat war wie gelähmt und erwachte nicht aus seiner Betäubung. Also musste man die DADA-Aktion verstärken: gegen eine Welt, die nicht einmal mannhaft gegen unverzeihliche Greuel reagierte“ (16). „In diesem tollen Klima, in dieser stumpfen Zerstörung kann man kein braver Typ von konventionellem Künstler sein. Also, en avant DADA! (…) Nehmen wir die Unannehmlichkeiten einer freien, unabhängigen Geste auf uns! (…) Aktion, Aktion, vorbei die Zeit der Dichtung auf geschwärztem Papier, diese individuelle Eitelkeit. Und die Kunst in alledem? Achtung, auch wir sind aktiv. (…) Verpflichtet einem großen Kampf, einem ungeheuren Aufruhr, befreie ich mich von allen Rückständen, ich entgifte mich, aber selbst auf diese Entgifung, auf diese Freiheit, spucke ich! (…) Der Ober-Dada und ich tragen die Literatur und die Poesie auf die Straße (…). Das Wort ist ein Signal in der Straße. (16…) Ich habe es auf Mauern ohne Mauern angeschlagen, Plakat-Gedichte aus Drucker-Buchstaben, die die neue Nacktheit ausriefen“ (18). Er berichtet, dass der Ober-DADA Baader, Performer avant la lettre, Streiche mache, die gut in die Linie der Spaßrevolte passten: „So begab er sich alleine in die National-Versammlung Weimar, wo der die Sitzung unterbrach und die Ablösung der Regierung durch die Gruppe DADA forderte. (…) Das gab einen unerhörten Skandal, den die gesamte deutsche Presse veröffentlichte“ (19). Als Hausmanns Plakat-Gedichte 1919 als „Kunst-Bolschewismus“ beschimpft wurden, sah man „bei DADA nur noch rot“ (20). Dass die ästhetische Revolte in einen politischen Befreiungsschlag mündete, wurde von den Dadaisten ausdrücklich gewünscht.

Und weiter polemisierte Hausmann anarchistisch in einem „Manifest der Natur“11 gegen deutschen Geist und Militarismus, ich zitiere auszugsweise: „Einmal, der Sonnenuntergang war prächtig anzusehen (…) – da war die Revolution – es roch rot nach Blut, später aber nach Paragraphen, solang auch die Zöpfe sein mochten. (…) Meine Schuhe sind aus braunem Rindsleder, meine Herren, sie reichen mir bis ans Knie, sie waren bei Gott sehr teuer – aber sie schützen mich nicht vor der deutschen Natur, die im Individuum gipfelt. Dada ist eine Zuckerrübe, es ist ein Spatz, aber es ist nichts in diesem Deutschland, in dem es nur ‚eine‘ Natur gibt, eine dicke Natur, eine Bertha-Natur – die bürgerliche Gesellschaft. Keine Klassenkämpfe, kein Kommunismus, nichts-, nur eine reine, unerhört starke Bürgernatur. Heil dir Blechdose, die du einen Bismarckhering enthielst, einst wird in dir Kaiserwilhelmsalat blühen, die Einwohnerwehr wird auf dich losmarschieren. (…) die Natur, verstehen sie, (..) machen den Dadaismus in Berlin unmöglich, unmöglich! Gegen Natur kämpfen Götter selbst vergeblich. Mais vive Dada! Es spottet der geistigen Profitrate“ (64).

(Er persiflierte Hindenburg und das Militär in dem Text „Warum Hindenburg nen Vollbart trägt“, indem er ihn einen „siegreichen Feldherrn, unseres Kaisers selig Paladin“ (69) nannte, der ausrastet und das Lokal fluchtartig verlässt, als ihm der Kellner französischen Cognac anbieten will. Hausmann schloss sarkastisch: „Es ist wirklich an der Zeit, dass wir in Deutschland wieder die Monarchie und damit Respekt und Ordnung bekommen – warum hat sich sonst Hindenburg für unser herrliches Vaterland geopfert? (…) Rin in den frisch-fröhlichen Vergeltungskrieg. So denken Hindenburg und Ludendorff, sie werden uns unsern herrlichen Kaiser wieder bringen. Und so wie Wilhelm II. heroisch aufopfernd nach Holland ging, um sich seinem Volke zu erhalten, so opferten sich auch Hindenburg und Ludendorf“ (70))

Und in der Tat, eigentlich nicht zu glauben, gingen die sozialistische Regierung Ebert und ihr Innenminister Noske mit Freikorpstruppen gegen die Aufständischen vor. Am 15.1.2019 wurden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg von einer Wilmersdorfer Bürgerwehr an das Garde-Kavallerie-Schützen-Division, eine Noske-Truppe, ausgeliefert; Liebknecht wurde im Berliner Tiergarten erschossen, Luxemburg vor einem Hotel in der Nähe des Bahnhofs Zoo und in den Landwehrkanal geworfen. Eisner wurde im Februar Opfer eines Attentats, Mühsam und Toller und zahllose andere wanderten ins Gefängnis. Clara Zetkin schrieb: „Alles aus! Lebe ich überhaupt noch und kann ich nach diesem furchtbarsten noch leben? Ich möchte Blut weinen, einen Schrei ausstoßen, der die ganze Welt erschüttern, umstürzen müsste, mir den Schädel an der Wand zerschmettern um nicht zu denken…“ (zit. ebd., 415). Walter Rathenau notierte im Rückblick: „Wir haben keine Revolution gemacht. Einen Heeresstreik, eine militärische Sabotage, eine parlamentarische Palastrevolte haben wir erlebt, und diese Dinge haben teilweise revolutionäre Wirkung gehabt. Das Volk blieb politisch unbeteiligt und die alten Männer herrschen in neuer Zusammensetzung“ (zit, Niess, 105). Und schließlich Tuchsolsky: „Wir haben keine Revolution gehabt, aber wir haben eine Gegenrevolution“ (Gesammelte Werke, Bd. 2, 1919/20, 87). Für die USPD blieb das Ganze eine bloße Revolte, eine „politisch angemalte Meuterei“.

Revolution und Gegenrevolution, die immer wieder ineinander greifen: Es bleibt der Satz von Gustav Landauer, dass die Revolution ihr Ziel nie definitiv erreicht, aber im Sinne der Auffrischung der Kräfte des Geistes und der Affekte und der allseitigen Umgestaltung der Gesellschaft unabdingbar ist. Bedeutsam bleibt das anarchistische Streben nach Herrschaftsreduktion und kommunaler Selbstverwaltung, nach Überführung individualistischer Bestrebungen in dividuelle Initiativen für eine neue Teilhabegesellschaft. Im Begriff der Dividuation, die durch Eliminierung des ‚In‘ des Individuums und der Individuation deren Negation der Teilung und Teilhabe ihrerseits negiert, wird das zu bedenkende prozessuale Ineinander von Einzel- und Weltexistenz, von personalen, bio- und soziotechnologischen und kulturellen Gegebenheiten zum Ausdruck gebracht. Dividuation will die vielfältigen Zuteilungen und Mitteilungen personaler Fähigkeiten ebenso akzentuieren wie die anderer vermeintlich geschlossener Größen, der Gesellschaft oder Kultur. Unsere vieldirektionalen Einlassungen in umfassendere Zusammenhänge, die uns lebendig machen, gemahnen uns aber auch zu Abstandnahmen und Widerständigkeit.

Die Potentialität der neue Teilhabegesellschaft wird abhängen von der Varietät der Beiträge situierten Wissens, von konkreten Kritiken und grenzüberschreitenden, möglicherweise ‚widernatürlichen‘ (Deleuze/Guattari) Bündnissen, auch Kondividuationen genannt. Diese hätten immer umfassendere Perspektiven zu entfalten und bis dato Ausgeschlossenes zu berücksichtigen: menschliche und nicht-menschliche Akteure, andere kulturelle Praktiken und ungewohnte Sichtweisen und deren symbolische Artikulationen und Vorwegnahmen im Bereich der Kunst. Sie hätten auf Arten des Zuhörens, Gewährens und Pflegens zu achten, aber auch auf Distanznahme von Vereinnahmungen etwa im digitalen Bereich.

  1. Zit. In:Joachim Käppner, 1918 – Aufstns für die Freiheit. Die Revolution der Besonnenen, München: Pipier, 2017, 173. [zurück]
  2. Gustav Landauer, Revolution, Berlin: Karin Kramer Verlag, 1974, 12. [zurück]
  3. Erich Mühsam, „Prinzipienerklärung“, in: Der freie Arbeiter, Jg. 4, Nr. 18 , 4.5.17, S. 1-2. [zurück]
  4. Christoph Knüppel (Hg.), Sei tapfer und wachse dich aus. Guastav Landauer im Dialog mit Erich Mühsam, Erich-Mühsam-Gesellschaft, Lübck, 2004, S. 69. [zurück]
  5. Zit. Ebd., Erich Mühsam, „Der revolutionäre Mensch Gustav Landauer, gestorben 2. Mai 1919“, 222-229. [zurück]
  6. „Gustav Landauer. Gedenkblatt zu seinem 50. Geburtstag: 7 April 1920, S. 204-208. [zurück]
  7. Hartmut Probst, Christian Schädlich, Walter Gropius, Sämtliche Schriften, Bd. 3, Berlin: Verlag für Architektur, 1988, 62. [zurück]
  8. Dada afrika. Dialog mit dem Fremden, hg. v. Ralf Burmeister et al., Museum Rietberg, Zürich: Scheidegger und Spiess, 2016. [zurück]
  9. Raoul Hausmann, Am Anfang war dada, Gießen: Anabas, 1972, S. 15. [zurück]
  10. Dada afrik. Dialog… [zurück]
  11. Adrian Sudhalter et al., Dadaglobe reconstructed, Zürich: Scheidegger und Spieß, 2016, 64. [zurück]