Archiv für Dezember 2009

In der Kategorie Radio steht nun der Mitschnitt des Vortrages „Die Situationistische Internationale, die Avantgarde und der Klassenkampf“ inklusive einer Folien-Präsentation zur Verfügung.

In der Kategorie Text steht nun der Text „Der Radioaktive Kadaver – eine Geschichte des Surrealismus“ von J.-F. Dupius zur Verfügung, der im Buchhandel vergriffen ist.

Jules Francois Dupius: Der Radioaktive Kadaver

Surrealismus und Situationistische Internationale werden oft in einem Atemzug genannt – in der prosituationistischen Rekuperation verschwinden die doch so frappanten Unterschiede und Abgrenzungen zwischen beiden Gruppierungen. Um nicht den Eindruck aufkommen zu lassen, in der theoretischen Auseinandersetzung im Nachhinein beide Strömungen miteinander versöhnen zu wollen, sei an dieser Stelle der Text „Der Radioaktive Kadaver – eine Geschichte des Surrealismus“ wieder veröffentlicht, den Raoul Vaneigem im Auftrag der S.I. geschrieben hatte. Die Wiederveröffentlichung geschieht mit freundlicher Genehmigung des Verlags Edition Nautilus. Die noch unvollständige html-Version wird Stück für Stück ergänzt.

eine Geschichte des Surrealismus

PDF-Version [archive.org]

1. KAPITEL

GESCHICHTE UND SURREALISMUS

l. DIE KRISE DER KULTUR

Getrennte Erkenntnis, Trennung der Kenntnisse und Kenntnis der Trennungen

Der Surrealismus gehört zu einer der Endphasen der Krise der Kultur.
Unter den einheitlichen Regimes – für die das bekannteste Beispiel die Monarchie von Gottes Gnaden ist – verdeckt die vereinheitlichende Macht des Mythos die Trennung zwischen Kultur und gesellschaftlichem Leben. Genau wie der Bauer, erleben der Bourgeois, die Besitzer der Macht und der König, der Künstler, der Schriftsteller, der Gelehrte und der Philosoph ihre Widersprüche innerhalb einer hierarchischen Struktur, die vom Gipfel bis zum Grund das wesentlich unabänderliche Werk eines Gottes ist.
Je wichtiger die Handels- und Fabrikbourgeoisie wird, und je stärker sie die menschlichen Beziehungen auf die rationelle Weise des Tausches, gemäß der meßbaren Macht des Geldes und innerhalb der mechanischen Gewißheit des Konkreten organisiert, desto schneller geht die Entheiligung vor sich und löst die bisher vorhandenen, idyllischen Beziehungen vom Herrn zum Sklaven auf. Die Wirklichkeit des Klassenkampfes kommt mit derselben Brutalität wie der plötzlich in den Mittelpunkt alIer Gedanken gestellte Wirtschaftssektor an die Oberfläche der Geschichte. (mehr…)

Punk, paradox.

Von der Kritik der Warengesellschaft zur Ware der Kritikgesellschaft

Jan C. Watzlawik – Fr 29.01.2010

Punk ist immer wieder eine „Herausforderung für die Hegemonie“ (Dick Hebdige). Er ist Katalysator diverser dissidenter Handlungstaktiken der künstlerischen Avantgarden des 20. Jahrhunderts und weist ein breites Repertoire an Protestpraktiken gegen die bestehenden Verhältnisse auf. Besonders deutlich wird dies in den kulturellen Materialisationen punktypischer Körper- und Kleidungsästhetik. Sie künden von der Subversion alltäglicher Symbole und Sachen und sind somit verobjektivierte Kritik an der Warengesellschaft.

Die Untersuchung der materiellen Kultur des Punk zeigt jedoch mehr: Der gesellschaftliche und individuelle Abgesang des „no future“ ist zugleich überlebens- und integrationsfähige Strategie. Die Zukunftslosigkeit zeigt sich als Zukunftsentwurf. Die Bewegung, im Sinne einer sozialen Avantgarde und somit als Motor der Masse, ist selbst treibende Kraft einer Rekuperation. Der symbolische Protest des Punk findet ebenso Niederschlag in Läden und auf Laufstegen – als Ware der Kritikgesellschaft.

Punk entpuppt sich als Bewegung im paradoxen Zustand gleichzeitiger gesellschaftlicher Gegnerschaft und Teilhabe. Der symbolische Protest bedeutet keinen Umsturz, sondern aktive Emanzipation mit Beeinflussungen der Mode und des Konsums.

Jan C. Watzlawik ist wissenschaftlicher Angestellter am Institut für Kunst und Materielle Kultur der Technischen Universität Dortmund. Er forscht zu Mode-, Protest- und Konsumkulturen.

Verführerische Kälte

Über die Ästhetik des Dandyismus und ihre postmoderne Abschaffung

Magnus Klaue – Do 04.02.2010

Seit einigen Jahren hat sich mit den sogenannten Emos eine neue Jugendkultur etabliert, über deren kulturrevolutionären Charakter spätestens seit Martin Büssers Emo-Sammelband Einigkeit besteht. Diese Einigkeit möchte der Vortrag in Frage stellen, indem die Emo-Kultur bezogen wird auf den Dandyismuskult der Jahrhundertwende, von dem sie wesentliche Attribute borgt, den sie jedoch zugleich um seine Radikalität bringt. Zelebrierte der Dandyismus, ebenso wie seine ‚feminine‘ Variante, die Vampmode, eine paradoxe Einheit von Kälte und Verführung und einen Fetischismus der Maskerade, betreibt die Emo-Kultur die Sentimentalisierung des Dandys. Ruft der Dandyismus die Dialektik von Distanz und Nähe ins Gedächtnis, indem er die auf die Spitze getriebene Entfremdung als Voraussetzung der Befreiung begreift, möchten die kathartischen Selbstverwundungen und -entblößungen der Emos Entfremdung tilgen zugunsten einer neuen, postmodernen Empfindsamkeit. Anhand einiger Texten von Charles Baudelaire, Oscar Wilde, Georg Simmel u.a. soll der kritische Gehalt der dandytypischen ‚Blasiertheit‘ (Simmel) erarbeitet werden, der von den Emos preisgegeben wird. Außerdem wird es um den Bedeutungswandel gehen, dem die Mode vom Dandy bis zum Emo unterliegt.

Magnus Klaue hat Germanistik, Philosophie und Filmwissenschaft studiert, an der FU Berlin gelehrt und über Else Lasker-Schüler promoviert. Derzeit arbeitet er an einem Forschungsprojekt zum Begriff der Idiosynkrasie und schreibt für zahlreiche Zeitschriften (u.a. Jungle World, Extrablatt, Konkret, Freitag und Bahamas).

Spannung, Leistung, Widerstand.

Zum Magnetbanduntergrund in der DDR

Alexander Pehlemann – Do 11.02.2010

Alexander Pehlemann, Mitherausgeber von „Spannung.Leistung. Widerstand. Magnetbanduntergrund DDR 1979 – 1990“, einem Buch-Spezial des Kulturmagazins ZONIC, stellt mittels Musik, Filmen, Lesungs-, Konzert- oder Performance-Mitschnitten die sich über die Achtziger Jahre entwickelnde Post Punk Szene der DDR mit ihrer spezifischen Wechselwirkung von Literatur, Film, Kunst und Musik vor und erläutert künstlerische wie gesellschaftliche Zusammenhänge.

Der alte Osten war eine Transformationsgesellschaft. Aus nichts wurde wenig, aber immer wurden alle Pläne übererfüllt. Kultur war da der Transmissionsriemen, der die Nischen weitete. Nach Punk, Anfang der Achtziger, machten sich einige Sound-Enthusiasten auf, neue Wege übers Land zu gehen und begab sich in synergetisch-synästhetisch Wechselwirkungs-Prozesse voller Ungewißheit. Von Staat und Gesellschaft hatte dieser Teil der subkulturellen Szene sich innerlich längst verabschiedet, wie auch von deren reformatorisch-politischen Oppositionsbewegungen. Die Grundhaltung war un- oder antipolitisch, ironische Distanz hielt Einzug. Das Buch „Spannung. Leistung. Widerstand.“ präsentiert diese Keller- und Wohnzimmer-Avantgarde der DDR, die sich sowohl aus der jungen Punkszene rekrutierte als auch bildende Künstler und Lyriker involvierte, mit zahlreichen Texten und Interviews. Sowie aus Hunderten alter Kassettenaufnahmen sorgfältig ausgewählte Stücke, deren stilistische Bandbreite vom Avant Punk über intellektuell kühle New Wave bis zu elektronischen Experimenten oder Dub reicht. Entstanden ohne ökonomische Zweckausrichtung und Produktbewusstsein, als Kommunikationsmittel oder kreativer Existenzbeweis. Ein freies Agieren über die Stil-, Genre- und Subszenengrenzen hinweg kennzeichnete das Geschehen und die dokumentierten Sounds sind oft genug Resultate jener Wechselwirkungen. Bedingt durch die Enge im das Ganze so vielfach begrenzenden und bedrohenden System DDR. Untergründige Gegenströmungen, die auch heute noch durch Charme und Widerborstigkeit zu beeindrucken wissen und von einem randständigen Lebensgefühl in der DDR künden, das abseits der gesellschaftlichen Normierung als Vorbote des Systemzusammenbruchs ein Existenzrecht als kreatives Individuum einforderte und deren Spuren in der Musik von so unterschiedlichen Protagonisten wie Tarwater, To Rococo Rot, Carsten Nicolai und seinem Elektroniklabel Raster-Noton bis hin zu Rammstein hörbar sind.

Alexander Pehlemann: 1969 in Berlin geboren. 1990 – 1997 Studium Kunstgeschichte/Geschichte in Greifswald. Seit 1993 Herausgeber des Magazins „ZONIC – Kulturelle Randstandsblicke & Involvierungs-momente“. 1993 Gründung des Al-Haca Soundsystem, seit 2006 solo als Selecta PEhLE aktiv. Journalist, Booker, Kulturnetzwerker und Mitglied des Künstlerkollektivs Underwater Agents. 2006 Herausgeber des Zonic-Spezials „Spannung. Leistung. Widerstand. Magnetbanduntergrund DDR 1979 – 1990“ (Zonic/ Verbrecher Verlag/ ZickZack). 2009 Compiler von „Polska Rootz. Beats, Dubs, Mixes & Future Folk from Poland“ (Eastblok Music).

Mit großem Interesse weisen wir auf folgende Termine hin:

Sa 5.12. 18.00 Uhr „… die wichtigste aller Künste“ Bilder der Avantgarde im Kino der Revolution. Vortrag mit Filmbeispielen und anschließendem Überraschungsfilm von Christoph Hesse (Arbeitskreis Rote Ruhr Uni) im Filler, Schillerstraße 44 Erfurt.

So 6.12. 11.30 Uhr Kulturindustrie Mediengesellschaft als „Massenbetrug“? Tagesseminar zur Kulturindustrie mit Christoph Hesse (Arbeitskreis Rote Ruhr Uni) im Filler, Schillerstraße 44 Erfurt.

Beide Veranstaltungen sind kostenlos. Weitere Infos mit genauer Beschreibung etc. finden sich unter www.falken-erfurt.de