Lautreamont & Detournement

Lautreamonts Plagiatkunst als Destruktionsmodell der Moderne

Christopher Zwi & R.G. Dupius – Do 22.04.2010 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Unter der bekannten Geschichte Europas läuft eine unterirdische. Sie besteht im Schicksal der durch die Zivilisation entstellten menschlichen Triebe und Leidenschaften. Lautreamont verschafft in seiner Dichtung dieser Geschichte Gehör. Er ist der Dichter der Muskeln und des Schreis. In seinen „Chants de Maldoror“ führt er – so kann man sagen – sein Unbewusstes gegen die herrschenden Ideen vom Guten ins Feld, indem er als erster mit dem automatischen Schreiben experimentiert. Sichtbar wird dabei das unfassbar Böse, das der bürgerliche Fortschritt mitproduziert. Von dieser Dialektik des Guten und Bösen fasziniert – letzteres ist nichts anderes als das negative Prinzip, das jedes Behagen im Bestehenden zerstören will – und von der Wirkung seiner Maldoror-Experimente enttäuscht, wird er wenig später zum Erfinder des Detournement.

Das Detournement ist kein einfaches Plagiat sondern Methode. Es ist die bewusste Zweckentfremdung gegebener kultureller Formen. Lautreamont plagiierte etwa die Moralismen bestimmter französischer Aufklärer um sie ad absurdum zu führen.

Aber diese Negation der bürgerlichen Vorstellung vom Wahren, Schönen und Guten ist seit langem passé. Der Grund dafür ist einfach die Überreife der Bedingungen einer absoluten Umgestaltung der modernen Welt und die Antizipierbarkeit dieser Umgestaltung in den vielen gescheiterten Versuchen, die bereits dazu unternommen wurden. Die bornierte Konzentration auf die Kunstsphäre ist gemessen daran langweilig, also konterrevolutionär. Deshalb gilt es diesen Zerstörungsprozess nunmehr bis zur Negation der Negation weiterzutreiben.

Die lettristische und situationistische Resurrektion des Detournement und der Technik des Plagiats erklärt dies nach 1945 zum Programm. Die
Zweckentfremdungen werden zum Stil und zur Methode der Psychogeographie. Ihre zuerst eher konstruktive, dann zunehmend destruktive Dynamik kulminiert im Durchbruch der proletarischen „Bewegung der Besetzungen“ 1968. So wie Lautreamont die Destruktion der bürgerlichen Moral durch die Pariser Communarden bereits vorweggenommen, hatte die SI diese Aneignungsbewegung bereits auf kulturellem Gebiet experimentiert.

Doch diese Bemächtigungsbewegung wird selbst noch einmal eingeholt und gründlicher als je zuvor vereinnahmt durch Kapital und Staatlichkeit. Die heutige „Kunst“ ist im Wesentlichen banal und gefällig geworden, Interieur. Der gegenwärtige Situationismus ist das Resultat einer abgebrochenen Negation. Die SI wollte das ganze Ausmaß des Bösen in der Moderne nicht wahrnehmen und hat die phallo-sadistische Machismo-Geste einfach fortgeschrieben, mit der Lautreamont und der Surrealismus kokettierten. So blieb sie selbst ein plagiatorisches Bild des Lautreamont. Es kömmt aber darauf an die SI aufzuheben und zu gebrauchen, was brauchbar ist zum Zweck
der Neuerfindung der Poesie. Dies wäre zu beginnen mit einer Destruktion der überkommenen Vorstellungen von der Revolution und vor allem auch des Revolutionärs (Lautreamonts, des Macho, des Todesengel …). Die Poesie neu zu erfinden könnte das gleiche bedeuten wie die Revolution neu zu erfinden. Denn, schon der prosaische Betrieb des bürgerlichen Alltags ist der Poesie Feind, durch Auschwitz und ähnliches aber können Revolution wie Poesie für immer vernichtet werden.

Christopher Zwi ist Mitglied des Autorenkollektivs Biene Baumeister Zwi Negator, welches das Buch „Situationistische Revolutionstheorie – eine Aneignung“ in der theorie.org-Reihe des Schmetterlingverlags veröffentlichte. R.G. Dupius ist Blogger (kriegstheater.blogsport.de).