Archiv für März 2010

Der Salon des Communistes lädt zu einer Veranstaltung mit Isa­bel­le Kla­sen vom Ar­beits­kreis Rote Ruhr-​Uni Bo­chum. Titel des Vortrags ist „Was Es ist, soll Ich werden“, Thema ist Ador­nos Äs­the­tik und Freuds Theo­rie des Un­be­wuß­ten. Die Veranstaltung findet am 20. Mai im BiBaBuZe in Düsseldorf statt und beginnt um 19:30 Uhr. --- mehr

Eric Ostrich hat auf dem Blog von Classless Kulla einen Bericht über den Vortrag „Der Situationismus und seine Adepten“ von Sören Pünjer geschrieben. Im Kommentarbereich wird über Gemeinsamkeiten und Widersprüche in der Kunsttheorie der Situationisten und der Kritischen Theorie diskutiert. ---- lesen

Die Gruppe „Kritikmaximierung“ diskutiert am 24.04. auf Einladung der „Associazione Delle Talpe“ in Bremen über das Verhältnis der Linken zur Kunst. “In der wirklichen Bewegung möglicher Emanzipation wäre die politisierte Kunst die, die weder Politik noch Kunst mehr ist.” --- Mehr Infos

Die Broschüre „Kunst Spektakel Revolution“ kann nun bei Broschur auch als PDF gelesen werden.

Utopie, Spiel, Menschenmaschine

Charles Fourier und die surrealistische Avantgarde

Tilman Reitz – Do 15.04.2010 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Eine Gesellschaft, die auf dem Spiel- oder Formtrieb aufbaut, hätte vermutlich starke zeremonielle, von ‚Sinn’ entlastete, aber strukturell gestaltete Anteile. Charles Fourier hat dieses Motiv in seiner frühsozialistischen Utopie konsequent durchgeführt: Er arrangiert Produktionsweisen, soziale Rangordnungen, Wohn- und Geschlechterverhältnisse so, dass ein Maximum künstlicher Ordnung höchste Abwechslung für die Beteiligten verspricht. Seine formalen Muster entnimmt Fourier Mythologie, Mathematik und Militär – die zentrale Produktionseinheit des ‚Palanstère’ leitet sich von der Phalanx, der antiken Schlachtreihe her – sein Formungsgegenstand sind die menschlichen Leidenschaften – die er selbst vorrangig als Triebe zu Spiel und Variation begreift. Die Ergebnisse lassen wenig von den gewohnten, bürgerlichen oder auch nur ‚realistischen’ Prinzipien von Vergesellschaftung übrig: Alle Arbeit soll attraktiv, die Konkurrenz ästhetisch, das Geschlechtsleben polymorph werden. Man muss sich daher kaum über das Interesse der Surrealisten an Fourier wundern. Neben seiner Fusionierung von Kunst und Leben dürfte für sie nicht zuletzt sein technischer, konstruktivistischer Umgang mit dem Begehren anziehend gewesen sein, der zwischen Befreiungsversprechen und planerischer Grausamkeit oszilliert (Benjamin und Barthes ziehen denn auch vergleichend de Sade heran). Fouriers Utopie kann als Traum wie als Alptraum erscheinen. Im Vortrag wird es darum gehen, was die anti-naturalistische, anti-bürgerliche und kunstkritische Avantgarde konkret mit Fourier anfangen konnte oder könnte – und wie seine eigenen Impulse zwischen der sozialtechnischen Tradition, der neuen Warenästhetik und dem utopischen Horizont des 19. Jahrhundert verortet sind.

Tilman Reitz schrieb über Ideologiekritik im historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus, promovierte zu „Bürgerlichkeit als Haltung“ und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Lautreamont & Detournement

Lautreamonts Plagiatkunst als Destruktionsmodell der Moderne

Christopher Zwi & R.G. Dupius – Do 22.04.2010 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Unter der bekannten Geschichte Europas läuft eine unterirdische. Sie besteht im Schicksal der durch die Zivilisation entstellten menschlichen Triebe und Leidenschaften. Lautreamont verschafft in seiner Dichtung dieser Geschichte Gehör. Er ist der Dichter der Muskeln und des Schreis. In seinen „Chants de Maldoror“ führt er – so kann man sagen – sein Unbewusstes gegen die herrschenden Ideen vom Guten ins Feld, indem er als erster mit dem automatischen Schreiben experimentiert. Sichtbar wird dabei das unfassbar Böse, das der bürgerliche Fortschritt mitproduziert. Von dieser Dialektik des Guten und Bösen fasziniert – letzteres ist nichts anderes als das negative Prinzip, das jedes Behagen im Bestehenden zerstören will – und von der Wirkung seiner Maldoror-Experimente enttäuscht, wird er wenig später zum Erfinder des Detournement.

Das Detournement ist kein einfaches Plagiat sondern Methode. Es ist die bewusste Zweckentfremdung gegebener kultureller Formen. Lautreamont plagiierte etwa die Moralismen bestimmter französischer Aufklärer um sie ad absurdum zu führen.

Aber diese Negation der bürgerlichen Vorstellung vom Wahren, Schönen und Guten ist seit langem passé. Der Grund dafür ist einfach die Überreife der Bedingungen einer absoluten Umgestaltung der modernen Welt und die Antizipierbarkeit dieser Umgestaltung in den vielen gescheiterten Versuchen, die bereits dazu unternommen wurden. Die bornierte Konzentration auf die Kunstsphäre ist gemessen daran langweilig, also konterrevolutionär. Deshalb gilt es diesen Zerstörungsprozess nunmehr bis zur Negation der Negation weiterzutreiben. (mehr…)

Realismus, Antifaschismus, Expressionismus

Die Expressionismus-Debatte und das Konzept des Realismus

Kerstin Stakemeier und Roger Behrens – Do 13.05.2010 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Der Streit um den Realismus setzte sich seit seinem ersten Auftreten in Frankreich und Russland Mitte des 19. Jahrhunderts fort; schließlich ging es um den künstlerischen Anspruch auf die Realität. Nach dem I. internationalen Schriftstellerkongresses in Paris 1935 konkretisierte sich die so genannte Realismusdebatte als Streit um die Strategie der Volksfront gegen den Faschismus in Europa. Wo Lenin und Stalin ihn lediglich zur revolutionären Linie erhoben hatten, um die Eigenständigkeit der Künste gegenüber der Partei einzuschränken, debattierten zwischen 1936 und 1938 Ernst Bloch, Anna Seghers, Georg Lukacs in der Zeitschrift ›Das Wort‹ das Problem, wie die Kunst das Reale fassen könne. Eine Paralleldebatte entwickelte sich in Paris. Hier ging es um den Realismus der bildenden Künste, und hier mischten sich unter anderem Le Corbusier und Fernand Legér ein.
Es ging um die Frage nach Funktion der revolutionären Kunst, darum, wie sie die Realität fassen könne, sie erkennbar mache ohne sie dabei zu affirmieren. Und während Lukács und Brecht auf unterschiedlichen Wegen nach einem sozialistischen Realismus suchten, stellte Bloch den Expressionismus als einzig denkbaren Realismus im Angesicht der faschistischen Bedrohung dar. Und auch wenn die eigentliche Realismusdebatte bereits wenige Jahre später beendet war, und sich von nun an fast ausschließlich in staatsimmanenten Debatten der realsozialistischen Länder niederschlug, setzt sie sich thematisch in der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts fort. Beim frühen Godard, bei der Pop Art oder in den Diskussionen über den Status der Populärkultur – immer geht es um die Frage nach dem Verhältnis der Kunst bzw. Künste zur Gesellschaft und das Problem, in welcher Weise Kunst überhaupt gesellschaftliche Wirklichkeit zu erfassen vermag.
Für eine Kunst, die ihre gesellschaftliche Funktion und Bedingtheit reflektiert, ist die in der Realismusdebatte behandelte Thematik zu aktualisieren. Dies auch deshalb, weil es in den letzten Jahren immer mehr Ausstellungen und Projekte gegeben hat, die versuchten das Thema des Realismus bloß als einfache figurative Selbstbespiegelung der Gegenwart zu besetzen. Gegen diese Besetzung soll aus historischer und gegenwärtiger Perspektive diskutiert werden.

Kerstin Stakemeier arbeitet zur Frage des Realismus in der Gegenwartskunst sowie zum Künstler als Amateur und veröffentlicht regelmässig zum Verhältnis von Kunst und Politik. Sie ist aktiv in der antinationalen Künstler_innenorganisation Rosa Perutz. Roger Behrens ist Philosoph und Sozialwissenschaftler. Seine Arbeitsgebiete sind die kritische Theorie der Gesellschaft sowie die Philosophie und Ästhetik der Moderne und Postmoderne. Er publizierte zahlreiche Bücher und schreibt regelmäßig für die Jungle World.

SARKASMEN

Überlegungen zum poetischen Interventionismus in Paul Celans Spätwerk

Magnus Klaue – Do 17.06.2010 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Daß Paul Celans Lyrik entgegen verbreiteten Klischees über deren vermeintliche Hermetik ihrer Formgestalt nach als ‚engagierte Dichtung‘ verstanden werden muß, ist spätestens seit Ende der siebziger Jahre zunehmend ins Bewußtsein der akademischen Forschung, aber auch der feuilletonistischen Rezeption seines Werks getreten. Nolens volens haben die dezidiert politischen Interpretationen von Celans Lyrik seiner Vereinnahmung als ‚Dichter des Holocaust‘ durch diverse derridistisch-heideggerianische Gedächtnisexperten womöglich sogar vorgearbeitet. Im Mittelpunkt solchen Interesses stehen indes die Lyrikbände aus Celans mittlerer Schaffensperiode, v.a. „Sprachgitter“ und „Die Niemandsrose“. Der Vortrag möchte demgegenüber der Frage nachgehen, inwiefern Celans späte Gedichte, die sich sowohl in ihrer Entstehungsweise wie in ihrer immanenten Formsprache deutlich von den früheren unterscheiden, sich bereits als Reaktion auf verschiedene Weisen der politischen Vereinnahmung seines Werks deuten lassen. Die spezifische Form des Engagements, wie sie seinen früheren Dichtungen immanent ist, wird dabei zugespitzt in einem polemischen Interventionismus, der in bislang ungekannter Weise auf ‚pragmatische‘ Formen wie Sentenz und Epigramm zurückgreift, zugleich aber jede Art politischer ‚Gebrauchsdichtung‘, wie sie zur gleichen Zeit etwa von Enzensberger vertreten wurde, scharf zurückweist. Für die besondere Formsprache, die durch die Verschränkung von Elementen ‚eingreifender‘ und ‚absoluter‘ Dichtung im Spätwerk entsteht, schlägt der Vortrag den Begriff des Sarkasmus vor.

Im Mittelpunkt stehen Gedichte aus den Bänden „Fadensonnen“, „Lichtzwang“ und „Schneepart“. Die Gedichte werden in Kopie zur Verfügung gestellt.

Magnus Klaue hat Germanistik, Philosophie und Filmwissenschaft studiert, an der FU Berlin gelehrt und über Else Lasker-Schüler promoviert. Derzeit arbeitet er an einem Forschungsprojekt zum Begriff der Idiosynkrasie und schreibt für zahlreiche Zeitschriften.