Silke Kapp – Abenteuer der Körper in ungemütlichen Städten

[Zuerst veröffentlicht in der Zeitschrift Florida – Beiträge für das Leben nach der Stadt]

Sieht man sich die Architekturtheorie der letzten Jahrhunderte an, scheinen zwei Merkmale recht deutlich: erstens, dass die Beziehung von Dingen und Räumen zum menschlichen Körper immer stärker durch technische Normen – der Mechanik, der Ergonomie oder der Hygiene – bestimmt wurde; und zweitens, dass die Erweiterungen dieser Perspektive sich fast ausschließlich auf die visuelle Erfahrung beziehen. Sowohl die alte Konsonanz zwischen den Maßen des Körpers, den Maßen des Kosmos und denen der Architektur wurde vergessen, als auch das Bewusstsein, dass Architektur den menschlichen Körper anders ansprechen kann als durch jenen Zustand, den wir als ›bequem‹ empfinden. Diese Rückbildung der körperlichen Dimension wird durch eine wachsende Emphase der intellektuellen Dimension wettgemacht: Sinn, Inhalt und sogar ästhetische Erfahrung einer immer bequemeren, angepassteren, zweckmäßigeren Architektur richten sich an den Intellekt, vermittelt durchs Auge. Die Tendenz steht einer philosophischen Ästhetik nahe, die vom Leib abstrahiert, sich auf »interesseloses Wohlgefallen« (Kant) konzentriert und »kulinarischen Genuss« (Adorno) ausschließt. Aus dieser Perspektive erscheint die neuere Rede von der Immaterialität und der Virtualisierung nur als der Höhepunkt eines langen Prozesses.

Ziel dieses Textes ist zunächst eine Reflexion über die architektonischen Voraussetzungen der Zweckmäßigkeit, der Bequemlichkeit, der Anpassung. Brennpunkt ist dabei die Möglichkeit der Unruhe, der Disharmonie, die Möglichkeit eines Auswegs aus der Lethargie, der Betäubung, der Apathie im Bezug auf architektonischen und städtischen Raum. Als Beispiel sollen uns schließlich einige Aspekte der Geschichte und der heutigen Situation der brasilianischen Großstadt Belo Horizonte dienen.

Welt der Dinge

In ›The Human Condition‹ benutzt Hannah Arendt den Ausdruck »Welt« im spezifischen Sinn der Umwelt der durch Menschen gemachten Dinge, im Gegensatz zur natürlichen Umwelt. Die Welt ist eine Welt der Dinge, mit denen wir umgehen, und die unser Dasein weit über die materielle Notwendigkeit hinaus bestimmt. Was uns zum Menschen macht, ist das Zusammenleben mit anderen Menschen, die uns ähnlich sind, aber nicht identisch mit uns. Das individuelle Dasein zeigt sich in den Unterschieden zu Anderen und in der Möglichkeit, diese Unterschiede auszudrücken, zu kommunizieren, zu diskutieren und zu reflektieren. Hannah Arendt macht deutlich, dass es diese Unterschiede ohne die Vermittelung der Dinge nicht gibt. Obwohl die westliche Tradition die Scheidung zwischen Leib und Seele, Stoff und Geist, seit langem aufrechterhält, und wir oft annehmen, dass sich die menschliche Interaktion von materiellen Dingen trennen lässt, sind gerade diese Dinge notwendig, um Orte anzuzeigen, Ausdrücke zu tragen und sinnvolle Beziehungen zu schaffen. Arendt geht so weit, dass sie den Mangel an Beziehung zwischen der Welt der Dinge und der menschlichen Wesen als eines der Hauptprobleme unserer Zeit ansieht: »Was es schwer macht, die Massengesellschaft auszuhalten, ist nicht die Anzahl der Personen, die sie enthält …, sondern eher die Tatsache, dass die Welt zwischen ihnen die Kraft verloren hat, sie beieinander zu halten, sie in Zusammenhang zu stellen und sie zu trennen.«

Der Zusammenhang zwischen den Dingen und der Möglichkeit des pluralen Ausdrucks menschlicher Wesen ist tatsächlich so stark, dass fast alle pessimistischen Visionen der Zukunft bei der Uniformisierung der Dinge ansetzten: von der Kleidung, bis hin zu Utensilien und Wohnungen. Der Alptraum der in Uniform und absolut identischen Unterkünften lebenden Leute scheint das Ende jeder Menschlichkeit – also unmenschlich.

Aber warum sollen in unserer Gesellschaft die Dinge die Kraft verloren haben, Menschen aufeinander zu beziehen? Dinge sind nicht nur technische oder mechanische Utensilien, sondern auch Ausdrucksträger, entweder an sich oder indem sie die Situationen menschlicher Körper im Raum unterstützen. Das mag banal klingen, ist aber in vielen Fällen die Grundlage der Interaktion. Dinge sind Möglichkeiten des Ausdrucks menschlicher Körper im Raum. Es scheint nun, dass gerade die oben angesprochene Voraussetzung von Bequemlichkeit einer drastischen Reduzierung dieser Möglichkeiten entspricht. Wenn die Elemente der Architektur sich erst an Hygiene und Ergonomie zu halten haben, sind viele Ausdrucksformen der Körper im Raum von vorneherein ausgeschlossen.

Vom Luxus zur Bequemlichkeit

Der Streit um die Vor- und Nachteile der Verfügbarkeit von Dingen über die strikte Notwendigkeit hinaus, beginnt Ende des 17. Jahrhunderts, zusammen mit der gesellschaftlichen Produktion eines gewissen Überflusses. Damals verglich man die angebliche Frugalität und Reinheit der Städte des Altertums – wie Sparta, Athen oder Rom – mit den überladenen Manieren der französischen Städte unter Louis XIV. Fénelon zum Beispiel ist ein wichtiger Verteidiger der asketischen Lebensweise, und zwar aus der christlichen Perspektive. Er kritisiert »die neuen Notwendigkeiten, die täglich erfunden werden« und den »Verfall der Ordnung« und die Ambitionen, die dies seiner Meinung nach hervorbringt. Ähnlich, aber aus säkularer Sicht, spricht La Bruyère vom Stadtleben und lobt dagegen die »ländlichen Dinge«, das Maßhalten und was er »die wirkliche Größe, die es nicht mehr gibt« nennt. Auf der anderen Seite meinen Verteidiger des Überflusses wie Pierre Bayle, dass die Frugalität der Alten nicht aus einer moralischen Entscheidung, sondern einfach aus materieller Armut entspringt, und dass die Ablehnung des Luxus in Wahrheit nicht Anderes sei, als eine Ablehnung des sterblichen Lebens, die immer schon zum Christentum gehöre. Mandeville argumentiert, dass die individuellen Wünsche nach Luxus den Fortschritt der Gesellschaft tragen und anspornen. Sogar Voltaire schließt sich – nach einer Phase der Kritik – den Argumenten Bayles und Mandevilles an und sieht im Luxus einen der großen Vorteile der zivilisierten Gesellschaft.

Wir könnten noch viele weitere Nuancen dieser Debatte anführen, aber interessant daran ist vor allem die Tatsache, dass sowohl seine Verteidiger, als auch seine Ankläger den Luxus im Zusammenhang mit der Leidenschaft – Pathos – verstehen und dementsprechend die Kargheit materieller Dinge im Zusammenhang mit der Apathie oder Leidenschaftslosigkeit. Fénelon beschreibt das Leben ohne Luxus als »nüchtern, gemessen, einfach, von Unruhe und Leidenschaften frei, ordentlich und fleißig«. Gerade diese Zusammenhänge haben sich mit der Zeit umgekehrt: leidenschaftlich nennen wir eher ein abenteuerliches Leben, ohne materiellen Komfort, während uns die Assoziation der Wohlhabenheit mit einer gewissen Apathie geläufiger ist. Diese merkwürdige Umkehrung folgt aus einer Entwicklung, die den alten Luxus zur so genannten »Bequemlichkeit« macht. Sie bedeutet einerseits eine relative Demokratisierung der Verfügbarkeit von Gütern, aber andererseits auch eine Standardisierung, die der Idee des Luxus ihren ursprünglichen Gegensatz zur Notwendigkeit entzieht. Bequemlichkeit ist Luxus, der zur Gewohnheit geworden ist und deshalb nicht mehr als Luxus wahrgenommen wird. Wenn man Luxus als Erfahrung eines qualitativen Überflusses der lebensnotwendigen Dinge bezeichnen kann, so ist Bequemlichkeit das Umgekehrte: die bloße Abschaffung der Wahrnehmung des eigenen Leibes. Ein bequemes Kleidungsstück lässt uns den eigenen Körper kaum mehr spüren – das Gleiche gilt für bequeme Autos, Häuser oder Reisen. Das Bewusstsein des Körpers wird in allen Fällen auf ein Minimum reduziert.

Die berühmte Schrift ›Ornament und Verbrechen‹ von Adolf Loos bezeugt sehr eindrucksvoll diese Wandlung des Luxus in Bequemlichkeit und ihre Folgen für die Erfahrung des Körpers. In seltsamem Widerspruch zu seinen eigenen Bauten – deren taktiler Wert unabsprechbar ist – weist Loos vehement alles ab, was jene materiellen Notwendigkeiten überschreitet, die er dem »modernen Menschen« zuschreibt. Das Ornament, das vielleicht nichts weiter ist als der Teil des Luxus, der nicht in Bequemlichkeit verwandelt werden kann, wird als erotischer Ausdruck verstanden, der für die entwickelte Menschheit überflüssig sei. So spricht Loos zwar den Ornamenten nicht ihr Existenzrecht pauschal ab, aber er sieht sie doch als Zeichen kultureller Unterentwicklung. Für Loos soll der Ausdruck menschlicher Pluralität nicht mehr von Dingen abhängen, sondern sich auf rein intellektueller Ebene vollziehen.

Die Überhöhung der Bequemlichkeit (im privaten Bereich meist auch »Zweckmäßigkeit« genannt) zum unantastbaren Kriterium architektonischer Qualität beginnt im 19. Jahrhundert, wird aber erst im 20. Jahrhundert vollendet, zunächst durch die Debatten um den Wohnungsbau. Anfangs ging es darum, Menschen, die nicht nur in unbequemen, sondern in unmenschlichen Bedingungen lebten, Wohnraum für ein Existenzminimum zu ermöglichen. Aber schon der Wohnungsbau in den zwanziger Jahren in Frankfurt war im Prinzip eine Art ›Taylorisierung‹ des architektonischen Raumes, d. h. eine Rationalisierung der Bewegungen im Raum, die jener der industriellen Produktion sehr ähnlich ist. Besonders deutlich wird das in der »Frankfurter Küche«: ein steriler Raum für genau kalkulierte Bewegungsabläufe. Bestimmt boten die neuen Wohnungen vielen Menschen bessere Lebensbedingungen als vorher, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass die instrumentelle Nutzung des Raumes jede besondere Beziehung zwischen Menschen und Dingen ungemein erschwert. Die Utopie des Genusses, der Erfüllung, der Freiheit, die Luxus enthält, wird vom Streben nach Bequemlichkeit und Anpassung zunichte gemacht.

Inzwischen hat sich das Kriterium des minimalen Aufwandes in Richtungen verbreitet, die sich die Funktionalisten der zwanziger Jahre wahrscheinlich nie vorgestellt hätten. Nicht nur mechanische Bewegungen der körperlichen Arbeit wurden taylorisiert, sondern fast das ganze menschliche Tun, das mit Bewegung im Raum zusammenhängt. Das Ideal der Annehmlichkeit lief auf einen Zustand hinaus, in dem der Körper seine Bewegungen kaum mehr selbst bestimmt. Es ist vorgeplant, wo und wie man geht, steht oder sitzt, und meist so, dass man den eigenen Körper kaum mehr empfindet. Anders gesagt: das Bequeme domestiziert die Körper (und damit auch die Seelen) zur absoluten Widerstandslosigkeit. Dabei ist es auffällig, wie leicht sich auch durchaus reflektierte Menschen solcher architektonischen Disziplin fügen. Sie verteidigen mit allen Mitteln, dass ernste Musik, Filme oder Werke der plastischen Künste nicht angenehm passiv rezipiert werden können, ärgern sich aber schon über kleinste Abweichungen der Ergonomie in der Architektur. Straßen dürfen zwar ältlich charmant aussehen, aber dort, wo die Körper anstoßen, greift man doch lieber zur »Entkernung« der Altbauten. Das Bücken durch die Tür, das Trippeln auf kleinen oder das Ausschreiten auf großen Stufen, das Öffnen schwerer Fenster, das Frieren in Zugluft, das unsichere Sehen bei karger oder blendender Beleuchtung – all diese und viele andere Situatio- nen werden heute meist nur als Fehler interpretiert. Man erwartet, dass der Raum und die Dinge im Raum durch Feinheiten der Form oder der Technik verbessert werden, doch macht dabei die normierte Bequemlichkeit zur Voraussetzung, der alles Neue stillschweigend folgen soll.

An einer Stelle der ›Minima Moralia‹, kurz hinter der berühmten Aussage über die Unmöglichkeit des Wohnens, schneidet Adorno das Thema der Normierung und mechanischen Standardisierung unserer Gesten und Bewegungen an. Sie bedeutet eine Standardisierung unserer Beziehungen zu der Welt der Dinge. »Die Technisierung macht einstweilen die Gesten präzis und roh und damit die Menschen. Sie treibt aus den Gebärden alles Zögernde aus, allen Bedacht, alle Gesittung. Sie unterstellt sie den unversöhnlichen, gleichsam geschichtslosen Anforderungen der Dinge … Am Absterben der Erfahrung trägt Schuld nicht zum letzten, dass die Dinge unterm Gesetz ihrer reinen Zweckmäßigkeit eine Form annehmen, die den Umgang mit ihnen auf bloße Handhabung beschränkt, ohne einen Überschuss, sei’s an Freiheit des Verhaltens, sei’s an Selbstständigkeit des Dinges zu dulden, der als Erfahrungskern überlebt, weil er nicht verzehrt wird vom Augenblick der Aktion.«

Die Sachlage lässt sich auch an den Kategorien der taktilen und der kontemplativen Rezeption beschreiben, zwischen denen Walter Benjamin im Essay über ›Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit‹ unterscheidet. Die kontemplative Rezeption Benjamins hat als Modell den Blick des Touristen oder des Kritikers, der sich auf Herauslesen von Sinn, Technik und Form versteht; die taktile Rezeption hängt mit dem Körper, den Gewohnheiten, der Benutzung, der Aneignung zusammen – im Grunde ist es die Art der Wahrnehmung, die in der Architektur überwiegt. Nun: die normierte Bequemlichkeit neutralisiert diese taktile Rezeption zum stereotypen Verhalten. Damit vernichtet sie einen großen Teil der Möglichkeiten architektonischen Ausdrucks. Architektur wird nicht mehr erfahren, sondern nur noch gesehen und benutzt.

Die Stadt für den Verstand

Kommen wir nun auf unser Beispiel zurück: die brasilianische Stadt Belo Horizonte, in der die Wandlung vom Nichts zur Millionenstadt in wenigen Jahrzehnten erfolgte, und die deshalb die Widersprüche zwischen normierter Bequemlichkeit und körperlicher Erfahrung besonders deutlich zeigt.

Belo Horizonte wurde von 1892 bis 1897 für die neue republikanische Regierung des Landes Minas Gerais geplant und gegründet; und zwar als erste geplante Idealstadt Brasiliens. Es gab dort vorher ein kleines Dorf, genannt Curral del Rey – wörtlich, königlicher Kuhstall (vor der höheren Bergkette im Süden sammelte man damals die Herden). Aber so wie eine republikanische Idealstadt nicht ›Königlicher Kuhstall‹ heißen konnte, war auch die topologische Ordnung des Dorfes für die neue Planung unbrauchbar. Die Stadt wurde ›Schöner Horizont‹ getauft und die hügelige Landschaft einer geometrischen Operation unterzogen. Auch im Gegensatz zu den krummen Gassen in der historischen Stadt Ouro Preto, wo zu monarchistischen Zeiten die Landesregierung saß, wurde ein ortogonales Straßennetz mit diagonalen Boulevards angelegt, begrenzt von einer Ringstraße. (Die dazu nötige Demonstration von Naturbeherrschung war übrigens dem Wahrzeichen der Monarchie, Versailles, nicht unähnlich.) Das geometrische Raster wurde für den Verstand gebaut, für die Hygiene und den Verkehr, aber auch für den Geist, mit repräsentativen Plätzen, geographisch oder historisch bezogenen Straßennamen und neoklassischen öffentlichen Gebäuden. Dazu kamen dann auch die obligatorischen Gegenstücke des reinen Geistes: ein zentraler Stadtpark nach englischer Art (inzwischen auf weniger als ein Drittel seiner ursprünglichen Fläche geschrumpft), ein zoologischer Garten und ein peripherer Teil, ohne detaillierten Plan, mit engeren und dem Gelände angepassten Straßen. Im regelmäßigen Teil, genannt »urbane Zone«, sollten überwiegend Beamte mit ihren Familien wohnen, die sich im Park oder im Zoo den sinnlichen Ausgleich ihres ansonsten unsinnlichen Daseins suchen könnten; der unregelmäßige Teil, genannt »suburbane Zone«, war für die Arbeiter vorgesehen, denen die körperliche Aneignung des Raumes selbst überlassen wurde. Innerhalb des Rasters war keine hierarchische Gliederung der Viertel vorgesehen. Die Blocks wurden in 600 qm große Grundstücke aufgeteilt und diese verlost. Der Stand der Beamten zeigte sich durch verschiedene Häusertypen, die den verschiedenen Maßen der Grundstücke im selben Block entsprachen: 10 × 60 m, 15 × 40 m, 20 × 30 m. Nach klassischen Prinzipien des Schönen als Einheit in der Vielheit sollten hohe und niedrige Beamte nebeneinander wohnen.

Die Stadt der Köper

Die brasilianische Kultur ist bekannt für relative Freiheit in Bezug auf den menschlichen Körper. Vom Karneval bis zum Fußball werden Körper bewegt, belebt und zur Schau gestellt. Diese Einstellung ist parallel zu einer Lebensweise, für die der Außenraum als Ausdrucksmöglichkeit immer wichtiger war als der Innenraum, und daher auch die Stadt und die Straße wichtiger als die eigenen vier Wände. In gewissem Sinne ist die Entwicklung der Stadt Belo Horizonte ein Zeugnis dieser Lebensweise, denn die körperliche, taktile Aneignung der Stadt setzte sich gegen die Planung durch. Wider Erwarten wuchs die Stadt nämlich nicht von innen nach außen, sondern umgekehrt. Die schöne geometrische Ordnung war in den ersten dreißig Jahren nur eine große geometrische Leere. An bis zu 50 m breiten Straßen standen die wenigen öffentlichen Gebäude und kleine Häuschen, nach französischem Muster, während der äußere Teil sich relativ schnell verdichtete. Das lag zweifellos auch an den steigenden Preisen der Grundstücke nach der Verlosung am Anfang, aber vor allem lag es an der weniger restriktiven Ordnung der Peripherie: man durfte dort ohne vorgegebenes Muster bauen, Schweine züchten und auf der Straße sitzen, kochen oder feiern (was zwar beschrieben ist, aber leider nicht fotografiert). Der Außenraum war enger begrenzt und den Gewohnheiten der Neuankömmlinge aus Ouro Preto und ähnlichen Städten oder Dörfern näher. Die geometrische Stadt erschien fremd, stereotyp, zum Leben nicht geeignet. Mit ihr konnte man wörtlich »nichts anfangen«. Viele, die es sich ihrer sozialen und finanziellen Position nach leisten konnten, im »ordentlichen« Teil zu wohnen, verkauften ihren Besitz dort und zogen in den »unordentlichen« Teil. Der Plan, der Ende des 19. Jahrhunderts entstand, sollte Freiheit symbolisieren und produzieren, aber die Körper waren darin eher verloren als frei. Er mochte einer kontemplativen oder intellektuellen Wahrnehmung entsprechen, aber nicht der taktilen Wahrnehmung von alten und neuen Einwohnern. Gleichzeitig begann auch die spontane, illegale Aneignung überall. Schon in den ersten Jahrzehnten wurden große Teile von den so genannten Favelas besetzt. (Der Ausdruck ›Favela‹ ist mit dem Wort ›Armenviertel‹ schlecht übersetzt, denn es gibt sehr arme Viertel, die keine Favelas sind, und andererseits relativ wohlhabende Leute, die in Favelas wohnen. Favelas sind in erster Linie Stadtteile, in denen sich die Menschen unabhängig von Planung und Besitz ansiedeln. Sie sind im Grunde durch das definiert, was sie nicht sind, oder was sie ignorieren, eben die geplante Stadt.) Die Favelas entstanden innerhalb des Rasters, aber auch im Tal – von den Erbauern wegen der »ungesunden« Feuchtigkeit gemieden – und auf den steileren Hängen – wo sich keine Häuser nach Muster errichten ließen. Die Gelände vieler Favelas wurden später saniert, aber ebenso viele sind immer noch in der heutigen Stadtmitte.

Man kann also sagen, dass sich die Stadt eher gegen, als nach Plan entwickelte. Die von der Planung relativ frei gelassenen Teile drängten sich mit der Zeit immer weiter vor, und nur so füllte sich dann auch das geometrische Raster – allerdings nicht in der vorgesehenen Weise, sondern eher chaotisch. Da die Verbindungen zwischen den ursprünglichen Randgebieten schlecht sind, wurde die imaginierte Idealstadt zum Alles verbindenden und vom Verkehr überbeanspruchten Zentrum. Das geht so weit, dass es heute noch eine Menge leerer oder nur wenig genutzter Grundstücke dort gibt, auf denen aber Bauen durch den Verkehr schwierig und unattraktiv geworden ist. Der ursprüngliche Plan ist zwar auf der Karte noch zu erkennen, aber erleben kann man ihn nicht; jeder Neuankömmling kommt sich darin vor wie im Labyrinth. In den 50er Jahren begann die industrielle Entwicklung der Stadt, gefolgt von einer bedeuten Expansion, die bis Ende der 70er Jahre anhielt. Sie bestand einerseits aus mit privatem Kapital betriebener Massenproduktion von Grundstücken für die unteren Schichten und andererseits aus der öffentlichen Planung neuer Stadtteile für die oberen Schichten. Seit den 80er Jahren wächst die Stadt wieder mehr nach innen. Viel wird abgerissen und neu gebaut, fast alle Gebiete verdichten sich, und mit ihnen verschärfen sich auch die sozialen Konflikte. Diese Verschärfung hat nun in kurzer Zeit eine neue Situation geschaffen. Aus der zunächst quantitativen Entwicklung wurde ein qualitativer Sprung, der die räumliche Distanz zwischen körperlich-taktiler und rationalisierter Aneignung des Raumes plötzlich drastisch vergrößert. Das was vorher ein Neben- oder auch ein Durcheinander war, wird jetzt zum Gegeneinander. Einerseits ziehen sich bestimmte Gruppen ins Shopping Center, Hochhaus oder isolierte und bewachte Stadtviertel zurück. Man kann sie die passiven Körper der Stadt nennen. In diesen Gruppen entsteht sehr kurzfristig ein Kult eben jener Bequemlichkeit bzw. Disziplinierung, die sich vorher nicht durchsetzen konnte, und die nun überwiegend stereotype Räume und Verhalten erzeugt. Die Architektur für diese passiven Körper wird meist so zugeschnitten, dass jeder Schritt sorgsam vorgesehen ist. Man könnte bei vielen neuen Appartementhäusern die Fassadenwände abnehmen und dahinter ein gleichmäßiges Muster von Sofas, Tischen, Stühlen und Fernsehern finden. Die Individualität beschränkt sich auf die Wahl der Farben und Preise der Möbel; die von vorneherein eingeplanten Bewegungen, die diese Räume aufzwingen, werden meist widerspruchslos akzeptiert, weil das Alles eben so bequem ist. Solche Verdinglichung gilt keineswegs nur für die Wohnungen, sondern genau so für öffentliche Räume: ohne Regen oder Sonne geht man bequem durch die Einkaufscenter, zwischen den großen Geschäften an den Enden und den Rolltreppen, die Jeden dazu zwingen, kein einziges Schaufenster auszulassen. Bänke, Blumentöpfe und Aschenbecher sind fest angeschraubt; das gekünstelte Lächeln und die eingeübten Phrasen der Verkäufer tun den Rest. Jeder Wunsch, der der Statistik entspricht, wird sofort erfüllt; jeder andere schnell frustriert und abgeschafft. Die Körper funktionieren dabei wie nach Drehbuch. Diese passiven Körper bewegen sich nur relativ selten auf den Straßen – es sei denn in Autos –, und an viele Stellen wagen sie sich gar nicht. Sie empfinden die Stadt als »ungemütlich«, »unschön« und oft infach als gefährlich. Sie schlendern nicht, sondern gehen, wenn überhaupt schnell und direkt. Meist fühlen sie sich wohler in Appartementhäusern, geschlossenen Siedlungen oder abgelegenen Vororten. Die Veränderungen der Stadt, die diese Körper hervorbringen, sind durch Bauunternehmer und Staat vermittelt; Spuren eines direkten Ausdrucks finden sich kaum noch. Andere Gruppen, die man vielleicht die aktiven Körper der Stadt nennen könnte, machen aus ihr eine Bühne neuer Aneignungen, aber ohne Drehbuch. Für viele dieser Körper wird sie zum Jagdrevier, zum Jahrmarkt, zum politischen Raum, zur Wohnung, zur Büchsen- und Altpapierplantage, zum Arbeitsplatz, zum Träger neuer Zeichen. Der Blick der passiven Körper nimmt meist diese Aneignungen gar nicht wahr und sieht nur die Zeichen der Gewalt. In Wahrheit ist die Situation aber keineswegs so einseitig, denn die aktiven Körper realisieren das, wozu die passiven nicht mehr fähig sind: sie erfahren die Stadt, sie bestimmen ihren eigenen Raum und ihre eigenen Bewegungen; sie machen aus den Dingen mehr als Objekte der Handhabung.

Das alles hat viele soziale und ökonomische Gründe, deren Wichtigkeit keineswegs geleugnet werden soll (wie zum Beispiel die Untätigkeit des Staates im Bezug auf das Wohnungsproblem). Aber gerade die Debatte um bessere Lebensbedingungen kann nicht mehr dort beginnen, wo sie schon so oft begonnen hat, nämlich bei der Frage, wie man die meistmögliche Anzahl von Menschen auf einen vorbestimmten Standard bringen kann. Vielleicht wäre es besser, erst den Standard selbst zu bedenken, der Apathie im Bezug auf den architektonischen und den urbanen Raum produziert, der ohne immer neue und konstante Planung unhaltbar ist, und der den Menschen gar nicht so viel Gutes tut, wie wir oft glauben. Der perfekt angepasste Raum ist nicht wünschenswert. Wenn man in dieser Richtung kritisch weitergeht, scheitert allerdings die ganze funktionalistische Denkweise und mit ihr die Idee der Architektur als Befriedung von mehr oder weniger standardisierten Wünschen und Nöten. Woran soll sich Architektur dann halten? Die Frage ist nicht so zynisch, wie sie zunächst klingt, denn obwohl sich seit den fünfziger Jahren das Spektrum der Zwecke erweitert hat, blieb die Voraussetzung unverändert, dass Projekte für festgelegte Geschehen und Bewegungen gemacht werden. Können Architekten eigentlich noch ohne die Nötigung zur Zweckmäßigkeit, ohne normierte Bequemlichkeit und ohne definierte Bewegungen der Körper im Raum entwerfen? Eine Möglichkeit wäre die taktile Neuentdeckung der Architektur, in der die erotischen, kulinarischen, menschlichen Dimensionen der Dinge den Körper kontaminieren. Einige Versuche in dieser Richtung wurden schon gemacht. Zum Beispiel die Objekte von Lebbeus Woods, die performative Anstrengung erfordern, wenn man sich ihrer aneignen will. Oder die Experimente von Künstlern wie Shusaku Arakawa und Madeline Gins, die die ganze körperliche Erfahrung des Alltags umkehren wollen. Der berühmteste solcher Versuche ist wahrscheinlich das jüdische Museum in Berlin von Daniel Libeskind, das eine geschichtliche Konstellation in architektonische Erfahrung verwandelt. Diese Erfahrung ist bestimmt nicht bequem. (Sie wurde aber leider durch die Ausstellung selbst zunichte gemachte, denn das Gebäude, in dem man sich zunächst sehr verloren und »ungemütlich« vorkam, ist jetzt überall mit roten Fußabrücken markiert, die anzeigen, wie sich die Körper im Raum zu bewegen haben.)

Vielleicht könnten wir von den Abenteuern der Körper in ungemütlichen Städten etwas lernen, anstatt sie schnell zur vorgeplanten, bequemen Apathie zwingen zu wollen.

Literatur

Hannah Arendt, ›A Condição Humana‹, Rio de Janeiro 2000.

François Fénelon, ›Les Aventures de Télémaque‹, Paris o. J. (1699).

Jean de La Bruyére, zit. n. Luiz Roberto Monzani, ›Desejo e Prazer na Idade Moderna‹, Campinas 1995.

Theodor W. Adorno, ›Minima Moralia‹, Frankfurt am Main 1988.