Jutta Ditfurth: Anmerkungen zur Pariser Commune

[Zur Ergänzung des in der vierten KSR-Ausgabe erschienenen Artikels über die Pariser Commune von 1871 dokumentieren wir hier einen älteren Text von Jutta Ditfurth. Wir halten ihn für eine brauchbare, prägnante Zusammenfassung der Geschehnisse, des Charakters und der Bedeutung der Pariser Commune. Er erschien ursprünglich in der Ausgabe 17/1994 der Zeitschrift ÖkoLinX.]

Anmerkungen zur Pariser Commune von 1871

Am Ende des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 gelang es den ArbeiterInnen, HandwerkerInnen und kleinen Leuten für eine kurze Zeit, die bürgerliche Staatsmacht in Paris aus den Angeln zu heben. Die Pariser Commune dauerte vom 18. März bis zum 28. Mai 1871.

… nicht mehr wie bisher die bürokratisch militärische Maschinerie aus einer Hand in die andre zu übertragen, sondern sie zu zerbrechen, und dies ist die Vorbedingung jeder wirklichen Volksrevolution auf dem Kontinent.

[Karl Marx, der durch die Pariser Commune seine Meinung über den Umgang mit dem Staat veränderte.]

Im Juli 1870 hatte der Krieg zwischen dem Norddeutschen Bund unter militärischer Führung Preußens und Frankreich auf französischem Boden begonnen. Sie kämpften um die Hegemonie in Europa. Am 4. September 1870, zwei Tage nach der französischen Teilkapitulation bei Sedan (wo Bismarck französische Kriegsgefangene einkassierte, die er acht Monate später an den französischen Ministerpräsidenten Thiers zur Niederschlagung der Pariser Commune zurückgeben würde), riefen ArbeiterInnen in Paris die Republik aus. Sie stürzten die Regierung Bonapartes.

Die französischen Gegner der Republik, versammelt in der »Regierung der nationalen Verteidigung«, schlossen am 28. Januar 1871 einen vorläufigen Friedensvertrag mit dem preußischen Gegner, um die drohende Gefahr einer Revolution im Land abzuwehren. Bismarcks Ziel war erreicht: Die Vereinigung Deutschlands von oben unter der Führung Preußens, der preußische König Wilhelm wurde deutscher Kaiser. Im endgültigen Friedensvertrag, der am 10. Mai 1871 in Frankfurt unterzeichnet werden sollte, verlor Frankreich Elsaß und Lothringen und verpflichtete sich zur Zahlung von fünf Milliarden Francs. Zwischen »Friedensvertrag« und »Friedensvertrag« lag die Pariser Commune. Das Massaker an den CommunardInnen markiert symbolträchtig und zukunftsweisend den Anfang des deutschen Nationalstaates.

Die Staatsschulden Frankreichs waren enorm und der preußische Sieger verlangte fünf Milliarden Francs zu fünf Prozent Zinsen. Marx, der krank in London lebte und jede einzelne Nachricht aus Paris auswertete, kommentierte: »Nur durch gewaltsamen Sturz der Republik konnten die Aneigner des Reichtums hoffen, die Kosten eines von ihnen selbst herbeigeführten Krieges auf die Schultern der Hervorbringer dieses Reichtums zu wälzen«. Mit Gesetzen über Zahlung von Wechseln und Mieten drohte die Regierung die ArbeiterInnen, KleinbürgerInnen, Handel und Kleinindustrie in den Ruin zu stürzen.

Neben der furchtbaren Armut (nicht nur) in Paris war das Versprechen der Republik ein Motiv für die Ausrufung der Commune: Seit 1789, seit nun fast 100 Jahren, waren, weil die Herrschenden sie zum Kampf brauchten, auch den Proletariern, Handwerkern, den sogenannten kleinen Leuten demokratische Rechte und Freiheiten versprochen worden, was sich in der Forderung nach »Republik« und »Demokratie« spiegelte. Wieder war jetzt, am 18. März 1871, eine Republik bedroht, von innen.

Die Herrschenden hatten ein Problem: Paris, immerhin die Hauptstadt Frankreichs, war im Krieg gegen die Preußen nicht zu verteidigen gewesen, ohne seine Arbeiterklasse zu bewaffnen. Aber: Ein Sieg des proletarischen Paris über den preußischen Gegner wäre auch ein Sieg der französischen ArbeiterInnen über Staat und das Kapital (gewesen). Nach dem vorläufigen Friedensvertrag bedeutete Paris in Waffen für die Bourgeoisie die Gefahr einer Revolution.

Rätestruktur und bewaffnete Macht: Die Nationalgarde von Paris

Zur Verteidigung gegen die Preußen hatten die PariserInnen ihre eigene, hauptsächlich aus Arbeitern bestehende Nationalgarde aufgebaut. Es waren Männer aus allen Stadtteilen und Bezirken von Paris, die ihre Gewehre und Geschütze selbst gekauft und bezahlt hatten. Die französische Regierung verlangte nun, um Paris zu entwaffnen und die (immer noch deklarierte) Republik in ganz Frankreich zu beseitigen, die Ablieferung dieser Waffen. (Die bürgerliche bis royalistische Nationalversammlung war als Affront gegen die Republik bereits nach Versailles ausgelagert worden.) Aber Paris weigerte sich, die Waffen abzugeben und reorganisierte die Nationalgarde: Hunderttausende im Volk verankerte, loyale Kämpfer, 215 von 266 Bataillonen.

Für die Struktur der Pariser Commune war die Struktur der Nationalgarde ausschlaggebend: Jede Ebene der Nationalgarde hatte in den Stadtvierteln ihre Vertreter für die nächst höhere Ebene selbst und direkt gewählt, bis zum Zentralkomitee. Das erste Dekret der neu gewählten Commune war kurz darauf folgerichtig, das stehende Heer durch die Nationalgarde des Volkes zu ersetzen.

Der Funke

Am 18. März 1871, frühmorgens, es ist noch dunkel, marschieren 6.000 Regierungssoldaten durch Paris, um der Nationalgarde die Kanonen zu stehlen. Frauen alarmieren die StadtbewohnerInnen, es kommt zu militanten Auseinandersetzungen mit den Regierungstruppen: die Bevölkerung, selbstverständlich auch die Frauen, verteidigt ihre Waffen.

Die Schlüsselszene: Versailles‘ General Lecomte befielt seinen Soldaten viermal, in die Menge zu feuern, stattdessen drehen die Soldaten die Gewehre um und erschießen den General und später einen zweiten, General Clement Thomas, den Schlächter der Juni-Revolution von 1848. Die übrigen gefangenen Offiziere werden, Augenzeugenberichten zufolge, fair behandelt.

Erste Phase und erste Fehler

Doe RevolutionärInnen besetzen noch am selben Tag Stadthaus, Polizeipräfektur und Ministerien. Die Regierung flieht nach Versaille. Das Volk von Paris nimmt sich die Macht und das »Zentralkomitee der republikanischen Föderation der Nationalgarde« ist seine provisorische Regierung. Das Komitee wird seine Macht, vorübergehend (zu früh, wie Marx später kritisiert) zugunsten des gewählten Communerates, kurz Commune genannt, niederlegen. Das Zentralkomotee:

»Wir maßen uns nicht an, an die Stelle derjenigen zu treten, die der Atem des Volkes hinweggefegt hat. Bereitet also sogleich die Kommunalwahlen vor und führt sie durch, und laßt uns die einzige Belohnung zuteil werden, die wir uns je gewünscht haben: Euch die wahrhafte Republik errichten zu sehen«, es gehe den Menschen jetzt darum: »die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten in ihre eigenen Hände (zu) nehmen«.

Die Commune begeht ihren entscheidenden Fehler: Sie zieht nicht nach Versailles, um die geflohne Regierung zu besiegen.

Die Wahlen zum Commune-Rat

Am Tag vor der Wahl erläßt das Zentralkomitee der Nationalgarde jenen legendären Aufruf zur Communewahl:

Bürger! Vergeßt keinen Augenblick, daß nur diejenigen Männer Euch am besten dienen werden, welche Ihr aus Eurer Mitte erwählt; denn diese teilen mit Euch dasselbe Leben und die gleichen Leiden. Mißtraut ebenso den Ehrgeizigen wie den Emporkömmlingen. Die einen wie die anderen werden bei ihren Handlungen nur vom Eigennutz gelenkt und halten sich zu guter Letzt stets für unersetzlich. Mißtraut den Schwätzern, sie sind unfähig zu handeln und werden einer Ansprache, einem rednerischen Erfolg oder geistreichen Worte alles andere opfern. Meidet ferner die großen Günstlinge des Glücks. Denn gar zu selten ist der Reiche geneigt, den Arbeiter als seinen Bruder zu betrachten. Suchet vielmehr Männer von aufrichtiger Überzeugung, entschlossene, tätige Männer des Volkes von geradem Sinne und erprobter Ernsthaftigkeit. – Gebt denjenigen den Vorzug, welche nicht um Eure Wahlstimme buhlen; denn das wahre Verdienst ist bescheiden. Es ist die Sache der Wähler, ihre Männer zu kennen, und letztere dürfen sich nicht hervordrängen. Solltet Ihr auf diese Betrachtungen einigen Wert legen, so sind wir fest überzeugt, daß es Euch gelingen wird, die wahre Volksvertretung einzusetzen und Bevollmächtigte zu finden, welche sich niemals als Eure Herren aufspielen werden.

Die Wahlen sind geheim und für Sonntag, den 26. März angesetzt. Jeder Stadtbezirk wählt auf Listen für je 20.000 Einwohner einen Gemeinderat (1.799.980 EinwohnerInnen). Insgesamt gab es 107 gewählte Communemitglieder. Die Gegner der Commune können sich in Paris organisieren und an der Wahl beteiligen. Die Commune läßt noch vier Tage vorhjer eine Demonstration der Anhänger Versailles durch Paris zu, die dann das Hauptquartier der Nationalgarde angreift und einige Nationalgardisten und ein Mitglied des Zentralcomitees tötet. Die Nationalgarde schießt zurück.

Das Wahlergebnis: Die Internationale ist mit 17 Mitgliedern vertreten, das Zentralkomitee der Nationalgarde mit 13, die Blanquisten entsenden sieben Vertreter, die radikale Presse und die revolutionäre Partei neun Vertreter, die bürgerlichen Clubs 21 und die gemäßigte oder bourgeoise Partei 15.

Die Mitglieder der bourgeoisen Partei legen sofort ihr Mandat nieder, es gab Nachwahlen. In den ersten 10 Apriltagen folgten 6 weitere Austritte, allesamt von Anhängern Gambettas, der sich vom Linken zum Anhänger der opportunistischen Strömung gemausert hat. Die Internationalisten werfen ihnen Fahnenflucht vor. Wären diese sechs linken Communeräte geblieben, hätte es etwa ab April sehr oft linke Abstimmungsmehrheiten gegeben. Eine linke Mehrheit hätte bei etlichen, schicksalshaften Entscheidungen unschätzbare Folgen gehabt. Ansonsten stimmten meistens etwa 21 bis 23 Räte mit der sozialistischen Minderheit. Zu dieser Minderheit gehörten 15 der 17 Internationalisten, zwei von ihnen gingen zur Mehrheit über, und etwa sechs Vertreter anderer Fraktionen schlossen sich den Internationalisten an. Am 16. Mai erklärt die sozialistische Minderheit ihren Austritt aus der Commune, fand sich aber zur letzten Sitzung des Rates am 21. Mai noch einmal fast vollständig ein.

Spannungen zwischen dem Zentralkomitee, der Nationalgarde und der Commune

Das Zentralkomitee hatte sich nach der Communewahl am 26. März zunächst aufgelöst, trat aber bald wieder zusammen. Einige Zeit gab es ein »gewisses Spannungsverhältnis«, gelegentlich auch offene Rivalitäten, zwischen Zentralkomitee und Communerat. Es gab bis zuletzt nur unpräzise abgegrenzte Befugnisse. Am 19. Mai, nur neunTage vor dem Ende der Commune, feiern Communerat und Zentralkomitee, ihre Aussöhnung. Auszug aus einem gemeinsamen Anschlag an das »Volk von Paris« und an die »Nationalgarde!«: Die beiden Träger der Commune halten es für notwendig, »Gerüchten über Mißhelligkeiten … ein für allemal durch eine Art öffentlichen Vertrags zunichte« zu machen.

Die Pariser Commune als Rätedemokratie: Politische und soziale Maßnahmen

Marx schrieb über die politische Struktur:

Die Kommune bildete sich aus den durch allgemeines Stimmrecht in den verschiedenen Bezirken von Paris gewählten Stadträten. Sie waren verantwortlich und jederzeit absetzbar. Ihre Mehrzahl bestand selbstredend aus Arbeitern oder anerkannten Vertretern der Arbeiter-klasse. Die Kommune sollte nicht eine parlamentarische, sondern eine arbeitende Körperschaft sein, vollziehend und gesetzgebend zu gleicher Zeit. Die Polizei, bisher das Werkzeug der Staatsregierung, wurde sofort aller ihrer politischen Eigenschaften entkleidet und in das verant-wortliche und jederzeit absetzbare Werkzeug der Kommune verwandelt. Ebenso die Beamten aller anderen Verwaltungszweige. Von den Mitgliedern der Kommune an abwärts, musste der öffentliche Dienst für Arbeiterlohn besorgt werden. Die erworbenen Anrechte und die Repräsentationsgelder der hohen Staatswürdenträger verschwanden mit diesen Würdenträgern selbst. Die öffentlichen Ämter hörten auf, das Privateigentum der Handlanger der Zentralregierung zu sein. Nicht nur die städtische Verwaltung, sondern auch die ganze, bisher durch den Staat ausgeübte Initiative wurde in die Hände der Kommune gelegt.

Die Commune sagt:

Die Stadt muß ebenso wie die Nation ihre Versammlung haben, die ohne Unterschied Munizipalversammlung oder Gemeindeversammlung oder Commune heißt.

Diese Commune

  • soll abrufbar sein, die Bürger ständig nach ihrem Willen befragen, ihre Mitglieder sollen jederzeit öffentlicher Kritik ausgesetzt und rechenschaftspflichtig sein;
  • will die autonome Entscheidung über ihren Haushalt und die Steuern;
  • will der Stadt eine nationale Miliz geben, die die Bürger gegen die Regierung verteidigt, anstelle eines stehenden Heeres, das die Regierung gegen die Bürger verteidigt;
  • verlangt die Abschaffung der politischen Polizei;
  • die Nationalgarde soll das Recht behalten, ihre Leitung selbst zu wählen.

Das Gehalt der Angestellten in der gesamten Communeverwaltung wird auf höchstens 6.000 Francs im Jahr begrenzt. Die Communemitglieder bekommen 15 Francs am Tag, soviel, wie ein »fleißiger Arbeiter in einem guten Beruf« verdient.

Gearbeitet wird in dieser revolutionären Situation fast rund um die Uhr: Zweimal täglich Sitzung, um zwei Uhr und abends bis spät in die Nacht hinein, kurze Essenspausen. Jeder gehört einer Kommission an, die die Arbeit eines Ministeriums zu dirigieren hatte und mit der Verwaltung einer dieser Abteilungen beauftragt war:

Außerdem waren wir Maires Standesbeamte und sollten unsere verschiedenen Arrondissements verwalten. Viele von uns hatten ein Commando in der Nationalgarde, und es gab vielleicht nicht einen unter uns, der nicht alle paar Augenblicke zu den Vorposten oder in die Festung eilen mußte, um die Kämpfenden zu ermuntern, ihre Beschwerden anzuhören, Streitigkeiten zu schlichten oder die militärische Lage mit eigenen Augen zu beurteilen. Jeder von uns hatte also unter diesen schrecklichen Bedingungen, da der kleinste Irrtum, der kleinste falsche Schritt alles in Frage stellen konnte, tausend verschiedene Aufgaben, die für acht bis zehn Menschen ausgereicht hätten, zu übernehmen und ordentlich durchzuführen. Wir schliefen nicht. ich kann mich nicht erinnern, daß ich mich in diesen zwei Monaten auch nur zehnmal ausgezogen und geschlafen hätte. (Communarde Arnould)

Am 29. März werden aus dem Plenum Komitees für Unterricht, Arbeit, Finanzen, Wohlfahrt, Nationalgarde, Polizei usw. gewählt. Über Reformen in der Produktion, der Schulbildung, den Finanzen und beim kommunalen Eigentum will die kommune von un an die EinwohnerInnen von Paris selbst entscheiden lassen, nicht mehr die nationale Regierung.

Politische Gefangene werden freigelassen. Als die Commune erfährt, daß die Versailler Regierung neben der alten eine neue, schneller arbeitende Guillotine in Auftrag gegeben und bereits im voraus bezahlt hatte, läßt sie die beiden »Schandwerke« am 6. April, um 10 uhr, öffentlich auf der Place de la Mairie verbrennen, »zum Zwecke der Reinigung des Stadtbezirks und der Einsegnung der neuen Freiheit.«

Am 16. Mai beobachten 25.000 Menschen wie die kaiserliche Säule auf dem Vendôme-Platz umgestürzt wird: »ein Symbol viehischer Gewalt und falschen Ruhmes, eine Bekräftigung des Militarismus, eine Verneinung des internationalen Rechts, ein dem Besiegten durch die Siger zugefügter Schimpf, ein fortwährender Mordanschlag auf einen der drei großen Grundsätze der französischen Republik, die Verbrüderung«. Die Versailler Offiziere schäumen vor Wut über die Zerstärung »dieses Denkmals der Siege unserer Väter über das verbündete Europa«.

Die Commune verteilt eine Million Francs an die Ärmsten. Sie verbietet die Versteigerung nicht eingelöster Pfänder in Leihhäusern, später verfügt sie die kostenlose Rückgabe aller verpfändeten Alltagsgüter mit einem Wert von weniger als 20 Francs. Sie schafft, mitten im Bürgerkrieg, die Nachtarbeit für Bäckergesellen ab. Arbeitgeber dürfen den Angestellten oder ArbeiterInnen keine Geldstrafen mehr vom Lohn abziehen. Alle seit dem 18. März diktierten Geldstrafen und Lohnabzüge werden rückgängig gemacht.

Am 30. März 1871 veröffentlicht die Kommune das Dekret über die Mieten: In fünf Artikeln wird sämtlichen Mietern, auch von möbilierten Zimmern, die Zahlung der Mieten für Oktober 1870, Januar und April 1871 erlassen. Bereits gezahlte Mieten werden in Zukunft angerechnet. MieterInnen erhalten für sechs Monate ein einseitiges Kündigungsrecht. Bereits ausgesprochene Kündigungen von Seiten der Vermieter können auf Wunsch der Mieter um drei Monate hinausgeschoben werden: »Die Bevölkerung von Paris, die zu neunzehn Zwanzigsteln aus Mietern besteht, ist von diesem ersten, so klaren, so einfachen und radikalen Dekret begeistert.« (Elie Reclus)

Kooperative Arbeiterassoziationen und die Bank von Frankreich

Im Bereich einer sozialistischen Umgestaltung der Industrie gelangt die Commune in den wenigen Wochen ihres Bestehens nicht über Ansätze hinaus. Viele Fabriken liegen von ihren Besitzern und Leitern verlassen in den Stadtmauern. Das verschärft Arbeitslosigkeit und Not. Die Kommune setzt spät, erst am 16. April, einen Untersuchungsausschuß ein, der die ungenutzten Anlagen inventarisiert und die Bedingungen für eine sofortige Wiederinbetriebnahme erfaßt. Die Betriebe werden von kooperativen Arbeiterassoziationen geführt. Ein Schiedsgericht soll im Fall der Rückkehr der ehemaligen Besitzer die Bedingungen für die Abtretung der Fabriken einschließlich möglicher Entschädigungen festlegen. Durch Agenten Versailles werden immer wieder Fabriken in die Luft gesprengt, um die Versorgung von Paris zu zerstören.

Ein weiterer schwerer Fehler ist, daß die Commune die Bank von Frankreich unangetastet läßt. Die bewaffnete Besetzung der Bank, die Unterbindung aller Finanztransaktionen zugunsten Versailles‘ und die Nutzung ver Finanzen zur Unterstützung der Kommune, hätten die Niederlage – vielleicht – abwenden können. Wegen dieser Schwäche der Commune konnte die Bank innerhalb von zwei Monaten 257.790.000 Francs für den Kampf gegen die Commune an Thiers auszahlen, während die Commune nach zähen Verhandlungen nur 16.000.000 Francs von der Bank erhielt.

Freie Bildung, freie Universitäten, kein Einmaleins vom Heiligen Stuhl

Als die Professoren der Hochschule für Medizin ihre Posten verlassen und die Vorlesungen eingestellt werden, richtet die Commune im April eine Kommission ein zur Gründung freier Universitäten. Die Commune will ein kommunales, kostenloses Bildungswesen. Zu dieser Neuordnung des Bildungssektors gehört auch die, mitten im Bürgerkrieg vorgenommene, Trennung von Kirche und Staat:

Die Commune von Paris, in Erwägung, daß der erste Grundsatz der französischen Republik die Freiheit ist, in Erwägung, daß die Gewissensfreiheit die erste aller Freiheiten ist, in Erwägung, daß das Kultusbudget diesem Grundsatz widerspricht, da es einen Teil der Bürger entgegen seinem eigentlichen Glauben besteuert, in Erwägung schließlich, daß die Geistlichkeit an den Verbrechen der Monarchie gegen die Freiheit mitschuldig war, verordnet die Commune die Trennung von Kirche und Staat, die Abschaffung des Kultusbudgets und die Enteignung des Kirchenbesitzes.

Victor Henri, später deportiert, sagt:

Unser ewiger Glaube ist, daß Christus in einem Stall geboren wurde und daß daher der einzige Schatz, den Nôtre Dame in ihrer Kammer besitzen soll, ein Strohbündel ist.

Der Besitz Thiers wird beschlagnahmt, sein Haus dem Erdboden gleichgemacht (Beschluß des Wohlfahrtsausschusses vom 11. Mai). Im Sitzungsprotokoll des Kommunerates findet sich eine Debatte über die »Sammlung antiker Bronze des Angeklagten Thiers«. Als Teil der »Geschichte der Menschheit« ins Museuem, lautet ein Vorschlag. »Wir sind keine Barbaren«, argumentiert Courbet gegen die Alternative, die teueren Stücke einzuschmelzen. Mitten im Bürgerkrieg leistet sich die Commune den Luxus einer fünfköpfigen Kommission, die den immensen Wert der Schätze Thiers schätzen und ihre Zukunft klären soll.

Männer-Commune & kämpfende Frauen

Frauen haben im Paris der Commune weder ein aktives noch ein passives Stimmrecht. Nie zuvor kämpften die Frauen von Paris in so großer Zahl, sie kämpften auch bewaffnet. Nie zuvpr wurden so viele Frauen vom Gegner so gezielt ermordet. In vielen Augenzeugenberichten finden sich erstaunte wie verächtliche Berichte über die »kämpfenden Weiber. Jelisaweta Tomanowskaja, 20 Jahre, russische Revolutionärin im Exil, gründet am 11. April den »Frauenbund zur Verteidigung von Paris«, dem rund 4.000 Frauen angehören. In einem Brief schreibt sie:

Wir mobilisieren alle Frauen von Paris, ich mache öffentliche Versammlungen. In allen Arrondissements haben wir in den Mairies Frauenkomitees gebildet, außerdem noch ein Zentralkomitee … Wenn die Commune siegt, wird unsere politische Organisation zu einer soliden, und wir werden Sektionen der Internationale gründen … Unsere Versammlung wurde von 3.000 bis 4.000 besucht.

Die Commune sichert, während die Kämpfe vor den Toren der Stadt heftiger werden, die Existenz der (auch nicht verheirateten) Lebensgefährtinnen gefallener Communarden und Communardinnen durch eine Grundrente. Die Commune habe durch diese »wenigen Worte für die Befreiung der Frau, für ihre Würde mehr getan … als alle die Moralisten und Gesetzgeber der Vergangenheit.« Sie habe die Frau damit »auf die Stufe völliger bürgerlicher Gleichheit mit dem Mann« gestellt und so »einen tödlichen Hieb gegen das religiös monarchistische Eheinstitut (geführt), wie wir sie in der modernen Gesellschaft vor uns haben«, schreibt ein Zeitgenosse.

Internationalistisches Selbstverständnis

Die Commune hat ein internationalistisches Selbstverständnis. Leo Frankel, ein Ungar und einer der Organisatoren der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA) in Frankreich, wird am 31. März 1871 Arbeits- und Industrieminister: »in Erwägung, daß die Fahne der Kommune die Fahne der Weltrepublik ist und daß Ausländer zugelassen werden«. Einen Monat später verkündet ein Erlaß den besonderen Schutz des Eigentums von Ausländern. »Noch nie (war) eine Regierung in Paris so … höflich gegenüber Ausländern«, notiert Marx in London.

Die Pariser Commune und Frankreich

Die Commune will Vorbild und nicht dogmatisches Schema für die anderen französischen Städte und Gemeinden sein, die ihre eigene Form, ihr eigene spezifische Gestalt finden sollen, in der sich dann selbstbestimmtes Leben und befreite Arbeit entwickeln können. Die Landgemeinden in den Bezirken sollen Abgeordnete in die Bezirksversammlung der Bezirkshauptstadt senden und diese wiederum Abgeordnete in die nationale Delegation nach Paris. Was an Entscheidungen für die Zentralregierung übrigbleibt, soll an kommunale, das heißt, streng verantwortliche Beamte übertragen werden. Die Commune vernichtet die Staatsmacht. Selbstregierung und nicht Herrschaft ist ihr Prinzip.

In vielen Städten Frankreichs entstehen Communen, keine überlebt so lange (kurz genug) wie die Pariser. Die geflüchtete Regierung verbietet in ganz Frankreich die freie Meinungsäußerung. Äußerungen zugunsten der Commune von Paris sind verboten, Repression und Spionage versuchen Nachrichten und Zeitungen aus Paris zu verhindern. Thiers versucht Frankreich gegen Paris aufzuhetzen: die Commune verzögere den Abzug der deutschen Armee. Aber die Commune hat die Friedenspräliminarien angenommen und Preußen hat Paris seine Neutralität erklärt (vorerst).

Konflikte innerhalb der Commune und die Installation des Wohlfahrtsausschusses

Über die Frage, ob die Nationalgarde nach Versailles marschieren soll, gibt es in der Commune heftige Auseinandersetzungen. Die Befürworter weisen darauf hin, daß die Nationalregierung sämtliche Rechte mißachtet, Paris von der Nachrichtenverbindung abschneidet und versucht, die Stadt auszuhungern. Die Regierung in Versailles müsse angegriffen werden, bevor sie alle Kräfte voll gegen Paris mobilisiert habe. Aber es setzen sich die Mitglieder der Commune mehrheitlich durch, die meinen, ein militärischer Angriff schade dem Ansehen der Commune. Und das, obwohl in jedem Augenblick ihrer Existenz über der Commune die Bedrohung durch Versailles schwebt. Am 30. März und am 1. April kommt es im Westen der Stadt zu ersten militärischen Auseinandersetzungen mit Versailler Truppen. Nachdem die Versailler die Commune-Bewegung im übrigen Frankreich zerschlagen und sich mit Preußen verständigt haben, ist es zu spät: Paris wird umzingelt.

Um mit der kritischer werdenden Situation fertig zu werden, setzt die Commune-Mehrheit am 1. Mai in Kampfabstimmungen den Wohlfahrtsausschuß durch, fünf Mitglieder, die in Einzelabstimmung nominiert werden. Er erhält weitreichende Vollmachten über alle Arbeitsgruppen und Unterausschüsse und ist nur der Commune gegenüber verantwortlich. Bei der Nominierung der fünf Ausschußmitglieder wurden nur 37 Stimmen abgegeben, weil 25 Ratsmitglieder aus Protest die Stimmabgabe verweigerten. Der Sitzungsbericht wird erst veröffentlicht, nachdem die Minderheit heftig gegen seine Geheimhaltung protestiert hat.

Am 5. Mai verbietet der Sicherheitszuständige der Commune, Courbet, sieben Zeitungen, weil es dem allgemeinen Moralempfinden zuwider laufe, »diejenigen durch diese Blätter ständig verleumden und beleidigen zu lassen, die unsere Rechte verteidigen, die ihr Leben hingeben für die Freiheiten der Kommune und ganz Frankreichs«.

Der Wohlfahrtsausschuss schränkt die Pressefreiheit weiter ein. Alle Artikel müssen nun wieder von ihrem Verfasser unterschrieben werden. Zehn Zeitungen werden verboten, neue dürfen vor dem Ende des Krieges nicht mehr erscheinen. Im Fall des Zuwiderhandelns werden auch die Drucker als Komplizen verfolgt und ihre Druckerpressen versiegelt.

Unter dem gewaltigen Außendruck werden die Auseinandersetzungen auch innerhalb der Kompanien der Nationalgarde heftiger. Es gibt Offiziere, die Commandos niederlegen und sich beschweren: »… fühle mich außerstande, länger die Verantwortlichkeit eines Kommandos zu tragen, wo jedermann berät und wo niemand gehorche.« Schlechte Organisation, lautet eine verbreitete Klage: Die Kommune würde ständig beraten, aber selten beschließen.

Brutalisierung der RevolutionätInnen durch militärischen Kampf?

Von Anfang an machen Gegner der Pariser Commune den Versuch, ihr Bestialität zuzuschreiben. Tatsache ist, daß sich die Commune unendlich geduldig zeigt. Der Tod der Generäle Lecomte und Thomas wird der Commune als grauenhafter Mord angekreidet. Lecomte wird von seinen Soldaten erschossen, als er ihnen zum vierten mal befiehlt, in die Menge zu schießen. General Clement Thomas ist als Schlächter der Juni-Revolution von 1848 berüchtigt.

Die Versailler Regierung erschießt gefangene (und zum Teil gefesselte) Communarden. Augenzeugen und Gefangene sagen später aus: Die Commune behandelt ihre Kriegsgefangenen human. Nach etlichen Massakern der Regierungstruppen verabschiedet die Commune ein Geiselgesetz, indem sie androht für den Fall der weiteren Erschießung von Gefangenen durch Versailles nach dem Prinzip Aug‘ um Aug‘ zu verfahren. Obwohl dieses Gesetz nur Anwendung finden kann, wenn die Versailler sich inhuman verhalten, wird dieser Beschluß von den Gegnern der Commune als »scheußlichste Verletzung der Menschenrechte« hingestellt. Die Commune wendet das Gesetz kein einziges Mal an. Nach kurzem Zögern fühlt sich Versailles ermutigt, weiter zu töten.

Der Pakt der Herrschenden gegen die Revolution

Die Lage für die Versailler Regierung ist zunächst bedrohlich. Im ganzen Land wird versucht, Communen nach Pariser Vorbild zu gründen. Thiers Apell an die Provinzen, ihm Truppen gegen paris zur Hilfe zu senden, stößt dort auf offene Weigerung. Es erreichen so viele Delegationen und Schreiben Versailles, die die Anerkennung der Republik, die Bestätigung der kommunalen Freiheiten und die Auflösung der Nationalversammlung, deren Mandat längst erloschen sei, verlangen, daß Präsident Thiers seinen Justizminister Dufaure veranlaßt, den Staatsanwälten in einem Rundschreiben vom 23. April zu befehlen, »den Ruf nach Versöhnung« künftig als ein Verbrechen zu ahnden. Die Gemeinderatswahlen, zu deren Festsetzung sich Thiers gezwungen sieht, nehmen ihm die letzte politische Legitimation: von 700.000 Gemeinderäten erhält die Rechte weniger als 8.000 Mandate. Zudem bedrohten die neu gewählten Gemeinderäte die »usurpatorische Versammlung« von Versailles mit einer eigenen Nationalversammlung in Bourdeuax.

Aufgrund der harten Situation der französischen Bauern, ist Marx sicher, daß drei Monate freien Verkehrs zwischen dem kommunalen Paris und den Provinzen einen allgemeinen Bauernaufstand zustande brächte. Die Großgrundbesitzer und ihre politische Vertretung in Versailles wissen das und umgeben Paris mit einer Polizeiblockade.

In der Hoffnung, die Niederschlagung des Aufstandes zu beschleunigen, haben die Deutschen ihren französischen Kriegsgegnern auf Seiten der Versailler viele Rechte zurückgegeben: sie dürfen wieder selbst Steuern eintreiben. Post und Telegraphenamt sind wieder in ihrer Verfügung. Die französischen Regierungstruppen werden von 40.000 auf 100.000 Mann erweitert. General Moltke: »Wir sind zur Hilfeleistung bereit, aber wir müssen darum angegangen werden und für Europa bedürfen wir darüber schwarz auf weiß.« Der deutsche General von Papen schreibt am 26. April nach Berlin: »Es (ist) himmlisch, daß sie nun selbst das heilige Paris zu bombardieren anfingen.«

Am 18. Mai wurde der Friedensvertrag mit Preußen von der Nationalversammlung in Versailles bestätigt. Bismarck darf nun mit Zustimmung Versailles die Pariser Forts solange besetzt halten, bis er mit dem Stand der Dinge zufrieden ist.

Preußen, das kein Interesse hat, daß sich die Revolution nach Deutschland ausbreitet und deshalb der herrschenden Klasse Frankreichs auch mit Fristverlängerungen bei der Kriegsentschädigung entgegenkommt, wird zum Schiedsrichter über die inneren Angelegenheiten Frankreichs. Bismarck entläßt sogar vorzeitig französische Kriegsgefangene, um Versailles Truppen gegen Paris zu stärken.

Marx:

Daß nach dem gewaltigsten Kreig der neuern Zeit die siegreiche und die besiegte Armee sich verbünden zum gemeinsamen Abschlachten des Proletariats – ein so unerhörtes Ereignis beweist, … die vollständige Zerbröckelung der alten Bourgeoisiegesellschaft … Die Klassenherrschaft ist nicht länger imstande sich unter der nationalen Uniform zu verstecken; die nationalen Regierungen sind eins gegenüber dem Proletariat!

Auflösung des Communerates

Am 21. Mai 1871 dringen die ersten Versailler Truppen in die Stadt. Der Communerat erfährt die Nachricht, die Sitzung löst sich auf, der Rat wird nicht mehr tagen. Viel zu spät werden im Kriegsministerium jene militärisch strategischen Punkte diskutiert, die sechs Wochen lang außer Acht gelassen wurden.

Die Schlacht in Paris beginnt: Zehntausende, Frauen, Männer und Kinder kämpfen an den Barrikaden »mit so ungeheurer Wut, daß an einer Stelle zwanzigtausend Regierungssoldaten volle drei Stunden benötigen, um den von einigen Dutzend Menschen verteidigten Damm auf dem Montmartre zu erobern«. Im folgenden Massaker durch die Versailler Truppen stirbt die Commune, während in New York, wie in vielen Städten der Welt in diesen Wochen, Massenversammlungen von ArbeiterInnen ihre Solidarität demonstrieren. Die Jagd der Nationalregierung auf flüchtende Communarden beginnt. In London bereiten Marx, Engels und andere SympathisantInnen der Pariser Commune Fluchtquartiere vor.

Schlussfolgerungen

Marx änderte aufgrund der Lehre der Pariser Commune einen Grundgedanken des Kommunistischen Manifestes, in dem der Staat als neutrale Institution und Hebel revolutionärer Veränderung beschrieben wurde. Am 12. April 1871 schreibt er an Louis Kugelmann in Hannover:

Wenn Du das letzte Kapitel meines ›Achtzehnten Brumaire‹ nachsiehst, wirst Du finden, daß ich als nächsten Versuch der französischen Revolution ausspreche, nicht mehr wie bisher die bürokratisch-militärische Maschinerie aus einer Hand in die andre zu übertragen, sondern sie zu zerbrechen, und dies ist die Vorbedingung jeder wirklichen Volksrevolution auf dem Kontinent. Dies ist auch der Versuch unsrer heroischen Pariser Parteigenossen. Welche Elastizität, welche historische Initiative, welche Aufopfrungsfähigkeit in diesen Parisern! Nach sechsmonatlicher Aushungerung und Verruinierung durch innern Verrat noch mehr als durch den auswärtigen Feind, erheben sie sich, unter preußischen Bajonetten, als ob nie ein Krieg zwischen Frankreich und Deutschland existiert habe und der Feind nicht noch vor den Toren von Paris stehe! Die Geschichte hat kein ähnliches Beispiel ähnlicher Größe! Wenn sie unterliegen, so ist nichts daran schuld als ihre ›Gutmütigkeit‹. Es galt, gleich nach Versailles zu marschieren, nachdem erst Vinoy, dann der reaktionäre Teil der Pariser Nationalgarde selbst das Feld geräumt hatte. Der richtige Moment wurde versäumt aus Gewissensskrupel. Man wollte den Bürgerkrieg nicht eröffnen, als ob der mischievous avorton (boshafte Zwerg) Thiers den Bürgerkrieg nicht mit seinem Entwaffnungsversuch von Paris bereits eröffnet gehabt hätte! Zweiter Fehler: Das Zentralkomitee gab seine Macht zu früh auf, um der Kommune Platz zu machen. Wieder aus zu ›ehrenhafter‹ Skrupulosität! Wie dem auch sei, diese jetzige Erhebung von Paris – wenn auch unterliegend vor den Wölfen, Schweinen und gemeinen Hunden der alten Gesellschaft – ist die glorreichste Tat unsrer Partei seit der Pariser Juni-Insurrektion. Man vergleiche mit diesen Himmelsstürmern von Paris die Himmelsklaven des deutsch-preußischen heiligen römischen Reichs mit seinen posthumen Maskeraden, duftend nach Kaserne, Kirche, Krautjunkertum und vor allem Philistertum.

Noch im Herbst 1870 hatten Marx und Engels die Pariser Arbeiter vor dem Aufstand gegen die neue bürgerliche Regierung gewarnt. Die Arbeiter hätten es nicht nur mit der bourgeoisen Regierung zu tun, sondern auch mit den preußischen Eroberern, die jederzeit bereit seien, zugunsten der herrschenden Klasse einzugreifen. Später verteidigte Marx die Pariser Commune gegen ihre zahlreichen Kritiker, die natürlich alles besser gemacht hätten: »Die Weltgeschichte wäre allerdings sehr bequem zu machen, wenn der Kampf nur unter der Bedingung unfehlbar günstiger Chancen aufgenommen werden würde.« (Das sollten sich die »reinen IdeologInnen« sonstwohin schreiben).

Die Lehren der Commune gingen in die Kämpfe der meisten nachfolgenden revolutionären Bewegungen, nicht nur in Europa, ein. Eine Bewertung der Commune muß berücksichtigen, daß wir über einige Faktoren nur unzureichende Kenntnisse haben: So ist aufgrund der Quellenlage etwa die Stärke der einzelnen linken Organisationen in Paris vor der Commune unbekannt. Aus den Wahlergebnissen zum Commune-Rat läßt sich eine linke Mehrheit zusammenaddieren, allerdings umfaßt diese ein breites Spektrum mit vielfältigen Differenzen in Fragen der Taktik und des militärischen Agierens, sowie des ökonomischen und politischen Neuanfangs. In der Tradition des Marxismus-Leninismus und des Stalinismus wird daraus fälschlicherweise abgeleitet, daß das Fehlen einer leninistischen Kaderpartei entscheidend für die Niederlage gewesen sei.

Es gibt eine Reihe von Situationen, die die Commune nicht ausgenutzt hat: Den Angriff auf die Regierung im März oder eine Besetzung der französischen Bank etwa. Die Commune handelte, das belegen ihr Name und die sehr rasch getroffenen sozialen Maßnahmen, in ener revolutionären Tradition von 1789ff. Sie war eingekreist und auf sich alleine gestellt und schuf trotzdem etwas Neues und Bleibendes: eine Rätedemokratie als revolutionäres politisches Instrument und praktische Alternative zum Staatsapparat.

Literatur und Quellen:

  • Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, Adresse des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation, Berlin 1891, 3. Auflage, in: MEW Bd. 17, Berlin (DDR) 1962
  • Prosper Lissagaray, Geschichte der Commune von 1871, edition suhrkamp, Frankfurt 1971
  • Pariser Commune 1871, Bd. 1., Texte von Bakunin, Kropotkin und Lavrov; und Bd. 2 Texte von marx, Engels, Lenin und Trotzki, rororo Klassiker, Reinbek bei Hamburg 1971
  • P.L. Lavrov, Die Pariser Commune vom 18. März 1871, Rotbuch 25, Berlin 1971