›Verschiebung‹ No.1 ist erschienen

Verschiebung. Broschüre zum Verhältnis von Kunst und Gesellschaft #1

Am 21.02.2015 ist unter dem Titel »Verschiebungen« ein Magazin erschienen, das unter folgender Adresse bestellt werden kann: lamerde@gmx.de – die Kosten betragen 8,- € pro Exemplar. Neben einigen essayistischen Reflexionen zum Verhältnis von Kunst und Gesellschaft enthält das Magazin Gedichte und Prosa-Texte sowie zahlreiche Photografien, Zeichnungen, Gemälde und eine Musik-CD. Das Magazin will über die Untersuchung ästhetischer Objektivationen Rückschlüsse auf den derzeitigen Entwicklungsgang der Gesellschaft ziehen und fragt nach den Möglichkeiten ihrer revolutionären Überwindung. Untenstehend könnt ihr das Inhaltsverzeichnis sowie das Editorial einsehen.

Inhalt

  • Editorial
  • Lukas HolfeldEs rette uns die Kunst? Anmerkungen zu einer Kritik der Ästhetik
  • Xuehka – Zeichnungen I
  • Lena HaubnerAnfangsgründe einer wechselseitigen Erhellung von Schrift und Kultur, Teil 1: 15. & 16. Jahrhundert
  • Lea Hopp – Bildserie I
  • Pilli Mandel – #1
  • Martin KrempelDie enigmatische Sprache der Kunst: Becketts Roman ›Der Namenlose‹ mit Adorno gelesen
  • Lea Hopp – Bildserie 2
  • Stanley Schmidt / Evelyne Laube – Hitlermorphose / ›Hitlerkäfer‹
  • Lena HaubnerLeid ästhetisch beredt werden lassen? Die Problematik der künstlerischen Darstellung von Leid bei Schönberg, Spielberg und Nachtwey
  • Daniel Homann – Le Havre
  • Xuehka – Zeichnungen 2
  • Pilli Mandel – #2
  • Maximilian Koch / Tina FerusFreuds Traumdeutung: Eine Erinnerung / Foto
  • Manuel Stallbaumer – Gedichte
  • Thomas Zimmermann / a.w.Apparate infrage stellen, andere Praktiken entwickeln, Verhältnisse neu gestalten / Zeichnungen
  • Torsten CremerHinter den Kulissen einer Zuckerbäckerstadt. Über einen Fall von Polizeigewalt in Weimar
  • Maximilian Koch – o.T.
  • Songs for Pneumonia – Interview von Teufelweich Schriebsie & CD

Editorial

Dieses Konglomerat an Texten, literarisch-prosaischer und theoretisch-reflexiver Art, Gedichten, Photographien und Zeichnungen, musikalischen und dramaturgischen Ergüssen, ist der Untersuchung des Verhältnisses von Kunst und gesellschaftlicher Realität in der Postmoderne gewidmet. Mittelpunkt dieser Untersuchung ist die Frage nach den Funktionen und der gesellschaftspolitischen Relevanz von Kunst im 21. Jahrhundert.

Dieser Frage muss sich gestellt werden, da Kunst und künstlerische Produktion mit der Befreiung aus der sakralen und höfischen Inanspruchnahme im Feudalismus zur bürgerlich freischaffenden, relativ-autonomen Kunst1 Erfahrungswertes der Ästhetik den Warenwert setzt. Gemeint ist damit, dass Kunst als zur Kulturindustrie2 gewordene in Komplizenschaft mit den herrschenden Verhältnissen tritt, und ihr subversives Potenzial, welches die Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts für eine soziale
Revolution noch ausmachten3, geht in der Reproduktionssphäre verloren, welche Kunst zum Konsumgut degradiert. Jedoch ermöglichten und ermöglichen die veränderten ökonomischen Bedingungen neue Formen künstlerischer Produktion und damit auch ästhetischer Erfahrung. Im Widerstreit zu diesen neuen Formen steht potenziell wiederum die Konstitution des Subjekts, welche sich durch die historischen Entwicklungen ebenfalls weitgehend wandelte und demnach auch die Fähigkeit berührt ist, ästhetische Erfahrungen machen zu können. Beides – die Veränderungen des Status der Kunst und der Konstitution der Individuen in der Postmoderne, welche Kunst schaffen oder rezipieren – bedarf deshalb einer genaueren Betrachtung, um zum einen feststellen zu können, welche gesellschaftlichen Antagonismen diese prägen und durchziehen, und zum anderen Rückschlüsse auf den derzeitigen Entwicklungsstand der Gesellschaft ziehen zu können, welche eine revolutionäre Praxis wieder in den Raum stellt und ermöglichen könnte. Kunst selbst, ein Musikstück oder ein Gemälde, Streetart oder Performance, wird in Verschiebungen also vorerst nicht als an sich revolutionär begriffen4, sondern als ideologisches Moment, das heißt als verkehrter Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse.

Es verbleibt jedoch eine Lücke, worauf der Titel dieser Broschüre schließen lässt. Denn das, was an Kunst als Ideologie im engsten Sinne aufscheint, ist die Möglichkeit von etwas anderem als dem, was ist; sind verschüttete Potenziale und Träume, die die gesellschaftliche Realität versagt, aber in Kunst realisiert sein können. Es findet eine Verschiebung in die künstlerische Sphäre statt, welche unterdrückte oder versagte Bedürfnisse – die unter den gesellschaftlichen Bedingungen durch beispielsweise Normen und ökonomische und soziale Zwänge an ihrer Auslebung gehindert sind5 – durch eine ästhetische Verarbeitung ähnlich wie in der Traumarbeit deformiert oder »codiert«. Kunst ist also eine Art Erinnerung oder ein Aufblitzen verdrängter Bedürfnisse und versteckter Momente, welche ermöglichen kann, diese zuerst ästhetisch erfahrbar, damit der Sprache zugänglich und letztlich handhabbar zu machen. Darin liegt ihr Potenzial, auch im kulturindustriellen Zeitalter, und damit kann man sich über den gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft und ihrer Subjekte bewusst werden. Zugleich ist es das ideologische und damit tückische Moment der Kunst, die im oben genannten Sinne nicht revolutionär ist, da sie das Leid oder eben diese Bedürfnisse lediglich in sich aufhebt, aber nicht fähig ist, dieses in der Gesellschaft abzuschaffen oder jene zu verwirklichen. Die Verschiebung ist eine doppelte: als Verweis auf etwas anderes – wie auch immer dieses »andere« gefüllt sein mag – kann sie potenziell zur Bewusstwerdung über die Notwendigkeit einer Revolution beitragen; als kompensatorische Projektion kann sie diese Bewusstwerdung aber auch verhindern, wofür das immer gleiche »Happy End« der Kulturindustrie steht.

In dieser Broschüre soll eine kontroverse Auseinandersetzung mit diesen hier angerissenen, theoretischen Überlegungen zur Funktion der Kunst, dem gesellschaftlichen Entwicklungsstand und ihrem Zusammenhang stattfinden. Diese Untersuchung kann zum einen nicht in dieser einen Ausgabe abgeschlossen werden, und zum anderen bedarf sie einer umfassenderen Betrachtung, weshalb entschieden wurde, sich den verschiedenen künstlerischen „Disziplinen“ zu widmen, um einen beschränkten Fokus auf eine künstlerische Form zu vermeiden. Des Weiteren wurde vermieden, ein festes Thema zur Bearbeitung den AutorInnen und Schaffenden vorzuschreiben, um dem eigenen Anspruch, sich der Problematik aus verschiedenen Perspektiven zu nähern, möglichst gerecht zu bleiben. Trotzdem weist diese Ausgabe von Verschiebungen noch einige Lücken auf – Mode findet beispielsweise leider keinerlei Beachtung, und eine Beschäftigung mit der geschlechterspezifischen Rollenverteilung in der Kunstproduktion sollte intensiviert werden – weshalb eine nächste Ausgabe hoffentlich möglich und Kritik oder Anregungen von den LeserInnen erwünscht ist.

  1. Einführend zum Autonomiestatus der Kunst siehe: Peter Bürger: Theorie der Avantgarde. Frankfurt a.M. 1974. [zurück]
  2. Der Begriff der Kulturindustrie wurde von Theodor W. Adorno entwickelt. Siehe hierzu: Theodor W. Adorno, Max Horkheimer: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt a.M. 2008. [zurück]
  3. Nicht alle Avantgarden des 20. Jahrhunderts verbanden mit ihrer Revolutionierung v.a. künstlerischer Techniken eine soziale oder gar sozialistische oder kommunistische Revolution. Beispielhaft sind hier die Futuristen, welche sich größtenteils dem Faschismus an den Hals warfen. [zurück]
  4. Das heißt, dass ein Bild o.d. nicht zu einer sozialen Revolution führen kann. [zurück]
  5. Hier wird zum einen auf Sigmund Freuds Arbeiten zur Traumdeutung und zum anderen auf dessen Gesellschaftsbegriff angespielt. Siehe dazu: Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur. Frankfurt a.M. 1997. Sigmund Freud: Die Traumdeutung. Frankfurt a.M. 1996. [zurück]