Avantgarde (Rezension)

Von den anarchistischen Anfängen bis Dada
oder: wider eine begriffliche Beliebigkeit

Kurz vor dem Jahreswechsel ist ein weiterer Band der theorie.org-Reihe des Schmetterlingsverlags erschienen, der den schlichten Titel „Avantgarde“ trägt. Das Buch von Alexander Emanuely will einführen in die Geschichte derjenigen künstlerischen Bewegungen, welche die Institution der Kunst aus der Kunst heraus angreifen wollten, um die künstlerischen Tätigkeiten dem Vorhaben der Revolutionierung des ganzen Lebens zuzuführen. Mit der Avantgarde sollten der Fortschritt innerhalb der Kunst und der soziale Fortschritt keine getrennten Wege mehr gehen – was in der Konsequenz die Aufhebung der Trennung von Kunst und Leben, die Aufgabe der Kunst als spezialisierter Tätigkeit erforderte. Alexander Emanuely entwirft in seinem Buch nun keine Theorie der Avantgarde – die er streng auf Dadaismus, Surrealismus, Lettrismus und die Situationisten beschränkt wissen will – und auch keine Geschichte jener Bewegungen. Vielmehr spürt er untergründigen Verbindungen nach, die die Akteure der Avantgarde miteinander verband. Ein Beispiel:

Im Sommer 1898 schreibt Léon Blum in der Zeitschrift „Revue Blanche“ – herausgegeben von dem Anarchisten Félix Fénéon, den Emanuely als einen der wichtigsten Wegbereiter der Avantgarde einführt – eine heftige Anklage gegen die „abscheulichen Gesetze“. Diese Notstandsgesetze (ähnlich wie die preußischen Sozialistengesetze, bloß auf die Anarchisten bezogen) waren in Frankreich eingeführt worden, nachdem der Anarchist Auguste Vaillant eine Bombe in die französische Nationalversammlung geworfen hatte. Im Januar 1932 schreibt der Surrealist Louis Aragon ein Loblied auf die Rote Armee, in der er zur Erschießung einiger sozialdemokratischer Politiker aufruft – unter ihnen Léon Blum, der mittlerweile Vorsitzender der Sozialisten geworden ist. Dieses Gedicht hat zur Folge, dass die „abscheulichen Gesetze“ gegen Louis Aragon angewendet werden, der nur knapp fünf Jahren Haft entkommt. Kurze Zeit später schreibt Aragon – der mittlerweile zum sozialistischen Realismus konvertiert ist – einen Roman, indem er eine Schimpftirade auf jenen Auguste Vaillant loslässt, der damals die Bombe ins Pariser Parlament geworfen hatte. Er hätte der Arbeiterbewegung die „abscheulichen Gesetze“ eingebrockt und überhaupt würde Aragon sich nicht wundern, wenn so einer wie Vaillant in Wahrheit im Auftrag der Geheimpolizei gehandelt hätte. Agents Provocateurs und V-Männer hatte es in der anarchistischen Szene jener Zeit tatsächlich gegeben – unter ihnen Louis Andrieux, der uneheliche Vater von Louis Aragon.

Schon allein aus diesem einzelnen Ausschnitt wird deutlich, dass die Geschichte der Avantgarde aus einem Geflecht von Verbindungen und Schicksalen besteht, die kaum an der Oberfläche zutage liegen – und dass es sich um eine Geschichte handelt, die man kaum linear erzählen kann. Alexander Emanuely erzählt diese Geschichte, indem er sie durch zahlreiche Annekdoten einkreist – immer wieder ausschweift, um dann wieder zu zentralen Figuren der Avantgarde zurückzukehren. Trotz seines Annekdotenreichtums wirkt das Buch dennoch an keiner Stelle kalauerhaft. Die Ernsthaftigkeit der Bemühung geht an keiner Stelle verloren, stets hat man das Gefühl, Relevantes zu erfahren.

Besonders verdienstvoll an dem Buch ist, dass Emanuely einen großen Schwerpunkt auf die Verwurzelung der Avantgarde in der anarchistischen Bewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts legt, die in der etablierten Avantgarde-Forschung kaum eine Rolle spielt. Weiterhin widmet sich Emanuely Figuren, die für die Avantgarde zentral gewesen sind, die aber sonst eher als randständig wahrgenommen werden: neben dem oben bereits genannten Félix Fénéon etwa Alfred Jarry, Arthur Cravan, Jules Vallés, Guillaume Apollinaire und weitere. Wertvoll ist das Buch außerdem dahingehend, dass Emanuely aus zahlreichen bisher unübersetzten französisch-sprachigen Quellen zitiert, wofür er die entsprechenden Zitate jeweils selbst übersetzt hat.

Das Buch ist keine Theorie der Avantgarde und keine lineare Geschichte der Avantgarde. Es ist vielmehr eine Verortung, eine Geografie der Avantgarde, wie Emanuely im Nachwort selbst schreibt (und tatsächlich ließe sich anhand Emanuelys Buch eine Kartografie der Avantgarde anfertigen). Diejenigen, die sich bisher kaum mit dem Thema beschäftigt haben, mag es neugierig machen, um die Spuren weiter zu verfolgen, was sich hinter dem Versuch der Avantgarde verbarg – diejenigen, die sich bereits mit Avantgarde beschäftigt haben, erhalten ein verdichtetes Bild der untergründigen Verbindungen und Verstrickungen zwischen ihren Akteuren. Der vorliegende erste Band reicht von den anarchistischen Anfängen bis zum Dadaismus – noch im Frühjahr wird der zweite Band erscheinen, der dann den Surrealismus, den Lettrismus und die Situationisten behandeln wird.

 
Texte von Alexander Emanuely bei KSR:

Surrealismus und Revolution – Ein historisch-assoziativer Rückblick auf den Surrealismus mit einem Augenzwinkern als Ausblick (KSR#1)

Enjolras – oder die Attacken der Louise Michel (KSR#4)

 
Interview mit Alexander Emanuely (Radio Corax):

 
Weiteres Material zum Thema:

Thesen zur Avantgarde

Thesen zur Kunst

Alexander Emanuely: »Man reiche mir einen anderen Kosmos, oder ich krepiere!« Über Einstein, Surrealismus, Schreie und Cravan

Anselm Jappe: Waren die Situationisten die letzte Avantgarde?

Anselm Jappe: Sic transit gloria artis. Theorien über das Ende der Kunst bei Theodor W. Adorno und Guy Debord

Biene Baumeister Zwi Negator: Ihre eigene Situation ist paradox – Die Situationistische Internationale (1957 – 1972) und das Verschwinden von Kunst – Politik – Avantgarde (KSR#1)