Wolfgang Seidel: Die langen 60er

Beat und Gammler, Konsum und Verweigerung — Jugend in Westdeutschland

Wir veröffentlichen hier eine verschriftlichte Version des Vortrags, den Wolfgang Seidel am 05.04.2018 in Weimar gehalten hat. Der Audiomitschnitt des Vortrags kann hier nachgehört werden.

Kaum ist das Luther-Jahr vorbei, wird dieses Jahr 1968 als nächste historische Wegmarke gefeiert. Dabei kommt 68 oder »die 68er« untrennbar verbunden mit den Begriffen Studentenbewegung oder Studentenrevolte daher. Diese Studenten sollen, so der Tenor des Jubiläumsjahres, zwar nicht ihre sozialistischen Träume verwirklicht haben – aber sie hätten eine Kulturrevolution vollbracht, die gescheiterte bürgerliche Revolution von 1848 vollendet, das Land demokratisiert und entnazifiert. Kurz: sie das moderne Deutschland geschaffen, das mit moralischem Überlegenheitsanspruch in der Welt auftreten darf.

Dazu eine Binsenweisheit: Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Aus den Studenten von damals sind die Professoren, Journalisten, Autoren von heute geworden, die die Geschichtsschreibung bestimmen. Tatsächlich war die Zahl der Studenten gering. In den 1960ern machten nicht einmal 10% eines Jahrgangs Abitur und entstammten meist dem Bürgertum. Davon waren nur wenige Teil des linken Spektrums, das heute als »die 68er« erscheint. Im Medien-Zeitalter hängt die Diskurshoheit ganz wesentlich davon ab, wer die einprägsamsten Bilder produziert. Im Jubiläumsjahr werden wir durch alle Medien hindurch eine Wiederholungsschleife erleben mit Bildern von untergehakt unter roten Fahnen voranstürmenden Demonstranten, der von einem Polizisten erschossene Benno Ohnesorg und Uschi Obermaier mit dem Joint in der Hand. Bei dieser doppelt gefilterten Geschichtsschreibung fällt sehr viel unter den Tisch wie die Rolle junger Arbeiter und Lehrlinge oder die Rolle der Frauen, von der meist nur der Minirock geblieben ist.

Die bundesrepublikanische Gesellschaft hatte sich zwar vom Anfang der 60er zum Anfang der 70er erheblich und sichtbar verändert, aber es waren Veränderungen, die womöglich auch ohne Mitwirkung der sogenannten Studentenbewegung eingetreten wären als Folge der Weiterentwicklung der Produktivkräfte und den daraus folgenden Veränderungen der Arbeitswelt. Studenten machten damals ein relativ schmales Segment der Gesellschaft aus. Politische Wirkungskraft konnten sie nur entfalten zusammen mit anderen. In Frankreich wurde die Lage für die Regierung De Gaulle erst in dem Moment brenzlig, als die Arbeiter bei Renault in den Streik traten. Eine Allianz, die nicht lange hielt. In Deutschland kam es nicht einmal zu dieser zeitlich begrenzten Koalition. Und was wurde aus der martialischen Revolutions-Rhetorik der studentischen Linken? Ein Teil dieser Linken machte sich auf den langen Marsch durch die Institutionen. Ein Ergebnis ist die erste liberale Demokratie in Deutschland mit einem deutlichen Zugewinn an individueller Freiheit. Aber auch die Hartz-Gesetzgebung ist ein Produkt eben dieser Generation und zugleich – das könnte man als provokante These aufstellen – die Rache der ehemaligen Studentenrevoluzzer an einer Arbeiterklasse, die sich nicht von ihnen zur Revolution führen lassen wollte.

In einem im Kursbuch 1968 veröffentlichten »Gespräch über die Zukunft« zwischen Hans Magnus Enzensberger, Rudi Dutschke, Bernd Rabehl und Christian Semler träumen sich diese »Studentenführer« ihre Räterepublik West-Berlin. Die hat ein Problem: »Wir haben in Berlin den irrsinnigen Zustand einer rasch anwachsenden Veralterung. Wie kann man das Alter produktiv machen?«. Was tun, mit alten Proleten? Denn: »Wenn man die Leute auf den Bänken sitzen sieht, dann bekommt man ein Grausen, wenn man bedenkt, sie warten nur darauf, bis sie irgendwann einmal sterben (…) sie sitzen schon als Leichen dort auf der Bank.« Was also tun mit diesen proletarischen Zombies? »Die Alten müssen wieder hinein in die Zirkulationssphäre, aber auch in die Produktionssphäre, und zwar in ihre ehemaligen Werkstätten; wie viele alte Leute sehen wir, die morgens noch den alten Gang gehen, den sie fünfzig Jahre lang gemacht haben, dann aber vor dem Tor Stehen bleiben und wieder zurückgehen. Diese Fabrik ist ein Teil ihres Lebens, und dann dürfen sie plötzlich nicht mehr hinein.« Denen kann geholfen werden: »Die Alten müssen mit dem Lebensprozeß der Fabrik Tag für Tag verbunden sein. (…) Die Alten gewinnen auch plötzlich im Rätesystem eine ganz subversive Bedeutung, weil sie nämlich nicht mehr ihre Arbeitskraft verkaufen, aber trotzdem im Betrieb drin sind. Ihre Arbeitszeit steht nicht mehr unter dem Druck, sie erzeugt zwar objektiv Mehrwert, aber der Arbeitsprozeß schlägt sich nicht mehr subjektiv in derselben Weise nieder wie beim Lohnarbeiter. Die Alten sind gewissermaßen eine ständige Fabrikbesetzung, und es wäre tatsächlich zu erwägen, ob nicht Leute in der Fabrik wohnen sollen.«

Das klingt wie eine Vorwegnahme der aktuellen Debatten über den demographischen Wandel und die angeblich alternativlose Rente mit 70. An einer Stelle halten die revolutionären Träumer sich, ohne es zu merken, den Spiegel vor: »Enzensberger: Ich glaube, um eine genaue Betrachtung der sogenannten neuen Mittelklassen kommt man nicht herum. Ich meine damit das Angestelltenmilieu, das sehr differenziert ist, das anfängt bei kleinen Beamten, Angestellten und hinaufreicht bis zu den hochbezahlten Wissenschaftlern.« Rabehls Antwort: »Revolutionär werden diese Leute nie; viel eher werden sie Zyniker«. Bernd Rabehl wurde noch mehr als ein Zyniker. Wie Horst Mahler und so manch anderer 68er bog er irgendwann scharf rechts ab. Die anderen Beteiligten wurden zur Gründergeneration der Grünen.

Waren diese Herren denn »die 68er«? Es gibt doch noch die andere Erzählung von Joint, Love-In und Jimi Hendrix. Dabei wird allerdings auch ordentlich übertrieben. Kaum eine Doku über diese Jahre kommt ohne die immer gleichen Bilder von Tänzern beim Open Air-Konzert aus, psychedelischen Lightshows oder die immer wiederkehrende Szene von Frauen, denen man Blümchen auf die nackte Brust malt. Dieses mediale Bild wird längst für bare Münze genommen. Aber es gab das hedonistische »68«. Woodstock, »Tune in, drop out“ und »Sex, Drugs and Rock & Roll«. All das begann schon vor 1968. Deshalb ist der im Englischen statt »68er« übliche Terminus: »the long sixties« wesentlich besser geeignet. Statt eines singulären Ereignisses beschreibt er eine gesellschaftliche Entwicklung und umfasst die Zeitspanne von Mitte der 50er bis Mitte der 70er. Mitte der 50er endete die Rationierung von Lebensmitteln in Grossbritannien, der Nachkriegsboom begann mit einer Arbeitslosenquote von unter 1% und Richard Hamilton etablierte mit der Ausstellung »This is Tomorrow« den Begriff Pop Art. Ein paar junge Leute trafen sich in Liverpool, um eine Band zu gründen und in der Carnaby Street eröffnete die erste Boutique. Was folgte, waren die – so ein anderer Begriff – »Swinging Sixties«. 1974 sah dann die erste heftige Nachkriegsrezession, steigende Arbeitslosigkeit, Streiks. Die Schlussfanfare spielten 1976 die Sex Pistols mit »Anarchy in the UK«. Dann kam Margaret Thatcher.

Für die Bundesrepublik kann man eine ähnliche Chronologie aufmachen. Von den Protesten gegen die Wiederbewaffnung oder einer Gesetzesänderung, die Frauen das Ergreifen eines Berufes ohne Erlaubnis des Ehemannes ermöglichte. Es folgten Rock & Roll-Krawalle als erstes jugendliches Aufbegehren und die Ostermarschbewegung. Die übernahm von der britischen Bewegung für Nuclear Disarmament das Peace-Zeichen. Es stellt die Buchstaben N und D im Flaggenalphabet der Seefahrt dar. In Deutschland wurde es allerdings als Runensymbol gedeutet. Die Kampagne gegen die atomare Rüstung, ausgelöst in Westdeutschlands durch Adenauers Forderung nach nuklearen Sprengköpfen für die im Aufbau befindliche Bundeswehr, brachte es 1958 auf ihrem Höhepunkt auf über eine Million Teilnehmer, getragen durch ein breites Bündnis aus SPD, Gewerkschaften und Kirchen – eine Massenbasis, von der die 68er nur träumen konnten. Lediglich im Kampf gegen die Notstandsgesetze gelang es ihnen, ein breites Bündnis zu schaffen. Dessen Höhepunkt war im Mai 68 der Sternmarsch nach Bonn mit mehreren 10.000 Teilnehmern.

1960 kam die Antibabypille 1962, fand mit dem »Festival für neueste Musik« in Wiesbaden die erste große Fluxus-Veranstaltung statt und in München entbrannten die Schwabinger Krawalle wegen ein paar auf der Strasse Gitarre spielenden Jugendlichen. Arbeiter und Angestellte erfreuten sich immer kürzerer Arbeitszeiten, eines freien Wochenendes und zum ersten mal Urlaub im Ausland nicht nur für die gehobenen Stände. Die 5-Tage-Woche erkämpften die Gewerkschaften. Das freie Wochenende bedeutete nicht nur mehr Freizeit. Es war ein Vorgeschmack auf ein Leben, das nicht nur malochen bedeutete und hat damit wahrscheinlich mehr Nachdenken über »entfremdete Arbeit« bewirkt als die gesamte Textproduktion des SDS. Manchen Jüngeren waren fünf Tage Arbeit immer noch zuviel. Die Gammler, jugendliche, meist proletarische Aussteiger, erhitzten Mitte der 60er die Gemüter wegen ihrer langen Haare, dem Peace-Zeichen auf ihren Parkas, ihrer Liebe zum Blues und vor allem ihrer Verweigerung der protestantischen Arbeitsethik. Die Gammlerbewegung, die ihren Höhepunkt etwas 1966 hatte, ist aber, genau wie die ein paar Jahre früher stattfindenden Rock & Roll Krawalle, aus der Geschichtsschreibung weitgehend herausgefallen, da sie kaum literarische Zeugnisse hinterlassen hat und kein geschlossenes Programm. Vorbilder waren die amerikanischen Beatniks. Man las die Geschichten von Jack Kerouac oder Allen Ginsberg. Musikalisch nahmen Gammler, was sie vorfanden und ihrer Vorstellung von persönlicher Freiheit entsprach. Man hörte Dylan oder spielte selber auf der akustischen Gitarre, die man mit sich herumtragen konnte. Beliebt waren auch die härteren Bands der britischen Blues-Szene wie die Pretty Things. Hubert Fichte hat diese Szene in seinem Roman »Die Palette« porträtiert. Auch wenn es den Gammlern, die oft Dropouts aus Arbeiterfamilien waren, um persönliche Freiheit ging, spielte sich ihr Protest scheinbar in einem vorpolitischen Raum ab. Die Abweichung von der Norm liess aber die mühsam unter einer formaldemokratischen Decke gehaltene braune Ideologie der keine Abweichung duldenden Volksgemeinschaft hochkochen. Gammler wurden von ordentlichen Deutschen ins Arbeitslager gewünscht – keine leicht zu nehmende Drohung. Die kam von Leuten, die zwei Jahrzehnte vorher ernst gemacht hatten. Es sind dieselben Konfliktlinien, die gemeinhin mit 68 verbunden werden – aber ein paar Jahre vorher, was der Rede von den »long sixties« entspricht. Die Gammler gingen dann 1968 zu einem großen Teil in der neuen Protestbewegung auf. Die wohl bekannteste Biografie, die das spiegelt, ist die von Bommi Baumann. Dessen Weg führte von einer Lehre als Betonbauer zu den Gammlern, der Teilnahme an den Krawallen nach dem Rolling Stones-Konzert in der Westberliner Waldbühne, zur militanten »Bewegung 2. Juni«.

Von »den 68ern« zu reden würde auch heissen, dass damals eine klassenlose Gesellschaft Einzug gehalten hätte. Einfach so. Der Traum von der Woodstock-Generation. Alle gleich bekifft im bunten Fummel, tanzend zur gleichen Musik. Das ist doch eigentlich nichts Schlechtes. Aber da ist man schon bei den Widersprüchen. Das war überhaupt nicht, was die sogenannten »Studentenführer« wie Dutschke wollten. Ausgerechnet das, was für angenehme Erinnerungen taugen würde, war für ihn und seine Genossen »Konsumterror«. Oberflächlich betrachtet schien das allerdings nicht so völlig falsch zu sein mit der klassenlosen Gesellschaft. Es machte das Wort von der »nivellierten Mittelstandsgesellschaft« die Runde. Der Lebensstandard von Arbeitern und Angestellten stieg spürbar. Die Entwicklung neuer Technologien schuf Aufstiegschancen. Die lange Nachkriegskonjunktur machte Arbeitskräfte zur Mangelware, die sich entsprechend teuer verkaufen konnte. Dazu gehörte allerdings auch, dass man die unteren Ränge mit Gastarbeitern füllte, die die Drecksarbeit übernahmen. Die Politik folgte einer Art Klassenkompromiss nach keynesianischem Muster. Die Entwicklung der Produktivkräfte brauchte nicht nur qualifiziertes Personal für die Produktion, sie brauchte auch Konsumenten. Zur ökonomischen kam die politische Motivation, die Produzenten am entstandenen Reichtum teilhaben zu lassen. An der Nahtstelle der Blöcke galt es im Kalten Krieg zu beweisen, welches System das bessere ist.

Der Terminus Nivellierte Mittelschicht funktionierte in den 60ern mit allgemeiner Zustimmung der Beteiligten. Wer mochte schon als »rich kid« identifiziert werden, das seine gewagten Sprünge im bekifften Hippiehimmel oder Parolen wie das zweideutige »Sieg im Volkskrieg« grölend, mit dem sicheren Netz des elterlichen Erbes unter sich vollführt? Umgekehrt wollten die Angehörigen der Arbeiterklasse den Konnotationen von Schmutz, Schweiß, Grobheit und kultureller Enge entfliehen. Sie taten das mit einigem Eifer, weswegen auch hier der englische Begriff treffender ist: aspiring working class. Das lässt sich am besten mit ehrgeizig übersetzen. Und ehrgeizig war man. Man bildete sich weiter, besuchte die Abendschule, holte das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nach. Und was man selber nicht schaffte, sollten die Kinder erreichen. Die sollten es besser haben und der Weg dahin hieß Bildung. Das galt auch für einen großen Teil der seit Anfang der 60er zugewanderten Migranten. Niemand diskutierte oder finanzierte Integration. Das besorgten die Betroffenen selber – auch hier in der Überzeugung, dass es die Kinder durch Bildung besser haben sollen. Für das lange Jahrzehnt von Elvis Presley, den Beatles bis zu Punk gaben Künstler aus der aspiring working class den kulturellen Takt vor. Bis mit den sich verschlechternden ökonomischen Bedingungen die alte Oberschicht zum Gegenschlag ausholte.

John Lennon hatte das schon Anfang der 70er geahnt, als er in seinem Song »Working Class Hero« diese Zeilen sang: »wenn du ungebildet bist, verachten sie dich, bist du klug, hassen sie dich«. Denn dann bist du Konkurrenz. Nicht gerade für die Oberschicht. Aber für die Mittelschicht, die im Bioladen einkauft und den Nachwuchs auf die Waldorfschule schickt. Nicht nur, weil es gesünder ist oder das Lernen dort mehr Spaß macht. Vor allem auch, um eine Grenze zu ziehen zu denen da unten und deren Blagen. Die mediale Erfindung der »Unterschicht«, der Verwandlung der Arbeiterklasse in eine Karikatur aus falscher Ernährung und schlechtem Geschmack ist dabei das Mittel zur moralischen Rechtfertigung für die seit den 1990ern fortschreitende Spaltung der Gesellschaft.

Zu den Gewinnern der gesellschaftlichen Veränderungen über das lange Jahrzehnt der 60er gehörten die Frauen. Damals befand sich die avancierteste Technik, über die man individuell verfügen konnte jenseits von Militär oder Fabrik, in den Händen von Frauen. Wenn damals irgendwo im deutschen Haushalt die Moderne einzog, dann war es zuerst die Küche. Während im Wohn- und Schlafzimmer die Herrschaft des Biedermeiers ungebrochen weiterging, strahlten in der Küche Chrom und Glas. Bauknecht wusste, so der Werbeslogan, was Frauen wünschen: technischen Fortschritt und modernes Design. Das wichtigste Produkt dieser oft wie aus den Laboren der NASA aussehende Geräte war Freizeit – Zeit, über die frau frei verfügen konnte.

Dass Role Model für die neue Weiblichkeit wurde ab 1965 von Diana Rigg als Mrs. Emma Peel (den Mister Peel sah man nie) in der britischen Fernsehserie The Avangers verkörpert – kühl, geistreich, immer nach der neuesten Mode gekleidet und gleichermassen bewandert in Karate und Atomphysik. Ihre Gegner waren bevorzugt degenerierte Aristokraten, holzköpfige Militärs oder gierige Geschäftemacher. In der Folge »A Touch of Brimstone« befördert sie einen adligen Bösewicht, der die Demokratie durch die Herrschaft einer aristokratischen Möchtegern-Elite ablösen möchte, mit einem eleganten Karate-Tritt durch ein Loch im Fussboden in die unten vorbeifliessende Themse. Ein wahrhaft freudianisches Ende.

Die gesellschaftliche Praxis in Westdeutschland hing solchen Utopien allerdings hinterher. Ende der 60er heirateten die meisten Frauen mit 20 – 23 Jahren um danach Hausfrauen zu werden, Kinder zu betreuen und ihren Ehemännern nach des Tages Arbeit ein gemütliches Heim zu bieten. Ausbildung und Beruf wurden mehrheitlich als Durchgangsstationen gesehen, in denen frau sich die Aussteuer verdiente und etwas zur Einrichtung des neugegründeten Haushalts beisteuerte. Mit dem ersten Kind war dann Schluss. Das galt auch für Studentinnen, die ohnehin in der Minderheit, oft ihr Studium abbrachen, wenn das erste Kind kam. Ihre Partner kamen nie auf diese Idee – auch nicht die linken Revoluzzer. Während die ihre immer abgehobeneren Theoriedebatten führten, machten die Frauen den Abwasch oder bestenfalls Sekretärinnendienste. Bis es 1968 bei einem SDS-Kongress zum Aufstand kam mit Tomatenwürfen der SDS-Frauen auf das ausschliesslich männlich besetzte Podium. Für die Männer waren die Forderungen der Feministinnen nur sogenannte Nebenwidersprüche, die sich nach der Weltrevolution von selber lösen würden. Die Frauen sahen das praktischer und gründeten die Kinderladenbewegung, um sich von der vereinzelnden Rolle als Hausmütterchen zu befreien. Es wurde eine Debatte begonnen, die weit über die linken Studenten hinaus Wirkung hatte. Immer mehr Frauen nahmen ihr Leben in die eigenen Hände, die Scheidungsrate stieg und über 70% der Scheidungen in den 1970ern fanden auf Initiative der Frauen statt.

Die 68er sind irgendwann bescheiden geworden. Aus der Weltrevolution wurde nichts, der Sieg des Vietcong brachte über eine Million Bootsflüchtlinge, das Ende des Schah-Regimes brachte Chomeini an die Macht. Da wollte man als Trostpreis wenigstens in Deutschland eine Kulturrevolution vollbracht haben. Das ist nicht falsch, dabei wird aber der Anteil, den die aus den Debatten der langen 60er hervorgegangene feministischen Bewegung hat, weitgehend ignoriert. Bei den Namen, die als Macher der Geschichte aufgezählt werden, ist keine Frau dabei. Wenn es ein weibliches Bild gibt, dann ist es Uschi Obermaier als 68er Pin Up. Dabei hatte der männliche Teil der 68er sich alsbald in hermetische K-Gruppen zurückgezogen, wo sie die Solidarität mit immer kleineren nationalen Befreiungsbewegungen hochleben liessen oder ganz in Verschwörungstheorien abglitten, wo sie hinter jedem umgefallenen Sack Reis wahlweise die CIA, den Mossad oder beide vermuteten.

Unter dem Widerspruch zwischen autoritärer patriarchalischer Ideologie und den Versprechungen und Möglichkeiten der Moderne litten vor allem Jugendliche. Sie waren in der Situation von Kindern, die sich an der Schaufensterscheibe die Nasen plattdrückten und all die bunten Verheißungen anstarrten. Von Jugendlichen wurde vor allem eines verlangt: den Mund zu halten und sich reibungslos an die Disziplin von Schule, Fabrik und seit 1955 wieder Militär anzupassen. Wer etwas Fernseharchäologie betreibt und sich die pseudodokumentarischen, mit viel Lokalkolorit gedrehten Krimiserien wie Stahlnetz aus den frühen 1960ern anschaut, wird darin eines nicht finden: Jugendliche. Es gibt Kinder und es gibt unfertige, meist unbeholfene junge Erwachsene. Jugend als eine immer länger werdende, selbstständige Lebensphase mit eigenem kulturellen Ausdruck war noch nicht erfunden. Wenn Jugendliche auftauchen, dann als delinquente Halbstarke, also schon fast als eigener Straftatbestand. Die sind gekennzeichnet durch unsoldatische Körperhaltung, Konsumlust und vor allem durch patzige Antworten, mit denen sie die Autoritäten herausfordern. Ein weiteres wiederkehrendes Merkmal ist die Verwendung von Anglizismen in Musik, Kleidung und Sprache, fast so, als wären sie die zweite Welle der GIs, die das Besatzungsregime in Schulen und Familien tragen.

Als man im SDS noch gemeinsam mit Walter Ulbricht und dem reaktionären Bürgertum Rock & Roll für »ausländisches Jäh Jäh« und amerikanischen Schund hielt (wo sollte Schund auch sonst herkommen?), hatten Teile vor allem der Arbeiterjugend genau dort ihr Utopia entdeckt. Undiszipliniert, aufregend, erotisch – bloß keine antimoderne Romantik. Diese Musik wurde mit den modernsten Mitteln der Technik gemacht und verbreitert und klang wie nichts, das es vorher gegeben hatte. Und am allerwenigsten deutsch. Rechte wie linke Reaktionäre beklagten unisono die angebliche Konsumgier der Jugendlichen, etwas was vor allem beim jungen Proleten als unerhört, als Verstoß gegen die Klassenordnung empfunden wurde. Der hatte zu arbeiten und ansonsten die Klappe zu halten. Was die Reaktionäre und Hüter von Enthaltsamkeit und militärischer Disziplin gar nicht oder nur als Bedrohung verstanden: es handelte sich eben nicht um blossen Konsum sondern um eine aktive Aneignung – von der Gründung der eigenen Band (Mitte der 60er schwappte eine Welle frisch gegründeter Beat-Bands vor allem über das Ruhrgebiet), über Mode zur entmilitarisierten Körpersprache, Rolf Dieter Brinkmann steuerte dazu von den amerikanischen Beats inspirierte Gedichte bei gegen das bedeutungsschwangere Geraune deutscher Dichter und Denker.

Für das Bürgertum war die kulturelle Amerikanisierung ein Graus. Ihnen ging mit dem Verlust der kulturellen Hegemonie auch ein Teil der Legitimation ihres Herrschaftsanspruchs verloren. Besiegt ausgerechnet von den Amis, die statt Kultur angeblich nur Urwaldmusik und Kaugummi haben. In den 1950ern gab es tatsächlich Überlegungen, sich mit »Kulturpaketen« bei den Amerikanern für die Care-Pakete zu bedanken, mit denen die USA die Deutschen nach dem Krieg mit Lebensmitteln versorgt hatten. So bekam Rock & Roll, anfangs ein hauptsächlich proletarisches Vergnügen, eine politische Dimension. Bei den ersten Rock & Roll-Krawallen 1958 anlässlich der Tournee von Bill Haley, war unter den verhafteten Jugendlichen, die sich nach einer nur 15-minütigen Show der Band abreagieren mussten, nur ein Gymnasiast. Alle anderen waren Arbeiter oder Lehrlinge. Als Jerry Lee Lewis 1962 im Starclub seine „Great Balls of Fire“ in das Klavier hämmerte, schrieb das Hamburger Abendblatt naserümpfend, »Die jungen Leute, zum Teil sehr jung, sind Maschinenarbeiter, Anlernlinge, Industrie-Lehrlinge, Hafenarbeiter, einfach, anspruchslos, stark.« Es dauerte eine Weile, bis der bürgerliche Nachwuchs auf den Geschmack der verbotenen Früchte kam und sich an Orte wie den Starclub wagte.

Als Jugendlicher war man einer permanenten Kontrolle unterworfen und eigentlich nur unverdächtig, wenn man unsichtbar blieb. »Solange du die Beine unter meinen Tisch steckst …« war einer der Sprüche, mit denen der Nachwuchs diszipliniert wurde. Der war besonders wirkungsvoll bei Schülern und Studenten, die über kein eigenes Einkommen verfügten. Wer eine berufliche Ausbildung machte, hatte es auch nicht viel besser, denn »Lehrjahre sind keine Herrenjahre«. Die meisten Lehrlinge waren in kleinen Betrieben beschäftigt, wo sie vor allem eines waren: billige Arbeitskräfte. Der Ausbildungsstandard war dürftig, wenn man nicht das Glück hatte, eine Lehrstelle in einem Großbetrieb mit eigener Lehrwerkstatt gefunden zu haben. Es gab nur ein minimales Lehrgeld, das oft bei den Eltern bis auf ein kärgliches Taschengeld abgeliefert werden musste. Wer nicht spurte, bekam zu hören »dann kommst du ins Heim«. Das war keine leere Drohung. Die härteste Maßnahme zur Disziplinierung war die Einweisung in ein Erziehungsheim. Dort wurden bis Anfang der 1970er Kinder und Jugendliche mit körperlicher Gewalt diszipliniert, eingesperrt und zu unbezahlter Zwangsarbeit herangezogen. Zu der Ausbeutung als billigste Arbeitskräfte kamen noch die zahlreichen Fälle sadistischer Gewalt und sexuellen Missbrauchs.

Ein Weg für Schüler und Lehrlinge, beengten Wohnverhältnissen, der sozialen Kontrolle und Disziplinierung zu entkommen, war der Kampf um selbstverwaltete Jugendzentren. An eine eigene Wohnung war nicht zu denken. Nicht nur aus finanziellen Gründen. Man hätte auch keinen Vermieter gefunden. Besonders drückend war die Situation von Jugendlichen in kleinen Städten, wo man sich nur misstrauisch von Polizei und Bürgern beäugt im Sommer in Parks und auf öffentlichen Plätzen treffen konnte. Selbst wenn es ein Angebot an kommerziellen Veranstaltungsorten gegeben hätte – mit einem schmalen Taschengeld wäre das nicht zu finanzieren gewesen. Anfang der 70er war diese Situation unerträglich geworden und die Jugendlichen begannen sich zu organisieren und leerstehende Fabriken oder städtische Räume zu besetzen um darin selbstverwaltete Jugendzentren einzurichten. Anfang der 70er gab es über 150 dieser Hausbesetzungen. Die Behörden reagierten anfänglich mit Polizeieinsätzen. Später änderte sich die Strategie und die Jugendzentren wurden akzeptiert und längerfristig professionalisiert. Trotz der grossen Zahl beteiligter Jugendlicher und obwohl einige dieser Zentren heute noch existieren, ist diese Bewegung in der von den studentischen 68ern dominierten Geschichtsschreibung weitgehend untergegangen. Vielleicht weil diese Jugendlichen, statt sich auf die Weltrevolution vorzubereiten, lieber abhängen und Musik hören wollten.

Für Lehrlinge und Schüler waren Rainer Langhans und Fritz Teufel die Helden. Hatten die doch vor Gericht mit ihrem Kommentar zum sich Erheben der Angeklagten die Hohlheit der Rituale der Herrschaft entlarvt – »Wenn‘s der Wahrheitsfindung dient«. Das waren Unterwerfungsgesten die auch Schülern und Lehrlingen abverlangt wurden. Die Attraktivität der Kommune, also eines Lebens ohne permanente Disziplinierung, brauchte man den in engen Arbeiterwohnungen unter ständiger Überwachung Aufgewachsenen auch nicht erklären. Das verstanden die sofort. Rudi Dutschke bewunderte man für das rhetorische Talent, mit dem er die Autoritäten herausforderte, ohne allzuviel vom Gesagten zu verstehen. Er machte sichtbar, dass die gesellschaftliche Stellung seiner Kontrahenten allzuoft nur auf Status und Herkunft beruhte und nicht auf Leistung. Und auch nicht auf Moral, denn der Status wurde bei vielen unbeschadet vom Nationalsozialismus in die Bundesrepublik getragen. Dutschkes Debattenbeiträge wurden als mehr empfunden, als der Satz von dem berühmten Transparent »Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren«. Stattdessen war Dutschke das Kind aus dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern, das mit dem Finger zeigt und ruft »der ist ja nackt!«. Dennoch dämmerten es einigen, dass sie Zeuge eines innerbürgerlichen Fraktionskampfes waren um Macht, Pfründe und Nachfolge, bei dem die unteren Stände nicht viel zu gewinnen haben. Nur ein paar Brosamen, die zu ihnen herunterfallen, wenn sie als Verbündete oder Drohkulisse gebraucht werden. Inzwischen sind die Brosamen wieder eingesammelt und etliche Kämpfer gegen den Muff haben sich nach kurzem Auslüften die Talare selber angezogen.

Im Kampf gegen autoritäre Strukturen und eine repressive Sexualmoral fanden sich Schüler, Lehrlinge und Studenten in derselben Position. Das galt auch für die, die man die Generation Twen nennen könnte – nach der ersten, modernen Lifestyle-Zeitschrift der Bundesrepublik, die ab 1960 erschien. Die Zielgruppe waren junge, hedonistische und konsumorientierte Erwachsene, die an Musik, Kunst und Mode interessiert waren. Die sprach man mit einem modernem Layout und aufwendigen Fotostrecken an. Politisch würde man die Position der Zeitschrift als linksliberal verorten. Diesen Gruppen war gemeinsam, dass sie unter dem Mief und den repressiven Moralvorstellungen litten. Das war ja nicht nur ein atmosphärisches oder kulturelles Problem. Diese Moralvorstellungen waren in Gesetze gegossen: §218 – Abtreibung, §175 – Homosexualität, §180 – Kuppelei. Dieser Paragraf stellte unter Strafe, wenn ein bei seinen Eltern lebendes, volljähriges Kind über Nacht Besuch hatte. Auch auf der materiellen Seite wollte man seinen Anteil am Kuchen. Nachdem die Nachkriegsnot überwunden war, erschien das »Gürtel enger schnallen« angesichts der rasant gewachsenen Produktivkräfte nur noch anachronistisch.

Wenn es gegen diese Verhältnisse ging, zogen alle diese verschiedenen unter dem Begriff 68er subsumierten Gruppen ein paar Jahre am selben Strang. Wenn Lehrlinge forderten, nicht mehr geschlagen zu werden, dafür aber ordentlich ausgebildet und bezahlt, war das für die radikalen Studenten letzten Endes nur Reformismus. Für die Lehrlinge war Amerika ein Sehnsuchtsort mit Rock & Roll, Blue Jeans, Surfbrett und Führerschein mit 16. Die linksradikalen Studenten dagegen machten die Gleichung auf: USA = SA = SS. Das hatte wenig mit der Realität zu tun aber viel mit dem Bedürfnis nach Entschuldung und Wiedergutwerdung eines Bürgertums, das in großen Teilen die Funktionselite des III. Reiches gestellt hatte. Der euphemistisch zum Antizionismus umetikettierte Antisemitismus hatte die gleiche Funktion. Und spätestens mit der RAF enden für die Bundesrepublik die »langen 60er«. Es dauerte dann noch ein paar Jahre, dann konnten die K-Gruppen-Mitglieder ihre Liebe zu nationalen Befreiungsbewegungen in die Liebe zur deutschen Nation transferieren. Dass Ende der 60er die Arbeiterklasse auf Distanz blieb zu diesen Revoluzzern, zeigte sich als richtige Einschätzung. Die Arbeiterklasse weiß, was es bedeutet, wenn der Chef sagt »wir« müssen uns anstrengen. Auch wenn 68 die Schröders, Fischers und Trittins vom Chef-Sein noch ein paar Jahre träumen mussten. Die Liste der ehemaligen K-Gruppen-Mitglieder, die es so noch zu etwas gebracht haben, wenn nicht ohnehin ein reichliches Erbe ihren Lebensweg geglättet hat, ist lang. Als Beispiel sei hier nur Joscha Schmierer genannt, der es vom Zentralsekretär des KBW (Kommunistischer Bund Westdeutschland) und nach einem Solidaritätsbesuch bei Pol Pot in Kambodscha unter Joseph Fischer zum Mitarbeiter im Planungsstab des Auswärtigen Amtes brachte. Nicht nur Horst Mahler bog irgendwann scharf rechts ab und tauschte die Weltrevolution gegen die Nation. Das aktuelle Beispiel ist Jürgen Elsässer. Für einen echten 68er ein bisschen zu jung, aber wie die Grünen Jürgen Trittin und Angelika Beer ehemaliges Mitglied des maoistischen KB (Kommunistischer Bund) und heute einer der umtriebigsten Propagandisten der Neuen Rechten.

Jetzt treten die 68er nach und nach ab. Ein bisschen Schulterklopfen sei ihnen mit den eben erwähnten Ausnahmen noch gegönnt für ihre Leistungen: Unisex-Toilette, Ehe für alle und Gendergerechte Sprache. Leider hat letztere den Pay-Gap für Frauen und deren erhöhtes Armutsrisiko nicht verhindert. Auch der Kampf um die Frauenquote bei DAX-Vorständen dürfte der alleinerziehenden Aldi-Kassiererin egal sein. Aber wer wird schon so kleinlich sein und deswegen den 68ern die Geburtstagsparty vermiesen. Das Land ist doch viel toleranter geworden. Auch wenn die Toleranz vielleicht nur Laissez Faire ist und die Entwicklung von Parallelgesellschaften ermöglicht hat, die eben dieser Toleranz gefährlich zu werden drohen.

Vielleicht reicht der Blick in die Statistik, um die Erfolge der 68er zu messen: im frühen 19. Jahrhundert verfügten 10% der Bevölkerung über 80% bis 90% des Vermögens. In den Nachkriegsjahren, als die 68er ihren Weg begannen, sank dieser Wert auf 45%. Das war der Anlass, von der nivellierten Mittelstandsgesellschaft zu reden. Heute liegt der Vermögensanteil des reichsten Dezils bei 70%. Tendenz steigend. Dem steht am anderen Ende der Gesellschaft eine steigende Anzahl von Menschen in Leiharbeit und prekären Beschäftigungsverhältnissen, ein wachsender Niedriglohnsektor und die Rückkehr der Dienstbotengesellschaft gegenüber. Das soll keine Schuldzuweisung an die 68er sein, zeigt aber, dass die offenbar bei ihrer Kulturrevolution ein paar Dinge übersehen haben. Und ganz unbeteiligt sind sie nicht. Die sich verschärfende soziale Spaltung der Gesellschaft wird von Soziologen wie Sighard Neckel als als Neofeudalismus bezeichnet. So wie der alte Feudalismus sein Personal für Unterhaltung und Ideologieproduktion hatte, hat auch der neue Feudalismus seine »chattering class«, seine die Talkshows bevölkernde plappernde Klasse. Mit der Regierungsübernahme durch Rot-Grün, als der Marsch durch die Institutionen an sein Ziel gekommen war, stiegen die Ausgaben der Bundesregierung für die Eigenwerbung drastisch an. Der Medienbereich dehnte sich gewaltig aus. Da fand so mancher Alt-68er ein nettes Auskommen.