»Wir lesen und schreiben als Konstrukteure«

Einleitung zum Block 2.2 der Veranstaltungsreihe „Kunst/Spektakel/Revolution“, am 15.04.2010, ACC Galerie Weimar

Bertolt Brecht hatte in seinen Polemiken gegen Georg Lukács 1938 gegen dessen Auffassung von Realismus geschrieben: „Wir verwandeln uns in Kritiker und lesen als Konstrukteure.1 Brecht entgegnete Lukács in seinen Glossen, die er während der Expressionismusdebatte (1936-38) formuliert, aber nicht veröffentlicht hatte, dass die sinnvolle Auseinandersetzung mit den realistischen Romanen des 19. Jahrhunderts (also unter anderem mit Balzac und Tolstoi), nicht dazu führen darf, dass man in einen verkehrten Respekt vor den historischen Werken verfällt und die alte Form – in diesem Fall die klassisch realistische – als eine unzeitgemäße Form übernimmt. Brechts Haltung zu diesen „alten Werken“ hat er dann folgendermaßen ausgedrückt: „Das Neue muß das Alte überwinden, aber es muß das Alte überwunden in sich haben, es ‚aufheben‘. Man muß erkennen, daß es jetzt ein neues Lernen gibt, ein kritisches Lernen, ein umformendes, revolutionäres Lernen. Es gibt Neues, aber es entsteht im Kampf mit dem Alten, nicht ohne es, nicht in der freien Luft.“ Während Lukacs also die Form des realistischen Romans des 19. Jahrhunderts als einzig realistische und damit sozialistische Literatur empfiehlt, ist Brecht weitaus respektloser und der Kampf mit dem Alten bedeutet auch, dass Dinge aus ihrem Zusammenhang gelöst und in einen neuen Zusammenhang gestellt werden, und das erlaubt Brecht dann eben auch die Methoden der Montage und der Verfremdung anzuwenden. Er spottet dann auch gegen Lukacs, Ziegler u.a., dass sie Angst davor haben, dass hier jemand die alten Werke „zersebeln“ will und meint spöttisch: „den Werken geschieht da gar nichts.

Noch radikaler als Brecht haben diesen Umgang mit historischen Werken später die Situationisten um Guy Debord praktiziert. Die Praxis des Detournement bedeutete sich an der Geschichte abzuarbeiten, Zitate bewusst nicht zu kennzeichnen und gerade dadurch den Wahrheitskern der alten Werke zu retten, ihn überhaupt erst herzustellen, sie auf die Höhe der Zeit zu bringen, wenn sie in einen neuen Zusammenhang gesetzt werden.

Die Methoden der Montage und der Verfremdung, die hier von Brecht und den Situationisten empfohlen werden, können ein sinnvoller Umgang mit Geschichte sein, bzw. ein Umgang mit dem Vermächtnis von Geschichte, das in den Werken enthalten ist . Es ist augenfällig, dass die Reihe „Kunst / Spektakel / Revolution“ in ihrem Programm historisch ausgerichet ist – seit die Reihe im letzten Jahr begonnen hat, beschäftigen wir uns hier mit Bewegungen, deren Wirken in der Vergangenheit liegt. In den Texten zu der Veranstaltungsreihe haben wir immer wieder betont, dass eine Auseinandersetzung mit der Geschichte, also mit Bewegungsgeschichte, mit Kunstgeschichte, deswegen sinnvoll ist, weil diese Geschichte ein Schlüssel ist um die Gegenwart begreifen zu können. Wenn es um eine Auseinandersetzung mit diesen Bewegungen der Vergangenheit geht, dann bedeutet das nicht, dass man diese Geschichte einfach so als Geschichte stehen lässt oder sich in Geschichte einzufühlen, sondern es muss bedeuten die Geschichte gegen den Strich zu bürsten. Wenn es eine sinnvolle Auseinandersetzung mit den alten Werken sein soll, dann dürfen diese Werke nicht einfach als historische stehen bleiben, sondern es bedarf einer Übersetzung dieser Werke, einer aktiven Interpretation und das bedeutet dann letztendlich auch, dass bestimmte Motive verworfen werden, bestimmte Momente hervorgehoben werden und eben auch in einen neuen Zusammenhang gesetzt werden müssen, aus einem Blickwinkel der sich erst aus der Gegenwart ergibt. Diese Veranstaltungsreihe sei also als eine Aufforderung zu einem kritischen Geschichtsbewusstsein begriffen und zu einer gegenwärtigen Aktivität, die in der Lage sein will die alten Werke zu überwinden, aufzuheben.

Das derzeitige Motto der Reihe lautet „Wir lesen und schreiben als Konstrukteure“ – hier sind noch einmal das Lesen und Schreiben als zwei Momente von Literatur hervorgehoben, was die Ausrichtung der nächsten vier Veranstaltungen betrifft:

Charles Fourier stellt in diesem Block eine Ausnahme dar, weil er eigentlich keine Literatur gemacht hat. Dennoch haben die Beschreibungen seiner Utopien auch immer etwas literarisches an sich und ich denke das ist es dann unter anderem auch, was später die Surrealisten daran begeistert hat. „Wir lesen und schreiben als Konstrukteure“ – der wichtigste Begriff der in diesem Satz eigentlich steckt, ist die Konstruktion und das ist ein Begriff, der in den nächsten vier Veranstaltungen immer wieder vorkommen wird. Bei der heutigen Veranstaltung steckt die Konstruktion schon im Titel: „Utopie, Spiel Menschenmaschine“. Tilman Reitz hat Charles Fourier in seinem Ankündigungstext als einen Theoretiker beschrieben, der seine utopische Gesellschaft ganz bewusst als etwas Künstliches, Konstruiertes betrachtet hat, der einen konstruktivistischen Umgang mit dem Begehren sucht und dann eben auch von der anti-naturalistischen Avantgarde rezipiert wird.

Am 22. April, also genau in einer Woche, werden Zwi und R.G. Dupius über Lautreamont und dessen Konstruktionsmethode referieren – also auch da geht es um Konstruktion bzw. um Destruktion. Der französische Dichter Lautreamont (Isdore Ducasse) hat eigentlich schon viel früher und viel radikaler das praktiziert, was Brecht in seiner Lukács-Polemik fordert; er hat eine Plagiatskunst betrieben, hat abgeschrieben und Zitate verfremdet oder einfach alte Gedichte umgeschrieben, um sie sozusagen zu retten, sie zu berichtigen, ihnen einen wirklichen Sinn zukommen zu lassen – hier also auch die Konstruktion als Methode.

Genau um diesen Streit, ob man so etwas überhaupt darf, darum wird es am 13. Mai gehen. Kerstin Stakemeyer und Roger Behrens werden über die Expressionismusdebatte referieren. Die Expressionismusdebatte, die ich schon erwähnt hatte, war eine Diskussion die zwischen 1936 und 1938 in der Exilzeitschrift „das Wort“ von sozialistischen und humanistischen Literaturtheoretikern und Literaten geführt wurde, wo es genau darum ging wie man mit der Avantgarde umgehen muss, ob man deren Methoden bejaht, die Konstruktionsmethoden sind, oder ob man sich lieber dem klassischen Realismus zuwendet und die Avantgarde als dekadent verwirft.

Letztlich wird am 17. Juni Magnus Klaue über Paul Celan referieren, der auch wiederum ein bisschen aus der Linie herausfällt, bei dem Konstruktion und Montage aber auch eine wichtige Rolle spielen. Zum Einen hat Celan selbst eine surrealistische Phase durchlaufen und surrealistische Literatur übersetzt und er konstruiert auch selber, wenn er z.B. altertümliche und verschwundene Sprachgebräuche in seine eher minimalistischen Gedichte einbaut, womit er ganz oft eben auch Geschichte reflektiert. Konstruktion kommt bei Celan auch immer wieder als Motiv vor, so z.B. immer wieder die Vermessung und Kartographierung des Inneren – die Konstruktion ragt bis in das Innere der Menschen.

Die Konstruktion ist letztlich ein Pol der Avantgarde, um die es in dieser Reihe ja in der ganzen Zeit geht – aber sie ist nur ein Pol, sie oszilliert ständig zwischen bewusster Konstruktion auf der einen Seite und Unbewusstem, Passivität, Intuition auf der anderen Seite und damit ist die Avantgarde exemplarisch für die Situation der Moderne, die in der Postmoderne überholt, aber nicht aufgehoben ist. Erst in der Moderne wird der Gegensatz von Natur und Konstruktion überhaupt so radikal formuliert und obwohl Gesellschaft in der Moderne Konstruktion bedeutet, wird Gesellschaft in ihr zu einer zweiten Natur, sie wird als naturhaft, geradezu naturkatastrophenhaft erfahren. Eine Bewegung die diesen Zustand aufheben will, darf weder der reinen Konstruktion verfallen, die keine Spontaneität mehr zulässt, noch darf sie sich dem zutiefst reaktionären Versuch andienen, das Natürliche gegen das gesellschaftlich-abstrakte ins Feld zu führen, die Unmittelbarkeit gegen jegliche Vermittlung. Eine solche Bewegung kann meines Erachtens von der Avantgarde und ihrem Scheitern lernen – als einem Schlüssel zum Verständnis der gegenwärtigen Situation.

Lukas vom Bildungskollektiv

  1. Hans-Jürgen Schmitt (Hrsg.): Die Expressionismusdebatte. Materialien zu einer marxistischen Realismuskonzeption. Frankfurt a.M. 1973, S. 325 [zurück]