Archiv für April 2013

Ein eigenes Zimmer hab ich schon

Autonomie der Kunst, Avantgarde und Geschlecht

„Werkstattgespräch“ 24.-26.05.2013, M18 Marienstraße 18, Weimar

Seit sich das Subjekt zur allgemeinen Form gemacht hat, ist der Bürger mit der Reflexion auf seine innere Zerrissenheit beschäftigt. Vernunft und Sinnlichkeit, Kontrolle und Trieb, Denken und Physis fallen auseinander, stehen einander gegenüber. In den bürgerlichen Versuchen zur Überwindung dieser Trennungen nimmt die Ästhetik einen nicht unwichtigen Platz ein. Bei Friedrich Schiller spielt die Kunst die Rolle des Werkzeuges zur Reflexion und Heilung der Entzweiungen, Kunst soll versöhnen. Eine ähnliche Rolle hat die bürgerliche Gesellschaft der Weiblichkeit zugedacht, die für Erholung von der Arbeit und Muße steht. Während die Frauen jedoch die Sphäre des Privaten regieren sollten, wurden sie aus jener der Kunst ausgeschlossen oder gar nicht erst zugelassen. Der Blick in Geschichte und Gegenwart von Kunst, Kunstproduktion und ästhetischer Theorie zeigt: Als Objekte der Sphäre des Imaginären sind Frauen omnipräsent, ohne sie wäre Kunst als solche undenkbar. Als Produzentinnen und Schöpferinnen allerdings sind sie so gut wie unsichtbar.

Parallel zu den neu entstehenden avantgardistischen Projekten des 20. Jahrhunderts, beginnen Frauen auf die Hindernisse, die sich ihnen beim Kunst-machen in den Weg stellen und ihre Rolle als Künstlerinnen zu reflektieren – von Virginia Woolfs Eigenem Zimmer bis zur Frage nach einer weiblichen Ästhetik (z. B. Silvia Bovenschen). Trotzdem die Avantgarde begann die klassischen Formen abzuwerfen, erfuhren und erfahren Frauen große Schwierigkeiten als Akteurinnen im Kunstbetrieb. Die Aneignung der künstlerischen Formen selbst ist nicht selbstverständlich, wird als widerspruchsvoll wahrgenommen: „I write my creative female will because for years my most audacious works were viewed as if someone else inhabiting me had created them – they were considered masculine when seen as aggressive, bold.“ (Carolee Schneeman, Kommentar zu Eye Body, 1963). Oder, wie es im Film Kristina Talking Pictures (1976) der Regisseurin Yvonne Rainer heißt: „Ich war eine Zeitlang ziemlich glücklich, den Löwenakt zu machen. Aber ich fürchte, Emma Goldman und Virginia Woolf haben mich für den Löwenakt ruiniert. Wilde Tiere zu beherrschen … wie kann man das mit dem vergleichen, was sie taten?“

Über Frauenbilder in der Kunst und in der Avantgarde ist aus feministischer Perspektive viel geschrieben worden – wir wollen uns im Workshop jedoch der Frage nähern inwiefern die Form der Kunst selbst geschlechtlich konnotiert ist bzw. in welchem Verhältnis ästhetische Form, autonome Kunst und Geschlechterdifferenz zueinander stehen. Dabei werden wir keine fertigen Forschungsergebnisse präsentieren, sondern wir wollen in Diskussion und ausgewählter Textlektüre eine erste Annäherung an diese Fragen versuchen. Wir laden euch herzlich ein, daran teilzunehmen.

Wir bitten um eine kurze Anmeldung über das Kontaktformular. Die Uhrzeit des Beginns wird dann bekannt gegeben und ein Reader mit Texten zur Verfügung gestellt.

Literatur:

■ Virginia Woolf, Ein eigenes Zimmer.
■ Silvia Bovenschen, Die imaginierte Weiblichkeit. Exemplarische Untersuchungen zur kulturgeschichtlichen und literarischen Präsentationsformen des Weiblichen.
■ Xavière Gauthier, Surrealismus und Sexualität – Inszenierung der Weiblichkeit.
■ …. to be continued

Das Seminar wird gefördert von der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Kunst, Spektakel, Revolution No. 4


»Die Verwirklichung der Poesie«

Call for Papers!

Gerade ist die dritte Ausgabe der Broschüre „Kunst, Spektakel, Revolution“ erschienen und schon beginnen wir mit der Redaktionsarbeit für die vierte Ausgabe. Die vierte Nummer unserer (beinahe) jährlichen Publikation wird die Revolutionsepoche zwischen 1789 und 1871 behandeln und dabei insbesondere in den Blick nehmen, welche Tendenzen sich in der Dichtung zu dieser Zeit Bahn brachen – dementsprechend steht das Thema der Ausgabe unter dem Titel „Die Verwirklichung der Poesie“. Das Heft wird sich, dokumentierend und ergänzend, am letztjährigen Themenblock der Reihe orientieren, in dem wir uns mit Friedrich Hölderlin, Heinrich Heine, Comte de Lautréamont, Arthur Rimbaud und Charles Baudelaire auseinandergesetzt haben.

Während sich Hölderlin und Heine vor dem Hintergrund der deutschen Misere, in je unterschiedlicher Weise, auf die Impulse bezogen, welche die französische Revolution der weltweiten Emanzipationsbewegung gab, befinden sich Lautréamont, Rimbaud und Baudelaire in Frankreich in einer Situation, in welcher der deutsch-preußische Frankreich-Feldzug eine emanzipatorische Bestrebung zu zerstören drohte. Diese fünf Dichter sind jedoch nicht eigentlich „politische“ Dichter, die bloß die Forderungen politischer „Parteien“ zu ihrem Inhalt gemacht hätten. Ihr Vermächtnis ist nicht die Formulierung eines positiven Programms – vielmehr drückt sich in ihrer Formsprache die Tendenz einer Negativität aus, die zur Aufhebung einer schlechten Gegenwart drängt. Gleichzeitig wird an ihnen das Besondere sowie die Beschränkung der Dichtkunst sichtbar – was diese vorwegnahm, drängt in einem historischen Ereignis zur Wirklichkeit, das nicht Kunstgeschichte ist: Die erste große proletarische Erhebung in der Pariser Commune von 1871, in der zahlreiche Momente der ganzen Moderne kulminierten und die unter Aufsicht der preußischen Militärs von der französischen Bürgerklasse blutig niedergeschlagen wurde. Sich dieses Ereignis von unserer Gegenwart her neu zu erschließen und kritisch-historisch anzueignen, bedeutet aber gerade im Blick auf die Poesie, sich der Gebrochenheit der Revolutionsgeschichte bewusst zu werden: Das Dunkle und Düstere bei Hölderlin, auf den sich später auch Paul Celan bezog, die Flucht Heines vor dem Antisemitismus aus Deutschland und die rasende Vernichtungswut bei Lautréamont weisen darauf hin, dass in dieser Poesie auch bereits Momente erkennbar sind, die mit dem Geschichtsbruch zu tun haben, der sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland vollzog und der auch die Geschichte der Revolution nicht unangetastet lässt.

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Soweit der inhaltliche Rahmen des letztjährigen Themenblocks. Für das Heft ist die Redaktion auf der Suche nach weiteren AutorInnen! Insbesondere in drei Themengebieten wollen wir noch Texte haben:

    1.) Die französische Revolution von 1789

Wir suchen dringend eine/n AutorIn, der/die einen einführenden Text über die französische Revolution von 1789 (und die darauffolgenden Erhebungen) schreiben kann. Zum einen erachten wir es als immens wichtig, die französische Revolution wieder ins Gespräch zu bringen, da kaum Wissen über dieses, das Wesen der Moderne prägende, Ereignis zirkuliert, zum anderen geht es um ein Ereignis, welches die deutsche Philosophie und Dichtung entscheidend beeinflusst hat. Es soll darum gehen, eine Auseinandersetzung mit der Dichtung des 19. Jahrhunderts historisch-materialistisch zu rahmen, wobei folgende Fragen berührt werden sollen: Welche neuen Bedingungen schaffen die bürgerlichen Revolutionen? Von welchen gesellschaftlichen Gruppen werden diese Auseinandersetzungen getragen? Wie stehen sie in einem Zusammenhang mit der Konstituierung des modernen Proletariats und einer möglichen proletarischen Revolution? Welche Versprechungen und Hoffnungen sind damit verbunden, deren möglich-und-wirklich-Werden und das Ausbleiben ihrer Einlösung auch den Erfahrungshintergrund der modernen Dichtung bilden? Welche Rollen spielen die Agrar- und Hungerrevolten in der französischen Revolution, inwiefern agieren Bauern, Handwerker, Arbeiter und Arbeitslose unabhängig von der Bourgeoisie? Was bedeutet die französische Revolution für Frauen und den Frühfeminismus? Wie etablieren sich mit der französischen Revolution spezifische gesellschaftliche Bereiche, die wir heute als Öffentlichkeit und Kultur kennen? Usw. – hierbei sind gern auch unkonventionelle Textformate gefragt (cut-up’s etc.).

    2.) Comte de Lautréamont

Wir suchen dringend eine/n AutorIn, der/die einen Text über Comte de Lautréamont beitragen könnte. Der Text soll die Auseinandersetzung mit Lautréamont fortführen, den wir bereits in unserem zweiten Heft begonnen haben (siehe: hier). Im oben beschriebenen Zusammenhang soll Lautréamont als Dichter des Negativen vorgestellt werden, der den katastrophischen Verlauf des 20. Jahrhunderts bereits antizipierte. Folgende Aspekte erscheinen uns dabei als beachtenswert: Raserei und Rausch der Gewalt in der Dichtung / das Verhältnis der Vernunft zu ihrer dunklen Seite, die sich gewaltvoll Bahn bricht / Repression in den Bildungsanstalten des 18. und 19. Jahrhunderts und Revolte der Jugend / das Verhältnis von Revolution und Gewalt / das Programm einer neuen Dichtung, nach dem nicht ein einziger, sondern alle dichten sollen / Sexualität und Gewalt bei Lautréamont.

    3.) Autorinnen des 19. Jahrhunderts

In der Nachbereitung des vierten Themenblocks der Veranstaltungsreihe „Kunst, Spektakel, Revolution“, ist uns aufgefallen, dass wir mit Hölderlin, Heine, Lautréamont, Rimbaud und Baudelaire ausschließlich Männer in der Dichtung behandelt haben. Ohne es bewusst intendiert zu haben, haben wir damit einen männlich geprägten Blick auf die Literaturgeschichte reproduziert – ein selektiver Blick, der sich sachlich nicht rechtfertigen lässt, denn es gibt in der von uns fokussierten Epoche zahlreiche Dichterinnen, deren Wirken auch für den Themenkomplex »Verwirklichung der Poesie« interessant und wichtig sein dürfte. Ohne es kaschieren zu wollen, hoffen wir, dieses Ungleichgewicht in der vierten Broschüre wenigstens ein Stück weit korrigieren zu können und fordern euch daher auf, uns Portraits von Autorinnen des 18. und 19. Jahrhunderts zuzuschicken (für unseren Themenkomplex bspw. relevant: Olympe de Gouges, Mary Darby Robinson, Karoline von Günderrode, Bettina von Armin, Rahel Varnhagen, uvm.). Auch sie sollen im Kontext der gescheiterten oder ausgebliebenen Revolution und der Widersprüche der Moderne behandelt werden. Dabei soll es nicht darum gehen, Literatinnen in erster Linie unter dem Aspekt ihrer Weiblichkeit zu lesen, sondern ihre Werke immanent ernst zu nehmen – auch wenn dabei das Geschlechterverhältnis ein wichtiger Aspekt ist, was sich für Frauen vor allem als ein Schreiben gegen Widerstände dargestellt hat, wie es Virginia Woolf in ihren literaturhistorischen Essays beschrieben hat.

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Alle oben genannten Aspekte und Fragestellungen sind nicht als strenge inhaltliche Vorgaben zu verstehen – wir sind offen für eure inhaltlichen Vorschläge, auch wenn sie in einer Verschiebung oder Korrektur unserer Fragestellung bestehen. Wir nehmen dabei auch Texte an, die unabhängig von den oben genannten Punkten, auf unterschiedliche Weise auf die bisherigen Ausgaben von „Kunst, Spektakel, Revolution“ reagieren. Wichtig ist uns dabei ein Zugang zur Geschichte, der im Benjamin’schen Sinne in einem „Gegen-den-Strich-bürsten“ besteht und von einem rächenden Motiv geleitet wird, das sich einer universellen Emanzipation der menschlichen Gattung verpflichtet sieht. Bezüglich Format und Umfang dienen die Texte der bisherigen drei Ausgaben zur Orientierung (siehe hier: http://spektakel.blogsport.de/broschur/).

Wenn ihr einen Text beisteuern wollt, bitte schickt uns bis zum 19. Mai 2013 ein Abstract an folgende Emailadresse: ksr-reihe[at]web.de (die Redaktion behält sich vor, Textvorschläge abzulehnen). Über einen Deadline-Termin kommunizieren wir dann.

Wir freuen uns darüber, wenn ihr das Call-for-Papers an potentielle AutorInnen weiterleitet:
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