Lautreamont & Detournement

Lautreamonts Plagiatkunst als Destruktionsmodell der Moderne

Vortrag von R.G. Dupuis (K’s Kriegstheater) und Zwi (BBZN) in Weimar am 22.4.2010

1. Teil – Einleitung

Über Lautreamont ist vieles geschrieben worden, über diesen „Erzengel, Sprengstoffattentäter und Totengräber der Literatur“(Graqc). Generationen von Experten sind jedem einzelnen Satz seines rätselhaften Werks nachgestiegen und haben viele Bücher mit ihren Entdeckungen gefüllt. Man weiß heute, dass er eine Vorlesung über „das Problem des Bösen“ gehört, wo er gewohnt und dass er klaviergespielt hat. Und dergleichen Einzelheiten mehr.

Wir werden hier nur einiges davon aufgreifen, aber hauptsächlich wollen wir uns darauf konzentrieren, eine Theorie seiner Technik der Entwendung zumindest zu skizzieren, die er selbst noch als Plagiat bezeichnet. Dazu ist seit 50 Jahren kaum noch etwas nennenswertes gesagt worden, trotzdem Lautreamont diese Technik bereits im 19ten Jahrhundert zu heute noch atemberaubender Meisterschaft entwickelt hat. Er ist auf diesem Weg so weit vorangeschritten, dass er selbst von seinen offensten Bewunderern noch unverstanden bleibt. Gleichwohl ist diese Technik verbreiteter ist als je. Z.B. in der Werbung oder auch in der gegenwärtigen Kunschtproduktion. Auf deutsch könnte man Detournement als Zweckentfremdung oder Entwendung übersetzen. Wir werden beide Übersetzungen manchmal verwenden, gemeint ist dann immer das Détournement, wie wir es im folgenden darzustellen versuchen.

2. Teil – Maldoror & die Dialektik der Aufklärung

Unter der bekannten Geschichte Europas läuft eine unterirdische. Sie besteht im Schicksal der durch die Zivilisation entstellten menschlichen Triebe und Leidenschaften. Lautreamont verschafft in seiner Dichtung dieser Geschichte Gehör. Er ist der Dichter der Muskeln und des Schreis. In seinen „Gesängen des Maldoror“ führt er – so kann man sagen – sein Unbewusstes gegen die herrschenden Ideen vom Guten ins Feld. Sichtbar wird dabei das, was man das Böse genannt hat. Dieses ist nichts anderes als das negative Prinzip, das das Bestehende zerstören will. Das Böse als das negative Seite des Bestehenden speist sich aus der genannten Unterdrückung der menschlichen Triebe und Leidenschaften. Insbesondere die kapitalistisch produzierende Gesellschaft bringt diese negative Prinzip hervor, indem sie eine Welt produktiver Anlagen schafft, und diese zugleich verkrüppelt, wie Marx konstatiert. Die bestehenden Eigentumsverhältnisse verhindern, dass diese Anlagen realisiert werden können. Das allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation, bedingt eine der Akkumulation von Kapital entspechende Akkumulation von Elend. Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degradation auf dem Gegenpol, d.h. auf Seite der Klasse, die ihr eigenes Produkt als Kapital produziert. Das negative Prinzip kann man folglich auch das Proletariat nennen. Das Proletariat ist die destruktive Partei.

Lautreamont war von dieser Dialektik des Guten und Bösen fasziniert. Seine Figur des Maldoror will stets das Böse aber schafft das Gute als neue Positivität. Das ist der Satanismus in den „Gesängen“. [Maldoror-Erklärung]

Die Problematik der modernen Geschichte ist: Die Fortexistenz des Mythos in einer verdinglichten und entzaubert Welt und seine gleichzeitige Verdrängung. Lautreamont will diese Verdrängung auflösen, indem er diese dunkle Seite der Aufklärung darstellt, das Destruktive Prinzip in dieser Dialektik. So auch die Surrealisten, die an seine Gesänge anknüpfen. Sie wollen die Bedeutung des Mythos in dieser achso aufgeklärten Welt geltend machen. Julien Gracq, ein Freund Bretons, kennzeichnet diesen Zusammenhang in seinem sehr guten, aber leider etwas umständlichen Essay „Lautreamont Toujours“. Die Leute, die er Revolutionäre nennt, seien fasziniert vom Gebrauch einer „tiefgründigen“ Geschichtsauffassung, die das 19te Jahrhundert ihnen mit Marx hinterließ. Während sie „gewisse unmittelbare Antriebkräfte“ der Geschichte vernachlässigten, die sich endgültig 1933 als Explosionskräfte erwiesen. Nichts anderes ist gemeint als die durch die Zivilisation entstellten menschlichen Triebe und Leidenschaften, wie sie sich in den Mythen ausdrücken. Die explosive Regression des NS konnte sich auf diese Kräfte stützen, die in der Geschichte als das Böse erscheinen. Dementgegen hatten etwa die KPs vor dem 2ten Weltkrieg – Gracq nennt sie unangemessenerweise die „proletarischen Revolutionäre“ – den Mensch aufgefordert, einen durchaus verlockenden Teil seiner Selbst zurückzunehmen, um durch das Nadelöhr der proletarischen Revolution zu gehen. So begründet er auch indirekt den Bruch einiger Surrealisten mit der KP.

Die Möglichkeit eines unvermittelten Durchbruchs der entstellten Triebe und Leidenschaften und die überschnelle Steigerung dieser destruktiven Kräfte, wie sie die moderne Technik einer Bewegung wie dem NS ermöglicht, legt den Gedanken nahe, daß die Lösung des Problems der Aufklärung nicht mehr lange hinausgeschoben werden kann. Nicht durch eine Unterwerfung des Irrationalen durch das Rationale, sondern wie Adorno es sagt: durch die Gewalt. Die ihrer selbst mächtige, zur Gewalt werdende Aufklärung selbst vermöchte die Grenzen der Aufklärung zu durchbrechen.

Adorno und Horkheimer bleiben jedoch in dieser Paradoxie: Sie tun sich schwer damit, die genannte Gewalt zu konkretisieren. Deshalb ist die Dialektik der Aufklärung auch ein Fragment geblieben. Letztendlich handelt es sich in ihrer Vorstellung um die regulierende Gewalt des „aufgeklärten“ Staates. Auch der Surrealismus versucht dieses Problem zu lösen, wo er gut ist, wie bei Gracq. Es ist auch das Problem, dass die Situationisten mit ihrer programmatischen Revolution des Alltagslebens vielleicht am konsequentesten zu lösen vorhatten. Alle diese Ansätze das Problem zu lösen leiden unter gewissen Borniertheiten oder Verdrängungen, die wir im folgenden zu skizzieren versuchen. Es ist das Problem, dass Lautreamont in den Gesängen aufwirft. In den Poesien versucht er als einer der ersten aus dieser Paradoxie einen Ausweg zu finden.

3. Teil – Die extremistische Literaturkritik in den Poesien

Der (unbewusste) literarische Communismus, den Lautreamont mit seiner Plagiatorik praktiziert, vollzieht sich als Aufhebung des maldororschen Satanismus in die „Poesies“. Mit ihrer Entwendung von Maximen und Aphorismen der Moralisten aus dem langen Kanon von Essays und Romanen sowie philosophischen und naturphilosopischen Werken durchbricht der Durcheinanderbringer den Bann der Schwarzen Romantik, löst er die Negativfixierung auf die göttliche und bürgerliche Ordnung und vermag diese gegen sich selbst zu wenden, stülpt sie aus ihrer eigenen Widerspüchlichkeit heraus um. Damit hat er teil an der wirklichen Bewegung, die den bestehenden Zustand aufhebt, auch wenn er dies am Ende des bonapartistischen Second Empire – kurz vor seinem frühen, geheimnisvollen Tod – nur erst noch literarisch wagt. Doch seine souveräne Selbstbemächtigung gepaart mit List, wenn er die offene Entwendung proklamiert und das systematische Plagiieren, ist in der wirklichen Bewegung nur ein damals unbemerktes Vorspiel zu der Bemächtigung der politischen Gewalt und der Zerstörung der ganzen bürgerlichen Staatsmaschinerie durch das Pariser Proletariat. Die Commune vom Frühjahr 1871 löst die gesamte bürgerliche Ordnung in Fete und bewaffnete Selbstverwaltung der ökonomischen Lebensbedingungen auf – für das Bourgeoisregime in Versailles und für das Bismarcksche Deutsch-Preussentum erhob hier das Böse, die Anarchie der Pöbelherrschaft ihr Haupt. In einem Wort: die Zerstörung des Systems der Sittlichkeit und aller Kultur.

Kehren wir zur Erfindung der plagiatorischen Entwendungskunst des einsamen Lautreamont am Ende dessen zurück, was Walter Benjamin in seinem Passagenwerk als den Traumschlaf des Proletariats bezeichnet hat. Was bewog den Anti-Poeten des „MAldoror“ zur Wendung in den „Poesies“?

Das Detournement als bloße Umkehrung ist stets das unmittelbarste und ineffizienteste. Vielleicht war Lautreamont die satanistische Destruktion in den Gesängen zu plump und nicht gründlich genug, jedenfalls aber war er von der Wirkung seiner Maldoror-Experimente enttäuscht. Er probierte eine oberflächlich gesehen gegensätzliche Form in den Poesien aus, seinem „Vorwort zu einem zukünftigen Buch“. Dieses markiert den Beginn des Detournement auf theoretischem Gebiet und zugleich den Beginn des Detournement als konsequent angewandte Methode. Als größtenteils unbewusste und zufällige Technik des Plagiats war das Detournement schon damals verbreitet, sogar Lautreamont selbst konstatierte bereits: „Das Plagiat ist notwendig, der Fortschritt schließt es ein.“ Er ist die bewusste Zweckentfremdung gegebener kultureller Formen. Aber Lautreamont plagiierte etwa die Moralismen bestimmter französischer Aufklärer um sie ad absurdum zu führen.

Er nimmt die Destruktion der bürgerlichen Moral durch die Pariser Communarden bereits vorweg. Sein „Vorwort zu einem zukünftigen Buch“ wird so unverwandt zum Vorwort dieser ersten proletarischen Aneignungsbewegung.

4. Teil – Die Wiederaufnahme und Communistische Kritik des Lautreamontschen Detournement durch die Situationistische Internationale

Wie schon angedeutet, hat dann der Surrealismus – an die Gesänge des Maldoror anknüpfend – vor allem die Techniken des „cadavre exquis“ sowie der Collage zum Formprinzip einer Avantgardebewegung gemacht, die programmatisch die Kunst mit dem Alltagsleben und der Politik dergestalt vereinigen sollte, dass damit der communistischen Revolution zum Durchbruch zu verhelfen wäre. Vor allem setzten sie diese und andere Techniken ein, um das okkulte, unbewusste, zufällige zu objektivieren. Sie glaubten noch, die blose Darstellung dieser Schattenseite der aufgeklärten Gesellschaft könnte einen revolutionären Effekt haben.

Aber auch diese Negation der bürgerlichen Vorstellung vom Wahren, Schönen und Guten ist seit langem passé, sodass dem Schnurrbart der Mona Lisa kein größeres Interesse zukommt, als der ursprünglichen Version dieses Gemäldes. Der Grund dafür ist einfach die Überreife der Bedingungen für eine absoluten Umgestaltung der modernen Welt und die Antizipierbarkeit dieser Umgestaltung in den vielen gescheiterten Versuchen, die bereits dazu unternommen wurden. Die bornierte Konzentration auf die Kunstsphäre ist gemessen daran langweilig, also konterrevolutionär.

Es gilt diesen Zerstörungsprozess nunmehr bis zur Negation der Negation weiterzutreiben. Die lettristische und situationistische Resurrektion des Detournement und der Technik des Plagiats erklärt dies nach 1945 zum Programm. Die Zweckentfremdungen werden zum Stil und zur Methode der Psychogeographie. Ihre zuerst eher konstruktive, dann zunehmend destruktive Dynamik kulminiert im Durchbruch der proletarischen „Bewegung der Besetzungen“ 1968. So wie Lautreamont die Destruktion der bürgerlichen Moral durch die Pariser Communarden bereits vorweggenommen, hatte die SI diese Aneignungsbewegung bereits auf kulturellem Gebiet experimentiert.

5. Teil – Exkurs: Die gegenwärtige Fälschung der SI-Kritik (entfiel)

[Doch diese Bemächtigungsbewegung wird selbst noch einmal eingeholt und gründlicher als je zuvor vereinnahmt durch Kapital und Staatlichkeit. Der gegenwärtige Situationismus ist auch das Resultat einer abgebrochenen Negation. Diese Fälschung auch des Detournement . Fälschung des Communismus und der Kritischen Theorie und der situationistischen Kritik. Dabei wird im Wesentlichen die situationistische Aktivität auf bestimmte, falsch verstandene Schlagworte reduziert wie etwa „Zweckentfremdung“, „das Spektakel für die eigenen Zwecke einsetzen“ oder „Konstruktion von Situationen“. Also es werden Einzelmomente einer kohärenten Kritik aus dem Zusammenhang gerissen und fragmentarisiert, die brauchbar zu sein scheinen für eine „linke Kulturpolitik“ und sie werden alsdann in einen solchen Kontext gestellt.

Diese Fälschungen verstellen einen nüchternen Blick auf die situationistischen Versuche. Mit Ihnen aufzuräumen ist deshalb die Vorbedingung, um eine Aktualisierung des Detournement zu ermöglichen.]

6. Teil – Entwurf einer situationistischen Kritik an Lautreamont und der S.I. (nur Notizen)

Entwendung der Kriegsmetaphorik

Die SI hat das Ausmaß und die Qualität der von L. entwickelten, aggressiven und listigen Detournement-Strategie begriffen:

ihre psychogeographische Wendung aus der Kunstsphäre heraus macht das Detournement zur theoretischen Aneignungs- und Kritikmethode, die nun ihrerseits aus der bloß literarischen Sphäre freigesetzt und in eine Kunst im Klassenkrieg, eine Kriegs-Kunst weiterentwickelt wird. „Die Theorie ist die Domäne der Gefahr“ (…)

Als Kunst des Krieges, zumindest Krieg-Spiel, als Kartographierung der Bewusstseinszonen des proletarischen Traumschlafs und der Gesten sowie der wirklichen Bewegung … war sich die SI-Strategie der psychogeografischen Entwendungen bewusst, dass die Konstruktion von Situationen in einer katastrophisch aufgeladenen Moderne zu experimentieren ist.

[ ]

Die SI wollte das ganze Ausmaß des Bösen in der Moderne nicht wahrnehmen und hat die phallo-sadistische Machismo-Geste einfach fortgeschrieben, mit der Lautreamont und der Surrealismus kokettierten. So blieb sie selbst ein plagiatorisches Bild des Lautreamont. Es kömmt aber darauf an, die SI aufzuheben und zu gebrauchen, was brauchbar ist zum Zweck der Neuerfindung der Poesie. Dies wäre zu beginnen mit einer Destruktion der überkommenen Vorstellungen von der Revolution und vor allem auch des Revolutionärs (Lautreamonts, desMacho, des Todesengels…). Die Poesie neu zu erfinden könnte das gleiche bedeuten wie die Revolution neu zu erfinden. Denn, schon der prosaische Betrieb des bürgerlichen Alltags ist der Poesie Feind, durch Auschwitz und ähnliches aber können Revolution wie Poesie für immer vernichtet werden. ]

Zuerst veröffentlicht auf kriegstheater.blogsport.de. Eine ausgearbeitete Textversion des Vortrags ist in Arbeit.