Bruchstücke einer beschädigten Wirklichkeit
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Wer die Wahrheit übers unmittelbare Leben erfahren will, muß dessen entfremdeter Gestalt nachforschen, den objektiven Mächten, die die individuelle Existenz bis ins Verborgenste bestimmen.
Der Philosoph Theodor W. Adorno stellt in seinem Werk Minima Moralia die Frage, wie man heute unter all den Umständen ein gutes Leben führen kann. Dass es kein richtiges Leben im falschen gibt, hat sich als häufig zitierte Antwort verbreitet. Was Adorno aber auch fragt, jedoch nicht explizit, ist: Wie soll man heute über das Leben – respektive: Die Wirklichkeit – schreiben? Welche Form der Kunst beinhaltet Wahrheit oder Erkenntnis? Minima Moralia ist eine Sammlung von Aphorismen, die den Untertitel Reflexionen aus dem beschädigten Leben trägt. Adorno scheint also der Überzeugung zu sein, dass die literarische Form des Aphorismus oder des Fragments – kurz: bruchstückhafter Prosa – eine sinnvolle Form der Annäherung an die Wirklichkeit ist. Über das beschädigte Leben kann man nur noch in Versatzstücken schreiben. Jedoch bezeichnet Adorno die „Lehre vom richtigen Leben“ als „traurige Wissenschaft“. Traurige Wissenschaft? (mehr…)
Prof. Dr. Peter Bürger – Do 07.10.2010 – 20:00 Uhr, im Monami Weimar
„In Jeder Epoche muß versucht werden, die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen.“ Benjamins Satz aus seinen Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ gilt auch für die Avantgardebewegungen. Ausgehend von einer Kritik an neuerdings zu beobachtenden Tendenzen, die Unterscheidung zwischen Avantgarde und künstlerischer Moderne einzuebnen, sollen im Anschluß an Benjamins Überlegungen zum „Augenblick der Erkennbarkeit“ eines geschichtlichen Phänomens angestellt und auf die historischen Avantgardebewegungen bezogen werden. Daraus wird sich die Überlegenheit des in der „Theorie der Avantgarde“ entwickelten spezifischen Avantgarde-Begriffs gegenüber einer unspezifischen Begriffsverwendung ergeben, die Avantgarde mit künstlerischer Moderne gleichsetzt. Im Anschluß daran soll der Frage nachgegangen werden, wie heute mit den Avantgarden umzugehen wäre.
Peter Bürger, Jahrgang 1936, hat bis Ende 1998 an der Universität Bremen Literaturwissenschaft und ästhetische Theorie gelehrt. Geprägt von der Frankfurter Schule, hat er in mehreren Arbeiten die Umrisse einer Ästhetik nach Adorno skizziert – zuletzt in Das Altern der Moderne (Suhrkamp 2001). Daneben hat er sich seit dem Ende der 80er Jahre der zeitdiagnostischen Lektüre postmoderner Philosophie zugewandt – zuletzt in Ursprung des postmodernen Denkens (Velbrück Wiss. 2000). Im Jahre 2007 erschien im Suhrkamp Verlag seine Studie über den engagierten Intellektuellen: Sartre. Eine Philosophie des Als-ob.
Mit der Veranstaltung „SARKASMEN“ am 17.06.2010 ist der Block 2.2 der Veranstaltungsreihe „Kunst | Spektakel | Revolution“ (‚Wir lesen und schreiben als Konstrukteure') zu Ende gegangen. Der Block 2.3 ist für den Oktober 2010 angesetzt. Folgende Veranstaltungen sind geplant:
Block 3 • Herbst 2010
Theorie der Avantgarde
Zur Aktualität einer Kritik der historischen Avantgarde
Vernunft und Subversion
Zur Erbschaft von Surrealismus und Kritischer Theorie
Fetisch und Spektakel
Seminar zur Spektakel-Theorie
Die genauen Termine werden an dieser Stelle in Kürze bekannt gegeben. In der Zwischenzeit werden im Radio die Mitschnitt der letzten Vorträge bereitgestellt werden.
Lautreamonts Plagiatkunst als Destruktionsmodell der Moderne
Vortrag von R.G. Dupuis (K’s Kriegstheater) und Zwi (BBZN) in Weimar am 22.4.2010
1. Teil – Einleitung
Über Lautreamont ist vieles geschrieben worden, über diesen „Erzengel, Sprengstoffattentäter und Totengräber der Literatur“(Graqc). Generationen von Experten sind jedem einzelnen Satz seines rätselhaften Werks nachgestiegen und haben viele Bücher mit ihren Entdeckungen gefüllt. Man weiß heute, dass er eine Vorlesung über „das Problem des Bösen“ gehört, wo er gewohnt und dass er klaviergespielt hat. Und dergleichen Einzelheiten mehr.
Wir werden hier nur einiges davon aufgreifen, aber hauptsächlich wollen wir uns darauf konzentrieren, eine Theorie seiner Technik der Entwendung zumindest zu skizzieren, die er selbst noch als Plagiat bezeichnet. Dazu ist seit 50 Jahren kaum noch etwas nennenswertes gesagt worden, trotzdem Lautreamont diese Technik bereits im 19ten Jahrhundert zu heute noch atemberaubender Meisterschaft entwickelt hat. Er ist auf diesem Weg so weit vorangeschritten, dass er selbst von seinen offensten Bewunderern noch unverstanden bleibt. Gleichwohl ist diese Technik verbreiteter ist als je. Z.B. in der Werbung oder auch in der gegenwärtigen Kunschtproduktion. Auf deutsch könnte man Detournement als Zweckentfremdung oder Entwendung übersetzen. Wir werden beide Übersetzungen manchmal verwenden, gemeint ist dann immer das Détournement, wie wir es im folgenden darzustellen versuchen. (mehr…)
Einleitung zum Block 2.2 der Veranstaltungsreihe „Kunst/Spektakel/Revolution“, am 15.04.2010, ACC Galerie Weimar
Bertolt Brecht hatte in seinen Polemiken gegen Georg Lukács 1938 gegen dessen Auffassung von Realismus geschrieben: „Wir verwandeln uns in Kritiker und lesen als Konstrukteure.“ Brecht entgegnete Lukács in seinen Glossen, die er während der Expressionismusdebatte (1936-38) formuliert, aber nicht veröffentlicht hatte, dass die sinnvolle Auseinandersetzung mit den realistischen Romanen des 19. Jahrhunderts (also unter anderem mit Balzac und Tolstoi), nicht dazu führen darf, dass man in einen verkehrten Respekt vor den historischen Werken verfällt und die alte Form – in diesem Fall die klassisch realistische – als eine unzeitgemäße Form übernimmt. Brechts Haltung zu diesen „alten Werken“ hat er dann folgendermaßen ausgedrückt: „Das Neue muß das Alte überwinden, aber es muß das Alte überwunden in sich haben, es ‚aufheben‘. Man muß erkennen, daß es jetzt ein neues Lernen gibt, ein kritisches Lernen, ein umformendes, revolutionäres Lernen. Es gibt Neues, aber es entsteht im Kampf mit dem Alten, nicht ohne es, nicht in der freien Luft.“ Während Lukacs also die Form des realistischen Romans des 19. Jahrhunderts als einzig realistische und damit sozialistische Literatur empfiehlt, ist Brecht weitaus respektloser und der Kampf mit dem Alten bedeutet auch, dass Dinge aus ihrem Zusammenhang gelöst und in einen neuen Zusammenhang gestellt werden, und das erlaubt Brecht dann eben auch die Methoden der Montage und der Verfremdung anzuwenden. Er spottet dann auch gegen Lukacs, Ziegler u.a., dass sie Angst davor haben, dass hier jemand die alten Werke „zersebeln“ will und meint spöttisch: „den Werken geschieht da gar nichts.“ (mehr…)
In Leipzig hat sich im letzten Jahr ein „unbegrenztes Großprojekt zur Erforschung, Förderung und Verbreitung subversiver Protestformen“ gegründet – das „Brimboria Institut“, welches mit einem Webblog (www.brimboria.net) in die Öffentlichkeit getreten ist und neben verschiedenen inhaltlichen Veranstaltungen in wenigen Tagen einen Kongress zur subversiven Strategie des Fake ausrichten wird. Aufgrund „ihrer Funktion als Schnittstelle zwischen Kunst und Politik“ interessiert sich das Institut nach eigenen Angaben besonders für eine „künstlerisch-subversive Methodik“. Wie eine solche Methodik aussehen soll und wie das Verhältnis zwischen Kunst, Politik und Theorie zu begreifen wäre, haben wir Max vom Brimboria Institut gefragt.
Wie kam es zu der Idee das Brimboria Institut zu gründen und was erhofft ihr euch von einer solchen Organisation? Wie begreift ihr dabei eure eigene Rolle und wen wollt ihr mit euren Aktivitäten erreichen?
Bisher haben wir an verschiedenen Projekten innerhalb politischer und/oder kultureller Bildung gearbeitet. Die Idee dieses Zusammenschlusses diente also zunächst für uns als Sammelbecken von Ideen und Erfahrungen aus diesen Projekten – was erstmal wie eine übliche Selbsthilfegruppe, zusammengewürfelt aus verschiedenen FreiberuflerInnen, klingen mag. Tatsächlich sollte aber aus dieser Praxiserfahrung, unseren eigenen Aktivitäten und Erfahrungen in der subversiven Kunstszene und der Rezeption von Kritischer Theorie etwas Neues entstehen. Dies mündete Mitte 2009 in der Gründung des Brimboria Instituts. (mehr…)
Charles Fourier und die surrealistische Avantgarde
Tilman Reitz – Do 15.04.2010 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar
Eine Gesellschaft, die auf dem Spiel- oder Formtrieb aufbaut, hätte vermutlich starke zeremonielle, von ‚Sinn’ entlastete, aber strukturell gestaltete Anteile. Charles Fourier hat dieses Motiv in seiner frühsozialistischen Utopie konsequent durchgeführt: Er arrangiert Produktionsweisen, soziale Rangordnungen, Wohn- und Geschlechterverhältnisse so, dass ein Maximum künstlicher Ordnung höchste Abwechslung für die Beteiligten verspricht. Seine formalen Muster entnimmt Fourier Mythologie, Mathematik und Militär – die zentrale Produktionseinheit des ‚Palanstère’ leitet sich von der Phalanx, der antiken Schlachtreihe her – sein Formungsgegenstand sind die menschlichen Leidenschaften – die er selbst vorrangig als Triebe zu Spiel und Variation begreift. Die Ergebnisse lassen wenig von den gewohnten, bürgerlichen oder auch nur ‚realistischen’ Prinzipien von Vergesellschaftung übrig: Alle Arbeit soll attraktiv, die Konkurrenz ästhetisch, das Geschlechtsleben polymorph werden. Man muss sich daher kaum über das Interesse der Surrealisten an Fourier wundern. Neben seiner Fusionierung von Kunst und Leben dürfte für sie nicht zuletzt sein technischer, konstruktivistischer Umgang mit dem Begehren anziehend gewesen sein, der zwischen Befreiungsversprechen und planerischer Grausamkeit oszilliert (Benjamin und Barthes ziehen denn auch vergleichend de Sade heran). Fouriers Utopie kann als Traum wie als Alptraum erscheinen. Im Vortrag wird es darum gehen, was die anti-naturalistische, anti-bürgerliche und kunstkritische Avantgarde konkret mit Fourier anfangen konnte oder könnte – und wie seine eigenen Impulse zwischen der sozialtechnischen Tradition, der neuen Warenästhetik und dem utopischen Horizont des 19. Jahrhundert verortet sind.
Tilman Reitz schrieb über Ideologiekritik im historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus, promovierte zu „Bürgerlichkeit als Haltung“ und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Friedrich-Schiller-Universität Jena.
Lautreamonts Plagiatkunst als Destruktionsmodell der Moderne

Christopher Zwi & R.G. Dupius – Do 22.04.2010 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar
Unter der bekannten Geschichte Europas läuft eine unterirdische. Sie besteht im Schicksal der durch die Zivilisation entstellten menschlichen Triebe und Leidenschaften. Lautreamont verschafft in seiner Dichtung dieser Geschichte Gehör. Er ist der Dichter der Muskeln und des Schreis. In seinen „Chants de Maldoror“ führt er – so kann man sagen – sein Unbewusstes gegen die herrschenden Ideen vom Guten ins Feld, indem er als erster mit dem automatischen Schreiben experimentiert. Sichtbar wird dabei das unfassbar Böse, das der bürgerliche Fortschritt mitproduziert. Von dieser Dialektik des Guten und Bösen fasziniert – letzteres ist nichts anderes als das negative Prinzip, das jedes Behagen im Bestehenden zerstören will – und von der Wirkung seiner Maldoror-Experimente enttäuscht, wird er wenig später zum Erfinder des Detournement.
Das Detournement ist kein einfaches Plagiat sondern Methode. Es ist die bewusste Zweckentfremdung gegebener kultureller Formen. Lautreamont plagiierte etwa die Moralismen bestimmter französischer Aufklärer um sie ad absurdum zu führen.
Aber diese Negation der bürgerlichen Vorstellung vom Wahren, Schönen und Guten ist seit langem passé. Der Grund dafür ist einfach die Überreife der Bedingungen einer absoluten Umgestaltung der modernen Welt und die Antizipierbarkeit dieser Umgestaltung in den vielen gescheiterten Versuchen, die bereits dazu unternommen wurden. Die bornierte Konzentration auf die Kunstsphäre ist gemessen daran langweilig, also konterrevolutionär. Deshalb gilt es diesen Zerstörungsprozess nunmehr bis zur Negation der Negation weiterzutreiben. (mehr…)