Archiv für September 2014

KUNST, SPEKTAKEL & REVOLUTION No.4


RELEASE am 30.10.2014

ACC Galerie Weimar
20:00 Uhr

Die Veranstaltungsreihe Kunst, Spektakel & Revolution findet seit 2009 in der ACC Galerie Weimar statt. Es geht um die Erforschung des künstlerischen Sektors in gesellschaftskritischer (wenn möglich revolutionärer) Absicht. Parallel zur Reihe sind bisher drei Broschüren erschienen, die die hier diskutierten Themen (Werke, Personen, Epochen, Ästhetiken) in schriftlicher Form dokumentierten. Wir freuen uns, verkünden zu können, dass nun die vierte Ausgabe der Publikationsreihe Kunst, Spektakel & Revolution erscheint.

Die vierte Ausgabe dokumentiert den Veranstaltungsblock, der im Sommer 2012 unter dem Titel »Die Verwirklichung der Poesie« stattgefunden hat. Thema ist das Verhältnis von Poesie und Revolution – revolutionäre Poesie, Poetik der Revolution – im Laufe des 19. Jahrhunderts. Die beiden Wegmarken bilden dabei die Französische Revolution von 1789ff und den Aufstand der Pariser Commune von 1871. Jene Revolution und dieser Revolutionsversuch haben bestimmt, was in dieser Epoche möglich war, haben eröffnet, was künftig möglich sein würde und hinterlassen ein Erbe, das noch zu rächen sein wird – auch im Bereich der künstlerischen Produktion. Besprochen werden im Heft u.a.: Friedrich Hölderlin, Heinrich Heine, Rahel Varnhagen, Comte de Lautréamont, Arthur Rimbaud, Baudelaire und Blanqui, Richard Wagner, Louise Michel und die Frauen der Pariser Commune.

Am 30.10.2014 wird das Heft in der ACC Galerie vorgestellt und wird erstmals erhältlich sein. Außerdem stellt Clemens Bach die Thesen seines Textbeitrags über die Romane von Joris-Karl Huysman und Comte de Lautréamont vor. In Huysmans‘ Roman »Gegen den Strich« und Lautréamonts »Gesängen des Maldoror« spürt er einen negativen Kern pädagogischer Prozesse auf und stößt dabei auf die Grenzen, die der Leib dem pädagogischen Zugriff setzt und dabei ein fiebriges Erschaudern vor dem gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft hervorruft. Passagen aus beiden Romanen werden leserisch vorgetragen. Anschließend erwartet die BesucherInnen ein Jam des elektro-akustischen Ensembles »Pneumonia« in den Räumen der ACC Galerie.

»Ein eigenes Zimmer hab‘ ich schon«

Teil 3 – Mythos und Naturbeherrschung: von der Kunst, den Künstlerinnen und dem Geschlecht

Workshop, initiiert von KSR, zusammen mit Karina Korecky, Irene Lehmann und Marlene Pardeller21.-23.11.2014, Berlin

    Beginn am Fr, 21.11. 18 Uhr
    Ende am So, 23.11. ca. 16 Uhr
    Ort: filmArche Berlin, Görlitzer Str. 42, 10997 Berlin

Weiblichkeit und Kunst stehen in einem widersprüchlichen Verhältnis. Die Schöpferinnen künstlerischer Werke sehen sich nicht nur mit strukturellen Ungleichheiten am Kunstmarkt konfrontiert, mit niedrigeren Honoraren und kleineren Ausstellungsflächen, sondern vor allem mit (Selbst-)Zweifeln an ihren produktiven Kräften. Das überrascht zunächst, weil gerade Kunst gemeinhin als das Andere zur Ratio begriffen wird, als „ewige Naturanlage des Spieltriebs“, wie Adorno die herrschende Ideologie wiedergibt, und deswegen enger mit Weiblichkeit verknüpft wird als Wissenschaft oder Politik. Dennoch zeigt sich die Kunst den Frauen gegenüber ähnlich sperrig wie andere Bereiche: Insbesondere die Fähigkeit zur Entwicklung einer eigenen Formensprache wird Frauen abgesprochen – unabhängig davon, wie viele Werke von Künstlerinnen als Gegenbeweis angeführt werden können. In unserem mittlerweile dreieinhalbteiligen Workshop fragen wir, warum das so ist, wie Künstlerinnen mit diesen Hindernissen umgehen und wie sich dies in ihren Werken niederschlägt.

Im ersten Teil ging es um die geschlechtliche Konnotation der Kunst als solcher und was daraus für Künstlerinnen folgt. Die Kunst ist und erscheint autonom, losgelöst von Gesellschaft oder Geschlecht, aber in ihrem konkreten Erscheinen, sei es im Kunstwerk oder den Institutionen, wiederholt sich das Geschlechterverhältnis. Das autonome Genie wie die avantgardistische Künstlergruppe gleichermaßen haben die Abspaltung des Weiblichen zur Voraussetzung, die immer wieder neu stattfindet. Im eigenen Zimmer (Virginia Woolf) entdeckten wir: Jede muss immer wieder von vorn anfangen, es gibt keinen Fortschritt, in den wir uns selbstverständlich einfügen können (Geological Turn).

Im zweiten Teil diskutierten wir die Natur des Genies und sein Schicksal durch die Dialektik der Aufklärung – von Kant bis Otto Weininger – hindurch. Wir untersuchten das Verhältnis von Geist und Natur in der Kunstproduktion, das dem männlichen Subjekt vorbehalten ist, und seine Veränderungen. In der Literatur von Marina Zwetajewa, Djuna Barnes und Ingeborg Bachmann zeigt sich, was passiert, wenn Autorinnen die gleiche schöpferische Kraft für sich in Anspruch nehmen. In der Performance-Kunst zeigen Carolee Schneemann, Yvonne Rainer und Eva Hesse welche Provokation es bedeutet, den eigenen Körper zum Objekt der Kunst zu machen und damit zu versuchen, über ihr eigenes Bild und die Art des Betrachtetwerdens selbst zu bestimmen.

Die Verknüpfung von Weiblichkeit mit Natur als Grund und Quelle der inferioren gesellschaftlichen Position der Frauen zu identifizieren, gehört zu den grundlegenden Übungen feministischer Kritik. Bei der Analyse des Genies zeigte sich jedoch, dass auch die Natur, produktiv gemacht für die Schöpfung, gewissermaßen auf Seiten des Mannes liegt und die Frau davon ausgeschlossen ist. Wenn die Weiblichkeit aus allem herausfällt, weder Geist noch Natur, weder Künstlergenie noch Kunstexperte, weder Subjekt noch Objekt bedeutet, wie lässt sich ihre Position dann beschreiben? – Im dritten Teil unseres Seminars gehen wir von der Ähnlichkeit von Weiblichkeit und Kunst aus, den beiden „gesellschaftlichen Naturschutzparks der Irrationalität“ (Adorno). Nichts scheint entfernter von der aktiven Beherrschung äußerer und innerer Natur als Weiblichkeit und Kunst, trotzdem müssen auch Frauen aktiv tätig sein (in der Beherrschung ihres Körpers wie am Arbeitsplatz), den aktiven Prozess aber virtuos hinter den Resultaten verschwinden lassen. Mit dem schönen ewigen Weiblichen und dem unvergänglichen Kunstwerk wird ein mythisches Bild erzeugt, das Trost spenden und erhebende Gefühle produzieren soll. Wie Naturbeherrschung in Mythos umschlägt, und Aufklärung den Regentanz am Leben hält, wiederholt und verschleiert Kunst nicht nur die vermeintlich mythischen gesellschaftliche Phänomene, sondern kann auch eine besondere Erkenntnisform darstellen, sie zu entziffern.

Wir werden wieder keine fertigen Ergebnisse präsentieren, sondern wollen mit euch mithilfe von Impulsreferaten, Textlektüre und Diskussion eine erneute Schleife um die ewig gleichen Fragen drehen. Ein Reader mit Texten wird nach der Anmeldung zugesandt. Wir freuen uns auf euch!

Löwe im Bonsaiwald

(Löwe im Bonsaiwald, Cosima von Bonin)


Workshop-Programm

Fr, 21. November, 18 Uhr
Rückblick auf Teile 1+2 und Einleitung, Abendprogramm

Sa, 22. November, vormittags
Antigone has no story – Mythen des Subjekts und Weiblichkeit als Mythos (Karina Korecky)

Die Aufklärung hat mit den Mythen aufgeräumt, gegen Glauben und Aberglauben Vernunft und Wissenschaft gesetzt, die Mythen als Projektionen des Subjekts entlarvt. Dem universellen Geist gegenüber reduzierten und verallgemeinerten sich die einzelnen griechischen oder biblischen, indischen und sonstigen Legenden, Sagen um Stämme, Götter, Kulte und Kriege zu dem Mythos. Aus den spezifischen Überlieferungen wurde die Markierung der Grenze begrifflicher Kategorien, aus den Erzählungen ein Akt, aus den Geschichten ein Vorgang. Dabei produzierte und produziert die Genese des universellen Geistes einen neuen Mythos, den die Aufklärung nicht als solchen erkennen wollte: die Weiblichkeit. Ihre scheinbare Geschichtslosigkeit wurde der wahre Mythos bürgerlicher Gesellschaft, nicht die Odyssee oder der Exodus. Das ausgehende 20. Jahrhundert hat die gesellschaftliche Konstruktion der Geschlechterdifferenz wahrgenommen, aber die Reproduktion des Mythos Weiblichkeit setzt sich dennoch unbeeindruckt fort.

Wie stellt sich also der Mythos her? Der Gedanke der Kritischen Theorie eines Umschlags von Mythos in Naturbeherrschung und Naturbeherrschung in Mythos, einer Reproduktion des Mythos im bürgerlichen Handgemenge, lässt sich subjektkritisch-feministisch pointieren: Wie produziert der Werdegang des naturbeherrschenden Subjekts die Weiblichkeit? Können dadurch vielleicht auch die Stoffe der Mythen und ihre Bedeutung im bürgerlichen Denken, interpretiert werden?

Sa., 22. November, nachmittags
„Shout, Sister, Shout!“: The „Godmother of Rock’n’Roll“ und „MagnifiCathy“ – Sirenengesang, Improvisation und Stimmartistik (Irene Lehmann)

Wie an der Performancekunst im letzten Seminar deutlich wurde, erfährt das körperliche Moment der Kunst seit den 1960er Jahren größere Aufmerksamkeit. Besonders die Stimme erscheint als ideale Verbindung körperlicher und geistiger Momente. Sie ist zugleich ein Aspekt, der für die Zuweisung von Geschlechtsidentitäten von größter Bedeutung ist. Wenn so unterschiedliche Künstlerinnen wie Rosetta Tharpe und Cathy Berberian singen, kündigen sie die ihnen zugewiesenen Rollen als Frauen und Künstlerinnen auf. Improvisation und die avantgardistische Verwendung aus der Kunst ausgeschlossener Laute führen in die Spannung zwischen Notation und Gesang, zwischen (scheinbar) Unveränderlichem und Flüchtigen, zwischen Konstruktion und Ausdruck und weist auf die Zwischenstellung der Kunst zwischen Mythos und Naturbeherrschung.

Die dialektische Beziehung von mimetischem Impuls und Form ist einer der zentralen Ausgangspunkte von Adornos Ästhetischer Theorie, die zugleich ins Zentrum der Dialektik der Aufklärung führt. Sich mimetisch an das Objekt angleichen und es so zum Ausdruck zu bringen, ist eine Praxis aus den animistischen Tagen der Menschheit, die in der Kunst eingekapselt bleibt, und sie vom begrifflichen Denken unterscheidet. Anhand der Auseinandersetzung mit ästhetischer Praxis und ihrer Theorie werden wir erforschen, wie sich aus dem Zentrum der in der Dialektik der Aufklärung verankerten ästhetischen Kategorien heraus eine besondere Perspektive der Kunst über das Geschlechterverhältnis der bürgerlichen Gesellschaft konstruieren lässt und was diese zu Tage fördern mag.

So., 23. November, vormittags
Die Kugel im Herzen. Jägerinnen zu Zeiten des Kommunismus (Marlene Pardeller)

Als bei Djuna Barnes in Nightwood (1936) die Löwen erstarrten, in Paris, konnten keine Kunststücke mehr mit ihnen vollführt werden wie Virginia Woolf es noch geraten hat (On being ill, 1926), sondern sie versteinerten. Thronen stumm und starrend vor dem Hauseingang des Geliebten in Ingeborg Bachmanns Malina (1971).

Scheinbar verschwunden, werden die Löwen, Ausdruck für den verinnerlichten männlichen Willen, zu Fleisch bei Claire Legendre (Viande, 2001), tauchen als Mischwesen zwischen Vogel und Löwe – distanzlos als Sphinx – auf, die die Protagonistin selbst ist.

Silvia Avallone (Acciaio, 2010) und Lisa Kränzler (Nachhinein, 2013) kennen gar keinen Löwen mehr, aber Arbeiterinnenkinder und kommunistische Mütter bevölkern die Zeilen, Wünsche und Ziele der Protagonistinnen werden formuliert. Entlang der Schriftstellerinnen aus und nach der Oktoberrevolution wollen wir herausfinden, was mit den Löwen im Kommunismus passierte. Alexandra Kollontai (Liebe drei Generationen, aus der Oktoberrevolution heraus), Jelena Guro (So ist das Leben, vor der Oktoberrevolution) und Nina Berberova (Eine ganz normale Woche, nach der Oktoberrevolution) sind keine Löwendompteusen mehr sondern Jägerinnen.

Welche Schwierigkeiten und Fragen tauchen da auf, wo die Frau ein freier Mann, nein, Mensch werden soll? Und
werden wir nie wieder mit Löwen spielen können?

  • wir bitten um eine Anmeldung über das Kontaktformulardie Anmeldeliste ist jetzt geschlossen
  • ein Reader mit Texten wird nach Anmeldung zugesandt
  • falls ihr einen Übernachtungsplatz in Berlin braucht, könnt ihr uns gern kontaktieren

KSR #4 – Heftvorstellung in Leipzig

Vorstellung der neuen Ausgabe (#4) – 11.12.2014 – IfZ
Eine Veranstaltung von BiKo, EnWi und KREV

    Ort: Institut für Zukunft (Kohlrabizirkus / An den Tierkliniken)
    Beginn: 20:00 Uhr
    Eintritt: 3 €

Im Oktober 2014 ist die vierte Ausgabe der Broschüren­-Reihe Kunst, Spektakel & Revolution erschienen. Sie basiert auf der gleichnamigen Vortragsreihe, die seit 2009 in der Weimarer ACC Galerie stattfindet. Die neue Ausgabe steht unter dem Titel „Die Verwirklichung der Poesie“ und enthält 14 Texte zur Dichtung des 19. Jahrhunderts und ihrem Verhältnis zur Revolution.

Das Heft wird an diesem Abend im Gespräch vorgestellt. Im Anschluss referiert Sebastian Tränkle (Co-Autor des Buches „Gewalt und Moral“), passend zum Thema der Broschur, über Georg Büchner und dessen Bearbeitung des Problemkomplexes von Moral und revolutionärer Gewalt.

Mit einer Live­Session von Songs for Pneumonia (Ambient/Jazz/Noise/Elektronik, Weimar) und DJ Sets von FAQ und Stanley Schmidt wird das Erscheinen der neuen Ausgabe danach gefeiert.

Vortragsankündigung:

»Der Despotismus der Freiheit«. Über revolutionäre Moral und das Glück des Einzelnen in Georg Büchners Dantons Tod.

Vortrag von Sebastian Tränkle

In Georg Büchners Dantons Tod (1835) wird ein zentrales Problem aller revolutionären Politik dramatisiert: Der Konflikt zwischen der ihr zugrunde liegenden Moral und dem Glücksstreben der einzelnen Individuen. Büchners Drama – in der Sprache so unerhört modern, dass man bisweilen meinen möchte, es nehme Brecht vorweg – seziert in geradezu ideologiekritischer Manier die jakobinischen Moralvorstellungen und ihren blutigen Konsequenzen. Aus der historischen Rückschau lässt das zur terroristischen Endzeit der Französischen Revolution situierte Stück gar Fluchtlinien hin zum Großen Terror des Stalinismus erkennen. Vor dem Hintergrund der beiden historischen Erfahrungen wird die Fragwürdigkeit eines jeden Ansatzes zu einer politischen Ethik deutlich. Mit einem Seitenblick auf Oscar Wilde soll ihr schließlich eine materialistische Absage erteilt werden: Dort wo nur für »die Sache« gekämpft wird, statt für das eigene Glück ist die Revolution schon an den Revolutionären gescheitert – oder zeitgemäßer formuliert: führt sich jeder Versuch zur Befreiung selbst ad absurdum.

Von Sebastian Tränkle ist jüngst ein Aufsatz zum Thema erschienen: »Polizeisoldat des Himmels. Über revolutionäre Moral und die Negation des individuellen Glücksanspruchs«, in: Hendrik Wallt (Hg.), Gewalt und Moral. Eine Diskussion der Dialektik der Befreiung, Münster: Unrast 2014. Der Vortrag möchte mit dem Essay auch das Buch vorstellen. Sebastian Tränkle ist als freier Autor tätig und lebt in Berlin.