Kunst, Spektakel, Revolution

| von Sebastian |

Von April bis Juli 2009 richtet das Bildungskollektiv (BiKo) mit Unterstützung der Rosa Luxemburg Stiftung Thüringen in Weimar eine achtteilige Veranstaltungsreihe unter dem Motto »Kunst, Spektakel, Revolution« aus. Bei den VeranstalterInnen handelt es sich um ein Kollektiv, dem es darum bestellt ist, Diskussionen anzuzetteln, politische Bewegungen kritisch zu begleiten bzw. an ihnen teilzunehmen und einen Zugang zu linker Theorie zu ermöglichen. Dabei versteht sich das BiKo nicht als bloße Bildungseinrichtung, in der BildnerInnen in positivistischer Manier eine Distanz zu den betrachteten GegeAnständen behaupten, sondern es versucht eigene Positionen und Standpunkte einzubeziehen, ohne dabei jedoch wiederum in Propaganda zu verfallen. Mit diesem Bildungsverständnis arbeitet das BiKo mit politischen Akteuren zusammen und bezieht dabei auch selbst Stellung zu aktuellen Fragen und Entwicklungen. Die vor einigen Wochen begonnene Veranstaltungen leisten beides: Theorievermittlung und Positionierung. Gerade weil in ihnen dem emanzipatorischen Potential der Kunst nachgespürt wird – jedenfalls auf dem Popfeld bei uns ein Dauerthema – haben wir Lukas um ein Gespräch gebeten, der seit einem Jahr im BiKo aktiv ist und das Avantgarde-Thema ins Kollektiv hereingetragen hat. In diesem Rahmen hielt er u.a. mehrere Vorträge zur Situationistischen Internationalen. Er ist in Weimar aufgewachsen und hat nach eigenem Bekunden und sympathischerweise einen gepflegten Hass auf diese Stadt entwickelt.

Ihr richtet gerade eine Veranstaltungsreihe unter der Headline »Kunst, Spektakel, Revolution« aus. Worum geht es Euch dabei?

Es geht darum in der Geschichte zu forschen, wann und wo sich Teile der verschiedenen künstlerischen Bewegungen der Moderne mit emanzipatorischen Bewegungen trafen und wo Kunst und Politik ein spannungsvolles Verhältnis eingingen. Konkret bedeutet dies die Avantgarde-Bewegungen unter die Lupe zu nehmen, die Kunst und Politik zueinander aufheben wollten und sich letztendlich (mal mehr, mal weniger konsequent) sowohl gegen Politik, als auch gegen Kunst richteten. Wir wollen herausfinden wie diese Bewegungen sich auf je unterschiedliche Art und Weise mit Alltag, Ökonomie, Wissenschaft und Moderne auseinandersetzten und welche Perspektiven sie zur Überwindung der bestehenden Verhältnisse lieferten. Zentral ist für diese Auseinandersetzung natürlich die Kunst, die, ähnlich wie die Religion, Versprechen macht, die sie nicht einlösen kann und bei einer kritischen Reflexion geradezu nach einer Umwälzung des Bestehenden schreit.

Wie habt ihr Euch als VeranstalterInnen diesem Themenfeld genähert?

Das Bildungskollektiv geht dabei fragend heran, denn in dieser Größenordnung setzen wir uns zum ersten mal intensiv mit Kunst und Avantgarde auseinander. Die Fragestellungen kommen dabei aus einer eher emanzipatorisch linken, anarchistisch bis wertkritischen Richtung, aber das Interesse ist es nicht unbedingt linke Erwartungen zu erfüllen – genauso wenig werden bloße KunstspezialistInnen auf ihre Kosten kommen. Mit dem ACC haben wir uns dabei einen der wenigen Orte in Weimar ausgesucht, in dem meines Erachtens noch relevante Diskussionen geführt werden.

In Weimar werden dieses Jahr die offiziellen Feierlichkeiten zum Bauhaus-Jubiläum abgehalten. Wie schätzt ihr das derzeitige Jubiläum ein? Was haltet ihr von den »offiziellen Feierlichkeiten«?

Mich persönlich langweilen die »offiziellen Feierlichkeiten«, die natürlich in Weimar mehr Standortpflege, als eine wirklich spannungsvolle Auseinandersetzung bedeuten. Dies spiegelt sich beispielsweise in dem Motto wieder, das derzeit in Weimar überall zu lesen ist: »Das Bauhaus kommt aus Weimar«. Das scheint hier ohnehin das Wichtigste zu sein – was nach der Vertreibung des Bauhauses aus Weimar, zunächst in Dessau und Berlin und danach in New York oder Tel Aviv passierte wird höchstens am Rande erwähnt. Ein weiteres Motto der Feierlichkeiten, »Der Beginn der Moderne in Deutschland«, bringt einen dann richtig auf die Palme. Das ist nicht nur eine Verleugnung von allen anderen Sachen die vor dem Bauhaus passierten, sondern es ist auch eine komplette Verwirrung auf dem Zeitstrahl. Das Motto müsste eigentlich heißen »Das Ende der Moderne in Deutschland«. Auch wenn ich die Auseinandersetzung mit dem Bauhaus nach wie vor für lohnenswert halte, bin ich als jemand, der in Weimar aufgewachsen ist, inzwischen ziemlich Bauhaus-müde. Bekannte von mir haben dies in einer amüsanten Produktion recht gut auf den Punkt gebracht: Sie haben Buttons gepresst, die aussehen wie ein Blindenzeichen. Statt der Punkte sieht man ein Dreieck, ein Quadrat und einen Kreis. Darunter ist zu lesen: »Ich kannn kein Bauhaus mehr sehen.« In Weimar fallen angesichts des Bauhaus-Hypes, der hier ja nicht nur zu diversen Jubiläen allgegenwärtig ist, andere spannende Themen hinten runter. Dass hier 1922 ein Kongress der Dadaisten und Konstruktivisten stattfand, weiß hier kaum jemand. Was wiederum kein Wunder ist. Wenige Jahre zuvor hatten einige Dadaisten um Johannes Baader, die sich sympathischer Weise »Dadaisten gegen Weimar« nannten, anlässlich der verfassungsgebenden Nationalversammlung 1919 ein Flugblatt verteilt, welches mit dem Satz endete: »Wir werden Weimar in die Luft sprengen«. Die Dadaisten hatten den Kulturkonservatismus dieser Stadt erkannt, der hier übrigens auch heute noch vorzufinden ist. Und das zu benennen und anzugreifen ist natürlich nicht standorttauglich und passt nicht in das Bild von Weimar, das hier gerade gezeichnet wird.

Es ist interessant aber im Hinblick auf den von Dir benannten Kulturkonservativismus auch wieder nicht verwunderlich, dass so etwas wie ein Kongress von Dadaisten und Konstruktivisten aus dem Kulturkanon Weimars heraus fiel und fällt. Aber auch in der Betrachtung des Bauhaus selbst, scheinen einige Themen nicht vorzukommen. Schaut man sich das Programm zum Bauhaus-Geburtstag anschaut, geht es hauptsächlich um Stadtentwicklung und Urbanismus. Wird in Weimar z.B. überhaupt die Vertreibung der Schule und ihre spätere Schließung thematisiert? Immerhin waren es die Nazis, die den Umzug erst nach Dessau und dann nach Berlin notwendig gemacht haben, bevor das Bauhaus 1933 ganz schließen musste.

Man muss der Stadt Weimar, der Sitftung Weimarer Klassik und den anderen InitiatorInnen zugutehalten, dass sie die Vertreibung des Bauhauses aus Weimar nicht verschweigen. Letztendlich erscheint im derzeitigen Jubiläums-Spektakel die historische Stadt, die der Weimarer Republik ihren Namen gegeben hat, jedoch mehr als Hort der Moderne, als das was sie wirklich gewesen ist: Eine konservative Stadt, die eine Vorreiterrolle im Nationalsozialismus gespielt hat. Seltsam werden die Diskurse dann, wenn beispielsweise eine doch recht interessante Entdeckung gemacht wird: Einige Historiker der Gedenkstätte Buchenwald haben vor wenigen Wochen herausgefunden, dass die zynisch berühmte Inschrift des Lagertors, »Jedem das Seine«, von Franz Ehrlich, einem Buchenwald-Häftling entworfen wurde, der ein Schüler des Bauhauses gewesen war. Sofort nach dieser Entdeckung hieß es, dass die Visualisierung dieses Satzes eine Bauhaus-Typographie wäre, was die Lagerkommandanten nicht bemerkt hätten und was ein Akt des stillen Widerstands gewesen wäre. Ohne die unvorstellbare Situation dieses Häftlings verharmlosen zu wollen, drängt sich mir der Verdacht auf, dass hier selbst in Buchenwald nach dem Standortfaktor Bauhaus gesucht wird. Denn eine Bauhaus-Typografie gibt es nicht. So weit kam es gar nicht – es gab einzelne Bauhaus-Meister, die sich mit Typografie auseinandergesetzt hatten, aber keine Typografie, die mit dem Titel Bauhaus hätte versehen werden können. Zudem war das Verhältnis des Bauhauses zum Nationalsozialismus nicht immer eindeutig: Nicht nur dass die Nazis die Frakturschrift zu einem bestimmten Zeitpunkt verworfen und durchaus an moderner Typografie Gefallen gefunden hatten – auch einige Bauhausmeister und –schüler hatten sich mit der Machtübernahme der Nazis konform verhalten. Dieses teilweise ambivalente Verhältnis arbeitet auch Layla Dawson in einem Artikel zum Bauhaus in der aktuellen konkret (5⁄2009) heraus. Nichtsdestotrotz bleibt die Vertreibung des Bauhauses ein Beleg dafür, dass der Nationalsozialismus ein Bruch mit der Moderne gewesen ist. Nicht nur das Bauhaus war davon betroffen – zahlreiche experimentelle, kritische und radikale KünstlerInnengruppen wurden in den besetzten Gebieten in ganz Europa gesprengt und ins Exil gedrängt. In Deutschland gibt es nach ’45 auch in diesem Bereich Kontinuitäten: So wurde Max Bill, der in Ulm ein neues Bauhaus etablieren wollte, 1968 dort von Hans Filbinger abgesetzt, jenem bekannten Nazirichter, der nach dem Krieg Ministerpräsident von Baden Württemberg geworden war.

Trotz der eingestandenen politischen Ambivalenz, mit der man es bei größeren »Schulen«, Bewegungen oder Assoziationen wohl immer zu tun haben wird, will ich noch mal auf den gerade von Dir angesprochenen konkret-Artikel zurückkommen. Darin wird aus einem Interview mit Wilfred Franks zitiert, ein englischer Bauhaus-Student von 1929–31. Er bezeichnete die Bauhäusler als »Internationalisten«. »Sie wollten Engländer und Amerikaner da haben, ebenso wie Deutsche, Franzosen und Holländer. Sie waren von den Ideen Karl Marx‘ beeinflusst (…), sprachen vom dialektischen Materialismus (…), von der Revolution, die gescheitert war, und der Revolution, die bald kommen und siegen sollte.« Wurden diese Positionen in Weimar nach 1945 überhaupt noch einmal verhandelt? Ich kann mir vorstellen, dass das sowohl in der DDR, als auch nach dem Ende des Realsozialismus geflissentlich unter den Teppich gekehrt wurde und erst recht heute gar keine Rolle mehr spielt.

In der Anfangszeit der DDR herrschte zunächst eine »bauhaus-positive« Stimmung. Viele progressive KünstlerInnen und ArchtitektInnen kamen in die DDR und erhofften sich in einem sozialistischen Land auch Bauhaus‑ bzw. Werkbund-Gedanken weiterentwickeln und verwirklichen zu können. Aber die Versuche an verschiedenen Orten das Bauhaus oder den Werkbund neu zu gründen scheiterten dann an der SED. Ab den 50er Jahren war dann alles was mit Avantgarde zu tun hatte tabu, wurde als westlich-dekadent abgestempelt und somit kam auch die Verbindung des Bauhauses zum Marxismus nicht zur Sprache – und das obwohl sich beispielsweise der Plattenbau auf Bauhausgedanken und das Neue Bauen zurückführen lässt, wenn auch in pervertierter Form. Die Linie des sozialistischen Realismus richtete sich seltsamer Weise gegen einen Formalismus in der angewandten Kunst. Als Mitte der 60er Jahre eine Liberalisierung in der DDR einsetzte, wurde zwar wieder über Bauhaus gesprochen und es gab auch einige Publikationen – dies hatte aber kaum Auswirkung auf die Gestaltung von Gebrauchsgegenständen geschweige denn auf die Gestaltung von Gesellschaft. In der BRD und den USA wurden Bauhausgedanken zwar von Anfang an gefördert und alte Bauhaus-Meister und –SchülerInnen konnten sich auch ziemlich frei weiterentwickeln. Es ist jedoch bekannt, dass das Bauhaus dort mehr als Designer-Schule bekannt wurde als eine irgendwie politische Bewegung und angesichts der Kommunisten-Hatz ist es kein Wunder, dass solche Verbindungen offiziell nicht diskutiert wurden. Dass es dann Bauhausideen in der BRD auch nicht immer sehr leicht hatten, habe ich ja oben schon erwähnt.

Ich würde das Bauhaus als einen wichtigen Treffpunkt bzw. Knotenpunkt bezeichnen, der wichtige Experimente möglich gemacht hat und in dem es eben auch Verbindungen zu genannten Bewegungen gegeben hat und in dem die Diskussion um marxistische Theoriebildung keine kleine Rolle gespielt hat. Das ärgerliche ist, dass diese Verbindungen verschüttet bleiben und kaum nachgeforscht wird, was sie für Früchte getragen hat. Gerade hier läge die Aufgabe einer emanzipatorischen Linken, sich diese Geschichte wieder anzueignen und derartige Debatten in aktualisierender Weise fortzuführen. Aber man muss auch vorsichtig sein – denn wie gesagt war das Bauhaus kein einheitlicher Stil und es gab schon gar nicht irgend eine einheitliche politische Linie. Und gerade Gropius hat sich immer bemüht das Bauhaus nach außen unpolitisch erscheinen zu lassen. Neben marxistischen BauhäuslerInnen gab es im Bauhaus auch esoterische und sogar fast anthroposophische Strömungen. Man kann also sagen, dass die Verbindung zum Marxismus zwar unter den Teppich gekehrt wird, aber wenn jetzt die konformen Teile hervorgehoben werden, dann ist dies nicht unbedingt ein Missbrauch des Bauhauses. Einer derjenigen Bauhäusler, die bis zuletzt einem revolutionären Gedanken treu geblieben sind war Lázló Moholy-Nagy, der besonders immer wieder Verbindungen zu anarchosyndikalistischen Gedanken und Bewegungen gesucht hat. Interessant wird die Auseinandersetzung auch an der Stelle, wo das Bauhaus auf andere sich als revolutionär verstehende Avantgarden trifft. So gab es 1954 auf der Triennale für industrielles Design in Mailand einen Disput zwischen Max Bill und Asgar Jorn, der in Alba zusammen mit Constant und anderen KünstlerInnen der ehemaligen CoBrA-Bewegung ein experimentelles »Bauhaus Imaginiste« eröffnet hatte. Während Bill die rationale Form des Wohnens verteidigte, sprach sich Jorn gegen eine Normierung in der Architektur aus, da er meinte, dass eine Rationalisierung und ein Funktionalismus des Wohnens zwangsweise zu einer Rationalisierung und Automatisierung der Gesellschaft und der sozialen Beziehungen führen würde. Eine Diskussion, wie sie in Weimar in der Öffentlichkeit niemals geführt werden würde.

Was ich erstaunlich finde, ist derzeit auch das Ausmaß der jetzigen Feierlichkeiten. Neben Weimar finden in nächster Zeit noch in Berlin, Jena und Erfurt größere Bauhaus-Ausstellungen statt. Warum wird zu einem 90. Geburtstag eigentlich so ein Brimborium veranstaltet, das einem 100jährigen Jubiläum wohl in nichts nachstünde? Wird im deutschen Feierjahr 2009 (60 Jahre BRD, 60 Jahre Grundgesetz und 20 Jahre »Wiedervereinigung«) noch ein modernes Stück »Kultur« gebraucht, das man in den Mythos von der deutschen Kulturnation einbacken kann?

Ja, ich denke auch, dass das Bauhaus zur Schaffung eines nationalen Mythos benutzt wird. Neben der Schaffung einer sich modern gerierenden Kulturnation, hat das natürlich ganz einfach auch standortpolitische Gründe – mit Bauhaus lässt sich gut Geld machen. Und das nimmt dann natürlich auch regelrecht Züge eines Wettbewerbs an – etwa wenn die Stadt Erfurt stolz verkündet, dass es in Erfurt mehr Bauhaus-Häuser gibt als in Weimar oder wenn »Ehringsdorfer«, ein Weimarer Lokalbier, sich mit entsprechender Etikett-Gestaltung als »Bauhaus-Bier« präsentiert. In Weimar wird meines Erachtens am deutlichsten, dass es einen Zusammenhang zwischen Bauhaus-Feierei und nationaler Identität gibt. Hier kommt ja alles zusammen: 90 Jahre verfassungsgebende Nationalversammlung der Weimarer Republik, 90 Jahre Bauhaus, 60 Jahre BRD, 20 Jahre Wiedervereinigung. Aus diesem Grund stehen in Weimar gerade an allen Ecken modern-symmetrisch übereinandergestapelte Quader herum, die zusammen die Farben der Deutschland-Flagge ergeben. Widerlich.

Ist Eure inhaltliche Auseinandersetzung mit künstlerischer Avantgarde und praktischer Gesellschaftskritik der Versuch, auf die politische Entkernung und Instrumentalisierung des Bauhaus zu antworten?

Ich denke, dass das Bauhaus nur in einer befreiten Gesellschaft wirklich Sinn macht – und wie überall werden die progressiven Aspekte des Bauhauses innerhalb der Verwertungslogik entschärft. Unsere Intention war es auf jeden Fall, dass diese oft verschwiegene Verbindung in der Reihe klar herausgearbeitet wird und wir wollen damit auch einen Gegensatz zum aktuellen Bauhaus-Spektakel liefern. Ich bin gespannt, was Justus Ulbricht, den wir für dieses Thema eingeladen haben, zu diesem Aspekt zu sagen hat. Er ist der einzige Referent der Reihe, der nicht eindeutig aus einer marxistischen Ecke kommt und ist auch für die Stiftung Weimarer Klassik tätig. Er ist aber einer derjenigen wenigen Intellektuellen in Weimar, die eben die Verbindung des Bauhaus zu kommunistischen, sozialistischen Bewegungen nicht unter den Tisch kehren und er hat auf jeden Fall Ahnung von einem Materialismus der Kunst. Auch mit den anderen Referaten wollen wir uns in Widerspruch zu einer unpolitischen Kunstgeschichtsschreibung begeben. Selbst die Situationistische Internationale wird ja mittlerweile gehypet und es werden dabei nur einzelne Aspekte herausgepickt und deren radikale Kritik, die auf die kapitalistische Gesellschaft als Ganzes zielt, wird damit entschärft. Es sollen sozusagen die radikalen Zumutungen der Avantgarden hervorgekehrt werden und die Reihe richtet sich damit gegen eine verharmlosende Kunstgeschichte.

Du hast die Situationistische Internationale gerade schon angesprochen. Neben dieser Strömung und dem Bauhaus, widmen sich Eure Veranstaltungen u.a. noch dem Surrealismus und dem sowjetischen Konstruktivismus. Warum soll man sich heute noch mit dieser Avantgardetradition auseinandersetzen?

Es handelt sich bei diesen Bewegungen wie gesagt um diejenigen, die das Verhältnis zwischen Kunst und Politik zum krachen bringen wollten und in diesem Spannungsverhältnis einen Ansatz zur Überwindung der bestehenden Verhältnisse gesehen haben. Wenn wir heute davon ausgehen, dass der Kapitalismus nicht lediglich das Ergebnis einer direkten, repressiven Herrschaft ist, sondern dass die Subjekte selbst das herrschende Realitätsprinzip verinnerlicht haben und somit auch Schönheitsempfinden, Gestaltung und Ästhetik mit dem herrschenden Prinzip zusammenhängen, dann bedeutet dies, dass eine Veränderung der Welt auch eine Frage der Ästhetik ist. Und mit diesen Fragen werden wir täglich konfrontiert – etwa im urbanen Raum oder in unserem Wohnraum. Zum anderen ist ja gerade die Sphärentrennung ein wesentlich konstitutiver Bestandteil der bürgerlichen Gesellschaft – und eine wichtige Sphäre ist dabei die Kunst. Schon um diese Verhältnisse begreifen zu können ist es wichtig in der Geschichte zu gucken, wie etwa die Sphärentrennung thematisiert wurde und welche Probleme sich damit in der Moderne ergeben. Und wir, die wir uns als emanzipatorische Linke verstehen, suchen uns in dieser Auseinandersetzung natürlich Bewegungen, die uns irgendwie nahe stehen – das sind die Bewegungen der Avantgarde.

Bildet nicht die Postmoderne, bzw. deren theoretischer Aufriss und ihre praktische Beantwortung ein zusätzliches Problem in der Auseinandersetzung?

Ja. In dem Text zur Veranstaltungsreihe ist die Postmoderne kurz als »Moderne, die sich selbst nicht überwunden hat« beschrieben. Ich denke dass wir es mit der bürgerlichen Gesellschaft mit einem historischen Abschnitt zu tun haben, dessen Überwindung schon längst überfällig ist. Die Krise dieses Gesellschaftsprinzips führt aber eben nicht dazu, dass die Scheiße von selbst aufhört, sondern dass die Grundkategorien (Wert, Ware, Arbeit, Nation, Geschlecht) weiter bestehen bleiben und dass das Drumherum, etwa die bürgerliche Kultur, als längst hinfälliges Anhängsel in modifizierter Form und als Versatzstück weiter leben bleibt. Um verstehen zu können, in welcher Form welche Versatzstücke in der Postmoderne weiter wirken, muss man sich natürlich erst einmal mit den Fragen der Moderne beschäftigen. Erst dann ist eine adäquate Kritik der Verhältnisse in der Postmoderne möglich.

Eine klare Abgrenzung gegen den postmodernen, entleerten heutigen Kunstbetrieb scheint mir auch bitter nötig. Was damit gemeint ist, wurde mir letztens noch mal bei einer Veranstaltungseinladung aus Hamburg deutlich: »Mythen, Definitionen, Hoffnungen und Ratlosigkeit treffen aufeinander, wenn die Frage nach dem Kunstbegriff gestellt wird. Oft wird sie gar nicht mehr gestellt, weil jede Äußerung den Verdacht einer Ideologisierung auf den Plan ruft.«, schreiben Menschen aus Kunstberufen, um gleich im Anschluss daran zu betonen, »Kunst soll den Pluralismus einer freiheitlichen Gesellschaft verkörpern (…)« So einen Unsinn liest man heute fast überall. Man möchte sich gegen eine Ideologisierung abdichten und meint damit ohne jeden Begriff von Ideologie, doch nur die Abwehr einer »Politisierung des Ästhetischen« (Walter Benjamin). Wenn man dann im Anschluss Kunst in »einer freiheitlichen Gesellschaft« zur Pluralismus-Chiffre zusammen schrumpft, dann hat man keine Ahnung vom Unterschied zwischen an sich möglicher im Gegensatz zur real-verwirklichten, bürgerlichen Freiheit. Ebenso fehlt einem die Vorstellungskraft von einer Kunst, die diese Freiheit jenseits von Staat und Kapital aufzeigen könnte. Kurzum: es ist bedauerlicher, gesellschaftlich angepasster Unfug, der in Kunstszenen den Diskussionsstoff bildet. Sollte man so etwas nicht frontaler und vehementer angreifen? Und im Anschluss daran gefragt: warum macht ihr das nicht?

Ich finde, das was du beschreibst, ist in dem Text zur Reihe sehr klar benannt: »Ein solch explosives Verhältnis ist in der Postmoderne, also der Moderne, die sich selbst nicht überwunden hat, kaum noch anzutreffen und das Verhältnis zwischen Kunst und Politik ist zu einem Dilemma in höherem Ausmaß geworden. Während die einen sich in ständiger Selbstreferenzialität, abgewandelter Wiederholung der Moderne, aussagelosen Provokationen und Pseudo-Diskursen üben und sich ständig gegen eine angebliche Vereinnahmung wehren wollen, halten es die anderen nicht für notwendig sich mit Ästhetik auseinanderzusetzen, sehen in der Kunst höchstens ein Mittel zum Zweck und erkennen nicht, dass Ästhetik nicht nur etwas mit gutem Geschmack, sondern auch mit einer besseren Einrichtung der Welt zu tun haben könnte.« In diesem Zusammenhang bringe ich immer wieder gerne ein sehr treffendes Zitat von der Initiative Sozialistisches Forum: »Pluralismus ist Gehorsam zur Totalität.« Dies gilt natürlich auch für den Kunstbetrieb. Ich denke es gilt aber nicht nur den postmodernen Kunstbetrieb anzugreifen, sondern eben auch die linken Politik-SpezialistInnen, die sich oft ebenfalls sehr selbstreferenziell verhalten und der Realität oft kaum begegnen können. Ich denke, dass sich die Abgrenzung auch durch die Auswahl der ReferentInnen ergibt, die den Kunstbetrieb teilweise sehr gut kennen und ihm dementsprechend eine adäquate polemische Schelte verpassen können. Martin Büsser hat dieses Problem in der ersten Veranstaltung auch treffend herausgearbeitet. Wir denken darüber nach im Anschluss an die Veranstaltungsreihe noch eine Broschüre mit dem Titel »Kunst, Spektakel, Revolution« zu erstellen. Vielleicht wird dieses Thema dort noch einmal ausführlicher bearbeitet. Bis dahin gilt es zu zeigen, dass es möglich ist klar Position zu beziehen.

Ist es heute überhaupt noch möglich, an die benannten Avantgarde-Strömungen anzuknpüfen? Schließlich scheint ihr ästhetisches Material so weit von der Kulturindustrie aufgesogen, dass ihre damalige Sprengkraft kaum mehr zu erahnen ist. Nur ein Beispiel: wenn ein Musikvideo von Franz Ferdinand bei Rodschenko oder dem frühen Tschichold abkupfert – spätestens dann hat sich doch der emanzipatorische Gehalt einer Formensprache oder einer Tradition aufgezerrt.

Es ist ganz sicher nicht möglich die historische Avantgarde zu wiederholen, gerade angesichts ihrer Transformation in der Kulturindustrie. Aber es kann auf jeden Fall fruchtbar sein, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Schon die Situationisten haben gesagt, dass eine Kenntnis der eigenen Geschichte eine absolute Notwendigkeit ist, wenn man an so etwas wie einem revolutionären Vorhaben festhalten will. Ich verstehe die Veranstaltungsreihe als ein kleines Forschungsprojekt: Welche Erfahrungen haben vor uns Individuen und Bewegungen gemacht, die ähnliche Fragen hatten wie wir heute? Im Moment herrscht ja in der Linken eine totale Ratlosigkeit über mögliche Schritte hin zu einer Emanzipation. Ich denke, dass wir uns gerade auch angesichts der Suche nach einer Formensprache mit emanzipatorischen Gehalt (wenn es denn eine solche überhaupt gibt) in einer Situation befinden, in der man sich experimentierend und suchend vorwärts bewegen muss. Dabei ist die Auseinandersetzung mit der Geschichte der revolutionären Bewegungen unabdingbar. Aber du hast Recht: die Sprengkraft der historischen Avantgarde ist verwirkt. Dies nicht nur, weil ihre Formensprache in der Welt der Ware angekommen ist, sondern auch weil die Verhältnisse sich verändert haben und beispielsweise die Kritik der Situationischen Internationalen somit dringend einer Aktualisierung bedarf.

Ist der historische Rekurs nicht dennoch ein Stück weit nostalgisch: als Sehnsucht nach einer Kunst, die noch Befreiung und gesellschaftliche Versöhnung als materielle, politische Forderungen hatte? Die damaligen Positionen der Bauhaus-Vertreter, der Surrealisten und Situationisten waren ja bei weitem nicht so utopistisch, wie sie heute wirken mögen. Die Revolution – von der ja auch der Titel Eurer Reihe spricht – war historisch einmal durchaus greifbar. Mit dem Proletariat bzw. den aufbegehrenden Studenten waren überdies nennenswerte gesellschaftliche Kräfte darum bemüht, die kapitalistischen Produktionsverhältnisse zu überwinden. Das Problem ist nur: sie sind auf ganzer Linie gescheitert und vergleichbare theoretische, wie praktische Versuche heute nicht mehr in Sicht. Ist es deshalb überhaupt noch zeitgemäß, Revolution zum Thema zu machen?

Ich denke es geht darum von der historischen Avantgarde zu lernen, ihre Fehler zu benennen und möglicherweise Anknüpfungspunkte zu finden, aber nicht sich in Nostalgie zu wiegen. Dies hat beispielsweise Alexander Emanuely klar gesagt, der in seinem Vortrag über den Surrealismus meinte, dass es nicht darum geht eine Lobhymne auf den Surrealismus zu singen. In diesem Zusammenhang hat er beispielsweise klar herausgearbeitet, dass die Surrealisten in Sachen Sexismus wenig positive Anknüpfungspunkte hinterlassen haben. Es war ein Männerhaufen, in dessen Reihen Frauen höchstens als Objekt der Bewunderung akzeptiert waren. Auch die Situationistische Internationale bestand größtenteils aus Männern und hatte eigentlich überhaupt keine Kritik des Geschlechterverhältnisses – obwohl dies gerade in der Kritik der Trennungen ein sehr zentraler Punkt sein müsste1. Auch in punkto Antisemitismus findet man kaum eine sinnvolle Auseinandersetzung in der historischen Avantgarde. Auch wenn die Avantgardisten selbst von der Verfolgung durch die Nazis betroffen waren, muss man ihnen vorwerfen, dass sie eine Analyse des Nationalsozialismus und seiner wesentlich bestimmenden Ideologie, dem Antisemitismus, versäumt haben. Dieses Versäumnis wird etwa dann fatal, wenn sich die Situationistische Internationale zu Israel äußert.2 Auch wenn es heute keine nennenswerte Bewegung gibt, vor der sich der Kapitalismus fürchten müsste, ist es alles andere als unzeitgemäß über Revolution zu reden. Der kategorische Imperativ von Marx, dass alle Verhältnisse umzuwerfen seien, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist, ist nach wie vor aktuell. Selbst in den kapitalistischen Zentren kann man eine zunehmende Verelendung beobachten, von der Situation in der Peripherie ganz zu schweigen. Selbst aus Gründen des guten Geschmacks müsste man als kritischer Mensch eigentlich täglich ausrasten. »Wir wollen keine Welt, in der die Garantie nicht zu verhungern, mit der Gefahr erkauft wird, vor Langeweile zu sterben.« (Raoul Veneigem) Dass die Arbeiterbewegung und die Studentenbewegung gescheitert sind, ist kein Argument für die Unmöglichkeit einer befreiten Gesellschaft.

Gibt es im derzeitigen Kunstbetrieb auch noch Momente, die Euch hoffen lassen?

Es passieren ja ab und zu noch Dinge, die zumindest interessant sind. Ich denke beispielsweise an die Gruppe Monochrom aus Wien oder an die Yes Men Group. Doch auch dort erschöpfen sich die progressiven Momente oft in einer recht oberflächlichen Kritik. Martin Büsser hat bei der ersten Veranstaltung der Reihe gesagt, dass Kunst, wenn sie subversiv sein will, die Gefahr eingeht den Titel der Kunst zu verlieren. Und ich wüsste nicht was daran schlimm sein sollte, gerade nach den Debatten um die Wegschaffung, Verwirklichung und Aufhebung der Kunst. Dementsprechend würde ich momentan auch eher Anknüpfungspunkte bei Dingen finden, die nicht explizit Kunst sein wollen und als solche wahrgenommen werden. Ein Beispiel wäre etwa das Schreibmaschinencafe in Leipzig/Plagwitz. Dort gibt es eine große Sammlung von Schreibmaschinen und jede Woche werden dort Schreibsessions gemacht und manchmal gibt es Schreibausflüge mit Reiseschreibmaschinen, etwa in den Lidl nebenan oder in die Straßenbahn. Die Texte die dabei entstehen, werden im Schreibmaschinencafe gesammelt und es gibt regelmäßig Lesungen, die über einen alten Fernseher übertragen werden. Das interessante dabei ist, dass die Ergebnisse nicht unbedingt literarischer Natur sind. Dadurch, dass das Cafe für alle Menschen dieses »Problemviertels« offen ist und dort einige »gescheiterte Existenzen« einen Zufluchtsort gefunden haben, entstehen eher Erlebnisberichte, Dokumentationen und Beschreibungen von Situationen, die sehr viel über die Alltagsrealität in Leipzig erzählen. Eine Aktion die von den Leuten dort ausging, war die Errichtung einer »Agentur für Alkohol«: Während eines Kiezfestes hatten die BetreiberInnen des Schreibmaschinencafes einen großen roten Kasten, einen »Sternburgautomaten«, aufgebaut, über den man mit mehreren Formularen ein Bier beantragen konnte – eine Ein-Sternburg-Maßnahme. Durch die Fragebögen und das Verfahren um ein Bier zu bekommen, sind wirklich interessante Situationen entstanden und ich würde das ganze großspurig als ein wichtiges Forschungsprojekt bezeichnen, das auf wirkliche Probleme hingewiesen hat. Das Schreibmaschinencafe ist ein Ort, in dem eine große Lust am Experimentieren zu spüren ist – etwas, das im Kunstbetrieb sehr zu vermissen ist.

Zwei Veranstaltungen sind bislang gelaufen. Wie war die Resonanz?

Für Weimarer Verhältnisse waren die beiden Veranstaltungen sehr gut besucht. Die Diskussionen und Gespräche haben sich nach den Referaten bis tief in die Nacht gezogen und ich würde sagen, dass genau an den richtigen Punkten diskutiert wurde. Erfreulich ist auch die Unterstützung durch mehrere Freie Radiosender, die die Mitschnitte der Referate senden werden und die Reihe bewerben. Das beste Ergebnis dieser Reihe wäre natürlich, wenn die Leute wieder damit beginnen würden zu forschen und zu experimentieren – und endlich anfangen revolutionäre Voraussetzungen zu schaffen. Dass so etwas von einer solchen Reihe ausgehen wird können wir natürlich leider nicht versprechen.

Zu wünschen wäre es Euch aber. Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview wurde zuerst hier veröffentlicht.

  1. in einem Text im »Magazin« ist dies treffend herausgearbeitet: Link [zurück]
  2. vgl. Horst Pankow: »Rothschilds Spektakel. Die Situationistische Internationale und der Antisemitismus«, in konkret Heft 12 Dezember 2006 und Stephan Grigat: Fetischismus und Widerstand. Guy Debords Rezeption der Kritik der politischen Ökonomie und die Schwierigkeiten der Gesellschaftskritik nach Auschwitz, im Sammelband »Spektakel Kunst Gesellschaft« [zurück]