Notizen zu einer Theorie des Geruchssinns

Um die Wartezeit auf das Erscheinen der dritten KSR-Broschüre zu verkürzen, veröffentlichen wir an dieser Stelle eine Vorschau auf das Thema des Heftes. Im folgenden lest ihr das Ergebnis einer kollektiven Nachbereitung des Seminars »Das Riechen – Über die Gefahr sich im Anderen zu verlieren« mit Micha Böhme, das am 10.07.2011 im Rahmen der Reihe »Kunst, Spektakel & Revolution« stattgefunden hat. Von Micha Böhme wird im Heft der Text »Von Lust und Gefahr, sich im Anderen zu verlieren – Ein Essay übers Riechen als dem wohl geächtetsten aller Sinne« erscheinen.

In nichts anderem als in der Zartheit und im Reichtum der äußeren Wahrnehmungswelt besteht die innere Tiefe des Subjekts. (Horkheimer / Adorno)

Es ist hin und wieder an verschiedenen Stellen zu einer theoretischen Reflexion des Geruchssinns (und eng mit diesem verbunden: des Geschmacks) gearbeitet worden1. Selten geschieht dies jedoch im Sinne einer kritischen Theorie der Gesellschaft, die sich – mit Hilfe dessen, was Marx und Freud bereits erarbeitet haben – einen Begriff von jener Gesellschaft zu machen versucht, in der wir unseren Sinnesapparat als soziale Wesen überhaupt erst ausbilden und zu gebrauchen lernen. Es mag als eine seltsam randständige Tätigkeit erscheinen, wenn sich eine solche kritische Gesellschaftstheorie dem Riechen zuwendet. Doch vielleicht verrät gerade die Marginalität dieses Themas etwas über die Geschichte dieser Gesellschaft. Denn Weltgeschichte ist nicht nur eine Abfolge von großen Kriegen, Niederlagen und Katastrophen, ebenso zählen die Differenzierung unserer Sinne, die Sublimierung der Triebe und die Formung von Subjektivität zu ihren Folgen. Menschheitsgeschichte ist in jedem Einzelnem auf besondere Weise aufgehoben. Auch wenn uns dieses Aufgehobene nicht einfach als Wissen zur Verfügung steht – das Schicksal dieser Geschichte ist den Individuen anzusehen. Folgende Notizen sind ein tastender – oder um näher am Gegenstand zu sprechen: ein vorsichtig schnuppernder – Versuch den Spuren einer kritischen Sicht auf den Geruchssinns weiter zu folgen. Wenn manches in diesem Entwurf dabei unvollständig, unsicher oder redundant wirkt, ist dies der Niederschlag einer noch suchenden Denkbewegung.

    I.

Die Auseinandersetzung mit den fünf menschlichen Sinnen zeigt ein Zurücktreten der natürlichen Bedingtheit des Menschen im Laufe der Kulturgeschichte – oder in anderen Worten: sie zeigt das Zurückweichen der Naturschranke gegenüber der gesellschaftlichen Produktion. Wenn auch nicht ungebrochen und geradlinig, so lässt sich doch eine zunehmende – relative – Freiheit in den Gestaltungsmöglichkeiten der Beziehungen zwischen den Menschen konstatieren. Anstelle von Natur tritt Kultur. In Bezug auf die fünf menschlichen Sinne bedeutet dies: Der Gebrauch der Sinne entkoppelt sich von ihren unmittelbar lebensnotwendigen Funktionen in der Natur (etwa: Auslösung von Instinkten und Reflexen, Markierung des Reviers, Wiedererkennung und Orientierung bei der Fortpflanzung) und findet eine vielfältige Vermittlung in der Kultur, in der ein zunehmend bewusster Bezug auf die Sinneswahrnehmung möglich wird (das Kochrezept bspw. ist eine Anleitung, gezielt auf eine geschmackliche Wahrnehmung hinzuwirken). Das gesellschaftliche Mehrprodukt ermöglicht eine Gestaltung der menschlichen Umwelt, in der die Menschen das was sie sehen, hören, tasten, riechen und schmecken, zu einem großen Teil selbst herstellen. Indem die Menschen die Natur bearbeiten, verändern sie auch ihre eigene Natur – dies betrifft auch den menschlichen Sinnesapparat: in dem die Gegenstände, die wir sinnlich erfahren, gesellschaftlich hergestellt sind und dementsprechend unseren Sinnesapparat an gesellschaftlichen Produkten üben, ist die Entwicklung und Wandlung unserer Sinne bedingt durch gesellschaftliche Tätigkeit.

    II.

Indem der Mensch durch eine zunehmend vielfältiger werdende inner-gesellschaftliche Vermittlung, die Schranke der Natur zurückdrängt, springt er jedoch nicht aus der Natur heraus – Marx schreibt: »Die Geschichte selbst ist ein wirklicher Teil der Naturgeschichte, des Werdens der Natur zum Menschen.«2 »Daß das physische und geistige Leben des Menschen mit der Natur zusammenhängt, hat keinen andren Sinn, als daß die Natur mit sich zusammenhängt, denn der Mensch ist ein Teil der Natur.«3 Dies bedeutet, dass sich der Mensch als Teil der Natur über die Natur erhebt und sich dadurch von ihr zu unterscheiden beginnt – doch die Herkunft aus der Natur ist in ihm aufgehoben. Das Menschliche ist gesellschaftlich und natürlich zugleich, in ihm sind spezifisch Menschliches und Naturgeschichte miteinander vermittelt. Jede Körperlichkeit – so sehr auch die menschliche Geschichte selbst ihre Gestalt formt – und damit auch die Sinne des Menschen, enthalten ihre Vergangenheit als natürliche Überlebensfunktionen und können niemals von ihrer Herkunft aus der Natur getrennt werden.

Der Prozess des Werdens der Natur zum Menschen ist jedoch gezeichnet von Not und entfaltet sich als eine Ausdifferenzierung der Herrschaft von Menschen über Menschen und von Ausbeutung. Herrschaft ist ebenso ein wesentliches Moment der Subjektwerdung des Menschen: als Beherrschung der inneren Natur, die vordergründig Verdrängung und Unterdrückung von Trieben bedeutet. Auszubeuten ist nur der gebrochene Trieb (Nitzschke). Freuds Psychoanalyse ist die Beschreibung des individuellen Leidens, das die kulturell erforderliche Triebunterdrückung, -verschiebung, -sublimierung verursacht. Es zeugt davon, dass der Mensch mit all seinen naturbeherrschenden technischen Errungenschaften unglücklich bleibt. Die Konstitution eines psychischen Apparats zur Sublimierung und Unterdrückung der Triebe, ist identisch mit der Konstitution eines hierarchischen Sinnes-Apparats, in der das Sehen an oberster und das Riechen an unterster Stelle steht.

    III.

Freud beschreibt im Unbehagen der Kultur, wie sich Verdrängung der Geruchsreize und Kulturgenese bedingen. Die organische Verdrängung4 des Geruchssinns ist unabtrennbarer Bestandteil der Kultur – sie ist Folge des aufrechten Ganges. Dieser verschiebt die Bedeutung der Wahrnehmung vom Riechen zum Sehen – die Nase erhebt sich vom Boden, die Augen erhalten ein Sichtfeld bis zum Horizont. Sexualerregung wird nicht mehr geruchlich sondern visuell gesteuert, und damit zu einem jederzeit möglichen Zustand – das ist der Kulturentwicklung förderlich. Erst das Zurücktreten der Geruchsreize und des über Geruch gesteuerten Paarungsverhaltens machte über längere Zeit aufgeschobene, damit angestaute Sexualerregung, die zur Familienbildung genutzt wird, möglich.

»Die organische Periodizität des Sexualvorgangs ist zwar erhalten geblieben, aber ihr Einfluß auf die psychische Sexualerregung hat sich eher ins Gegenteil verkehrt. Diese Veränderung hängt am ehesten zusammen mit dem Zurücktreten der Geruchsreize, durch welche der Menstruationsvorgang auf die männliche Psyche einwirkte. Deren Rolle wurde von Gesichtserregungen übernommen, die im Gegensatz zu den intermittierenden Geruchsreizen eine permanente Wirkung unterhalten konnten. Das Tabu der Menstruation entstammt dieser ›organischen Verdrängung‹ als Abwehr einer überwundenen Entwicklungsphase; alle anderen Motivierungen sind wahrscheinlich sekundärer Natur. (Vgl. C. D. Daly, 1927.) Dieser Vorgang wiederholt sich auf anderem Niveau, wenn die Götter einer überholten Kulturperiode zu Dämonen werden. Das Zurücktreten der Geruchsreize scheint aber selbst Folge der Abwendung des Menschen von der Erde, des Entschlusses zum aufrechten Gang, der nun die bisher gedeckten Genitalien sichtbar und schutzbedürftig macht und so das Schämen hervorruft. Am Beginne des verhängnisvollen Kulturprozesses stünde also die Aufrichtung des Menschen. Die Verkettung läuft von hier aus über die Entwertung der Geruchsreize und die Isolierung der Periode zum Obergewicht der Gesichtsreize, Sichtbarwerden der Genitalien, weiter zur Kontinuität der Sexualerregung, Gründung der Familie und damit zur Schwelle der menschlichen Kultur. Dies ist nur eine theoretische Spekulation, aber wichtig genug, um eine exakte Nachprüfung an den Lebensverhältnissen der dem Menschen nahestehenden Tiere zu verdienen.«5

Jedes von Freud im Unbehagen in der Kultur aufgeführte Charakteristikum von Kultur beruht letztlich auf Triebbearbeitung, ob nun auf seine Befriedigung gänzlich verzichtet, oder er auf ein anderes Ziel verschoben wird. Die Unterdrückung der Triebe ist wesentliche Grundlage für Kulturentwicklung. Kultur soll vor Natur schützen, dazu beitragen diese zum Nutzen der Menschen zu bearbeiten, sowie die zwischenmenschlichen Beziehungen zu regeln. Neben diesen (vermittelt) lebensnotwendigen Aufgaben von Kultur zählt Freud auch (zunächst) unbedeutendere Sachverhalte zur Kultur: Die Entwicklung höherer geistiger Gebäude, wie Philosophie, Religion, oder Ideale, sowie die Herstellung von Reinlichkeit und Ordnung, von unnützen Dingen, also von Schönheit. Zu Kultur gehört so ziemlich alles was menschenspezifisch ist. Kultur selbst ist menschenspezifisch, sie trennt ihn vom Tier, erhebt ihn über es. Zur Beherrschung der Natur entwickelt die Menschheit immer ausgefeiltere Mittel; mittels Technik erweitert der Mensch seine von Natur aus begrenzten Sinne und Körperfunktionen: das Auge mit Brille, Fernrohr und Mikroskop, die Muskeln mit Auto, Rad und Flugzeug, das Gedächtnis mittels Bücher, Computer, viele solcher Dinge ließen sich noch aufzählen – alle sind sie uns im alltäglichen Umgang vertraut. Nur für die Nase scheint es keine alltägliche technische Erweiterung zu geben. – Warum?

    IV.

Auch in der Philosophie – einer besonderen Sphäre der beschriebenen Kultur – hat sich diese Hierarchie der Sinne niedergeschlagen. Schon Aristoteles und Platon haben das Sehen und Hören, als höhere Sinne, dem Tasten, Riechen und Schmecken als niedere Sinne gegenübergestellt. Während bis in die modernen Erkenntnistheorien hinein das Sehen als Analogie für Erkenntnis überhaupt gilt, das Hören aufgrund der Musik einen festen Platz in den Ästhetiken genießt und bei Descartes6 und Herder7 selbst der Tastsinn einen dem Sehen ebenbürtigen Platz erhält, bleiben Schmecken und Riechen dem Erkenntnisprozess scheinbar nicht nur fern, sondern gelten der Erkenntnis als verfälschend und hinderlich. Diese Hierarchie ist eng mit dem Rang des Objekts und der Stellung des Subjekts zu ihm verbunden. Während Sehen und Hören dem Subjekt eine große Distanz zum Objekt der Erkenntnis erlauben oder gar gebieten und selbst der Tastsinn einen Mittler zwischen Subjekt und Objekt zulässt (etwa einen Taststock), bedeuten Riechen und Schmecken die unmittelbare Anwesenheit des Objekts im Subjekt. Mehr noch: der Fall, in dem eigene oder fremde Körpergerüche in die Nase steigen, verrät etwas davon, dass auch das Subjekt stets Objekt, stets bedingt, stets auch natürlich ist. In dem Maße, wie die (noch nicht materialistische) Philosophie den Geist über das Materielle, Empirische, Bedingte und Körperliche stellt – dies tut sie notwendiger Weise als Teil jener Spezialisierung, welche die Naturbeherrschung organisiert – und dennoch eine Ahnung davon hat, dass selbst der Geist von Trieb und Sinnlichkeit abstammt (andernfalls müsste sie auch nicht auf das Sehen als Analogie zurückgreifen), muss sie die Gerüche und Geschmäcker als Urteilsgründe um so entschiedener abwehren. In Ihnen ist die Erinnerung an die Bedingtheit von Geist und Subjektivität unmittelbar anwesend, die das Subjekt – zunächst aus Abhängigkeit von der ersten Natur, die es überwinden will, später aus der Befangenheit in der zweiten Natur, deren Überwindbarkeit nicht mehr offen zutage liegt – verdrängen muss.

    V.

Die Bedingungen der Erkenntnis des objektiven Seins bleiben nicht gleich und sind nicht unmittelbar gegeben, sondern selbst Bestandteil eines historischen Prozesses – damit die objektive Welt, wie wir sie kennen, überhaupt erst erkannt werden konnte, musste die Sinnlichkeit zurückgedrängt, teilweise auch zerstört werden. Die volle Einbeziehung der Sinnlichkeit in die herrschende Realität, würde deren Mythen zerstören. Bei Einbeziehung des Geruchssinns ließe sich ein Facettenreichtum der Realität erfahren, der weit über die Grenzen dessen hinausreichen würde, in der wir heute eine »objektive« Realität bemessen.8 Die Realität, die durch den Geruch zugänglich wird, beruht auf der Nähe von Subjekt und Objekt, deren Einheit (in ihrer Unterschiedenheit) durch den bloßen Gebrauch des Geruchssinns immer wieder konkret erfahrbar ist. Auch ließen sich mit Hilfe des Geruchssinns dem Objekt keine »ins Auge fallenden«, also unmittelbar einsichtigen Grenzen zuschreiben, wie wir sie gewöhnlich den Gegenständen zumessen – sie wären unendlich vielfältiger differenziert. Die Beschränktheit einer vermeintlich klaren und darin schroffen Abtrennung einer subjektiven von einer objektiven Welt wäre überschritten. Was aus einer utopischen Perspektive als eine Zunahme an Differenzierung der Sinneswahrnehmung begriffen werden kann, muss dem bürgerlichen Subjekt jedoch als absolute Entdifferenzierung erscheinen – denn zur zweckrationalen Konstitution seiner Realität ist nur ein kleiner Ausschnitt möglicher sinnlicher Erfahrung zugelassen. Bricht diese Realität zusammen – wie im Falle des Wahnsinns – wenn es also zur »Regression« kommt, werden Realitäten erfahrbar, die dem »Normalen« als Halluzinationen, als Ergebnisse von Wahn-Sinnen erscheinen müssen. Wenn Freud von Patienten berichtet, die an Neurosen erkrankten, weil sie das Riechen unterdrückten9, so ist anzunehmen, dass im Wahn sowie im Rausch Gerüche in andere Sinne ›übersetzt‹ und als Bilder, Töne oder haptische Empfindungen wahrgenommen werden können.

    VI.

Das Riechen fällt, laut Freud im Unbehagen der Kultur, weitestgehend der Kulturentwicklung zum Opfer. Der Geruchssinn, der eine besonders starke Affinität zu den Geschlechts- und Ausscheidungsorganen besitzt und dessen höhere Zentren in den stammesgeschichtlich ältesten Teilen des Gehirns liegen, gehört zu den am meisten der Diffamierung preisgegebenen und durch die Struktur der herrschenden Realität kaum noch entwickelbaren und erlebbaren Sinnen. Doch ebensowenig wie sich die naturgeschichtlichen Potentiale des Geruchssinns unwiederruflich vernichten lassen, so wenig verschwindet das Riechen vollständig aus der Kultur.

Das gegenseitige Wahrnehmen körpereigener Gerüche ist – geschützt durch die Privatsphäre und gesichert durch die Institution der Zweierbeziehung10 – für viele Menschen wichtiger Bestandteil von lustvollem Sex. Doch gerade hier erschweren Unsicherheiten und Ängste die gegenseitige Erfahrbarkeit oft schmerzlich, dafür spricht (auch nach mehreren sexuellen Revolutionen) eine ganze Palette von Produkten, die die damit verbundenen Gerüche parfümieren sollen. Parfüm ist jedoch eine Verfeinerung der Gerüche, eine Zivilisationserrungenschaft und damit nicht bloß Teil der Vernichtung von Gerüchen. Ein Parfüm kann körpereigene Düfte ebenso »übertünchen« wie verfeinern.

Es lässt sich über den Bereich der Sphäre der Sexualität hinaus aber auch beobachten, dass die Wahrnehmung von Gerüchen seit jeher verfeinert und kultiviert wurde – eine geübte Nase kann bis zu 100.000 Gerüche unterscheiden, die auch beschreibbar sind. Das ist beeindruckend, doch leider lernt die alltägliche Nase dies nicht. Es geschieht in spezialisierten Sphären, die in einer vielfältig ausdifferenzierten Gesellschaft von einer unmittelbaren Not entkoppelt sind – die Kunst der Parfumerie, Weinkennertum, Back- und Kochkunst, das Kulinarische überhaupt sind typische Anwendungsorte für solch differenzierte Nasen. An diesen Beispielen wird deutlich, dass es sich hier um differenzierte Wahrnehmung hedonistischer Gerüche handelt und nicht – worum es Freud im Unbehagen der Kultur ging – um Geruchsreize, die der Mensch als Tier produziert und die ihn per Reizreaktion steuern würden. Die hedonistischen Gerüche gehören jedoch auf solche Weise dem Bereich der Kultur an, dass ihnen der Aufstieg in die höheren Objektivationsformen – Kunst und Philosophie –, bis auf wenige Beispiele bei den historischen Kunst-Avantgarden, verwehrt bleiben. So unendlich differenziert und kunstfertig ihre Anwendung und Weiterentwicklung auch sein mag – sie behalten den Makel der Trivialität und des Geschmäcklerischen, der ihren Aufstieg zu höheren Erkenntnisformen verhindert. Charles Fourier mag über diese Beschränkung hinaus gewiesen haben, indem er eine Philosophie der Aromen zu begründen suchte.

    VII.

In dem Maße, wie die Subjekte als Produzenten und Sachwalter ihrer eigenen Arbeitskraft von Dorf und Scholle frei, dafür aber zunehmend auf sich selbst gestellt werden, erhält die Weise des Zurückdrängens der Naturschranke eine geschlechtliche Dimension: Das weibliche Prinzip steht nicht nur für die Reproduktion der Ware Arbeitskraft in der häuslichen Kleinfamilie, sondern erfährt im selben Zusammenhang auch eine projektive Aufladung. Das, was das männliche Subjekt als seine eigene Natürlichkeit verdrängen, abspalten und an sich selbst als schädlich und als Gefahr verachten muss, findet es wieder in dem, was es als Weiblich zu erkennen mag. In der Figur der Frau ist die versagte Natur in einer Weise repräsentiert, in der es dem Mann erlaubt ist, sie zu begehren und sich ihr gefahrlos hinzugeben. In dieser Abspaltung nimmt auch das Riechen eine nicht unbedeutende Funktion ein: So liegt es nahe anzunehmen, dass die Parfumerie der Frau die Funktion erfüllt, an ihr diejenigen Gerüche zu tilgen, die an das Gefahrvolle und ›Anrüchige‹ der Natur erinnern könnten – das weibliche Parfum enthält vorwiegend weiche Noten, es ist blumig und sanft.11 Die sprichwörtliche Vorstellung von der Frau, »die Rosen scheißt«, mag hier ihren Ursprung haben. Die Frau soll Natur sein, die nicht stinkt.

    VIII.

In den pathischen Projektionen des Antisemitismus scheint das Riechen eine bedeutende Funktion einzunehmen: Die Darstellung des Juden mit einer übergroßen Nase oder einer Schweinenase (also desjenigen Tieres, dessen Geruchssinn besonders ausgeprägt ist) auf der einen Seite und die Zuschreibung von Gerüchen, die den Juden eigen sein sollen (so erzählt der Antisemitit von einem süßlichen Schweißgeruch oder der Knoblauchfahne der Juden) auf der anderen Seite, sprechen davon. In dieser doppelten Zuschreibung tilgt der Antisemit das Bewusstsein seines eigenen Tier-Seins auf doppelte Weise.

»Das Tier ist unmittelbar eins mit seiner Lebenstätigkeit. Es unterscheidet sich nicht von ihr. Es ist sie. Der Mensch macht seine Lebenstätigkeit selbst zum Gegenstand seines Wollens und seines Bewußtseins. Er hat bewußte Lebenstätigkeit. Es ist nicht eine Bestimmtheit, mit der er unmittelbar zusammenfließt. Die bewußte Lebenstätigkeit unterscheidet den Menschen unmittelbar von der tierischen Lebenstätigkeit. Eben nur dadurch ist er ein Gattungswesen. Oder er ist nur ein bewußtes Wesen, d.h., sein eigenes Leben ist ihm Gegenstand, eben weil er ein Gattungswesen ist. Nur darum ist seine Tätigkeit freie Tätigkeit. Die entfremdete Arbeit kehrt das Verhältnis dahin um, daß der Mensch eben, weil er ein bewußtes Wesen ist, seine Lebenstätigkeit, sein Wesen nur zu einem Mittel für seine Existenz macht.« [MEW Ergänzungsband I: 516]
»Es kömmt daher zu dem Resultat, daß der Mensch (der Arbeiter) nur mehr in seinen tierischen Funktionen, Essen, Trinken und Zeugen, höchstens noch Wohnung, Schmuck etc., sich als freitätig fühlt und in seinen menschlichen Funktionen nur mehr als Tier. Das Tierische wird das Menschliche und das Menschliche das Tierische.« [MEW Ergänzungsband I: 514f]

In dem Maße, in dem in der entfremdeten Arbeit die Lebenstätigkeit des Menschen zu einem Mittel degradiert wird, erniedrigt sich der Mensch mitten in der Zivilisation zum Tier. Die Vertierung des Menschen bezeichnet die Reduktion des Individuums auf einen Arbeitskraftbehälter, die ihn stumpf macht und ihm die Fähigkeit raubt, sich von seiner Lebenstätigkeit zu unterscheiden, die keine Vorstellung seiner Existenz jenseits des Lohnarbeiter_innen-Daseins mehr erlaubt. Diese Vertierung verbietet jedoch gleichzeitig die Möglichkeit dessen, was in der Betrachtung des Tieres erscheinen mag: das passiv-genussvolle Versinken in dem, was man tut. Weil die Tätigkeit ohne Sinn der eigenen Kreatürlichkeit gleichzeitig widerstrebt, muss der von seiner Gattungsmäßigkeit entfremdete Mensch schließlich seine Herkunft aus dem Tierreich verdrängen und das, was innerhalb der Zivilisation

(»an manchen Gesten die ihnen [den Zivilisierten] bei anderen begegnen, und als isolierte Reste, als beschämende Rudimente in der rationalisierten Umwelt auffallen« [DdA: 191])

an jenes gemahnt,

(»der haut goût, der an Dreck und Verwesung gemahnt, der Schweiß, der auf der Stirn des Beflissenen sichtbar wird« [DdA, S. 189])

verachten und fordert zwanghaften Abscheu heraus. Das antisemitische Bild des Juden vereint diese Momente in sich: Zum einen soll der Jude einen »Riecher für das Geld« haben, was ihm den passiven Genuss des Reichtums erlaubt und zum anderen wird ihm der tierische Geruch angehängt, der von der anstrengenden Tätigkeit erzeugt wird – das was der Antisemit am Juden wittert, ist der Geruch, der ihn selbst permanent umgibt, durch Gewöhnung aber nicht als eigener Mief erkannt wird. Indem der Antisemit so wiederum selbst einen Riecher für die Juden erweist, gleicht er sich, in der Hoffnung, auf diese Weise einmal für das Verbotene nicht sanktioniert zu werden, selbst dem an, was er verachtet:

»In den vieldeutigen Neigungen der Riechlust lebt die alte Sehnsucht nach dem Unteren fort, nach der unmittelbaren Vereinigung mit umgebender Natur, mit Erde und Schlamm. Von allen Sinnen zeugt der Akt des Reichens, das angezogen wird, ohne zu vergegenständlichen, am sinnlichsten von dem Drang, ans andere sich zu verlieren und gleich zu werden. Darum ist Geruch, als Wahrnehmung wie als Wahrnehmendes — beide werden eins im Vollzug — mehr Ausdruck als andere Sinne. Im Sehen bleibt man, wer man ist, im Riechen geht man auf. So gilt der Zivilisation Geruch als Schmach, als Zeichen niederer sozialer Schichten, minderer Rassen und unedler Tiere. Dem Zivilisierten ist Hingabe an solche Lust nur gestattet, wenn das Verbiot durch Rationalisierung im Dienst wirklich oder scheinbar praktischer Zwecke suspendiert wird. Man darf dem verpönten Trieb frönen, wenn außer Zweifel steht, daß es seiner Ausrottung gilt. Das ist die Erscheinung des Spaßes oder des Ulks. Er ist die elende Parodie der Erfüllung. Als verachtete, sich selbst verachtende, wird die mimetische Funktion hämisch genossen. Wer Gerüche wittert, um sie zu tilgen, „schlechte Grüche“, dard das Schnuppern nach Herzenslust nachahmen, das am Geruch seine unrationalisierte Freude hat. Indem der Zivilisierte die versagte Regung durch seine unbedingte Identifikation mit der versagenden Instanz desinfiziert, wird sie durchgelassen. Wenn sie die Schwelle passiert, stellt Lachen sich ein. Das ist das Schema der antisemitischen Reaktionsweise.« [DdA: 193]

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Diese Thesen sind Resultat der kollektiven Nachbereitung des Seminars »Das Riechen – Über die Gefahr sich im Anderen zu verlieren« mit Micha Böhme, das am 10.07.2011 im Rahmen der Reihe »Kunst, Spektakel & Revolution« stattgefunden hat. Anzumerken ist, dass in den Thesen V und VI ungekennzeichnete und teilweise umgearbeitete Teile des Kapitels »Das ökonomische Prinzip oder Kann man die Lüge riechen?« aus dem Buch »Die Zerstörung der Sinnlichkeit« von Bernd Nitzschke (München 1974) enthalten sind. Wir hoffen, einen instruktiven Beitrag zu einer Theorie der Sinne und Bedürfnisse insgesamt, sowie des Geruchssinns im Besonderen erstellt zu haben. Was hier jedoch nur schemenhaft und in groben Zügen dargestellt werden konnte, müsste in einer genauen historischen Forschungsarbeit konkretisiert werden. Eine materialistische kritische Theorie kommt hierbei vermutlich nicht an den Beiträgen zur Sinnlichkeit herum, die im Laufe der 1990′er Jahre insbesondere in der postmodernen Ästhetik verfasst wurden. Ihnen ist jedoch die Tendenz der postmodernen Philosophie eigen, die sich etwa darin ausdrückt, mit dem idealistischen Subjekt-Objekt die Unterscheidung von Subjekt und Objekt gleich mit zu verabschieden und müssen daher kritisch gelesen werden. Untenstehend geben wir eine Literaturliste, die für weitere Forschungen hilfreich sein mag.

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Zitierte Literatur:

Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur, Studienausgabe Band IX 1974 /1930, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, http://gutenberg.spiegel.de/buch/922/1.

Max Horkheimer / Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt am Main 1988.

Karl Marx: Ökonimisch-Philosophische Manuskripte aus dem Jahre 18ff, enthalten in: Marx Engels Werke, Ergänzungsband Schriften bis 1844 Erster Teil, S. 465 – 588.

Bernd Nitzschke: Zerstörung der Sinnlichkeit, München 1974.

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Weiterführende Literatur:

Johannes Bilstein: Anthropologie und Pädagogik der Sinne, Budrich 2011.

Madalina Diaconu: Tasten, Riechen, Schmecken. Eine Ästhetik der anästhesierten Sinne, Würzburg 2005.

Charles Fourier: Theorie der vier Bewegungen und der allgemeinen Bestimmungen, Frankfurt am Main 1966.

Otto Franck: Die Allmasse: System eines qualitativen Materialismus, Leipzig 1926.

Jürgen Hasse: Fundsachen der Sinne: Eine phänomenologische Revision alltäglichen Erlebens, Freiburg 2005.

Robert Jütte: Geschichte der Sinne: Von der Antike bis zum Cyberspace, München 2000.

Martin Jay: Ideologie und die Herrschaft des Auges, enthalten in: Leviathan – Zeitschrift für Sozialwissenschaft, No. 1 / 1995.

Josef Clemens Kreibig: Die fünf Sinne des Menschen: ein Cyklus volkstümlicher Universitätsvorlesungen, Leipzig 1901.

William T. Preyer: Die fünf Sinne des Menschen; eine populäre Vorlesung; gehalten im akademischen Rosensal in Jena am 9. Februar 1870. Leipzig, 1870.

A. v. Schweiger-Lerchenfeld: Unsere fünf Sinne, Wien 1909.

Michel Serres – Die fünf Sinne. Eine Philosophie der Gemenge und Gemische, Frankfurt a.M. 1993. (Über Riechen und Geschmack das Kapitel „Tafeln“ S. 203 – 314)

Ulrike Zeuch: Umkehr der Sinneshierarchie: Herder und die Aufwertung des Tastsinns seit der Frühen Neuzeit. Tübingen, 2000.

  1. Vgl. etwa: Madalina Diaconu: Tasten, Riechen, Schmecken. Eine Ästhetik der anästhesierten Sinne, Würzburg 2005. [zurück]
  2. MEW 40: 544. Der materialistische Begriff von Natur ist zu unterscheiden von dem ideologischen, der Natur als geschichtsloses, fixes vorgegebenes, unveränderliches Sein begreift. Ein solcher Naturbegriff läßt gesellschaftliches, menschengemachtes Leid zu unveränderlichen Schicksal gerinnen. Adorno will die Begriffe Natur und Geschichte ineinander auflösen. Schon weil Natur immer vergänglich ist, ist sie durchdrungen von Geschichte, trägt sie »das Moment von Geschichte in sich« (Idee der Naturgeschichte, S. 345-360). [zurück]
  3. MEW Ergänzungsband I: 516. [zurück]
  4. Organische Verdrängung: meint eine Verdrängung nicht vom Vorbewußten ins Unbewußte, sondern im Unbewußten, weil das Kind zu dem Zeitpunkt der Entwicklung noch kein Bewußtsein hat, ja sogar das Ich als ein Resultat dieser Verdrängung angesehen werden kann. Die Lust am Riechen wird durch Unlust, Scham, Ekel ersetzt. Diese Verdrängung lustvoller Empfindungen ist ein Teil der Kultur, betont wird von Freud nicht der Verzicht, sondern die Surrogatbildung, Sublimierung des Triebs in Kulturschöpfung. Der Mensch mußte sowohl phylogenetisch als auch ontogenetisch die Nase von der Erde erheben. Diese erste Verdrängung (auch Urverdrängung) ist die Grundlage aller folgenden Verdrängungsprozesse. (Vgl. Däuker, Helmut, Bausteine einer Theorie des Schmerzes, Psychoanalyse – Neuropsychologie – Philosophie, Münster 2002, S. 76ff) [zurück]
  5. S. Freud, Unbehangen in der Kultur, Kapitel 4, FN 1, S. 64. Zur Relevanz, Kritik und Anteil der Psychoanalyse an der Konstitution des modernen Geschlechterverhältnisses siehe: Micha Böhme – Die Relevanz der Freudschen Psychoanalyse. [zurück]
  6. René Descartes: Die Welt oder Abhandlung über das Licht, Weinheim 1989. Vgl. insb. das Blindenstock-Gleichnis in »Die Welt oder Abhandlung über das Licht«, in dem Descartes über ein »Sehen mit den Händen« spricht. [zurück]
  7. ohann Gottfried Herder: Viertes kritisches Wäldchen / Zum Sinn des Gefühls / Plastik I und II, enthalten im zweiten Band der Werke, München 1984. [zurück]
  8. us diesem Grund fordert Rimbaud in den »Seherbriefen« eine Entfesselung der Sinne, die für ihn auch mit einer spezifischen Synästhesie verbunden ist – so etwa in einem Entwurf zu einem Alphabet, in dem er zunächst den einzelnen Vokalen Farben zuordnet, das aber später in eine Sprache münden soll, die allen Sinnen zugänglich wäre. http://www.lyrikwelt.de/gedichte/rimbaudg2.htmhttp://www.haikuscope.de/vokale.htm [zurück]
  9. Freud, Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose, C. Das Triebleben und die Ableitung von Zwang und Zweifel, GSW, Quelle: www.textlog.de [zurück]
  10. In ihnen bleibt die Potentilität des Riechens bewahrt wie beschränkt. [zurück]
  11. Diese These müsste im Bezug auf die nicht zu verleugnende Tatsache überprüft und konkretisiert werden, dass es auch eine Kulturgeschichte der männlichen Parfumerie gibt. Auffällig ist hierbei, dass im männlichen Parfum gerade jene Noten des Körpergeruchs betont werden, die eher streng und beißend sind. In der Kultivierung eines spezifisch männlichen und eines spezifisch weiblichen Dufts spiegelt sich die Geschlechterspaltung. [zurück]