Geld als zweite Natur

Der Rhythmus nach Takten

Vortrag von Eske Bockelmann
Do 08.04.2021 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Unter kapitalistischen Verhältnissen ist Musik in ihren Oberflächenerscheinungen erheblich durch die starke Kommerzialisierung geprägt. Aber diese Prägung geht noch sehr viel tiefer, als man vermuten würde. Das Geld gibt nicht allein unserem Denken bestimmte Formen vor, sondern bereits unserer unwillkürlichen Wahrnehmung. Unser Rhythmusgefühl richtet sich heute nach Takten, aber das hat es nicht etwa seit Menschengedenken getan. Vielmehr lässt sich zeigen, dass erst das Leben in einer geldvermittelten Gesellschaft notwendig die taktrhythmische Wahrnehmung bedingt.

Eske Bockelmann (Chemnitz) stellt seine These zum Ursprung moderner Taktrhythmik vor. Er ist Autor des Buches „Im Takt des Geldes. Zur Genese modernen Denkens“ (Zu Klampen, 2004).

Kritik und Musik

Mit den Ohren denken nach Adorno

Vortrag von Iris Dankemeyer
Do 22.04.2021 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Adorno fühlte sich zeitlebens als Musiker. Zu seinem eigenen Bedauern wurde nur ein berühmter Philosoph aus ihm und kein Komponist. Sein Werk besteht zur Hälfte aus Musikalischen Schriften und zur anderen Hälfte auch, denn Adornos Stil ist stets an kompositorischen Verfahren und an klanglichen Parametern orientiert. Seine Vorliebe fürs Ästhetische brachte Adorno nicht nur mit dem politisch denkenden Horkheimer in Konflikt, sondern auch mit sich selbst – so sehr er die Musik metaphysisch beschwor und höhere Erkenntnis von ihr erwartete, so bewusst war ihm dabei, dass auch die revolutionärste Dissonanz kaum zu realen gesellschaftlichen Veränderungen beiträgt. Oder doch?

Adorno witterte immer wieder autoritäres und faschistisches Potenzial „in Bereichen, die zunächst unmittelbar mit Politik überhaupt nichts zu tun haben, in denen aber Denkstrukturen, Begriffe, Wünsche, Kategorien, Verhaltensweisen konserviert werden“. Darum hat er den Jazz kritisiert, weil dieser Subversion mit Kommerzialisierung und kulturelle Integration mit politischer Emanzipation verwechselte. Darum hat er den Jazz verteidigt, weil dessen musikalische Regressionen immer noch tausendmal progressiver waren als das Renegatentum der deutschen Jugendmusikbewegung, die der Aktivist Adorno engagiert bekämpfte.

Der Vortrag skizziert zunächst rhapsodisch den Konflikt von Musik und Politik bei Adorno. Anschließend stellt er sich und allen, die es hören wollen, Fragen wie diese: Was hat es mit dem „dritten Ohr“ auf sich? Was hat Adorno als musikalischer Direktor der ersten marktwirtschaftlichen Radiostudie in New York gemacht? Was hat Jazz mit Sex zu tun? Worin unterscheidet sich „gute schlechte Musik“ von „schlechter guter Musik“?

Vor allem aber: Kann man auch ein halbes Jahrhundert nach Adorno noch mit den Ohren denken und wenn ja: was?!

Iris Dankemeyer schreibt, lehrt und singt beim Kommunistischen Tresen Berlin. 2020 veröffentlichte sie im Verlag Edition Tiamat das Buch „Die Erotik des Ohrs. Musikalische Erfahrung und Emanzipation nach Adorno“.

Kritische Theorie des Hörens

Musikphilosophie und negative Anthropologie
nach Sonnemann

Vortrag von Martin Mettin
Do 06.05.2021 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Die Geschichte der Philosophie ist eine Geschichte des denkenden Sehens. Zwar bedeutet dieses Sehen Aufklärung, jedoch wächst kulturgeschichtlich zugleich seine Tendenz zum instrumentellen Registrieren, zur „Okulartyrannis“. Es sind die im Zuge dieses Prozesses vernachlässigten Potentiale des Hörens, die einen kritischen Einspruch gegen solche Verdinglichung geltend machen können. Martin Mettin nimmt diese These der späten Arbeiten Ulrich Sonnemanns zum Ausgangspunkt, um der Untergrundgeschichte einer verdrängten Philosophie des Hörens nachzuspüren. Aufklärung erweist sich hier als Forderung nach Hellhörigkeit, nach einer sensiblen Aufmerksamkeit für die von Widersprüchen verdunkelte Welt.

Martin Mettin arbeitet zu einer materialistischen Philosophie der Sinnlichkeit und promovierte über die späten Arbeiten Ulrich Sonnemanns. 2020 veröffentlichte er das Buch „Kritische Theorie des Hörens. Untersuchungen zur Philosophie Ulrich Sonnemanns“ (Metzler Verlag), das er im Vortrag vorstellen wird.

Politik und Ästhetik

in Luigi Nonos experimentellem Musiktheater

Vortrag von Irene Lehmann
Do 13.05.2021 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

„Die Revolution ist der Schönheit nicht entgegengesetzt“ heißt es am Anfang von Luigi Nonos zweitem großen Musiktheaterstück. Mit diesem Satz ist das Feld von Fragen nach dem Verhältnis von Politik und Ästhetik eröffnet, das ich in dem Vortrag beleuchten möchte. Luigi Nono, der zur Avantgarde der Neuen Musik seit den 1950er Jahren gehörte, zeichnet sich nicht nur durch einen unkonventionellen Umgang mit dem Verhältnis von Politik und Ästhetik aus, sondern auch durch den Entwurf eines neuen Verhältnisses von Theater und Musik, von kompositorischer Form und Aufführung.

Anhand einiger musiktheatraler Kompositionen, unter anderem Al gran sole carico d’amore, möchte ich zeigen, wie er diese Form nutzt, um das Glücken und Scheitern von Revolutionen und Aufständen im Theaterraum und die Verschiebungen im politischen Gefüge Ende der 1960er Jahre zur Reflektion zu bringen.

Nono orientierte sich in seinem Konzept von politischem Musiktheater an der italienischen Resistenza-Bewegung, an Antonio Gramsci und später an Walter Benjamins geschichtsphilosophischen Überlegungen.

Vortrag mit Musikbeispielen, Photographien und Video-Ausschnitten und anschließender Diskussion.

Irene Lehmann arbeitet zum Musiktheater und politischen Theater des 20. und 21. Jahrhunderts, Performance-Kunst und Geschlechterverhältnissen. 2019 veröffentlichte sie das Buch „Auf der Suche nach einem neuen Musiktheater. Politik und Ästhetik in Luigi Nonos musiktheatralen Arbeiten zwischen 1960 und 1975“.

Meredith Monk

Körpergedächtnis und Vokalperformance
statt schriftfixierter Werkpartitur

Vortrag von Marie-Anne Kohl
Do 10.06.2021 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Die multidisziplinär arbeitende Künstlerin Meredith Monk hat sich in ihrer bald 60-jährigen Karriere vor allem als Komponistin und Pionierin der vokalen Performancekunst einen Namen gemacht. Musik entsteht bei ihr in der Regel nicht auf dem Papier, sondern stets als aktive Tätigkeit in Auseinandersetzung mit der individuellen Stimme, in der Proben-Arbeit mit ihren Ensembles, und somit als primär somatische Aktivität. Ihre Kompositionen, ihre häufig multidisziplinär angelegten Musiktheater-Arbeiten, sind so weniger als fixierte Werke zu verstehen, vielmehr stehen eine gewisse Flexibilität und interpretatorische Freiheiten von vorstrukturierten musikalischen Patterns in den Proben und Aufführungen ihrer Musik im Mittelpunkt. Von zentraler Bedeutung ist dabei das so genannte Körpergedächtnis, die „in-the-bone-quality“ (Monk) ihrer Musik. Auch aufgrund dieses Unterlaufens der Idee eines schriftfixierten Werkprimaten durch ihre künstlerische Praxis wurden und werden Monks Arbeiten häufig in einem feministischen Kontext gelesen. Unter diesen Aspekten wird der Vortrag in Leben und Werk von Meredith Monk einführen.

Marie-Anne Kohl arbeitet am Forschungsinstitut für Musiktheater der Universität Bayreuth. Sie ist Autorin des Buches „Vokale Performancekunst als feministische Praxis: Meredith Monk und das künstlerische Kräftefeld in Downtown New York, 1964-1979“ (Transcript, 2015).

Modernistische Rationalität und Überwältigung

Über das Werk von Iannis Xenakis

Vortrag von Reinhold Friedl
Do 24.06.2021 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Der 1922 geborene griechisch- französische Komponist Iannis Xenakis ist eine der großen Figuren in der Musik des 20ten Jahrhundert – und ein offener Geiste: als ausgebildeter Bauingenieur liebte er Mathematik und Architektur: beides spiegelt sich in seiner Musik wider: mathematisch organisiert und doch im höchsten Grade emotional und intensiv. Überwältigende Klangmassen wie Glissando-felder dominieren insbesondere seine über vierzig Orchesterwerke, aber auch seine elektronische Musik: Heutzutage würde man wohl von immersiver Kunst sprechen. Xenakis erfand architektonische Formen für Le Corbusier, elektronische Klangsynthesen, multimediale Spektakel und kompositorische Techniken (das vollständige Divisi der Orchesters). Die Schallplatten seiner Musik sind heute Sammlerstücke. Vor dem Hintergrund seiner Biographie als griechischer Widerstandskämpfer und Emigrant wird anhand ausgewählter Stücke Xenakis‘ berauschende Klangwelt vorgestellt und einige seiner kompositorisch-technischen Tricks verraten. Modernistische Rationalität zur Überwältigung des Hörers!

Reinhold Friedl studierte Komposition, Klavier und Mathematik, Promotion zum elektroakustischen Werk von Iannis Xenakis an der Goldsmiths University London. Neben seiner Kompositionstätigkeit (Aufträge des französischen Staates, der BBC, der Landes Berlin, etc.) konzertiert er solistisch und mit seinem Ensemble zeitkratzer weltweit. Zahlreiche CD- und Schallplatten-Veröffentlichungen und diverse Artikel zur Musik Iannis Xenakis‘. www.reinhold-friedl.de

Hinweis: Die Veranstaltung wird als Hybrid-Veranstaltung stattfinden. In der ACC Galerie Weimar können 15 Personen – mit einem aktuellen Test oder einem Impfnachweis – als Publikum anwesend sein. Wir bitten dafür um eine Anmeldung per Email: kultur@acc-weimar.de – Trotzdem wird die Veranstaltung wie bisher auch per BigBlueButton gestreamt. Link zur Online-Konferenz: hier.

Leider muss die Veranstaltung mit Reinhold Friedl nun doch als reine Online-Veranstaltung stattfinden. Durch corona-bedingte Terminverschiebungen fällt der Termin mitten in den Galerie-Umbau der ACC Galerie Weimar. Wir bitten um Verständnis. Der Vortrag wird, wie gehabt, per BigBlueButton gestreamt. Eine Voranmeldung ist nicht notwendig.

Hinaus auf die Straße, hinein in die Kämpfe

Kommunismus und Neue Musik der 1960er und 70er Jahre

Vortrag von Felix Klopotek
Do 01.07.2021 – ACC Galerie Weimar – 16:00 Uhr

Zu Beginn der 60er Jahre hatte die Neue Musik in ihrer Auseinandersetzung mit sich selbst ein Niveau erreicht, das den Übergang zur gesellschaftlichen Frage fast zwingend nahelegte: Es gab schlicht keine Regeln des Komponierens und der Aufführung mehr, die nicht hinterfragt wurden, und je mehr die Komponistinnen und Komponisten neue Parameter festlegten, desto stärker wurde ihr ästhetisch willkürlicher – oder positiv formuliert: ihr offener Charakter deutlich. Die Regeln erwiesen sich als genuin soziale, weil ihre Legitimation durch einen Kanon überlieferter Techniken und ästhetischer Maximen zunehmend scheiterte, einfach obsolet wurde. Musikspielen konnte somit unverstellt als ein kollektiver Akt begriffen werden, die Rolle des Interpreten als abhängige Variable ließ sich nicht länger aufrechterhalten.

Als »1968« die Leute auf die Straßen gingen und gegen die überlieferten Regeln des Miteinanders aufbegehrten, gab es nicht wenige »Avantgarde-Musiker«, denen sich im Ereignis der globalen Revolte der Sinn ihrer Musik neu erschloss: Die Musik zeigte sich ihnen als Utopie (Vorwegnahme) wie Medium (Kommunikationskanal) einer befreiten Gesellschaft. Für einen historischen Moment wurde diese Avantgarde egalitär und anti-institutionell, und man konnte unbefangen über den Zusammenhang von John Cage und Arbeiterbewegung nachdenken.

Diese Bewegung ist gescheitert, aber eigentlich alles an ihr ist unabgegolten. Vielleicht gerade weil sie längst dokumentierter Teil der Musikgeschichte geworden ist (also den einst verhassten Institutionen überlassen wurde), ist sie nie systematisch von jüngeren Linken aufgearbeitet worden. Felix Klopotek wird Material zum Verständnis dieser Bewegung vorstellen.

Wir bitten um Voranmeldung per Email: biko[at]arranca[dot]de

Felix Klopotek ist Autor und Journalist und lebt in Köln. Er veröffentlichte u.a. das Buch „How they do it. Free Jazz, Improvisation und Niemandsmusik“ (Ventil Verlag, 2002).

Schönberg – Einführung in die klassische Musik

Wochenendseminar mit Franz Hahn

02.–04.07.2021 – Weimar

Der Prophet Schönberg hat der Nachwelt einige Rätsel hinterlassen. Vorbei ist die klassische Musik, wie wir sie kannten, die um einen Grundton kreisende Harmonik ist schal geworden. Die musikalische Erfassung und Darstellung unserer Welt, indem man Quinten und Terzen als Gerüst nimmt, wirkt nunmehr so platt wie assyrische Menschendarstellungen. Und doch tut man sich schwer, daraus geeignete Konsequenzen zu ziehen. Die damals neue Musik stiftet keinen neuen Zusammenhang. Ohne jedes neue positive System ist sie experimentell erarbeitet und durch extrem gutes Gehör und Formgefühl justiert. Es gibt zwar schließlich eine von Schönberg entwickelte Methode, mit 12 Tönen zu komponieren, aber er charakterisiert sie eher als eine private Krücke, die ihm dabei half, nicht implizite wieder in den Sog der alten tonalen Welt zu geraten, der er eben kaum entronnen war. Im Grunde bildet seine Musik den Beginn einer Epoche, die nie beginnen wollte und hinter die es kein Zurück gibt.

Vielleicht gerade weil Schönberg in seinem Schaffen einige neue, im Grunde revolutionäre Wege ging, gibt es bei ihm einen konservativen Bezug auf die Werke der alten Meister. Seinen Schülern mutete er das Studium der klassischen Harmonie und des klassischen Kontrapunkt zu. Jeder Schritt muss praktisch nachvollzogen werden, kein Gesetz durfte ohne Not gebrochen werden, die neue Musik solle durch immanente Negation der alten Musik geschrieben werden. Jeder muss von vorne anfangen, jeden Schritt selbst gehen. Seine Schriften eignen sich daher sehr gut für eine Einführung in die abendländische Musik. Neben einer Harmonielehre und einer Kontrapunktlehre hat er auch einige gut geschriebene Essais hinterlassen, die gerade interessierten Laien nützlich sind. Für solche ist das Seminar gedacht, aber es dürfen gerne auch Leute kommen, die vom Fach sind. Lektüre der Texte ist nicht Bedingung des Erscheinens.

Die Anzahl der TeilnehmerInnen ist begrenzt. Wir bitten um eine Anmeldung per Email: biko[at]arranca[dot]de

Hinweis: Inzwischen ist die maximale TeilnehmerInnen-Anzahl erreicht, weshalb wir die Anmeldung schließen. Wir bitten um Verständnis.

Abschaum

Über Punk

Vortrag von Roger Behrens
Do 15.07.2021 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Punkgeschichte ist die unterirdische Geschichte des Pop, Ausdruck der Dialektik der (bürgerlichen) Kultur in ihrem Zerfall; Punkgeschichte als eine Aneinanderreihung von Vexierbildern, auf denen sich Inszenierungen der Avantgarde und des Konformismus zeigen. – Punk ist die politisch-ästhetische Konsequenz der kulturellen Logik des Spätkapitalismus, ist als »Soundtrack zum Untergang« zugleich das Spektakel eines auf Verewigung festgestellten Kapitalismus in seiner vermeintlich extremsten Form; die alte Punk-Parole »No Future« ist wahr und falsch zugleich. Punk ist Kunst und Antikunst, und wie diese interessant und banal. Punk begleitet und konterkariert die emanzipatorische Linke; die Signatur der Punkgeschichte ist die Rückkopplung von Fortschritt, Regression und Stillstand im selben Augenblick. – Der Vortrag versucht, Punk und seine Geschichte zu rekonstruieren.

Roger Behrens ist Autor und Publizist und lebt in Hamburg. Er ist u.a. Autor des Buches „Pop Kultur Industrie. Zur Philosophie der populären Musik“ (Königshausen & Neumann, 1996).

Der Vortrag wird als Hybridveranstaltung stattfinden: In der ACC Galerie können maximal 17 Personen vor Ort sein (Impfnachweis oder tagesaktueller Test vorausgesetzt). Wir bitten hierfür um eine Anmeldung über kultur@acc-weimar.de – Parallel wird die Veranstaltung per BigBlueButton gestreamt.

Music of the Living Dead

Über die Angleichung von Leben und Tod
im Brutal Death Metal

Vortrag von Patrick Viol
Do 29.07.2021 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Im Heavy Metal der 80er Jahre besingen Männer mit langen Haaren und schmierigen Lederkutten den dunklen Lord, er möge ihnen einen Pakt anbieten, um den eigenen Tod besiegen und an seiner Allmacht partizipieren zu können – und das nicht selten im Falsett. Dem Teufel Frauen zu opfern, gilt als das bestialische Äquivalent, das zu erbringen die eisernen Männer sich willfährig bereit erklären.

Im Brutal Death Metal Mitte der 90er – der wohl krassesten, substilistischen Ausformung des Heavy Metals – gibt man sich oft mit Glatzen, düsteren Mienen und dicken, tätowierten Armen zwar männlicher als je zuvor, aber eben auch säkular und profan. Töten mit Hacken, chirurgischen Instrumenten und nicht zuletzt mit dem eigenen Genital setzt sich hier als Selbstzweck. Das Unwesen, welchem man sich hier anzuverwandeln versucht, ist das Kapital selbst nach der Seite seiner technischen Zusammensetzung: die maschinellen Produktionsmittel, das tote Kapital. Seinem blinden Voranschreiten gleich zu werden, darin feiert das männliche Subjekt des Brutal Death Metal einerseits seinen Sieg über seine sterbliche Natur. Am Instrument als Naturbeherrscher und als beherrschte Natur zugleich gerät es aber in einen Widerspruch mit sich selbst und zelebriert andererseits seinen eigenen Tod.

So erklingt im Brutal Death Metal sowohl stets eine Spannung zwischen Maschinellem und Organischem als auch der Versuch, ihre Differenz zu tilgen. Dafür büßen, dass der Versuch misslingt, sich über das natürliche Leben zu erheben, muss: die Frau. Darin erweist man sich jeder Säkularisierung zum Trotz als traditionalistisch.

War der Zombie schon immer der Ausdruck dafür, dass sowohl Leben und Tod des Menschen sich nicht mehr recht unterscheiden lassen als auch für dessen blindes Weitermachen ohne Grund (denn der Zombie frisst nur um zu fressen, weil er nicht verhungern kann) so lässt sich Brutal Death Metal als die Musik von Untoten begreifen. Zur Behandlung dieser These wird sich im Vortrag vor allem auf die Analyse des musikalischen Materials bezogen. Neben einer musikgeschichtlichen Einordnung des Brutal Death Metal werden Szene-übliche Accessoires, Hörbeispiele und Videos präsentiert – und ‚live‘ Gitarre gespielt.

Patrick Viol ist u.a. Autor des Extrablatts und Autor des Artikels „Music Of The Living Dead. Die Angleichung von Leben und Tod im Brutal Death Metal“.

Der Vortrag findet als Online-Veranstaltung statt. Link zur Online-Konferenz: hier.

Michaela Ott: Revolutionsversuche in Gesellschaft und Kunst

Wir dokumentieren hier den Vortragstext von Michaela Ott, „Revolutionsversuche in Gesellschaft und Kunst: Anarchismus, Bauhaus, Dada“. Der Vortrag wurde am 07.05.2020 in der ACC Galerie Weimar gehalten (nachzuhören hier). Unter dem gleichen Titel hatte Michaela Ott bereits auf dem Symposion zum 100. Jahrestag des „deutschen Frühlings“ referiert. Wir stellen dem Vortragstext eine Liste mit Radiobeiträgen und Literaturhinweisen zum Thema voran:

Novemberrevolution

Gustav Landauer

Bauhaus

DADA

Literatur

Bernd Langer: Die Flamme der Revolution. Deutschland 1918/19, UNRAST Verlag 2018.

Richard Müller: Eine Geschichte der Novemberrevolution, Die Buchmacherei 2017.

Hans Manfred Bock: Syndikalismus und Linkskommunismus von 1918 bis 1923, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1993. (online)

Bernd Hüttner, Georg Leidenberger (Hrsg.): 100 Jahre Bauhaus: Vielfalt, Konflikt und Wirkung, METROPOL 2019.

100 Jahre Revolutionsversuche in Gesellschaft und Kunst: Anarchismus, Bauhaus, Dada

Der Publizist Theodor Wollf schreibt im Berliner Tageblatt am 10.November 1918: „Die größte aller Revolutionen hat wie ein plötzlich losbrechender Sturmwind das kaiserliche Regime (…) gestürzt. Man kann sie die größte aller Revolutionen nennen, weil niemals eine so fest gebaute, mit so soliden Mauern umgebene Bastille so in einem Anlauf genommen worden ist. Es gab noch vor einer Woche einen militärischen und zivilen Verwaltungsapparat, der so verzweigt, so ineinander verfädelt, so tief eingewurzelt war, dass er über den Wechsel der Zeiten hinaus seine Herrschaft gesichert zu haben schien (…). Gestern Nachmittag existierte nichts mehr davon“ (Berliner Tageblatt, 10.11.1918, zit v. Wolfgang Niess: die Revolution von 1918/19, Berlin/Boston, 2013, 77).

1918 sind es bekanntlich zunächst Matrosen, Rüstungsarbeiter und Soldaten, die diese erste partiell gelingende deutsche Revolution in Gang setzen, wörtlich, Befehle verweigernd, sich zusammenrottend und in eine andere Richtung marschierend als angeordnet, von verschiedenen Werften aus, in verschiedenen Städten, in unterschiedlicher Gesinnung, zunächst im Widerstand gegen die Fortsetzung des Kriegs, in zwangsläufiger Verweigerung der Befehle von Kaiser und Militärs, in noch undeutlichem Wissen darum, was da wie nicht weitergehen kann. Die Gesamtbewegung erfolgt, das lässt sich im Nachhinein gut rekonstruieren, als überraschend rasanter Affizierungsprozess: Die Revolution der Kieler Matrosen greift auf Hamburg über, wo ebenfalls Matrosen in den Streik treten und die Bewegung um sich greift. In Köln stellen sich die beiden sozialistischen Parteien, die Mehrheitssozialisten und USPD, gemeinsam an ihre Spitze. In München versammeln sich Massen zu einer Demonstration für den Frieden auf der Theresienwiese. Der Journalist und führende Sozialist Kurt Eisner fordert als erster den Rücktritt des Kaisers und die demokratische Umwälzung des Militär- und Staatsapparats, soziale Reformen und die Einsetzung von Arbeiter- und Soldatenräten nach dem russischen Modell; es gelingt ihm, die Soldaten auf seine Seite zu ziehen. In der Nacht vom 8. November 1918 ruft Eisner, noch vor Scheidemann und Liebknecht in Berlin, den Freistaat Bayern aus und erklärte König Ludwig III., das Wittelsbacher Königshaus für abgesetzt. Von der Versammlung der Arbeiter- und Soldatenräte wird er zum bayrischen Ministerpräsidenten gewählt. Die USPD erleidet jedoch bei der Landtagswahl Anfang 1919 eine schwere Niederlage und erhält nur 2,5 Prozent der Stimmen. Auf dem Weg zur konstituierenden Sitzung des Landtags, auf der er seinen Rücktritt bekannt geben möchte, wird er von Anton Graf von Arco auf Valley ermordet. (mehr…)

Kommunismus als Massenbewegung

in der Weimarer Republik

Vortrag von Ralf Hoffrogge
Do 16.04.2020 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Die KPD der Weimarer Republik war zeitweise die größte ausserhalb der Sowjetunion. Obwohl sie ihren Anspruch, die Sozialdemokratie zu überflügeln, nie einlösen konnte, zählten ihre Mitglieder nach Hundertausenden und Millionen Wähler kreuzten bei Wahlen KPD an. Dies war nur möglich durch eine tiefe Verankerung in proletarischen Milieus, durch Vorfeldvereinigungen die von Sport- und Gesangsvereinen bis hin zu Radio- oder Schriftstellerbünden reichten. Doch linksradikale Abenteuer wie der gescheiterte Putsch der Märzaktion 1921 oder der „Hamburger Aufstand“ von 1923 kosteten die KPD schon früh Verankerung und Vertrauen, ab 1925 gab sie ihre Eigenständigkeit in einem Widersprüchlichen Prozess der Stalinisierung immer weiter auf. Sie blieb auch in der Endkrise der Weimarer Republik Massenpartei, konnte jedoch autoritär geführt, dogmatisch erstarrt und letztlich fremdbestimmt durch Moskauer Anweisungen keine Wege aufzeigen, die die Arbeiterbewegung aus der Weltwirtschaftskrise geführt und die faschistische Machtübernahme verhindert hätten.

Als Kurze Geschichte der KPD versucht dieser Vortrag, die Erfolgs- und Aufstiegsbedingungen, aber auch das Scheitern der KPD an ihren eigenen Ansprüchen deutlich zu machen.

Ralf Hoffrogge ist Historiker und Mit-Herausgeber des Sammelbandes „Weimar Communism as Mass Movement“, London 2017. (Gemeinsam mit Norman LaPorte)

Revolutionsversuche

in Gesellschaft und Kunst: Anarchismus, Bauhaus, Dada

Vortrag von Michaela Ott
Do 07.05.2020 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Vorläufiger Ankündigungstext: Die Weimarer Republik ist aus der Novemberrevolution hervorgegangen. Aber die Novemberrevolution war eine unvollendete geblieben: Die Forderungen nach einer Sozialisierung wichtiger Industriezweige, nach einer umfassenden Selbstverwaltung der Produktion durch die Arbeiterinnen und Arbeiter oder nach der Entmachtung des alten Militarismus blieben unerfüllt. Dass die Novemberrevolution unvollendet blieb ist auch Vorbedingung für den Aufstieg der nationalsozialistischen Bewegung. Aber der Fortgang der Geschichte blieb auch in der Weimarer Republik umkämpft. In Gesellschaft und Kunst wurden Impulse aus der Novemberrevolution aufgegriffen und weiterentwickelt. Dies soll im Vortrag an drei Beispielen verhandelt werden: Anarchismus, Bauhaus, Dada. Innerhalb des Anarchismus wurden Gesellschaftsvorstellungen jenseits von Zwangskollektivierung und Vereinzelung entwickelt – dafür beispielgebend sollen hier die Ansätze Gustav Landauers skizziert werden. Im Bauhaus waren durchaus sozialistische Vorstellungen präsent, die eine Aufhebung der Klassengegensätze parallel zu einer Aufhebung des Gegensatzes von Industrie und Kunsthandwerk vorstellten. Und der Dadaismus richtete seinen Angriff gegen den verlogenen bürgerlichen Mief der Weimarer Republik, um den Gedanken umfassender Befreiung spürbar zu machen.

Michaela Ott ist Professorin für Ästhetische Theorien an der Hochschule für bildende Künste Hamburg.

Die proletarische Revolution,

das Buch und der Malik Verlag

Vortrag von Steffen Hendel
Do 28.05.2020 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Entweder für seinen Schatz verlegerischer Anekdoten oder für hochpreisige Liebhaberstücke in ausgesuchten Antiquariaten ist der Malik Verlag den meisten heutzutage noch bekannt. In Berlin während des Ersten Weltkriegs entstanden und im Londoner Exil während des NS aufgelöst, wollten die Gründer des Verlags – die Geschwister Wieland Herzfelde und John Heartfield im Bunde mit George Grosz – jedoch die Welt nicht mit bibliophilen Gegenständen bereichern, sondern mit einer Revolution ändern. Diese sollte proletarischer Art sein, politische und ökonomische Unfreiheit beseitigen, bürgerliche Gesellschaft und Patriotismus überwinden und sie sollte mit den Mitteln der Kunst und Literatur vorbereitet werden. Ein widersprüchliches Vorhaben, an dem sich der Malik Verlag fortwährend rieb und das ihm beachtenswerte verlegerische Einfälle bescherte. Der Erfolg war immens. Selbst das bürgerliche Publikum, das eher dem Goethe’schen Kunstideal „Der Dichter schwebet über den Parteien“ nachhing, konnte sich für die Grafikmappen von Grosz, die Buchcover von Heartfield und die von Herzfelde aufgestellten Literaturprogramme erwärmen. Sie machten Malik zum erfolgreichsten linken Verlag der Weimarer Republik.

Steffen Hendel, Mitarbeiter im Germanistischen Institut der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, zeichnet das politische Vorhaben des Malik Verlags an dessen literarischen Programm und an den gestalterischen Innovationen nach.

Geschichten vom Torpedokäfer

– Franz Jung

Vortrag von Andreas Hansen
Do 11.06.2020 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Franz Jung veröffentlichte 1912 seine ersten Texte als expressionistischer Autor in den Zeitschriften „Der Sturm“ und „Die Aktion“. Geriet dann in die dadaistischen Kreise um Wieland Herzfelde und betrat die Bühne der Weimarer Republik als Revolutionär, den die Ereignisse an alle möglichen Orte des Aufruhrs führten, u.a. zu den mitteldeutschen Märzkämpfen 1921. Er gehört zu den Mitbegründern der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands – KAPD – einer rätekommunistischen Abspaltung von der KPD. Während es seine beeindruckende Autobiographie mit dem Titel „Der Weg nach unten“ zu einiger Bekanntheit gebracht hat, sind seine Romane und sein Essay „Die Technik des Glücks“ (erschienen im Malik-Verlag, zu dessen Netzwerk Jung gehörte) heute kaum bekannt. Der Vortrag zeichnet Jung als Literaten und radikalen Linken nach.

Andreas Hansen ist Literaturwissenschaftler und arbeitet zur Avantgarde und zur proletarisch-revolutionären Literatur des 20. Jahrhunderts. Von 1997 bis 1999 war er Redakteur der Zeitschriften Sklaven, Sklaven-Aufstand und Die letzten Sklaven; von 1999 bis 2007 Redakteur des Nachfolgeblatts Gegner; seit 2008 Redakteur der Zeitschrift floppy myriapoda. Seit 2016 ist er Mitherausgeber der Zeitschrift P(I)RART.

Revolutionäre Theorie am Nullpunkt

– gibt es eine Linie Korsch-Bordiga?

Wochenendworkshop mit Felix Klopotek
Sa 13.06. / So 14.06.2020 – Weimar

Karl Korsch (1886-1961) und Amadeo Bordiga (1889-1970) gelten mit ihrer frühen Kritik an der Degeneration der Kommunistischen Internationale und der aufgezwungenen Bolschewisierung aller ihrer Sektionen als unbedingte Vertreter einer internationalistischen, sich nicht der Hegemonie Moskaus unterwerfenden Kommunismus. Das Bündnis zwischen ihren Fraktionen in Italien und Deutschland konnte nach 1926 aber nicht vertieft werden, jede weitere Diskussion wurde durch die hereinbrechende Gewalt von Stalinismus und Faschismus unterdrückt. Korsch und insbesondere Bordiga wurden vom „offiziellen“ Kommunismus zu Unpersonen erklärt.

Untergründig wirkten ihre Thesen und ihr Denkstil fort – so wurde Korsch von Brecht zu seinem „marxistischen Lehrer“ erkoren und Bordiga später einer der (wiederum nie anerkannten) Stichwortgeber des Operaismus. Nach dem zweiten Weltkrieg zogen die verfemten Revolutionäre Bilanz: Am 4. September 1950 skizzierte Karl Korsch während einer Diskussion in Zürich „Zehn Thesen über Marxismus heute“. Die später berühmt gewordenen Thesen kann man als kommunistischen Revisionismus des Marxismus verstehen: Dem Marxismus wird das Privileg, die angemessene Theorie revolutionärer Arbeiterbewegungen zu sein, bestritten. Fast auf den Tag genau zwei Jahre später stellte Amadeo Bordiga auf einer Versammlung der Internationalistischen Kommunistischen Partei in Mailand Thesen zur „historischen ‚Invarianz‘ des Marxismus“ vor. Man erkennt in diesem Text in jeder Zeile die Gegenposition zu Korsch, es ist, als hätte Bordiga direkt auf Korsch geantwortet. Denn Bordiga besteht auf der unbedingten Einheit von kommunistischer Praxis und marxistischer Theorie, jeden Revisionismus verteufelt er geradezu. Er konnte die Thesen von Korsch allerdings gar nicht kennen!

Der Ausgangspunkt von Korsch und Bordiga, so wird zu zeigen sein, war derselbe: der Kampf gegen die bolschewistische Verballhornung der revolutionären Arbeiterbewegung und ihrer Theorie. Doch wie kamen sie dann nach 1945 zu so konträren Positionen? Korschs und Bordigas Thesen im Zusammenhang zu diskutieren, ist mehr als nur ein Akt der historischen Philologie. Beide wussten, dass sie sich am Nullpunkt revolutionärer Theorie befanden. Sie stellten sich frei von taktischen Erwägungen der Frage, ob und in welchem Umfang eine revolutionäre Praxis theoriegeleitet zu sein hat. Darin liegt das Unabgegoltene ihrer Thesen: Sie ist bis heute die Zentralfrage des Marxismus geblieben.

Um sich ihr zu nähern, wird ein Rückgriff auf Brechts „korschistischen“ Marxismus nötig sein – und auch ein Blick auf Marx selbst.

Felix Klopotek lebt und arbeitet in Köln. Aktuell hat er seine für die „theorie.org“-Reihe angekündigte Einführung in Geschichte und Theorie des Rätekommunismus abgeschlossen, sie erscheint im Herbst.

Wir bitten um eine Anmeldung per Email: biko[at]arranca.de Die Zahl der TeilnehmerInnen ist auf 15 Personen beschränkt, sollten sich mehr Leute anmelden, wird es eine quotierte Vergabe geben. Informationen über den Veranstaltungsort und einen Reader erhaltet ihr nach Anmeldung. Die Lektüre des Readers ist Voraussetzung zur Teilnahme am Workshop.

Esoterisch im Ausdruck,

radikal im Gedanken – Else Lasker-Schüler

Vortrag von Julia Ingold
Do 25.06.2020 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Die eindrücklichsten Äußerungen radikaler Kunst stecken häufig nicht in Inhalten, sondern in der Existenz der Werke überhaupt. Allein der praktische Lebensentwurf der alleinerziehenden jüdischen Frau und freien Künstlerin Else Lasker-Schüler (1869-1945) ist in seiner Konsequenz und Kompromisslosigkeit von beeindruckender Radikalität. Dagegen verblassen explizit ausgesprochene Botschaften. Lasker-Schüler äußert sich in einem ihrer Texte kulturpolitisch. Das Manifest Ich räume auf! Meine Anklage gegen meine Verleger zeugt von der prekären Existenz freier Künstler*innen in der Weimarer Republik. Hellsichtig führt Lasker-Schüler das Problem darauf zurück, dass in einer zweckorientierten, kapitalistischen Gesellschaft nur überlebt, wer eine gefragte Ware feilbieten kann. Doch eigentlich ist all das nur ein Vorwand der Dichterin, Graphikerin und Performance-Künstlerin die eigene Position und die eigene subalterne Stimme im literarischen Feld zu sichern. Lasker-Schülers Politik liegt nicht so sehr in der Bedeutung ihrer Worte, sondern vielmehr darin welche Worte und Motive sie überhaupt wählt und kombiniert. Sie hat eine große Schwäche für alles Geringgeschätzte und nichts als spöttische Ironie für das Erhabene übrig. So stellt ihre Kunst radikal Machtverhältnisse und Diskurshoheiten in Frage – indem sie deren Sturz praktisch mit ihrem eigenen Material vorführt.

Julia Ingold ist Literaturwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin. Sie arbeitet am Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Literaturvermittlung der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Seit 2014 gibt sie zusammen mit Kolleg(inn)en CLOSURE – Kieler e-Journal für Comicforschung heraus.

HINWEIS: Seit 13. Juni 2020 sind Veranstaltungen in der Stadt Weimar mit Publikum, die allgemeinen Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln beachtend, wieder zulässig. Wir bitten bei Interesse an einer Teilnahme unbedingt um Voranmeldung per Email an kultur@acc-weimar.de. Parallel bieten wir diesen Vortrag weiterhin als kostenlosen Videostream über das Videokonferenzprogramm BigBlueButton an. Zur Teilnahme folgen Sie bitte diesem Link. Sie werden aufgefordert, einen Namen anzugeben, den Sie frei wählen können. Sie nehmen ohne Video und Ton teil und haben im Anschluss an den Vortrag die Möglichkeit, über die Chat-Funktion Fragen zu stellen, die dann vom Moderator an die Referentin weitergegeben werden.

Expressionist, Revolutionär, Netzwerker

– Franz Pfemfert

Vortrag von Marcel Bois
Do 09.07.2020 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Die von Franz Pfemfert herausgegebene Zeitschrift „Die Aktion“ entwickelte sich im wilhelminischen Kaiserreich zu einem wichtigen Forum des deutschsprachigen Expressionismus. Später wurde sie dann ein wichtiges Debattenorgan für all jene, die in der Weimarer Republik links von der SPD standen. Pfemfert war ein geschickter Netzwerker, dem es immer wieder gelang, fruchtbare Debatten über die Fragmentierungen der radikalen Linken hinweg zu ermöglichen. Zugleich war er nie versöhnlerisch, sondern bezog innerhalb linkskommunistischer Zusammenhänge Position – was durchaus zu schweren persönlichen Zerwürfnissen führte. Sein Leben und Werk ist heute jenseits von Fachkreisen kaum noch bekannt. Der Vortrag soll dem Abhilfe schaffen.

Marcel Bois ist Historiker in Hamburg und Autor von „Kommunisten gegen Hitler und Stalin“.

HINWEIS: Seit dem 13. Juni sind in Weimar wieder Veranstaltungen vor Publikum möglich, wenn auf Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln geachtet wird. Das Publikum vor Ort ist auf 15 Personen beschränkt – bei Interesse meldet euch bitte per kultur@acc-weimar.de an. Die Veranstaltung wird parallel trotzdem als Online-Konferenz-Veranstaltung durchgeführt. Der Link zur Konferenz findet sich hier.

Ein Leben mit und gegen Kommunisten

– Ruth Fischer und ihre Zeit

Vortrag von Mario Keßler
Do 23.07.2020 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Achtung: Der Vortrag muss aus gesundheitlichen Gründen verschoben werden. Wir versuchen, den Termin im Herbst/Winter 2020 nachzuholen. Wir informieren dann beizeiten über den Ersatztermin.

Ruth Fischer (1895-1961) gehörte einst zu den prominentesten Frauen Deutschlands und Europas. Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg war sie Mitbegründerin der Kommunistischen Partei Österreichs, wurde berühmt als Führerin der KPD und war nach 1945 eine Hauptfigur des antikommunistischen Kreuzzuges in den USA, wo sie auch ihre beiden Brüder Hanns (1898-1962) und Gerhart Eisler (1897-1968) belastete. Am Ende ihres Lebens aber hoffte sie, dass die Sowjetunion zu einer demokratischeren Variante des Kommunismus finden werde.

Prof. Dr. Mario Keßler ist Historiker und Mitglied am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam.

Lu Märten

— ›Die Künstlerin‹ (1919)

Lesung und Vortrag von Alexandra Ivanova und Anne Hofmann
Do 06.08.2020 – ACC Galerie Weimar – 20:00 Uhr

Lu Märten (1879-1970) entwickelte eine historisch-materialistische ästhetische Theorie, war neben ihrer theoretischen Arbeit journalistisch, dramatisch und lyrisch tätig. Zwischen 1906 und 1987 wurden ihre (frauenrechtlichen) sozial- und kulturkritischen Texte für Organe und Medien der Frauen- und Arbeiterbewegung veröffentlicht, in der sie sich politisch wie theoretisch engagierte. Sie trat während des Kaiserreichs 1903 der SPD und während der Weimarer Republik 1920 der KPD bei. Zum einen formulierte sie den Anspruch der gewerkschaftlichen Organisierung von KünstlerInnen, zum anderen entwickelte sie eine radikale Produktionsästhetik, die eine gegenseitige Aufhebung von industrieller und künstlerischer Produktion vorsah. Dafür stellte sie auch das Geschlechterverhältnis und den ArbeiterInnenalltag ins Zentrum ihrer Analyse. Lu Märtens Denken beeinflusste damit u.a. die tschechische Poetismus-Avantgarde-Bewegung, das Bauhaus und die marxistische Theoriebildung, da sie als Erste die historisch-materialistische Methode des Marxismus auf den Kultur- und Kunstbereich anwandte.

Im Zentrum des Vortrages steht ihr Text ›Die Künstlerin‹, welcher 1919 erstmals veröffentlicht wurde. ›Die Künstlerin‹ umfasst eine geschlechtsspezifische Betrachtung der Kunstproduktion, Arbeitsteilung, Maschinenarbeit und deren Zusammenhänge. Daraus entwickelt sie ihre Forderung, dass Frauen sich als Subjekte ästhetischer Prozesse begreifen. Am Vortrags-Abend widmen sich Alexandra Ivanova und Anne Hofmann experimentierend den ästhetisch-theoretischen Konzepten sowie der literarischen Arbeit Lu Märtens.

Alexandra Ivanova ist Soziologin und Autorin, u.a. für die Zeitschrift outside the box – Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik Leipzig. Anne Hofmann ist Bildende Künstlerin, Redakteurin, Autorin und Gestalterin der Zeitschrift outside the box – Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik Leipzig.

➳ Die Veranstaltung wird parallel als Online-Konferenz übertragen. Den Konferenzlink findet ihr hier.

»Der ganze Südosten ist unser Hinterland«

— 150 Jahre deutscher Politik
gegen einen jugoslawischen Staat

Do 11.04.2019 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Seit Beginn der deutschen Nationalökonomie wurde Südosteuropa als abhängiges Ergänzungsgebiet eines großdeutschen Reiches verplant. Bereits in den Debatten der Frankfurter Paulskirchenversammlung von 1848 wurde die Verhinderung eines eigenständigen, wirtschaftlich starken jugo-(das heißt süd-)slawischen Staates als zentrales Ziel deutscher Politik propagiert. Im August 1914 zogen deutsche und österreichische Soldaten mit der Parole „Serbien muss sterbien“ in den Ersten Weltkrieg. Nach der Kriegsniederlage des wilhelminischen Kaiserreiches erfolgte die Gründung Jugoslawiens nicht zuletzt als Widerstandsakt gegen den „deutschen Drang nach Osten“. Doch die deutschen Bombenangriffe auf Belgrad im April 1941 führten zur Zerschlagung des ersten jugoslawischen Staates. Nach der Rückeroberung Belgrads durch die Tito-Partisanen und die Rote Armee und dem Sieg der Alliierten über den Nationalsozialismus erfolgte die zweite Gründung Jugoslawiens als Sozialistische und Föderalistische Republik. Die Wiedervereinigung und die Wirtschaftskrise Jugoslawiens in den 1980er Jahren ermöglichte der Regierung unter Kohl und Genscher ein Anknüpfen an die Pläne des Kaiserreiches und des Nationalsozialismus. Die von ihr durchgesetzte staatliche Separierung Sloweniens und Kroatiens bedeutete die zweite Zerschlagung Jugoslawiens und hatte den Bosnien-Krieg von 1992-95 und den Kosovokrieg von 1999 zur Folge.

Klaus Thörner ist Autor des Buches »Der ganze Südosten ist unser Hinterland. Deutsche Südosteuropapläne von 1840 bis 1945« (ça ira, 2008).

»We have built cities for you«

— Widersprüche des jugoslawischen Sozialismus

Fr 26.04.2018 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Der Sammelband »We have built cities for you« [Link] ist aus der Zusammenarbeit einer Gruppe von Künstler*innen und Wissenschaftler*innen aus allen Republiken des ehemaligen Jugoslawiens entstanden und versucht, die Komplexität und Widersprüche des sozialistischen Jugoslawiens in seiner finalen Phase zu reflektieren. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht das Thema Arbeit. Die 1980er waren in Jugoslawien von massiven Streiks und Reformen im Bereich der Arbeit geprägt. Im Vortrag sollen aber auch Parallelen zwischen dem Jugoslawien der 80er-Jahre und aktuellen Entwicklungen in der Europäischen Union angesprochen werden. Damals wie heute haben wirtschaftliche Krisen zum Erstarken nationalistischer Kräfte geführt.

Mag.a Lidija Krienzer-Radojević ist Kulturanthropologin. Sie hat am Institut für Zeitgenössische Kunst der TU Graz gelehrt und war bis 2014 Mitarbeiterin der Universität Ljubljana. Sie ist Geschäftsführerin der IG Kultur Steiermark. Ihr Forschungsinteresse bezieht sich auf die soziale Integration der kapitalistischen Verhältnisse in das gesellschaftliche Leben.

Jugoslawien

— das Ende des deutschen Pazifismus

Do 09.05.2018 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

In der Linken wurde der Zerfall Jugoslawiens als Manipulation von außen interpretiert: Die ethnischen Gruppen seien von einem wiedervereinten Nazideutschland gezielt in den Bürgerkrieg gehetzt worden, um den letzten sozialistischen Staat in Europa zu zerschlagen. Unter dem Einfluss von Journalisten wie Jürgen Elsässer, Peter Handkte, Herman L. Gremliza, Georg Fülberth und dem internationalen „Künstlerappell“ wurde primär Slobodan Milošević als Opfer westlicher Verschwörung gezeichnet und rationale Erwägungen der NATO und Russlands zur Intervention im zerfallenen Jugoslawien in Abrede gestellt.

Diese linke Perspektive auf ein Jugoslawien als utopischen, sozialistischen Antagonisten des Westens war bereit, die kritischen Stimmen, die Krisen in der jugoslawischen Gesellschaft und Titos Misswirtschaft zu ignorieren. Die NATO gegen den Sozialismus und Deutschland gegen Serbien – diese Lesart bot sowohl linkspazifistischen und sowjettreuen Linken als auch der antideutschen Linken einen Mythos an, der mit der Realität der Jugoslawienkriege und dem internationalen Kontext wenig zu tun hatte.

Die 1990er waren geprägt von scheiternden oder zu kurz geratenen Interventionen: der mit Saddam Husseins Machterhalt endende zweite Golfkrieg, der Somalia-Schock, der Genozid in Rwanda, das Massaker von Srebrenica. Rufe nach der „responsibility to protect“ stellten auch Deutschland in die Pflicht an der Verhinderung von genozidaler Gewalt mitzuwirken. Der Bruch mit dem Pazifismus konnte unter den Begleitumständen nur defizitär stattfinden, war aber aus linker, interventionistischer Perspektive ein Fortschritt, der mit dem späteren, populistischen Backlash zur „Friedensmacht Deutschland“ widerrufen wurde und in der christkonservativen Ära mit einem ostentativen Nichtinterventionismus in Syrien und einer gleichzeitigen Abschottung Europas bis tief in den afrikanischen Kontinent hinein ein deprimierendes Ende fand. Gerade deshalb bleibt von Bedeutung, vergangene Interventionen zu untersuchen und in Kontrast zum aktuellen Isolationismus zu setzen.

Felix Riedel ist kritischer Ethnologe und Autor zahlreicher Debattenbeiträge. www.felixriedel.net

»Die Ethnisierung des Sozialen«

Wochenendworkshop zu den jugoslawischen Zerfallskriegen

07. – 09.06.2019 – Marienstraße 19 [M18], Weimar

Im Jahr 1999 führte die Bundesrepublik Deutschland zum ersten mal seit 1945 wieder Krieg – im Verbund mit der NATO wurde Jugoslawien bombardiert und eine Teilung in Einzelstaaten forciert. Dem vorangegangen waren immer wieder aufflammende Bürgerkriege in Jugoslawien seit 1991. Die Vorgänge während der jugoslawischen Zerfallskriege und des Kosovo-Krieges 1999 sind kleinteilig und kompliziert. Eine linke geschichtspolitische Auseinandersetzung mit diesen Ereignissen macht oft halt vor deren Komplexität. Wir wollen im Workshop versuchen, uns den Vorgängen in den jugoslawischen Zerfallskriegen (1991-1999) anzunähern und uns gemeinsam ein Verständnis zu erarbeiten. Dabei wollen wir folgenden Fragen nachgehen: Inwiefern bargen die politischen und sozialen Widersprüche des sozialistischen Jugoslawien Konfliktkonstellationen, die schließlich auch zu Separationsbewegungen führten? Welche Rolle haben dabei außenpolitische und innenpolitische Faktoren, aber auch die Einflusssphären von Ost und West gespielt? Warum wurden ethnische Bezugspunkte in diesen Konflikten so stark? Welche Konfliktparteien waren daran mit welchen Interessen beteiligt? Der Workshop soll auch eine Kritik des Nationalismus beinhalten und der Frage nachgehen, warum und in welcher Weise sich soziale Konflikte in nationalistische Kämpfe und ethnische Zuschreibungen übersetzen. Wir werden all diese Fragen nicht erschöpfend beantworten können – aber schon eine gemeinsame Schärfung der Fragen selbst trägt zu einer gegenseitigen (Selbst-)Bildung bei.

Die Teilnahme ist auf eine Gruppe von 12 Personen beschränkt und wird quotiert bemessen. Wir bitten um eine Anmeldung an biko[at]arranca[dot]de bis spätestens zum 24.05.2019. Ein gemeinsames Frühstück wird organisiert, mittags und abends ist Selbstverpflegung. Übernachtungsplätze in Weimar können wir organisieren – bitte gebt bei der Anmeldung an, ob ihr eine Übernachtung benötigt.

Der Workshop »Die Ethnisierung des Sozialen« wird unterstützt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen und im Rahmen des Förderprogramms „Bauhaus 100″ vom Referat Kultur- und Sportförderung des Studierendenkonvents der Bauhaus Uni Weimar.

»Die Balkanisierung Jugoslawiens«

Deutschland, die Zerschlagung Jugoslawiens
und der Kosovokrieg

Di 11.06.2019 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Jugoslawien ist in den 1990er Jahren das erste große Exerzierfeld der neuen deutschen Außen- und Militärpolitik gewesen. Die Bundesrepublik hat die Aufspaltung des Landes von Anfang an forciert und sie auch militärisch begleitet, 1999 dann sogar mit dem ersten großen Kampfeinsatz der Bundeswehr im Rahmen der Bombardierung Serbiens. Die Zerschlagung Jugoslawiens hat in mehrfacher Hinsicht deutschen Staatsinteressen gedient. Am Überfall auf das Land im Jahr 1999 hat die Bundesrepublik sich unter Bruch des Völkerrechts beteiligt – und damit klargestellt, dass sie sich bei der Durchsetzung ihrer Interessen im Zweifelsfall um das internationale Recht nicht schert. Die Kriege haben dazu beigetragen, die Südosteuropa-Politik der EU auf die deutsche Linie festzulegen; nicht umsonst ist um 2000 herum immer wieder von „europäischen Einigungskriegen“ die Rede gewesen. Weite Teile der Region leiden bis heute unter den Folgen der Kriege.

Jörg Kronauer schreibt immer wieder Analysen zur deutschen Außenpolitik, u.a. für konkret und Jungle World. Er ist Redaktionsmitglied bei German Foreign Policy.

Ikonoklastische Aufführungen

— De/Konstruktion von Staatsymbolen in post-jugoslawischer Kunst seit 1989

Do 27.06.2019 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Der Begriff ikonoklastische Aufführungen wird hier in seiner doppelten und widersprüchlichen Bedeutung artikuliert. Als Legitimationsprinzip des Nationalstaats und als ästhetische Strategie, die sich gegen die politisch-ideologischen Dispositive des Staats wendet und dabei irritierende Bild- bzw. Handlungsszenarien entwickelt. Der Zusammenbruch Jugoslawiens manifestierte sich, unter anderem, als Zerstörung von Kulturerbe, wobei besonders die sozialistischen Monumente attackiert wurden. Mit Hinblick auf künstlerische Aufführungen, die sich der Hegemonie des Nationalismus widersetzen, analysiert der Vortrag die performative Dekonstruktion von Ikonen, Symbolen und Bildern der neugegründeten Staaten. Damit soll argumentiert werden, dass ikonoklastische Aufführungen eine dezidiert politische Wirkung erzeugen und somit als Instrumente emanzipatorischer, ästhetischer Praxis figurieren könnten.

Andrej Mirčev ist Theaterwissenschaftler, Dramaturg und bildender Künstler. In seiner künstlerisch-wissenschaftlichen Arbeit erforscht er unterschiedliche Konstellationen zwischen Aufführung, Bild, Archiv und Raum.

Satan Panonski

— Widersprüche des Jugopunk

Do 11.07.2019 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Vortrag mit filmischen Musikbeispielen: Satan Panonski war ein Punksänger aus der Stadt Vinkovci in Jugoslawien. Er geriet 1981, nachdem er jemanden nach einem Konzert (in Notwehr?) erstochen hatte in Haft, später in die Psychiatrie. Dank einer Ärztin konnte er aus der Psychiatrie in Popovača bei Zagreb heraus wieder Konzerte geben, zuerst mit seiner Band Pogreb X und dann mit verschiedenen Musikern unter seinem Pseudonym Satan Panonski. Erst Ende der 80er kam es zu Kassettenveröffentlichungen und einer Schallplatte auf dem Label Slušaj najglasnije! Auf den Konzerten ritzte er sich auf, blutete, fügte sich Brandwunden zu … thematisierte Homosexualität und »sexuelle Atonalität«, trug selbstgestaltete Gewänder und viel Makeup … Als der Kroatienkrieg 1991 ausbrach trat Satan Panonski der nun entstehenden kroatischen Armee bei und kämpfte in der Gegend um Vinkovci und Vukovar, machte sich auch mitschuldig. Auf dem Tape »Kako Je Panker Branio Hrvatsku (How a Punk defended Croatia)« wurden posthum Lieder mit kroatisch-nationalistischen Liedtexten veröffentlicht. 1992 starb er unter ungeklärten Umständen im Heimaturlaub. Eine Annäherung auf Umwegen.

Sakerdon Michajlovič lebt und – arbeitet nicht – (in Leipzig) und existiert womöglich nur in der »alten Frau« von Daniil Charms auf Seite 7. Er hat Interesse an Radio, Büchern, Comics, Punk.

Geburt einer Nation

— Laibach und die Neue Slowenische Kunst

Do 18.07.2019 — 20:00 Uhr — ACC Galerie Weimar

Wie keine andere Band hat »Laibach« (benannt nach dem deutschen Namen der slowenischen Hauptstadt Ljubljana) den Zerfall Jugoslawiens mit popkulturellen Mitteln antizipiert und kommentiert. Dabei sind Laibach nie eindeutig, ihr radikaler Angriff auf die Sinne wie gesellschaftliche Sinnkonstrukte kommt in Form von Überaffirmation und Ambivalenz daher – sie spielen mit den Symbolen des Totalitarismus und des Krieges. Im widersprüchlichen und mit Zitaten gespickten Gesamtkunstwerkkonzept der Band spielt der Bezug auf die künstlerische Avantgarde eine wichtige Rolle. Deren Anspruch auf einen ganzheitlichen Gestaltungsanspruch setzte Laibach mit der 1984 erfolgten Gründung der »Neuen Slowenischen Kunst« um, einem interdisziplinären Künstlerkollektiv, das sich staatsähnlich gab und Anfang der Neunziger sogar einen eigenen Staat ausrief, den ohne Raum auskommenden und allen offenen „NSK state in time“. Eine Utopie angesichts der von ihnen prophezeiten blutigen Nationenbildung auf dem nun ex-jugoslawischen Grund? Alexander Pehlemann, selbst involviert in die Aktivitäten von NSK Lipsk, schildert die extrem ereignisreiche Geschichte des Projekts und stellt dabei einige seiner Manifestationen näher dar.

Alexander Pehlemann ist Autor, Kurator, DJ (Al-Haca Sound System), Kompiler, Journalist und Netzwerker. Seit 1993 ist er Herausgeber des »Zonic«, Magazin bzw. Almanach für »Kulturelle Randstandsblicke & Involvierungsmomente«.

Wolfgang Seidel: Die langen 60er

Beat und Gammler, Konsum und Verweigerung — Jugend in Westdeutschland

Wir veröffentlichen hier eine verschriftlichte Version des Vortrags, den Wolfgang Seidel am 05.04.2018 in Weimar gehalten hat. Der Audiomitschnitt des Vortrags kann hier nachgehört werden.

Kaum ist das Luther-Jahr vorbei, wird dieses Jahr 1968 als nächste historische Wegmarke gefeiert. Dabei kommt 68 oder »die 68er« untrennbar verbunden mit den Begriffen Studentenbewegung oder Studentenrevolte daher. Diese Studenten sollen, so der Tenor des Jubiläumsjahres, zwar nicht ihre sozialistischen Träume verwirklicht haben – aber sie hätten eine Kulturrevolution vollbracht, die gescheiterte bürgerliche Revolution von 1848 vollendet, das Land demokratisiert und entnazifiert. Kurz: sie das moderne Deutschland geschaffen, das mit moralischem Überlegenheitsanspruch in der Welt auftreten darf.

Dazu eine Binsenweisheit: Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Aus den Studenten von damals sind die Professoren, Journalisten, Autoren von heute geworden, die die Geschichtsschreibung bestimmen. Tatsächlich war die Zahl der Studenten gering. In den 1960ern machten nicht einmal 10% eines Jahrgangs Abitur und entstammten meist dem Bürgertum. Davon waren nur wenige Teil des linken Spektrums, das heute als »die 68er« erscheint. Im Medien-Zeitalter hängt die Diskurshoheit ganz wesentlich davon ab, wer die einprägsamsten Bilder produziert. Im Jubiläumsjahr werden wir durch alle Medien hindurch eine Wiederholungsschleife erleben mit Bildern von untergehakt unter roten Fahnen voranstürmenden Demonstranten, der von einem Polizisten erschossene Benno Ohnesorg und Uschi Obermaier mit dem Joint in der Hand. Bei dieser doppelt gefilterten Geschichtsschreibung fällt sehr viel unter den Tisch wie die Rolle junger Arbeiter und Lehrlinge oder die Rolle der Frauen, von der meist nur der Minirock geblieben ist. (mehr…)

»Geht doch arbeiten!«

Nicht-Arbeit und soziale Diskriminierung
vom ›Halbstarken‹ bis zum ›Gammler‹

Do 22.03.2018 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Ab den 50er Jahren treten in der BRD verschiedene Sozialtypen ins Zentrum von gesellschaftlichen Debatten – etwa Eckensteher, Halbstarke, Langhaarige oder Gammler. An diesen Figuren verdichteten sich auf je unterschiedliche Weise Diskurse über jugendliches Verhalten, Männlichkeit und Weiblichkeit, die Nutzung des öffentlichen Raumes und die Zuständigkeit des Staats. Zentral war dabei auch die tatsächliche oder unterstellte Verweigerung der (Lohn-)Arbeit. Die gegen Abweichler*innen in Stellung gebrachte Nützlichkeitsideologie wurde von Denormalisierungsängsten grundiert und mobilisierte neue Regierungstechnologien, führte aber langfristig zu veränderten Rollenbildern. Bodo Mrozek (Historiker am Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam) geht auf diese Debatten und auf Selbstbeschreibung und Fremdzuschreibung dieser Jugendlichen ein.

Foto von Claus Bach:  Frauenplan Weimar 1976

Vor ’68

Beat und Gammler, Konsum und Verweigerung
Jugend in Westdeutschland

Do 05.04.2018 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Kaum ist das Luther-Jahr vorbei, wird dieses Jahr 1968 als historische Wegmarke gefeiert. Dabei kommt 68 oder „die 68er“ untrennbar angekettet daher an die Begriffe Studentenbewegung oder Studentenrevolte. Die sollen, so der Tenor des Jubiläumsjahres, zwar nicht ihre sozialistischen Träume verwirklicht haben. Aber sie hätten eine Kulturrevolution vollbracht, die gescheiterte bürgerliche Revolution von 1848 vollendet, das Land demokratisiert und entnazifiert – also das moderne Deutschland geschaffen, das mit moralischem Überlegenheitsanspruch in der Welt auftreten darf.

Dazu eine Binsenweisheit: Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Aus den Studenten von damals sind die Professoren, Journalisten, Autoren von heute geworden, die die Geschichtsschreibung bestimmen. Tatsächlich war die Zahl der Studenten gering. In den 1960ern machten nicht einmal 10% eines Jahrgangs Abitur. Davon waren nur wenige Teil des linken Spektrums, das heute als „die 68er“ erscheint. Dementsprechend begrenzt war ihre politische Wirkmacht. In Frankreich wurden die Studentenproteste erst dann für die Regierung De Gaulles bedenklich, als die Arbeiter von Renault die Fabriken besetzten. Der nicht studentische Teil des Protestes gegen die alten, autoritären Strukturen wie die Lehrlingsbewegung ist heute aber weitgehend vergessen.

Im Medien-Zeitalter hängt die Diskurshoheit ganz wesentlich davon ab, wer die einprägsamsten Bilder produziert. Im Jubiläumsjahr werden wir durch alle Medien hindurch eine Wiederholungsschleife erleben mit Bildern von untergehakt unter roten Fahnen voranstürmenden Demonstranten, der von einem Polizisten erschossene Benno Ohnesorg, oder den nackt posierenden Mitgliedern der Kommune und Uschi Obermaier mit dem Joint in der Hand. Bei dieser doppelt gefilterten Geschichtsschreibung fällt sehr viel unter den Tisch wie die Rolle junger Arbeiter und Lehrlinge oder die Rolle der Frauen.

Auch die Fixierung auf die Jahreszahl 68 ist fraglich. Die meisten Veränderungen, die das Land in dem Jahrzehnt von 1960 bis 1970 erfuhr, waren nicht das Ergebnis singulärer Ereignisse oder der Taten heldenhafter Revolutionäre sondern Prozesse, die sich auch ohne die Studentenbewegung auf Grund ökonomischer Entwicklungen und des Generationenwechsels vollzogen hätten. Das fing lange vor 68 an mit den Halbstarkenkrawallen, den Ostermärschen, der Beat-Musik oder den Gammlern, zumeist proletarischen Aussteigern, die die Gemüter der Spießer Mitte der 60er erregten. Man könnte die Frage stellen, ob nicht die von den Gewerkschaften durchgesetzte 5-Tage-Woche mehr für die kulturelle Veränderung getan hat, als die gesamte Textproduktion des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes.

Die 5-Tage-Woche war das Ergebnis des nach dem Krieg notwendig gewordenen Kompromisses zwischen Kapital und Arbeit und des Nachkriegsbooms. Freizeit ist auch ein Vorgeschmack auf Freiheit. Durch die gestiegenen Einkommen und das Mehr an Freizeit wurde erst so etwas wie eine Jugend- oder Popkultur möglich. Die ist zwar durchaus ambivalent in ihrer Mischung aus Freiheitsversprechen und Konsumismus. Für die Ideologen der Studentenbewegung aber war sie vor allem eines: angepasst. Die bogen sich das falsch verstandene Wort von der Kulturindustrie zurecht, indem sie es mit dem bürgerlichen antimodernen und antiwestlichen Kulturchauvinismus vermählten. Der Arbeiter, der endlich mehr wollte als nur malochen, war für sie der vom Konsum verblödete „eindimensionale Mensch“, weswegen sie sich ihr „revolutionäres Subjekt“ lieber in einer romantisierten Ferne bei nationalen Befreiungsbewegungen der Dritten Welt suchten. Man könnte die provokante Frage stellen, ob es eine gerade Linie gibt von der, trotz aller sozialistischer Rhetorik, Verachtung des Arbeiters hin zur Agenda 2010. Die haben die 68er ausgeheckt, die es beim Marsch durch die Institutionen an die Spitze geschafft hatten.

Wolfgang Seidel ist Musiker und Autor. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern von Ton Steine Scherben. 2016 veröffentlichte er im Ventil-Verlag das Buch „Wir müssen hier raus! Krautrock, Free Beat, ­Reeducation“.

Post ´68

Politik und Psychedelic: Ostblock-Popkultur zwischen
Nonkonformismus und “Normalisierung” 1968 – 1978

Do 26.04.2018 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Das Jahr 1968 war weltweit ein Aufbruch in vehementer Ablehnung der Verhältnisse, oft getragen vom Nonkonformismus der Hippie-Bewegung, die sich schnell auch in den Ländern des Warschauer Pakts etablierte. Deren „Love, Peace & Happiness“ wurde dort wegen der transportierten radikal-demokratischen, sexuell libertären, pazifistischen oder spirituellen Ideen schnell zur Provokation, auf die repressiv reagiert wurde. Am extremsten in der ČSSR nach dem Einmarsch des Warschauer Pakts im August 1968, der den „Prager Frühling“ beendete und die sogenannte „Normalisierung“ auslöste. Aber die Saat der Subkultur konnte nicht komplett unterdrückt werden, zumal das System sich im Widerspruch bewegte, den antikapitalistischen Jugend-Bewegungen des Westens wie der Dritten Welt aufgeschlossen gegenüber wirken zu wollen. Parallel entwickelten sich so auch Tendenzen der Tolerierung und sogar Förderung, die mit Einhegung und Reglementierung einhergingen, jedoch auch zu einer einzigartigen Phase gegenseitigen kulturellen Austauschs führte. Die mehrmedial unterfütterte Präsentation von „Post ´68“ wird daher nicht nur die jugendkulturelle und künstlerische Opposition betrachten, sondern zugleich das widerspruchsreiche Einsickern ihrer Ästhetik, in dessen Vor- und oft auch Rückbewegungen. Dabei geht es quer durch den gesamten Ostblock mit den jeweiligen Landesbedingungen sowie einmal durch die Dekade 1968-1978, an deren Ende mit Punk ganz neue radikale Ansätze kamen. An dem mit der Charta 77, gegründet in Reaktion auf die Unterdrückung künstlerischen Ausdrucks, sowie in Polen mit dem Komitee zur Verteidigung der Arbeiter zudem auch zwei politische Gruppen existierten, die den Beginn des Wegs zum Systemkollaps von 1989 markierten.

Alexander Pehlemann ist Autor, Kurator, DJ (Al-Haca Sound System), Kompiler, Journalist und Netzwerker. Seit 1993 ist er Herausgeber des »Zonic«, Magazin bzw. Almanach für »Kulturelle Randstandsblicke & Involvierungsmomente«.

Der Beginn einer Epoche?

Eine kurze Geschichte von Detournement
und Récupération des Mai ’68

Do 24.05.2018 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Sie haben „Deutschland wahlweise gründlich zivilisiert“ oder „an die Wand gefahren“: DIE 68er, vor dreißig, vierzig Jahren von den Punks noch als jener kumpelige Führungsnachwuchs gehasst, der nun die Zwänge im mitbestimmbaren Gewand exekutierte; Modernisierungsadel, Minister, Avantgarde für jeden Scheiß; in der Toskana, in Rente, verarmt – oder auch schon längst tot, verzweifelt daran, dass alles so weiterging. Aber auch in Italien, England, Mexiko, Japan oder den USA, ganz besonders aber Frankreich hat sich ein spektakuläres Bild von 68 in den Gencode nationaler Modernisierungserzählungen eingefressen, das vom allgegenwärtigen rechtsnationalistischen Backlash vehement bekämpft, inzwischen mit seinen Protagonisten von der Bühne abtritt. Was bleibt? Global scheint von der mit 68 konnotierten Erinnerung kaum mehr anderes kenntlich als die Modernisierung des Antisemitismus und des Antiamerikanismus. Das Projekt des Antiimperialismus und Kulturrelativismus, um 68 so gründlich modernisiert, hat sich im Islamismus wiedergefunden oder im Staat als letztlicher Appellationsinstanz.

Wars das? Dann wären alle jene massenhaft in den 60er Jahren weltweit manifest gewordenen Sehnsüchte und Hoffnungen nichts weiter als notwendiges Vorspiel zum gegenwärtigen dystopischen Resultat gewesen, jenes spektakulären Monologs des Weltzustands, der von sich nichts anderes mehr zu sagen weiß als: Es ist.

Wie aber die Arbeit der Widersprüche in der wechselhaften Epoche um dieses zum spektakulären Bild geronnenen Jahres 68 herum vor sich ging, wie ein Bewusstsein der Möglichkeiten über die Wiederaufnahme revolutionärer Kritik sich bildete und wieder verfiel, soll an einer der damals bewusstesten Assoziationen und ihrem Vorgehen namentlich in Frankreich dargestellt werden: der Situationistischen Internationale.

Erwartet werden darf eine kurze Geschichte von Detournement und Récupération im Mai ’68 – anlässlich des Jubiläums multimedial dargeboten durch Teile des Autor_en*kollektief Biene Baumeister Zwi Negator.

Zur Geschichte eines Bruchs

Wochenend-Workshop zur ’68er-Revolte

25.05. – 27.05.2018 – Haus der Studierenden, M18

Die Ereignisse in Frankreich haben eine Bedeutung, die die Grenzen des modernen Frankreichs weit überschreitet. Sie werden in der Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen tiefen Einschnitt hinterlassen. Die französische bürgerliche Gesellschaft ist in ihren Grundfesten erschüttert worden. Wie auch immer der gegenwärtige Kampf ausgehen wird – die politische Landschaft der westlichen kapitalistischen Gesellschaft wird nie mehr dieselbe sein. Eine ganze Epoche findet hier ihr Ende: die Epoche, während der man mit scheinbarer Berechtigung sagen konnte, dass „so etwas hier hicht passieren könne“. Eine andere Epoche beginnt: die, in der die Menschen wissen, dass die Revolution unter den Bedingungen des modernen bürokratischen Kapitalismus möglich ist.

Mit diesen Worten beginnt Maurice Brinton seinen Bericht über die Ereignisse des Mai 1968 in Frankreich. Für ihn markierten die Mai-Ereignisse einen Bruch, nach dem es nie wieder so sein würde wie bisher. Er hat mit dieser Diagnose Recht behalten: 1968 ist der Kulminationspunkt von entscheidenden Veränderungen innerhalb des Kapitalismus. Aber der Kapitalismus selbst ist geblieben. Wenn die Menschen um das Jahr 1968 herum die Möglichkeit der Revolution wieder entdeckt haben, so wurde diese Möglichkeit doch nicht verwirklicht. Wir leben heute mit den Folgen dieses Scheiterns. Ein Teil dieses Scheiterns besteht darin, dass die damals entdeckte Möglichkeit wieder vergessen worden ist, dass es heute wieder zum Common Sense gehört, dass „so etwas hier nicht passieren kann“. Allein aus diesem Grund lohnt es sich, sich an die Ereignisse um das Jahr 1968 zu erinnern und dabei vielleicht etwas von jener Möglichkeit zu retten. Diese Erinnerungsarbeit muss ihre Aufmerksamkeit einerseits auf jene Bruchlinien richten, die von Begierden, Hoffnungen, Wissen und Möglichkeiten zeugen, die nicht in der Herrschaftsgeschichte aufgegangen sind. Andererseits darf sie sich keine Illusionen machen – es kommt auch auf eine kritische Aufarbeitung der Bewegungsverläufe an, die von 1968 ausgehen, und es gibt ein begründetes Misstrauen gegenüber einer allzu geraden „linkspolitischen“ Traditionsbildung.

Aspekte dessen wollen wir uns zusammen im Wochenend-Workshop erarbeiten. Dabei wollen wir uns mit den Ereignissen im Mai 1968 in Frankreich, mit dem spezifischen Bewegungsverlauf in Italien, mit 1968 in der DDR und im Ostblock und mit dem „proletarischen 1968″ beschäftigen. Die Zahl der Teilnehmer*innen ist begrenzt. Wir bitten um eine Voranmeldung über biko[at]arranca.de – weitere Informationen über den genaueren Ablauf und Literaturgrundlagen schicken wir euch dann zu.

Der Workshop wird unterstützt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen.

Das Unvorstellbare ist nicht das Unmögliche

Herrschaftskritik und Literatur in der Zeitschrift
‚Die Schwarze Botin‘

Do 07.06.2018 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

In Mitten der Revolte von 1968 und des Auflösungsprozesses des SDS nahm die Frauenbewegung mit der Gründung sozialistischer Frauengruppen wie dem Aktionsrat zur Befreiung der Frau und dem Frankfurter Weiberrat ihren Anfang. Das Ziel der Linken, alle Verhältnisse umzuwälzen, in denen der Mensch ein geknechtetes Wesen ist, verfolgte die Frauenbewegung konsequent: Kein Verhältnis – auch nicht das hierarchische Geschlechterverhältnis – sollte so bleiben wie es war. Bis Mitte der 1970er Jahre gründeten sich zahlreiche Frauenzentren und Frauengesundheitszentren, Selbsterfahrungsgruppen und Zeitschriften, die autonom von den gemischtgeschlechtlichen Gruppen der Linken, den Parteien und Gewerkschaften agierten. Sie waren die Orte, an denen eine gemeinsame Sprache gesucht und Erfahrungen geteilt, Begriffe und Theorien entwickelt und diskutiert wurden. Als Organe der Selbstverständigung und Kommunikation gründeten sich 1976/77 drei der wichtigen überregionalen Zeitschriften der autonomen Frauenbewegung, wenn auch mit unterschiedlichen Zielen: Courage. Berliner Frauenzeitung, Emma und Die Schwarze Botin.

Herausgeberin der Schwarzen Botin war die Historikerin Brigitte Classen. In der Redaktion arbeiteten neben Classen in unterschiedlicher Besetzung die Journalistin und spätere Schriftstellerin Gabriele Goettle, die Juristin Branka Wehowski, die Schriftstellerin Elfriede Jelinek und die Übersetzerin Marie-Simone Rollin mit. Ab 1983 war die Architektin Marina Auder Verlegerin der Zeitschrift. Bis zur letzte Ausgabe 1987 erschien die Schwarze Botin einunddreißig Mal in einer Auflage zwischen 3000 und 5000 Exemplaren. Die Zeitschrift versammelt wissenschaftliche Aufsätze, Essays, literarische Texte und Gedichte, Collagen, Glossen und satirische Kommentare. Sie lässt sich nicht eindeutig zuordnen: Sie ist weder ein wissenschaftliches Journal im akademischen Sinne, noch eine reine Literaturzeitschrift, noch ist sie eine Szene-Zeitschrift der Frauenbewegung, in der Informationen über Frauenzentren und Frauenfeste veröffentlicht werden, wie es in anderen Zeitschriften der autonomen Frauenbewegung der Fall war. Eindeutig aber ist die Zeitschrift in ihrem Anspruch, der „kritischen Auseinandersetzung mit feministischer Theorie und Praxis einerseits und der Zerstörung patriarchalischen Selbstverständnisses andererseits“ (Die Schwarze Botin) dienen zu wollen. Feministische Ideologiekritik war für die Zeitschrift die Kritik des gesellschaftlichen Bewusstseins und damit auch die (Selbst)Kritik des feministischen Bewusstseins. Was die Zeitschrift zu einem ungewöhnlichen Zeugnis ihrer Zeit macht, ist jedoch weniger die feministische Kritik des Feminismus als vielmehr die Mittel und der Modus der Kritik: Die Ideologiekritik der Schwarzen Botin vereinte provokative Satire und das Beharren auf der Negativität der Kritik.

Katharina Lux wird in ihrem Vortrag das bis heute Bestechende sowie die Begrenztheit der feministischen Ideologiekritik der Schwarzen Botin diskutieren.

»Züri brännt«

Über die Jugendrevolten der ’70er
und ’80er Jahre in der Schweiz

Do 21.06.2018 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Am 30. Oktober 1970 eröffnete der Zürcher Stadtrat in einem Luftschutzkeller den Lindenhof-Bunker. Es sollte ein Autonomes Jugendzentrum sein. Der Bunker wird in der Folge rege frequentiert. Bereits Ende Dezember wird die, inzwischen besetzte, Autonome Republik Bunker durch die Polizei geräumt. Wenig später entsteht dort die Tiefgarage Urania. Hätte der Stadtrat (Exekutive) geahnt, was diese Schließung bewirken wird, er hätte wohl auf die Eröffnung des Zentrums oder auf die Schließung verzichtet.

Auf jeden Fall haben die 68-er Unruhen das Leben zumindest in Zürich, wenn nicht in der ganzen Schweiz, verändert. Die Jugend war nicht mehr bereit, alles als göttlich gegebene Ordnung hinzunehmen. In den 70er Jahren war natürlich die Anti-AKW Bewegung im Brennpunkt. Neben dem Dauerbrenner um den Kampf für autonome Räume, alternative Lebensformen und gegen die totale Kommerzialisierung des Lebensraumes.

Die 8oer Jahre waren geprägt von der Radikalisierung der Jugend: Nach Jahrzehntelangem Kampf um selbstverwaltete Räume, war die Jugend nicht mehr bereit, es bei friedlichen Protesten zu belassen. Dass die Repression in der Schweiz extreme Ausmaße annahm, dürfte immer noch – oder wieder, überraschen.

Die zweite Hälfte des Jahrzehnts war geprägt von einer kulturellen Entwicklung und dem Versuch, das von der Jugendbewegung erreichte nicht wieder zu verlieren. Die Wohnungsnot wurde immer drängender, die Gentrifizierung forderte ihre Opfer: Die Drogenszene nahm gigantische Ausmaße an und Zürich wurde zum Zentrum der europäischen Hausbesetzerszene.

Der Fotograf Miklós Klaus Rózsa hat viele der damaligen Ereignisse dokumentiert. Als Fotograf geriet er damals selbst ins Visier der staatlichen Behörden. Im Vortrag wird er von einigen dieser Ereignisse berichten.

Staatenlos

Klaus Rózsa, Fotograf – ein Film von Erich Schmid

Gösgen 1977: Mit Tränengas gegen AKW-Gegner (Foto: Klaus Rózsa)

Filmvorführung mit Publikumsgespräch am 22.06.2018
19:00 Uhr im Lichthauskino im Straßenbahndepot Weimar

Klaus Rózsa, ein bekannter, politisch engagierter Fotograf, lebte jahrzehntelang staatenlos in Zürich. Alle seine Einbürgerungsgesuche, drei an der Zahl, wurden aus politischen Gründen abgelehnt. Er behindere die Arbeit der Polizei, weil er deren Übergriffe fotografiere, so heisst es in den Staatsschutzakten. Gezeichnet vom Schicksal seines jüdischen Vaters, der die Konzentrationslager von Auschwitz und Dachau überlebte, bekämpft Klaus Rózsa das Unrecht im Staat. Bei den Jugendunruhen der 80er Jahre griff er zum Megaphon und fotografierte gleichzeitig die Auseinandersetzungen auf der Strasse. Später kämpfte er für die Medienfreiheit in der Schweiz und wurde trotz seiner Stellung als Gewerkschaftspräsident und Mitglied des Presserats so oft von der Polizei schikaniert, misshandelt und zusammengeschlagen, dass er 2008 nach Budapest auswanderte. Von dort war er 1956 zweijährig mit den Eltern und seiner Schwester Olga in die Schweiz geflüchtet. Doch in Ungarn wurden derweil Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus salonfähig. Dagegen demonstriert Klaus erneut und tritt in Budapest an der Seite von Bundeskanzler Gerhard Schröder auf. Schulklassen aus der Schweiz erklärt er, wer Carl Lutz gewesen war, der lange Zeit verfemte Schweizer Konsul, der im Zweiten Weltkrieg 60 000 ungarischen Juden das Leben gerettet hatte. Am Budapester Denkmal für ihn trifft Klaus dessen Tochter Agnes Hirschi, die sich seit Jahren für die Ehre und das Andenken ihres Vaters einsetzt.

Zum Filmtrailer

Foto von Miklós Klaus Rózsa: Anti-AKW-Proteste Gösgen 1977

Destruction of the RSG-6

Eine Ausstellung in Odense (DK), die Situationistische Internationale, die Anwendung und Kritik der Kunst

Vortrag von Lukas Holfeld am 19.02.2018
20:00 Uhr in der ACC Galerie Weimar

Im April 1963 veröffentlichte die britische Aktivisten-Gruppe Spies for Peace die Existenz eines geheimen Atomschutzbunker-Systems, das ausschließlich für Mitglieder der britischen Regierung reserviert war: Die „Regional Seats of Government“ (RSG’s). Mitglieder der Gruppe selbst waren in den RSG-6 in Reading eingebrochen und hatten dort die Pläne der übrigen Bunker gefunden. Die Gruppe veröffentlichte ihre Funde in einer Broschüre, die weltweit für Aufmerksamkeit sorgte und einen enormen Mobilisierungsschub für die außer-parlamentarische Abrüstungs-Bewegung nach sich zog. Im Juni 1963 eröffnete die Situationistische Internationale in Odense (Dänemark) eine Ausstellung, die mit dem Titel „Destruction of RSG-6″ überschrieben war. Offensichtlich nahm die marxistische, post-surrealistische Gruppe Bezug auf die Funde in Reading. Aber nicht nur das: Die Galerie zeigte den Stand einer Kritik der Kunst, die die S.I. in den Jahren zuvor erarbeitet hatte.

Der Vortrag erzählt die Geschichte der Ausstellung „Destruction of RSG-6″. Dabei werden Fotos von der Ausstellung gezeigt. Zugleich sollen Ansätze der kritischen Theorie der Situationistischen Internationale eingeführt werden.

Programmvorschau 2018


Destruction of the RSG-6

Über eine Ausstellung in Odense (DK), die Situationisten, die Anwendung und Kritik der Kunst
Vortrag von Lukas Holfeld am 19. Februar 2018
20:00 Uhr in der ACC Galerie Weimar


Das Leben ändern,
die Welt verändern!

Veranstaltungsreihe über einige Aspekte der ’68er-Revolte

Normalisierung und Nicht-Arbeit:
Hippies und Gammler in den 60er Jahren
Vortrag von Bodo Mrozek
Do 22.03.2018 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar
Beat und Gammler:
Konsum und Verweigerung
Jugend in Westdeutschland

Vortrag von Wolfgang Seidel
Do 05.04.2018 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar
Politik und Psychedelic:
Ostblock-Popkultur zwischen Nonkonformismus
und “Normalisierung” 1968 – 1978

Vortrag von Alexander Pehlemann
Do. 26.04.2018 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar
Der Beginn einer Epoche?
Eine kurze Geschichte von Detournement
und Récupération des Mai ’68

Vortrag von Biene Baumeister Zwi Negator
Do. 24.05.2017 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar
Zur Geschichte eines Bruchs:
Wochenend-Workshop zur 68er-Revolte
25.05. – 27.05.2018 – M18 (Marienstraße 18, Weimar)
Wir bitten um Anmeldung unter: biko[at]arranca.de
Das Unvorstellbare ist nicht das Unmögliche:
Herrschaftskritik und Literatur
in der Zeitschrift ‚Die Schwarze Botin‘

Vortrag von Katharina Lux
Do 07.06.2018 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar
Züri brännt:
Über die Jugendrevolten der ’70er
und ’80er Jahre in der Schweiz

Vortrag von Miklós Klaus Rózsa
Do 21.06.2018 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Die Wut im Bauch

Surrealismus überall

Leider ist das Archiv der Wiener Zeitschrift Context XXI nicht mehr online. Damit ist das Archiv einer Zeitschrift verschwunden, die eine Zeit lang ein wichtiges Medium gesellschaftskritischer Debatten gewesen ist. Wir dokumentieren im Folgenden einen dreiteiligen Artikel von Alexander Emanuely über den Surrealismus, der damals in Context XXI erschienen ist. Wir empfehlen als ergänzende Lektüre „Der radioaktive Kadaver – Eine Geschichte des Surrealismus“ von R.G. Dupuis und „Surrealismus und Sexualität – Inszenierung der Weiblichkeit“ von Xaviére Gauthier. Außerdem verweisen wir auf den jüngst erschienenen zweiten Band es Buches „AVANTGARDE“ von Alexander Emanuely, in dem es ebenfalls u.a. um den Surrealismus geht. Einen weiteren Text über Surrealismus hat er in der KSR N°1 veröffentlicht.

Teil 1 – Kein Glied bleibt unzerissen

Der surrealistischen Explosion folgen, in sie hinein rauschen, sich von aufgebrachten Phantomen ganz in grün, wie sie in ihren Cafés in Paris saßen und herumstritten, einfangen lassen, sich dabei wundern und begeistern; das war mein erster Schritt in eine neue, alte Welt, mein Wiederfinden einer kindhaften Hysterie, die mit geschlossenen Augen mehr sieht, als alle Fernsehkameras der Welt. Die Entdeckung erfolgte willkürlich, ich stolperte über Rimbaud, Sade, über die Chansons von Léo Ferré, schließlich und plötzlich über die Surrealisten selbst, zuerst Louis Aragon, weil seine Gedichte vertont worden waren, dann Paul Eluard und seine Hauptstadt des Leidens, schließlich über André Breton, den Papst, der gleichzeitig Bewunderung und Erstaunen erweckte. Ich war damals 15 oder 16 Jahre alt, die öffentliche Bibliothek, in der ich mich durchfraß, hatte ihre Bücher im Keller lagern, der dortige Sauerstoffmangel ließ mich nicht selten einschlafen und das finden, was der einzige Ort der Freiheit zu sein scheint; den Traum. Alles andere ist Hölle. Sade beschrieb diese Hölle, wie er sie sich vorstellen könnte, Primo Levi beschrieb sie, wie er sie erlebt hat. Das, was die Menschen mit viel Mühe produziert hatten, war das Grauen, welches sie natürlich selbst nicht mehr als solches wahrhaben wollten und sogar schafften romantisch zu verklären, als Kulisse des Fortschritts darstellend, der es schlußendlich doch noch zu irgend etwas bringen würde. Die Ruinen malen, noch einmal und immer wieder aufzeigen, zu was der Mensch, ohne es merken zu wollen, fähig ist. Im Bücherkeller, aufgeblättert und dämmernd vor meinen Augen, klebten die Surrealisten, die grün angezogenen Phantome, mit viel Tinte und Farbe die Bruchstücke der Welt, die einer Revolution bedarf, zusammen. (mehr…)

Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes

Film von Julian Radlmaier
mit einer Einführung von Jakob Hayner

Fr 15.09.2017 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar – Trailer

Ein bürgerlicher Windhund gesteht, wie er vom Filmemacher zum Vierbeiner wurde: Weil er gerade keine Förderung bekommt, sieht JULIAN sich gezwungen, einen Job als Erntehelfer anzunehmen. Als er der jungen Kanadierin CAMILLE weismacht, es handele sich dabei um die Recherche für einen kommunistischen Märchenfilm, in dem sie die Hauptrolle spielen soll, will sie ihn begleiten und Julian spinnt romantische Fantasien. So landen die beiden in der trügerischen Idylle einer ausbeuterischen Apfelplantage. Während Julian unter der körperlichen Arbeit leidet und sich vor den merkwürdigen Zimmergenossen in den Containerbaracken fürchtet, stürzt sich Camille enthusiastisch in die vermeintliche Recherche und freundet sich mit HONG und SANCHO an, zwei wundergläubige Proletarier auf der Suche nach dem Glück. Für Julian wird es zunehmend schwieriger, den kommunistischen Filmemacher zu performen, außerdem kommt ihm ein Vorzeigearbeiter mit amerikanischen Träumen in die Quere, ein stummer Mönch mit magischen Kräften und einem Sprung in der Schüssel tritt auf, die Plantagenbesitzerin wird versehentlich getötet und eine versuchte Revolution endet in Ratlosigkeit. Da kommen die Spatzen in den Bäumen mit einem unerhörten Plan…

Julian Radlmaier studierte Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin und arbeitete in dieser Zeit als persönlicher Assistent von Werner Schroeter. Zudem gab er verschiedene Übersetzungen von filmtheoretischen Schriften des französischen Philosophen Jacques Rancière heraus. »Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes« ist sein Abschlussfilm. Jakob Hayner schreibt für zahlreiche Zeitschriften (u.a. Jungle World und Konkret) und ist Redakteur der Zeitschrift »Theater der Zeit«. Für die Jungle World hat er ein Interview mit Julian Radlmaier über dessen neuen Film geführt. Jakob Hayner gehört zum Redaktions-Kreis von Kunst, Spektakel & Revolution.

Vom prophetischen Schrecken der Revolution

Über Kafkas »Der Prozess«

Nikolai Bersarin – Do 21.09.2017 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Als Franz Kafka am 13. August 1912, bei Max Brod zu Gast, seine spätere Verlobte Felice Bauer traf, sah es zunächst nicht nach dem Beginn einer großen Liebe aus. »Knochiges leeres Gesicht, das seine Leere offen trug«, notierte Kafka eine Woche nach dieser Begegnung in sein Tagebuch. Doch aus dieser Liaison ging einer der gewaltigsten Romane der Literatur hervor. Die (vermeintliche) Leere dieses Gesichts wurde in gewaltiger Prosa ausgeschrieben. Wieweit sich in diesem Kontext Biographie und Schreiben verschränken, soll jedoch nur am Rande Thema des Vortrags sein. Vielmehr geht es darum, mit Kafkas »Prozess« die besonderen Züge seiner Literatur darzustellen – nämlich eine Revolution der Poetik und des Schreiben. Das noch junge Medium Film hielt genauso in den Roman Einzug wie Photographie und Theater. Mit Adorno kann man bei Kafkas Prosa von Gesten aus Begriffen sprechen. Das Spezifische dieser Prosa wird Thema des Vortags sein: sowohl die Form des Fragments, die Verquickung von Biographischem und Fiktion und ebenso, dass jene Revolution, die gesellschaftlich bereits in der Luft lag, sich auch in der Literatur ausbreitete und die Avantgarden erfasste, soll anhand von Kafkas »Prozess« gezeigt werden. Worauf wir bei der Lektüre Kafkas stoßen, ist eine Revolution des Schreibens und Erzählens. Ein neuer Realismus konstituierte diese Literatur. Ein Realismus, der den Schrecken des Jahrhunderts wie auch die Fragilität von Subjektivität prophetisch vorwegnahm und in literarische Bilder bannte.

Bersarin, Jahrgang 1964, studierte Philosophie, Soziologie, Germanistik und nebenher Kunstgeschichte. Er lebt und arbeitet in Berlin, ist tätig im Verlagswesen und beschäftigt sich mit der Philosophie und Ästhetik der Moderne sowie der Postmoderne. Insbesondere die Philosophie Kants, Hegels, Adornos und Benjamins wie auch Positionen des Französischen Poststrukturalismus gehören zu seinem Arbeitsfeld. Er betreibt den Blog »Aisthesis« und macht Fotos, die er zuweilen hier zeigt. In KSR N°3 schrieb er »Über die Geschmacksbildung in der Kunst«. In KSR N°4 schrieb er über »Hölderlin in der geschichtsphilosophischen Perspektive von Georg Lukács und Theodor W. Adorno«.

Ein Riss ist in der Welt

Über Romantik und Revolution

Jörg Finkenberger – Do 28.09.2017 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Die Romantik, die erste moderne Avantgardebewegung, gilt zu Unrecht als prinzipiell rückwärtsgewandt. In den Ländern, in denen sie zuerst entsteht, Deutschland und England, kann sie viel genauer beschrieben werden, wenn man sie unter dem Blickwinkel ihrer kritischen Sympathie mit der französischen Revolution betrachtet, auf derem Höhepunkt sie entsteht. Die revolutionären Sympathien der frühen Romantiker sind nicht individuelle Zufälle, sondern reichen ins Innerste der Neuen Schule. Sie nimmt die epochale Erschütterung nicht nur von aussen auf, um sie zu verarbeiten, sondern betrachtet sich selbst, ihre Philosophie, Kunst und Wissenschaft als integralen Bestandteil eines revolutionären Programms, das beitragen soll, die Revolution vor ihrem Versagen zu retten, indem sie über ihre Beschränkung hinaustreibt. In diesen Kreisen wird das Problem der Erneuerung, man könnte fast sagen: der Gründung einer Gesellschaft radikaler betrachtet als jemals vorher, und lange nachher. Wie und warum es dazu kam, dass dieses Bild unter der Restaurationszeit sich verdunkelte, obwohl die Impulse dieser revolutionären Avantgardebewegung bis zu uns sich messbar fortsetzen, das versucht der Referent zu zeigen, erst mit gemischten Ausführungen über die Erkenntnistheorie, Poetologie, Politik, Philologie und Erotik der Romantiker, dann mit einigen biographischen und historischen Bemerkungen, zuletzt unter Rückgriff auf das Bild des »Risses in der Welt«, das sich durch die ganze romantische Schule und alle spätere Moderne zieht, und welcher Riss, wie zu zeigen sein wird, derselbe Riss ist wie in Brechts »Lied vom Klassenfeind«.

Jörg Finkenberger ist Mitherausgeber der Zeitschrift »Das große Thier« und widmet sich in seinen Texten u.a. der Kritik des Staats (siehe: »Staat oder Revolution. Kritik des Staates anhand der Rechtslehre Carl Schmitts«, ça ira Verlag 2015). In KSR N°4 schrieb er unter dem Titel »Ein Riss ist in der Welt« einen Text über die Romantik. In KSR N°5 schrieb er einen Text über die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.

Ein Blick zurück

Über die feministische Utopie, eine Geschichte zu haben

Workshop mit Johanna Krümpelbeck und Pia Marzell (AK Unbehagen) – Sa 07.10.2017 – 14:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Dass sich die Emanzipation der Frau nicht automatisch aus ihrer ökonomischen Gleichstellung ergeben würde, war für Lenin und viele seiner männlichen Genossen undenkbar. Die russische Revolution war vor allem als Emanzipation des männlichen Subjekts gedacht worden, das »Private« blieb das Problem der Frauen. Wir werfen einen Blick zurück und sehen uns Emanzipationsentwürfe an, die Privatsphäre, Sexualität, psychische Strukturen und kulturelle Aspekte nicht ausklammern, sondern sich dezidiert mit ihnen beschäftigen. Auch Christa Wolf denkt in ihrer Neuerzählung des Kassandra-Mythos über die Abspaltung des Weiblichen aus der Öffentlichkeit nach und lässt ihre Figur über die Folgen dieser Trennung reflektieren. Ausgehend davon wollen wir mit euch darüber diskutieren, wie eine Utopie ohne getrennte Sphären aussehen könnte und darüber nachdenken, ob nicht schon in dem (Um)Erzählen einer Geschichte etwas revolutionäres aufscheint. Wir freuen uns auf euch!

Johanna Krümpelbeck und Pia Marzell vom AK.Unbehagen.

Begrenzte TeilnehmerInnenzahl! Wir bitten um Anmeldung über unser Kontaktformular.

AK Unbehagen ist ein Lesekreis in Leipzig, der sich mit feministischer Theorie und Literatur auseinandersetzt. Angesichts einer sehr brüchigen feministischen Geschichtsschreibung geht es dem AK insbesondere darum einige Standpunkte und Sichtweisen zum »weiblichen Subjekt« zusammenzutragen.

»… versunken im Schlamm des Trauerbachs«

»Linke Melancholie« und revolutionäre ästhetische Praxis

Antje Géra – Do 12.10.2017 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

ACHTUNG! Der Vortrag muss aus gesundheitlichen Gründen leider verschoben werden. Wir informieren euch an dieser Stelle, sobald es einen neuen Termin gibt.

»Linke Melancholie« ist eine Diagnose, die gerade in Krisenzeiten emanzipatorischer Praxen schnell zur Hand ist. In Berufung auf das von Walter Benjamin in den 1930er Jahren geprägte Schlagwort erklingen Klagen über einen Mangel an »Aktivismus«, den Rückzug aus gesellschaftlichen Gefechten »der Straße« in Selbstbespiegelungsdiskurse, »passives Lesekreisen« und (pop-)kulturelle Jammertäler. Was sich der Umwälzung verschrieben habe, sei durch eine Rückwärtsgewandtheit bestimmt, die sich in nostalgischem Schwelgen in überholten Traditionen und melodramatischem Suhlen in Niederlagen emanzipatorischer Bewegungen äußere. Von einer »wirklichen Bewegung« keine Spur – nur unwirksamer Stillstand und eine einzige Misere aus Pessimismus, Nihilismus und Utopieverlust. Als Hauptübel wird ein ästhetischer Eskapismus identifiziert, der zu »politischer Handlungsunfähigkeit« führe. Gemeinsam ist diesen Kritiken die Forderung nach einer politischen Praxis, welche die Melancholie überwinde und die Kunst in den Dienst eines politischen Aktivismus stelle.

Anliegen des Vortrages wird nicht sein, über die Angemessenheit der zeitdiagnostischen Momente dieser Auffassungen Urteil zu sprechen. Vielmehr wird dem Verdacht nachgegangen, dass sie nicht nur mit einem unterkomplexen Verständnis von Melancholie operieren, sondern zudem phantasmatische Erzählungen über die Wirksamkeit politischen Widerstandes und instrumentelle Modellierungen des Verhältnisses von Kunst und Politik produzieren. Dabei wird sich gerade in einer Kontextualisierung der Benjamin’schen Bezugnahme auf Melancholie im Allgemeinen und auf »linke Melancholie« im Besonderen eine andere Tradition des Melancholie-Topos ausweisen lassen. Diese Tradition führt von Karl Marx über Walter Benjamin, Guy Debord und Peter Weiss hin zu Mark Fisher und aktuellen feministischen Konzeptionen von Melancholie als Widerstand. Indem in dieser Tradition die Auseinandersetzung mit melancholischen Ausdrucksformen eine tragende Rolle in selbstkritischen Reflexionen politischer Praxen spielt, deutet sich an, inwiefern »linke Melancholie ein unverzichtbares Moment einer Auffassung von Widerstand sein könnte, welches diesen radikal als politisch-ästhetische Praxis versteht.

Antje Géra forscht zu einer kritischen Theorie der Bildlichkeit, melancholischer Kritik und einem philosophischen Begriff von Widerstand. Gemeinsam mit anderen Mitarbeiterinnen etabliert sie feministische Lehre und Forschung am Institut für Philosophie Hildesheim. Sie lebt in Hamburg.

Reconstructed Line #3

Formulierung, Evaluation [convulsions], vorprogrammiertes Drama

Till Gathmann – Do 19.10.2017 – 20:00 Uhr
Geschwister-Scholl-Straße 11
(Atelier, Fakultät Gestaltung der Bauhaus Universität Weimar)

Die Vorstellung, dass die Linie ein bewegter Punkt sei, entspringt den kunsttheoretischen Schriften von Paul Klee. Mit ihrer Dynamik, die sich auf einer passiven Fläche entfaltet, öffnet die Linie ein Spannungsfeld zwischen dem affektiven, denkenden und handelnden Subjekt.

Till Gathmann geht der Frage, wie sich in der Zeichnung Somatisches und Psychisches formulieren, in Form von kleinen Zeichnungen nach, die schriftähnlich aus einer fortlaufenden Linie entstehen. In Reconstructed Line wird eine dieser Zeichnungen in genauer Beschreibung ihres Verlaufs rekonstruiert. Indem die Performance eine Übersetzung der Zeichnung – welche Körperspannung in Geste und Spiel verwandelt – in Text vollzieht und zum Gegenstand ihrer Handlungen macht, tangiert sie auch ein eminent politisches Problem: Die Frage der Affekte und der Spontanität im politischen Denken und Handeln, ihrer Wiederholungen, ihrer Triebgrundlage, der Erinnerbarkeit und der Konfrontation mit dem Zufall. Ist die Arbeit mit der Zeichnung eine Erinnerung an eine frühere Empfindung, so kann sie die spontane Kraft unmöglich wiedererlangen, von der die Linie anfangs angetrieben war. Was die Mühe der Rekonstruktion hervorbringt, verwandelt Spur in Material.

Till Gathmann ist Künstler, Buchgestalter und Autor. In seinen künstlerischen Arbeiten setzt er sich mit der Politik der Form auseinander, die zwischen Konzeptkunst, Fragen des Ausdrucks und psychoanalytischer Modelle verhandelt wird. Auch die Auseinandersetzung mit faschistischer Ästhetik ist ein wiederkehrendes Motiv. In der Ausgabe #1 der Zeitschrift Sans Phrase schrieb er über den Konzeptkünstler Sol Lewitt (»Object of Importance but Little Value – Analer Charakter und Werkkrise«). In der Ausgabe #3 derselben Zeitschrift schrieb er über »Der Fall Beuys. Analer Charakter und Werkkrise: Bundesrepublik Deutschland«.

Von der künstlerischen Komposition zur ästhetischen Abstraktion

Ästhetische Revolutionen zu Zeiten der Oktoberrevolution

Kerstin Stakemeier – Do 09.11.2016 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Als noch nicht sonderlich lange existierende moderne Verengung zuvor wesentlich weiter gefasster ästhetischer Produktionsformen auf einen industriell ausgeschlossenen Zweig gesellschaftlicher Folgenlosigkeit ist die Kunst ein Kapitalisierungseffekt. Und damit wären ihre Arbeitsformen ebenso wie die aller anderen modernen, industrialisierten Formen zu revolutionieren. Eben dies versuchte der russische Proletkult, eine Organisation die sich kurz vor der Oktoberrevolution in Leningrad gründete, und in den folgenden Jahren Studios in Fabriken ebenso wie an der Front eröffnete, mit dem Ziel eine allgemeine künstlerische Produktion zu eröffnen. Damit stand er, ebenso wie diejenigen die außerhalb Russlands an seine Programme anknüpften, wie etwa der von Karel Teige in Prag mitbegründete Poetismus oder Lu Märtens in Berlin verfasste Theorie des »Wesens und Veränderung der Formen (und Künste)«, im direkten Gegensatz zur Kunst- und Kulturpolitik des »orthodoxen Marxismus«. Im Vortrag soll es darum gehen diese Position nicht nur als vergangenen ästhetischen Radikalismus vorzustellen, sondern auch zu fragen warum sich die bürgerlich-kapitalistische ästhetische Beschränkung mit dem Namen Kunst sich bis heute so großer Beliebtheit erfreut.

Kerstin Stakemeier lehrt Kunsttheorie- und vermittlung an der Akademie der bildenden Künste Nürnberg. Sie forscht zur Kunstgeschichte, insbesondere deren radikalen Strängen. Sie ist immer wieder an Ausstellungsprojekten beteiligt, so etwa Aktualisierungsraum oder Klassensprachen. Für die Realism Working Group schrieb sie mit Johannes Raether über »Die Art of Falling Apart – über den Realismus der Romantik«. In KSR N°1 schrieb sie über »Künstlerische Produktion und Kunstproduktion – Polytechnik und Realismus in der frühen Sowjetunion«.

KSR N°6 Release in Weimar

15.06.2017 – Heftvorstellung und Vortrag – ACC Galerie Weimar

In linken Debatten über Ästhetik standen sich oftmals zwei Positionen gegenüber: Auf der einen Seite der Realismus, der die Forderung erhebt, die wichtigsten Tendenzen und Konfliktlinien der Wirklichkeit in der Kunst zur Darstellung zu bringen. Auf der anderen Seite der Avantgardismus, der die Totalität des klassischen Kunstwerks zerstört und tendenziell mit den künstlerischen Mitteln selbst unmittelbar in die Wirklichkeit eingreifen möchte.

In den Realismusdebatten der 1930er Jahre gab es jedoch eine Position, die diese Gegenüberstellung durcheinander brachte: jene Bertolt Brechts. Der wollte sich als Realist verstanden wissen und hat trotzdem im Feld der Avantgarde gewirkt. Der Modellcharakter war für ihn eine zentrale ästhetische Strategie.

Im Vortrag wollen Thomas Zimmermann und Lukas Holfeld die sechste Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution vorstellen und einige Thesen über Avantgarde und Realismus vortragen.

    Beginn: 20:00 Uhr
    Eintritt: 2 € (erm. 1 €)
    Ort: ACC Galerie Weimar, Burgplatz 1

KSR N°6 ist erschienen

Nach unserer Release-Veranstaltung am 24.05.2017 in Halle liegt nun die sechste Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution der Öffentlichkeit vor. Das Heft trägt den Untertitel Theater Realität Realismus und basiert auf einer Tagung, die im Sommer 2016 in Berlin stattgefunden hat. Das Heft umfasst 64 Seiten und enthält 9 Texte. Dabei dreht sich alles um das Theater: Dramenform, Realismus, Avantgarde, Bertolt Brecht, Peter Hacks und Heiner Müller kommen darin vor. Einen Einblick in das Inhaltsverzeichnis und eine Leseprobe findet ihr hier. Das Heft kann über das Kontaktformular bestellt werden.

Den ersten hundert Bestellungen wird ein Plakat beiliegen, das eine typographische Gestaltung eines Brecht-Zitats enthält. – Nur solange der Vorrat reicht.

In den nächsten Wochen werden wir weitere Heftvorstellungen in verschiedenen Städten organisieren. Außerdem arbeiten wir schon an der lang versprochenen „schwarzen“ Ausgabe.

Release: KSR N°6

Wir freuen uns, im Mai die sechste Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution vorstellen zu können. Das Heft trägt den Untertitel Theater, Realität, Realismus und setzt sich in neun Texten mit den Realismus-Debatten im Bezug auf das Theater und das Drama auseinander.

Das besondere Interesse, welches die Kunstform Theater auf sich zieht, liegt in ihrem öffentlichen Charakter begründet. In der griechischen Antike entwickelte es sich mit der Polis der attischen Demokratie. Die öffentliche, durch Kunst verhandelte Sache macht den Grundzug des Theaters aus — über das elisabethanische und bürgerliche bis hin zum epischen Theater. Die Bretter, die die Welt bedeuten, stellen die gesellschaftliche Ordnung in Frage, indem sie künstlerisch zur Darstellung kommt. Insoweit war für das Theater die Frage, welche Welt da eigentlich auf welche Weise bedeutet werden soll, schon immer von Interesse. Die Frage nach der Realität und dem Realismus ist dem Theater in gewisser Weise inhärent, jedoch sind die Diskussionen um den Begriff des Realismus spezifisch modern und haben mit der bürgerlichen Autonomie der Kunst ihre Substanz gewonnen. Die Freisetzung der Kunst und der Künstler im Kapitalismus haben die Frage bedingt, was mit Kunst bedeutet und bezweckt werden kann und soll. Auf die kapitalistische Veränderung der Welt zu reflektieren, ist Anliegen einer Debatte um den Begriff des Realismus.

Der Begriff des Realismus stellt die Frage nach dem Zusammenhang von Kunst und Gesellschaft. Seit seinem Aufkommen ist er ein kritischer Begriff. Besonders interessant wird er aber erst im Zuge der kommunistischen Debatten der zwanziger und dreißiger Jahre. Der Realismus ist der Begriff, der es ermöglicht, die lebendige Dialektik der Kunstwerke im Zusammenhang mit ihren gesellschaftlichen und historischen Voraussetzungen und Wirkungen zu betrachten. Der Realismus ist, entgegen den über ihn kursierenden Vorurteilen, kein Naturalismus. Im Gegenteil ist er die Kritik des Naturalismus. Der Naturalismus ist der Positivismus in der Kunst, der annimmt, dass die Kunst zur Realität in abbildender Weise sich verhält. Aber damals wie heute hat man die Realität weder mit einem Blechnapf oder Experten des Alltags auf der Bühne. Die Wirklichkeit will ja begriffen werden, nicht abgebildet. Der Realismus ergreift Partei für ein dialektisches und ästhetisches Begreifen der Wirklichkeit durch die Kunst, also für die Poesie. Der Realismus ist darüber hinaus auch parteiisch, er ist eine Kritik der Verödung der Welt durch den Kapitalismus. Diese Kritik äußert die Kunst allerdings, indem sie besser als die Welt ist, in ihrer Form schon Utopie einer künftigen, von kapitalistischer Produktionsweise befreiten Gesellschaft ist. Ein neuer Realismus wäre ein Vorschlag für das Theater, der eigenen Mittel bewusst an der ästhetischen Utopie zu arbeiten, die auf vermittelte Weise auf die politische Utopie verweist.

Wir freuen uns, das Heft im Operncafé der Oper Halle (Saale) vorstellen zu können:

In einer linken Tradition des Theaters scheinen sich das avantgardistische, später postdramatische Theater auf der einen Seite und das realistische Drama gegenüberzustehen. Doch handelt es sich dabei wirklich um eine Opposition? Die beiden Redakteure Jakob Hayner (Theater der Zeit) und Lukas Holfeld (Radio Corax) stellen das Heft vor und diskutieren einige Thesen zum Verhältnis von Realismus und Avantgarde.

    ■ Datum: 24.05.2017
    ■ Beginn: 20:00 Uhr
    ■ Ort: Operncafé der Oper Halle (Universitätsring 24)
    ■ Eintritt frei


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