Kerstin Stakemeier – Konstruktivismus und (Re)Produktion

László Moholy-Nagy und der revolutionäre Konstruktivismus

[Dieser Text erschien ursprünglich als Beilage zur Neuauflage und Verfilmung des Typoskripts »Dynamik der Großstadt« von Moholy-Nagy durch Schroeter und Berger.]

»Vor der visuellen Kunst eröffnen sich eben im Moment des Begrabens ihrer etablierten Formen, deren Abgesang wir […] erlebten, außerordentlich weite Horizonte, und ich lade den Leser ein […] an der ›Taufe‹ der neuen Formen und des neuen Inhalts in der Kunst teilzunehmen. Diese neue Formen tragen den Namen ›Kunst in der Produktion‹ oder ›Produktionsmeisterschaft‹. Der ›Inhalt‹ wird hier zu Nützlichkeit und Zweckmäßigkeit des Produkts, zur tektonischen Qualität, die die Form und Konstruktion des Produkts bedingt und seine soziale Stimmung und Funktion belegt. […] Das soziale Problem der freuen Arbeit wird gelöst durch die Annäherung jeglicher Arbeit an die Arbeit des Künstlers«1

Der Produktivist Nikolaij Tarabukin zeichnete in seinem Traktat »Von der Staffelei zur Maschine« (1925) die Möglichkeiten nach, die sich auf einer Auflösung der künstlerischen in die allgemeine Produktion ergeben würden. Diese Mechanisierung der künstlerischen Produktionsmittel bedeutete angesichts der sozialistischen Revolution, in deren Rahmen Tarabukin schrieb, die künstlerischen Produktionsmittel auf die Höhe der allgemeinen Reproduktionstechnik zu bringen.2 Mit der künstlerischen Ausnutzung von Fotografie und Film sah er in der Geschichte der Kunst erstmals die Möglichkeit, sich von der Herrschaft des Naturalismus durch die Malerei loszusagen. Tarabukin und andere Produktivisten – wie Boris Arvatov, Vladimir Tatlin oder Alexander Rodchenko – hatten es sich zur Aufgabe gemacht, die vormals ›bloß‹ künstlerische Produktuion in die Gebrauchswertproduktion zu überführen, um damit die Kunst nicht nur aus ihrer bürgerlichen Folgenlosigkeit, sondern auch die Arbeit der Gebrauchswertproduzenten aus ihrer nur mechanischen Wiederholung zu befreien. Im Zeichen der Revolution sollten Kunst- und Massenproduktion nicht länger getrennt sein, sondern zu einer allseitigen Erweiterung der menschlichen Möglichkeiten dienen, zu einer Freisetzung der individuellen Vermögen, die nicht länger von der bürgerlich-kapitalistischen Professionalisierung und ihrer industriell verwalteten Arbeitsteilung eingeschränkt sein sollten. Das bedeutete für die Kunst eine Erweiterung nicht nur ihrer Produktionsmittel, sondern auch ihres verantwortlichen Umgangs mit ihnen und ihre Erweiterung in den industriellen Produktionsbereich.

1929 formuliert László Moholy-Nagy in seiner Schrift »Von Material zu Architektur« die Grundlage seines Lehrprogramms aus eben diesem Verhältnis von Kunst und Produktion:

»Der Revolutionär sollte sich immer darüber im Klaren sein, dass der Klassenkampf sich letztenendes nicht vom Kapital, noch von den Produktionsmitteln handelt, sondern vom Recht des Individuums auf eine ausfüllende Tätigkeit, ein Lebenswerk das inneren Bedürfnissen entspricht, […] und einer wirklichen Freisetzung menschlicher Kräfte.«3 (mehr…)

KSR#2 ist erschienen

Die zweite Broschüre zur Veranstaltungsreihe Kunst, Spektakel & Revolution ist erschienen und kann ab sofort über das Kontaktformular bezogen werden. Das fünfzig-seitige Heft enthält sieben Texte und eine Beilage – weitere Informationen, die Einleitung und eine Leseprobe gibt es hier.

Auch im Jahr 2012 wird die Reihe, nunmehr in einem vierten Teil, eine Fortsetzung finden. Wir werden uns mit dem Schicksal von Künstler_innen, Avantgardist_innen und Intellektuellen zwischen den beiden Weltkriegen auseinandersetzen und auf welche Weise Nationalsozialismus und zweiter Weltkrieg ihr Wirken beeinflusst haben. Insbesondere wollen wir uns die Frage stellen, wie sich die Perspektive auf Autonomie und Aufhebung der Kunst nach 1945 verschoben hat. Weitere Informationen hierzu wird es Anfang des Jahres 2012 an dieser Stelle geben. Bis dahin weisen wir auf den Vortrag von Wolfgang Bock über László Moholy-Nagy am 19.01.2012 hin.

Release Broschur: Kunst, Spektakel und Revolution #2

Präsentation unserer zweiten Broschüre und Vortrag zu den Konstitutionsbedingungen und der Beschaffenheit revolutionärer Subjektivität

Mittwoch 21.12.2011 – 18:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Im Jahr 2009 begann die Veranstaltungsreihe »Kunst, Spektakel und Revolution« als eine Zusammenarbeit zwischen der ACC Galerie Weimar und dem Bildungskollektiv Erfurt. Seither fanden in diesem Rahmen ca. 25 Veranstaltungen statt, die sich auf unterschiedliche Weise mit dem Verhältnis von Ästhetik und Gesellschaftskritik auseinandergesetzt haben. Nachdem wir im Rahmen der Reihe Anfang 2010 bereits eine Publikation mit Texten zum Thema herausgegeben haben, freuen wir uns am 21.12.2011 nun unsere zweite Broschüre präsentieren zu können. Sie enthält sieben Textbeiträge von Tilman Reitz, Christopher Zwi, R.G. Dupius, Clemens Bach, Björn Öllers, Jan C. Watzlawik, Kerstin Stakemeier, Roger Behrens und Magnus Klaue zu den Themen »Charles Fourier und die Avantgarden«, »Lautreamont & Detournement«, »Dandy & Paradoxie«, »Krise und Zerfall des Liberalismus bei Charles Dickens«, »Die Expressionismusdebatte in ihrer Zeit«, »Die Sicherheitsnadel als Gegen-, Wider- und Umstand« und »Die postmoderne Empfindsamkeit«. Um den Abend inhaltlich zu gestalten und noch einmal die Revolution im Titel unserer Veranstaltungsreihe zu unterstreichen, haben wir zwei Menschen von der AG Gesellschaftskritik aus Dresden eingeladen, die über »Proletarität und Revolutionstheorie« referieren werden.

Ankündigungstext zum Vortrag

Das »Proletariat« hat als Chiffre eine lange, unrühmliche Karriere hinter sich. Im »traditionellen Arbeiterbewegungsmarxismus« mit dem historischen Phänotypen des Proleten identifiziert, welcher qua seiner Stellung im Produktionsprozess und seiner moralisch verstandenen Knechtung revolutionäres Bewusstseins spontaneistisch im Klassenkampf entwickeln müsse, oder per se rebellisch jenseits der Fetischisierungen, Mystifizierungen und Naturalisierungen der kapitalistischen Verkehrsformen stünde, hat sich spiegelverkehrt dazu das Gros der Marxisten und Linken enttäuscht vom Proletariat verabschiedet, nachdem dieses nicht seinem »geschichtlichen Beruf« (Marx) nachgekommen ist, sondern sich stattdessen ganz im Gegenteil als das erwiesen hat, als was es im kapitalistischen Produktions und – Verwertungsprozess gesetzt ist: variabler Teil des Kapitals. Seit dem Untergang des sogenannten »Realsozialismus«, sowie der »prolet-arischen« (Franz Neumann) Konterrevolution des Nationalsozialismus und der Shoa schwankt die westliche Linke allgemein und die deutsche insbesondere zwischen einer abgeschmackten Neuauflage der positiven Revolutionstheorie des Traditionsmarxismus, der (wertkritischen) Soziologisierung des Proletariats, einer Ausweitung des »utopische Bilderverbot(s) auch auf die Frage nach dem revolutionären Subjekt« (Ingo Elbe) und dem postmodernistischen »Abschied vom (revolutionären) Subjekt«. Während sich die fortschreitende Akkumulation des Kapitals weiterhin über die extensiv wie intensiv akkumulierende Proletarisierung eines Großteils der Menschheit vollzieht, ist der Begriff von der »Daseinsform, Existenzbestimmung« (Marx) der Proletarität und den Möglichkeiten ihrer Aufhebung in der Dimension revolutionärer Theorie und Praxis verschüttet. Gegen die Arbeitertümelei des Proletkults einerseits und die ihr aufsitzende Abkehr vom Proletariat andererseits wäre Proletarität nicht als Antwort auf die Scheinfrage zu begreifen, ob das Proletariat bereits das revolutionäre Subjekt sei, sondern als eine Voraussetzung des dynamischen Prozesses seiner Subjekt- und Bewusstwerdung zu rekonstruieren, die eine kommunistische Revolution realistisch möglich und denkbar macht. Nur in einer nüchternen Bestimmung der Bedingungen, objektiven Möglichkeiten und Tendenzen einer kommunistischer Vergesellschaftung lassen sich die Formen und der Inhalt revolutionärer Subjektivität als der »Klasse des Bewusstseins« (Lukács) konkretisieren, die sich auf der Höhe der modernen Vergesellschaftung wissenschaftlich über ihre Lebensverhältnisse klar wird und sie praktisch umwälzt. Der Zusammenhang des Proletariats mit einer kommunistischen Revolutionstheorie wäre also in dem konkreten Beantwortungsprozess der Frage zu erschließen, wie diese Revolution beschaffen, was ihre Voraussetzungen, Mittel und Ziele sein könnten.

László Moholy-Nagy

und die Rettung der Objekte durch Licht

Vortrag von Wolfgang Bock – 19.01.2012 – 20:00 Uhr – ACC Galerie Weimar

Der ungarische kubistische Maler, Photograph und Designer Lászlo Moholy-Nagy gilt als einer der wichtigsten Vertreter des Bauhauses. Walter Gropius holt ihn 1923 als Lehrer nach Weimar. Er wird Nachfolger von Johannes Ittten, übernimmt als Meister die Metallwerkstatt und ist verantwortlich für die Materiallehre im berühmten Vorkurs. Er beginnt, ebenfalls mit Gropius, die Arbeit an den Bauhausbüchern, deren Typographie er stilbildend prägt. In Weimar lernt er photographieren und Moholy-Nagy gilt neben Man Ray als einer der »Erfinder« des Photogramms. Sein Beitrag für die Moderne ist kaum zu überschätzen.

Moholy-Nagy betrachtete als Konstruktivist die Möglichkeiten der menschlichen Wahrnehmung als »funktionale Entwicklung der einzelnen Apparate der Sinneswahrnehmung«; ihrer spezifischen Vorgehensweise stellt er die Logik der Maschinentechnik gegenüber und will beide als fortgeschrittensten Ausdruck des Gestaltungsvermögens verstehen. Dieser Zusammenhang ist politisch motiviert. Wie der junge Marx erkennt er in der Entwicklung der Produktivkräfte eine wichtige Bedingung für gesellschaftliche Entwicklung. Als jüdischer ungarischer Anarchist unterstützt Moholy-Nagy die Budapester Räterepublik, geht dann nach deren Fall nach Wien und Berlin. Die politische Dimension geht bei Moholy-Nagy ein in einen spezifischen Begriff von Material und Licht.

Wolfgang Bock schildert die Anfänge seiner Arbeit in Weimar und würdigt seine späteren Arbeiten für eine kritische Ästhetik und Medienwissenschaft.

Wolfgang Bock, geboren 1957, studierte Biologie, Psychologie, Literaturwissenschaft und Pädagogik an der Universität Bremen. Von 1990 bis 2000 lehrte er dort Germanistik, Psychologie, Pädagogik, Kunst und Kulturwissenschaft sowie Arbeits- und Gesundheitswissenschaften. Von 2001-2006 unterrichtete er Theorie und Geschichte der Visuellen Kommunikation an der Bauhaus-Universität Weimar. 2007 bis 2011 war er Gastprofessor an der Bundesuniversität des Staates Rio de Janeiro (Unirio) und an anderen Universitäten in Brasilien, unter anderem auch am Design-Institut ESDI der UERJ. Ab 2012 ist er Professor für deutsche Literatur und Sprache an der Bundesuniversität von Rio de Janeiro (UFRJ). Publikationen über Design, Neue Mythologie, Kritische Theorie, Postmoderne, Rechtsradikalismus, Bildungstheorie und Neue Medien. Sein jüngstes Buch: »Vom Blickwispern der Dinge. Sprache, Erinnerung und Ästhetik bei Walter Benjamin.« Vorlesungen in Rio de Janeiro 2007, Würzburg: K&N 2010. Er war von 2001-2006 Herausgeber des Jahrbuches der Fakultät Gestaltung an der Bauhaus Universität Weimar und ist Mitherausgeber der »Zeitschrift für Kritische Theorie« im Zu Klampen Verlag, Lüneburg (zusammen mit Sven Kramer und Gerhard Schweppenhäuser).

Regression des Hörens

Modelle einer kritischen Theorie der Musik

Tagesseminar mit Martin Dornis – 23.10.2011, ACC Galerie Weimar, Burplatz 1-2 – Beginn: 11:00 Uhr

Eine materialistische Gesellschaftslehre hat ihr Zentrum in einer Kritik der Musik. Es geht dabei nicht um die Anwendung materialistischer Postulate auf das Gebiet der Musik, sondern darum, diese Kritik aus einer Auseinandersetzung mit der Musik zu entfalten. Die entscheidenden theoretischen Zusammenhänge dazu sind bereits von Horkheimer und Adorno in der »Dialektik der Aufklärung« formuliert. Mit der Etablierung der Herrschaft von Menschen über Menschen und der Ausbeutung von Menschen durch Menschen wird einerseits der verzaubernde, an Befreiung und Versöhnung erinnerde »Klang der Sirenen« aus der gesellschaftlichen Praxis verbannt und dabei die Kunst im allgemeinen, die Musik im speziellen zu einer autonomen, von der Praxis getrennten und gerade dadurch mit ihr verbundenen Sphäre begründet. Die Herausbildung einer autonomen Musik ist in einem das Aussprechen der Herrschaft wie die Kritik an ihr. In der Geschichte der Musik spiegelt sich die Geschichte der Menschheit, verstanden als eine Dialektik der Aufklärung. Paradigmatisch formulierte diesen Zusammenhang der Musikphilosoph und Komponist neuer, radikaler Musik Dieter Schnebel: »Was zu sehen ist, liegt zutage. Das Ohr ist das Organ der Nacht. Hören geschieht im Ablauf der Zeit, ist vergänglich.« Das sinnlich-praktische Verhältnis des Menschen zur Natur bricht unter den Bedingungen von Herrschaft und Ausbeutung in Sehen und Hören auseinander. Während sich im Sehen im alltäglichen, wissenschaftlichen und künstlerischen Umgang mit der Gesellschaft, die heute immer auch Natur ist und der Natur, die heute stets auch Gesellschaft ist, das Moment der Verdinglichung auskristallisiert, kommt im Hören das von der gesellschaftlichen Praxis abgeschobene zum Ausdruck. Die Musik wird damit zum Kulminationspunkt sowohl von Momenten der Befreiung der Menschheit vom universellen Bann des Werts, eines »Eingedenkens der Natur im Subjekt« als auch der regressiven Verschmelzung der Menschen mit der von ihnen selbst geschaffenen Herrschaft im Spätkapitalismus und besonders im Nazifaschismus. Dies ist Grund genug für die Auseinandersetzung mit einer kritischen Theorie der Musik und des Hörens. Im Seminar sollen Texte der Musikphilosophie Adornos diskutiert und anhand der Beschäftigung mit Musikstücken nachvollzogen werden.

  • wir bitten um eine kurze Anmeldung über das Kontaktformular
  • neben dem TeilnehmerInnenbeitrag (3 € / 2 € ermäßigt) solltet ihr eine Spende für das Mittagessen und Getränke bereithalten
  • falls ihr von außerhalb kommt, können wir uns gern um Übernachtungsmöglichkeiten kümmern – bitte nehmt hierzu kurz Kontakt zu uns auf
  • das Seminar ist organisiert als eine Kooperation von Bildungskollektiv BiKo e.V., ACC Galerie Weimar und Arbeit und Leben Erfurt
  • Zur Theorie einer materialistischen Imageologie

    Bildlichkeit und Sehen in der Gesellschaft des Spektakels

    Christopher Zwi – 27.10.2011, 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar, Burgplatz 1

    In der Mitte des finsteren 20.Jahrhunderts forschte die kritische Theorie Adornos und Horkheimers nach den Ursachen für den gesellschaftlichen Bann der Verblendung. Die »Dialektik der Aufklärung« schliesst in dem letzten philosophischen Fragment »Zur Genese der Dummheit« mit einem Bild für »alles Lebendige«: »Das Fühlhorn der Schnecke ›mit dem tastenden Gesicht‹« steht hier zugleich als Wahrzeichen der menschlichen Intelligenz und des ihr einmal zugefügten Schmerzes einer Verletzung der sinnlich-neugierigen Entdeckungslust. Die gewaltsam beendete Einheit von Tasten, Riechen und Sehen mittels dieses Organs wird zum Urbild des Wundmals, wo die Lust an der sinnlich-praktischen Tätigkeit und am theoretischen Sinn durch gesellschaftliche Eigentumsschranken, Klassenverhältnisse und Machtinteressen zerstört wird. Die zurückbleibende Narbe markiert zweierlei: zum einen den in der Gattungsgeschichte geborgenen Erfahrungsreichtum, zum anderen das Umschlagen von Geschichte in einen verdinglichten Prozess, der sich gegen die Möglichkeiten des gesellschaftlichen Individuums richtet. An diesem wunden Punkt schlagen Wissbegierde und Neugier in Dummheit, Idiosynkrasie, Bosheit und Fanatismus um – in die verheerenden, mörderischen Folgen der Verblendung.

    Die Geschichte dieser Verheerung ist ein Prozess der Ausdifferenzierung und der Verarmung der Sinne zugleich: die anderen menschlichen Sinne werden vom Gesichtssinn getrennt, das Gesicht wird auf das Sehen eingeschränkt und der Sehsinn wird durch die gesellschaftlichen Verhältnisse selbst noch verblendet. So reproduziert sich diese Gesellschaft als Ganzes blind, sie verbietet es sich selbst, ihre Form vernünftig zu reflektieren und in der Undurchsichtigkeit aller Verhältnisse und Beziehungen fixiert sie ihre Mitglieder in der Haltung der bloßen, ohnmächtigen Kontemplation. Das scheinbare Schicksal dieser widersprüchlichen Gesellschaftsform der Trennungen wurde in dem Vierteljahrhundert nach Erscheinen der »Dialektik der Aufklärung« zum Leitthema der kritischen Theorie der Situationisten. Die Situationistische Internationale (1957-1972) entwickelte erstmals eine communistische Kritik der »Gesellschaft des Spektakels«: in ihr spiegelt sich die wirkliche Welt des materiellen Lebensprozesses als »der getreue Widerschein der Produktion der Dinge« und als Selbstzweck der Produktion von Waren-Bildern und Bilder-Waren. Das Spektakel als Ganzes ist »das Kapital, das einen derartigen Akkumulationsgrad erreicht hat, dass es Bild wird«. Das bloße Anblicken des Erlebten im ununterbrochenen Bilderlauf des Nichtlebens und der normierten herrschenden Modell-Bedürfnisse verdinglicht und entfremdet die Geschichte – gerade auch die der Entwicklung der menschlichen Sinne – den Produzierenden und Konsumierenden. Es enteignet sie ihrer Gesten und Gestaltungsmöglichkeiten, verblendet ihre Wahrnehmung der historisch-materiellen Realität und macht sie dumm und stumm. So, wie die sogenannte Kommunikationsgesellschaft »das Gegenteil des Dialogs« zwischen den gezwungenermaßen assoziierten und fremdbestimmt arbeitenden Menschen ist, so ist die Gesellschaft der Zuschauenden tendenziell die der Blinden.

    »Das Spektakel als Tendenz, durch verschiedene spezialisierte Vermittlungen die nicht mehr unmittelbar greifbare Welt zur Schau zu stellen, findet normalerweise im Sehen den bevorzugten menschlichen Sinn, der zu anderen Zeiten der Tastsinn war; der abstrakteste und mystifizierbarste Sinn entspricht der verallgemeinerten Abstraktion der heutigen Gesellschaft.« Die kapitalistische »Realabstraktion« drückt sich in einer Ideologie und Praxis der Menschen aus, die »das konkrete Leben aller … zu einem spekulativen Universum degradiert hat«. Die situationistische Kritik versucht durch ihre Wendung zur Praxis die philosophische Kurzsichtigkeit der europäischen Dialektik zu überwinden, die »in einem von den Kategorien des Sehens beherrschten Begreifen der Tätigkeit bestand«. Das dialektische Denken soll jedoch das Erbe dieser isolierten Reflexionstätigkeit aufheben und nicht hinterschreiten – dieser Anspruch ist dem Begriff des Spektakels eingeschrieben: Nicht nur ist speculum das lateinische Wort für Spiegel, sondern auch die »gespenstische Gegenständlichkeit« und das »sinnlich Übersinnliche« – das die Wert- und Warenform kennzeichnet – wird mit »Spektakel« bewusst evoziert. Als den wesentlichen Vorgang des Warenfetischismus bezeichnet Marx die Tätigkeit des wider- bzw. zurück-Spiegelns.

    Wir müssen deshalb bei einer erneuten Überprüfung der situationistischen Spektakeltheorie vor allem nach dem kritischen Gehalt dieser besonderen Form von »Bild« fragen – dem Spiegel-Bild. Wie verhält sich die sinnliche Wahrnehmung und Tätigkeit der Menschen in der modernen Gesellschaft zum Sehen ihres gegenständlichen Wesens und zu dessen Darstellen im Spiegeln, im mimetischen Bilden? »Die Bildung der 5 Sinne ist eine Arbeit der ganzen bisherigen Weltgeschichte.« (Marx) Doch in ihrem bisherigen Resultat hat sich »das Prinzip des Warenfetischismus … absolut im Spektakel vollendet, worin die sinnliche Welt durch eine über ihr schwebende Auswahl von Bildern ersetzt wird, die sich zugleich als das Sinnliche schlechthin hat anerkennen lassen.« Wie hängt die gesellschaftliche Privilegierung und Bornierung des Seh-Sinnes mit der Verfinsterung der Geschichte zusammen? Wie, warum und wodurch entsteht gesellschaftliche Verblendung, und wie kann auch aus der Blindheit heraus die sinnlich menschliche Tätigkeit praktisch und theoretisch re-organisiert werden? Mit der Begründung der Kritik der »Gesellschaft des Spektakels« stellt sich materialistisch historisch die Aufgabe, Sehvermögen und Blindheit in ihrer Funktion bei der Bildung aller Sinne dialektisch auseinander zu erklären, um »die Gesellschaft des Bildes in ihrer ganzen Tiefe zu begreifen. Die Wahrheit dieser Gesellschaft ist nichts anderes als die Negation dieser Gesellschaft.«

    Roger Behrens: Schöner wohnen nach der Stadt

    Drei Reflexionen über das richtige Leben im falschen

    [Zuerst veröffentlicht in der Zeitschrift Florida – Beiträge für das Leben nach der Stadt]

    Asyl für Obdachlose

    »Ich höre schon
    des Dorfs Getümmel,
    Hier ist des Volkes
    wahrer Himmel,
    Zufrieden jauchzet
    groß und klein:
    Hier bin ich Mensch,
    hier darf ich’s sein!«

    Goethe, ›Faust I‹

    Der berühmte Schlusssatz des Osterspaziergangs ist auch als »Wallsticker« bzw. »Wandtattoo«, Größe 25 × 50 cm, zu kaufen …

    »Es gibt kein richtiges Leben im falschen.«1 – Das falsche Leben, in dem es kein richtiges gibt, hat einen Ort: es ist die Wohnung, die moderne Behausung, die Stadt. Adorno beschließt mit diesem, mittlerweile als Leitspruch kritischer Theorie akzeptieren Satz einen Aphorismus aus den ›Minima Moralia‹, der sich auf das Alltagsleben und seinen »Schauplatz« richtet: »Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen«,2 heißt es beinahe lapidar, und Adorno fährt in seiner »Reflexion aus dem beschädigten Leben« fort: »Die traditionellen Wohnungen, in denen wir groß geworden sind, haben etwas Unerträgliches angenommen: jeder Zug des Behagens darin ist mit Verrat an der Erkenntnis, jede Spur der Geborgenheit mit der muffigen Interessengemeinschaft der Familie bezahlt. Die neusachlichen, die tabula rasa gemacht haben, sind von Sachverständigen für Banausen angefertigte Etuis, oder Fabrikstätten, die sich in die Konsumsphäre verirrt haben, ohne alle Beziehung zum Bewohner: noch der Sehnsucht nach unabhängiger Existenz, die es ohnehin nicht mehr gibt, schlagen sie ins Gesicht.«3

    Auch das gehört zu den Widersprüchen der Stadt als soziales Verhältnis: dass Wohnen nicht auf die Wohnung begrenzt bleibt, und der Mensch auch außerhalb der Wohnung in der Stadt wohnt. Den Hinweis darauf gibt Adorno mit seinem Aphorismus durch den Titel: ›Asyl für Obdachlose‹ lautet die Überschrift, die er sich von seinem Freund und Lehrer Siegfried Kracauer geborgt hat. Kracauer hat die Formulierung für einen seiner Essays über ›Die Angestellten‹ gewählt, mit Anspielung auf Georg Lukács’ ›Theorie des Romans‹4. Obdachlosigkeit erscheint als originäres Phänomen des Stadtlebens, betrifft die »Masse der Angestellten«, von der Kracauer handelt, inmitten des städtisch-konsumistischen Wohlstands der fordistischen Gesellschaft der Goldenen Zwanziger. Diese Masse lebt geistig auf der Straße, denn »das Haus der bürgerlichen Begriffe und Gefühle, das sie bewohnt hat, ist eingestürzt.«5 Unter ihrem »Zuhause ist übrigens außer der Wohnung auch der Alltag zu verstehen, den die Inserate der Angestellten-Zeitschriften umreißen.«6vUnterschlupf finden sie in den Architekturen, die es ihnen erlauben, »im Glanz und in der Zerstreuung zu leben«.7 Dazu gehören die Kaufhäuser und die »gigantischen Lokale« (»Asyle im wörtlichen Sinne«), schließlich alle Angebote des städtischen Freizeitvergnügens, zuletzt der Lunapark8: »Unter dem Druck der herrschenden Gesellschaft werden sie zu Obdachlosenasylen in übertragenem Sinn. Außer ihrem eigentlichen Zweck erhalten sie noch den andern, die Angestellten an den der Oberschicht erwünschten Ort zu bannen und sie von kritischen Fragen abzulenken, zu denen sie im übrigen ja auch kaum einen starken Zug verspüren.«9 (mehr…)

    Silke Kapp – Abenteuer der Körper in ungemütlichen Städten

    [Zuerst veröffentlicht in der Zeitschrift Florida – Beiträge für das Leben nach der Stadt]

    Sieht man sich die Architekturtheorie der letzten Jahrhunderte an, scheinen zwei Merkmale recht deutlich: erstens, dass die Beziehung von Dingen und Räumen zum menschlichen Körper immer stärker durch technische Normen – der Mechanik, der Ergonomie oder der Hygiene – bestimmt wurde; und zweitens, dass die Erweiterungen dieser Perspektive sich fast ausschließlich auf die visuelle Erfahrung beziehen. Sowohl die alte Konsonanz zwischen den Maßen des Körpers, den Maßen des Kosmos und denen der Architektur wurde vergessen, als auch das Bewusstsein, dass Architektur den menschlichen Körper anders ansprechen kann als durch jenen Zustand, den wir als ›bequem‹ empfinden. Diese Rückbildung der körperlichen Dimension wird durch eine wachsende Emphase der intellektuellen Dimension wettgemacht: Sinn, Inhalt und sogar ästhetische Erfahrung einer immer bequemeren, angepassteren, zweckmäßigeren Architektur richten sich an den Intellekt, vermittelt durchs Auge. Die Tendenz steht einer philosophischen Ästhetik nahe, die vom Leib abstrahiert, sich auf »interesseloses Wohlgefallen« (Kant) konzentriert und »kulinarischen Genuss« (Adorno) ausschließt. Aus dieser Perspektive erscheint die neuere Rede von der Immaterialität und der Virtualisierung nur als der Höhepunkt eines langen Prozesses.

    Ziel dieses Textes ist zunächst eine Reflexion über die architektonischen Voraussetzungen der Zweckmäßigkeit, der Bequemlichkeit, der Anpassung. Brennpunkt ist dabei die Möglichkeit der Unruhe, der Disharmonie, die Möglichkeit eines Auswegs aus der Lethargie, der Betäubung, der Apathie im Bezug auf architektonischen und städtischen Raum. Als Beispiel sollen uns schließlich einige Aspekte der Geschichte und der heutigen Situation der brasilianischen Großstadt Belo Horizonte dienen. (mehr…)



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