Archiv für Juli 2011

Im Radio ist soeben ein Radio-Interview mit Micha Böhme über das Tagesseminar zum Geruchssinn erschienen.

In der Kategorie Text sind nun zwei Texte von Roger Behrens und Silke Kapp zum Leben in der Stadt erschienen.

Roger Behrens: Schöner wohnen nach der Stadt

Drei Reflexionen über das richtige Leben im falschen

[Zuerst veröffentlicht in der Zeitschrift Florida – Beiträge für das Leben nach der Stadt]

Asyl für Obdachlose

»Ich höre schon
des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes
wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet
groß und klein:
Hier bin ich Mensch,
hier darf ich’s sein!«

Goethe, ›Faust I‹

Der berühmte Schlusssatz des Osterspaziergangs ist auch als »Wallsticker« bzw. »Wandtattoo«, Größe 25 × 50 cm, zu kaufen …

»Es gibt kein richtiges Leben im falschen.«1 – Das falsche Leben, in dem es kein richtiges gibt, hat einen Ort: es ist die Wohnung, die moderne Behausung, die Stadt. Adorno beschließt mit diesem, mittlerweile als Leitspruch kritischer Theorie akzeptieren Satz einen Aphorismus aus den ›Minima Moralia‹, der sich auf das Alltagsleben und seinen »Schauplatz« richtet: »Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen«,2 heißt es beinahe lapidar, und Adorno fährt in seiner »Reflexion aus dem beschädigten Leben« fort: »Die traditionellen Wohnungen, in denen wir groß geworden sind, haben etwas Unerträgliches angenommen: jeder Zug des Behagens darin ist mit Verrat an der Erkenntnis, jede Spur der Geborgenheit mit der muffigen Interessengemeinschaft der Familie bezahlt. Die neusachlichen, die tabula rasa gemacht haben, sind von Sachverständigen für Banausen angefertigte Etuis, oder Fabrikstätten, die sich in die Konsumsphäre verirrt haben, ohne alle Beziehung zum Bewohner: noch der Sehnsucht nach unabhängiger Existenz, die es ohnehin nicht mehr gibt, schlagen sie ins Gesicht.«3

Auch das gehört zu den Widersprüchen der Stadt als soziales Verhältnis: dass Wohnen nicht auf die Wohnung begrenzt bleibt, und der Mensch auch außerhalb der Wohnung in der Stadt wohnt. Den Hinweis darauf gibt Adorno mit seinem Aphorismus durch den Titel: ›Asyl für Obdachlose‹ lautet die Überschrift, die er sich von seinem Freund und Lehrer Siegfried Kracauer geborgt hat. Kracauer hat die Formulierung für einen seiner Essays über ›Die Angestellten‹ gewählt, mit Anspielung auf Georg Lukács’ ›Theorie des Romans‹4. Obdachlosigkeit erscheint als originäres Phänomen des Stadtlebens, betrifft die »Masse der Angestellten«, von der Kracauer handelt, inmitten des städtisch-konsumistischen Wohlstands der fordistischen Gesellschaft der Goldenen Zwanziger. Diese Masse lebt geistig auf der Straße, denn »das Haus der bürgerlichen Begriffe und Gefühle, das sie bewohnt hat, ist eingestürzt.«5 Unter ihrem »Zuhause ist übrigens außer der Wohnung auch der Alltag zu verstehen, den die Inserate der Angestellten-Zeitschriften umreißen.«6vUnterschlupf finden sie in den Architekturen, die es ihnen erlauben, »im Glanz und in der Zerstreuung zu leben«.7 Dazu gehören die Kaufhäuser und die »gigantischen Lokale« (»Asyle im wörtlichen Sinne«), schließlich alle Angebote des städtischen Freizeitvergnügens, zuletzt der Lunapark8: »Unter dem Druck der herrschenden Gesellschaft werden sie zu Obdachlosenasylen in übertragenem Sinn. Außer ihrem eigentlichen Zweck erhalten sie noch den andern, die Angestellten an den der Oberschicht erwünschten Ort zu bannen und sie von kritischen Fragen abzulenken, zu denen sie im übrigen ja auch kaum einen starken Zug verspüren.«9 (mehr…)

Silke Kapp – Abenteuer der Körper in ungemütlichen Städten

[Zuerst veröffentlicht in der Zeitschrift Florida – Beiträge für das Leben nach der Stadt]

Sieht man sich die Architekturtheorie der letzten Jahrhunderte an, scheinen zwei Merkmale recht deutlich: erstens, dass die Beziehung von Dingen und Räumen zum menschlichen Körper immer stärker durch technische Normen – der Mechanik, der Ergonomie oder der Hygiene – bestimmt wurde; und zweitens, dass die Erweiterungen dieser Perspektive sich fast ausschließlich auf die visuelle Erfahrung beziehen. Sowohl die alte Konsonanz zwischen den Maßen des Körpers, den Maßen des Kosmos und denen der Architektur wurde vergessen, als auch das Bewusstsein, dass Architektur den menschlichen Körper anders ansprechen kann als durch jenen Zustand, den wir als ›bequem‹ empfinden. Diese Rückbildung der körperlichen Dimension wird durch eine wachsende Emphase der intellektuellen Dimension wettgemacht: Sinn, Inhalt und sogar ästhetische Erfahrung einer immer bequemeren, angepassteren, zweckmäßigeren Architektur richten sich an den Intellekt, vermittelt durchs Auge. Die Tendenz steht einer philosophischen Ästhetik nahe, die vom Leib abstrahiert, sich auf »interesseloses Wohlgefallen« (Kant) konzentriert und »kulinarischen Genuss« (Adorno) ausschließt. Aus dieser Perspektive erscheint die neuere Rede von der Immaterialität und der Virtualisierung nur als der Höhepunkt eines langen Prozesses.

Ziel dieses Textes ist zunächst eine Reflexion über die architektonischen Voraussetzungen der Zweckmäßigkeit, der Bequemlichkeit, der Anpassung. Brennpunkt ist dabei die Möglichkeit der Unruhe, der Disharmonie, die Möglichkeit eines Auswegs aus der Lethargie, der Betäubung, der Apathie im Bezug auf architektonischen und städtischen Raum. Als Beispiel sollen uns schließlich einige Aspekte der Geschichte und der heutigen Situation der brasilianischen Großstadt Belo Horizonte dienen. (mehr…)

Nach Großstadt und Geistesleben

Ästhetische Ideologie, Urbanität und Sinnlichkeit

Roger Behrens – 18. August, 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar, Burgplatz 1

Das bürgerliche Zeitalter manifestiert sich um neunzehnhundert in den modernen Großstädten, in den Metropolen der Industrie, des Handels und des Verkehrs. Georg Simmel hat mit seinem Essay ›Die Großstädte und das Geistesleben‹ (1903) versucht, dem in Hinblick auf einige soziologische wie psychologische Charakteristika Ausdruck zu geben: Urbanismus ist nicht nur der architektonisch umbaute Raum namens »Stadt«, sondern die ästhetische Formierung einer Lebensweise. Mit den zwanziger und dreißiger Jahren zeigt sich schließlich, inwiefern Großstadt und Kapitalismus über die Industrie hinaus in der Konsumgesellschaft verschmelzen: zeitgleich zu Clement Greenbergs ›Avantgarde und Kitsch‹ und Walter Benjamins Kunstwerkaufsatz – in dem die These einer Ästhetisierung der Politik entfaltet wird – beschreibt Louis Wirth ›Urbanismus als Lebensweise‹.

Tatsächlich offenbart sich aber erst in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts das vollendete Spektakel dieses Urbanismus: Stadt als Zentrum einer alle Lebensbereiche durchdringende Kommodifizierung, als permanente Rückkopplung zwischen Politik und Ästhetik. Gleichwohl sedimentierten sich damit im Gefüge der Stadt Widersprüche, die nunmehr die Urbanität selbst infrage zu stellen scheinen: Die Städte, von denen noch vor wenigen Jahrzehnten behauptet wurde, dass sie für die Ewigkeit einer fortwährenden Moderne gebaut wurden, sind nicht nur unmodern geworden oder versuchen ihre postmoderne Wiedergeburt in einer zweiten Moderne zu inszenieren, sondern sie verschwinden; und mit ihnen beinahe alles, was die Menschen einst als Stadtmenschen auszeichnete, der Alltag in den Straßen, das Wohnen, das Flanieren und Spazieren, also die Stadt als Erfahrungsraum, als Ort des Feierns und als Spielplatz. Die Stadt wird posturban.

Reader zum Seminar „Das Riechen – von der Gefahr sich im Anderen zu verlieren“: hier.