Anarchie & Kunst

Von der Pariser Kommune bis zum Fall der Berliner Mauer

Action Painting

Buchvorstellung und Vortrag mit Allan Antliff und Katja Cronauer – Di. 17.06.2014 – 20:00 Uhr – Der Laden (Trierer Str. 5), Weimar

    Allan Antliff – Anarchist, Kunsthistoriker, -kritiker und Professor für Moderne und Zeitgenössische Kunst in Kanada – und Katja Cronauer – Übersetzerin – trafen sich vor Kurzem zum ersten Mal in Persona und beschlossen spontan eine Lesereise zu starten.

Allan Antliff stellt sein bei Edition AV erschienenes Buch Anarchie und Kunst – Von der Pariser Kommune bis zum Fall der Berliner Mauer vor. Es beginnt mit Courbet, Proudhon und der Pariser Kommune und handelt von anarchistischer Kunst seit dem 19. Jahrhundert und ihrer Wechselwirkung auf gesellschaftlichen Wandel anhand bedeutender geschichtlicher Ereignisse, vor allem in Europa, Russland und den USA. Unter Bezugnahme auf die philosophischen und politischen Diskurse der jeweiligen Epoche, wird untersucht, wie sich anarchistische Künstler*innen (Maler*innen, Dichter*innen, Grafiker*innen, Musiker*innen, Kunsthistoriker*innen, u.a.) mit einer Reihe von Themen wie Ästhetik, Militarismus, der ökologischen Krise, Staatsautoritarismus, Armut, Antiimperialismus und Feminismus beschäftigt haben. Der Vortrag wird auf Englisch und Deutsch gehalten.

Link zum Buch

Kritik der Kunst – Ästhetik & Gesellschaftskritik

Buchpräsentation »Das Versprechen der Kunst«

Diskussion mit Marcus Quent – Do. 03.07.2014 – ACC – 20:00 Uhr

Was verbindet das philosophische Nachdenken über Kunst mit einer Kritik der Gesellschaft – und kann eine kritische Ästhetik noch heute ein „Instrumentarium“ bereit stellen, um die Gegenwart von Kunst und Gesellschaft zu fassen?

Lukas Holfeld (Mitglied des Bildungskollektivs, Kunst Spektakel Revolution) diskutiert mit dem Herausgeber Marcus Quent (Engagierte Wissenschaft e.V.)

* * *

Die 1970 veröffentlichte Ästhetische Theorie ist ein Fragment gebliebenes Textgefüge, in dem Theodor W. Adorno wesentliche Gedanken in einer Verflechtung von Kunst, Philosophie und Gesellschaft entfaltet. In dem neu erschienen Buch „Das Versprechen der Kunst“ (Turia + Kant, 2014) fragen Autorinnen und Autoren aus den Bereichen Philosophie, Politischer Theorie sowie der Kunst-, Literatur- und Musikwissenschaft nach der Aktualität von Adornos ästhetischer Theorie.

Anlässlich der Veröffentlichung des Sammelbandes veranstaltet die AG Ästhetische Theorie (Engagierte Wissenschaft e.V.) im Juni und Juli zwei weitere Buchpräsentationen in München und Weimar. Zu Gesprächen und Diskussionen sind Autorinnen und Autoren des Bandes, eingeladen um mit den Herausgebern exemplarisch über die Aktualität von Adornos ästhetischer Theorie zu diskutieren.

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mehr Infos:

Engagierte Wissenschaft / AG Ästhetische Theorie
Das Versprechen der Kunst (Turia + Kant)

Vorschau auf KSR-Broschur No.4

Vorschau auf das vorläufige Inhaltsverzeichnis:

  • Jörg Finkenberger – Ein Riss ist in der Welt
  • Daniela MüllerDie Geister der Vergangenheit im Dienste der Revolution – Über die Französische Revolution und die Zitation der Antike
  • Nikolaj BersarinFriedrich Hölderlin und das Werden im Vergehen – Hölderlin in der geschichtsphilosophischen Perspektive
    von Georg Lukács und Theodor W. Adorno
  • Klaus BrieglebAn den Absender zurück – Heinrich Heine an Walter Benjamin
  • Patricia KotzauerTexte keiner Autorin – Rahel Varnhagen und der Brief als Proberaum jüdisch-weiblichen Schreibens um 1800
  • Clemens BachAuguste Langlois schäumt nicht im Tuileriengarten – Joris-Karl Huysmans und Lautréamonts literarische Entwürfe einer negativen Pädagogik
  • Helmut Dahmer – »In der Hölle kann man nicht dichten« – Anmerkungen zu Arthur Rimbaud
  • Jan SieberAllegorie und Revolte bei Baudelaire und Blanqui – Walter Benjamins Zeugen der Geschichte des 19. Jahrhunderts
  • Franz Hahn – Wagner oder das Scheitern der Kunst sowie deren Aufhebung
  • Alexander EmanuelyEnjolras – oder die Attacken der Louise Michel
  • Lukas Holfeld – »Das Spiel mit den Waffen« – Über die Pariser Kommune von 1871
  • Antje Schrupp – »Pour la libération de la femme« – Über die Frauen der Pariser Kommune
  • Roger Behrens – Der Traumschlaf einer Epoche
  • Marlene PardellerGeological Turn: Virginia Woolf und die Dinosaurier

➳ Veröffentlichung im Sommer 2014

Über die Pariser Kommune

[Wir dokumentieren hier den Text »Über die Pariser Kommune« der Situationisten Guy Debord, Attila Kotanyi und Raoul Vaneigem. Der Text ist deutschsprachig im dritten Heft der SI-Textsammlung der Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft (›Weltpolitische Schriften‹) erschienen und florierte bisher nicht im Internet.

    ➳ I.

Man muß die klassische Arbeiterbewegung wieder mit offenen Augen zu studieren lernen, und vor allem klaren Kopf bewahren gegenüber den verschiedenen Arten der politischen und pseudotheoretischen Erben, denn diese haben nur ihre Schlappe geerbt. Die augenscheinlichen Erfolge dieser Bewegung sind ihre fundamentalen Fehlschläge (der Reformismus oder die Einrichtung einer staatlichen Bürokratie) und ihre Fehlschläge (die Pariser Kommune oder die Revolte in Asturien) sind bisher ihre aufschlußreichsten Erfolge für uns und für die Zukunft.

    ➳ II.

Die Pariser Kommune ist das größte Fest des XIX. Jahrhunderts gewesen. Grundlegend dazu war der Eindruck der Aufständischen, Herren über ihre eigene Geschichte geworden zu sein, nicht so sehr auf der Ebene des politischen ‚Regierungs‘-Beschlusses, als auf derjenigen des alltäglichen Lebens in diesem Frühling des Jahres 1871 (man denke an das Spiel aller mit den Waffen – was eigentlich ‚mit der Macht spielen‘ bedeutet). Auch in diesem Sinne soll Marx‘ Satz verstanden werden: „Die große soziale Maßregel der Kommune war ihr eigenes arbeiten des Dasein.“. (mehr…)

Bilder-Schau zum Vortrag »Last Exit: Depression!?«

Katharina Zimmerhackl – Last Exit: Depression!?

Ein Ver­such über De­pres­si­on und ihre ge­sell­schaft­li­che Funk­ti­on zu spre­chen – Vortrag von Katharina Zimmerhackl am 14.11.2013

1. The Anatomy of Melancholie – Titelbild des gleichnamigen Buches von Robert Burton (ca. 1638)

Robert Burton: The Anatomy of Melancholy

2. Jacques de Gheyn: Saturn as Melancholy (1595/6)

Jacques de Gheyn: Saturn as Melancholy

3. Giovanni Stradano: Der fünfte Höllenkreis, die Zornigen und die der Acedia Verfallenen

Giovanni Stradano: Der fünfte Höllenkreis

4. Pieter Bruegel d.Ä.: Desidia (Die Trägheit) (1557)

Pieter Bruegel: Desidia

5. Albrecht Dürer: Melancholia (ca. 1514)

Albrecht Dürer: Melancholia

6. Lucas Cranach d.Ä.: Die Melancholie (1532)

Lucas Cranach: Die Melancholie

7. Caspar David Friedrich: Mönch am Meer (1808/1810)

Caspar David Friedrich: Mönch am Meer

8. William Blake: Nebuchadnezzar (1795/1805)

William Blake: Nebuchadnezzar

9. Francisco de Goya: Saturn, einen seiner Söhne verschlingend (1821-1825)

Francisco de Goya: Saturn

10. Otto Dix: Melancholie (1930)

Otto Dix: Melancholie

Ästhetik der Produktion und Bilder des Tagtraums

Kommentar zu einer möglichen Aneignung des Werkes von László Moholy-Nagy1

Jede weitere kunsthistorische, medientheoretische oder sonstwie interessierte Annäherung an das Bauhaus, den Konstruktivismus, Moholy‐Nagy oder die Avantgarden überhaupt kann nur ermüdend sein, wenn sie das Material selbst unberührt und unbearbeitet lässt, von dem wir momentan getrennt sind. Guy Debord hat Dadaismus und Surrealismus als zwei Seiten einer Aufhebungstendenz der Kunst begriffen, die beide mit einer gewissen Konsequenz aus dem Ende der modernen Kunst entspringen: Auf der einen Seite eine formale Zerstörung der Kunst, auf der anderen Seite ein naiver Wille zur Verwirklichung der Kunst im vorgefundenen Alltagsleben. Ausgehend von der Erkenntnis, dass die Geschichte der Kunst, ebenso wie die der revolutionären Strömungen, sich immer in Trennungen vollzogen hat, lässt sich hier eine weitere Trennungslinie aufspüren: Auf der einen Seite das Prinzip, das, ausgehend vom Impressionismus, die Wahrnehmung zum Ausgangspunkt künstlerischer Produktion macht – Sensualismus, Kontemplation und Rezeptivität – und auf der anderen Seite, ausgehend von Suprematismus und Konstruktivismus (dessen zerstörerische Tendenz der Dadaismus aufnimmt), das Prinzip der Konstruktion – Produktionsästhetik, Funktionalismus und Kunstproduktion als neuer Standard einer gesellschaftlichen Produktion. László Moholy‐Nagy (1895–1946) hat diese beiden Momente in seinem Wirken vereinigt, indem er einerseits die Auswirkungen der modernen Produktivkraftentwicklung auf den Sinnesapparat der Menschen und die daraus entspringenden Möglichkeiten von Kunstproduktion auf einer höheren Ebene erforscht und andererseits Konstruktionsprinzipien einer neuen Lebensumgebung des Menschen entworfen hat. (mehr…)

Von der Grundfarbe Schwarz

Negative Ästhetik oder verhüllte Utopie in der Kunsttheorie Adornos

Vortrag von Bersarin – Do. 07.11.2013 – ACC – 20:00 Uhr

Alle gelungene Kunst der Nachkriegsmoderne sei von der Grundfarbe schwarz, so formulierte es Adorno an einer Stelle seiner »Ästhetischen Theorie«. Um überhaupt noch als Kunst, die Ausdruck ihrer Verhältnisse sein möchte, bestehen zu können, muss sich Kunst verschließen. Schärfer und paradigmatischer als Adorno es in diesen Worten vom Ideal des Schwarzen fasste, lassen sich eine Ästhetik sowie die Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg nicht auf den Punkt ihre Negativität bringen. Diese Bestimmung von Kunst freilich ist nicht willkürlich gesetzt oder irgendeiner Marotte Adornos fürs Negative geschuldet, sondern eng verwoben mit seiner Gesellschaftstheorie sowie der geschichtsphilosophischen Sichtung, die er in der »Dialektik der Aufklärung« vornimmt. Im Zeichen einer in der Totalen und bis ins Detail hinein verwalteten Welt, deren System kaum noch zu entrinnen ist, muss sich jede Kunst als Zuspruch verkaufen, die bloß dekorierend sich gebärdet oder die immer noch im Sinne idealistischer Ästhetik als moralische Lehranstalt auftritt, als wäre nichts gewesen, die sich als sinnliches Scheinen der Idee konzipiert oder den schönen Schein liefert. Während jedoch der Scheincharakter von Kunst zugleich konstitutiv für das gelungene Kunstwerk bleibt, weil darin ein Moment von Wahrheit inmitten des Falschen überlebt. Es hat diese fast schon normativ zu nennende Vorgabe Adornos für die Kunst zudem einen materialen Grund: nämlich dem, was nach Dan Diner als der »Zivilisationsbruch nach Auschwitz« bezeichnet werden kann:

»Um inmitten des Äußersten und Finstersten der Realität zu bestehen, müssen die Kunstwerke, die nicht als Zuspruch sich verkaufen wollen, jenem sich gleichmachen. Radikale Kunst heute heißt soviel wie finstere, von der Grundfarbe schwarz.« (Th. W. Adorno, Ästhetische Theorie)

Zum einen scheint in diesem Satz Adornos ein radikal mimetisches Moment von Kunst auf, zum anderen konzipiert sich darin eine Ästhetik des Entzugs. War für die Ästhetik – noch über die Klassische Moderne hinaus – der Begriff der Schönheit und mit Einschränkungen bzw. Konjunkturen unterworfen der des Erhabenen zentral, so kehrt Adorno die Vorzeichen nicht einfach um, indem nun einer »Ästhetik des Häßlichen« oder der bloßen Negativität das Wort geredet wird – denn dies wäre lediglich eine abstrakte Gegenbestimmung –, sondern diese Diagnose Adornos bedeutet eine umfassende Neubestimmung von Kunst sowie der Kunsttheorie inmitten einer entfesselten Gesellschaft und inmitten der Katastrophe. Es gibt nichts Harmloses mehr – dies zeigten bereits Adornos »Minima Moralia«, jene »Reflexionen aus dem beschädigten Leben« – und Schönheit der Kunst als Selbstzweck und Sedativum wäre Betrug. Gleichzeitig aber ist der Lustcharakter im Sinne einer unreglementierten Erfahrung für Kunst konstitutiv – zumindest insofern Kunst sowie die sie begleitende Ästhetik an einem irgendwie gearteten Begriff von Emanzipation festhalten wollen. Gerade um der Rettung jenes letzten Rests von Utopie willen, bewegt sich Kunst am Rande des Verstummens und entzieht sich den einfachen Funktionsbestimmungen. Mit System verschließen sich die Werke der modernen Kunst dem Betrachter.

Adornos Ästhetik reagiert auf diese Tendenzen der Kunst der 50er und 60er Jahre: sei dies nun die abstrakte Malerei, die Literatur Becketts oder die Lyrik Celans und insbesondere die neue Musik. Dieser Entzug terminiert – etwa innerhalb der Malerei – in den schwarzen Abstraktionen eines Ad Reinhardt. Das Ideal des Schwarzen als Entzug und Form in einem ist, so Adorno, einer der tiefsten Impulse von Abstraktion. Freilich handelt es sich hierbei um eine solche Abstraktion, die nicht nur in der Malerei ihren Ort hat. Becketts Roman »Watt« oder auch sein »Endspiel«, ebenso die hermetischen, kaum noch in einen hermeneutischen Horizont des Verstehens zu bringenden Gedichte Paul Celans bilden den Raum einer avancierten Kunst, die die Farbe schwarz nicht mehr nur als Hintergrund oder als eine unbunte Variante installiert, sondern die Verdüsterung wird zum Moment der ästhetischen Form selbst – einer Form, die zugleich sedimentierter Inhalt ist.

Die Hermetik von moderner Kunst, die Anstrengungen, die sie verursacht, sind ihr nicht bloß äußerlich gesetzt, sondern in der Sache gegründet: einer Moderne, die ihr eigenes Versprechen, nämlich das von Befreiung und Emanzipation, nicht einzulösen vermochte. Diese Aspekte einer Kunst nach Auschwitz, deren Ideal das des Schwarzen ist, sowie die damit korrespondierenden Momente einer Gesellschaftstheorie bei Adorno versuche ich in meinem Vortrag in eine Konstellation zu bringen: daß Kunst nicht mehr nur einem abstrakten Ideal von Schönheit huldigt, daß aber ihre Schwärze als Verstummen und Erlöschen von Kunst zugleich nicht das letzte Wort sein können. Kunst und Philosophie sind Ausdruck von Leiderfahrung. Dies gilt auch heute noch.

Bersarin, Jahrgang 1964, studierte Philosophie, Soziologie, Germanistik und nebenher Kunstgeschichte. Er lebt und arbeitet in Berlin, ist tätig im Verlagswesen und beschäftigt sich mit der Philosophie und Ästhetik der Moderne sowie der Postmoderne. Insbesondere die Philosophie Kants, Hegels, Adornos und Benjamins wie auch Positionen des Französischen Poststrukturalismus gehören zu seinem Arbeitsfeld. Er betreibt den Blog »Aisthesis« (bersarin.wordpress.com) und macht Fotos, die er zuweilen hier zeigt: proteusphotographie.wordpress.com.

Last exit: Depression?

Ein Versuch über Depression und ihre gesellschaftliche Funktion zu sprechen

Vortrag von Katharina Zimmerhackl – Do 14.11.2013 – ACC – 20:00 Uhr

Immer wieder begegnet uns die Depression (und als neuere Form das Burnout), sei es im Freundeskreis oder auf Werbeplakaten – das Thema ist allgegenwärtig. Nicht zu unrecht, denn in den letzten Jahrzehnten ist die Depression die psychische »Volkskrankheit« schlechthin geworden. Aber was genau ist eine Depression und wie hängt sie mit den gesellschaftlichen Verhältnissen zusammen? Stillstand, Starre, Leere, zuviel Schlaf, zuwenig Schlaf, zuviel Ich, zuwenig Ich, Einsamkeit, Erschöpfung, Antriebslosigkeit… ? Einer Einführung in die Geschichte der Depression folgt der Versuch über ihre Ursachen, statt ihrer Symptome zu sprechen um sich dem anzunähern, was sich in ihr ausdrückt.

Katharina Zimmerhackl schreibt u.a. für Outside the Box.

Die enigmatische Sprache der Kunst

Becketts Roman Der Namenlose mit Adorno gelesen

Vortrag von Martin Krempel – Do. 12.12.2013 – ACC – 20:00 Uhr

Nach Theodor W. Adorno trägt jedes gelungene Kunstwerk Geheimnisse über den Zustand des menschlichen Zusammenlebens in sich verborgen, welche danach verlangen ästhetisch erfahren und intellektuell gedeutet zu werden. Durch ihren eigensinnigen Sprachcharakter können Kunstwerke verschüttete Erfahrungen thematisieren, während der gleiche Sprachcharakter verhindert, dass diese Erfahrungen vom Rezipienten in Gänze verstanden werden. Sie bleiben Rätsel, die die paradoxe Aufgabe herausfordern, durch ihre unmögliche Entschlüsselung hindurch, entschlüsselt zu werden.

Im Vortrag soll das schwierige Unternehmen versucht werden den Roman Der Namenlose von Samuel Beckett nicht nur ästhetisch zu beschreiben, sondern auch nach seinem geheimen Kern theoretisch zu befragen. Im Roman selbst findet man sich im Kopf des namenlosen Protagonisten wieder und ist gezwungen dessen psychotischen Diskurs über sich selbst, seine Sinneswahrnehmungen, seinen Drang zum Nichts, dem endgültigen Tod, und den anderen Stimmen und Gestalten in offenen Räumen nachzuirren. Dabei ist man mit drei verschiedenen Sequenzen konfrontiert: einer sich ständig wiederholenden und sich verschiebenden Identitätssuche, dem Entwurf von schaurig-schönen Fabeln, Bildern und Pantomimen, und einer immer wieder eingeschobenen negierenden Selbstreflexion über das Geschehen. Alle drei Sequenzen sind dabei so tief ineinander verschlungen und durchgeformt, dass sie sich zu einer düsteren aber immer schon verloren gegangenen Welt zusammenziehen.

Im vorsichtigen Rückgriff auf die vielen Notizen die Adorno über Becketts oeuvre, z. B. in der Ästhetischen Theorie, in den Noten zur Literatur oder auch in seiner eigenen Ausgabe des Romans Der Namenlose, niedergeschrieben hat, soll für diese trostlose Welterfahrungen eine Interpretation Stück für Stück entwickelt werden. Adorno selbst schrieb 1962 in einem Brief an Werner Kraft über seine Beckettlektüre: »Übrigens glaube ich, daß die Romane an Bedeutung über die Stücke noch hinausgehen, vor allem L`Innommable, den ich jetzt mit wahrhaft fieberhafter Teilnahme gelesen habe. Eine Interpretation habe ich, noch während der Lektüre, skizziert; vielleicht finde ich neben meinen großen Projekten Zeit, sie zu textieren. Sie sollten aber diesen Roman unbedingt lesen, obwohl gute Nerven dazugehören – damit verglichen ist Kafkas Strafkolonie wie der Nachsommer

Der Anspruch des Vortrages lautet nichtsdestotrotz, den Roman auf keinen Fall in Adornos Philosophie zu ertränken oder auch nur dessen potentielle Interpretation nachholen zu wollen, sondern einzelne ästhetische Reflexionen von Adorno als Hilfestellung zu benutzen, um das Kunstwerk als Kunstwerk eigenständig deuten zu können. Becketts Werke scheinen unterschiedlichste philosophische Auslegungen über Adorno hinaus, wie z. B. die von Günther Anders, Gille Deleuze, Alain Badiou oder Simon Critchley, um nur einige wenige zu nennen, magisch anzuziehen, vielleicht auch weil Beckett der Philosophie, ohne vor-philosophisch zu werden, so kompromisslos wie kein Zweiter das Gericht gemacht hat.

In der angestrebten Interpretation soll die These verteidigt werden, dass im Namenlosen eine extreme Situation der spätmodernen Weltlosigkeit ihren künstlerischen Ausdruck findet. Und zwar indem die Themen Subjekte ohne Subjektivität, Topologie des sozialen Todes und Ethos der Hoffnungslosigkeit, unnachahmlich durchgespielt werden. Jedes dieser Themen ist nicht nur auf der inhaltlichen sondern auch auf der formalen Ebene, z. B. durch die Mittel der Subtraktion, Dissonanz, psychotisch gebrochene Satzstruktur, inneren Spannung, gleichbleibenden Dichte, Symbolwirkung starker Substantive, des Echos, Ausdrucks, Glanzes und der Erschütterung, aufgehoben. Beckett hat in seinem Werk die klassische Struktur des Romans, in welcher unter einer je spezifischen Dramaturgie mit einem Anfang und einem Ende handelnde Subjekte ihre Beziehung zur Welt organisieren, gekappt und in neuer, negativer Art und Weise fortgeführt. Das zentrierende Moment ist nun nicht mehr ein tragischer oder komödiantischer Sinnzusammenhang, sondern die Fokussierung auf einen imaginären Nullpunkt, einer des Schweigens, der Ruhe und des letzten Friedens, um welchen herum die Handlung verzweifelt auf der Stelle tritt. Dadurch wird die fiktionale Beschwörung einer anderen Welt ebenso wie die realitätsgerechte Beschreibung gesellschaftlicher Totalität hinter sich gelassen, um im Schaurigschönen der gesteigerten Realitätskonfrontation festzuhalten, dass das, was ist, nicht alles sein kann, wenn Leiden das Leben zu erdrücken sucht. »Becketts Stücke oder der wahrhaft ungeheuerliche Roman Der Namenlose üben eine Wirkung aus, der gegenüber die offiziell engagierten Dichtungen wie Kinderspiel sich ausnehmen; sie erregen die Angst, welche der Existenzialismus nur beredet.« (Adorno)

Martin Krempel lebt in Weimar und studiert Gesellschaftstheorie in Jena.



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