Jakob Hayner: Eine Geschichte der Genussmittel

Als eine weitere thematische Vorschau auf die in Kürze erscheinende dritte KSR-Broschüre, veröffentlichen wir an dieser Stelle einen Text über die Geschichte der Genussmittel. Jakob Hayner hat für KSR das 1983 erschienene Buch „Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft“ von Wolfgang Schivelbusch rezensiert. Es handelt von einem wichtigen Aspekt der Arbeit jener Weltgeschichte, in der die Sinne sich als menschliche Wesenskräfte bestätigen, teils erst ausbilden, teils erst erzeugen. In der näheren Zukunft werden wir an dieser Stelle weitere Rezensionen von vergriffenen und vergessenen Büchern veröffentlichen, auf die es einen erneuten Blick zu werfen gilt.

Zur Anthropologie des bürgerlichen Zeitalters einen wichtigen Beitrag geleistet zu haben, ist der Verdienst des 1983 erschienenen Werkes Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft. Eine Geschichte der Genußmittel des Historikers Wolfgang Schivelbusch. Der an Marx geschulte Autor skizziert vor dem Hintergrund der Frage, wie die Genussmittel an der Geschichte des neuzeitlichen Menschen mitgewirkt haben, eine Sozial- und Klassengeschichte vom ausgehenden Mittelalter bis zu den Debatten über „Rauschgifte“ im 20. Jahrhundert. Im Ensemble von pharmakologischer Wirkung, sinnlichem Eindruck und symbolischer Bedeutung entsteht der Geschmack als gesellschaftliche Kategorie, als vermittelte Natur innerhalb eines gesellschaftlichen Funktionszusammenhangs. Schmecken können, die Wahrnehmung der differentia specifica wird zum Signum des neuzeitlichen Menschen, noch Immanuel Kant behandelt (ästhetische) Geschmacksurteile als Teil seiner Kritik der Urteilskraft.

Die Gewürze stellen die Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit dar. Die herrschende Klasse der mittelalterlichen Gesellschaft beginnt sich im 11. Jahrhundert mit der Ausbildung einer spezifischen höfischen Kultur aus dem Zusammenhang der Agrargesellschaft des Frühmittelalters zu lösen. Die exotischen Gewürze, Pfeffer, Ingwer, Safran, Zimt, Nelken, Muskat symbolisierten einen Hauch vom Paradiese herkommend. Der Gewürzhandel mit dem Orient, d.i. Fernhandel, bedingt die Ausbildung städtischer Großkaufleute, wie in Venedig, dem Hauptumschlagplatz von Gewürzen bis ins 16. Jahrhundert, was noch in dem orientalischen Einfluss der palazzi des venezianischen Bürgertums Ausdruck gefunden hat. Der Gewürzhunger des Adels bringt dessen spätere Negation in Form des Bürgertums hervor. Gewürzhandel wie Geldwirtschaft sitzen in den Poren der alten Gesellschaft. Die Entdeckung Amerikas, der säkularisierten Form des imaginierten Paradieses als Land der unbegrenzten Möglichkeiten sowie Katalysator der Geldwirtschaft durch das Edelmetall Gold, bezeichnet Schivelbusch als klassische List der Vernunft. Der Gewürzhandel und dessen Konsequenzen befördern Dynamiken, die letzten Endes die Form der mittelalterlichen Gesellschaft sprengen. Zu Beginn der Neuzeit verlieren Gewürze sowohl ihre dominante Stellung im Weltmarkt wie ihre Verbindlichkeit für das Selbstverständnis der oberen Schichten. Neue Genussmittel erfüllen neue gesellschaftliche Bedürfnisse.

Mitte des 17. Jahrhunderts werden Kaffee, Schokolade, Tee und Tabak relevant für Bürgertum wie Adel, der im Kraftfeld einer sich im Umbruch befindenden miteinander konkurrierenden Klassen. Der Kaffee vermag das Selbstverständnis des aufsteigenden Bürgertums zum Ausdruck zu verhelfen. Sowohl die physiologischen Eigenschaften wie die symbolische Besetzung des Kaffees zielen im Verbund mit der protestantischen Ethik auf Nüchternheit, Mäßigung, Zügelung der Triebe, kurz: Vernünftigkeit und Rationalität des geistig arbeitenden Geschäftsmannes. Was der protestantischen Lebensweise äußerlich ist, vermag der Kaffee physiologisch zu bewirken: gesteigerte Beherrschung der inneren Natur des bürgerlichen Subjekts. Was erst innerhalb der kapitalistischen Ökonomie funktional erscheint, die gesteigerte Verfügbarkeit abstrakter Quanta Zeit, weiß der Kaffee durch künstliche Munterkeit und Unterwerfung der unbewältigten Natur des Schlafes, zu realisieren. Die den protestantischen Bürgertum unerträgliche Statik des Mittelalters wird vor allem im Bier, im Rausch und der Erregung des Leibes benannt. Kaffee soll diese den Ansprüchen kapitalistischer Dynamik behindernde Restbestände der Lebensformen der einfachen Reproduktion des Feudalismus liquidieren. (Es sind die Dandys und Snobs im 19. Jahrhundert, die das Sektfrühstück in Abgrenzung zum bürgerlichen Frühstück mit Kaffee wieder entdecken.)

In den Zentren der kapitalistischen Handelsökonomie, vor allem London, entwickelt sich das Kaffeehaus. Kaffee wird – wie andere nicht-alkoholische Getränke – zwar ausgeschenkt, doch primär dient das Kaffeehaus als Kommunikationszentrum von Geschäftsleuten vor dem Entstehen einer bürgerlichen Tagespresse. Journalismus und Literatur waren dem Kaffeehaus wie der frühbürgerlichen Vorstellung von Geschäft eng verbunden, eine Verbindung, die wohl in Wien am längsten dauerte. Der Kaffee ist zuerst ein Getränk der Öffentlichkeit, des Kaffeehauses und der sich dort zentrierenden Tätigkeiten. Anschließend sinkt der Kaffee in die Sphäre des Privaten hinab, wird zum Getränk häuslicher Idylle, zum Kaffeekränzchen, was die Entwicklung des Kaffeehauses nicht unberührt lässt, sondern das Kaffeehausgespräch selbst zum Kaffeeklatsch wird. Der Verfall der Öffentlichkeit erhellt die Phänomene in ihrem Zusammenhang. Die spezifische Verräumlichung und Verzeitlichung gesellschaftlicher Phänomene führt Schivelbusch zu einer allgemeineren These über technische Neuerungen in der Moderne. Den Wechsel von öffentlich-revolutionärer Frühphase und und privat-konsolidierender Spätphase kennzeichnet Schivelbusch mit den Begriffen heroisch und konformistisch, Analogien wären im Wechsel von Eisenbahn zu Automobil, von Kino zu Fernsehapparat zu sehen.

Deutschland bildet wie im Verhältnis zu den fortgeschrittenen Nationen, zu Aufklärung und Liberalismus, auch zum Kaffee eine Besonderheit aus. Der „deutschen Neigung, durch Nachahmung bestimmter symbolischer Formen westlicher Zivilisation teilzuhaben an der Weltgeschichte, von der man real ausgeschlossen ist, entspricht auf der anderen Seite die Veränderung dieser Formen, gewissermaßen ihre Eindeutschung bis zur Unkenntlichkeit.“ Die öffentliche Funktion des Kaffees entfällt in Deutschland, Kaffee tritt sofort in die häusliche Beschaulichkeit ein. Zudem verfügt Deutschland über keinerlei Kolonien, was zweierlei Folgen hat: zum einen die Produktionen deutschen Ersatzkaffees (mocca faux oder zu deutsch: Muckefuck) und die ökonomische wie ideologische Exklusion des zu importierenden Bohnenkaffees oder des Kaffees im Allgemeinen. Doch die deutsche Kaffeeideologie bleibt eine Randnotiz der europäischen Geschichte.

Historisch entscheidend ist die Auseinandersetzung zwischen dem neuen Bürgertum und dem alten Adel. Den Gegensatz zum Kaffee bildet die Schokolade – dies meint die flüssige Trinkschokolade – , jener als nördlich, protestantisch und rationalistisch, diese als südlich, katholisch, sinnenfreudig. Der hohe Nährwert der Schokolade belegt ihre Nützlichkeit im Umgang mit den Fastengesetzen, da Flüssigkeiten nicht das Fasten brechen. Das Handelsmonopol für Schokolade liegt bei dem König von Spanien, im Zentrum der katholischen Welt. Über den spanischen Hof findet die Schokolade Eingang in die Kultur des Ancien Régime. Die Schokolade begleitet „das allmorgendliche Erwachen einer untätigen Klasse zum gepflegten Nichtstun.“ Im Gegensatz zur am Frühstückstisch der bürgerlichen Familie herrschenden Disziplin beginnt der katholische Adel träge den Tag. Kaffee soll den Körper beherrschen und den Geist erhellen, Schokolade soll den Körper nähren und den Geist betrüben. Die Rede von Schokolade als Aphrodisiakum und die Verbindung von Schokolade und Erotik legen davon Zeugnis ab. Kakao ist die Verfallsform der Schokolade, pulverisiert und ernährungsphysiologisch angepasst und zunehmend als Kindergetränk populär. Die Tafelschokolade emanzipiert sich von der Trinkschokolade und fungiert zumeist als Geschenkartikel für Frauen und Kinder. Das Statusgetränk der im Geschichtsprozess unterlegenen Klasse, des Ancien Régime, wird als popularisierter Alltagsbestand mitgeschleppt.

Tabak bildet einen auf den ersten Blick widersprüchlichen Bund mit dem Kaffee. Beiden werden zwar Ernüchterung und Unterstützung des Geistes zugeschrieben, jedoch wirkt Kaffee stimulierend, während Tabak zur Beruhigung dient. Beide ergänzen sich jedoch, das „gemeinsame Ziel, zu dessen Erreichung sie angewandt werden, ist die Neueinrichtung des menschlichen Organismus unter dem Primat der geistigen Arbeit.“ Die Vergeistigung der Anatomie schlägt sich in der Fokussierung auf das Gehirn nieder. Dieses wird durch den Kaffee angeregt, während der Tabak den Restkörper beruhigt, die Bewegungsimpulse lähmt. „Im Rauchen reagiert der geistig arbeitende Mensch die funktionslos, ja dysfunktional gewordenen körperlichen Energien ab […]. In diesem Sinne ist das Rauchen Ersatzhandlung.“ Dieser Grundfunktion folgend gibt es eine Form-Evolution des Rauchens in der Geschichte des bürgerlichen Zeitalters, von der Pfeife, die Zigarre und die Zigarette – ein Prozess der Beschleunigung – sowie den Sonderfall des Schnupfens – eine Form des Adels –, sowie eine soziale Verallgemeinerung wie auch eine räumliche Expansion aus den Herren- oder auch Rauchzimmern und Salons heraus. Im deutschen Vormärz wird das Begehren nach Rauchen im öffentlichen Raum in den Katalog der politischen Forderungen aufgenommen, die Zigarre dient als Erkennungszeichen revolutionär Gesinnter wie Karl Marx. Die Zigarrendreher bilden die radikale Avantgarde der Arbeiterbewegung und begründen die Arbeiterorganisation. Diese frühe Tradition, die vor der symbolischen Aneignung der Zigarre durch die Unternehmer steht, zitiert noch Bertolt Brecht im 20. Jahrhundert.

Der Sieg der bürgerlichen Klasse ist historisches Faktum geworden. Nicht länger ist die Auseinandersetzung mit dem Ancien Régime von Bedeutung. Eine neue Klasse betritt die Bühne der Weltgeschichte, das Proletariat. Es manifestiert sich in den Elendsvierteln der Städte, den Fabriken, den Kneipen, es tritt hervor in den Prozessen, die als industrielle Revolution bezeichnet werden. Nach Wilhelm Buschs Wort „Wer Sorgen hat, hat auch Likör.“, nimmt Alkohol in der proletarischen Lebenswelt eine weitaus dominantere Stellung ein als im bürgerlichen Leben. Was der Kaffee dem Bürgertum, ist der Alkohol dem Proletariat. „Alkohol und Kaffee stimulieren jeweils die Eigenschaften und Fähigkeiten, die die betreffende Klasse für die entscheidenden hält. So wie der Kaffee die Rationalität, Nüchternheit, den Individualismus anregt, stimuliert der Alkohol die proletarischen Tugenden der Kollektivität und Solidarität.“ Branntwein verdrängt alsbald das zuvor weiter verbreitete Bier. Zwar ist Branntwein in den Zeiten vor der industriellen Revolution durchaus bekannt gewesen, es gab jedoch keine gesellschaftliche Funktion für derart Hochprozentiges. Diese entsteht mit dem Industriekapitalismus. Die Betäubung, die der Branntwein in Abgrenzung zum Rausch herbei zu führen vermag, fügt sich in die Formation der der Industriedisziplin unterworfenen proletarisierten Massen. Alkohol als Problem ist in den Debatten der sozialistischen Bewegungen Ende des 19. Jahrhunderts nicht zu ignorieren; so spricht Kautsky: „Der Schnaps – das ist der Feind.“ Doch Kautsky plädiert keineswegs für Totalabstinenz. Das Wirtshaus ist ihm der Ort des geselligen wie politischen Beisammenseins der Arbeiter, auch in Ermangelung alternativer Versammlungsräume.

Ebenso Bestandteil des proletarischen Lebens ist das Opium, welches in massenhafter Verbreitung – vergleichbar der des Aspirins heute – konsumiert wird. Neben dem Proletariat ist es eine Gruppe von Künstlern und Dichtern, die, von Baudelaire ausgehend, den Opium- wie Haschisch-Rausch als Auflösung und Kritik der Verfasstheit der bürgerlichen Subjektivität schätzen.

Das Buch von Schivelbusch ist eine materialreiche Studie zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft, gleichsam am Abhub der Erscheinungswelt gewonnen. Die Phänomene erhellen sich in ihren gesellschaftlichen Konstellationen wechselseitig, zahlreiche Bilder und Stiche sind dem Text zur Seite gestellt. Doch trotz des Verzichts auf einer akademischen Gestus in der Form, was der Lesbarkeit zu Gute kommt, bleibt ein Restbestand positivistischer Auffassung von Wissenschaft über; in der materialistischen Deutung der Geschichte ist noch nicht die Anweisung auf Veränderung der Gegenwart gegeben. Diese wird sich erst dem revolutionär geschulten Blick auf das vorliegende Material offenbaren. Die „vergangene Gewalt gegen sich selber“, von der Adorno in den Minima Moralia spricht, rückt die Studie Schivelbuschs in das Licht, von der aus die wahre Stellung zum Objekt denkbar und Wissenschaft zur Kritik wird. „Wenn alle Lust frühere Unlust in sich aufhebt, dann ist hier die Unlust, als Stolz sie zu ertragen, unvermittelt, unverwandelt, stereotyp zur Lust erhoben: anders als beim Wein, läßt jedem Glas Whisky, jedem Zug an der Zigarre der Widerwille noch sich nachfühlen, auf so kräftige Reize anzusprechen, und das allein wird als Lust registriert.“ Der Mangel an Freudscher Trieblehre, der Schivelbuschs Werk durchzieht, lässt ihn zwar den Antagonismus der Klassen, jedoch nicht den Widerspruch zwischen dem je einzelnen Individuum und der gesellschaftlichen Wirklichkeit fassen. Allein Andeutungen sind vorhanden. Im Verhältnis von Kaffee und Schokolade offenbart sich die Dialektik der Aufklärung. „Die Kritik der katholischen Konterrevolution behielt gegen die Aufklärung recht, wie diese gegen den Katholizismus.“ Die Verwandlung des Leibs in den Körper, das Verhältnis zum Körper als innerer Natur, die Dialektik von Naturbeherrschung und Naturverfallenheit, weisen den Weg zur kritischen Konstruktion des Wesens der Vorgeschichte. Für eine solche Konstruktion ist das Material, welches in Schivelbuschs Buch Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft zuerst nur gedeutet ist, unerlässlich. Das Material ist noch ungenügend theoretisch begriffen, doch als Beitrag zur materialistischen Durchdringung der Wirklichkeit und der Geschichte höchst erkenntnisfördernd.

Wolfgang Schivelbusch: Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft. Eine Geschichte der Genußmittel. Frankfurt am Main – Berlin – Wien, 1983.

Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Frankfurt am Main, 2003. Darin: Tough Baby.

Max Horkheimer und Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Frankfurt am Main, 2008. Darin: Juliette oder Aufklärung und Moral.

Jakob Hayner lebt in Berlin, wo er Germanistik und Philosophie studiert. Er widmet sich der kritischen Theorie der Gesellschaft in Anschluss an Adorno. Er ist Teil verschiedener Lesekreise sowie der überregionalen kommunistischen Gruppe Surpasser.