Archiv für Juli 2017

Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes

Film von Julian Radlmaier
mit einer Einführung von Jakob Hayner

Fr 15.09.2017 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar – Trailer

Ein bürgerlicher Windhund gesteht, wie er vom Filmemacher zum Vierbeiner wurde: Weil er gerade keine Förderung bekommt, sieht JULIAN sich gezwungen, einen Job als Erntehelfer anzunehmen. Als er der jungen Kanadierin CAMILLE weismacht, es handele sich dabei um die Recherche für einen kommunistischen Märchenfilm, in dem sie die Hauptrolle spielen soll, will sie ihn begleiten und Julian spinnt romantische Fantasien. So landen die beiden in der trügerischen Idylle einer ausbeuterischen Apfelplantage. Während Julian unter der körperlichen Arbeit leidet und sich vor den merkwürdigen Zimmergenossen in den Containerbaracken fürchtet, stürzt sich Camille enthusiastisch in die vermeintliche Recherche und freundet sich mit HONG und SANCHO an, zwei wundergläubige Proletarier auf der Suche nach dem Glück. Für Julian wird es zunehmend schwieriger, den kommunistischen Filmemacher zu performen, außerdem kommt ihm ein Vorzeigearbeiter mit amerikanischen Träumen in die Quere, ein stummer Mönch mit magischen Kräften und einem Sprung in der Schüssel tritt auf, die Plantagenbesitzerin wird versehentlich getötet und eine versuchte Revolution endet in Ratlosigkeit. Da kommen die Spatzen in den Bäumen mit einem unerhörten Plan…

Julian Radlmaier studierte Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin und arbeitete in dieser Zeit als persönlicher Assistent von Werner Schroeter. Zudem gab er verschiedene Übersetzungen von filmtheoretischen Schriften des französischen Philosophen Jacques Rancière heraus. »Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes« ist sein Abschlussfilm. Jakob Hayner schreibt für zahlreiche Zeitschriften (u.a. Jungle World und Konkret) und ist Redakteur der Zeitschrift »Theater der Zeit«. Für die Jungle World hat er ein Interview mit Julian Radlmaier über dessen neuen Film geführt. Jakob Hayner gehört zum Redaktions-Kreis von Kunst, Spektakel & Revolution.

Vom prophetischen Schrecken der Revolution

Über Kafkas »Der Prozess«

Nikolai Bersarin – Do 21.09.2017 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Als Franz Kafka am 13. August 1912, bei Max Brod zu Gast, seine spätere Verlobte Felice Bauer traf, sah es zunächst nicht nach dem Beginn einer großen Liebe aus. »Knochiges leeres Gesicht, das seine Leere offen trug«, notierte Kafka eine Woche nach dieser Begegnung in sein Tagebuch. Doch aus dieser Liaison ging einer der gewaltigsten Romane der Literatur hervor. Die (vermeintliche) Leere dieses Gesichts wurde in gewaltiger Prosa ausgeschrieben. Wieweit sich in diesem Kontext Biographie und Schreiben verschränken, soll jedoch nur am Rande Thema des Vortrags sein. Vielmehr geht es darum, mit Kafkas »Prozess« die besonderen Züge seiner Literatur darzustellen – nämlich eine Revolution der Poetik und des Schreiben. Das noch junge Medium Film hielt genauso in den Roman Einzug wie Photographie und Theater. Mit Adorno kann man bei Kafkas Prosa von Gesten aus Begriffen sprechen. Das Spezifische dieser Prosa wird Thema des Vortags sein: sowohl die Form des Fragments, die Verquickung von Biographischem und Fiktion und ebenso, dass jene Revolution, die gesellschaftlich bereits in der Luft lag, sich auch in der Literatur ausbreitete und die Avantgarden erfasste, soll anhand von Kafkas »Prozess« gezeigt werden. Worauf wir bei der Lektüre Kafkas stoßen, ist eine Revolution des Schreibens und Erzählens. Ein neuer Realismus konstituierte diese Literatur. Ein Realismus, der den Schrecken des Jahrhunderts wie auch die Fragilität von Subjektivität prophetisch vorwegnahm und in literarische Bilder bannte.

Bersarin, Jahrgang 1964, studierte Philosophie, Soziologie, Germanistik und nebenher Kunstgeschichte. Er lebt und arbeitet in Berlin, ist tätig im Verlagswesen und beschäftigt sich mit der Philosophie und Ästhetik der Moderne sowie der Postmoderne. Insbesondere die Philosophie Kants, Hegels, Adornos und Benjamins wie auch Positionen des Französischen Poststrukturalismus gehören zu seinem Arbeitsfeld. Er betreibt den Blog »Aisthesis« und macht Fotos, die er zuweilen hier zeigt. In KSR N°3 schrieb er »Über die Geschmacksbildung in der Kunst«. In KSR N°4 schrieb er über »Hölderlin in der geschichtsphilosophischen Perspektive von Georg Lukács und Theodor W. Adorno«.

Ein Riss ist in der Welt

Über Romantik und Revolution

Jörg Finkenberger – Do 28.09.2017 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Die Romantik, die erste moderne Avantgardebewegung, gilt zu Unrecht als prinzipiell rückwärtsgewandt. In den Ländern, in denen sie zuerst entsteht, Deutschland und England, kann sie viel genauer beschrieben werden, wenn man sie unter dem Blickwinkel ihrer kritischen Sympathie mit der französischen Revolution betrachtet, auf derem Höhepunkt sie entsteht. Die revolutionären Sympathien der frühen Romantiker sind nicht individuelle Zufälle, sondern reichen ins Innerste der Neuen Schule. Sie nimmt die epochale Erschütterung nicht nur von aussen auf, um sie zu verarbeiten, sondern betrachtet sich selbst, ihre Philosophie, Kunst und Wissenschaft als integralen Bestandteil eines revolutionären Programms, das beitragen soll, die Revolution vor ihrem Versagen zu retten, indem sie über ihre Beschränkung hinaustreibt. In diesen Kreisen wird das Problem der Erneuerung, man könnte fast sagen: der Gründung einer Gesellschaft radikaler betrachtet als jemals vorher, und lange nachher. Wie und warum es dazu kam, dass dieses Bild unter der Restaurationszeit sich verdunkelte, obwohl die Impulse dieser revolutionären Avantgardebewegung bis zu uns sich messbar fortsetzen, das versucht der Referent zu zeigen, erst mit gemischten Ausführungen über die Erkenntnistheorie, Poetologie, Politik, Philologie und Erotik der Romantiker, dann mit einigen biographischen und historischen Bemerkungen, zuletzt unter Rückgriff auf das Bild des »Risses in der Welt«, das sich durch die ganze romantische Schule und alle spätere Moderne zieht, und welcher Riss, wie zu zeigen sein wird, derselbe Riss ist wie in Brechts »Lied vom Klassenfeind«.

Jörg Finkenberger ist Mitherausgeber der Zeitschrift »Das große Thier« und widmet sich in seinen Texten u.a. der Kritik des Staats (siehe: »Staat oder Revolution. Kritik des Staates anhand der Rechtslehre Carl Schmitts«, ça ira Verlag 2015). In KSR N°4 schrieb er unter dem Titel »Ein Riss ist in der Welt« einen Text über die Romantik. In KSR N°5 schrieb er einen Text über die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.

Ein Blick zurück

Über die feministische Utopie, eine Geschichte zu haben

Workshop mit Johanna Krümpelbeck und Pia Marzell (AK Unbehagen) – Sa 07.10.2017 – 14:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Dass sich die Emanzipation der Frau nicht automatisch aus ihrer ökonomischen Gleichstellung ergeben würde, war für Lenin und viele seiner männlichen Genossen undenkbar. Die russische Revolution war vor allem als Emanzipation des männlichen Subjekts gedacht worden, das »Private« blieb das Problem der Frauen. Wir werfen einen Blick zurück und sehen uns Emanzipationsentwürfe an, die Privatsphäre, Sexualität, psychische Strukturen und kulturelle Aspekte nicht ausklammern, sondern sich dezidiert mit ihnen beschäftigen. Auch Christa Wolf denkt in ihrer Neuerzählung des Kassandra-Mythos über die Abspaltung des Weiblichen aus der Öffentlichkeit nach und lässt ihre Figur über die Folgen dieser Trennung reflektieren. Ausgehend davon wollen wir mit euch darüber diskutieren, wie eine Utopie ohne getrennte Sphären aussehen könnte und darüber nachdenken, ob nicht schon in dem (Um)Erzählen einer Geschichte etwas revolutionäres aufscheint. Wir freuen uns auf euch!

Johanna Krümpelbeck und Pia Marzell vom AK.Unbehagen.

Begrenzte TeilnehmerInnenzahl! Wir bitten um Anmeldung über unser Kontaktformular.

AK Unbehagen ist ein Lesekreis in Leipzig, der sich mit feministischer Theorie und Literatur auseinandersetzt. Angesichts einer sehr brüchigen feministischen Geschichtsschreibung geht es dem AK insbesondere darum einige Standpunkte und Sichtweisen zum »weiblichen Subjekt« zusammenzutragen.

»… versunken im Schlamm des Trauerbachs«

»Linke Melancholie« und revolutionäre ästhetische Praxis

Antje Géra – Do 12.10.2017 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

ACHTUNG! Der Vortrag muss aus gesundheitlichen Gründen leider verschoben werden. Wir informieren euch an dieser Stelle, sobald es einen neuen Termin gibt.

»Linke Melancholie« ist eine Diagnose, die gerade in Krisenzeiten emanzipatorischer Praxen schnell zur Hand ist. In Berufung auf das von Walter Benjamin in den 1930er Jahren geprägte Schlagwort erklingen Klagen über einen Mangel an »Aktivismus«, den Rückzug aus gesellschaftlichen Gefechten »der Straße« in Selbstbespiegelungsdiskurse, »passives Lesekreisen« und (pop-)kulturelle Jammertäler. Was sich der Umwälzung verschrieben habe, sei durch eine Rückwärtsgewandtheit bestimmt, die sich in nostalgischem Schwelgen in überholten Traditionen und melodramatischem Suhlen in Niederlagen emanzipatorischer Bewegungen äußere. Von einer »wirklichen Bewegung« keine Spur – nur unwirksamer Stillstand und eine einzige Misere aus Pessimismus, Nihilismus und Utopieverlust. Als Hauptübel wird ein ästhetischer Eskapismus identifiziert, der zu »politischer Handlungsunfähigkeit« führe. Gemeinsam ist diesen Kritiken die Forderung nach einer politischen Praxis, welche die Melancholie überwinde und die Kunst in den Dienst eines politischen Aktivismus stelle.

Anliegen des Vortrages wird nicht sein, über die Angemessenheit der zeitdiagnostischen Momente dieser Auffassungen Urteil zu sprechen. Vielmehr wird dem Verdacht nachgegangen, dass sie nicht nur mit einem unterkomplexen Verständnis von Melancholie operieren, sondern zudem phantasmatische Erzählungen über die Wirksamkeit politischen Widerstandes und instrumentelle Modellierungen des Verhältnisses von Kunst und Politik produzieren. Dabei wird sich gerade in einer Kontextualisierung der Benjamin’schen Bezugnahme auf Melancholie im Allgemeinen und auf »linke Melancholie« im Besonderen eine andere Tradition des Melancholie-Topos ausweisen lassen. Diese Tradition führt von Karl Marx über Walter Benjamin, Guy Debord und Peter Weiss hin zu Mark Fisher und aktuellen feministischen Konzeptionen von Melancholie als Widerstand. Indem in dieser Tradition die Auseinandersetzung mit melancholischen Ausdrucksformen eine tragende Rolle in selbstkritischen Reflexionen politischer Praxen spielt, deutet sich an, inwiefern »linke Melancholie ein unverzichtbares Moment einer Auffassung von Widerstand sein könnte, welches diesen radikal als politisch-ästhetische Praxis versteht.

Antje Géra forscht zu einer kritischen Theorie der Bildlichkeit, melancholischer Kritik und einem philosophischen Begriff von Widerstand. Gemeinsam mit anderen Mitarbeiterinnen etabliert sie feministische Lehre und Forschung am Institut für Philosophie Hildesheim. Sie lebt in Hamburg.

Reconstructed Line #3

Formulierung, Evaluation [convulsions], vorprogrammiertes Drama

Till Gathmann – Do 19.10.2017 – 20:00 Uhr
Geschwister-Scholl-Straße 11
(Atelier, Fakultät Gestaltung der Bauhaus Universität Weimar)

Die Vorstellung, dass die Linie ein bewegter Punkt sei, entspringt den kunsttheoretischen Schriften von Paul Klee. Mit ihrer Dynamik, die sich auf einer passiven Fläche entfaltet, öffnet die Linie ein Spannungsfeld zwischen dem affektiven, denkenden und handelnden Subjekt.

Till Gathmann geht der Frage, wie sich in der Zeichnung Somatisches und Psychisches formulieren, in Form von kleinen Zeichnungen nach, die schriftähnlich aus einer fortlaufenden Linie entstehen. In Reconstructed Line wird eine dieser Zeichnungen in genauer Beschreibung ihres Verlaufs rekonstruiert. Indem die Performance eine Übersetzung der Zeichnung – welche Körperspannung in Geste und Spiel verwandelt – in Text vollzieht und zum Gegenstand ihrer Handlungen macht, tangiert sie auch ein eminent politisches Problem: Die Frage der Affekte und der Spontanität im politischen Denken und Handeln, ihrer Wiederholungen, ihrer Triebgrundlage, der Erinnerbarkeit und der Konfrontation mit dem Zufall. Ist die Arbeit mit der Zeichnung eine Erinnerung an eine frühere Empfindung, so kann sie die spontane Kraft unmöglich wiedererlangen, von der die Linie anfangs angetrieben war. Was die Mühe der Rekonstruktion hervorbringt, verwandelt Spur in Material.

Till Gathmann ist Künstler, Buchgestalter und Autor. In seinen künstlerischen Arbeiten setzt er sich mit der Politik der Form auseinander, die zwischen Konzeptkunst, Fragen des Ausdrucks und psychoanalytischer Modelle verhandelt wird. Auch die Auseinandersetzung mit faschistischer Ästhetik ist ein wiederkehrendes Motiv. In der Ausgabe #1 der Zeitschrift Sans Phrase schrieb er über den Konzeptkünstler Sol Lewitt (»Object of Importance but Little Value – Analer Charakter und Werkkrise«). In der Ausgabe #3 derselben Zeitschrift schrieb er über »Der Fall Beuys. Analer Charakter und Werkkrise: Bundesrepublik Deutschland«.

Von der künstlerischen Komposition zur ästhetischen Abstraktion

Ästhetische Revolutionen zu Zeiten der Oktoberrevolution

Kerstin Stakemeier – Do 09.11.2016 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Als noch nicht sonderlich lange existierende moderne Verengung zuvor wesentlich weiter gefasster ästhetischer Produktionsformen auf einen industriell ausgeschlossenen Zweig gesellschaftlicher Folgenlosigkeit ist die Kunst ein Kapitalisierungseffekt. Und damit wären ihre Arbeitsformen ebenso wie die aller anderen modernen, industrialisierten Formen zu revolutionieren. Eben dies versuchte der russische Proletkult, eine Organisation die sich kurz vor der Oktoberrevolution in Leningrad gründete, und in den folgenden Jahren Studios in Fabriken ebenso wie an der Front eröffnete, mit dem Ziel eine allgemeine künstlerische Produktion zu eröffnen. Damit stand er, ebenso wie diejenigen die außerhalb Russlands an seine Programme anknüpften, wie etwa der von Karel Teige in Prag mitbegründete Poetismus oder Lu Märtens in Berlin verfasste Theorie des »Wesens und Veränderung der Formen (und Künste)«, im direkten Gegensatz zur Kunst- und Kulturpolitik des »orthodoxen Marxismus«. Im Vortrag soll es darum gehen diese Position nicht nur als vergangenen ästhetischen Radikalismus vorzustellen, sondern auch zu fragen warum sich die bürgerlich-kapitalistische ästhetische Beschränkung mit dem Namen Kunst sich bis heute so großer Beliebtheit erfreut.

Kerstin Stakemeier lehrt Kunsttheorie- und vermittlung an der Akademie der bildenden Künste Nürnberg. Sie forscht zur Kunstgeschichte, insbesondere deren radikalen Strängen. Sie ist immer wieder an Ausstellungsprojekten beteiligt, so etwa Aktualisierungsraum oder Klassensprachen. Für die Realism Working Group schrieb sie mit Johannes Raether über »Die Art of Falling Apart – über den Realismus der Romantik«. In KSR N°1 schrieb sie über »Künstlerische Produktion und Kunstproduktion – Polytechnik und Realismus in der frühen Sowjetunion«.