Über die Pariser Kommune

[Wir dokumentieren hier den Text »Über die Pariser Kommune« der Situationisten Guy Debord, Attila Kotanyi und Raoul Vaneigem. Der Text ist deutschsprachig im dritten Heft der SI-Textsammlung der Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft (›Weltpolitische Schriften‹) erschienen und florierte bisher nicht im Internet.

    ➳ I.

Man muß die klassische Arbeiterbewegung wieder mit offenen Augen zu studieren lernen, und vor allem klaren Kopf bewahren gegenüber den verschiedenen Arten der politischen und pseudotheoretischen Erben, denn diese haben nur ihre Schlappe geerbt. Die augenscheinlichen Erfolge dieser Bewegung sind ihre fundamentalen Fehlschläge (der Reformismus oder die Einrichtung einer staatlichen Bürokratie) und ihre Fehlschläge (die Pariser Kommune oder die Revolte in Asturien) sind bisher ihre aufschlußreichsten Erfolge für uns und für die Zukunft.

    ➳ II.

Die Pariser Kommune ist das größte Fest des XIX. Jahrhunderts gewesen. Grundlegend dazu war der Eindruck der Aufständischen, Herren über ihre eigene Geschichte geworden zu sein, nicht so sehr auf der Ebene des politischen ‚Regierungs‘-Beschlusses, als auf derjenigen des alltäglichen Lebens in diesem Frühling des Jahres 1871 (man denke an das Spiel aller mit den Waffen – was eigentlich ‚mit der Macht spielen‘ bedeutet). Auch in diesem Sinne soll Marx‘ Satz verstanden werden: „Die große soziale Maßregel der Kommune war ihr eigenes arbeiten des Dasein.“.

    ➳ III.

Engels‘ Satz: „Seht Euch die Pariser Kommune an! Das war die Diktatur des Proletariats!“ muß ernst genommen werden, als Ausgangspunkt der Beweisführung von dem, was die Diktatur des Proletariats als politisches Regime nicht ist (die verschiedenen Modalitäten der Diktatur über das Proletariat, in seinem Namen).

    ➳ IV.

Alle konnten das zusammenhanglose Handeln der Pariser Kommune und den sichtlichen Mangel an einem Apparat richtig kritisieren. Da wir aber heute der Meinung sind, daß das Problem der politischen Apparate viel komplizierter ist, als die mißbräuchlichen Erben des Apparats bolschewistischen Typs es behaupten, ist es an der Zeit, die Pariser Kommune nicht nur als einen überholten revolutionären Primitivismus zu betrachten, dessen Irrtümer alle überwunden werden müssen, sondern als ein positives Experiment, dessen ganze Wahrheit noch nicht entdeckt und vollendet ist.

    ➳ V.

Die Pariser Kommune hatte keine Chefs und das in einer historischen Periode, in der die Meinung, man brauche sie unbedingt, die Arbeiterbewegung absolut beherrschte. So lassen in erster Linie sich ihre Niederlagen und paradoxen Erfolge erklären. Die offiziellen Führer der Pariser Kommune sind inkompetent – nimmt man Bezug auf Marx‘ oder Lenins oder sogar Blanquis Ebene. Dagegen müssen gerade die ‚unverantwortlichen‘ Taten dieser Zeit für die Folge der revolutionären Bewegung unserer Zeit in Anspruch genommen werden (auch wenn sie wegen der Umstände fast alle auf der Ebene der Zerstörung geblieben sind: das bekannteste Beispiel ist die Erklärung eines Aufständischen gegenüber dem verdächtigten Bürger, der behauptet, er habe sich nie politisch betätigt: „Eben deswegen erschieße ich dich!“).

    ➳ VI.

Die lebenswichtige Bedeutung der allgemeinen Bewaffnung des Volkes tritt sowohl in der Praxis als auch durch Zeichen vom Anfang bis zum Ende der Bewegung deutlich hervor. Im großen und ganzen ist nicht auf das Recht verzichtet worden, zugunsten von speziellen Einheiten einen gemeinsamen Willen durch Gewalt zu erzwingen. Der exemplarische Wert dieser Autonomie der bewaffneten Gruppen hat aber seinen Nachteil in dem Mangel an Koordination: tatsächlich ist die Volkskraft in keinem offensiven oder defensiven Augenblick des Kampfes gegen Versailles bis zum Grad der militärischen Wirksamkeit gebracht worden, es darf aber nicht vergessen werden, daß die spanische Revolution und schließlich der Krieg selbst im Namen einer solchen Umwandlung in eine ‚republikanische‘ Armee verloren wurden. Man kann der Meinung sein, daß der Widerspruch zwischen Autonomie und Koordination stark vom damaligen technologischen Entwicklungsstand abhing.

    ➳ VII.

Die Pariser Kommune stellt bis heute die einzige Verwirklichung eines revolutionären Urbanismus dar, der die versteinerten Zeichen der beherrschenden Organisation des Lebens auf praktischem Boden angreift, den sozialen Raum politisch interpretiert und nicht glaubt, daß ein Denkmal unschuldig sein kann. Diejenigen, die das auf einen lumpenproletarischen Nihilismus und auf die Unverantwortlichkeit von Brandstifterinnen reduzieren, sollten dann aber alles benennen, was sie als positiv und in der herrschenden Gesellschaft für erhaltenswürdig betrachten (man wird sehen, daß es fast alles sein wird). „Der ganze Raum ist schon besetzt vom Feind. … Der authentische Urbanismus erscheint in dem Augenblick, in dem gewisse Zonen dieser Besatzung entledigt werden. Hier fängt das an, was wir Konstruktion nennen. Diese kann mithilfe des von der modernen Physik gefundenen Begriffs des ‚positiven Lochs‘ verstanden werden.“ (‚Elementarprogramm des Büros für einen unitären Urbanismus‘, ‚S.I. ‚Nr.6).

    ➳ VIII.

Nicht so sehr die Gewalt der Waffen als die Macht der Gewohnheit hat die Pariser Kommune besiegt. Daß sie sich geweigert hat, nach den Kanonen zu greifen, um die Banque de France zu stürmen, obwohl Geld so sehr fehlte, ist das empörendste praktische Beispiel. Solange die Pariser Kommune die Macht hatte, blieb diese Bank eine Versailler Enklave innerhalb von Paris, die durch einige Gewehre und die Mythen des Eigentums und des Diebstahls geschützt wurde. Die anderen ideologischen Gewohnheiten – das Wiederaufleben des Jakobinismus, die defätistische Strategie der Barrikaden zur Erinnerung an die 48er Revolution usw. – sind bei jeder Gelegenheit höchst unheilvoll gewesen.

    ➳ IX.

Die Pariser Kommune zeigt, wie die Verteidiger der alten Welt immer wieder aus der Komplizenschaft der Revolutionäre an diesem oder jenem Punkt Vorteile ziehen – und besonders von denjenigen, welche die Revolution denken. Und zwar an dem Punkt, an dem diese wie sie denken. So behält die alte Welt Stützpunkte (Ideologie, Sprache, Sitten, Geschmacksrichtungen) in der Entwicklung ihrer Feinde und benutzt sie, um den verlorenen Boden wiederzugewinnen. (Nur das dem revolutionären Proletariat eigene ‚arbeitende‘ Denken entgeht ihr für immer: so wurde der Rechnungshof verbrannt.) Die echte ‚Fünfte Kolonne‘ liegt im Geist der Revolutionäre selbst.

    ➳ X.

Bedeutungsvoll ist die Anekdote von den Brandstiftern, die in den letzten Tagen gekommen waren, um Notre Dame zu zerstören und dort gegen das bewaffnete Battaillon der Kommune Künstler stießen: es ist ein gutes Beispiel direkter Demokratie. Ferner zeigt sie auch die Probleme, die in der Perspektive einer Rätemacht noch zu lösen sind. Hatten diese einmütigen Künstler etwa das Recht, im Namen permanenter ästhetischer Werte und schließlich des Museumsgeistes einen Dom zu verteidigen, während andere Menschen an diesem Tag eben zum Ausdruck kamen, indem sie durch diese Zerstörung eine Gesellschaft total herausforderten, die durch die derzeitige Niederlage ihr ganzes Leben in Nichts und Schweigen zurückwarf? Indem sie als Spezialisten handelten, gerieten die mit der Pariser Kommune sympathisierenden Künstler schon in Konflikt mit einer extremistischen Kundgebung im Kampf gegen die Entfremdung. Den Leuten der Pariser Kommune ist vorzuwerfen, daß sie es nicht gewagt haben, den totalitären Terror der Macht durch die Totalität des Gebrauchs ihrer Waffen zu erwidern. Alles läßt uns glauben, daß man die Dichter verschwinden ließ, welche die in der Kommuneluft vorhandene Poesie dieses Augenblicks ausgedrückt haben. Die Menge der unausgeführten Handlungen der Pariser Kommune macht es möglich, daß diejenigen, die nur flüchtig entworfen worden sind, zu ‚Greueltaten‘ geworden sind und daß die Erinnerungen zensiert werden. Der Satz „Diejenigen, die die Revolution nur halb machen, graben sich ihr eigenes Grab“ macht auch Saint Just’s Schweigen deutlich.

    ➳ XI.

Die Theoretiker, welche die Geschichte dieser Bewegung wiederherstellen, indem sie sie vom allwissenden Standpunkt Gottes aus schreiben, der den klassischen Romanschreiber kennzeichnete, haben es leicht zu zeigen, daß die Pariser Kommune objektiv verurteilt war und daß sie unmöglich weiter gehen konnte. Es darf aber nicht vergessen werden; daß für diejenigen, die das Ergebnis erlebt haben, das Weitergehen genau darin bestand.

    ➳ XII.

Die Kühnheit und der Erfindungsgeist der Pariser Kommune können selbstverständlich nicht im Vergleich mit unserer Zeit, sondern mit den damaligen Banalitäten im politischen, intellektuellen und sittlichen Leben ermessen werden – und zwar im Hinblick auf die Solidarität aller Banalitäten, unter welche die Pariser Kommune den Brand gelegt hat. Betrachtet man also die Solidarität der heutigen Banalitäten unter den Rechten wie unter den Linken, so kann man den Erfindungsgeist ermessen, der von einer solchen Explosion zu erwarten ist.

    ➳ XIII.

Der soziale Krieg, in dem die Pariser Kommune ein Moment ist, dauert immer noch an (obwohl seine oberflächlichen Bedingungen sich sehr verändert haben). Was die Aufgabe betrifft, „die unbewußten Tendenzen der Pariser Kommune bewußt zu machen“ (Engels), ist das letzte Wort noch nicht gesprochen worden.

    ➳ XIV.

Seit ungefähr 20 Jahren stimmen in Frankreich die linken Christen und die Stalinisten in Erinnerung an ihre antideutsche nationale Front miteinander überein, das zu betonen, was in der Pariser Kommune an nationaler Verwirrung vorhanden war, an verletztem Patriotismus und schließlich an ‚französischem Volk, das ein Gesuch einreicht, um gut regiert zu werden‘ (gemäß der jetzigen stalinistischen ‚Politik‘), und was letzten Endes durch das Versagen der bürgerlichen, staatenlosen Rechten zur Verzweiflung getrieben wird. Um dieses Weihwasser wieder auszuspucken, würde es genügen, die Rolle der Ausländer zu studieren, die gekommen waren, um für die Pariser Kommune zu kämpfen: diese stellte wohl vor allem die unvermeidliche Kraftprobe dar, zu der die gesamte Tätigkeit ‚unserer Partei‘, um mit Marx zusprechen, seit 1848 in Europa führen sollte.

18. März 1962
Debord, Kotanyi, Vaneigem.