Spannung, Leistung, Widerstand.

Zum Magnetbanduntergrund in der DDR

Alexander Pehlemann – Do 11.02.2010

Alexander Pehlemann, Mitherausgeber von „Spannung.Leistung. Widerstand. Magnetbanduntergrund DDR 1979 – 1990“, einem Buch-Spezial des Kulturmagazins ZONIC, stellt mittels Musik, Filmen, Lesungs-, Konzert- oder Performance-Mitschnitten die sich über die Achtziger Jahre entwickelnde Post Punk Szene der DDR mit ihrer spezifischen Wechselwirkung von Literatur, Film, Kunst und Musik vor und erläutert künstlerische wie gesellschaftliche Zusammenhänge.

Der alte Osten war eine Transformationsgesellschaft. Aus nichts wurde wenig, aber immer wurden alle Pläne übererfüllt. Kultur war da der Transmissionsriemen, der die Nischen weitete. Nach Punk, Anfang der Achtziger, machten sich einige Sound-Enthusiasten auf, neue Wege übers Land zu gehen und begab sich in synergetisch-synästhetisch Wechselwirkungs-Prozesse voller Ungewißheit. Von Staat und Gesellschaft hatte dieser Teil der subkulturellen Szene sich innerlich längst verabschiedet, wie auch von deren reformatorisch-politischen Oppositionsbewegungen. Die Grundhaltung war un- oder antipolitisch, ironische Distanz hielt Einzug. Das Buch „Spannung. Leistung. Widerstand.“ präsentiert diese Keller- und Wohnzimmer-Avantgarde der DDR, die sich sowohl aus der jungen Punkszene rekrutierte als auch bildende Künstler und Lyriker involvierte, mit zahlreichen Texten und Interviews. Sowie aus Hunderten alter Kassettenaufnahmen sorgfältig ausgewählte Stücke, deren stilistische Bandbreite vom Avant Punk über intellektuell kühle New Wave bis zu elektronischen Experimenten oder Dub reicht. Entstanden ohne ökonomische Zweckausrichtung und Produktbewusstsein, als Kommunikationsmittel oder kreativer Existenzbeweis. Ein freies Agieren über die Stil-, Genre- und Subszenengrenzen hinweg kennzeichnete das Geschehen und die dokumentierten Sounds sind oft genug Resultate jener Wechselwirkungen. Bedingt durch die Enge im das Ganze so vielfach begrenzenden und bedrohenden System DDR. Untergründige Gegenströmungen, die auch heute noch durch Charme und Widerborstigkeit zu beeindrucken wissen und von einem randständigen Lebensgefühl in der DDR künden, das abseits der gesellschaftlichen Normierung als Vorbote des Systemzusammenbruchs ein Existenzrecht als kreatives Individuum einforderte und deren Spuren in der Musik von so unterschiedlichen Protagonisten wie Tarwater, To Rococo Rot, Carsten Nicolai und seinem Elektroniklabel Raster-Noton bis hin zu Rammstein hörbar sind.

Alexander Pehlemann: 1969 in Berlin geboren. 1990 – 1997 Studium Kunstgeschichte/Geschichte in Greifswald. Seit 1993 Herausgeber des Magazins „ZONIC – Kulturelle Randstandsblicke & Involvierungs-momente“. 1993 Gründung des Al-Haca Soundsystem, seit 2006 solo als Selecta PEhLE aktiv. Journalist, Booker, Kulturnetzwerker und Mitglied des Künstlerkollektivs Underwater Agents. 2006 Herausgeber des Zonic-Spezials „Spannung. Leistung. Widerstand. Magnetbanduntergrund DDR 1979 – 1990“ (Zonic/ Verbrecher Verlag/ ZickZack). 2009 Compiler von „Polska Rootz. Beats, Dubs, Mixes & Future Folk from Poland“ (Eastblok Music).