W. Morgenröthe – Fragmente und Aphorismen

Bruchstücke einer beschädigten Wirklichkeit

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Wer die Wahrheit übers unmittelbare Leben erfahren will, muß dessen entfremdeter Gestalt nachforschen, den objektiven Mächten, die die individuelle Existenz bis ins Verborgenste bestimmen.

Der Philosoph Theodor W. Adorno stellt in seinem Werk Minima Moralia die Frage, wie man heute unter all den Umständen ein gutes Leben führen kann. Dass es kein richtiges Leben im falschen gibt, hat sich als häufig zitierte Antwort verbreitet. Was Adorno aber auch fragt, jedoch nicht explizit, ist: Wie soll man heute über das Leben – respektive: Die Wirklichkeit – schreiben? Welche Form der Kunst beinhaltet Wahrheit oder Erkenntnis? Minima Moralia ist eine Sammlung von Aphorismen, die den Untertitel Reflexionen aus dem beschädigten Leben trägt. Adorno scheint also der Überzeugung zu sein, dass die literarische Form des Aphorismus oder des Fragments – kurz: bruchstückhafter Prosa – eine sinnvolle Form der Annäherung an die Wirklichkeit ist. Über das beschädigte Leben kann man nur noch in Versatzstücken schreiben. Jedoch bezeichnet Adorno die „Lehre vom richtigen Leben“ als „traurige Wissenschaft“. Traurige Wissenschaft? Knapp 70 Jahre vor Adorno äußerte sich ein anderer Philosoph in aphoristischer Form über die Fröhliche Wissenschaft: Friedrich Nietzsche. Auch Nietzsche bevorzugte Aphorismen im Gegensatz zu systematischen Darstellungen, da sie seiner Methode, die er selbst als freigeistig bezeichnete, eher entsprechen würden. Auch schätzte er die Reduktion literarischer Bruchstücke, da sie das lebendige Denken in einem hohen Maße erfordern und fördern würde. Auch Nietzsche bezog sich auf eine literarische Tradition, die ihre Wurzeln in der Früh-Romantik hat. Das Fragment als bewusst gewählte literarische Gattung entwickelte sich im 18. Jahrhundert. In der von den Gebrüdern Schlegel heraus gegebenen Zeitschrift Athenäum wurde literarisch experimentiert und die Form des Fragments etabliert. Das Fragment sollte eine Möglichkeit darstellen, sich über die Tendenzen der Zeit zu äußern. Doch warum war für eine Wirklichkeitsannäherung plötzlich eine neue Form vonnöten? Und warum gerade eine Form, die sich den Regeln der formalen Logik und der systematischen Weltbeschreibung verweigert? Die Erfahrungswelt der Künstler der Früh-Romantik hatte sich rasant gewandelt. Im Verlaufe des 18. Jahrhunderts setzt sich eine in der Renaissance beginnende Entwicklung in ganz Europa durch: die bürgerliche Kultur und damit die Ausbildung eines individualistischen Menschenbildes, fußend auf der proklamierten Autonomie und Selbstständigkeit des Individuums. Die Betonung der menschlichen Vernunft und der Würde des Einzelnen in der Renaissance, die Rationalisierung sowie die Weiterentwicklung des Subjektivismus und des rationalistischen Weltbildes in der Aufklärung sind die Grundlagen dieser Entwicklung. Der Mensch wird aus der göttlichen Ordnung, wie sie im Mittelalter als Vorstellung vorhanden war, heraus gelöst. Jedoch setzt nun ein, was Georg Lukács einmal mit dem Begriff der „transzendentalen Obdachlosigkeit“ umriss. Das Individuum fühlte sich in der Vereinzelung, in der Rolle des Privatproduzenten unwohl, vereinsamt und verloren. Die Suche nach Halt, nach einem transzendentalen Deutungsmusters der Welt, setzte in einem neuen Umfang ein, neue Lebensinhalte wurden definiert. Vaterland, Nation, Staat, Kunst der Antike oder die Idee der Humanität wurden mit dem Erlösungsversprechen religiös-spirituell aufgeladen und fungierten als Ersatzreligion. Die Künstler fanden sich als Marktteilnehmer vor. Verdinglichung und Entfremdung verkündeten die Expansion der kapitalistischen Verwertungslogik. Um der entfremdeten Gestalt des Lebens – wie es Adorno bezeichnete – nachzuforschen, bediente man sich des Fragments. Stellt man sich die Kunst als Spiegel der Wirklichkeit vor, so zerbrach dieser Spiegel in einzelne Splitter – als Reaktion auf die Entwicklung einer beschädigten Wirklichkeit. Der einzelne Splitter, das Bruchstück ist das Fragment. Es ist eine spezifisch moderne Form der Reflexion.

Der Text wurde ursprünglich als Radio-Essay in der ersten Ausgabe der Sendereihe „Wutpilger-Streifzüge“ gesendet. W. Morgenröthe ist Mitglied der überregionalen kommunistischen Gruppe „Surpasser„.