Archiv für September 2013

Wir verweisen auf das spannende Jour-Fixe-Programm des Erfurter Verbands der Falken: Über Femen am 08.10.2013 | Gesellschaftskritik in Zombiefilmen am 05.11.2013 | Edward Snowden, eine imperialistische Affaire am 03.12.2013 — Weitere Infos unter: falken-erfurt.de

Von der Grundfarbe Schwarz

Negative Ästhetik oder verhüllte Utopie in der Kunsttheorie Adornos

Vortrag von Bersarin – Do. 07.11.2013 – ACC – 20:00 Uhr

Alle gelungene Kunst der Nachkriegsmoderne sei von der Grundfarbe schwarz, so formulierte es Adorno an einer Stelle seiner »Ästhetischen Theorie«. Um überhaupt noch als Kunst, die Ausdruck ihrer Verhältnisse sein möchte, bestehen zu können, muss sich Kunst verschließen. Schärfer und paradigmatischer als Adorno es in diesen Worten vom Ideal des Schwarzen fasste, lassen sich eine Ästhetik sowie die Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg nicht auf den Punkt ihre Negativität bringen. Diese Bestimmung von Kunst freilich ist nicht willkürlich gesetzt oder irgendeiner Marotte Adornos fürs Negative geschuldet, sondern eng verwoben mit seiner Gesellschaftstheorie sowie der geschichtsphilosophischen Sichtung, die er in der »Dialektik der Aufklärung« vornimmt. Im Zeichen einer in der Totalen und bis ins Detail hinein verwalteten Welt, deren System kaum noch zu entrinnen ist, muss sich jede Kunst als Zuspruch verkaufen, die bloß dekorierend sich gebärdet oder die immer noch im Sinne idealistischer Ästhetik als moralische Lehranstalt auftritt, als wäre nichts gewesen, die sich als sinnliches Scheinen der Idee konzipiert oder den schönen Schein liefert. Während jedoch der Scheincharakter von Kunst zugleich konstitutiv für das gelungene Kunstwerk bleibt, weil darin ein Moment von Wahrheit inmitten des Falschen überlebt. Es hat diese fast schon normativ zu nennende Vorgabe Adornos für die Kunst zudem einen materialen Grund: nämlich dem, was nach Dan Diner als der »Zivilisationsbruch nach Auschwitz« bezeichnet werden kann:

»Um inmitten des Äußersten und Finstersten der Realität zu bestehen, müssen die Kunstwerke, die nicht als Zuspruch sich verkaufen wollen, jenem sich gleichmachen. Radikale Kunst heute heißt soviel wie finstere, von der Grundfarbe schwarz.« (Th. W. Adorno, Ästhetische Theorie)

Zum einen scheint in diesem Satz Adornos ein radikal mimetisches Moment von Kunst auf, zum anderen konzipiert sich darin eine Ästhetik des Entzugs. War für die Ästhetik – noch über die Klassische Moderne hinaus – der Begriff der Schönheit und mit Einschränkungen bzw. Konjunkturen unterworfen der des Erhabenen zentral, so kehrt Adorno die Vorzeichen nicht einfach um, indem nun einer »Ästhetik des Häßlichen« oder der bloßen Negativität das Wort geredet wird – denn dies wäre lediglich eine abstrakte Gegenbestimmung –, sondern diese Diagnose Adornos bedeutet eine umfassende Neubestimmung von Kunst sowie der Kunsttheorie inmitten einer entfesselten Gesellschaft und inmitten der Katastrophe. Es gibt nichts Harmloses mehr – dies zeigten bereits Adornos »Minima Moralia«, jene »Reflexionen aus dem beschädigten Leben« – und Schönheit der Kunst als Selbstzweck und Sedativum wäre Betrug. Gleichzeitig aber ist der Lustcharakter im Sinne einer unreglementierten Erfahrung für Kunst konstitutiv – zumindest insofern Kunst sowie die sie begleitende Ästhetik an einem irgendwie gearteten Begriff von Emanzipation festhalten wollen. Gerade um der Rettung jenes letzten Rests von Utopie willen, bewegt sich Kunst am Rande des Verstummens und entzieht sich den einfachen Funktionsbestimmungen. Mit System verschließen sich die Werke der modernen Kunst dem Betrachter.

Adornos Ästhetik reagiert auf diese Tendenzen der Kunst der 50er und 60er Jahre: sei dies nun die abstrakte Malerei, die Literatur Becketts oder die Lyrik Celans und insbesondere die neue Musik. Dieser Entzug terminiert – etwa innerhalb der Malerei – in den schwarzen Abstraktionen eines Ad Reinhardt. Das Ideal des Schwarzen als Entzug und Form in einem ist, so Adorno, einer der tiefsten Impulse von Abstraktion. Freilich handelt es sich hierbei um eine solche Abstraktion, die nicht nur in der Malerei ihren Ort hat. Becketts Roman »Watt« oder auch sein »Endspiel«, ebenso die hermetischen, kaum noch in einen hermeneutischen Horizont des Verstehens zu bringenden Gedichte Paul Celans bilden den Raum einer avancierten Kunst, die die Farbe schwarz nicht mehr nur als Hintergrund oder als eine unbunte Variante installiert, sondern die Verdüsterung wird zum Moment der ästhetischen Form selbst – einer Form, die zugleich sedimentierter Inhalt ist.

Die Hermetik von moderner Kunst, die Anstrengungen, die sie verursacht, sind ihr nicht bloß äußerlich gesetzt, sondern in der Sache gegründet: einer Moderne, die ihr eigenes Versprechen, nämlich das von Befreiung und Emanzipation, nicht einzulösen vermochte. Diese Aspekte einer Kunst nach Auschwitz, deren Ideal das des Schwarzen ist, sowie die damit korrespondierenden Momente einer Gesellschaftstheorie bei Adorno versuche ich in meinem Vortrag in eine Konstellation zu bringen: daß Kunst nicht mehr nur einem abstrakten Ideal von Schönheit huldigt, daß aber ihre Schwärze als Verstummen und Erlöschen von Kunst zugleich nicht das letzte Wort sein können. Kunst und Philosophie sind Ausdruck von Leiderfahrung. Dies gilt auch heute noch.

Bersarin, Jahrgang 1964, studierte Philosophie, Soziologie, Germanistik und nebenher Kunstgeschichte. Er lebt und arbeitet in Berlin, ist tätig im Verlagswesen und beschäftigt sich mit der Philosophie und Ästhetik der Moderne sowie der Postmoderne. Insbesondere die Philosophie Kants, Hegels, Adornos und Benjamins wie auch Positionen des Französischen Poststrukturalismus gehören zu seinem Arbeitsfeld. Er betreibt den Blog »Aisthesis« (bersarin.wordpress.com) und macht Fotos, die er zuweilen hier zeigt: proteusphotographie.wordpress.com.

Last exit: Depression?

Ein Versuch über Depression und ihre gesellschaftliche Funktion zu sprechen

Vortrag von Katharina Zimmerhackl – Do 14.11.2013 – ACC – 20:00 Uhr

Immer wieder begegnet uns die Depression (und als neuere Form das Burnout), sei es im Freundeskreis oder auf Werbeplakaten – das Thema ist allgegenwärtig. Nicht zu unrecht, denn in den letzten Jahrzehnten ist die Depression die psychische »Volkskrankheit« schlechthin geworden. Aber was genau ist eine Depression und wie hängt sie mit den gesellschaftlichen Verhältnissen zusammen? Stillstand, Starre, Leere, zuviel Schlaf, zuwenig Schlaf, zuviel Ich, zuwenig Ich, Einsamkeit, Erschöpfung, Antriebslosigkeit… ? Einer Einführung in die Geschichte der Depression folgt der Versuch über ihre Ursachen, statt ihrer Symptome zu sprechen um sich dem anzunähern, was sich in ihr ausdrückt.

Katharina Zimmerhackl schreibt u.a. für Outside the Box.

Die enigmatische Sprache der Kunst

Becketts Roman Der Namenlose mit Adorno gelesen

Vortrag von Martin Krempel – Do. 12.12.2013 – ACC – 20:00 Uhr

Nach Theodor W. Adorno trägt jedes gelungene Kunstwerk Geheimnisse über den Zustand des menschlichen Zusammenlebens in sich verborgen, welche danach verlangen ästhetisch erfahren und intellektuell gedeutet zu werden. Durch ihren eigensinnigen Sprachcharakter können Kunstwerke verschüttete Erfahrungen thematisieren, während der gleiche Sprachcharakter verhindert, dass diese Erfahrungen vom Rezipienten in Gänze verstanden werden. Sie bleiben Rätsel, die die paradoxe Aufgabe herausfordern, durch ihre unmögliche Entschlüsselung hindurch, entschlüsselt zu werden.

Im Vortrag soll das schwierige Unternehmen versucht werden den Roman Der Namenlose von Samuel Beckett nicht nur ästhetisch zu beschreiben, sondern auch nach seinem geheimen Kern theoretisch zu befragen. Im Roman selbst findet man sich im Kopf des namenlosen Protagonisten wieder und ist gezwungen dessen psychotischen Diskurs über sich selbst, seine Sinneswahrnehmungen, seinen Drang zum Nichts, dem endgültigen Tod, und den anderen Stimmen und Gestalten in offenen Räumen nachzuirren. Dabei ist man mit drei verschiedenen Sequenzen konfrontiert: einer sich ständig wiederholenden und sich verschiebenden Identitätssuche, dem Entwurf von schaurig-schönen Fabeln, Bildern und Pantomimen, und einer immer wieder eingeschobenen negierenden Selbstreflexion über das Geschehen. Alle drei Sequenzen sind dabei so tief ineinander verschlungen und durchgeformt, dass sie sich zu einer düsteren aber immer schon verloren gegangenen Welt zusammenziehen.

Im vorsichtigen Rückgriff auf die vielen Notizen die Adorno über Becketts oeuvre, z. B. in der Ästhetischen Theorie, in den Noten zur Literatur oder auch in seiner eigenen Ausgabe des Romans Der Namenlose, niedergeschrieben hat, soll für diese trostlose Welterfahrungen eine Interpretation Stück für Stück entwickelt werden. Adorno selbst schrieb 1962 in einem Brief an Werner Kraft über seine Beckettlektüre: »Übrigens glaube ich, daß die Romane an Bedeutung über die Stücke noch hinausgehen, vor allem L`Innommable, den ich jetzt mit wahrhaft fieberhafter Teilnahme gelesen habe. Eine Interpretation habe ich, noch während der Lektüre, skizziert; vielleicht finde ich neben meinen großen Projekten Zeit, sie zu textieren. Sie sollten aber diesen Roman unbedingt lesen, obwohl gute Nerven dazugehören – damit verglichen ist Kafkas Strafkolonie wie der Nachsommer

Der Anspruch des Vortrages lautet nichtsdestotrotz, den Roman auf keinen Fall in Adornos Philosophie zu ertränken oder auch nur dessen potentielle Interpretation nachholen zu wollen, sondern einzelne ästhetische Reflexionen von Adorno als Hilfestellung zu benutzen, um das Kunstwerk als Kunstwerk eigenständig deuten zu können. Becketts Werke scheinen unterschiedlichste philosophische Auslegungen über Adorno hinaus, wie z. B. die von Günther Anders, Gille Deleuze, Alain Badiou oder Simon Critchley, um nur einige wenige zu nennen, magisch anzuziehen, vielleicht auch weil Beckett der Philosophie, ohne vor-philosophisch zu werden, so kompromisslos wie kein Zweiter das Gericht gemacht hat.

In der angestrebten Interpretation soll die These verteidigt werden, dass im Namenlosen eine extreme Situation der spätmodernen Weltlosigkeit ihren künstlerischen Ausdruck findet. Und zwar indem die Themen Subjekte ohne Subjektivität, Topologie des sozialen Todes und Ethos der Hoffnungslosigkeit, unnachahmlich durchgespielt werden. Jedes dieser Themen ist nicht nur auf der inhaltlichen sondern auch auf der formalen Ebene, z. B. durch die Mittel der Subtraktion, Dissonanz, psychotisch gebrochene Satzstruktur, inneren Spannung, gleichbleibenden Dichte, Symbolwirkung starker Substantive, des Echos, Ausdrucks, Glanzes und der Erschütterung, aufgehoben. Beckett hat in seinem Werk die klassische Struktur des Romans, in welcher unter einer je spezifischen Dramaturgie mit einem Anfang und einem Ende handelnde Subjekte ihre Beziehung zur Welt organisieren, gekappt und in neuer, negativer Art und Weise fortgeführt. Das zentrierende Moment ist nun nicht mehr ein tragischer oder komödiantischer Sinnzusammenhang, sondern die Fokussierung auf einen imaginären Nullpunkt, einer des Schweigens, der Ruhe und des letzten Friedens, um welchen herum die Handlung verzweifelt auf der Stelle tritt. Dadurch wird die fiktionale Beschwörung einer anderen Welt ebenso wie die realitätsgerechte Beschreibung gesellschaftlicher Totalität hinter sich gelassen, um im Schaurigschönen der gesteigerten Realitätskonfrontation festzuhalten, dass das, was ist, nicht alles sein kann, wenn Leiden das Leben zu erdrücken sucht. »Becketts Stücke oder der wahrhaft ungeheuerliche Roman Der Namenlose üben eine Wirkung aus, der gegenüber die offiziell engagierten Dichtungen wie Kinderspiel sich ausnehmen; sie erregen die Angst, welche der Existenzialismus nur beredet.« (Adorno)

Martin Krempel lebt in Weimar und studiert Gesellschaftstheorie in Jena.

»Ein eigenes Zimmer hab‘ ich schon«

Teil 2 — Kunst, Künstlerinnen und Geschlecht

Workshop, veranstaltet von Kunst, Spektakel & Revolution zu Besuch in Leipzig — 13.--15.12.2013

Weiblichkeit und Kunst stehen in einem widersprüchlichen Verhältnis: Als Gegenstand oder Topos sind Frauen(-körper) in der Kunst omnipräsent, auch als Förderinnen und Rezipientinnen sind sie unverzichtbar. Als Schöpferinnen künstlerischer Werke jedoch, als Produzentinnen, standen und stehen sie vor Hindernissen und Widerständen. Genie „als das Talent (Naturgabe), welches der Kunst die Regel gibt“ (Kant), wird Künstlerinnen entweder abgesprochen oder ihre Arbeiten werden als Resultate eines ihnen fremden Willens wahrgenommen. Weder die Wandlung von der Genie- zur Werkästhetik, noch die Krise des Werks in den Avantgarden des 20. Jahrhunderts löst für die Künstlerinnen das Problem: „My most audacious works were viewed as if someone else inhabiting me had created them“, formulierte die amerikanische Performance-Künstlerin Carolee Schneeman 1963.

Im ersten Teil unseres Workshops haben wir uns gefragt, ob die Form der Kunst selbst geschlechtlich konnotiert ist und was daraus für Künstlerinnen folgt. Die Kunst erscheint autonom, losgelöst von Gesellschaft oder Geschlecht, aber in ihrem konkreten Erscheinen, sei es im Kunstwerk oder den Institutionen, wiederholt sich das Geschlechterverhältnis. Das autonome Genie wie die avantgardistische Künstlergruppe haben die Abspaltung des Weiblichen zur Voraussetzung, die immer wieder neu stattfindet.

Das Verhältnis von ästhetischer Form, autonomer Kunst und Geschlechterdifferenz verändert sich aber auch durch die Dialektik der Aufklärung hindurch. Dabei stehen Fortschritte und Erleichterungen für die Künstlerinnen neben Wiederholungen: Die größte Schwierigkeit, so Virginia Woolf über die Romanautorinnen des neunzehnten Jahrhunderts, bestand darin, „daß sie keine Tradition hinter sich hatten, oder eine so kurze und einseitige, daß sie kaum hilfreich war.“ (A Room Of One’s Own). Diese Beobachtung trifft immer noch zu. Jede fängt stets von Neuem an. Die Reflexion darauf in den Werken von Künstlerinnen steht für uns im Mittelpunkt, es geht um kunstimmanente und Kunst überschreitende Kunstkritik: Vor welchen Schwierigkeiten stehen die Künstlerinnen, gegen welche Wände müssen sie laufen, welche wollen sie einreißen?

Im zweiten Teil unseres Workshops wollen wir über Kunst und Geschlecht anhand von Beobachtungen zur Geschichte des (künstlerischen tätigen) Subjekts, anhand den Werken von Performance-Künstlerinnen (Moorman, Schneeman, Rainer, Hesse) und entlang der Werke von Schriftstellerinnen (Zwetajewa, Barnes, Bachmann, Legendre, Avallone) nachdenken. Wir präsentieren dabei, wie schon im ersten Teil des Workshops, keine fertigen Ergebnisse, sondern wollen in einer Mischung aus Vortrag, gemeinsamer Lektüre und Diskussion welche erarbeiten. Wir freuen uns auf eure Teilnahme.

Irene Lehmann, Karina Korecky, Marlene Pardeller, Lukas Holfeld, Katharina Zimemrhackl

  • Ort der Veranstaltung: »Die ganze Bäckerei«, Josephstraße 12, Leipzig (Lindenau) — Link
  • der Workshop beginnt am Freitag um 18:00 Uhr
  • wir bitten um eine kurze Anmeldung über das Kontaktformular
  • ein Reader mit Texten wird nach Anmeldung zugesandt
  • wir können gern Übernachtungsplätze in Leipzig organisieren – bitte nehmt dafür kurz Kontakt zu uns auf
Das Seminar wird gefördert von der Rosa Luxemburg Stiftung.

Einladung zur Reise

oder: das andere Schwarz

Vortrag von Alexander Emanuely – Do. 20.02.2014 – ACC – 20:00 Uhr

KünstlerInnen und SchriftstellerInnen der Avantgarde, wie Carl Einstein, Michel Leiris, Susanne Wenger, Pierre Soulages entdeckten für sich die Welten der Dogon, der Yoruba, der Zar und auch jene neue Ideen, so z.B. Lépold Sédar Senghors nicht unumstrittenes „Négritude“-Konzept, welche aus dem modernen Afrika kamen. Daraus entwickelte sich zwischen Intellektuellen, abseits von Kolonialismus, Befreiungsbewegungen und -Kriegen, über die Kontinente hinweg, ein Austausch von Ideen und Träumen, die prägnante Spuren in Kunst und Literatur hinterlassen haben. Diesen Spuren wird Alexander Emanuely in seinem Vortrag nachgehen.

Alexander Emanuely lebt in Wien und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Theodor-Kramer-Gesellschaft. Er ist Autor zahlreicher Texte und beschäftigt sich mit Themen wie Surrealismus und moderne Kunst, Psychoanalyse und Ideologiekritik sowie Erfahrung und Literatur des Exils. In der Reihe Kunst, Spektakel & Revolution war er 2009 bereits zum Thema »Surrealismus als Revolution« zu Gast.

Todesbejahung und Schwarz

in der Ästhetik des Faschismus

Vortrag von Carmen Dehnert und Lars Quadfasel – Do 13.03.2014 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Es kann bei einer Veranstaltung zur Farbe Schwarz im Nationalsozialismus nicht allein um nationalsozialistische Kunstpolitik gehen: Denn der Nationalsozialismus selber war, als »Ästhetisierung der Politik« (Walter Benjamin), eine totale Inszenierung, die alle Wirklichkeit in sich hineinsog, nichts außen vor lassen konnte. Lücken konnte er um keinen Preis dulden – und damit auch nicht die Schwärze als Ausdruck von Mangel, von Trauer, von Negativität.

Weil aber der Kult des unverstümmelten, widerspruchslosen Lebens alles das stillstellen muss, wodurch Leben erst lebendig wird, kehrt auch die Farbe Schwarz auf höherer, nämlich Elitenebene wider: als Form herrschaftlicher Identifikation mit genau dem, woran im Bilde nichts erinnern darf. Nicht umsonst liebte die SS Namen wie »Schwarzes Korps«. Im Verhältnis zur Farbe Schwarz reflektiert sich das Verhältnis der Nationalsozialisten zum Tod: Was sie als Ausdruck von Vergänglichkeit, von unbeherrschbarer Kontingenz perhorreszieren, verklären sie zugleich, in alter gegenaufklärerischer Tradition, als Sinnbild unwidersprechbarer Macht.

Carmen Dehnert und Lars Quadfasel sind assoziiert in der Hamburger Studienbibliothek und der Gruppe Les Madeleines, deren »Thesen zu Tod und Materialismus« im Extrablatt Nr. 8 erschienen sind.