Archiv für April 2009

Von der Avantgarde zur Selbstreferenzialität

Umbrüche in der Kunst auf dem Weg ins 21. Jahrhundert

Martin Büsser – 16. April, 20:00 Uhr

Zeitgenössische Kunst hat in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erfahren. Ausstellungen verzeichnen Besucherrekorde, Arbeiten von Künstlern wie Gerhard Richter und Peter Doig erzielen auf Auktionen bislang nie gekannte Preise, Künstler wie Damien Hirst und Jeff Koons präsentieren sich und ihre Arbeiten wie ein Wirtschaftskonzern. Dabei ist jedoch auch der politische und ästhetische Avantgarde-Status abhanden gekommen.

In einem historisch ausgerichteten Vortrag zeigt Martin Büsser, wie sich die künstlerische Avantgarde im 20. Jahrhundert entwickelt hat, welcher Avantgarde-Begriff den Strömungen zu Grunde lag und welche Bewegungen sich auf je eigene Weise politisch positioniert haben (z.B. Dada, Situationistische Internationale, Fluxus, Concept Art). Dabei soll auch der Umbruch thematisiert werden, der seit Ende des 20. Jahrhunderts zu einem postavantgardistischen Pluralismus führte, der trotz des Booms eine politische Wirkungslosigkeit der meisten künstlerischen Positionen nach sich zog.

Martin Büsser
ist Mitherausgeber der Zeitschrift Testcard und Mitarbeiter im Ventil-Verlag. Er publiziert regelmäßig kritische Texte zu zeitgenössischer Kunst, u.a. in der Wochenzeitschrift Jungle World und der Monatszeitschrift Konkret.

Die Welt verändern und das Leben verändern

Der Surrealismus als revolutionäre Bewegung

Alexander Emanuely – 7. Mai, 20:00 Uhr

André Breton hat 1935 geschrieben: „‚Die Welt verändern‘, hat Marx gesagt; ‚das Leben ändern‘, hat Rimbaud gesagt: Diese beiden Losungen sind für uns das einzige.“ und somit die Richtung gezeichnet, in die der Surrealismus seit 1924 geht oder gehen will. Konsumiert man heute die Kunst der SurrealistInnen, so wird meistens vergessen, dass es sich bei ihnen um KünstlerInnen handelte, die sich dem revolutionären Umsturz der bestehenden Verhältnisse auf den verschiedensten künstlerischen und politischen Ebenen verschrieben hatten. Dieses Referat soll einerseits einen Überblick über die surrealistische Avantgarde und ihr Verhältnis zu Kunst und Politik, anderseits über die Situation der Intellektuellen im Paris der 1920er und 1930er Jahre im Allgemeinen geben. Von diesem Überblick ausgehend soll die Fragen diskutiert werden, was damals Surrealismus bewirkt hat und was heute Surrealismus noch bedeuten kann oder soll.

Alexander Emanuely ist Aktivist des Republikanischen Clubs in Wien und der „Ligue Internationale contre le Racisme et l‘Antisémitisme“. Er ist Koautor von „Encyclopedia of Antisemitism, Anti-Jewish Prejudice and Persecution“ (2005), „Kulturlichter“ (2004) und von „Psychodrama – Die Posttraumatische Belastungsstörung“ (2003). 2006 schrieb er einen Beitrag über Surrealismus, Carl Einstein und Cravan für das Buch „Spektakel Kunst Gesellschaft“, welches im Verbrecherverlag erschienen ist.

Künstlerische Produktion und Kunstproduktion

Konstruktivismus als Realismus

Kerstin Stakemeier – 11. Juni, 20:00 Uhr

Die Russische Revolution fand auch, und zuerst, in der Kunst statt, jedoch zeitlich versetzt und in vielen Punkten entgegen dem bolschewistischen Hang zum fordistischen Produktionsethos. Aus dem russischen Futurismus heraus entwickelten sich unterschiedliche Versuche einer „Produktionskunst“, die die künstlerische Produktion als Hebel zur Revolutionierung der menschlichen Arbeit einsetzen wollte – und darin sowohl der Kunst als auch der entfremdeten Arbeit ein Ende setzen. Dies war zwar ganz im Marxschen Sinne, nicht jedoch in demjenigen der Partei, die versuchte zwischen Kriegskommunismus und NEP das Land zu stabilisieren. Noch unter Lenin wurde der Proletkult abgewickelt, unter Stalin die Kunsthochschule Vhutemas, das ästhetische Institut Inhchuk und die Künstlervereinigung Oktober verhindert, oder auf eine Parteilinie verpflichtet. Der Kampf um die Frage was Realismus sei, wurde so letztendlich autoritär entschieden, und die westliche Kunstgeschichte nahm diese Setzung dankbar auf und teilte die russische Kunstproduktion der Revolution in Schulen und Stilrichtungen auf. Der Konstruktivismus, ursprünglich ein Kampfbegriff gegen die Idee künstlerischer Komposition, zum Stilattribut, der Realismus zum Hauptfeind der Blockkonfrontation. Auch heute noch beherrschen diese Gegensätze das Verständnis der Kunst der Revolutionen des beginnenden 20.Jahrhunderts.

Wie war das Verhältnis von Kunst und Politik in der Sowjetunion? Wie versuchte der Konstruktivismus in die Realität einzugreifen, wie reflektierte er das Verhältnis zwischen Kunst, Politik und Produktionsbedingungen, was waren seine Mittel? Wie war das Verhältnis zwischen Konstruktivismus, heroischem Realismus und sozialistischem Realismus?

Kerstin Stakemeier arbeitet als Researcherin an der Jan van Eyck Akademie in Maastricht zur Frage des Realismus in der Gegenwartskunst und als Doktorantin am University College London zum Künstler als Amateur und veröffentlicht regelmässig zum Verhältnis von Kunst und Politik.

Kunst, Spektakel, Gesellschaft

Situationistische Internationale, Avantgarde und Klassenkampf

Biene Baumeister Zwi Negator – 18. Juni, 20:00 Uhr

Der Situationistischen Internationalen wird nachgesagt, dass sie eine letzte Avantgarde gewesen sei. Jedoch reflektierten die Situationisten um Guy Debord, Raoul Vaneigem, Michèle Bernstein u.a. die zunehmend konformistische Rolle der Avantgarden, erkannten ihre gesellschaftliche Beschränkung in der Moderne und versuchten, als „enfants perdus“ über das Konzept der Avantgarde radikal hinauszugehen. Worin besteht die Kritik der Situationisten an der totalen Warengesellschaft, der „Gesellschaft des Spektakels“? Worin besteht ihre Kritik an Kultur, Politik und Kunst? Wie rezipierten sie in diesem Kontext die marxsche Kritik der politischen Ökonomie? Wie war das Verhältnis der Situationisten zum Dadaismus, zum Surrealismus und zum Existenzialismus? Wie versuchten sie in der Praxis den Werkcharakter ästhetischer Aktivitäten aufzuheben? Und wie war ihr Verhältnis zur Arbeiterbewegung und den Studentenrevolten?

Biene Baumeister Zwi Negator ist ein Autorenkollektiv, das sich mit der situationistischen Revolutionstheorie auseinandersetzt. Neben einem Doppelband zur Situationistischen Revolutionstheorie, welches in der Theorie.org-Reihe des Schmetterling Verlages erschienen ist, publizieren sie unter anderem in der Zeitschrift Phase 2. Sie nahmen als ReferentInnen an der Konferenz „Spektakel Kunst Gesellschaft“ in Wien teil und veröffentlichten einen Text im gleichnamigen Band, der im Verbrecher-Verlag erschienen ist.

Streetart und Kapitalismuskritik

Das Beispiel Splasher

Hans Christian Psaar – 25. Juni, 20:00 Uhr

Street Art wird oft als widerständige Kunst rezipiert, die Konsum kritisch reflektiert. Andererseits wird der Street Art Kommerzialisierung vorgeworfen. Im Vortrag wird ausgehend vom Beispiel der New Yorker Gruppe „Splasher“ das Verhältnis von Street Art und Kritik thematisiert. Mit Farbbeutelanschlägen auf die Werke namhafter Street Artists und einem Bezug auf die Situationistische Internationale machte die Gruppe seit 2006 auf sich aufmerksam. Aus ideologiekritischer Sicht wird die Theorie und Praxis von Splasher beleuchtet und die Ökonomie von Street Art und Kunst heute untersucht. Dabei wird anhand von Exkursen zur Situationistischen Internationale und dem Abgleich mit einem Avantgardemodell versucht Street Art – und mit ihr die Möglichkeiten radikaler Kritik – historisch zu bestimmen. Ein weiterer Widerspruch mit der Street Art: auf der einen Seite kokettiert sie mit dem Image des Widerständigen, andererseits ist die Reflexion über ihre eigene Beschaffenheit doch eher rudimentär ausgeprägt. Zu einer weitergehenden Beschäftigung möchte der Vortrag anregen.

Hans Christian Psaar ist Sozialwissenschaftler und DJ. Er betreibt das Plattenlabel Sprengstoff und ist Autor der Zeitschrift Datacide. Er referiert unter anderem zu den Themen Underground und der Kritik der Kulturindustrie. Den Vortrag zu Streetart und Kapitalismuskritik hielt er bereits 2008 auf einer Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Urban Script“ in Berlin.

Die Kathedrale des Sozialismus

Bauhaus und kommunistische Bewegung

Justus H. Ulbricht – 2. Juli, 20:00 Uhr

Vorläufiger Ankündigungstext

„Die Kathedrale des Sozialismus“, ein Holzschnitt von Lyonel Feininger zum ersten Bauhaus-Manifest, ist ein Zeugnis davon, dass es im Bauhaus eine Verbindung zwischen Kunst und revolutionärer Bewegung gegeben hat. Heute ist das Bauhaus jedoch vor Allem als Designerschule bekannt. Dass mit der Vereinigung von Ästhetik und Handwerk auch eine praktische Kritik der Sphärentrennung betrieben wurde, scheint in Vergessenheit geraten zu sein, angesichts der Tatsache, dass es in der Bauhaus-Universität in Weimar nicht einmal mehr das gemeinsame Grundsemester gibt, welches das Lehrkonzept des damaligen Bauhauses gekennzeichnet hatte und dass sich Kunst- und Architekturstudenten in Weimar nicht recht vertragen wollen. Deshalb gilt es die Fragen zu stellen, an welchen Punkten sich das Bauhaus in eine politische Bewegung hineinbegeben hat, wie der theoretische Hintergrund dafür ausgesehen hat und wie das Verhältnis zwischen Bauhaus und Faschismus gewesen ist. Im Gegensatz zu anderen Bewegungen der Avantgarde, besetzte das Bauhaus Kategorien wie „Normierung“ und „Rationalität“ sehr positiv. Ein weiterer interessanter Punkt ist das Verhältnis ehemaliger Bauhaus-Meister zum späteren „Bauhaus Imaginiste“, welches eine radikale Fortsetzung des Bauhaus-Gedankens durch den dänischen Künstler Asgar Jorn in Italien darstellte. Diese Diskussion problematisiert das Verhältnis zwischen Funktionalität und Ästhetik.

Justus H. Ulbricht
ist tätig für die Weimarer Klassik Stiftung und engagiert sich im Projekt „Cicerone“. Er publizierte unter anderem zur Kulturpolitik des Nationalsozialismus und zu „Romantik, Revolution & Reform“.

Walter Benjamin

und das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

Esther Leslie – 9. Juli, 20:00 Uhr

Achtung ! Dieser Vortrag wurde auf den 4. August verschoben! Ort und Zeit bleiben die gleichen.

Welchen Wandel erlebte die Kunst mit der Durchsetzung der bürgerlichen Gesellschaft und der industriellen Revolution? Was ist die „Reproduzierbarkeit“? Wie verändert sich der Charakter der Kunst durch die Möglichkeit des Kunstwerks als Massenware? Welche Antworten gibt Walter Benjamin auf die Frage nach dem Verhältnis zwischen Kunst und Politik? Was bedeutet bei Benjamin „Ästhetisierung der Politik“ und „Politisierung der Aesthetik“? Welche Gesellschaftskritik liegt Benjamins Überlegungen zur Kunst zugrunde? Welchen Einfluss hat Benjamin auf die kulturell engagierten Linken von Gestern und Heute ausgeübt?

Esther Leslie
arbeitet zur marxistischen Theorie der Ästhetik und Kultur, mit einem Focus auf das Werk Walter Benjamins und Theodor W. Adornos. Sie publizierte zahlreiche Bücher und lehrt an der School of English and Humanities in London.

Gegenwart, Kritik, Erkenntnis, Rätsel

Adorno und die Kunst

Roger Behrens – 23. Juli, 20:00 Uhr

»Aufgabe von Kunst heute ist es, Chaos in die Ordnung zu bringen. Künstlerische Produktivität ist das Vermögen der Willkür im Unwillkürlichen«, schreibt Theodor W. Adorno im 142. Aphorismus seiner ›Minima Moralia‹. Das korrespondiert durchaus mit den künstlerischen Bewegungen des zwanzigsten Jahrhunderts, die allerdings – und das ist bemerkenswert – in der kritischen Theorie Adornos keineswegs auch nur annähernd in der Weise berücksichtigt werden, wie man es bei jemand vermuten sollte, der immerhin die letzte große, moderne Ästhetik verfasst hat. Die »Kunst heute«, von der Adorno spricht, scheint vielmehr eine Erinnerungsspur der Kunst des neunzehnten Jahrhunderts darzustellen; im zwanzigsten Jahrhundert, so der drastische Befund Adornos, unterliegt Kunst als kritische Instanz der ökonomischen Verwertungslogik, ist vollkommen in die »verwaltete Welt« integriert.

Adorno arbeitete bis zu seinem Tod an der dann posthum erschienenen ›Ästhetischen Theorie‹; als Adorno 1969 starb waren abermals die Kunst und die Künste in einem radikalen Umbruch begriffen. Lässt sich dies – vierzig Jahre später – in eine kritische Konstellation bringen und aktualisieren? Ist nach und mit Adorno überhaupt eine Perspektive der Kunst zu einer Überwindung des Bestehenden möglich?

Roger Behrens ist Philosoph und Sozialwissenschaftler. Seine Arbeitsgebiete sind die kritische Theorie der Gesellschaft sowie die Philosophie und Ästhetik der Moderne und Postmoderne. Er publiziert im Ventil-Verlag und in der Zeitschrift Phase 2 und ist Mitherausgeber der Zeitschrift Testcard.