»Der ganze Südosten ist unser Hinterland«

— 150 Jahre deutscher Politik
gegen einen jugoslawischen Staat

Do 11.04.2019 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Seit Beginn der deutschen Nationalökonomie wurde Südosteuropa als abhängiges Ergänzungsgebiet eines großdeutschen Reiches verplant. Bereits in den Debatten der Frankfurter Paulskirchenversammlung von 1848 wurde die Verhinderung eines eigenständigen, wirtschaftlich starken jugo-(das heißt süd-)slawischen Staates als zentrales Ziel deutscher Politik propagiert. Im August 1914 zogen deutsche und österreichische Soldaten mit der Parole „Serbien muss sterbien“ in den Ersten Weltkrieg. Nach der Kriegsniederlage des wilhelminischen Kaiserreiches erfolgte die Gründung Jugoslawiens nicht zuletzt als Widerstandsakt gegen den „deutschen Drang nach Osten“. Doch die deutschen Bombenangriffe auf Belgrad im April 1941 führten zur Zerschlagung des ersten jugoslawischen Staates. Nach der Rückeroberung Belgrads durch die Tito-Partisanen und die Rote Armee und dem Sieg der Alliierten über den Nationalsozialismus erfolgte die zweite Gründung Jugoslawiens als Sozialistische und Föderalistische Republik. Die Wiedervereinigung und die Wirtschaftskrise Jugoslawiens in den 1980er Jahren ermöglichte der Regierung unter Kohl und Genscher ein Anknüpfen an die Pläne des Kaiserreiches und des Nationalsozialismus. Die von ihr durchgesetzte staatliche Separierung Sloweniens und Kroatiens bedeutete die zweite Zerschlagung Jugoslawiens und hatte den Bosnien-Krieg von 1992-95 und den Kosovokrieg von 1999 zur Folge.

Klaus Thörner ist Autor des Buches »Der ganze Südosten ist unser Hinterland. Deutsche Südosteuropapläne von 1840 bis 1945« (ça ira, 2008).

»We have built cities for you«

— Widersprüche des jugoslawischen Sozialismus

Fr 26.04.2018 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Der Sammelband »We have built cities for you« [Link] ist aus der Zusammenarbeit einer Gruppe von Künstler*innen und Wissenschaftler*innen aus allen Republiken des ehemaligen Jugoslawiens entstanden und versucht, die Komplexität und Widersprüche des sozialistischen Jugoslawiens in seiner finalen Phase zu reflektieren. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht das Thema Arbeit. Die 1980er waren in Jugoslawien von massiven Streiks und Reformen im Bereich der Arbeit geprägt. Im Vortrag sollen aber auch Parallelen zwischen dem Jugoslawien der 80er-Jahre und aktuellen Entwicklungen in der Europäischen Union angesprochen werden. Damals wie heute haben wirtschaftliche Krisen zum Erstarken nationalistischer Kräfte geführt.

Mag.a Lidija Krienzer-Radojević ist Kulturanthropologin. Sie hat am Institut für Zeitgenössische Kunst der TU Graz gelehrt und war bis 2014 Mitarbeiterin der Universität Ljubljana. Sie ist Geschäftsführerin der IG Kultur Steiermark. Ihr Forschungsinteresse bezieht sich auf die soziale Integration der kapitalistischen Verhältnisse in das gesellschaftliche Leben.

Jugoslawien

— das Ende des deutschen Pazifismus

Do 09.05.2018 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

In der Linken wurde der Zerfall Jugoslawiens als Manipulation von außen interpretiert: Die ethnischen Gruppen seien von einem wiedervereinten Nazideutschland gezielt in den Bürgerkrieg gehetzt worden, um den letzten sozialistischen Staat in Europa zu zerschlagen. Unter dem Einfluss von Journalisten wie Jürgen Elsässer, Peter Handkte, Herman L. Gremliza, Georg Fülberth und dem internationalen „Künstlerappell“ wurde primär Slobodan Milošević als Opfer westlicher Verschwörung gezeichnet und rationale Erwägungen der NATO und Russlands zur Intervention im zerfallenen Jugoslawien in Abrede gestellt.

Diese linke Perspektive auf ein Jugoslawien als utopischen, sozialistischen Antagonisten des Westens war bereit, die kritischen Stimmen, die Krisen in der jugoslawischen Gesellschaft und Titos Misswirtschaft zu ignorieren. Die NATO gegen den Sozialismus und Deutschland gegen Serbien – diese Lesart bot sowohl linkspazifistischen und sowjettreuen Linken als auch der antideutschen Linken einen Mythos an, der mit der Realität der Jugoslawienkriege und dem internationalen Kontext wenig zu tun hatte.

Die 1990er waren geprägt von scheiternden oder zu kurz geratenen Interventionen: der mit Saddam Husseins Machterhalt endende zweite Golfkrieg, der Somalia-Schock, der Genozid in Rwanda, das Massaker von Srebrenica. Rufe nach der „responsibility to protect“ stellten auch Deutschland in die Pflicht an der Verhinderung von genozidaler Gewalt mitzuwirken. Der Bruch mit dem Pazifismus konnte unter den Begleitumständen nur defizitär stattfinden, war aber aus linker, interventionistischer Perspektive ein Fortschritt, der mit dem späteren, populistischen Backlash zur „Friedensmacht Deutschland“ widerrufen wurde und in der christkonservativen Ära mit einem ostentativen Nichtinterventionismus in Syrien und einer gleichzeitigen Abschottung Europas bis tief in den afrikanischen Kontinent hinein ein deprimierendes Ende fand. Gerade deshalb bleibt von Bedeutung, vergangene Interventionen zu untersuchen und in Kontrast zum aktuellen Isolationismus zu setzen.

Felix Riedel ist kritischer Ethnologe und Autor zahlreicher Debattenbeiträge. www.felixriedel.net

»Die Ethnisierung des Sozialen«

Wochenendworkshop zu den jugoslawischen Zerfallskriegen

07. – 09.06.2019 – Marienstraße 19 [M18], Weimar

Im Jahr 1999 führte die Bundesrepublik Deutschland zum ersten mal seit 1945 wieder Krieg – im Verbund mit der NATO wurde Jugoslawien bombardiert und eine Teilung in Einzelstaaten forciert. Dem vorangegangen waren immer wieder aufflammende Bürgerkriege in Jugoslawien seit 1991. Die Vorgänge während der jugoslawischen Zerfallskriege und des Kosovo-Krieges 1999 sind kleinteilig und kompliziert. Eine linke geschichtspolitische Auseinandersetzung mit diesen Ereignissen macht oft halt vor deren Komplexität. Wir wollen im Workshop versuchen, uns den Vorgängen in den jugoslawischen Zerfallskriegen (1991-1999) anzunähern und uns gemeinsam ein Verständnis zu erarbeiten. Dabei wollen wir folgenden Fragen nachgehen: Inwiefern bargen die politischen und sozialen Widersprüche des sozialistischen Jugoslawien Konfliktkonstellationen, die schließlich auch zu Separationsbewegungen führten? Welche Rolle haben dabei außenpolitische und innenpolitische Faktoren, aber auch die Einflusssphären von Ost und West gespielt? Warum wurden ethnische Bezugspunkte in diesen Konflikten so stark? Welche Konfliktparteien waren daran mit welchen Interessen beteiligt? Der Workshop soll auch eine Kritik des Nationalismus beinhalten und der Frage nachgehen, warum und in welcher Weise sich soziale Konflikte in nationalistische Kämpfe und ethnische Zuschreibungen übersetzen. Wir werden all diese Fragen nicht erschöpfend beantworten können – aber schon eine gemeinsame Schärfung der Fragen selbst trägt zu einer gegenseitigen (Selbst-)Bildung bei.

Die Teilnahme ist auf eine Gruppe von 12 Personen beschränkt und wird quotiert bemessen. Wir bitten um eine Anmeldung an biko[at]arranca[dot]de bis spätestens zum 24.05.2019. Ein gemeinsames Frühstück wird organisiert, mittags und abends ist Selbstverpflegung. Übernachtungsplätze in Weimar können wir organisieren – bitte gebt bei der Anmeldung an, ob ihr eine Übernachtung benötigt.

Der Workshop »Die Ethnisierung des Sozialen« wird unterstützt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen und im Rahmen des Förderprogramms „Bauhaus 100″ vom Referat Kultur- und Sportförderung des Studierendenkonvents der Bauhaus Uni Weimar.

»Die Balkanisierung Jugoslawiens«

Deutschland, die Zerschlagung Jugoslawiens
und der Kosovokrieg

Di 11.06.2019 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Jugoslawien ist in den 1990er Jahren das erste große Exerzierfeld der neuen deutschen Außen- und Militärpolitik gewesen. Die Bundesrepublik hat die Aufspaltung des Landes von Anfang an forciert und sie auch militärisch begleitet, 1999 dann sogar mit dem ersten großen Kampfeinsatz der Bundeswehr im Rahmen der Bombardierung Serbiens. Die Zerschlagung Jugoslawiens hat in mehrfacher Hinsicht deutschen Staatsinteressen gedient. Am Überfall auf das Land im Jahr 1999 hat die Bundesrepublik sich unter Bruch des Völkerrechts beteiligt – und damit klargestellt, dass sie sich bei der Durchsetzung ihrer Interessen im Zweifelsfall um das internationale Recht nicht schert. Die Kriege haben dazu beigetragen, die Südosteuropa-Politik der EU auf die deutsche Linie festzulegen; nicht umsonst ist um 2000 herum immer wieder von „europäischen Einigungskriegen“ die Rede gewesen. Weite Teile der Region leiden bis heute unter den Folgen der Kriege.

Jörg Kronauer schreibt immer wieder Analysen zur deutschen Außenpolitik, u.a. für konkret und Jungle World. Er ist Redaktionsmitglied bei German Foreign Policy.

Ikonoklastische Aufführungen

— De/Konstruktion von Staatsymbolen in post-jugoslawischer Kunst seit 1989

Do 27.06.2019 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Der Begriff ikonoklastische Aufführungen wird hier in seiner doppelten und widersprüchlichen Bedeutung artikuliert. Als Legitimationsprinzip des Nationalstaats und als ästhetische Strategie, die sich gegen die politisch-ideologischen Dispositive des Staats wendet und dabei irritierende Bild- bzw. Handlungsszenarien entwickelt. Der Zusammenbruch Jugoslawiens manifestierte sich, unter anderem, als Zerstörung von Kulturerbe, wobei besonders die sozialistischen Monumente attackiert wurden. Mit Hinblick auf künstlerische Aufführungen, die sich der Hegemonie des Nationalismus widersetzen, analysiert der Vortrag die performative Dekonstruktion von Ikonen, Symbolen und Bildern der neugegründeten Staaten. Damit soll argumentiert werden, dass ikonoklastische Aufführungen eine dezidiert politische Wirkung erzeugen und somit als Instrumente emanzipatorischer, ästhetischer Praxis figurieren könnten.

Andrej Mirčev ist Theaterwissenschaftler, Dramaturg und bildender Künstler. In seiner künstlerisch-wissenschaftlichen Arbeit erforscht er unterschiedliche Konstellationen zwischen Aufführung, Bild, Archiv und Raum.

Satan Panonski

— Widersprüche des Jugopunk

Do 11.07.2019 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Vortrag mit filmischen Musikbeispielen: Satan Panonski war ein Punksänger aus der Stadt Vinkovci in Jugoslawien. Er geriet 1981, nachdem er jemanden nach einem Konzert (in Notwehr?) erstochen hatte in Haft, später in die Psychiatrie. Dank einer Ärztin konnte er aus der Psychiatrie in Popovača bei Zagreb heraus wieder Konzerte geben, zuerst mit seiner Band Pogreb X und dann mit verschiedenen Musikern unter seinem Pseudonym Satan Panonski. Erst Ende der 80er kam es zu Kassettenveröffentlichungen und einer Schallplatte auf dem Label Slušaj najglasnije! Auf den Konzerten ritzte er sich auf, blutete, fügte sich Brandwunden zu … thematisierte Homosexualität und »sexuelle Atonalität«, trug selbstgestaltete Gewänder und viel Makeup … Als der Kroatienkrieg 1991 ausbrach trat Satan Panonski der nun entstehenden kroatischen Armee bei und kämpfte in der Gegend um Vinkovci und Vukovar, machte sich auch mitschuldig. Auf dem Tape »Kako Je Panker Branio Hrvatsku (How a Punk defended Croatia)« wurden posthum Lieder mit kroatisch-nationalistischen Liedtexten veröffentlicht. 1992 starb er unter ungeklärten Umständen im Heimaturlaub. Eine Annäherung auf Umwegen.

Sakerdon Michajlovič lebt und – arbeitet nicht – (in Leipzig) und existiert womöglich nur in der »alten Frau« von Daniil Charms auf Seite 7. Er hat Interesse an Radio, Büchern, Comics, Punk.

Geburt einer Nation

— Laibach und die Neue Slowenische Kunst

Do 18.07.2019 — 20:00 Uhr — ACC Galerie Weimar

Wie keine andere Band hat »Laibach« (benannt nach dem deutschen Namen der slowenischen Hauptstadt Ljubljana) den Zerfall Jugoslawiens mit popkulturellen Mitteln antizipiert und kommentiert. Dabei sind Laibach nie eindeutig, ihr radikaler Angriff auf die Sinne wie gesellschaftliche Sinnkonstrukte kommt in Form von Überaffirmation und Ambivalenz daher – sie spielen mit den Symbolen des Totalitarismus und des Krieges. Im widersprüchlichen und mit Zitaten gespickten Gesamtkunstwerkkonzept der Band spielt der Bezug auf die künstlerische Avantgarde eine wichtige Rolle. Deren Anspruch auf einen ganzheitlichen Gestaltungsanspruch setzte Laibach mit der 1984 erfolgten Gründung der »Neuen Slowenischen Kunst« um, einem interdisziplinären Künstlerkollektiv, das sich staatsähnlich gab und Anfang der Neunziger sogar einen eigenen Staat ausrief, den ohne Raum auskommenden und allen offenen „NSK state in time“. Eine Utopie angesichts der von ihnen prophezeiten blutigen Nationenbildung auf dem nun ex-jugoslawischen Grund? Alexander Pehlemann, selbst involviert in die Aktivitäten von NSK Lipsk, schildert die extrem ereignisreiche Geschichte des Projekts und stellt dabei einige seiner Manifestationen näher dar.

Alexander Pehlemann ist Autor, Kurator, DJ (Al-Haca Sound System), Kompiler, Journalist und Netzwerker. Seit 1993 ist er Herausgeber des »Zonic«, Magazin bzw. Almanach für »Kulturelle Randstandsblicke & Involvierungsmomente«.

Wolfgang Seidel: Die langen 60er

Beat und Gammler, Konsum und Verweigerung — Jugend in Westdeutschland

Wir veröffentlichen hier eine verschriftlichte Version des Vortrags, den Wolfgang Seidel am 05.04.2018 in Weimar gehalten hat. Der Audiomitschnitt des Vortrags kann hier nachgehört werden.

Kaum ist das Luther-Jahr vorbei, wird dieses Jahr 1968 als nächste historische Wegmarke gefeiert. Dabei kommt 68 oder »die 68er« untrennbar verbunden mit den Begriffen Studentenbewegung oder Studentenrevolte daher. Diese Studenten sollen, so der Tenor des Jubiläumsjahres, zwar nicht ihre sozialistischen Träume verwirklicht haben – aber sie hätten eine Kulturrevolution vollbracht, die gescheiterte bürgerliche Revolution von 1848 vollendet, das Land demokratisiert und entnazifiert. Kurz: sie das moderne Deutschland geschaffen, das mit moralischem Überlegenheitsanspruch in der Welt auftreten darf.

Dazu eine Binsenweisheit: Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Aus den Studenten von damals sind die Professoren, Journalisten, Autoren von heute geworden, die die Geschichtsschreibung bestimmen. Tatsächlich war die Zahl der Studenten gering. In den 1960ern machten nicht einmal 10% eines Jahrgangs Abitur und entstammten meist dem Bürgertum. Davon waren nur wenige Teil des linken Spektrums, das heute als »die 68er« erscheint. Im Medien-Zeitalter hängt die Diskurshoheit ganz wesentlich davon ab, wer die einprägsamsten Bilder produziert. Im Jubiläumsjahr werden wir durch alle Medien hindurch eine Wiederholungsschleife erleben mit Bildern von untergehakt unter roten Fahnen voranstürmenden Demonstranten, der von einem Polizisten erschossene Benno Ohnesorg und Uschi Obermaier mit dem Joint in der Hand. Bei dieser doppelt gefilterten Geschichtsschreibung fällt sehr viel unter den Tisch wie die Rolle junger Arbeiter und Lehrlinge oder die Rolle der Frauen, von der meist nur der Minirock geblieben ist. (mehr…)

»Geht doch arbeiten!«

Nicht-Arbeit und soziale Diskriminierung
vom ›Halbstarken‹ bis zum ›Gammler‹

Do 22.03.2018 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Ab den 50er Jahren treten in der BRD verschiedene Sozialtypen ins Zentrum von gesellschaftlichen Debatten – etwa Eckensteher, Halbstarke, Langhaarige oder Gammler. An diesen Figuren verdichteten sich auf je unterschiedliche Weise Diskurse über jugendliches Verhalten, Männlichkeit und Weiblichkeit, die Nutzung des öffentlichen Raumes und die Zuständigkeit des Staats. Zentral war dabei auch die tatsächliche oder unterstellte Verweigerung der (Lohn-)Arbeit. Die gegen Abweichler*innen in Stellung gebrachte Nützlichkeitsideologie wurde von Denormalisierungsängsten grundiert und mobilisierte neue Regierungstechnologien, führte aber langfristig zu veränderten Rollenbildern. Bodo Mrozek (Historiker am Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam) geht auf diese Debatten und auf Selbstbeschreibung und Fremdzuschreibung dieser Jugendlichen ein.

Foto von Claus Bach:  Frauenplan Weimar 1976

Vor ’68

Beat und Gammler, Konsum und Verweigerung
Jugend in Westdeutschland

Do 05.04.2018 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Kaum ist das Luther-Jahr vorbei, wird dieses Jahr 1968 als historische Wegmarke gefeiert. Dabei kommt 68 oder „die 68er“ untrennbar angekettet daher an die Begriffe Studentenbewegung oder Studentenrevolte. Die sollen, so der Tenor des Jubiläumsjahres, zwar nicht ihre sozialistischen Träume verwirklicht haben. Aber sie hätten eine Kulturrevolution vollbracht, die gescheiterte bürgerliche Revolution von 1848 vollendet, das Land demokratisiert und entnazifiert – also das moderne Deutschland geschaffen, das mit moralischem Überlegenheitsanspruch in der Welt auftreten darf.

Dazu eine Binsenweisheit: Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Aus den Studenten von damals sind die Professoren, Journalisten, Autoren von heute geworden, die die Geschichtsschreibung bestimmen. Tatsächlich war die Zahl der Studenten gering. In den 1960ern machten nicht einmal 10% eines Jahrgangs Abitur. Davon waren nur wenige Teil des linken Spektrums, das heute als „die 68er“ erscheint. Dementsprechend begrenzt war ihre politische Wirkmacht. In Frankreich wurden die Studentenproteste erst dann für die Regierung De Gaulles bedenklich, als die Arbeiter von Renault die Fabriken besetzten. Der nicht studentische Teil des Protestes gegen die alten, autoritären Strukturen wie die Lehrlingsbewegung ist heute aber weitgehend vergessen.

Im Medien-Zeitalter hängt die Diskurshoheit ganz wesentlich davon ab, wer die einprägsamsten Bilder produziert. Im Jubiläumsjahr werden wir durch alle Medien hindurch eine Wiederholungsschleife erleben mit Bildern von untergehakt unter roten Fahnen voranstürmenden Demonstranten, der von einem Polizisten erschossene Benno Ohnesorg, oder den nackt posierenden Mitgliedern der Kommune und Uschi Obermaier mit dem Joint in der Hand. Bei dieser doppelt gefilterten Geschichtsschreibung fällt sehr viel unter den Tisch wie die Rolle junger Arbeiter und Lehrlinge oder die Rolle der Frauen.

Auch die Fixierung auf die Jahreszahl 68 ist fraglich. Die meisten Veränderungen, die das Land in dem Jahrzehnt von 1960 bis 1970 erfuhr, waren nicht das Ergebnis singulärer Ereignisse oder der Taten heldenhafter Revolutionäre sondern Prozesse, die sich auch ohne die Studentenbewegung auf Grund ökonomischer Entwicklungen und des Generationenwechsels vollzogen hätten. Das fing lange vor 68 an mit den Halbstarkenkrawallen, den Ostermärschen, der Beat-Musik oder den Gammlern, zumeist proletarischen Aussteigern, die die Gemüter der Spießer Mitte der 60er erregten. Man könnte die Frage stellen, ob nicht die von den Gewerkschaften durchgesetzte 5-Tage-Woche mehr für die kulturelle Veränderung getan hat, als die gesamte Textproduktion des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes.

Die 5-Tage-Woche war das Ergebnis des nach dem Krieg notwendig gewordenen Kompromisses zwischen Kapital und Arbeit und des Nachkriegsbooms. Freizeit ist auch ein Vorgeschmack auf Freiheit. Durch die gestiegenen Einkommen und das Mehr an Freizeit wurde erst so etwas wie eine Jugend- oder Popkultur möglich. Die ist zwar durchaus ambivalent in ihrer Mischung aus Freiheitsversprechen und Konsumismus. Für die Ideologen der Studentenbewegung aber war sie vor allem eines: angepasst. Die bogen sich das falsch verstandene Wort von der Kulturindustrie zurecht, indem sie es mit dem bürgerlichen antimodernen und antiwestlichen Kulturchauvinismus vermählten. Der Arbeiter, der endlich mehr wollte als nur malochen, war für sie der vom Konsum verblödete „eindimensionale Mensch“, weswegen sie sich ihr „revolutionäres Subjekt“ lieber in einer romantisierten Ferne bei nationalen Befreiungsbewegungen der Dritten Welt suchten. Man könnte die provokante Frage stellen, ob es eine gerade Linie gibt von der, trotz aller sozialistischer Rhetorik, Verachtung des Arbeiters hin zur Agenda 2010. Die haben die 68er ausgeheckt, die es beim Marsch durch die Institutionen an die Spitze geschafft hatten.

Wolfgang Seidel ist Musiker und Autor. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern von Ton Steine Scherben. 2016 veröffentlichte er im Ventil-Verlag das Buch „Wir müssen hier raus! Krautrock, Free Beat, ­Reeducation“.

Post ´68

Politik und Psychedelic: Ostblock-Popkultur zwischen
Nonkonformismus und “Normalisierung” 1968 – 1978

Do 26.04.2018 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Das Jahr 1968 war weltweit ein Aufbruch in vehementer Ablehnung der Verhältnisse, oft getragen vom Nonkonformismus der Hippie-Bewegung, die sich schnell auch in den Ländern des Warschauer Pakts etablierte. Deren „Love, Peace & Happiness“ wurde dort wegen der transportierten radikal-demokratischen, sexuell libertären, pazifistischen oder spirituellen Ideen schnell zur Provokation, auf die repressiv reagiert wurde. Am extremsten in der ČSSR nach dem Einmarsch des Warschauer Pakts im August 1968, der den „Prager Frühling“ beendete und die sogenannte „Normalisierung“ auslöste. Aber die Saat der Subkultur konnte nicht komplett unterdrückt werden, zumal das System sich im Widerspruch bewegte, den antikapitalistischen Jugend-Bewegungen des Westens wie der Dritten Welt aufgeschlossen gegenüber wirken zu wollen. Parallel entwickelten sich so auch Tendenzen der Tolerierung und sogar Förderung, die mit Einhegung und Reglementierung einhergingen, jedoch auch zu einer einzigartigen Phase gegenseitigen kulturellen Austauschs führte. Die mehrmedial unterfütterte Präsentation von „Post ´68“ wird daher nicht nur die jugendkulturelle und künstlerische Opposition betrachten, sondern zugleich das widerspruchsreiche Einsickern ihrer Ästhetik, in dessen Vor- und oft auch Rückbewegungen. Dabei geht es quer durch den gesamten Ostblock mit den jeweiligen Landesbedingungen sowie einmal durch die Dekade 1968-1978, an deren Ende mit Punk ganz neue radikale Ansätze kamen. An dem mit der Charta 77, gegründet in Reaktion auf die Unterdrückung künstlerischen Ausdrucks, sowie in Polen mit dem Komitee zur Verteidigung der Arbeiter zudem auch zwei politische Gruppen existierten, die den Beginn des Wegs zum Systemkollaps von 1989 markierten.

Alexander Pehlemann ist Autor, Kurator, DJ (Al-Haca Sound System), Kompiler, Journalist und Netzwerker. Seit 1993 ist er Herausgeber des »Zonic«, Magazin bzw. Almanach für »Kulturelle Randstandsblicke & Involvierungsmomente«.

Der Beginn einer Epoche?

Eine kurze Geschichte von Detournement
und Récupération des Mai ’68

Do 24.05.2018 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Sie haben „Deutschland wahlweise gründlich zivilisiert“ oder „an die Wand gefahren“: DIE 68er, vor dreißig, vierzig Jahren von den Punks noch als jener kumpelige Führungsnachwuchs gehasst, der nun die Zwänge im mitbestimmbaren Gewand exekutierte; Modernisierungsadel, Minister, Avantgarde für jeden Scheiß; in der Toskana, in Rente, verarmt – oder auch schon längst tot, verzweifelt daran, dass alles so weiterging. Aber auch in Italien, England, Mexiko, Japan oder den USA, ganz besonders aber Frankreich hat sich ein spektakuläres Bild von 68 in den Gencode nationaler Modernisierungserzählungen eingefressen, das vom allgegenwärtigen rechtsnationalistischen Backlash vehement bekämpft, inzwischen mit seinen Protagonisten von der Bühne abtritt. Was bleibt? Global scheint von der mit 68 konnotierten Erinnerung kaum mehr anderes kenntlich als die Modernisierung des Antisemitismus und des Antiamerikanismus. Das Projekt des Antiimperialismus und Kulturrelativismus, um 68 so gründlich modernisiert, hat sich im Islamismus wiedergefunden oder im Staat als letztlicher Appellationsinstanz.

Wars das? Dann wären alle jene massenhaft in den 60er Jahren weltweit manifest gewordenen Sehnsüchte und Hoffnungen nichts weiter als notwendiges Vorspiel zum gegenwärtigen dystopischen Resultat gewesen, jenes spektakulären Monologs des Weltzustands, der von sich nichts anderes mehr zu sagen weiß als: Es ist.

Wie aber die Arbeit der Widersprüche in der wechselhaften Epoche um dieses zum spektakulären Bild geronnenen Jahres 68 herum vor sich ging, wie ein Bewusstsein der Möglichkeiten über die Wiederaufnahme revolutionärer Kritik sich bildete und wieder verfiel, soll an einer der damals bewusstesten Assoziationen und ihrem Vorgehen namentlich in Frankreich dargestellt werden: der Situationistischen Internationale.

Erwartet werden darf eine kurze Geschichte von Detournement und Récupération im Mai ’68 – anlässlich des Jubiläums multimedial dargeboten durch Teile des Autor_en*kollektief Biene Baumeister Zwi Negator.

Zur Geschichte eines Bruchs

Wochenend-Workshop zur ’68er-Revolte

25.05. – 27.05.2018 – Haus der Studierenden, M18

Die Ereignisse in Frankreich haben eine Bedeutung, die die Grenzen des modernen Frankreichs weit überschreitet. Sie werden in der Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen tiefen Einschnitt hinterlassen. Die französische bürgerliche Gesellschaft ist in ihren Grundfesten erschüttert worden. Wie auch immer der gegenwärtige Kampf ausgehen wird – die politische Landschaft der westlichen kapitalistischen Gesellschaft wird nie mehr dieselbe sein. Eine ganze Epoche findet hier ihr Ende: die Epoche, während der man mit scheinbarer Berechtigung sagen konnte, dass „so etwas hier hicht passieren könne“. Eine andere Epoche beginnt: die, in der die Menschen wissen, dass die Revolution unter den Bedingungen des modernen bürokratischen Kapitalismus möglich ist.

Mit diesen Worten beginnt Maurice Brinton seinen Bericht über die Ereignisse des Mai 1968 in Frankreich. Für ihn markierten die Mai-Ereignisse einen Bruch, nach dem es nie wieder so sein würde wie bisher. Er hat mit dieser Diagnose Recht behalten: 1968 ist der Kulminationspunkt von entscheidenden Veränderungen innerhalb des Kapitalismus. Aber der Kapitalismus selbst ist geblieben. Wenn die Menschen um das Jahr 1968 herum die Möglichkeit der Revolution wieder entdeckt haben, so wurde diese Möglichkeit doch nicht verwirklicht. Wir leben heute mit den Folgen dieses Scheiterns. Ein Teil dieses Scheiterns besteht darin, dass die damals entdeckte Möglichkeit wieder vergessen worden ist, dass es heute wieder zum Common Sense gehört, dass „so etwas hier nicht passieren kann“. Allein aus diesem Grund lohnt es sich, sich an die Ereignisse um das Jahr 1968 zu erinnern und dabei vielleicht etwas von jener Möglichkeit zu retten. Diese Erinnerungsarbeit muss ihre Aufmerksamkeit einerseits auf jene Bruchlinien richten, die von Begierden, Hoffnungen, Wissen und Möglichkeiten zeugen, die nicht in der Herrschaftsgeschichte aufgegangen sind. Andererseits darf sie sich keine Illusionen machen – es kommt auch auf eine kritische Aufarbeitung der Bewegungsverläufe an, die von 1968 ausgehen, und es gibt ein begründetes Misstrauen gegenüber einer allzu geraden „linkspolitischen“ Traditionsbildung.

Aspekte dessen wollen wir uns zusammen im Wochenend-Workshop erarbeiten. Dabei wollen wir uns mit den Ereignissen im Mai 1968 in Frankreich, mit dem spezifischen Bewegungsverlauf in Italien, mit 1968 in der DDR und im Ostblock und mit dem „proletarischen 1968″ beschäftigen. Die Zahl der Teilnehmer*innen ist begrenzt. Wir bitten um eine Voranmeldung über biko[at]arranca.de – weitere Informationen über den genaueren Ablauf und Literaturgrundlagen schicken wir euch dann zu.

Der Workshop wird unterstützt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen.

Das Unvorstellbare ist nicht das Unmögliche

Herrschaftskritik und Literatur in der Zeitschrift
‚Die Schwarze Botin‘

Do 07.06.2018 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

In Mitten der Revolte von 1968 und des Auflösungsprozesses des SDS nahm die Frauenbewegung mit der Gründung sozialistischer Frauengruppen wie dem Aktionsrat zur Befreiung der Frau und dem Frankfurter Weiberrat ihren Anfang. Das Ziel der Linken, alle Verhältnisse umzuwälzen, in denen der Mensch ein geknechtetes Wesen ist, verfolgte die Frauenbewegung konsequent: Kein Verhältnis – auch nicht das hierarchische Geschlechterverhältnis – sollte so bleiben wie es war. Bis Mitte der 1970er Jahre gründeten sich zahlreiche Frauenzentren und Frauengesundheitszentren, Selbsterfahrungsgruppen und Zeitschriften, die autonom von den gemischtgeschlechtlichen Gruppen der Linken, den Parteien und Gewerkschaften agierten. Sie waren die Orte, an denen eine gemeinsame Sprache gesucht und Erfahrungen geteilt, Begriffe und Theorien entwickelt und diskutiert wurden. Als Organe der Selbstverständigung und Kommunikation gründeten sich 1976/77 drei der wichtigen überregionalen Zeitschriften der autonomen Frauenbewegung, wenn auch mit unterschiedlichen Zielen: Courage. Berliner Frauenzeitung, Emma und Die Schwarze Botin.

Herausgeberin der Schwarzen Botin war die Historikerin Brigitte Classen. In der Redaktion arbeiteten neben Classen in unterschiedlicher Besetzung die Journalistin und spätere Schriftstellerin Gabriele Goettle, die Juristin Branka Wehowski, die Schriftstellerin Elfriede Jelinek und die Übersetzerin Marie-Simone Rollin mit. Ab 1983 war die Architektin Marina Auder Verlegerin der Zeitschrift. Bis zur letzte Ausgabe 1987 erschien die Schwarze Botin einunddreißig Mal in einer Auflage zwischen 3000 und 5000 Exemplaren. Die Zeitschrift versammelt wissenschaftliche Aufsätze, Essays, literarische Texte und Gedichte, Collagen, Glossen und satirische Kommentare. Sie lässt sich nicht eindeutig zuordnen: Sie ist weder ein wissenschaftliches Journal im akademischen Sinne, noch eine reine Literaturzeitschrift, noch ist sie eine Szene-Zeitschrift der Frauenbewegung, in der Informationen über Frauenzentren und Frauenfeste veröffentlicht werden, wie es in anderen Zeitschriften der autonomen Frauenbewegung der Fall war. Eindeutig aber ist die Zeitschrift in ihrem Anspruch, der „kritischen Auseinandersetzung mit feministischer Theorie und Praxis einerseits und der Zerstörung patriarchalischen Selbstverständnisses andererseits“ (Die Schwarze Botin) dienen zu wollen. Feministische Ideologiekritik war für die Zeitschrift die Kritik des gesellschaftlichen Bewusstseins und damit auch die (Selbst)Kritik des feministischen Bewusstseins. Was die Zeitschrift zu einem ungewöhnlichen Zeugnis ihrer Zeit macht, ist jedoch weniger die feministische Kritik des Feminismus als vielmehr die Mittel und der Modus der Kritik: Die Ideologiekritik der Schwarzen Botin vereinte provokative Satire und das Beharren auf der Negativität der Kritik.

Katharina Lux wird in ihrem Vortrag das bis heute Bestechende sowie die Begrenztheit der feministischen Ideologiekritik der Schwarzen Botin diskutieren.

»Züri brännt«

Über die Jugendrevolten der ’70er
und ’80er Jahre in der Schweiz

Do 21.06.2018 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Am 30. Oktober 1970 eröffnete der Zürcher Stadtrat in einem Luftschutzkeller den Lindenhof-Bunker. Es sollte ein Autonomes Jugendzentrum sein. Der Bunker wird in der Folge rege frequentiert. Bereits Ende Dezember wird die, inzwischen besetzte, Autonome Republik Bunker durch die Polizei geräumt. Wenig später entsteht dort die Tiefgarage Urania. Hätte der Stadtrat (Exekutive) geahnt, was diese Schließung bewirken wird, er hätte wohl auf die Eröffnung des Zentrums oder auf die Schließung verzichtet.

Auf jeden Fall haben die 68-er Unruhen das Leben zumindest in Zürich, wenn nicht in der ganzen Schweiz, verändert. Die Jugend war nicht mehr bereit, alles als göttlich gegebene Ordnung hinzunehmen. In den 70er Jahren war natürlich die Anti-AKW Bewegung im Brennpunkt. Neben dem Dauerbrenner um den Kampf für autonome Räume, alternative Lebensformen und gegen die totale Kommerzialisierung des Lebensraumes.

Die 8oer Jahre waren geprägt von der Radikalisierung der Jugend: Nach Jahrzehntelangem Kampf um selbstverwaltete Räume, war die Jugend nicht mehr bereit, es bei friedlichen Protesten zu belassen. Dass die Repression in der Schweiz extreme Ausmaße annahm, dürfte immer noch – oder wieder, überraschen.

Die zweite Hälfte des Jahrzehnts war geprägt von einer kulturellen Entwicklung und dem Versuch, das von der Jugendbewegung erreichte nicht wieder zu verlieren. Die Wohnungsnot wurde immer drängender, die Gentrifizierung forderte ihre Opfer: Die Drogenszene nahm gigantische Ausmaße an und Zürich wurde zum Zentrum der europäischen Hausbesetzerszene.

Der Fotograf Miklós Klaus Rózsa hat viele der damaligen Ereignisse dokumentiert. Als Fotograf geriet er damals selbst ins Visier der staatlichen Behörden. Im Vortrag wird er von einigen dieser Ereignisse berichten.

Staatenlos

Klaus Rózsa, Fotograf – ein Film von Erich Schmid

Gösgen 1977: Mit Tränengas gegen AKW-Gegner (Foto: Klaus Rózsa)

Filmvorführung mit Publikumsgespräch am 22.06.2018
19:00 Uhr im Lichthauskino im Straßenbahndepot Weimar

Klaus Rózsa, ein bekannter, politisch engagierter Fotograf, lebte jahrzehntelang staatenlos in Zürich. Alle seine Einbürgerungsgesuche, drei an der Zahl, wurden aus politischen Gründen abgelehnt. Er behindere die Arbeit der Polizei, weil er deren Übergriffe fotografiere, so heisst es in den Staatsschutzakten. Gezeichnet vom Schicksal seines jüdischen Vaters, der die Konzentrationslager von Auschwitz und Dachau überlebte, bekämpft Klaus Rózsa das Unrecht im Staat. Bei den Jugendunruhen der 80er Jahre griff er zum Megaphon und fotografierte gleichzeitig die Auseinandersetzungen auf der Strasse. Später kämpfte er für die Medienfreiheit in der Schweiz und wurde trotz seiner Stellung als Gewerkschaftspräsident und Mitglied des Presserats so oft von der Polizei schikaniert, misshandelt und zusammengeschlagen, dass er 2008 nach Budapest auswanderte. Von dort war er 1956 zweijährig mit den Eltern und seiner Schwester Olga in die Schweiz geflüchtet. Doch in Ungarn wurden derweil Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus salonfähig. Dagegen demonstriert Klaus erneut und tritt in Budapest an der Seite von Bundeskanzler Gerhard Schröder auf. Schulklassen aus der Schweiz erklärt er, wer Carl Lutz gewesen war, der lange Zeit verfemte Schweizer Konsul, der im Zweiten Weltkrieg 60 000 ungarischen Juden das Leben gerettet hatte. Am Budapester Denkmal für ihn trifft Klaus dessen Tochter Agnes Hirschi, die sich seit Jahren für die Ehre und das Andenken ihres Vaters einsetzt.

Zum Filmtrailer

Foto von Miklós Klaus Rózsa: Anti-AKW-Proteste Gösgen 1977

Destruction of the RSG-6

Eine Ausstellung in Odense (DK), die Situationistische Internationale, die Anwendung und Kritik der Kunst

Vortrag von Lukas Holfeld am 19.02.2018
20:00 Uhr in der ACC Galerie Weimar

Im April 1963 veröffentlichte die britische Aktivisten-Gruppe Spies for Peace die Existenz eines geheimen Atomschutzbunker-Systems, das ausschließlich für Mitglieder der britischen Regierung reserviert war: Die „Regional Seats of Government“ (RSG’s). Mitglieder der Gruppe selbst waren in den RSG-6 in Reading eingebrochen und hatten dort die Pläne der übrigen Bunker gefunden. Die Gruppe veröffentlichte ihre Funde in einer Broschüre, die weltweit für Aufmerksamkeit sorgte und einen enormen Mobilisierungsschub für die außer-parlamentarische Abrüstungs-Bewegung nach sich zog. Im Juni 1963 eröffnete die Situationistische Internationale in Odense (Dänemark) eine Ausstellung, die mit dem Titel „Destruction of RSG-6″ überschrieben war. Offensichtlich nahm die marxistische, post-surrealistische Gruppe Bezug auf die Funde in Reading. Aber nicht nur das: Die Galerie zeigte den Stand einer Kritik der Kunst, die die S.I. in den Jahren zuvor erarbeitet hatte.

Der Vortrag erzählt die Geschichte der Ausstellung „Destruction of RSG-6″. Dabei werden Fotos von der Ausstellung gezeigt. Zugleich sollen Ansätze der kritischen Theorie der Situationistischen Internationale eingeführt werden.

Programmvorschau 2018


Destruction of the RSG-6

Über eine Ausstellung in Odense (DK), die Situationisten, die Anwendung und Kritik der Kunst
Vortrag von Lukas Holfeld am 19. Februar 2018
20:00 Uhr in der ACC Galerie Weimar


Das Leben ändern,
die Welt verändern!

Veranstaltungsreihe über einige Aspekte der ’68er-Revolte

Normalisierung und Nicht-Arbeit:
Hippies und Gammler in den 60er Jahren
Vortrag von Bodo Mrozek
Do 22.03.2018 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar
Beat und Gammler:
Konsum und Verweigerung
Jugend in Westdeutschland

Vortrag von Wolfgang Seidel
Do 05.04.2018 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar
Politik und Psychedelic:
Ostblock-Popkultur zwischen Nonkonformismus
und “Normalisierung” 1968 – 1978

Vortrag von Alexander Pehlemann
Do. 26.04.2018 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar
Der Beginn einer Epoche?
Eine kurze Geschichte von Detournement
und Récupération des Mai ’68

Vortrag von Biene Baumeister Zwi Negator
Do. 24.05.2017 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar
Zur Geschichte eines Bruchs:
Wochenend-Workshop zur 68er-Revolte
25.05. – 27.05.2018 – M18 (Marienstraße 18, Weimar)
Wir bitten um Anmeldung unter: biko[at]arranca.de
Das Unvorstellbare ist nicht das Unmögliche:
Herrschaftskritik und Literatur
in der Zeitschrift ‚Die Schwarze Botin‘

Vortrag von Katharina Lux
Do 07.06.2018 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar
Züri brännt:
Über die Jugendrevolten der ’70er
und ’80er Jahre in der Schweiz

Vortrag von Miklós Klaus Rózsa
Do 21.06.2018 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Die Wut im Bauch

Surrealismus überall

Leider ist das Archiv der Wiener Zeitschrift Context XXI nicht mehr online. Damit ist das Archiv einer Zeitschrift verschwunden, die eine Zeit lang ein wichtiges Medium gesellschaftskritischer Debatten gewesen ist. Wir dokumentieren im Folgenden einen dreiteiligen Artikel von Alexander Emanuely über den Surrealismus, der damals in Context XXI erschienen ist. Wir empfehlen als ergänzende Lektüre „Der radioaktive Kadaver – Eine Geschichte des Surrealismus“ von R.G. Dupuis und „Surrealismus und Sexualität – Inszenierung der Weiblichkeit“ von Xaviére Gauthier. Außerdem verweisen wir auf den jüngst erschienenen zweiten Band es Buches „AVANTGARDE“ von Alexander Emanuely, in dem es ebenfalls u.a. um den Surrealismus geht. Einen weiteren Text über Surrealismus hat er in der KSR N°1 veröffentlicht.

Teil 1 – Kein Glied bleibt unzerissen

Der surrealistischen Explosion folgen, in sie hinein rauschen, sich von aufgebrachten Phantomen ganz in grün, wie sie in ihren Cafés in Paris saßen und herumstritten, einfangen lassen, sich dabei wundern und begeistern; das war mein erster Schritt in eine neue, alte Welt, mein Wiederfinden einer kindhaften Hysterie, die mit geschlossenen Augen mehr sieht, als alle Fernsehkameras der Welt. Die Entdeckung erfolgte willkürlich, ich stolperte über Rimbaud, Sade, über die Chansons von Léo Ferré, schließlich und plötzlich über die Surrealisten selbst, zuerst Louis Aragon, weil seine Gedichte vertont worden waren, dann Paul Eluard und seine Hauptstadt des Leidens, schließlich über André Breton, den Papst, der gleichzeitig Bewunderung und Erstaunen erweckte. Ich war damals 15 oder 16 Jahre alt, die öffentliche Bibliothek, in der ich mich durchfraß, hatte ihre Bücher im Keller lagern, der dortige Sauerstoffmangel ließ mich nicht selten einschlafen und das finden, was der einzige Ort der Freiheit zu sein scheint; den Traum. Alles andere ist Hölle. Sade beschrieb diese Hölle, wie er sie sich vorstellen könnte, Primo Levi beschrieb sie, wie er sie erlebt hat. Das, was die Menschen mit viel Mühe produziert hatten, war das Grauen, welches sie natürlich selbst nicht mehr als solches wahrhaben wollten und sogar schafften romantisch zu verklären, als Kulisse des Fortschritts darstellend, der es schlußendlich doch noch zu irgend etwas bringen würde. Die Ruinen malen, noch einmal und immer wieder aufzeigen, zu was der Mensch, ohne es merken zu wollen, fähig ist. Im Bücherkeller, aufgeblättert und dämmernd vor meinen Augen, klebten die Surrealisten, die grün angezogenen Phantome, mit viel Tinte und Farbe die Bruchstücke der Welt, die einer Revolution bedarf, zusammen. (mehr…)

Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes

Film von Julian Radlmaier
mit einer Einführung von Jakob Hayner

Fr 15.09.2017 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar – Trailer

Ein bürgerlicher Windhund gesteht, wie er vom Filmemacher zum Vierbeiner wurde: Weil er gerade keine Förderung bekommt, sieht JULIAN sich gezwungen, einen Job als Erntehelfer anzunehmen. Als er der jungen Kanadierin CAMILLE weismacht, es handele sich dabei um die Recherche für einen kommunistischen Märchenfilm, in dem sie die Hauptrolle spielen soll, will sie ihn begleiten und Julian spinnt romantische Fantasien. So landen die beiden in der trügerischen Idylle einer ausbeuterischen Apfelplantage. Während Julian unter der körperlichen Arbeit leidet und sich vor den merkwürdigen Zimmergenossen in den Containerbaracken fürchtet, stürzt sich Camille enthusiastisch in die vermeintliche Recherche und freundet sich mit HONG und SANCHO an, zwei wundergläubige Proletarier auf der Suche nach dem Glück. Für Julian wird es zunehmend schwieriger, den kommunistischen Filmemacher zu performen, außerdem kommt ihm ein Vorzeigearbeiter mit amerikanischen Träumen in die Quere, ein stummer Mönch mit magischen Kräften und einem Sprung in der Schüssel tritt auf, die Plantagenbesitzerin wird versehentlich getötet und eine versuchte Revolution endet in Ratlosigkeit. Da kommen die Spatzen in den Bäumen mit einem unerhörten Plan…

Julian Radlmaier studierte Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin und arbeitete in dieser Zeit als persönlicher Assistent von Werner Schroeter. Zudem gab er verschiedene Übersetzungen von filmtheoretischen Schriften des französischen Philosophen Jacques Rancière heraus. »Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes« ist sein Abschlussfilm. Jakob Hayner schreibt für zahlreiche Zeitschriften (u.a. Jungle World und Konkret) und ist Redakteur der Zeitschrift »Theater der Zeit«. Für die Jungle World hat er ein Interview mit Julian Radlmaier über dessen neuen Film geführt. Jakob Hayner gehört zum Redaktions-Kreis von Kunst, Spektakel & Revolution.

Vom prophetischen Schrecken der Revolution

Über Kafkas »Der Prozess«

Nikolai Bersarin – Do 21.09.2017 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Als Franz Kafka am 13. August 1912, bei Max Brod zu Gast, seine spätere Verlobte Felice Bauer traf, sah es zunächst nicht nach dem Beginn einer großen Liebe aus. »Knochiges leeres Gesicht, das seine Leere offen trug«, notierte Kafka eine Woche nach dieser Begegnung in sein Tagebuch. Doch aus dieser Liaison ging einer der gewaltigsten Romane der Literatur hervor. Die (vermeintliche) Leere dieses Gesichts wurde in gewaltiger Prosa ausgeschrieben. Wieweit sich in diesem Kontext Biographie und Schreiben verschränken, soll jedoch nur am Rande Thema des Vortrags sein. Vielmehr geht es darum, mit Kafkas »Prozess« die besonderen Züge seiner Literatur darzustellen – nämlich eine Revolution der Poetik und des Schreiben. Das noch junge Medium Film hielt genauso in den Roman Einzug wie Photographie und Theater. Mit Adorno kann man bei Kafkas Prosa von Gesten aus Begriffen sprechen. Das Spezifische dieser Prosa wird Thema des Vortags sein: sowohl die Form des Fragments, die Verquickung von Biographischem und Fiktion und ebenso, dass jene Revolution, die gesellschaftlich bereits in der Luft lag, sich auch in der Literatur ausbreitete und die Avantgarden erfasste, soll anhand von Kafkas »Prozess« gezeigt werden. Worauf wir bei der Lektüre Kafkas stoßen, ist eine Revolution des Schreibens und Erzählens. Ein neuer Realismus konstituierte diese Literatur. Ein Realismus, der den Schrecken des Jahrhunderts wie auch die Fragilität von Subjektivität prophetisch vorwegnahm und in literarische Bilder bannte.

Bersarin, Jahrgang 1964, studierte Philosophie, Soziologie, Germanistik und nebenher Kunstgeschichte. Er lebt und arbeitet in Berlin, ist tätig im Verlagswesen und beschäftigt sich mit der Philosophie und Ästhetik der Moderne sowie der Postmoderne. Insbesondere die Philosophie Kants, Hegels, Adornos und Benjamins wie auch Positionen des Französischen Poststrukturalismus gehören zu seinem Arbeitsfeld. Er betreibt den Blog »Aisthesis« und macht Fotos, die er zuweilen hier zeigt. In KSR N°3 schrieb er »Über die Geschmacksbildung in der Kunst«. In KSR N°4 schrieb er über »Hölderlin in der geschichtsphilosophischen Perspektive von Georg Lukács und Theodor W. Adorno«.

Ein Riss ist in der Welt

Über Romantik und Revolution

Jörg Finkenberger – Do 28.09.2017 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Die Romantik, die erste moderne Avantgardebewegung, gilt zu Unrecht als prinzipiell rückwärtsgewandt. In den Ländern, in denen sie zuerst entsteht, Deutschland und England, kann sie viel genauer beschrieben werden, wenn man sie unter dem Blickwinkel ihrer kritischen Sympathie mit der französischen Revolution betrachtet, auf derem Höhepunkt sie entsteht. Die revolutionären Sympathien der frühen Romantiker sind nicht individuelle Zufälle, sondern reichen ins Innerste der Neuen Schule. Sie nimmt die epochale Erschütterung nicht nur von aussen auf, um sie zu verarbeiten, sondern betrachtet sich selbst, ihre Philosophie, Kunst und Wissenschaft als integralen Bestandteil eines revolutionären Programms, das beitragen soll, die Revolution vor ihrem Versagen zu retten, indem sie über ihre Beschränkung hinaustreibt. In diesen Kreisen wird das Problem der Erneuerung, man könnte fast sagen: der Gründung einer Gesellschaft radikaler betrachtet als jemals vorher, und lange nachher. Wie und warum es dazu kam, dass dieses Bild unter der Restaurationszeit sich verdunkelte, obwohl die Impulse dieser revolutionären Avantgardebewegung bis zu uns sich messbar fortsetzen, das versucht der Referent zu zeigen, erst mit gemischten Ausführungen über die Erkenntnistheorie, Poetologie, Politik, Philologie und Erotik der Romantiker, dann mit einigen biographischen und historischen Bemerkungen, zuletzt unter Rückgriff auf das Bild des »Risses in der Welt«, das sich durch die ganze romantische Schule und alle spätere Moderne zieht, und welcher Riss, wie zu zeigen sein wird, derselbe Riss ist wie in Brechts »Lied vom Klassenfeind«.

Jörg Finkenberger ist Mitherausgeber der Zeitschrift »Das große Thier« und widmet sich in seinen Texten u.a. der Kritik des Staats (siehe: »Staat oder Revolution. Kritik des Staates anhand der Rechtslehre Carl Schmitts«, ça ira Verlag 2015). In KSR N°4 schrieb er unter dem Titel »Ein Riss ist in der Welt« einen Text über die Romantik. In KSR N°5 schrieb er einen Text über die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.

Ein Blick zurück

Über die feministische Utopie, eine Geschichte zu haben

Workshop mit Johanna Krümpelbeck und Pia Marzell (AK Unbehagen) – Sa 07.10.2017 – 14:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Dass sich die Emanzipation der Frau nicht automatisch aus ihrer ökonomischen Gleichstellung ergeben würde, war für Lenin und viele seiner männlichen Genossen undenkbar. Die russische Revolution war vor allem als Emanzipation des männlichen Subjekts gedacht worden, das »Private« blieb das Problem der Frauen. Wir werfen einen Blick zurück und sehen uns Emanzipationsentwürfe an, die Privatsphäre, Sexualität, psychische Strukturen und kulturelle Aspekte nicht ausklammern, sondern sich dezidiert mit ihnen beschäftigen. Auch Christa Wolf denkt in ihrer Neuerzählung des Kassandra-Mythos über die Abspaltung des Weiblichen aus der Öffentlichkeit nach und lässt ihre Figur über die Folgen dieser Trennung reflektieren. Ausgehend davon wollen wir mit euch darüber diskutieren, wie eine Utopie ohne getrennte Sphären aussehen könnte und darüber nachdenken, ob nicht schon in dem (Um)Erzählen einer Geschichte etwas revolutionäres aufscheint. Wir freuen uns auf euch!

Johanna Krümpelbeck und Pia Marzell vom AK.Unbehagen.

Begrenzte TeilnehmerInnenzahl! Wir bitten um Anmeldung über unser Kontaktformular.

AK Unbehagen ist ein Lesekreis in Leipzig, der sich mit feministischer Theorie und Literatur auseinandersetzt. Angesichts einer sehr brüchigen feministischen Geschichtsschreibung geht es dem AK insbesondere darum einige Standpunkte und Sichtweisen zum »weiblichen Subjekt« zusammenzutragen.

»… versunken im Schlamm des Trauerbachs«

»Linke Melancholie« und revolutionäre ästhetische Praxis

Antje Géra – Do 12.10.2017 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

ACHTUNG! Der Vortrag muss aus gesundheitlichen Gründen leider verschoben werden. Wir informieren euch an dieser Stelle, sobald es einen neuen Termin gibt.

»Linke Melancholie« ist eine Diagnose, die gerade in Krisenzeiten emanzipatorischer Praxen schnell zur Hand ist. In Berufung auf das von Walter Benjamin in den 1930er Jahren geprägte Schlagwort erklingen Klagen über einen Mangel an »Aktivismus«, den Rückzug aus gesellschaftlichen Gefechten »der Straße« in Selbstbespiegelungsdiskurse, »passives Lesekreisen« und (pop-)kulturelle Jammertäler. Was sich der Umwälzung verschrieben habe, sei durch eine Rückwärtsgewandtheit bestimmt, die sich in nostalgischem Schwelgen in überholten Traditionen und melodramatischem Suhlen in Niederlagen emanzipatorischer Bewegungen äußere. Von einer »wirklichen Bewegung« keine Spur – nur unwirksamer Stillstand und eine einzige Misere aus Pessimismus, Nihilismus und Utopieverlust. Als Hauptübel wird ein ästhetischer Eskapismus identifiziert, der zu »politischer Handlungsunfähigkeit« führe. Gemeinsam ist diesen Kritiken die Forderung nach einer politischen Praxis, welche die Melancholie überwinde und die Kunst in den Dienst eines politischen Aktivismus stelle.

Anliegen des Vortrages wird nicht sein, über die Angemessenheit der zeitdiagnostischen Momente dieser Auffassungen Urteil zu sprechen. Vielmehr wird dem Verdacht nachgegangen, dass sie nicht nur mit einem unterkomplexen Verständnis von Melancholie operieren, sondern zudem phantasmatische Erzählungen über die Wirksamkeit politischen Widerstandes und instrumentelle Modellierungen des Verhältnisses von Kunst und Politik produzieren. Dabei wird sich gerade in einer Kontextualisierung der Benjamin’schen Bezugnahme auf Melancholie im Allgemeinen und auf »linke Melancholie« im Besonderen eine andere Tradition des Melancholie-Topos ausweisen lassen. Diese Tradition führt von Karl Marx über Walter Benjamin, Guy Debord und Peter Weiss hin zu Mark Fisher und aktuellen feministischen Konzeptionen von Melancholie als Widerstand. Indem in dieser Tradition die Auseinandersetzung mit melancholischen Ausdrucksformen eine tragende Rolle in selbstkritischen Reflexionen politischer Praxen spielt, deutet sich an, inwiefern »linke Melancholie ein unverzichtbares Moment einer Auffassung von Widerstand sein könnte, welches diesen radikal als politisch-ästhetische Praxis versteht.

Antje Géra forscht zu einer kritischen Theorie der Bildlichkeit, melancholischer Kritik und einem philosophischen Begriff von Widerstand. Gemeinsam mit anderen Mitarbeiterinnen etabliert sie feministische Lehre und Forschung am Institut für Philosophie Hildesheim. Sie lebt in Hamburg.

Reconstructed Line #3

Formulierung, Evaluation [convulsions], vorprogrammiertes Drama

Till Gathmann – Do 19.10.2017 – 20:00 Uhr
Geschwister-Scholl-Straße 11
(Atelier, Fakultät Gestaltung der Bauhaus Universität Weimar)

Die Vorstellung, dass die Linie ein bewegter Punkt sei, entspringt den kunsttheoretischen Schriften von Paul Klee. Mit ihrer Dynamik, die sich auf einer passiven Fläche entfaltet, öffnet die Linie ein Spannungsfeld zwischen dem affektiven, denkenden und handelnden Subjekt.

Till Gathmann geht der Frage, wie sich in der Zeichnung Somatisches und Psychisches formulieren, in Form von kleinen Zeichnungen nach, die schriftähnlich aus einer fortlaufenden Linie entstehen. In Reconstructed Line wird eine dieser Zeichnungen in genauer Beschreibung ihres Verlaufs rekonstruiert. Indem die Performance eine Übersetzung der Zeichnung – welche Körperspannung in Geste und Spiel verwandelt – in Text vollzieht und zum Gegenstand ihrer Handlungen macht, tangiert sie auch ein eminent politisches Problem: Die Frage der Affekte und der Spontanität im politischen Denken und Handeln, ihrer Wiederholungen, ihrer Triebgrundlage, der Erinnerbarkeit und der Konfrontation mit dem Zufall. Ist die Arbeit mit der Zeichnung eine Erinnerung an eine frühere Empfindung, so kann sie die spontane Kraft unmöglich wiedererlangen, von der die Linie anfangs angetrieben war. Was die Mühe der Rekonstruktion hervorbringt, verwandelt Spur in Material.

Till Gathmann ist Künstler, Buchgestalter und Autor. In seinen künstlerischen Arbeiten setzt er sich mit der Politik der Form auseinander, die zwischen Konzeptkunst, Fragen des Ausdrucks und psychoanalytischer Modelle verhandelt wird. Auch die Auseinandersetzung mit faschistischer Ästhetik ist ein wiederkehrendes Motiv. In der Ausgabe #1 der Zeitschrift Sans Phrase schrieb er über den Konzeptkünstler Sol Lewitt (»Object of Importance but Little Value – Analer Charakter und Werkkrise«). In der Ausgabe #3 derselben Zeitschrift schrieb er über »Der Fall Beuys. Analer Charakter und Werkkrise: Bundesrepublik Deutschland«.

Von der künstlerischen Komposition zur ästhetischen Abstraktion

Ästhetische Revolutionen zu Zeiten der Oktoberrevolution

Kerstin Stakemeier – Do 09.11.2016 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Als noch nicht sonderlich lange existierende moderne Verengung zuvor wesentlich weiter gefasster ästhetischer Produktionsformen auf einen industriell ausgeschlossenen Zweig gesellschaftlicher Folgenlosigkeit ist die Kunst ein Kapitalisierungseffekt. Und damit wären ihre Arbeitsformen ebenso wie die aller anderen modernen, industrialisierten Formen zu revolutionieren. Eben dies versuchte der russische Proletkult, eine Organisation die sich kurz vor der Oktoberrevolution in Leningrad gründete, und in den folgenden Jahren Studios in Fabriken ebenso wie an der Front eröffnete, mit dem Ziel eine allgemeine künstlerische Produktion zu eröffnen. Damit stand er, ebenso wie diejenigen die außerhalb Russlands an seine Programme anknüpften, wie etwa der von Karel Teige in Prag mitbegründete Poetismus oder Lu Märtens in Berlin verfasste Theorie des »Wesens und Veränderung der Formen (und Künste)«, im direkten Gegensatz zur Kunst- und Kulturpolitik des »orthodoxen Marxismus«. Im Vortrag soll es darum gehen diese Position nicht nur als vergangenen ästhetischen Radikalismus vorzustellen, sondern auch zu fragen warum sich die bürgerlich-kapitalistische ästhetische Beschränkung mit dem Namen Kunst sich bis heute so großer Beliebtheit erfreut.

Kerstin Stakemeier lehrt Kunsttheorie- und vermittlung an der Akademie der bildenden Künste Nürnberg. Sie forscht zur Kunstgeschichte, insbesondere deren radikalen Strängen. Sie ist immer wieder an Ausstellungsprojekten beteiligt, so etwa Aktualisierungsraum oder Klassensprachen. Für die Realism Working Group schrieb sie mit Johannes Raether über »Die Art of Falling Apart – über den Realismus der Romantik«. In KSR N°1 schrieb sie über »Künstlerische Produktion und Kunstproduktion – Polytechnik und Realismus in der frühen Sowjetunion«.

KSR N°6 Release in Weimar

15.06.2017 – Heftvorstellung und Vortrag – ACC Galerie Weimar

In linken Debatten über Ästhetik standen sich oftmals zwei Positionen gegenüber: Auf der einen Seite der Realismus, der die Forderung erhebt, die wichtigsten Tendenzen und Konfliktlinien der Wirklichkeit in der Kunst zur Darstellung zu bringen. Auf der anderen Seite der Avantgardismus, der die Totalität des klassischen Kunstwerks zerstört und tendenziell mit den künstlerischen Mitteln selbst unmittelbar in die Wirklichkeit eingreifen möchte.

In den Realismusdebatten der 1930er Jahre gab es jedoch eine Position, die diese Gegenüberstellung durcheinander brachte: jene Bertolt Brechts. Der wollte sich als Realist verstanden wissen und hat trotzdem im Feld der Avantgarde gewirkt. Der Modellcharakter war für ihn eine zentrale ästhetische Strategie.

Im Vortrag wollen Thomas Zimmermann und Lukas Holfeld die sechste Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution vorstellen und einige Thesen über Avantgarde und Realismus vortragen.

    Beginn: 20:00 Uhr
    Eintritt: 2 € (erm. 1 €)
    Ort: ACC Galerie Weimar, Burgplatz 1

KSR N°6 ist erschienen

Nach unserer Release-Veranstaltung am 24.05.2017 in Halle liegt nun die sechste Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution der Öffentlichkeit vor. Das Heft trägt den Untertitel Theater Realität Realismus und basiert auf einer Tagung, die im Sommer 2016 in Berlin stattgefunden hat. Das Heft umfasst 64 Seiten und enthält 9 Texte. Dabei dreht sich alles um das Theater: Dramenform, Realismus, Avantgarde, Bertolt Brecht, Peter Hacks und Heiner Müller kommen darin vor. Einen Einblick in das Inhaltsverzeichnis und eine Leseprobe findet ihr hier. Das Heft kann über das Kontaktformular bestellt werden.

Den ersten hundert Bestellungen wird ein Plakat beiliegen, das eine typographische Gestaltung eines Brecht-Zitats enthält. – Nur solange der Vorrat reicht.

In den nächsten Wochen werden wir weitere Heftvorstellungen in verschiedenen Städten organisieren. Außerdem arbeiten wir schon an der lang versprochenen „schwarzen“ Ausgabe.

Release: KSR N°6

Wir freuen uns, im Mai die sechste Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution vorstellen zu können. Das Heft trägt den Untertitel Theater, Realität, Realismus und setzt sich in neun Texten mit den Realismus-Debatten im Bezug auf das Theater und das Drama auseinander.

Das besondere Interesse, welches die Kunstform Theater auf sich zieht, liegt in ihrem öffentlichen Charakter begründet. In der griechischen Antike entwickelte es sich mit der Polis der attischen Demokratie. Die öffentliche, durch Kunst verhandelte Sache macht den Grundzug des Theaters aus — über das elisabethanische und bürgerliche bis hin zum epischen Theater. Die Bretter, die die Welt bedeuten, stellen die gesellschaftliche Ordnung in Frage, indem sie künstlerisch zur Darstellung kommt. Insoweit war für das Theater die Frage, welche Welt da eigentlich auf welche Weise bedeutet werden soll, schon immer von Interesse. Die Frage nach der Realität und dem Realismus ist dem Theater in gewisser Weise inhärent, jedoch sind die Diskussionen um den Begriff des Realismus spezifisch modern und haben mit der bürgerlichen Autonomie der Kunst ihre Substanz gewonnen. Die Freisetzung der Kunst und der Künstler im Kapitalismus haben die Frage bedingt, was mit Kunst bedeutet und bezweckt werden kann und soll. Auf die kapitalistische Veränderung der Welt zu reflektieren, ist Anliegen einer Debatte um den Begriff des Realismus.

Der Begriff des Realismus stellt die Frage nach dem Zusammenhang von Kunst und Gesellschaft. Seit seinem Aufkommen ist er ein kritischer Begriff. Besonders interessant wird er aber erst im Zuge der kommunistischen Debatten der zwanziger und dreißiger Jahre. Der Realismus ist der Begriff, der es ermöglicht, die lebendige Dialektik der Kunstwerke im Zusammenhang mit ihren gesellschaftlichen und historischen Voraussetzungen und Wirkungen zu betrachten. Der Realismus ist, entgegen den über ihn kursierenden Vorurteilen, kein Naturalismus. Im Gegenteil ist er die Kritik des Naturalismus. Der Naturalismus ist der Positivismus in der Kunst, der annimmt, dass die Kunst zur Realität in abbildender Weise sich verhält. Aber damals wie heute hat man die Realität weder mit einem Blechnapf oder Experten des Alltags auf der Bühne. Die Wirklichkeit will ja begriffen werden, nicht abgebildet. Der Realismus ergreift Partei für ein dialektisches und ästhetisches Begreifen der Wirklichkeit durch die Kunst, also für die Poesie. Der Realismus ist darüber hinaus auch parteiisch, er ist eine Kritik der Verödung der Welt durch den Kapitalismus. Diese Kritik äußert die Kunst allerdings, indem sie besser als die Welt ist, in ihrer Form schon Utopie einer künftigen, von kapitalistischer Produktionsweise befreiten Gesellschaft ist. Ein neuer Realismus wäre ein Vorschlag für das Theater, der eigenen Mittel bewusst an der ästhetischen Utopie zu arbeiten, die auf vermittelte Weise auf die politische Utopie verweist.

Wir freuen uns, das Heft im Operncafé der Oper Halle (Saale) vorstellen zu können:

In einer linken Tradition des Theaters scheinen sich das avantgardistische, später postdramatische Theater auf der einen Seite und das realistische Drama gegenüberzustehen. Doch handelt es sich dabei wirklich um eine Opposition? Die beiden Redakteure Jakob Hayner (Theater der Zeit) und Lukas Holfeld (Radio Corax) stellen das Heft vor und diskutieren einige Thesen zum Verhältnis von Realismus und Avantgarde.

    ■ Datum: 24.05.2017
    ■ Beginn: 20:00 Uhr
    ■ Ort: Operncafé der Oper Halle (Universitätsring 24)
    ■ Eintritt frei

DITTERICH VON EULER-DONNERSPERG


WALTER ULBRICHT SCHALLFOLIEN, Hamburg

Elektronik. Lesung

HALLE (SAALE)

SCHIEFES HAUS

Der Hellseher begibt sich zum Ufer des Flusses, schließt die Augen und spricht: Ich sehe Wasser, viel Wasser. (KLOPSTOCK)

Auf die Frage nach einem Ankündigungstext schrieb uns Herr Euler-Donnersperg:

»Ich hasse mittlerweile lange Ankündigungstexte. Jeder schreibt sowas und brüstet sich mit allerlei Angaben (vor allem Prominamen). Über die Zeit ist sowas völlig gleichförmig geworden. Ich hasse das. Einfach kurz angeben: „Der alte graue Knurhahn von der Waterkant knarzt und knurrt seine lustigen und weniger lustigen Weisen..“ (oder so ähnlich).

GLÜCKAUF!«

Dinge aufspüren, die nicht an der Oberfläche liegen

Interview des Club Communism mit KSR

Spiegelung des Interviews, das 2014 zuerst hier veröffentlicht wurde.

Club Communism: „Kunst Spektakel Revolution“ besteht zum einen in einer Reihe aus Vorträgen und ist zum anderen Titel einer Publikation, die thematisch an die Reihe gekoppelt ist. Nachdem die ersten zwei Broschüren sich mit den Avantgarde-Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts auseinandergesetzt haben, ist vor kurzem die dritte Broschüre erschienen, die sich mit den fünf Sinnen beschäftigt und dabei eher Ästhetik-theoretisch bzw. -kritisch vorgeht; alles in allem betreibt ihr eine Auseinandersetzung mit und um Kunst. Warum, sprich: Was erhofft ihr euch von dieser Auseinandersetzung?

Kunst Spektakel Revolution: Zunächst würde ich „Kunst, Spektakel, Revolution“ als Teil eines Selbstbildungsprozesses beschreiben – es geht darum Möglichkeiten herzustellen, um sich Geschichte und Objektivationen der Kultur aneignen zu können und dabei in Gebiete vorzustoßen, die weder im akademischen Betrieb noch in der linken Szene und Subkultur üblicherweise eine umfassende Bearbeitung finden. Mir persönlich geht es darum, jenseits üblicher Konventionen einen dauerhaften Diskussions- und Erkenntnisprozess herzustellen, der vielleicht perspektivisch in eine Art kollektive Forschungsarbeit münden kann, die von einem Interesse nach universeller Emanzipation geleitet ist. (mehr…)

Destruction of the RSG-6

KSR-Heftvorstellungen in Wolfsberg und Wien

Im April 1963 veröffentlichte die britische Aktivisten-Gruppe „Spies for Peace“ die Existenz eines geheimen Atomschutzbunker-Systems, das ausschließlich für Mitglieder der britischen Regierung reserviert war: Die „Regional Seats of Government“ (RSG). Mitglieder der Gruppe selbst waren in den RSG-6 in Reading eingebrochen und hatten dort die Pläne der übrigen Bunker gefunden. Die Gruppe veröffentlichte ihre Funde in einer Broschüre, die weltweit für Aufmerksamkeit sorgte und einen enormen Mobilisierungsschub für die außer-parlamentarische Abrüstungs-Bewegung nach sich zog. Im Juni 1963 eröffnete die Situationistische Internationale in Odense (Dänemark) eine Ausstellung, die mit dem Titel „Destruction of RSG-6″ überschrieben war. Offensichtlich nahm die marxistische, post-surrealistische Gruppe Bezug auf die Funde in Reading. Aber nicht nur das: Die Galerie zeigte den Stand einer Kritik der Kunst, die die S.I. in den Jahren zuvor erarbeitet hatte.

Der Vortrag gibt einen Einblick in die fünfte Ausgabe der Zeitschrift „Kunst, Spektakel & Revolution“ und erzählt die Geschichte der Ausstellung „Destruction of RSG-6″. Dabei werden Fotos von der Ausstellung gezeigt. Zugleich sollen Ansätze der kritischen Theorie der Situationistischen Internationale eingeführt werden. Die Ausgaben 3-5 von KSR können beim Vortrag erworben werden.

    Wolfsberg (Kärnten): Fr. 10.03.17, Container 25, Hattendorf 25a, 18 Uhr

    Wien: Mo. 13.03.17, ada, Wattgasse 16/6, 19 Uhr

Grenzsteine — Zur Kritik der Gewalt

Buchvorstellung in Halle (Saale) — Do 02.03.17

Buchvorstellung mit Jakob Hayner und Arne Kellermann

Angesichts der Zustände, welche die globale kapitalistische Ökonomie hervorbringt, scheint im Moment nichts zur Aufhebung zum Besseren zu drängen. Weder Freihandel noch Protektionsmus lösen irgendeine Krise; sie sind jeweils der Versuch, die je eigene Nationalökonomie auf Kosten anderer durchzubringen – koste es, was es wolle. Krieg und Kriegswirtschaft sind auch heute probates Mittel in weltweiten Machtkämpfen die eigenen Pfründe zu sichern und gegenüber den Ansprüchen anderer zu verteidigen. Dass die von den Produktionsmitteln getrennten verelendeten Massen bei dieser Entwicklung unter die Räder kommen, ist die Konsequenz. Wer kann, flüchtet in die wohlhabenderen Weltgegenden, trotz derer sich zunehmend brutalisierenden Abschottungsversuche. Jeder für sich selbst – und alle gegen alle. Die Konkurrenz ist der gewaltvolle Kern kapitalistischer Vergesellschaftung. Solche Gewalt findet keine Grenze, sie ist im Kapitalismus nur insoweit eingehegt, dass sie den Verwertungsinteressen dient. Wird unklar, wie die Verwertung überhaupt noch am Laufen zu halten ist, bricht die Gewalt an die gesellschaftliche Oberfläche durch.

Die Gewalt kapitalistischer Vergesellschaftung affiziert die bürgerliche Gesellschaft im Gesamten. Sich den Gegenständen zu widmen, die noch das subjektive Interesse wecken können, heißt eben auch, der Gewalt der gesellschaftlichen Grundlage nachzuspüren. Theorie, als Reflexion der Welt in ihrer historischen Gewordenheit und Veränderbarkeit, kann sich dagegen nicht blind machen. Der Band »Grenzsteine. Beiträge zur Kritik der Gewalt« entwirft in einer Reihe von Aufsätzen eine globale Perspektive kritischer Theorie. Es soll der Zusammenhang der Gegenwart – das Verhängnis der Vorgeschichte – erhellt werden, indem gefragt wird, was der gewaltsame Zerfall von Gesellschaften weltweit und das Schwinden von Fortschrittsutopien für kritische Gesellschaftstheorie bedeuten. Bei der Buchvorstellung sind einige der Herausgeber und Autoren anwesend. Sie stellen den Band und einzelne Beiträge vor und laden zur Diskussion ein.

»Grenzsteine. Beiträge zur Kritik der Gewalt« wurde bei edition text+kritik veröffentlicht. Die Buchvorstellung ist eine Veranstaltung im Rahmen des Alternativen Vorlesungsverzeichnisses ALV.

■ Datum: 02. März 2017
■ Beginn: 19:00 Uhr
■ Ort: HaSi (Hafenstraße 7)

Theorie und Gewalt in Weimar

Heftvorstellung zu KSR N°5 – 26.01.17

Nach einiger Zeit wird Kunst, Spektakel & Revolution wieder einmal in der ACC Galerie in Weimar zu Gast sein. Dabei wollen wir einige Gedanken aus der fünften KSR-Ausgabe zur Diskussion stellen und weiter führen. Wir wollen einen Fokus auf den Ausnahmezustand und Polizeigewalt werfen. Insbesondere soll dabei ein Fall von Polizeigewalt besprochen werden, der sich im April 2012 in Weimar ereignete (bekannt geworden als der Fall „Weimar im April“). Dies verknüpft mit einigen Gedanken zur gesellschaftlichen Natur der Polizeigewalt.

Es gibt keine Herrschaft ohne Gewalt. Die Gewalt sachlich vermittelter Herrschaft ist in den Institutionen verborgen und vollzieht sich als stummer Zwang der Verhältnisse. Offen zutage tritt sie in der Peripherie, an den Grenzen, gegenüber «beschwerdearmen Bevölkerungsgruppen» und im Ausnahmezustand. Sichtbar wird sie auch in der Deformierung der (post)modernen Subjekte. Herrschaft zwingt ihren Gegnern die Frage der Gewalt auf — ist sie einmal in der Welt, muss mit ihr umgegangen werden. Die äußeren Bedingungen und die Wahl der Mittel entscheiden darüber, ob die Revolution ihr (im zweifachen Sinne) erliegt. Die im Sommer erschienene fünfte Ausgabe der Broschürenreihe Kunst, Spektakel & Revolution beschäftigt sich auf verschiedenen Ebenen mit der Gewalt der Verhältnisse. Wir wollen einen Einblick in das Heft geben.

■ Datum: 26. Januar 2017
■ Beginn: 20:00 Uhr
■ Eintritt: 2 €, erm. 1 €
■ Ort: ACC Galerie Weimar (Burgplatz 1-2)

Destruction of the RSG-6

KSR°5 Heftvorstellungen
in Halle, Erfurt und Chemnitz

Do 10. November | Hafenstraße 7 (Halle/Saale) | 19 Uhr
Fr 18. November | Offene Arbeit, Allerheiligenstr. 9 (Erfurt) | 20 Uhr
Fr 2. Dezember | Lesecafé Odradek, Leipziger Str. 3 (Chemnitz) | N.N.

Destruction of the RSG-6

Oder: Wie man die Kunst mit den Mitteln der Kunst zerstört

Im April 1963 veröffentlichte die britische Aktivisten-Gruppe „Spies for Peace“ die Existenz eines geheimen Atomschutzbunker-Systems, das ausschließlich für Mitglieder der britischen Regierung reserviert war: Die „Regional Seats of Government“ (RSG). Mitglieder der Gruppe selbst waren in den RSG-6 in Reading eingebrochen und hatten dort die Pläne der übrigen Bunker gefunden. Die Gruppe veröffentlichte ihre Funde in einer Broschüre, die weltweit für Aufmerksamkeit sorgte und einen enormen Mobilisierungsschub für die außer-parlamentarische Abrüstungs-Bewegung nach sich zog. Im Juni 1963 eröffnete die Situationistische Internationale eine Ausstellung, die mit dem Titel „Destruction of RSG-6″ überschrieben war. Offensichtlich nahm die marxistische, post-surrealistische Gruppe Bezug auf die Funde in Reading. Aber nicht nur das: Die Galerie zeigte den Stand einer Kritik der Kunst, die die S.I. in den Jahren zuvor erarbeitet hatte.

Der Vortrag gibt einen Einblick in die fünfte Ausgabe der Zeitschrift „Kunst, Spektakel & Revolution“ und erzählt die Geschichte der Ausstellung „Destruction of RSG-6″. Dabei werden Fotos von der Ausstellung gezeigt. Zugleich sollen Ansätze der kritischen Theorie der Situationistischen Internationale eingeführt werden. Die Ausgaben 3-5 von KSR können beim Vortrag erworben werden.

KSR#5 – Heftvorstellung in Hamburg

Wir freuen uns, die fünfte Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution in Hamburg vorstellen zu können:

    ■ Datum: Do 25.08.2016
    ■ Ort: Freies Sender Kombinat FSK, Valentinskamp 34a (Gängeviertel)
    ■ Beginn: 20:00 Uhr
    www.katzenberg-verlag.de

Als Herr Keuner weggegangen war, fragten ihn seine Schüler nach seinem Rückgrat. Herr Keuner antwortete: ›Ich habe kein Rückgrat zum Zerschlagen. Gerade ich muss länger leben als die Gewalt.‹

Es gibt keine Herrschaft ohne Gewalt. Die Gewalt sachlich vermittelter Herrschaft ist in den Institutionen verborgen und vollzieht sich als stummer Zwang der Verhältnisse. Offen zutage tritt sie in der Peripherie, an den Grenzen, gegenüber „beschwerdearmen Bevölkerungsgruppen“ und im Ausnahmezustand. Sichtbar wird sie auch in der Deformierung der (post)modernen Subjekte. Herrschaft zwingt ihren Gegnern die Frage der Gewalt auf – ist sie einmal in der Welt, muss mit ihr umgegangen werden. Die äußeren Bedingungen und die Wahl der Mittel entscheiden darüber, ob die Revolution ihr (im doppelten Sinne) erliegt. Die im Sommer erschienene fünfte Ausgabe der Broschüren-Reihe „Kunst, Spektakel & Revolution“ beschäftigt sich auf verschiedenen Ebenen mit der Gewalt der Verhältnisse. Wir wollen in Hamburg einen Einblick in das Heft geben – dazu sind Mitherausgeber Lukas Holfeld und der Autor Roger Behrens im FSK im Gängeviertel zu Gast. Die Veranstaltung findet statt im Rahmen des siebten Geburtstag des Gängeviertels.

KSR N°5 ist erschienen

Ende Juli konnten wir in Berlin die fünfte Ausgabe der Broschüren-Reihe Kunst, Spektakel & Revolution präsentieren. Das Heft kann nun über das Kontaktformular bestellt werden. Es enthält zehn Texte, die sich überwiegend mit der Kritik der Gewalt beschäftigen. Das Inhaltsverzeichnis und eine Leseprobe können hier eingesehen werden.

  • Interview zur aktuellen Ausgabe mit einem Redaktionsmitglied:

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Werbung:

Wir freuen uns über jede Erwähnung, Besprechung oder Bewerbung der Broschüre. Falls ihr in einer Zeitschriftenredaktion arbeitet, eine Schülerzeitung herausgebt, ein Fanzine macht oder einen Blog betreibt, könnt ihr diese Banner platzieren:

Hinweis: Die SpenderInnen und Spender, die die Finanzierung der KSR#5 unterstützt haben, bekommen in Kürze ein Exemplar zugeschickt.

KSR N° 5 – Heftvorstellung

Nach langem Warten ist es endlich soweit: Wir freuen uns, am 24. Juli in Berlin die fünfte Ausgabe der Broschüren-Reihe Kunst, Spektakel & Revolution vorstellen zu können.

    ■ Datum: So 24.07.2016
    ■ Ort: Laidak, Boddinstraße 42/43 (Neukoelln / Berlin)
    ■ Beginn: 20:00 Uhr

Es gibt keine Herrschaft ohne Gewalt. Die Gewalt sachlich vermittelter Herrschaft ist in den Institutionen verborgen und vollzieht sich als stummer Zwang der Verhältnisse. Offen zutage tritt sie in der Peripherie, an den Grenzen, gegenüber „beschwerdearmen Bevölkerungsgruppen“ und im Ausnahmezustand. Sichtbar wird sie auch in der Deformierung der (post)modernen Subjekte. Herrschaft zwingt ihren Gegnern die Frage der Gewalt auf – ist sie einmal in der Welt, muss mit ihr umgegangen werden. Die äußeren Bedingungen und die Wahl der Mittel entscheiden darüber, ob die Revolution ihr (im doppelten Sinne) erliegt. Die im Juli erscheinende fünfte Ausgabe der Broschüren-Reihe „Kunst, Spektakel & Revolution“ beschäftigt sich auf verschiedenen Ebenen mit der Gewalt der Verhältnisse. Wir wollen im Laidak gemeinsam mit mehreren Autoren einen Einblick in das Heft geben.

Theater – Realität – Realismus

Kommunismus ist, wenn Shakespeare verstanden wird.
[Peter Hacks]

Am 22. und 23. Juli 2016 werden in Berlin Anhänger von Peter Hacks und Heiner Müller aufeinandertreffen. Gemeinsamer Bezugspunkt wird dabei der Dramatiker Bertolt Brecht sein und es wird gestritten werden über die Frage, was ein realistisches Theater sein könnte. Es wird dabei kein gutes Haar am Gegenwartstheater bleiben – dafür könnte die DDR und ihr Theater eine Kontrastfolie bieten, um den Schmach der wiedervereinigten Gegenwart noch schmachvoller zu machen. Wir laden ein zur heiteren Diskussion:

Das Verhältnis von Theater und Politik wird gegenwärtig diskutiert. Soll sich Theater engagieren? Soll es reflektieren? Oder ist die Frage schon falsch gestellt? In den Widersprüchen des eigenen Engagements verfangen hat sich eine Idee des Theaters, die Authentizität und Partizipation als Schlüsselbegriffe neuer Ästhetik wie sozialer Praxis etabliert hat. Diese Form des Bühnenengagements verbleibt ästhetisch allzuoft im Reportagenhaften. Die reklamierte Innovation verbleibt auf der Ebene technischer Effekte. Können so wirklich neue Wirkungen erzielt werden? Und hat nicht die performative Wende des Theaters mit der performativen Wende in den kapitalistischen Zentren die Aktivierung der Arbeitskraft und ihrer kreativen Reserven gemeinsam? Eine Rückkehr zum bürgerlichen Ästhetizismus kann es nicht geben; die historische Erfahrung des 20. Jahrhunderts hat den schönen Schein der Kunst nicht unberührt gelassen. Die Frage allerdings lautet: Wie ist ästhetische Verbindlichkeit möglich? Der Begriff des Realismus, der in der Debatte um Kunst und Politik im 20. Jahrhundert eine zentrale Stellung einnahm, scheint am Beginn des 21. Jahrhunderts vergessen. Doch in letzter Zeit wird wieder über (neuen) Realismus diskutiert. Kann es einen Realismus geben, der nicht die Unterordnung der Kunst unter Politik meint, wie es die historisch erfolgte Ideologisierung des Begriffs nahelegen mag? Und wie könnte ein Realismus beschaffen sein, der als vielfältige Methode auf die Ermöglichung einer gemeinsamen Erfahrung der Realität durch Kunst zielt, also im Theater eine Haltung des Publikums zur Bühnenkunst ermöglicht, die als Erfahrung der Subjekte ebenfalls für politische Situationen verbindlich sein kann? Realismus ist ein dialektischer Begriff, der seine Spannung zwischen Kunst und Wirklichkeit unter Beachtung ihrer Gemeinsamkeiten und Unterschiede, ihrer vermittelten Wirkungen aufeinander, hat. Das Symposium »Theater Realität Realismus« widmet sich der Geschichte, der Gegenwart und dem Begriff des Realismus in Bezug auf das Theater. Die historischen Konstellationen des Begriffes sollen untersucht, seine gegenwärtige Bedeutung diskutiert und seine theoretischen Implikationen erörtert werden.

■ Datum: 22./23. Juĺi 2016
■ Ort: Institut für deutsche Literatur / Dorotheenstraße 24 (Berlin)
Link zum Programm

Interview mit Jakob Hayner (Mitorganisator des Symposiums)

Download

Weiterführende Informationen

Text zur Realismusdebatte in den 30′er Jahren (KSR#2)
Realismus! Online Magazin (Texte der Realism Working Group / FFM)

Der Widerspruch der Kunst. Buchvorstellung

Anfang des Jahres ist das Buch »Der Widerspruch der Kunst« erschienen, das zahlreiche Beiträge über die Verwandtschaft von Kunst und Gesellschaftskritik enthält (siehe hier). Nun laden Herausgeber und Autoren zu einer Buchvorstellung nach Leipzig. In der Ankündigung heißt es:

Ist Kunst von Gebrauchsprodukten, Kitsch und Reklame nicht mehr zu unterscheiden oder kann sie immer auch ein „Anderes“ gegenüber der Gesellschaft darstellen? Den Umgang mit den Widersprüchen, denen die Kunst unausweichlich ausgesetzt ist, untersuchen elf Beiträge des Sammelbandes „Der Widerspruch der Kunst“ (Frank&Timme, 2016) und geben dabei Auskunft über das Verhältnis von Kunst und Gesellschaftskritik in der Kulturindustrie. Wir möchten an diesem Abend das Buch vorstellen und einige der darin formulierten Gedanken zur Diskussion stellen.

■ Datum: 28.04.2016
■ Ort: Cineding Leipzig (Karl-Heine-Str. 83)
■ Beginn: 20:00 Uhr

Zum 145. Geburtstag der Pariser Commune

Vortrag, literarische Soundschnipsel, Bilder und Arbeiterliederinterpretationen zur Feier des Tages

    Datum: Freitag, 18.03.2016
    Ort: Kater Blau / Holzmarktstr. 25
    Beginn: 20:00 Uhr
    Kosten: 2 €

Am 18. März 1871 machte die Pariser Stadtbevölkerung ernst: Die Nationalgarde und die Arbeiterschaft erhoben sich und widersetzten sich dem Willen der Herrschenden. Die alte Regierung floh nach Versailles. Auf dem Rathaus von Paris wurde die rote Fahne der Revolution gehisst. Nach dem siegreichen Kampf übernahm in der Stadt das Zentralkomitee der Nationalgarde die Macht und schrieb Wahlen für die Pariser Commune aus. Am 26. März 1871 wurden in den 20 Bezirken der französischen Hauptstadt 86 Stadträte gewählt. In einer feierlichen Kundgebung übernahm dieser Rat der Commune zwei Tage später offiziell die Regierungsgewalt.

Den Märzereignissen vorangegangen waren zahlreiche Streiks und Klassenkämpfe im ganzen Land, das gerade erst in die Industrialisierung eingetreten war. Der Kaiser war übermütig in den deutsch-französischen Krieg eingetreten – und unterlag. Die bürgerliche Übergangsregierung wollte Paris den Preußen übergeben und ihm seine verwaltungsrechtliche Eigenständigkeit nehmen, sodass konservative Landstriche über eine moderne Metropole geherrscht hätten. Dies konnten und wollten die Pariser Arbeiterinnen und Arbeiter nicht hinnehmen – sie bewaffneten sich, riefen die Commune aus, praktizierten die Selbstverwaltung in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens und forderten die soziale Republik. Die Commune hatte nur drei Monate Bestand. Danach wurde sie in einem Massaker von der Versailler Bürgerregierung niedergeschlagen. Die Pariser Commune blieb ein Fanal für die junge revolutionäre Arbeiterbewegung, und sie steht seither für den Versuch, das Leben in die eigene Hand zu nehmen.

Im Vortrag von Lukas Holfeld (Bildungskollektiv) sollen die Ereignisse von 1871 (teils erzählerisch) rekonstruiert werden. Das tippel orchestra interpretiert Arbeiterlieder zur Feier des Tages, denn wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten! (Eine Veranstaltung der Jungen Panke.)

Weiteres Material zum Thema:

Jutta Ditfurth: Anmerkungen zur Pariser Commune von 1871

Antje Schrupp: Über die Frauen der Pariser Kommune, Elisabeth Dmitrieff und die »Union des Femmes«

Guy Debord, Attila Kotanyi, Raoul Vaneigem: Über die Pariser Kommune

Helmut Bock: Kritische Anmerkung zu Marxens Einschätzung der Pariser Commune (Helle Panke)

➳ In der vierten Ausgabe der KSR-Broschur ist ein ausführlicher Text über die Pariser Commune enthalten. Die Ausgabe kann nach wie vor bestellt werden.

Jutta Ditfurth: Anmerkungen zur Pariser Commune

[Zur Ergänzung des in der vierten KSR-Ausgabe erschienenen Artikels über die Pariser Commune von 1871 dokumentieren wir hier einen älteren Text von Jutta Ditfurth. Wir halten ihn für eine brauchbare, prägnante Zusammenfassung der Geschehnisse, des Charakters und der Bedeutung der Pariser Commune. Er erschien ursprünglich in der Ausgabe 17/1994 der Zeitschrift ÖkoLinX.]

Anmerkungen zur Pariser Commune von 1871

Am Ende des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 gelang es den ArbeiterInnen, HandwerkerInnen und kleinen Leuten für eine kurze Zeit, die bürgerliche Staatsmacht in Paris aus den Angeln zu heben. Die Pariser Commune dauerte vom 18. März bis zum 28. Mai 1871.

… nicht mehr wie bisher die bürokratisch militärische Maschinerie aus einer Hand in die andre zu übertragen, sondern sie zu zerbrechen, und dies ist die Vorbedingung jeder wirklichen Volksrevolution auf dem Kontinent.

[Karl Marx, der durch die Pariser Commune seine Meinung über den Umgang mit dem Staat veränderte.]

Im Juli 1870 hatte der Krieg zwischen dem Norddeutschen Bund unter militärischer Führung Preußens und Frankreich auf französischem Boden begonnen. Sie kämpften um die Hegemonie in Europa. Am 4. September 1870, zwei Tage nach der französischen Teilkapitulation bei Sedan (wo Bismarck französische Kriegsgefangene einkassierte, die er acht Monate später an den französischen Ministerpräsidenten Thiers zur Niederschlagung der Pariser Commune zurückgeben würde), riefen ArbeiterInnen in Paris die Republik aus. Sie stürzten die Regierung Bonapartes. (mehr…)

Spendenaufruf KSR#5

Spenden-Aufruf zur fünften Ausgabe von »Kunst, Spektakel und Revolution«

Liebe FreundInnen und Bekannte,
liebe LeserInnen der Publikations-Reihe Kunst, Spektakel & Revolution,

wir haben uns erlaubt, uns an Sie bzw. an euch zu wenden, mit der Bitte, dem Bildungskollektiv Geldspenden zukommen zu lassen, damit wir den Druck der fünften Ausgabe unserer Publikationsreihe »Kunst, Spektakel und Revolution« finanzieren können. Der Spendenaufruf hat folgenden Hintergrund:

Seit 2009 ist die Veranstaltungsreihe »Kunst, Spektakel und Revolution« ein fester Bestandteil des Veranstaltungs-Programms des Bildungskollektivs. In fünf Veranstaltungsblöcken und zahlreichen einzelnen Workshops, Vorträgen und Lesungen haben wir uns im Rahmen dieser Reihe mit dem Verhältnis von Ästhetik und Gesellschaftskritik, sowie der Beziehung zwischen Kunst, Kulturindustrie und Revolution auseinandergesetzt. Parallel dazu haben wir unter dem selben Titel bereits vier Magazine herausgegeben, in denen die damit verbundenen Diskussionen dokumentiert wurden.

Bereits seit einiger Zeit sind wir mit der Redaktions-Arbeit an der fünften Ausgabe des KSR-Magazins beschäftigt. Die Arbeit am Layout dieser Ausgabe ist bereits nahezu abgeschlossen. Leider ist diesmal die Finanzierung des Drucks nach wie vor offen. Nachdem wir bereits eine Förderungs-Zusage erhalten hatten, ist uns die Finanzierung vollständig weggebrochen. Als kleiner Verein sind wir immer auf Spenden angewiesen sind, um unsere Bildungsarbeit machen zu können. Da es immer schwierig ist, an offizielle Förder-Mittel heranzukommen, ohne sich inhaltlich verbiegen zu müssen, wollen wir euch bitten, euch zu überlegen, dem Bildungskollektiv eine Spende zukommen zu lassen. Dabei sind Beträge in jeder Höhe willkommen. (mehr…)

Avantgarde (Rezension)

Von den anarchistischen Anfängen bis Dada
oder: wider eine begriffliche Beliebigkeit

Kurz vor dem Jahreswechsel ist ein weiterer Band der theorie.org-Reihe des Schmetterlingsverlags erschienen, der den schlichten Titel „Avantgarde“ trägt. Das Buch von Alexander Emanuely will einführen in die Geschichte derjenigen künstlerischen Bewegungen, welche die Institution der Kunst aus der Kunst heraus angreifen wollten, um die künstlerischen Tätigkeiten dem Vorhaben der Revolutionierung des ganzen Lebens zuzuführen. Mit der Avantgarde sollten der Fortschritt innerhalb der Kunst und der soziale Fortschritt keine getrennten Wege mehr gehen – was in der Konsequenz die Aufhebung der Trennung von Kunst und Leben, die Aufgabe der Kunst als spezialisierter Tätigkeit erforderte. Alexander Emanuely entwirft in seinem Buch nun keine Theorie der Avantgarde – die er streng auf Dadaismus, Surrealismus, Lettrismus und die Situationisten beschränkt wissen will – und auch keine Geschichte jener Bewegungen. Vielmehr spürt er untergründigen Verbindungen nach, die die Akteure der Avantgarde miteinander verband. Ein Beispiel:

Im Sommer 1898 schreibt Léon Blum in der Zeitschrift „Revue Blanche“ – herausgegeben von dem Anarchisten Félix Fénéon, den Emanuely als einen der wichtigsten Wegbereiter der Avantgarde einführt – eine heftige Anklage gegen die „abscheulichen Gesetze“. Diese Notstandsgesetze (ähnlich wie die preußischen Sozialistengesetze, bloß auf die Anarchisten bezogen) waren in Frankreich eingeführt worden, nachdem der Anarchist Auguste Vaillant eine Bombe in die französische Nationalversammlung geworfen hatte. Im Januar 1932 schreibt der Surrealist Louis Aragon ein Loblied auf die Rote Armee, in der er zur Erschießung einiger sozialdemokratischer Politiker aufruft – unter ihnen Léon Blum, der mittlerweile Vorsitzender der Sozialisten geworden ist. Dieses Gedicht hat zur Folge, dass die „abscheulichen Gesetze“ gegen Louis Aragon angewendet werden, der nur knapp fünf Jahren Haft entkommt. Kurze Zeit später schreibt Aragon – der mittlerweile zum sozialistischen Realismus konvertiert ist – einen Roman, indem er eine Schimpftirade auf jenen Auguste Vaillant loslässt, der damals die Bombe ins Pariser Parlament geworfen hatte. Er hätte der Arbeiterbewegung die „abscheulichen Gesetze“ eingebrockt und überhaupt würde Aragon sich nicht wundern, wenn so einer wie Vaillant in Wahrheit im Auftrag der Geheimpolizei gehandelt hätte. Agents Provocateurs und V-Männer hatte es in der anarchistischen Szene jener Zeit tatsächlich gegeben – unter ihnen Louis Andrieux, der uneheliche Vater von Louis Aragon. (mehr…)

Thesen zur Avantgarde

I.

Avantgarde ist unabdingbar verbunden mit der politischen Organisierung der Künstler. Dabei kann unter Avantgarde keineswegs politische Kunst gemeint sein (auch der sozialistische Realismus wäre dann Avantgarde gewesen). Vielmehr ist Avantgarde der Versuch der Künstler, aus der Kunst heraus, ihre spezifischen (künstlerischen) Produktivkräfte dem Projekt der gesellschaftlichen Umwälzung zuzuführen. Die Avantgardisten haben dabei, mal mehr, mal weniger, ein Bewusstsein davon, dass die Umwälzung der Produktionsverhältnisse im Allgemeinen nur vollständig ist, wenn auch die Produktionsverhältnisse der Kunst im engeren Sinne umgewälzt werden, so wie umgedreht eine Aufhebung der Kunst nicht ohne Revolutionierung der Verhältnisse gelingen kann. Mit der Aufhebung der Kunst sollen jedoch keineswegs die Qualitäten der Kunst verschwinden – im Gegenteil: die Gesetze der Schönheit sollen freigesetzt und zum Prinzip der ganzen gesellschaftlichen Produktion werden. (mehr…)

Thesen zur Kunst

I.

Das Bürgertum hat sich bereits innerhalb des Feudalismus als eigenständige Klasse herausgebildet. Der Prozess seiner ökonomischen Machterlangung und seiner politischen Befreiung war begleitet von einer ungeheuer regen Tätigkeit im Berich der Wissenschaften und der Kultur. Otto Rühle beschreibt diese kulturelle Erneuerung, die die ökonomischen und politischen Umwälzungen begleitete, in seiner lesenswerten Geschichte der Französischen Revolution folgendermaßen:

Durch eine geistige Aufrüttelungs- und Reinigungsarbeit, in der sie [die Philosophen und Literaten] ein Riesenmaß von Energie, Zähigkeit, Verstandesschärfe und Hingabe investierten, räumten sie aus den Hirnen ihrer Zeitgenossen den ganzen Ballast und Wust einer mittelalterlichen Vorstellungs- und Ideenwelt fort. Sie weiteten die überlieferte Enge der Betrachtung aus und gaben dem Blick der Menschen eine größere historische Perspektive. Sie schufen, indem sie die Götzen des Vorurteils, des Herkommens, der Autorität, des Dogmas stürzten und verbrannten, Raum für das Neue, Bereitschaft zu eigener Orientierung und den Willen zur befreienden Tat. Sie entzündeten in den Herzen der Bourgeoisie mit dem Feuer ihre Beredtsamkeit, dem Ungestüm ihrer agitatorischen Geste, dem Rausche ihrer Begeisterung den revolutionären Geist, ohne dessen Kraft und Schwung die geschichtliche Mission der Bürgerklasse nicht hätte erfüllt werden können. (mehr…)

Alexander Emanuely: »Man reiche mir einen anderen Kosmos, oder ich krepiere!«

Über Einstein, Surrealismus, Schreie und Cravan1

Täglich strömen unzählige Schulklassen in das „Centre Pompidou“ in Paris. Der Sinn soll sein, dass Kinder aller Altersstufen mit moderner Kunst konfrontiert werden. Jedes Alter hat sein eigenes Team von KunsterzieherInnen, die dann mit bunten Würfeln den Kubismus erklären oder mit alten Postkarten den Surrealismus. Vor einigen Jahren hatte ich mich auch wieder in dieses Museum verirrt und stand gezwungenermaßen neben einer solchen SchülerInnengruppe. Zuerst versuchte ich ihr zu entfliehen, und gerade als ich ihr entkommen schien, stand die Gruppe kompakt im dritten Avantgarde-Stockwerk, jeden Fluchtweg versperrend, direkt vor mir. Es waren rund zehn achtjährige Kinder und eine Kunstlehrerin. Dank diverser Wortfetzen konnte ich erkennen, dass es Kinder aus Paris waren. Da mir nichts anderes übrig blieb, hörte ich ihnen zu. Und weil ich ein unfassbares Gedächtnis habe, versuche ich jetzt all das nach zu erzählen, was die Kinder so von sich gegeben haben.

Nun Kinder?

„Was seht ihr?“ die Lehrerin zeigte auf den leihgegebenen Akt, die Stufen hinabsteigend von Marcel Duchamp. Die Kinder blieben still. Doch als die Lehrerin etwas über Kubismus, Pissoirs und andere themenrelevante Sachen erzählen wollte, fuhren die Kinder mit einem unfassbaren enzyklopädischen Wissen auf, als wäre ein Wortgefecht mit ihrer Erzieherin von Nöten. Als erste fiel ihr ein Mädchen ins Wort. (mehr…)

Anselm Jappe: Waren die Situationisten die letzte Avantgarde?

[Dieser Text ist ursprünglich in der 26. Ausgabe der Zeitschrift Krisis erschienen. Hier gespiegelt von der Homepage der Nachfolgezeitschrift Exit.]

Es ist heute Mode, sich auf die Situationisten als die „letzte Avantgarde“ zu beziehen. Das ist einerseits absurd, oder reine Selbstbeweihräucherung, wenn diese Kennzeichnung dazu dient, die Situationisten mit anderen sogenannten Avantgarden der sechziger Jahre, wie Fluxus oder dem Happening, zu verbinden, die von den Situationisten in Wirklichkeit entweder ignoriert oder verachtet wurden. Andere glauben, sie könnten diese Fackel des Avantgardismus gegenwärtigen Kunstströmungen einfach weiterreichen, oder einzelne, aus ihrem Zusammenhang losgelöste Elemente der situationistischen Produktion der ersten Jahre, wie das Détournement (die Zweckentfremdung), die Dérive (das Umherschweifen) oder die Psychogeographie als immer noch interessante Neuigkeiten verkaufen. Andererseits enthält die Charakterisierung der Situationisten als „letzte Avantgarde“ eine unfreiwillige Portion Wahrheit. Die Geschichte der Situationisten, oder jedenfalls die persönliche Guy Debords, hat die historische Verlaufsform der Avantgarden zu ihrem logischen Abschluß geführt. Sie setzt einen Schlußpunkt und beweist gleichzeitig die Unmöglichkeit einer Avantgarde heute. Sie zeigt, daß die Avantgarde keine überhistorische und ewige Kategorie ist, genausowenig wie die Kunst selbst es ist, sondern einem gewissen Moment der Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft angehört. (mehr…)

Anselm Jappe: Sic transit gloria artis

Theorien über das Ende der Kunst bei Theodor W. Adorno und Guy Debord1

Heute ist es schwer, sich der Idee zu entziehen, das in den sechziger Jahren so oft geräuschvoll verkündete und ebenso eifrig zurückgewiesene »Ende der Kunst« habe zuletzt doch stattgefunden, aber »not with a bang, but with a whimper« (T S. Eliot). Mehr als hundert Jahre lang ist die Entwicklung der Kunst gleichbedeutend mit der ununterbrochenen Abfolge von formellen Erneuerungen und »Avantgarden« gewesen, die die Grenzen der Kreativität immer weiter hinausgeschoben haben. Aber nach einer letzten Periode, die nach Glanz zumindest aussah und die am Beginn der siebziger Jahre zu Ende gegangen ist, hat sich keine neue avantgardistische Richtung mehr durchgesetzt, sondern man hat nur eine Wiederholung von isolierten und entwerteten Versatzstücken der Künste der Vergangenheit erlebt. Der Verdacht, die moderne Kunst könne sich erschöpft haben, beginnt sich nunmehr auch unter denjenigen zu verbreiten, die lange Zeit einen solchen Gedanken entschieden abgelehnt hatten. Eins zumindest darf wohl als unbestreitbar gelten: Seit Jahrzehnten ist nichts mit den künstlerischen Revolutionen der Jahre 1910-1930 Vergleichbares mehr entstanden. Natürlich gibt es geteilte Meinungen darüber, ob heute noch Kunstwerke von Wert produziert werden oder nicht. Aber es ist sehr unwahrscheinlich, daß irgendjemand in der Kunst der letzten Jahre noch das »sinnliche Scheinen der Idee« zu sehen vermag oder zumindest einen so konzentrierten und so bewußten Ausdruck ihrer Epoche, wie es die Literatur, die bildenden Künste und die Musik der ersten Jahrzehnte des Jahrhunderts gewesen sind. (mehr…)



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