Thesen zur Avantgarde

I.

Avantgarde ist unabdingbar verbunden mit der politischen Organisierung der Künstler. Dabei kann unter Avantgarde keineswegs politische Kunst gemeint sein (auch der sozialistische Realismus wäre dann Avantgarde gewesen). Vielmehr ist Avantgarde der Versuch der Künstler, aus der Kunst heraus, ihre spezifischen (künstlerischen) Produktivkräfte dem Projekt der gesellschaftlichen Umwälzung zuzuführen. Die Avantgardisten haben dabei, mal mehr, mal weniger, ein Bewusstsein davon, dass die Umwälzung der Produktionsverhältnisse im Allgemeinen nur vollständig ist, wenn auch die Produktionsverhältnisse der Kunst im engeren Sinne umgewälzt werden, so wie umgedreht eine Aufhebung der Kunst nicht ohne Revolutionierung der Verhältnisse gelingen kann. Mit der Aufhebung der Kunst sollen jedoch keineswegs die Qualitäten der Kunst verschwinden – im Gegenteil: die Gesetze der Schönheit sollen freigesetzt und zum Prinzip der ganzen gesellschaftlichen Produktion werden.

II.

Avantgarde ist unweigerlich verbunden mit der Revolution. Dieser Umstand ist jedoch bereits in der bürgerlichen Kunst selbst angelegt. Die bürgerliche Klasse führte als aufsteigende Klasse zunächst eine Revolution auf kulturellem Gebiet durch, womit die Kultur zu einer wichtigen Waffe einer viel umfassenderen Revolution wurde. Auf dem Höhepunkt der französischen Revolution gehen dann ästhetische Gestaltung und politische Macht eine Vereinigung ein: Robespierres Fest des Höchsten Wesens ist die Geburtsstunde der Ästhetisierung der Politik. Das Bürgertum ist bekanntlich vor den Konsequenzen seiner eigenen Revolution zutiefst erschrocken – als letzte siegreiche Klasse braucht sie nach einer dennoch unvollendeten Revolution einen Bereich jenseits der unheroischen Wirklichkeit, in dem es die Konflikte seiner Subjektivität austragen kann: die Kunst ist das Ersatzterretorium jener Auseinandersetzungen, die in der bürgerlichen Welt aussichtslos geworden sind. Analog dazu nimmt innerhalb der Philosophie die Disziplin der Ästhetik eine ähnliche Rolle ein – sie ist die Vermittlerin zwischen den Antinomien des bürgerlichen Denkens. Avantgarde ist die wirkmächtige Erinnerung daran, dass die Kunst der Ersatz für die Revolution geworden ist – aus der Kunst heraus aktualisiert sie das revolutionäre Projekt.

III.

Avantgarde kann historisch erst dann auf den Plan treten, wenn die Wissenschaft zur ersten Produktivkraft geworden ist und in diesem Sinne sich zum ersten mal in der Geschichte Basis und Überbau umschlingen. Auch wenn es stets so war, dass der Gedanke mal vor der Zeit war, ihr mal hinterherhinkte, kann erst in diesem Stadium die Vorstellung entstehen, dass man im kulturellen Gebiet Vorreiter der ganzen Gesellschaft ist. Avantgarde beansprucht Vorreiter nicht lediglich im „geistigen“ Sinne zu sein – sie beansprucht, die modernsten Techniken in ihrem Sinne zu mobilisieren, wobei nicht die Industrie eine Kultur hervorbringen soll, sondern die Kultur eine Industrie zu ihren Diensten. Man braucht sich nicht darüber hinweg zu täuschen, dass Kulturindustrie und Avantgarde aus ein und derselben historischen Tendenz stammen (dies wird am deutlichsten, wenn man die Proklamationen Eisensteins einmal mit den Thesen zur Kulturindustrie abgleicht). Doch so wie der Industrialisierung das Potential innewohnt, den Menschen neben den Produktionsprozess treten zu lassen und die frei gewordene Zeit sinnvoll zu nutzen, ihn jedoch im Gegenteil zum Rädchen einer blind walzenden Maschinerie macht, so birgt die Kulturindustrie das Potential, den trivialsten Alltagsbegebenheiten eine ästhetische Dimension zu geben, doch okkupiert stattdessen den Lebensprozess mit Bildern, die nie einlösen können, was sie versprechen.

IV.

Die Avantgarde ist nicht an diesem oder jenem stilistischen Kniff oder gar am übermäßigen Gebrauch der Provokation und des Skandals gescheitert, sondern weil sie geglaubt hat, ihr Projekt als Avantgarde verwirklichen zu können. Dies war von Anfang an unmöglich. Denn genau so wenig wie sich die Revolution durch eine Minderheit ausgebildeter Berufs-Kader verwirklichen kann, kann sich die umfassende Erneuerung der Kultur durch einige wenige Spezial-Ästheten vollziehen. Die Avantgardisten haben den Anschluss an die Bewegung der Weltrevolution (d.h. die historische Arbeiterbewegung) verpasst, auch wenn sie meistens gespürt haben, dass sie zueinander gehören – bspw. der Dadaismus in der Geste der Revolte (nicht nur gegen Kaiserreich und ersten Weltkrieg, sondern vor allem auch gegen die sozialdemokratischen Machthaber der Weimarer Republik), der Surrealismus in seinem naiven Anschluss an die KP. Als einzige Strömung der historischen Avantgardebewegung hat der Konstruktivismus sich umfassend dem Projekt der proletarischen Revolution verschrieben, ohne sich von der ästhetischen Unbedarftheit der Bolschwisten unterkriegen zu lassen. Nicht umsonst war der Proletkult einer der radikalsten Partikel, die aus der Oktoberrevolution hervorgegangen sind – nicht umsonst wurde er als Konkurrenz zur KP wahrgenommen und daher liquidiert.

V.

Heute ist Avantgarde nicht deswegen unmöglich, weil Duchamps Trick, das Museum mit einem Alltagsgegenstand zu kolportieren nur einmal funktioniert (als würde es nicht tausend Möglichkeiten geben, die bürgerlichen Kulturinstitutionen anzugreifen), sondern weil das ganze Projekt der Revolution gescheitert ist. Kulturelle Revolution und ökonomische Revolution sind nicht ohneinander zu haben – nur Kunstproffesoren wundern sich da, dass auch das ästhetische Experiment am Ende der Geschichte stagniert.